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Full text of "Gesammelte Schriften XI Schriften aus den Jahren 1923 - 1926.Vermischte Schriften."

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SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 

XI 



GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



ELFTER BAND 

SCHRIFTEN AUS DEN 
JAHREN 1923 BIS 1928 

VERMISCHTE SCHRIFTEN 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG /WIEN / ZÜRICH 



Die Herausgabe dieses Bandes b 



unter Mitwirkung des Verfassers 
Anna Freud und A. J. Storfer 



esorgten 



vorbehalten 



Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, 

Copyright 19 ,8 by „Interna ona l er Psychoanalytische 
Verlag, Ges. m. h. H.", Wien 



Druck: Christoph Rei SS er' 5 Söhne, Wien V 



SCHRIFTEN AUS DEN 
JAHREN 1925-1926 



In du^ser Abteilung „Schriften aus den Jahren 1923-1926" erscheinen jene 
Arbeiten vereinigt, die seit Beginn der Herausgabe dieser „Gesammelten 
Schriften , d. 1. von Ende l 9 2ß bis Beginn der Drucklegung dieses XL Bandes, 
d. 1. bis Frühjahr 1926, veröffentlicht worden sind, mit Ausnahme jener unter 
ihnen, die während des Druckes in einzelne der vorigen Bände 
noch eingereiht werden konnten. 



DIE VERNEINUNG 

Erschien zuerst in „Imago", Bd. XI 
(192s), Heft 3. 

Die Art, wie unsere Patienten ihre Einfälle während der analyti- 
schen Arbeit vorbringen, gibt uns Anlaß zu einigen interessanten 
Beobachtungen. „Sie werden jetzt denken, ich will etwas Beleidi- 
gendes sagen, aber ich habe wirklich nicht diese Absicht." Wir 
verstehen, das ist die Abweisung eines eben auftauchenden Einfalles 
durch Projektion. Oder „Sie fragen, wer diese Person im Tr aum 
sein kann. Die Mutter ist es nicht." Wir berichtigen: Also ist 
es die Mutter. Wir nehmen uns die Freiheit, bei der Deutung 
von der Verneinung abzusehen und den reinen Inhalt des Einfalls 
herauszugreifen. Es ist so, als ob der Patient gesagt hätte: „Mir 
ist zwar die Mutter zu dieser Person eingefallen, aber ich habe 
keine Lust, diesen Einfall gelten zu lassen." 

Gelegentlich kann man sich eine gesuchte Aufklärung über das 
unbewußte Verdrängte auf eine sehr bequeme Weise verschaffen. 
Man fragt: Was halten Sie wohl für das Allerun wahrscheinlichste 
in jener Situation? Was, meinen Sie, ist Ihnen damals am fernsten 
gelegen? Geht der Patient in die Falle und nennt das, woran er 
am wenigsten glauben kann, so hat er damit fast immer das 
Richtige zugestanden. Ein hübsches Gegenstück zu diesem Versuch 
stellt sich oft beim Zwangsneurotiker her, der bereits in das Ver- 
ständnis seiner Symptome eingeführt worden ist. „Ich habe eine 



Schriften aus den Jahren I<)2} — 1926 



nach Bedürfnis bemächtigen kann. Um diesen Fortschritt zu ver- 
stehen, muß man sich daran erinnern, daß alle Vorstellungen von 
Wahrnehmungen stammen, Wiederholungen derselben sind. Ur- 
sprünglich ist also schon die Existenz der Vorstellung eine Bürg- 
schaft für die Realität des Vorgestellten. Der Gegensatz zwischen 
Subjektivem und Objektivem besteht nicht von Anfang an. Er 
stellt sich erst dadurch her, daß das Denken die Fähigkeit besitzt, 
etwas einmal Wahrgenommenes durch Reproduktion in der Vor- 
stellung wieder gegenwärtig zu machen, während das Objekt 
draußen nicht mehr vorhanden zu sein braucht. Der erste und 
nächste Zweck der Realitätsprüfung ist also nicht, ein dem Vor- 
gestellten entsprechendes Objekt in der realen Wahrnehmung zu 
finden, sondern es wiederzufinden, sich zu überzeugen, daß es 
noch vorhanden ist. Ein weiterer Beitrag zur Entfremdung zwischen 
dem Subjektiven und dem Objektiven rührt von einer anderen 
Fähigkeit des Denkvermögens her. Die Reproduktion der Wahr- 
nehmung in der Vorstellung ist nicht immer deren getreue Wieder- 
holung; sie kann durch Weglassungen modifiziert, durch Ver- 
schmelzungen verschiedener Elemente verändert sein. Die Reali- 
tätsprüfung hat dann zu kontrollieren, wie weit diese Entstellun- 
gen reichen. Man erkennt aber als Bedingung für die Einsetzung 
der Realitätsprüfung, daß Objekte verloren gegangen sind, die einst 
reale Befriedigung gebracht hatten. 

Das Urteilen ist die intellektuelle Aktion, die über die Wahl 
der motorischen Aktion entscheidet, dem Denkaufschub ein Ende 
setzt und vom Denken zum Handeln überleitet. Auch über den 
Denkaufschub habe ich bereits an anderer Stelle gehandelt. Er ist 
als eine Probeaktion zu betrachten, ein motorisches Tasten mit 
geringen Abfuhraufwänden. Besinnen wir uns: wo hatte das Ich 
ein solches Tasten vorher geübt, an welcher Steile die Technik 
erlernt, die es jetzt bei den Denkvorgängen anwendet? Dies 
geschah am sensorischen Ende des seelischen Apparats, bei den 
Sinneswahrnehmungen. Nach unserer Annahme ist ja die Wahr- 



Die Verneinung 



nehmung kein rein passiver Vorgang, sondern das Ich schickt 
periodisch kleine Besetzungsmengen in das Wahrnehmungssystem, 
mittels deren es die äußeren Reize verkostet, um sich nach jedem 
solchen tastenden Vorstoß wieder zurückzuziehen. 

Das Studium des Urteils eröffnet uns vielleicht zum erstenmal 
die Einsicht in die Entstehung einer intellektuellen Funktion aus 
dem Spiel der primären Triebregungen. Das Urteilen ist die zweck- 
mäßige Fortentwicklung der ursprünglich nach dem Lustprinzip 
erfolgten Einbeziehung ins Ich oder Ausstoßung aus dem Ich. 
Seine Polarität scheint der Gegensätzlichkeit der beiden von uns 
angenommenen Triebgruppen zu entsprechen. Die Bejahung — 
als Ersatz der Vereinigung — gehört dem Eros an, die Ver- 
neinung — Nachfolge der Ausstoßung — dem Destruktionstrieb. 
Die allgemeine Verneinungslust, der Negativismus mancher Psycho- 
tiker ist wahrscheinlich als Anzeichen der Triebentmischung durch 
Abzug der libidinösen Komponenten zu verstehen. Die Leistung 
der Urteilsfunktion wird aber erst dadurch ermöglicht, daß die 
Schöpfung des Verneinungssymbols dem Denken einen ersten Grad 
von Unabhängigkeit von den Erfolgen der Verdrängung und somit 
auch vom Zwang des Lustprinzips gestattet hat. 

Zu dieser Auffassung der Verneinung stimmt es sehr gut, daß 
man in der Analyse kein „Nein" aus dem Unbewußten auffindet, 
und daß die Anerkennung des Unbewußten von seiten des Ichs 
sich in einer negativen Formel ausdrückt. Kein stärkerer Beweis 
für die gelungene Aufdeckung des Unbewußten, als wenn der 
Analysierte mit dem Satze: Das habe ich nicht gedacht, oder: 
Daran habe ich nicht (nie) gedacht, darauf reagiert. 



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EINIGE PSYCHISCHE FOLGEN DES 
ANATOMISCHEN GESCHLECHTS- 
UNTERSCHIEDS 

Zuerst erschienen in der „Internationalen 
Zeitschrift für Psychoanalyse", XL Bd., Ip2f. 

Meine und meiner Schüler Arbeiten vertreten mit stetig wachsender 
Entschiedenheit die Forderung, daß die Analyse der Neurotiker auch 
die erste Kindheitsperiode, die Zeit der Frühblüte des Sexuallebens 
durchdringen müsse. Nur wenn man die ersten Äußerungen der 
mitgebrachten Triebkonstitution und die Wirkungen der frühesten 
Lebenseindrücke erforscht, kann man die Triebkräfte der späteren 
Neurose richtig erkennen und ist gesichert gegen die Irrtümer 
zu denen man durch die Umbildungen und Überlagerungen der 
Reifezeit verlockt würde. Diese Forderung ist nicht nur theoretisch 
bedeutsam, sie hat auch praktische Wichtigkeit, denn sie scheidet 
unsere Bemühungen von der Arbeit solcher Ärzte, die, nur thera- 
peutisch orientiert, sich eine Strecke weit analytischer Methoden 
bedienen. Solch eine Frühzeitanalyse ist langwierig, mühselig und 
stellt Ansprüche an Arzt und Patient, deren Erfüllung die Praxis 
nicht immer entgegenkommt. Sie führt ferner in Dunkelheiten, 
durch welche uns noch immer die Wegweiser fehlen. Ja, ich meine, 
man darf den Analytikern die Versicherung geben, daß ihrer wissen- 
schaftlichen Arbeit die Gefahr, mechanisiert und damit uninteressant 
zu werden, auch für die nächsten Jahrzehnte nicht droht. 






Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds 9 



Im folgenden teile ich ein Ergebnis der analytischen Forschung 
mit, das sehr wichtig wäre, wenn es sich als allgemein gültig 
erweisen ließe. Warum schiebe ich die Veröffentlichung nicht auf, 
bis mir eine reichere Erfahrung diesen Nachweis, wenn er zu er- 
bringen ist, geliefert hat? Weil in meinen Arbeitsbedingungen eine 
Veränderung eingetreten ist, deren Folgen ich nicht verleugnen 
kann. Früher einmal gehörte ich nicht zu denen, die eine ver- 
meintliche Neuheit nicht eine Weile bei sich behalten können, bis 
sie Bekräftigung oder Berichtigung gefunden hat. Die „Traum- 
deutung" und das „Bruchstück einer Hysterieanalyse" (der Fall 
Dora) sind, wenn nicht durch neun Jahre nach dem Horazischen 
Rezept, so doch durch vier bis fünf Jahre von mir unterdrückt 
worden, ehe ich sie der Öffentlichkeit preisgab. Aber damals dehnte 
sich die Zeit unabsehbar vor mir aus — oceans of time, wie ein 
liebenswürdiger Dichter sagt — und das Material strömte mir so 
reichlich zu, daß ich mich der Erfahrungen kaum erwehren konnte. 
Auch war ich der einzige Arbeiter auf einem neuen Gebiet, meine 
Zurückhaltung brachte mir keine Gefahr und anderen keinen 
Schaden. 

Das ist nun alles anders geworden. Die Zeit vor mir ist begrenzt, 
sie wird nicht mehr vollständig von der Arbeit ausgenützt; die 
Gelegenheiten, neue Erfahrungen zu machen, kommen also nicht 
so reichlich. Wenn ich etwas Neues zu sehen glaube, bleibt es 
mir unsicher, ob ich die Bestätigung abwarten kann. Auch ist 
alles bereits abgeschöpft, was an der Oberfläche dahintrieb; das 
übrige muß in langsamer Bemühung aus der Tiefe geholt werden. 
Endlich bin ich nicht mehr allein, eine Schar von eifrigen Mit- 
arbeitern ist bereit, sich auch das Unfertige, unsicher Erkannte 
zunutze zu machen, ich darf ihnen den Anteil der Arbeit über- 
lassen den ich sonst selbst besorgt hätte. So fühle ich mich ge- 
rechtfertigt, diesmal etwas mitzuteilen, was dringend der Nach- 
prüfung bedarf, ehe es in seinem Wert oder Unwert erkannt werden 
kann. 



io Schriften aus den Jahren I<)2) — IJ26 



Wenn wir die ersten psychischen Gestaltungen des Sexuallebens 
beim Kinde untersuchten, nahmen wir regelmäßig das männliche 
Kind, den kleinen Knaben, zum Objekt. Beim kleinen Mädchen, 
meinten wir, müsse es ähnlich zugehen, aber doch in irgendeiner 
Weise anders. An welcher Stelle des Entwicklungsganges diese 
Verschiedenheit zu finden ist, das wollte sich nicht klar ergeben. 

Die Situation des Ödipus- Komplexes ist die erste Station, die 
wir beim Knaben mit Sicherheit erkennen. Sie ist uns leicht ver- 
ständlich, weil in ihr das Kind an demselben Objekt festhält, das 
es bereits in der vorhergehenden Säuglings- und Pflegeperiode mit 
seiner noch nicht genitalen Libido besetzt hatte. Auch daß es dabei 
den Vater als störenden Rivalen empfindet, den es beseitigen und 
ersetzen möchte, leitet sich glatt aus den realen Verhältnissen ab. 
Daß die Ödipus-Einstellung des Knaben der phallischen Phase an- 
gehört und an der Kastrationsangst, also am narzißtischen Interesse 
für das Genitale, zugrunde geht, habe ich an anderer Stelle 1 aus- 
geführt. Eine Erschwerung des Verständnisses ergibt sich aus der 
Komplikation, daß der Ödipus-Komplex selbst beim Knaben doppel- 
sinnig angelegt ist, aktiv und passiv, der bisexuellen Anlage ent- 
sprechend. Der Knabe will auch als Liebesobjekt des Vaters die 
Mutter ersetzen, was wir als feminine Einstellung bezeichnen. 

An der Vorgeschichte des Ödipus-Komplexes beim Knaben ist 
uns noch lange nicht alles klar. Wir kennen aus ihr eine Identi- 
fizierung mit dem Vater zärtlicher Natur, welcher der Sinn der 
Rivalität bei der Mutter noch abgeht. Ein anderes Element dieser 
Vorzeit ist die, wie ich meine, nie ausbleibende masturbatorische 
Betätigung am Genitale, die frühkindliche Onanie, deren mehr 
oder minder gewalttätige Unterdrückung von seiten der Pflege- 
personen den Kastrationskomplex aktiviert. Wir nehmen an, daß 
diese Onanie am Ödipus-Komplex hängt und die Abfuhr seiner 
Sexualerregung bedeutet. Ob sie von Anfang an diese Beziehung 



1) Der Untergang; des Ödipuskomplexes. [Bd. V dieser Gesamtausgabe.] 



Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds 1 1 

hat oder nicht vielmehr spontan als Organbetätigung auftritt und 
erst später den Anschluß an den Ödipuskomplex gewinnt, ist un- 
sicher; die letztere Möglichkeit ist die weitaus wahrscheinlichere. 
Fraglich ist auch noch die Rolle des Bettnässens und seiner Ab- 
gewöhnung durch die Eingriffe der Erziehung. Wir bevorzugen die 
einfache Synthese, das fortgesetzte Bettnässen sei der Erfolg der 
Onanie, seine Unterdrückung werde vom Knaben wie eine Hemmung 
der Genitaltätigkeit, also im Sinne einer Kastrationsdrohung ge- 
wertet, aber ob wir damit jedesmal recht haben, steht dahin. End- 
lich läßt uns die Analyse schattenhaft erkennen, wie eine Belau- 
schung des elterlichen Koitus in sehr früher Kinderzeit die erste 
sexuelle Erregung setzen und durch ihre nachträglichen Wirkungen 
der Ausgangspunkt für die ganze Sexualentwicklung werden kann. 
Die Onanie sowie die beiden Einstellungen des Ödipus-Komplexes 
knüpfen späterhin an den in der Folge gedeuteten Eindruck an. 
Allein wir können nicht annehmen, daß solche Koitusbeobachtungen 
ein regelmäßiges Vorkommnis sind, und stoßen hier mit dem Problem 
der „Urphantasien" zusammen. So vieles ist also auch in der Vor- 
geschichte des Ödipus-Komplexes beim Knaben noch ungeklärt, harrt 
der Sichtung und der Entscheidung, ob immer der nämliche Her- 
gang anzunehmen ist, oder ob nicht sehr verschiedenartige Vor- 
stadien zum Treffpunkt der gleichen Endsituation führen. 

Der Ödipus-Komplex des kleinen Mädchens birgt ein Problem 
mehr als der des Knaben. Die Mutter war anfänglich beiden das 
erste Objekt, wir haben uns nicht zu verwundern, wenn der Knabe 
es für den Ödipus-Komplex beibehält. Aber wie kommt das Mädchen 
dazu, es aufzugeben und dafür den Vater zum Objekt zu nehmen? 
In der Verfolgung dieser Frage habe ich einige Feststellungen 
machen können, die gerade auf die Vorgeschichte der Ödipus- 
Relation beim Mädchen Licht werfen können. 

Jeder Analytiker hat die Frauen kennengelernt, die mit be- 
sonderer Intensität und Zähigkeit an ihrer Vaterbindung festhalten 
und an dem Wunsch, vom Vater ein Kind zu bekommen, in dem 



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12 



Schriften aus den Jahren 192} — 1926 



diese gipfelt. Man hat guten Grund anzunehmen, daß diese Wunsch- 
phantasie auch die Triebkraft ihrer infantilen Onanie war, und 
gewinnt leicht den Eindruck, hier vor einer elementaren, nicht 
weiter auflösbaren Tatsache des kindlichen Sexuallebens zu stehen. 
Eingehende Analyse gerade dieser Fälle zeigt aber etwas anderes, 
nämlich daß der Ödipus-Komplex hier eine lange Vorgeschichte 
hat und eine gewissermaßen sekundäre Bildung ist. 

Nach einer Bemerkung des alten Kinderarztes Lindner 1 ent- 
deckt das Kind die lustspendende Genitalzone — Penis oder Klitoris — 
während des Wonnesaugens (Lutschens). Ich will es dahingestellt 
sein lassen, ob das Kind diese neugewonnene Lustquelle wirklich 
zum Ersatz für die kürzlich verlorene Brustwarze der Mutter 
nimmt, worauf spätere Phantasien (Fellatio) deuten mögen. Kurz, 
die Genitalzone wird irgendeinmal entdeckt und es scheint un- 
berechtigt, den ersten Betätigungen an ihr einen psychischen Inhalt 
unterzulegen. Der nächste Schritt in der so beginnenden phallischen 
Phase ist aber nicht die Verknüpfung dieser Onanie mit den Objekt- 
besetzungen des Odipus-Komplexes, sondern eine folgenschwere Ent- 
deckung, die dem kleinen Mädchen beschieden ist. Es bemerkt 
den auffällig sichtbaren, groß angelegten Penis eines Bruders oder 
Gespielen, erkennt ihn sofort als überlegenes Gegenstück seines 
eigenen, kleinen und versteckten Organs und ist von da an dem 
Penisneid verfallen. 

Ein interessanter Gegensatz im Verhalten der beiden Geschlechter: 
Im analogen Falle, wenn der kleine Knabe die Genitalgegend des 
Mädchens zuerst erblickt, benimmt er sich unschlüssig, zunächst 
wenig interessiert $ er sieht nichts, oder er verleugnet seine Wahr- 
nehmung, schwächt sie ab, sucht nach Auskünften, um sie mit 
seiner Erwartung in Einklang zu bringen. Erst später, wenn eine 
Kastrationsdrohung auf ihn Einfluß gewonnen hat, wird diese Be- 
obachtung für ihn bedeutungsvoll werden; ihre Erinnerung oder 

1) Siehe: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (Bd. V dieser Gesamtausgabe.) 









Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds 15 



Erneuerung regt einen fürchterlichen Affektsturm in ihm an und 
unterwirft ihn dem Glauben an die Wirklichkeit der bisher ver- 
lachten Androhung. Zwei Reaktionen werden aus diesem Zusammen- 
treffen hervorgehen, die sich fixieren können und dann jede einzeln 
oder beide vereint oder zusammen mit anderen Momenten sein 
Verhältnis zum Weib dauernd bestimmen werden: Abscheu vor 
dem verstümmelten Geschöpf oder triumphierende Geringschätzung 
desselben. Aber diese Entwicklungen gehören einer, wenn auch 
nicht weit entfernten Zukunft an. 

Anders das kleine Mädchen. Sie ist im Nu fertig mit ihrem 
Urteil und ihrem Entschluß. Sie hat es gesehen, weiß, daß sie 
es nicht hat, und will es haben. 1 

An dieser Stelle zweigt der sogenannte Männlichkeitskomplex 
des Weibes ab, welcher der vorgezeichneten Entwicklung zur 
Weiblichkeit eventuell große Schwierigkeiten bereiten wird, wenn 
es nicht gelingt, ihn bald zu überwinden. Die Hoffnung, doch 
noch einmal einen Penis zu bekommen und dadurch dem Manne 
gleich zu werden, kann sich bis in unwahrscheinlich späte Zeiten 
erhalten und zum Motiv für sonderbare, sonst unverständliche 
Handlungen werden. Oder es tritt der Vorgang ein, den ich als 
Verleugnung bezeichnen möchte, der im kindlichen Seelenleben 
weder selten noch sehr gefährlich zu sein scheint, der aber beim 
Erwachsenen eine Psychose einleiten würde. Das Mädchen ver- 
weigert es, die Tatsache ihrer Kastration anzunehmen, versteift 
sich in der Überzeugung, daß sie doch einen Penis besitzt, und 
ist gezwungen, sich in der Folge so zu benehmen, als ob sie ein 
Mann wäre. 



1) Hier ist der Anlaß, eine Behauptung zu berichtigen, die ich vor Jahren auf- 
gestellt habe. Ich meinte, das Sexualinteresse der Kinder werde nicht wie das der 
Heranreifenden durch den Geschlechtsunterschied geweckt, sondern entzünde sich an 
dem Problem, woher die Kinder kommen. Das trifft also wenigstens für das Mädchen 
gewiß nicht zu. Beim Knaben wird es wohl das eine Mal so, das andere Mal anders 
zugehen können, oder bei beiden Geschlechtern werden die zufälligen Anlässe des 
Lebens darüber entscheiden. 



*4 Schriften aus den Jahren I<)2) — i y 26 



Die psychischen Folgen des Penisneides, so weit er nicht in 
der Reaktionsbildung des Männlichkeitskomplexes aufgeht, sind 
vielfältige und weittragende. Mit der Anerkennung seiner nar- 
zißtischen Wunde stellt sich — gleichsam als Narbe — ein Minder- 
wertigkeitsgefühl beim Weibe her. Nachdem es den ersten Versuch, 
seinen Penismangel als persönliche Strafe zu erklären, überwunden' 
und die Allgemeinheit dieses Geschlechtscharakters erfaßt hat, be- 
ginnt es, die Geringschätzung des Mannes für das in einem ent- 
scheidenden Punkt verkürzte Geschlecht zu teilen und hält wenigstens 
in diesem Urteil an der eigenen Gleichstellung mit dem Manne fest. 1 

Auch wenn der Penisneid auf sein eigentliches Objekt verzichtet 
hat, hört er nicht auf zu existieren, er lebt in der Charakter- 
eigenschaft der Eifersucht mit leichter Verschiebung fort. Gewiß 
ist die Eifersucht nicht allein einem Geschlecht eigen und be- 
gründet sich auf einer breiteren Basis, aber ich meine, daß sie 
doch im Seelenleben des Weibes eine weitaus größere Rolle spielt, 
weil sie aus der Quelle des abgelenkten Penisneides eine ungeheure' 
Verstärkung bezieht. Ehe ich noch diese Ableitung der Eifersucht 
kannte, hatte ich für die bei Mädchen so häufige Onaniephantasie 
„Ein Kind wird geschlagen" eine erste Phase konstruiert, in der 
sie die Bedeutung hat, ein anderes Kind, auf das man als Rivalen 
eifersüchtig ist, soll geschlagen werden. 2 Diese Phantasie scheint 
ein Relikt aus der phallischen Periode der Mädchen; die eigen- 

1) Ich habe schon in meiner ersten kritischen Äußerung „Zur Geschichte der 
psychoanalytischen Bewegung« (19x5) erkannt, daß dies der Wahrheitskern derAdler- 
schen Lehre ist, die kein Bedenken trägt, die ganze Welt aus diesem einen Punkte 
lUrganmmderwertigkeit - männlicher Protest — Abrücken von der weiblichen Linie) 
zu erklaren und sich dabei rühmt, die Sexualität zugunsten des Machtstrebens ihrer 
Bedeutung beraubt zu haben! Das einzige „minderwertige« Organ, das ohne Zwei- 
deutigkeit diesen Namen verdient, wäre also die Klitoris. Anderseits hört man, daß 
Analytiker sich rühmen, trotz jahrzehntelanger Bemühung nichts von der Existenz 
eines Kastrationskomplexes wahrgenommen zu haben. Man muß sich vor der Größe 
dieser Leistung m Bewunderung beugen, wenn es auch nur eine negative Leistung-, 
ein Kunststuck ,m Übersehen und Verkennen ist. Die beiden Lehren ergeben ein 
interessantes Gegensatzpaar: Hier keine Spur von einem Kastrationskomplex, dort 
nichts anderes als Folgen desselben. 

2) „Ein Kind wird geschlagen." (Bd. V dieser Gesamtausgabe.) 



Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds 15 

tümliche Starrheit, die mir an der monotonen Formel: Ein Kind 
wird geschlagen, auffiel, läßt wahrscheinlich noch eine besondere 
Deutung zu. Das Kind, das da geschlagen — geliebkost wird, 
mag im Grunde nichts anderes sein, als die Klitoris selbst, so 
daß die Aussage zu allertiefst das Eingeständnis der Masturbation 
enthält, die sich vom Anfang in der phallischen Phase bis in späte 
Zeiten an den Inhalt der Formel knüpft. 

Eine dritte Abfolge des Penisneides scheint die Lockerung des 
zärtlichen Verhältnisses zum Mutterobjekt. Man versteht den Zu- 
sammenhang nicht sehr gut, überzeugt sich aber, daß am Ende 
fast immer die Mutter für den Penismangel verantwortlich ge- 
macht wird, die das Kind mit so ungenügender Ausrüstung in 
die Welt geschickt hat. Der historische Hergang ist oft der, daß 
bald nach der Entdeckung der Benachteiligung am Genitale Eifer- 
sucht gegen ein anderes Kind auftritt, das von der Mutter an- 
geblich mehr geliebt wird, wodurch eine Motivierung für die 
Lösung von der Mutterbindung gewonnen ist. Dazu stimmt es 
dann, wenn dies von der Mutter bevorzugte Kind das erste Objekt 
der in Masturbation auslaufenden Schlagephantasie wird. 

Eine andere überraschende Wirkung des Penisneides — oder 
der Entdeckung der Minderwertigkeit der Klitoris — ist gewiß 
die wichtigste von allen. Ich hatte oftmals vorher den Eindruck 
gewonnen, daß das Weib im allgemeinen die Masturbation schlechter 
verträgt als der Mann, sich öfter gegen sie sträubt und außer- 
stande ist, sich ihrer zu bedienen, wo der Mann unter gleichen 
Verhältnissen unbedenklich zu diesem Auskunftsmittel gegriffen 
hätte. Es ist begreiflich, daß die Erfahrung ungezählte Ausnahmen 
von diesem Satz aufweisen würde, wenn man ihn als Regel auf- 
stellen wollte. Die Reaktionen der menschlichen Individuen beiderlei 
Geschlechts sind ja aus männlichen und weiblichen Zügen gemengt. 
Aber es blieb doch der Anschein übrig, daß der Natur des Weibes 
die Masturbation ferner liege, und man konnte zur Lösung des 
angenommenen Problems die Erwägung heranziehen, daß wenigstens 






1 Schriften aus den Jahren l<)2) — 1926 



die Masturbation an der Klitoris eine männliche Betätigung sei, 
und daß die Entfaltung der Weiblichkeit die Wegschaffung der 
Klitorissexualität zur Bedingung habe. Die Analysen der phallischen 
Vorzeit haben mich nun gelehrt, daß beim Mädchen bald nach 
den Anzeichen des Penisneides eine intensive Gegenströmung gegen 
die Onanie auftritt, die nicht allein auf den Einfluß der erziehenden 
Pflegeperson zurückgeführt werden kann. Diese Regung ist offenbar 
ein Vorbote jenes Verdrängungsschubes, der zur Zeit der Pubertät 
ein großes Stück der männlichen Sexualität beseitigen wird, um 
Raum für die Entwicklung der Weiblichkeit zu schaffen. Es mag 
sein, daß diese erste Opposition gegen die autoerotische Betätigung 
ihr Ziel nicht erreicht. So war es auch in den von mir analysierten 
Fällen. Der Konflikt setzte sich dann fort und das Mädchen tat 
damals wie später alles, um sich vom Zwang zur Onanie zu be- 
freien. Manche späteren Äußerungen des Sexuallebens beim Weibe 
bleiben unverständlich, wenn man dies starke Motiv nicht erkennt. 
Ich kann mir diese Auflehnung des kleinen Mädchens gegen 
die phaUische Onanie nicht anders als durch die Annahme erklären, 
daß ihm diese lustbringende Betätigung durch ein nebenher gehendes 
Moment arg verleidet wird. Dieses Moment brauchte man dann 
nicht weit weg zu suchen; es müßte die mit dem Penisneid ver- 
knüpfte narzißtische Kränkung sein, die Mahnung, daß man es in 
I diesem Punkte doch nicht mit dem Knaben aufnehmen kann und 
| darum die Konkurrenz mit ihm am besten unterläßt. In solcher 
Weise drängt die Erkenntnis des anatomischen Geschlechtsunter- 
schieds das kleine Mädchen von der Männlichkeit und von der 
männlichen Onanie weg in neue Bahnen, die zur Entfaltung der 
Weiblichkeit führen. 

Vom Ödipus-Komplex war bisher nicht die Rede, er hatte auch 
soweit keine Rolle gespielt. Nun aber gleitet die Libido des Mäd- 
chens man kann nur sagen: längs der vorgezeichneten sym- 
bolischen Gleichung Penis = Kind — in eine neue Position. Es 
gibt den Wunsch nach dem Penis auf, um den Wunsch nach 



Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds 17 

einem Kinde an die Stelle zu setzen, und nimmt in dieser Ab- 
sicht den Vater zum Liebesobjekt. Die Mutter wird zum Objekt 
der Eifersucht, aus dem Mädchen ist ein kleines Weib geworden. 
Wenn ich einer vereinzelten analytischen Erhebung glauben darf, 
kann es in dieser neuen Situation zu körperlichen Sensationen 
kommen, die als vorzeitiges Erwachen des weiblichen Genital- 
apparates zu beurteilen sind. Wenn diese Vaterbindung später als 
verunglückt aufgegeben werden muß, kann sie einer Vateridenti- 
fizierung weichen, mit der das Mädchen zum Männlichkeitskomplex 
zurückkehrt und sich eventuell an ihm fixiert. 

Ich habe nun das Wesentliche gesagt, das ich zu sagen hatte, 
und mache halt, um das Ergebnis zu überblicken. Wir haben Ein- 
sicht in die Vorgeschichte des Ödipus-Komplexes beim Mädchen 
bekommen. Das Entsprechende beim Knaben ist ziemlich unbekannt. 
Beim Mädchen ist der Ödipus-Komplex eine sekundäre Bildung. Die 
Auswirkungen des Kastrationskomplexes gehen ihm vorher und 
bereiten ihn vor. Für das Verhältnis zwischen Ödipus-und Kastrations- 
komplex stellt sich ein fundamentaler Gegensatz der beiden Ge- 
schlechter her. Während der Ödipus-Komplex des Knaben 
am Kastrationskomplex zugrunde geht, 1 wird der des Mäd- 
chens durch den Kastrationskomplex ermöglicht und ein- 
geleitet. Dieser Widerspruch erhält seine Aufklärung, wenn man 
erwägt, daß der Kastrationskomplex dabei immer im Sinne seines 
Inhaltes wirkt, hemmend und einschränkend für die Männlichkeit, 
befördernd auf die Weiblichkeit. Die Differenz in diesem Stück 
der Sexualentwicklung beim Mann und Weib ist eine begreifliche 
Folge der anatomischen Verschiedenheit der Genitalien und der 
damit verknüpften psychischen Situation, sie entspricht dem Unter- 
schied von vollzogener und bloß angedrohter Kastration. Unser 
Ergebnis ist also im Grunde eine Selbstverständlichkeit, die man 
hätte vorhersehen können. 



1) Siehe: Der Untergang des Ödipus-Komplexes. 
Freud XI. 



18 Schriften aus den Jahren I$2} — 1<)26 

Indes der Ödipus-Komplex ist etwas so Bedeutsames, daß es auch 
nicht folgenlos bleiben kann, auf welche Weise man in ihn hinein- 
geraten und von ihm losgekommen ist. Beim Knaben — so habe ich 
in der letzterwähnten Publikation ausgeführt, an die ich hier über- 
haupt anknüpfe — wird der Komplex nicht einfach verdrängt, er 
zerschellt förmlich unter dem Schock der Kastrationsdrohung. Seine 
libidinösen Besetzungen werden aufgegeben, desexualisiert und zum 
Teil sublimiert, seine Objekte dem Ich einverleibt, wo sie den Kern 
des Über-Ichs bilden und dieser Neuformation charakteristische 
Eigenschaften verleihen. Im normalen, besser gesagt: im idealen 
Falle besteht dann auch im Unbewußten kein Ödipus-Komplex 
mehr, das Über-Ich ist sein Erbe geworden. Da der Penis — im 
Sinne Ferenczis — seine außerordentlich hohe narzißtische Besetzung 
seiner organischen Bedeutung für die Fortsetzung der Art verdankt, 
kann man die Katastrophe des Ödipus-Komplexes — die Abwendung 
vom Inzest, die Einsetzung von Gewissen und Moral — als einen 
Sieg der Generation über das Individuum auffassen. Ein interessanter 
Gesichtspunkt, wenn man erwägt, daß die Neurose auf einem Sträuben 
des Ichs gegen den Anspruch der Sexualfunktion beruht. Aber das 
Verlassen des Standpunktes der individuellen Psychologie führt zu- 
nächst nicht zur Klärung der verschlungenen Beziehungen. 

Beim Mädchen entfällt das Motiv für die Zertrümmerung des 
Odipus-Komplexes. Die Kastration hat ihre Wirkung bereits früher 
getan und diese bestand darin, das Kind in die Situation des Ödipus- 
Komplexes zu drängen. Dieser entgeht darum dem Schicksal, das 
ihm beim Knaben bereitet wird, er kann langsam verlassen, durch 
Verdrängung erledigt werden, seine Wirkungen weit in das für das 
Weib normale Seelenleben verschieben. Man zögert es auszusprechen, 
kann sich aber doch der Idee nicht erwehren, daß das Niveau des 
sittlich Normalen für das Weib ein anderes wird. Das Über-Ich wird 
niemals so unerbittlich, so unpersönlich, so unabhängig von seinen 
affektiven Ursprüngen, wie wir es vom Manne fordern. Charakter- 
züge, die die Kritik seit jeher dem Weibe vorgehalten hat, daß es 



Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds 19 

weniger Rechtsgefühl zeigt als der Mann, weniger Neigung zur 
Unterwerfung unter die großen Notwendigkeiten des Lebens, sich 
öfter in seinen Entscheidungen von zärtlichen und feindseligen Ge- 
fühlen leiten läßt, fänden in der oben abgeleiteten Modifikation der 
Über-Ichbildung eine ausreichende Begründung. Durch den Wider- 
spruch der Feministen, die uns eine völlige Gleichstellung und Gleich- 
schätzung der Geschlechter aufdrängen wollen, wird man sich in 
solchen Urteilen nicht beirren lassen, wohl aber bereitwillig zu- 
gestehen, daß auch die Mehrzahl der Männer weit hinter dem 
männlichen Ideal zurückbleibt, und daß alle menschlichen Indi- 
viduen infolge ihrer bisexuellen Anlage und der gekreuzten Ver- 
erbung männliche und weibliche Charaktere in sich vereinigen, so 
daß die reine Männlichkeit und Weiblichkeit theoretische Kon- 
struktionen bleiben mit ungesichertem Inhalt. 

Ich bin geneigt, den hier vorgebrachten Ausführungen über die 
psychischen Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds Wert 
beizulegen, aber ich weiß, daß diese Schätzung nur aufrechtzu- 
halten ist, wenn sich die an einer Handvoll Fällen gemachten Funde 
allgemein bestätigen und als typisch herausstellen. Sonst bliebe es 
eben ein Beitrag zur Kenntnis der mannigfaltigen Wege in der 
Entwicklung des Sexuallebens. 

In den schätzenswerten und inhaltreichen Arbeiten über den 
Männlichkeits- und Kastrationskomplex des Weibes von Abraham 
(Außerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes, Int. Zschr. 
f. PsA., Bd. VII), Horney (Zur Genese des weiblichen Kastrations- 
komplexes, ebendort, Bd. IX), Helene Deutsch (Psychoanalyse der 
weiblichen Sexualfunktionen, Neue Arb. z. ärztl. PsA., Nr. V) findet 
sich vieles, was nahe an meine Darstellung rührt, nichts, was sich 
ganz mit ihr deckt, so daß ich diese Veröffentlichung auch in dieser 
Hinsicht rechtfertigen möchte. 



HEMMUNG, SYMPTOM 
UND ANGST 



Erschien im Februar 1926 im Internationalen 
Psychoanalytischen Verlag, Wien 



Unser Sprachgebrauch läßt uns in der Beschreibung pathologi- 
scher Phänomene Symptome und Hemmungen unterscheiden, aber 
er legt diesem Unterschied nicht viel Wert bei. Kämen uns nicht 
Krankheitsfälle vor, von denen wir aussagen müssen, daß sie nur 
Hemmungen und keine Symptome zeigen, und wollten wir nicht 
wissen, was dafür die Bedingung ist, so brächten wir kaum das 
Interesse auf, die Begriffe Hemmung und Symptom gegeneinander 
abzugrenzen. 

Die beiden sind nicht auf dem nämlichen Boden erwachsen. 
Hemmung hat eine besondere Beziehung zur Funktion und be- 
deutet nicht notwendig etwas Pathologisches, man kann auch eine 
normale Einschränkung einer Funktion eine Hemmung derselben 
nennen. Symptom hingegen heißt soviel wie Anzeichen eines 
krankhaften Vorganges. Es kann also auch eine Hemmung ein 
Symptom sein. Der Sprachgebrauch verfährt dann so, daß er von 
Hemmung spricht, wo eine einfache Herabsetzung der Funktion 
vorliegt, von Symptom, wo es sich um eine ungewöhnliche Ab- 
änderung derselben oder um eine neue Leistung handelt. In vielen 
Fällen scheint es der Willkür überlassen, ob man die positive oder 
die negative Seite des pathologischen Vorgangs betonen, seinen 
Erfolg als Symptom oder als Hemmung bezeichnen will. Das alles 
ist wirklich nicht interessant und die Fragestellung, von der wir 
ausgingen, erweist sich als wenig fruchtbar. 



Da die Hemmung begrifflich so innig an die Funktion geknüpft 
ist, kann man auf die Idee kommen, die verschiedenen Ichfunktionen 
daraufhin zu untersuchen, in welchen Formen sich deren Störung 
bei den einzelnen neurotischen Affektionen äußert. Wir wählen für 
diese vergleichende Studie: die Sexualfunktion, das Essen, die Loko- 
motion und die Berufsarbeit. 

a) Die Sexualfunktion unterliegt sehr mannigfaltigen Störungen, 
von denen die meisten den Charakter einfacher Hemmungen zeigen. 
Diese werden als psychische Impotenz zusammengefaßt. Das Zu- 
standekommen der normalen Sexualleistung setzt einen sehr kom- 
plizierten Ablauf voraus, die Störung kann an jeder Stelle desselben 
eingreifen. Die Hauptstationen der Hemmung sind beim Manne: 
die Abwendung der Libido zur Einleitung des Vorgangs (psychische 
Unlust), das Ausbleiben der physischen Vorbereitung (Erektions- 
losigkeit), die Abkürzung des Aktes (Ejaculatio praecox), die eben- 
sowohl als positives Symptom beschrieben werden kann, die Auf- 
haltung desselben vor dem natürlichen Ausgang (Ejakulations- 
mangel), das NichtZustandekommen des psychischen Effekts (der 
Lustempfindung des Orgasmus). Andere Störungen erfolgen durch 
die Verknüpfung der Funktion mit besonderen, Bedingungen, per- 
verser oder fetischistischer Natur. 

Eine Beziehung der Hemmung zur Angst kann uns nicht lange 
entgehen. Manche Hemmungen sind offenbar Verzichte auf Funk- 
tion, weil bei deren Ausübung Angst entwickelt werden würde. 
Direkte Angst vor der Sexualfunktion ist beim Weibe häufig; wir 
ordnen sie der Hysterie zu, ebenso das Abwehrsymptom des Ekels, 
das sich ursprünglich als nachträgliche Reaktion auf den passiv 
erlebten Sexualakt einstellt, später bei der Vorstellung desselben 
auftritt. Auch eine große Anzahl von Zwangshandlungen erweisen 
sich als Vorsichten und Versicherungen gegen sexuelles Erleben, 
sind also phobischer Natur. 

Man kommt da im Verständnis nicht sehr weit; man merkt 
nur, daß sehr verschiedene Verfahren verwendet werden, um die 






Hemmung, Symptom und Angst 25 

Funktion zu stören: i) die bloße Abwendung der Libido, die am 
ehesten zu ergeben scheint, was wir eine reine Hemmung heißen, 
2) die Verschlechterung in der Ausführung der Funktion, )) die 
Erschwerung derselben durch besondere Bedingungen und ihre 
Modifikation durch Ablenkung auf andere Ziele, 4) ihre Vorbeugung 
durch Sicherungsmaßregeln, $) ihre Unterbrechung durch Angst- 
entwicklung, sowie sich ihr Ansatz nicht mehr verhindern läßt, 
endlich 6) eine nachträgliche Reaktion, die dagegen protestiert und 
das Geschehene rückgängig machen will, wenn die Funktion doch 
durchgeführt wurde. 

b) Die häufigste Störung der Nahrungsfunktion ist die Eßunlust 
durch Abziehung der Libido. Auch Steigerungen der Eßlust sind 
nicht selten; ein Eßzwang motiviert sich durch Angst vor dem 
Verhungern, ist wenig untersucht. Als hysterische Abwehr des 
Essens kennen wir das Symptom des Erbrechens. Die Nahrungs- 
verweigerung infolge von Angst gehört psychotischen Zuständen 
an (Vergiftungswahn). 

c) Die Lokomotion wird bei manchen neurotischen Zuständen 
durch Gehunlust und Gehschwäche gehemmt, die hysterische Be- 
hinderung bedient sich der motorischen Lähmung des Bewegungs- 
apparates oder schafft eine spezialisierte Aufhebung dieser einen 
Funktion desselben (Abasie). Besonders charakteristisch sind die 
Erschwerungen der Lokomotion durch Einschaltung bestimmter 
Bedingungen, bei deren Nichterfüllung Angst auftritt (Phobie). 

d) Die Arbeitshemmung, die so oft als isoliertes Symptom 
Gegenstand der Behandlung wird, zeigt uns verminderte Lust oder 
schlechtere Ausführung oder Reaktionserscheinungen wie Müdigkeit 
(Schwindel, Erbrechen), wenn die Fortsetzung der Arbeit erzwungen 
wird. Die Hysterie erzwingt die Einstellung der Arbeit durch Er- 
zeugung von Organ- und Funktionslähmungen, deren Bestand mit 
der Ausführung der Arbeit unvereinbar ist. Die Zwangsneurose 
stört die Arbeit durch fortgesetzte Ablenkung und durch den Zeit- 
verlust bei eingeschobenen Verweilungen und Wiederholungen. 



26 



Schriften aus den Jahren 1923 — 1926 



Wir könnten diese Übersicht noch auf andere Funktionen aus- 
dehnen, aber wir dürfen nicht erwarten, dabei mehr zu erreichen. 
Wir kämen nicht über die Oberfläche der Erscheinungen hinaus. 
Entschließen wir uns darum zu einer Auffassung, die dem Begriff 
der Hemmung nicht mehr viel Rätselhaftes beläßt. Die Hemmung 
ist der Ausdruck einer Funktionseinschränkung des Ichs, die 
selbst sehr verschiedene Ursachen haben kann. Manche der Mecha- 
nismen dieses Verzichts auf Funktion und eine allgemeine Tendenz 
desselben sind uns wohlbekannt. 

An den spezialisierten Hemmungen ist die Tendenz leichter zu 
erkennen. Wenn das Klavierspielen, Schreiben und selbst das Gehen 
neurotischen Hemmungen unterliegen, so zeigt uns die Analyse 
den Grund hiefür in einer überstarken Erotisierung der bei diesen 
Funktionen in Anspruch genommenen Organe, der Finger und der 
Füße. Wir haben ganz allgemein die Einsicht gewonnen, daß die 
Ichfunktion eines Organes geschädigt wird, wenn seine Erogeneität, 
seine sexuelle Bedeutung, zunimmt. Es benimmt sich dann, wenn 
man den einigermaßen skurrilen Vergleich wagen darf, wie eine 
Köchin, die nicht mehr am Herd arbeiten will, weil der Herr 
des Hauses Liebesbeziehungen zu ihr angeknüpft hat. Wenn das 
Schreiben, das darin besteht, aus einem Rohr Flüssigkeit auf ein 
Stück weißes Papier fließen zu lassen, die symbolische Bedeutung 
des Koitus angenommen hat, oder wenn das Gehen zum symboli- 
schen Ersatz des Stampfens auf dem Leib der Mutter Erde ge- 
worden ist, dann wird beides, Schreiben und Gehen, unterlassen, 
weil es so ist, als ob man die verbotene sexuelle Handlung aus- 
führen würde. Das Ich verzichtet auf diese ihm zustehenden 
Funktionen, um nicht eine neuerliche Verdrängung vornehmen 
zu müssen, um einem Konflikt mit dem Es auszuweichen. 

Andere Hemmungen erfolgen offenbar im Dienste der Selbst- 
bestrafung, wie nicht selten die der beruflichen Tätigkeiten. Das 
Ich darf diese Dinge nicht tun, weil sie ihm Nutzen und Erfolg 
bringen würden, was das gestrenge Über-Ich versagt hat. Dann 



Hemmung, Symptom und Angst 



verzichtet das Ich auch auf diese Leistungen, um nicht in Kon- 
flikt mit dem Über-Ich zu geraten. 

Die allgemeineren Hemmungen des Ichs folgen einem anderen, 
einfachen, Mechanismus. Wenn das Ich durch eine psychische Auf- 
gabe von besonderer Schwere in Anspruch genommen ist, wie 
z. B. durch eine Trauer, eine großartige Affektunterdrückung, 
durch die Nötigung, beständig aufsteigende sexuelle Phantasien 
niederzuhalten, dann verarmt es so sehr an der ihm verfügbaren 
Energie, daß es seinen Aufwand an vielen Stellen zugleich ein- 
schränken muß, wie ein Spekulant, der seine Gelder in seinen 
Unternehmungen immobilisiert hat. Ein lehrreiches Beispiel einer 
solchen intensiven Allgemeinhemmung von kurzer Dauer konnte 
ich an. einem Zwangskranken beobachten, der in eine lähmende 
Müdigkeit von ein- bis mehrtägiger Dauer bei Anlässen verfiel, 
die offenbar einen Wutausbruch hätten herbeiführen sollen. Von 
hier aus muß auch ein Weg zum Verständnis der Allgemein- 
hemmung zu finden sein, durch die sich die Depressionszustände 
und der schwerste derselben, die Melancholie, kennzeichnen. 

Man kann also abschließend über die Hemmungen sagen, sie 
seien Einschränkungen der Ichfunktionen, entweder aus Vorsicht 
oder infolge von Energieverarmung. Es ist nun leicht zu erkennen, 
worin sich die Hemmung vom Symptom unterscheidet. Das 
Symptom kann nicht mehr als ein Vorgang in oder am Ich 
beschrieben werden. 



*) |^~~ Jc»K*#~»M,'|w*~ C^^ M. ^-.T^^A'OV^W- 






II 



Die Grundzüge der Symptombildung sind längst studiert und in 
hoffentlich unanfechtbarer Weise ausgesprochen worden. Das Symptom 
sei Anzeichen und Ersatz einer unterbliebenen Triebbefriedigung, 
ein Erfolg des Verdrängungsvorganges. Die Verdrängung geht vom 
Ich aus, das, eventuell im Auftrage des Über-Ichs, eine im Es 
angeregte Triebbesetzung nicht mitmachen will. Das Ich erreicht 
durch die Verdrängung, daß die Vorstellung, welche der Träger 
der unliebsamen Regung war, vom Bewußtwerden abgehalten wird. 
Die Analyse weist oftmals nach, daß sie als unbewußte Formation 
erhalten geblieben ist. So weit wäre es klar, aber bald beginnen 
die unerledigten Schwierigkeiten. 

Unsere bisherigen Beschreibungen des Vorganges bei der Ver- 
drängung haben den Erfolg der Abhaltung vom Bewußtsein nach- 
drücklich betont, aber in anderen Punkten Zweifel offen gelassen. 
Es entsteht die Frage, was ist das Schicksal der im Es aktivierten 
Triebregung, die auf Befriedigung abzielt? Die Antwort war eine 
indirekte, sie lautete, durch den Vorgang der Verdrängung werde 
die zu erwartende Befriedigungslust in Unlust verwandelt, und 
dann stand man vor dem Problem, wie Unlust das Ergebnis einer 
Triebbefriedigung sein könne. Wir hoffen, den Sachverhalt zu 
klaren, wenn wir die bestimmte Aussage machen, der im Es be- 
absichtigte Erregungsablauf komme infolge der Verdrängung über- 
haupt nicht zustande, es gelinge dem Ich, ihn zu inhibieren oder 



Hemmung, Symptom und Angst 29 



abzulenken. Dann entfällt das Rätsel der „Affektverwandlung" 
bei der Verdrängung. Wir haben aber damit dem Ich das Zu- 
geständnis gemacht, daß es einen so weitgehenden Einfluß auf 
die Vorgänge im Es äußern kann, und sollen verstehen lernen, 
auf welchem Wege ihm diese überraschende Machtentfaltung 
möglich wird. 

Ich glaube, dieser Einfluß fällt dem Ich zu infolge seiner innigen 
Beziehungen zum Wahrnehmungssystem, die ja sein Wesen aus- 
machen und der Grund seiner Differenzierung vom Es geworden 
sind. Die Funktion dieses Systems, das wir W-Bw genannt haben, 
ist mit dem Phänomen des Bewußtsein verbunden; es empfängt 
Erregungen nicht nur von außen, sondern auch von innen her 
und mittels der Lust-Unlustempfindungen, die es von daher er- 
reichen, versucht es, alle Abläufe des seelischen Geschehens im 
Sinne des Lustprinzips zu lenken. Wir stellen uns das Ich so 
gerne als ohnmächtig gegen das Es vor, aber wenn es sich gegen 
einen Trieb Vorgang im Es sträubt, so braucht es bloß ein Un- 
lustsignal zu geben, um seine Absicht durch die Hilfe der bei- 
nahe allmächtigen Instanz des Lustprinzips zu erreichen. Wenn 
wir diese Situation für einen Augenblick isoliert betrachten, können 
wir sie durch ein Beispiel aus einer anderen Sphäre illustrieren. 
In einem Staate wehre sich eine gewisse Clique gegen eine Maß- 
regel, deren Beschluß den Neigungen der Masse entsprechen würde. 
Diese Minderzahl bemächtigt sich dann der Presse, bearbeitet durch 
sie die souveräne „öffentliche Meinung" und setzt es so durch, 
daß der geplante Beschluß unterbleibt. 

An die eine Beantwortung knüpfen weitere Fragestellungen an. 
Woher rührt die Energie, die zur Erzeugung des Unlustsignals 
verwendet wird? Hier weist uns die Idee den Weg, daß die Ab- 
wehr eines unerwünschten Vorganges im Inneren nach dem Muster 
der Abwehr gegen einen äußeren Reiz geschehen dürfte, daß das 
Ich den gleichen Weg der Verteidigung gegen die innere wie 
gegen die äußere Gefahr einschlägt. Bei äußerer Gefahr unternimmt 



5° Schriften aus den Jahren I<)2} — 1<)26 



das organische Wesen einen Fluchtversuch, es zieht zunächst die 
Besetzung von der Wahrnehmung des Gefahrlichen ab; später 
erkennt es als das wirksamere Mittel, solche Muskelaktionen vor- 
zunehmen, daß die Wahrnehmung der Gefahr, auch wenn man 
sie nicht verweigert, unmöglich wird, also .sich dem Wirkungs- 
bereich der Gefahr zu entziehen. Einem solchen Fluchtversuch 
gleichwertig ist auch die Verdrängung. Das Ich zieht die (vor- 
bewußte) Besetzung von der zu verdrängenden Triebrepräsentanz 
ab und verwendet sie für die Unlust- (Angst-) Entbindung. Das^ 
Problem, wie bei der Verdrängung die Angst entsteht ^ mag kein 
einfaches sein; immerhin hat man das Recht, an der Idee fest- 
zuhalten, daß das Ich die eigentliche Angststätte ist, und die frühere 
Auffassung zurückzuweisen, die Besetzungsenergie der verdrängten 
Regung werde automatisch in Angst verwandelt. Wenn ich mich 
früher einmal so geäußert habe, so gab ich eine phänomenologische 
Beschreibung, nicht eine metapsychologische Darstellung. 

Aus dem Gesagten leitet sich die neue Frage ab, wie es öko- 
nomisch möglich ist, daß ein bloßer Abziehungs- und Abfuhr- 
vorgang wie beim Rückzug der vorbewußten Ichbesetzung Unlust 
oder Angst erzeugen könne, die nach unseren Voraussetzungen 
nur Folge gesteigerter Besetzung sein kann. Ich antworte, diese 
Verursachung soll nicht ökonomisch erklärt werden, die Angst 
wird bei der Verdrängung nicht neu erzeugt, sondern als Affekt- 
zustand nach einem vorhandenen Erinnerungsbild reproduziert. 
Mit der weit eren F rage nach der Herkunft dieser Angst — wie 
der Affekte überhaupt — verlass en wir a ber den" unbestritten 
psychologischen Boden und betreten das Grenzgebiet der Physiologie. 
Die Affektzustände sind dem Seelenleben als Niederschläge uralter 
traumatischer Erlebnisse einverleibt und werden in ähnlichen Situ- 
ationen wie Erinnerungssymbole wachgerufen. Ich meine, ich hatte 
nicht Unrecht, sie den spät und individuell erworbenen hysterischen 
Anfällen gleichzusetzen und als deren Normalvorbilder zu be- 
trachten. Beim Menschen und ihm verwandten Geschöpfen scheint 



Hemmung, Symptom und Angst 



3 1 



der Geburtsakt als das erste individuelle Angsterlebnis dem Aus- 
druck des Angstaffekts charakteristische Züge geliehen zu haben. 
Wir sollen aber diesen Zusammenhang nicht überschätzen und in 
seiner Anerkennung nicht übersehen, daß ein Affektsymbol für 
die Situation der Gefahr eine biologische Notwendigkeit ist und 
auf jeden Fall geschaffen worden wäre. Ich halte es auch für 
unberechtigt anzunehmen, daß bei jedem Angstausbruch etwas im 
Seelenleben vor sich geht, was einer Reproduktion der Geburts- 
situation gleichkommt. Es ist nicht einmal sicher, ob die hysteri- 
schen Anfälle, die ursprünglich solche traumatische Reproduktionen 
sind, diesen Charakter dauernd bewahren. 

Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß die meisten Ver- 
drängungen, mit denen wir bei der therapeutischen Arbeit zu tun 
bekommen, Fälle von Nachdrängen sind. Sie setzen früher er- 
folgte Urverdrängungen voraus, die auf die neuere Situation 
ihren anziehenden Einfluß ausüben. Von diesen Hintergründen 
und Vorstufen der Verdrängung ist noch viel zu wenig bekannt. 
Man kommt leicht in Gefahr, die Rolle des Über-Ichs bei der 
Verdrängung zu überschätzen. Man kann es derzeit nicht be- 
urteilen, ob etwa das Auftreten des Über-Ichs die Abgrenzung 
zwischen Urverdrängung und Nachdrängen schafft. Die ersten — 
sehr intensiven — Angstausbrüche erfolgen jedenfalls vor der Diffe- 
renzierung des Über-Ichs. Es ist durchaus plausibel, daß quanti- 
tative Momente, wie die übergroße Stärke der Erregung und der 
Durchbruch des Reizschutzes, die nächsten Anlässe der Urverdrän- 
gungen sind. 

Die Erwähnung des Reizschutzes mahnt uns wie ein Stichwort, 
daß die Verdrängungen in zwei unterschiedenen Situationen auf- 
treten, nämlich wenn eine unliebsame Trieb regung durch eine 
äußere Wahrnehmung wachgerufen wird, und wenn sie ohne 
solche Provokation im Innern auftaucht. Wir werden später auf 
diese Verschiedenheit zurückkommen. Reizschutz gibt es aber nur 
gegen äußere Reize, nicht gegen innere Triebansprüche. 



3 2 Schriften aus den Jahren 1923 — 1926 



Solange wir den Fluchtversuch des Ichs studieren, bleiben wir 
der Symptombildung ferne. Das Symptom entsteht aus der durch 
die Verdrängung beeinträchtigten Triebregung. Wenn das Ich durch 
die Inanspruchnahme des Unlustsignals seine Absicht erreicht, die 
Triebregung völlig zu unterdrücken, erfahren wir nichts darüber, 
wie das geschieht. Wir lernen nur aus den Fällen, die als mehr 
oder minder mißglückte Verdrängungen zu bezeichnen sind. 

Dann stellt es sich im allgemeinen so dar, daß die Triebregung 
zwar trotz der Verdrängung einen Ersatz gefunden hat, aber einen 
stark verkümmerten, verschobenen, gehemmten. Er ist auch als Be- 
friedigung nicht mehr kenntlich. Wenn er vollzogen wird, kommt 
keine Lustempfindung zustande, dafür hat dieser Vollzug den Charakter 
des Zwanges angenommen. Aber bei dieser Erniedrigung des Be- 
friedigungsablaufes zum Symptom zeigt die Verdrängung ihre Macht 
noch in einem anderen Punkte. Der Ersatzvorgang wird womöglich 
von der Abfuhr durch die Motilität ferngehalten; auch wo dies 
nicht gelingt, muß er sich in der Veränderung des eigenen Körpers 
erschöpfen und darf nicht auf die Außenwelt übergreifen; es wird 
ihm verwehrt, sich in Handlung umzusetzen. Wir verstehen, bei 
der Verdrängung arbeitet das Ich unter dem Einfluß der äußeren 
Realität und schließt darum den Erfolg des Ersatzvorganges von 
dieser Realität ab. 

Das Ich beherrscht den Zugang zum Bewußtsein wie den Über- 
gang zur Handlung gegen die Außenwelt; in der Verdrängung be- 
tätigt es seine Macht nach beiden Richtungen. Die Triebrepräsentanz 
bekommt die eine, die Triebregung selbst die andere Seite seiner 
Kraftäußerung zu spüren. Da ist es denn am Platze, sich zu fragen, 
wie diese Anerkennung der Mächtigkeit des Ichs mit der Beschreibung 
zusammenkommt, die wir in der Studie „Das Ich und das Es" 
von der Stellung desselben Ichs entworfen haben. Wir haben dort 
die Abhängigkeit des Ichs vom Es wie vom Über-Ich geschildert, 
seine Ohnmacht und Angstbereitschaft gegen beide, seine mühsam 
aufrecht erhaltene Überheblichkeit entlarvt. Dieses Urteil hat seither 



Hemmung, Symptom und Angst 



33 



einen starken Widerhall in der psychoanalytischen Literatur gefunden. 
Zahlreiche Stimmen betonen eindringlich die Schwäche des Ichs 
gegen das Es, des Rationellen gegen das Dämonische in uns, und 
schicken sich an, diesen Satz zu einem Grundpfeiler einer psycho- 
analytischen „Weltanschauung" zu machen. Sollte nicht die Ein- 
sicht in die Wirkungsweise der Verdrängung gerade den Analytiker 
von so extremer Parteinahme zurückhalten? 

Ich bin überhaupt nicht für die Fabrikation von Weltanschauungen. 
Die überlasse man den Philosophen, die eingestandenermaßen die 
Lebensreise ohne einen solchen Baedeker, der über alles Auskunft 
gibt, nicht ausführbar finden. Nehmen wir demütig die Verachtung 
auf uns, mit der die Philosophen vom Standpunkt ihrer höheren 
Bedürftigkeit auf uns herabschauen. Da auch wir unseren narziß- 
tischen Stolz nicht verleugnen können, wollen wir unseren Trost 
in der Erwägung suchen, daß alle diese „Lebensführer" rasch ver- 
alten, daß es gerade unsere kurzsichtig beschränkte Kleinarbeit ist, 
welche deren Neuauflagen notwendig macht, und daß selbst die 
modernsten dieser Baedeker Versuche sind, den alten, so bequemen 
und so vollständigen Katechismus zu ersetzen. Wir wissen genau, 
wie wenig Licht die Wissenschaft bisher über die Rätsel dieser 
Welt verbreiten konnte; alles Poltern der Philosophen kann daran 
nichts ändern, nur geduldige Fortsetzung der Arbeit, die alles der 
einen Forderung nach Gewißheit unterordnet, kann langsam Wandel 
schaffen. Wenn der Wanderer in der Dunkelheit singt, verleugnet 
er seine Ängstlichkeit, aber er sieht darum um nichts heller. 



Freud XI. 






III 



Um zum Problem des Ichs zurückzukehren: Der Anschein des 
Widerspruchs kommt daher, daß wir Abstraktionen zu starr nehmen 
und aus einem komplizierten Sachverhalt bald die eine, bald die 
andere Seite allein herausgreifen. Die Scheidung des Ichs vom Es 
scheint gerechtfertigt, sie wird uns durch bestimmte Verhältnisse 
aufgedrängt. Aber anderseits ist das Ich mit dem Es identisch, 
nur ein besonders differenzierter Anteil desselben. Stellen wir 
dieses Stück in Gedanken dem Ganzen gegenüber, oder hat sich 
ein wirklicher Zwiespalt zwischen den beiden ergeben, so wird 
uns die Schwäche dieses Ichs offenbar. Bleibt das Ich aber mit 
dem Es verbunden, von ihm nicht unterscheid bar, so zeigt sich 
seine Stärke. Ähnlich ist das Verhältnis des Ichs zum Über-lch; 
für viele Situationen fließen uns die beiden zusammen, meistens 
können wir sie nur unterscheiden, wenn sich eine Spannung, ein 
Konflikt zwischen ihnen hergestellt hat. Für den Fall der Ver- 
drängung wird die Tatsache entscheidend, daß das Ich eine Organi- 
sation ist, das Es aber keine ; das Ich ist eben der organisierte Anteil 
des Es. Es wäre ganz ungerechtfertigt, wenn man sich vorstellte, 
Ich undJ Ls seien wie zwei verschiedene Heerlager; durch die Ver- 
drängung suche das Ich ein Stück des Es zu unterdrücken, nun 
komme das übrige Es dem Angegriffenen zu Hilfe und messe seine 
Stärke mit der des Ichs. Das mag oft zustande kommen, aber es 
ist gewiß nicht die Eingangssituation der Verdrängung; in der Regel 



Hemmung, Symptom und Angst zk 

bleibt die zu verdrängende Triebregung isoliert. Hat der Akt der 
Verdrängung uns die Stärke des Ichs gezeigt, so legt er doch in 
einem auch Zeugnis ab für dessen Ohnmacht und für die Un- 
beeinflußbarkeit der einzelnen Triebregung des Es. Denn der Vor- 
gang, der durch die Verdrängung zum Symptom geworden ist, 
behauptet nun seine Existenz außerhalb der Ichorganisation und 
unabhängig von ihr. Und nicht er allein, auch alle seine Abkömm- 
linge genießen dasselbe Vorrecht, man möchte sagen: der Extra- 
territorialität, und wo sie mit Anteilen der Ichorganisation assoziativ 
zusammentreffen, wird es fraglich, ob sie diese nicht zu sich herüber- 
ziehen und sich mit diesem Gewinn auf Kosten des Ichs ausbreiten 
werden. Ein uns längst vertrauter Vergleich betrachtet das Symptom 
als einen Fremdkörper, der unaufhörlich Reiz- und Reaktions- 
erscheinungen in dem Gewebe unterhält, in das er sich ein- 
gebettet hat. Es kommt zwar vor, daß der Abwehrkampf gegen 
die unliebsame Triebregung durch die Symptombildung abge- 
schlossen wird; soweit wir sehen, ist dies am ehesten bei der 
hysterischen Konversion möglich, aber in der Regel ist der Ver- 
lauf ein anderer; nach dem ersten Akt der Verdrängung folgt ein 
langwieriges oder nie zu beendendes Nachspiel, der Kampf gegen 
die Triebregung findet seine Fortsetzung in dem Kampf gegen 
das Symptom. 

Dieser sekundäre Abwehrkampf zeigt uns zwei Gesichter — mit 
widersprechendem Ausdruck. Einerseits wird das Ich durch seine 
Natur genötigt, etwas zu unternehmen, was wir als Herstellungs- 
oder Versöhnungs versuch beurteilen müssen. Das Ich ist eine Organi- 
sation, es beruht auf dem freien Verkehr und der Möglichkeit gegen- 
seitiger Beeinflussung unter all seinen Bestandteilen, seine desexuali- 
sierte Energie bekundet ihre Herkunft noch in dem Streben nach 
Bindung und Vereinheitlichung, und dieser Zwang zur Synthese 
nimmt immer mehr zu, je kräftiger sich das Ich entwickelt. So 
wird es verständlich, daß das Ich auch versucht, die Fremdheit 
und Isolierung des Symptoms aufzuheben, indem es alle Möglich- 

5* 



xß Schriften aus den Jahren l$2) — 1926 

keiten ausnützt, es irgendwie an sich zu binden und durch solche 
Bande seiner Organisation einzuverleiben. Wir wissen, daß ein solches 
Bestreben bereits den Akt der Symptombildung beeinflußt. Ein klassi- 
sches Beispiel dafür sind jene hysterischen Symptome, die uns als 
Kompromiß zwischen Befriedigungs- und Straf bedürfnis durchsichtig 
geworden sind. Als Erfüllungen einer Forderung des Über-Ichs haben 
solche Symptome von vornherein Anteil am Ich, während sie ander- 
seits Positionen des Verdrängten und Einbruchsstellen desselben in 
die Ichorganisation bedeuten 5 sie sind sozusagen Grenzstationen mit 
gemischter Besetzung. Ob alle primären hysterischen Symptome so 
gebaut sind, verdiente eine sorgfältige Untersuchung. Im weiteren 
Verlaufe benimmt sich das Ich so, als ob es von der Erwägung 
geleitet würde: das Symptom ist einmal da und kann nicht be- 
seitigt werden; nun heißt es, sich mit dieser Situation befreunden 
und den größtmöglichen Vorteil aus ihr ziehen. Es findet eine 
Anpassung an das ichfremde Stück der Innenwelt statt, das durch 
das Symptom repräsentiert wird, wie sie das Ich sonst normaler- 
weise gegen die reale Außenwelt zustande bringt. An Anlässen 
hiezu fehlt es nie. Die Existenz des Symptoms mag eine gewisse 
Behinderung der Leistung mit sich bringen, mit der man eine 
Anforderung des Über-Ichs beschwichtigen oder einen Anspruch 
der Außenwelt zurückweisen kann. So wird das Symptom allmählich 
mit der Vertretung wichtiger Interessen betraut, es erhält einen 
Wert für die Selbstbehauptung, verwächst immer inniger mit dem 
Ich, wird ihm immer unentbehrlicher. Nur in ganz seltenen Fällen 
kann der Prozeß der Einheilung eines Fremdkörpers etwas ähn- 
liches widerholen. Man kann die Bedeutung dieser sekundären 
Anpassung an das Symptom auch übertreiben, indem man aussagt, 
das Ich habe sich das Symptom überhaupt nur angeschafft, um 
dessen Vorteile zu genießen. Das ist dann so richtig oder so falsch, 
wie wenn man die Ansicht vertritt, der Kriegsverletzte habe sich 
das Bein nur abschießen lassen, um dann arbeitsfrei von seiner 
Invalidenrente zu leben. 



Hemmung, Symptom und Angst 37 

Andere Symptomgestaltungen, die der Zwangsneurose und der 
Paranoia, bekommen einen hohen Wert für das Ich, nicht weil 
sie ihm Vorteile, sondern weil sie ihm eine sonst entbehrte narziß- 
tische Befriedigung bringen. Die Systembildungen der Zwangs- 
neurotiker schmeicheln ihrer Eigenliebe durch die Vorspiegelung, 
sie seien als besonders reinliche oder gewissenhafte Menschen besser 
als andere; die Wahnbildungen der Paranoia eröffnen dem Scharf- 
sinn und der Phantasie dieser Kranken ein Feld zur Betätigung, 
das ihnen nicht leicht ersetzt werden kann. Aus all den erwähnten 
Beziehungen resultiert, was uns als der (sekundäre) Krankheits- 
gewinn der Neurose bekannt ist. Er kommt dem Bestreben des 
Ichs, sich das Symptom einzuverleiben, zu Hilfe und verstärkt die 
Fixierung des letzteren. Wenn wir dann den Versuch machen, dem 
Ich in seinem Kampf gegen das Symptom analytischen Beistand 
zu leisten, finden wir diese versöhnlichen Bindungen zwischen Ich 
und Symptom auf der Seite der Widerstände wirksam. Es wird 
uns nicht leicht gemacht, sie zu lösen. Die beiden Verfahren, die 
das Ich gegen das Symptom anwendet, stehen wirklich in Wider- 
spruch zueinander. 

Das andere Verfahren hat weniger freundlichen Charakter, es 
setzt die Richtung der Verdrängung fort. Aber es scheint, daß wir 
das Ich nicht mit dem Vorwurf der Inkonsequenz belasten dürfen. 
Das Ich ist friedfertig und möchte sich das Symptom einverleiben, 
es in sein Ensemble aufnehmen. Die Störung geht vom Symptom 
aus, das als richtiger Ersatz und Abkömmling der verdrängten 
Regung deren Rolle weiterspielt, deren Befriedigungsanspruch 
immer wieder erneuert und so das Ich nötigt, wiederum das 
Unlustsignal zu geben und sich zur Wehre zu setzen. 

Der sekundäre Abwehrkampf gegen das Symptom ist vielgestaltig, 
spielt sich auf verschiedenen Schauplätzen ab und bedient sich 
mannigfaltiger Mittel. Wir werden nicht viel über ihn aussagen 
können, wenn wir nicht die einzelnen Fälle der Symptombildung 
zum Gegenstand der Untersuchung nehmen. Dabei werden wir 



38 Schriften aus den Jahren 1923 — 1926 

Anlaß finden, auf das Problem der Angst einzugehen, das wir 
längst wie im Hintergrunde lauernd verspüren. Es empfiehlt sich, 
von den Symptomen, welche die hysterische Neurose schafft, aus- 
zugehen 5 auf die Voraussetzungen der Symptombildung bei der 
Zwangsneurose, Paranoia und anderen Neurosen sind wir noch 
nicht vorbereitet. 



IV 



=r 



Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer infantilen 
hysterischen Tierphobie, also z. B. der gewiß in allen Hauptzügen 
typische Fall der Pferdephobie des „Kleinen Hans". 1 Schon der 
erste Blick läßt uns erkennen, daß die Verhältnisse eines realen 
Falles von neurotischer Erkrankung weit komplizierter sind als 
unsere Erwartung, solange wir mit Abstraktionen arbeiten, sich 
vorstellt. Es gehört einige Arbeit dazu, sich zu orientieren, welches 
die verdrängte Regung, was ihr Symptomersatz ist, wo das Motiv 
der Verdrängung kenntlich wird. 

Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße zu gehen, weil 
er Angst vor dem Pferd hat. Dies ist der Rohstoff. Was ist nun 
daran das Symptom: die Angstentwicklung, die Wahl des Angst- 
objekts, oder der Verzicht auf die freie Beweglichkeit, oder mehreres 
davon zugleich? Wo ist die Befriedigung, die er sich versagt? 
Warum muß er sich diese versagen? 

Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei nicht so viel 
rätselhaft. Die unverständliche Angst vor dem Pferd ist das Sym- 
ptom, die Unfähigkeit, auf die Straße zu gehen, ist eine Hemmungs- 
erscheinung, eine Einschränkung, die sich das Ich auferlegt, um 
nicht das Angstsymptom zu wecken. Man sieht ohneweiters die 
Richtigkeit der Erklärung des letzten Punktes ein und wird nun 

1) Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. [Bd. VIII dieser Gesamt- 
ausgabe.] 



40 Schriften aus den Jahren 1^2} — 1926 

diese Hemmung bei der weiteren Diskussion außer Betracht lassen. 
Aber die erste flüchtige Bekanntschaft mit dem Falle lehrt uns 
nicht einmal den wirklichen Ausdruck des vermeintlichen Symptoms 
kennen. Es handelt sich, wie wir bei genauerem Verhör erfahren, 
gar nicht um eine unbestimmte Angst vor dem Pferd, sondern um 
die bestimmte ängstliche Erwartung: das Pferd werde ihn beißen. 
Allerdings sucht sich dieser Inhalt dem Bewußtsein zu entziehen 
und sich durch die unbestimmte Phobie, in der nur noch tue 
Angst und ihr Objekt vorkommen, zu ersetzen. Ist nun etwa dieser 
Inhalt der Kern des Symptoms? 

Wir kommen keinen Schritt weiter, solange wir nicht die 
ganze psychische Situation des Kleinen in Betracht ziehen, wie sie 
uns während der analytischen Arbeit enthüllt wird. Er befindet 
sich in der eifersüchtigen und feindseligen Ödipus-Einstellung zu 
seinem Vater, den er doch, soweit die Mutter nicht als Ursache 
der Entzweiung in Betracht kommt, herzlich liebt. Also ein 
Ambivalenzkonflikt, gut begründete Liebe und nicht minder be- 
rechtigter Haß, beide auf dieselbe Person gerichtet. Seine Phobie 
muß ein Versuch zur Lösung dieses Konflikts sein. Solche Ambi- 
valenzkonflikte sind sehr häufig, wir kennen einen anderen typi- 
schen Ausgang derselben. Bei diesem wird die eine der beiden 
miteinander ringenden Regungen, in der Regel die zärtliche, enorm 
verstärkt, die andere verschwindet. Nur das Übermaß und das 
Zwangsmäßige der Zärtlichkeit verrät uns, daß diese F2instellung 
nicht die einzig vorhandene ist, daß sie ständig auf der Hut ist, 
ihr Gegenteil in Unterdrückung zu halten, und läßt uns einen 
Hergang konstruieren, den wir als Verdrängung durch Reaktions- 
dung (im Ich) beschreiben. Fälle wie der kleine Hans zeigen 
mcnts von solcher Reaktionsbildung; es gibt offenbar verschiedene 
e g e > die aus einem Ambivalenzkonflikt herausführen. 

Was anderes haben wir unterdes mit Sicherheit erkannt. Die 

regung, ^ e der Verdrängung unterliegt, ist ein feindseliger 

mpuls gegen den Vater. Die Analyse lieferte uns den Beweis 






Hemmung, Symptom und Angst 41 

hiefür, während sie der Herkunft der Idee des beißenden Pferdes 
nachspürte. Hans hat ein Pferd fallen gesehen, einen Spielkameraden 
fallen und sich verletzen, mit dem er „Pferdl" gespielt hatte. Sie 
hat uns das Recht gegeben, bei Hans eine Wunschregung zu kon- 
struieren, die gelautet hat, der Vater möge hinfallen, sich beschä- 
digen wie das Pferd und der Kamerad. Beziehungen zu einer 
beobachteten Abreise lassen vermuten, daß der Wunsch nach der 
Beseitigung des Vaters auch minder zaghaften Ausdruck gefunden 
hat. Ein solcher Wunsch ist aber gleichwertig mit der Absicht, 
ihn selbst zu beseitigen, mit der mörderischen Regung des Ödipus- 
Komplexes. 

Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt kein Weg 
zu dem Ersatz für sie, den wir in der Pferdephobie vermuten. 
Vereinfachen wir nun die psychische Situation des kleinen Hans, 
indem wir das infantile Moment und die Ambivalenz wegräumen; 
er sei etwa ein jüngerer Diener in einem Haushalt, der in die 
Herrin verliebt ist und sich gewisser Gunstbezeugungen von ihrer 
Seite erfreue. Erhalten bleibt, daß er den stärkeren Hausherrn haßt 
und ihn beseitigt wissen möchte; dann ist es die natürlichste Folge 
dieser Situation, daß er die Rache dieses Herrn fürchtet, daß sich 
bei ihm ein Zustand von Angst vor diesem einstellt — ganz ähnlich 
wie die Phobie des kleinen Hans vor dem Pferd. Das heißt, wir 
können die Angst dieser Phobie nicht als Symptom bezeichnen, 
wenn der kleine Hans, der in seine Mutter verliebt ist, Angst vor 
dem Vater zeigen würde, hätten wir kein Recht, ihm eine Neurose, 
eine Phobie, zuzuschreiben. Wir hätten eine durchaus begreifliche 
affektive Reaktion vor uns. Was diese zur Neurose macht, ist einzig 
und allein ein anderer Zug, die Ersetzung des Vaters durch das 
Pferd. Diese Verschiebung stellt also das her, was auf den Namen 
eines Symptoms Anspruch hat. Sie ist jener andere Mechanismus, 
der die Erledigung des Ambivalenzkonflikts ohne die Hilfe der 
Reaktionsbildung gestattet. Ermöglicht oder erleichtert wird sie 
durch den Umstand, daß die mitgeborenen Spuren totemistischer 



42 Schriften ans den Jahren I<)2} — 1<)26 



Denkweise in diesem zarten Alter noch leicht zu beleben sind. 
Die Kluft zwischen Mensch und Tier ist noch nicht anerkannt, 
gewiß nicht so überbetont wie später. Der erwachsene, bewunderte, 
aber auch gefürchtete Mann steht noch in einer Reihe mit. dem 
großen Tier, das man um so vielerlei beneidet, vor dem man aber 
auch gewarnt worden ist, weil es gefährlich werden kann. Der 
Ambivalenzkonflikt wird also nicht an derselben Person erledigt, 
sondern gleichsam umgangen, indem man einer seiner Regungen 
eine andere Person als Ersatzobjekt unterschiebt. 

Soweit sehen wir ja klar, aber in einem anderen Punkte hat 
uns die Analyse der Phobie des kleinen Hans eine volle Ent- 
täuschung gebracht. Die Entstellung, in der die Symptombildung 
besteht, wird gar nicht an der Repräsentanz (dem Vorstellungs- 
inhalt) der zu verdrängenden Triebregung vorgenommen, sondern 
an einer davon ganz verschiedenen, die nur einer Reaktion auf 
■ das eigentlich Unliebsame entspricht. Unsere Erwartung fände eher 
| Befriedigung, wenn der kleine Hans an Stelle seiner Angst vor 
|dem Pferd eine Neigung entwickelt hätte, Pferde zu mißhandeln, 
jlsie zu schlagen, oder deutlich seinen Wunsch kundgegeben hätte, 
zu sehen, wie sie hinfallen, zu Schaden kommen, eventuell unter 
Zuckungen verenden (das Krawallmachen mit den Beinen). Etwas 
der Art tritt auch wirklich während seiner Analyse auf, aber es 
steht lange nicht voran in der Neurose und — sonderbar — wenn 
er wirklich solche Feindseligkeit, nur gegen das Pferd anstatt gegen 
den Vater gerichtet, als Hauptsymptom entwickelt hätte, würden 
wir gar nicht geurteilt haben, er befinde sich in einer Neurose. 
Etwas ist also da nicht in Ordnung, entweder an unserer Auf- 
fassung der Verdrängung oder in unserer Definition eines Symptoms. 
Eines fällt uns natürlich sofort auf: Wenn der kleine Hans wirk- 
lich ein solches Verhalten gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja 
der Charakter der anstößigen, aggressiven Triebregung durch die 
Verdrängung gar nicht verändert, nur deren Objekt gewandelt 
worden. 



• 



Hemmung, Symptom und Angst 



43 



Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung gibt, die nicht 
mehr leisten als dies; bei der Genese der Phobie des kleinen 
Hans ist aber mehr geschehen. Um wieviel mehr, erraten wir aus 
einem anderen Stück Analyse. 

Wir haben bereits gehört, daß der kleine Hans als den Inhalt 
seiner Phobie die Vorstellung angab, vom Pferd gebissen zu werden. 
Nun haben wir später Einblick in die Genese eines anderen Falles 
von Tierphobie bekommen, in der der Wolf das Angsttier war, 
aber gleichfalls die Bedeutung eines Vaterersatzes hatte. 1 Im Anschluß 
an einen Traum, den die Analyse durchsichtig machen konnte, ent- 
wickelte sich bei diesem Knaben die Angst, vom Wolf gefressen zu 
werden, wie eines der sieben Geißlein im Märchen. Daß der Vater 
des kleinen Hans nachweisbar „Pferdl" mit ihm gespielt hatte, war 
gewiß bestimmend für die Wahl des Angsttieres geworden 5 ebenso ließ 
sich wenigstens sehr wahrscheinlich machen, daß der Vater meines 
erst im dritten Jahrzehnt analysierten Russen in den Spielen mit dem 
Kleinen den Wolf gemimt und scherzend mit dem Auffressen gedroht 
hatte. Seither habe ich als dritten Fall einen jungen Amerikaner 
gefunden, bei dem sich zwar keine Tierphobie ausbildete, der aber 
gerade durch diesen Ausfall die anderen Fälle verstehen hilft. Seine 
sexuelle Erregung hatte sich an einer phantastischen Kindergeschichte 
entzündet, die man ihm vorlas, von einem arabischen Häuptling, der 
einer aus eßbarer Substanz bestehenden Person (dem Gingerbreadman), 
nachjagt, um ihn zu verzehren. Mit diesem eßbaren Menschen identi- 
fizierte er sich selbst, der Häuptling war als Vaterersatz leicht kennt- 
lich und diese Phantasie wurde die erste Unterlage seiner autoeroti- 
schen Betätigung. Die Vorstellung, vom Vater gefressen zu werden, 
ist aber typisches uraltes Kindergut; die Analogien aus der Mytho- 
logie (Kronos) und dem Tierleben sind allgemein bekannt. 

Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungsinhalt uns 
so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur ungläubig zugestehen 

1) Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. [Bd. VIII dieser Gesamtausgabe.] 



44 



Schriften aus den Jahren I<)2} — 1926 



As 



können. Wir wissen auch nicht, ob er wirklich das bedeutet, was er 
auszusagen scheint, und verstehen nicht, wie er Gegenstand einer 
Phobie werden kann. Die analytische Erfahrung gibt uns allerdings 
die erforderlichen Auskünfte. Sie lehrt uns, daß die Vorstellung, vom 
Vater gefressen zu werden, der regressiv erniedrigte Ausdruck für 
eine passive zärtliche Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne 
der Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die Verfolgung der 
Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser 
Deutung aufkommen. Die genitale Regung verrät freilich nichts mehr 
von ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache der über- 
wundenen Übergangsphase von der oralen zur sadistischen Libido« 
Organisation ausgedrückt wird. Handelt es sich übrigens nur um eine 
Ersetzung der Repräsentanz durch einen regressiven Ausdruck oder 
um eine wirkliche regressive Erniedrigung der geni talgerichteten 
Regung im Es? Das scheint gar nicht so leicht zu entscheiden. Die 
Krankengeschichte des russischen „Wolfsmannes" spricht ganz ent- 
schieden für die letztere ernstere Möglichkeit, denn er benimmt sich 
von dem entscheidenden Traum an „schlimm", quälerisch, sadistisch 
und entwickelt bald darauf eine richtige Zwangsneurose. Jedenfalls 
gewinnen wir die Einsicht, daß die Verdrängung nicht das einzige 
Mittel ist, das dem Ich zur Abwehr einer unliebsamen Triebregung 
zu Gebote steht. Wenn es ihm gelingt, den Trieb zur Regression zu 
bringen, so hat es ihn im Grunde energischer beeinträchtigt, als durch 
die Verdrängung möglich wäre. Allerdings läßt es manchmal der 
zuerst erzwungenen Regression die Verdrängung folgen. 

Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas einfachere beim 
kleinen Hans regen noch mancherlei andere Überlegungen an, aber 
zwei unerwartete Einsichten gewinnen wir schon jetzt. Kein Zweifel, 
die bei diesen Phobien verdrängte Triebregung ist eine feindselige 
gegen den Vater. Man k ann sagen, sie wird verdrängt durch den Prozeß 
der Verwandlung ins Gegenteil; an Stelle der Aggression gegen den 
Vater tritt die Aggression — die Rache — des Vaters gegen die eigene 
Person. Da eine solche Aggression ohnedies in der sadistischen Libido- 



-1 



Hemmung, Symptom und Angst 45 



phase wurzelt, bedarf sie nur noch einer gewissen Erniedrigung zur 
oralen Stufe, die bei Hans durch das Gebissenwerden angedeutet, beim 
Russen aber im Gefressenwerden grell ausgeführt ist. Aber außerdem 
läßt ja die Analyse über jeden Zweifel gesichert feststellen, daß gleich- 
zeitig noch eine andere Triebregung der Verdrängung erlegen ist, 
die gegensinnige einer zärtlichen passiven Regung für den Vater, die 
bereits das Niveau der genitalen (phallischen) Libidoorganisation er- 
reicht hatte. Die letztere scheint sogar die für das Endergebnis des 
Verdrängungsvorganges bedeutsamere zu sein, sie erfährt die weiter- 
gehende Regression, sie erhält den bestimmenden Einfluß auf den 
Inhalt der Phobie. Wo wir also nur einer Trieb Verdrängung nach- 
gespürt haben, müssen wir das Zusammentreffen von zwei solchen 
Vorgängen anerkennen; die beiden betroffenen Triebregungen — 
sadistische Aggression gegen den Vater und zärtlich passive Ein- 
stellung zu ihm — bilden ein Gegensatzpaar, ja noch mehr: wenn 
wir die Geschichte des kleinen Hans richtig würdigen, erkennen wir, 
daß durch die Bildung seiner Phobie auch die zärtliche Objekt- 
besetzung der Mutter aufgehoben worden ist, wovon der Inhalt der 
Phobie nichts verrät. Es handelt sich bei Hans — beim Russen ist 
das weit weniger deutlich — um einen Verdrängungsvorgang, der 
fast alle Komponenten des Ödipus-Komplexes betrifft, die feind- 
liche wie die zärtliche Regung gegen den Vater und die zärtliche 
für die Mutter. 

Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die wir nur ein- 
fache Fälle von Symptombildung infolge von Verdrängung studieren 
wollten und uns in dieser Absicht an die frühesten und anscheinend 
durchsichtigsten Neurosen der Kindheit gewendet hatten. Anstatt 
einer einzigen Verdrängung fanden wir eine Häufung von solchen 
vor und überdies bekamen wir es mit der Regression zu tun. Viel- 
leicht haben wir die Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die 
beiden verfügbaren Analysen von Tierphobien — die des kleinen 
Hans und des Wolfsmannes — durchaus auf denselben Leisten schlagen 
wollten. Nun fallen uns gewisse Unterschiede der beiden auf. Nur 



46 



Schriften aus den Jahren 1923 — 1926 



1> 



vom kleinen Hans kann man mit Bestimmtheit aussagen, daß er 
durch seine Phobie die beiden Hauptregungen des Ödipus-Komplexes, 
die aggressive gegen den Vater und die überzärtliche gegen die 
Mutter, erledigt; die zärtliche für den Vater ist gewiß auch vor- 
handen, sie spielt ihre Rolle bei der Verdrängung ihres Gegensatzes, 
aber es ist weder nachweisbar, daß sie stark genug war, um eine 
Verdrängung zu provozieren, noch daß sie nachher aufgehoben ist. 
Hans scheint eben ein normaler Junge mit sogenanntem „positiven" 
Ödipus-Komplex gewesen zu sein. Möglich, daß die Momente, die 
wir vermissen, auch bei ihm mittätig waren, aber wir können sie 
nicht aufzeigen, das Material selbst unserer eingehendsten Analysen 
ist eben lückenhaft, unsere Dokumentierung unvollständig. Beim 
Russen ist der Defekt an anderer Stelle; seine Beziehung zum 
weiblichen Objekt ist durch eine frühzeitige Verführung gestört 
worden, die passive, feminine Seite ist bei ihm stark ausgebildet 
und die Analyse seines Wolfstraumes enthüllt wenig von beab- 
sichtigter Aggression gegen den Vater, erbringt dafür die unzwei- 
deutigsten Beweise, daß die Verdrängung die passive, zärtliche Ein- 
stellung zum Vater betrifft. Auch hier mögen die anderen Faktoren 
beteiligt gewesen sein, sie treten aber nicht vor. Wenn trotz dieser 
Unterschiede der beiden Fälle, die sich nahezu einer Gegensätz- 
lichkeit nähern, der Enderfolg der Phobie nahezu der nämliche 
ist, so muß uns die Erklärung dafür von anderer Seite kommen; 
sie kommt von dem zweiten Ergebnis unserer kleinen vergleichenden 
Untersuchung. Wir glauben den Motor der Verdrängung in beiden 
Fällen zu kennen und sehen seine Rolle durch den Verlauf bestätigt, 
den die Entwicklung der zwei Kinder nimmt. Er ist in beiden 
Fallen der nämliche, die Angst vor einer drohenden Kastration. 
Aus Kastrationsangst gibt der kleine Hans die Aggression gegen 
den Vater auf; seine Angst, das Pferd werde ihn beißen, kann 
zwanglos vervollständigt werden, das Pferd werde ihm das Genitale 
abbeißen, ihn kastrieren. Aber aus Kastrationsangst verzichtet auch 
der kleine Russe auf den Wunsch, vom Vater als Sexualobjekt geliebt 






Hemmung, Symptom und Angst 4 7 

zu werden, denn er hat verstanden, eine solche Beziehung hätte 
zur Voraussetzung, daß er sein Genitale aufopfert, das, was ihn 
vom Weib unterscheidet. Beide Gestaltungen des Ödipus-Komplexes, 
die normale, aktive, wie die invertierte, scheitern ja am Kastrations- 
komplex. Die Angstidee des Russen, vom Wolf gefressen zu werden, 
enthält zwar keine Andeutung der Kastration, sie hat sich durch 
orale Regression zu weit von der phallischen Phase entfernt, aber 
die Analyse seines Traumes macht jeden anderen Beweis überflüssig. | 
Es ist auch ein voller Triumph der Verdrängung, daß im Wort- 
laut der Phobie nichts mehr auf die Kastration hindeutet. 

Hier nun das unerwartete Ergebnis: In beiden Fällen ist der 
Motor der Verdrängung die Kastrationsangst; die Angstinhalte, vom 
Pferd gebissen und vom Wolf gefressen zu werden, sind Ent- JA-, ' 
Stellungsersatz für den Inhalt, vom Vater kastriert zu werden. 
Dieser Inhalt ist es eigentlich, der die Verdrängung an sich 
erfahren hat. Beim Russen war er Ausdruck eines Wunsches, der 
gegen die Auflehnung der Männlichkeit nicht bestehen konnte, 
bei Hans Ausdruck einer Reaktion, welche die Aggression in ihr 
Gegenteil umwandelte. Aber der Angstaffekt der Phobie, der ihr 
Wesen ausmacht, stammt nicht aus dem Verdrängungsvorgang, 
nicht aus den libidinösen Besetzungen der verdrängten Regungen, 
sondern aus dem Verdrängenden selbst; die Angst der Tierphobie 
ist die unverwandelte Kastrationsangst, also eine Realangst, Angst 
vor einer wirklich drohenden oder als real beurteilten Gefahr. 
Hier macht die Angst die Verdrängung, nicht, wie ich früher 
gemeint habe, die Verdrängung die Angst. 

Es ist nicht angenehm, daran zu denken, aber es hilft nichts, es 
zu verleugnen, ich habe oftmals den Satz vertreten, durch die Ver- 
drängung werde die Triebrepräsentanz entstellt, verschoben u. dgl., 
die Libido der Triebregung aber in Angst verwandelt. Die Unter- 
suchung der Phobien, die vor allem berufen sein sollte diesen 
Satz zu erweisen, bestätigt ihn also nicht, sie scheint ihm viel- 
mehr direkt zu widersprechen. Die Angst der Tierphobien ist die 






48 Schriften aus den Jahren 192} — 1926 

Kastrationsangst des Ichs, die der weniger gründlich studierten 
Agoraphobie scheint Versuchungsangst zu sein, die ja genetisch mit 
der Rastrationsangst zusammenhängen muß. Die meisten Phobien 
gehen, so weit wir es heute übersehen, auf eine solche Angst des 
Ichs vor den Ansprüchen der Libido zurück. Immer ist dabei die 
Angsteinstellung des Ichs das Primäre und der Antrieb zur Ver- 
drängung. Niemals geht die Angst aus der verdrängten Libido 
hervor. Wenn ich mich früher begnügt hätte zu sagen, nach der 
Verdrängung erscheint an Stelle der zu erwartenden Äußerung 
von Libido ein Maß von Angst, so hätte ich heute nichts zurück- 
zunehmen. Die Beschreibung ist richtig und zwischen der Stärke 
der zu verdrängenden Regung und der Intensität der resultieren- 
den Angst besteht wohl die behauptete Entsprechung. Aber ich 
gestehe, ich glaubte mehr als eine bloße Beschreibung zu geben, 
ich nahm an, daß ich den metapsychologischen Vorgang einer 
direkten Umsetzung der Libido in Angst erkannt hatte 5 das kann 
ich also heute nicht mehr festhalten. Ich konnte auch früher nicht 
angeben, wie sich eine solche Umwandlung vollzieht. 

Woher schöpfte ich überhaupt die Idee dieser Umsetzung? Zur 
Zeit, als es uns noch sehr ferne lag, zwischen Vorgängen im Ich 
und Vorgängen im Es zu unterscheiden, aus dem Studium der 
Aktualneurosen. Ich fand, daß bestimmte sexuelle Praktiken wie 
Coitus interruptus, frustrane Erregung, erzwungene Abstinenz Angst- 
ausbrüche und eine allgemeine Angstbereitschaft erzeugen, also 
immer, wenn die Sexualerregung in ihrem Ablauf zur Befriedi- 
gung gehemmt, aufgehalten oder abgelenkt wird. Da die Sexual- 
erregung der Ausdruck libidinöser Triebregungen ist, schien es 
nicht gewagt anzunehmen, daß die Libido sich durch die Ein- 
wirkung solcher Störungen in Angst verwandelt. Nun ist diese 
Beobachtung auch heute noch giltig; 5 anderseits ist nicht abzu- 
weisen, daß die Libido der Es -Vorgänge durch die Anregung der 
Verdrängung eine Störung erfährt; es kann also noch immer richtig 
sein, daß sich bei der Verdrängung Angst aus der Libidobesetzung 






L 



Hemmung, Symptom und Angst a q 

der Triebregungen bildet. Aber wie soll man dieses Ergebnis mit 
dem anderen zusammenbringen, daß die Angst der Phobien eine 
Ich -Angst ist, im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung hervor- 
geht, sondern die Verdrängung hervorruft? Das scheint ein Wider- 
spruch und nicht einfach zu lösen. Die Reduktion der beiden 
Ursprünge der Angst, auf einen einzigen läßt sich nicht leicht 
durchsetzen. Man kann es mit der Annahme versuchen, daß das 
Ich in der Situation des gestörten Koitus, der unterbrochenen 
Erregung, der Abstinenz, Gefahren wittert, auf die es mit Angst 
reagiert, aber es ist nichts damit zu machen. Anderseits scheint 
die Analyse der Phobien, die wir vorgenommen haben, eine Be- 
richtigung nicht zuzulassen. Non llquet! 



Freud XI. 






V 



Wir wollten die Symptombildung und den sekundären Kampf 
des Ichs gegen das Symptom studieren, aber wir haben offenbar 
mit der Wahl der Phobien keinen glücklichen Griff getan. Die 
Angst, welche im Bild dieser Affektionen vorherrscht, erscheint 
uns nun als eine den Sachverhalt verhüllende Komplikation. Es 
gibt reichlich Neurosen, bei denen sich nichts von Angst zeigt. 
Die echte Konversionshysterie ist von solcher Art, deren schwerste 
Symptome ohne Beimengung von Angst gefunden werden. Schon 
diese Tatsache müßte uns warnen, die Beziehungen zwischen Angst 
und Symptombildung nicht allzu fest zu knüpfen. Den Konversions- 
hysterien stehen die Phobien sonst so nahe, daß ich mich für 
berechtigt gehalten habe, ihnen diese als „Angsthysterie" anzu- 
reihen. Aber niemand hat noch die Bedingung angeben können, 
die darüber entscheidet, ob ein Fall die Form einer Konversions- 
hysterie oder einer Phobie annimmt, niemand also die Bedingung 
der Angstentwicklung bei der Hysterie ergründet. 

Die häufigsten Symptome der Konversionshysterie, eine moto- 
rische Lähmung, Kontraktur oder unwillkürliche Aktion oder Ent- 
ladung, ein Schmerz, eine Halluzination, sind entweder permanent 
festgehaltene oder intermittierende Besetzungs Vorgänge, was der 
Erklärung neue Schwierigkeiten bereitet. Man weiß eigentlich nicht 
viel über solche Symptome zu sagen. Durch die Analyse kann 
man erfahren, welchen gestörten Erregungsablauf sie ersetzen. Zu- 



Hemmung, Symptom und Angst -j 

meist ergibt sich, daß sie selbst einen Anteil an diesem haben so 
als ob sich die gesamte Energie desselben auf dies eine Stück 
konzentriert hätte. Der Schmerz war in der Situation, in welcher 
die Verdrängung vorfiel, vorhanden; die Halluzination war damals 
Wahrnehmung, die motorische Lähmung ist die Abwehr einer 
Aktion, die in jener Situation hätte ausgeführt werden sollen, aber 
gehemmt wurde, die Kontraktur gewöhnlich eine Verschiebung 
für eine damals intendierte Muskelinnervation an anderer Stelle, 
der Krampfanfall Ausdruck eines Affektausbruches, der sich der 
normalen Kontrolle des Ichs entzogen hat. In ganz auffälligem 
Maße wechselnd ist die Unlustempfindung, die das Auftreten der 
Symptome begleitet. Bei den permanenten, auf die Motilität ver- 
schobenen Symptomen, wie Lähmungen und Kontrakturen, fehlt 
sie meistens gänzlich, das Ich verhält sich gegen sie wie unbeteiligt; 
bei den intermittierenden und den Symptomen der sensorischen 
Sphäre werden in der Regel deutliche Unlustempfindungen ver- 
spürt, die sich im Falle des Schmerzsymptoms zu exzessiver Höhe 
steigern können. Es ist sehr schwer, in dieser Mannigfaltigkeit 
das Moment herauszufinden, das solche Differenzen ermöglicht und 
sie doch einheitlich erklären läßt. Auch vom Kampf des Ichs gegen 
das einmal gebildete Symptom ist bei der Konversionshysterie wenig 
zu merken. Nur wenn die Schmerzempfindlichkeit einer Körper- 
stelle zum Symptom geworden ist, wird diese in den Stand gesetzt, 
eine Doppelrolle zu spielen. Das Schmerzsymptom tritt ebenso sicher 
auf, wenn diese Stelle von außen berührt wird, wie wenn die von 
ihr vertretene pathogene Situation von innen her assoziativ aktiviert 
wird, und das Ich ergreift Vorsichtsmaßregeln, um die Erweckung 
des Symptoms durch äußere Wahrnehmung hintanzuhalten. Woher 
die besondere Undurchsichtigkeit der Symptombildung bei der Kon- 
versionshysterie rührt, können wir nicht erraten, aber sie gibt uns 
ein Motiv, das unfruchtbare Gebiet bald zu verlassen. 

Wir wenden uns zur Zwangsneurose in der Erwartung, hier 
mehr über die Symptombildung zu erfahren. Die Symptome der 

4' 



5? Schriften ans den Jahren 192] — 1926 



Zwangsneurose sind im allgemeinen von zweierlei Art und ent- 
gegengesetzter Tendenz. Es sind entweder Verbote, Vorsichtsmaß- 
regeln, Bußen, also negativer Natur, oder im Gegenteil Ersatz- 
befriedigungen, sehr häufig in symbolischer Verkleidung. Von diesen 
zwei Gruppen ist die negative, abwehrende, strafende, die ältere; 
mit der Dauer des Krankseins nehmen aber die aller Abwehr spotten- 
den Befriedigungen überhand. Es ist ein Triumph der Symptom- 
bildung, wenn es gelingt, das Verbot mit der Befriedigung zu 
verquicken, so daß das ursprünglich abwehrende Gebot oder Verbot 
auch die Bedeutung einer Befriedigung bekommt, wozu oft sehr 
künstliche Verbindungswege in Anspruch genommen werden. In 
dieser Leistung zeigt sich die Neigung zur Syntbese, die wir dem 
Ich bereits zuerkannt haben. In extremen Fällen bringt es der 
Kranke zustande, daß die meisten seiner Symptome zu ihrer ur- 
sprünglichen Bedeutung auch die des direkten Gegensatzes erworben 
haben, ein Zeugnis für die Macht der Ambivalenz, die, wir wissen 
nicht warum, in der Zwangsneurose eine so große Rolle spielt. 
Im rohesten Fall ist das Symptom zweizeitig, d. h. auf die Handlung, 
die eine gewisse Vorschrift ausführt, folgt unmittelbar eine zweite, 
die sie aufhebt oder rückgängig macht, wenngleich sie noch nicht 
wagt, ihr Gegenteil auszuführen. 

Zwei Eindrücke ergeben sich sofort aus dieser flüchtigen Über- 
schau der Zwangssymptome. Der erste, daß hier ein fortgesetzter 
Kampf gegen das Verdrängte unterhalten wird, der sich immer 
mehr zu Ungunsten der verdrängenden Kräfte wendet, und zweitens, 
daß Ich und Über-Ich hier einen besonders großen Anteil an der 
Symptombildung nehmen. 

Die Zwangsneurose ist wohl das interessanteste und dankbarste 
Objekt der analytischen Untersuchung, aber noch immer als Problem 
unbezwungen. Wollen wir in ihr Wesen tiefer eindringen, so müssen 
wir eingestehen, daß unsichere Annahmen und unbewiesene Ver- 
mutungen noch nicht entbehrt werden können. Die Ausgangs- 
situation der Zwangsneurose ist wohl keine andere als die der 



Hemmung, Symptom u nd Angst », 

Hysterie, die notwendige Abwehr der libidinösen Ansprüche des 
Ödipus-Komplexes. Auch scheint sich bei jeder Zwangsneurose eine 
unterste Schicht sehr früh gebildeter hysterischer Symptome zu 
finden. Dann aber wird die weitere Gestaltung durch einen kon- 
stitutionellen Faktor entscheidend verändert. Die genitale Organi- 
sation der Libido erweist sich als schwächlich und zu wenig resistent. 
Wenn das Ich sein Abwehrstreben beginnt, so erzielt es als ersten 
Erfolg, daß die Genitalorganisation (der phallischen Phase) ganz 
oder teilweise auf die frühere sadistisch-anale Stufe zurückgeworfen 
wird. Diese Tatsache der Regression bleibt für alles folgende 
bestimmend. 

Man kann noch eine andere Möglichkeit in Erwägung ziehen. 
Vielleicht ist die Regression nicht die Folge eines konstitutionellen, 
sondern eines zeitlichen Faktors. Sie wird nicht darum ermöglicht 
werden, weil die Genitalorganisation der Libido zu schwächlich 
geraten, sondern weil das Sträuben des Ichs zu frühzeitig, noch 
während der Blüte der sadistischen Phase eingesetzt hat. Einer 
sicheren Entscheidung getraue ich mich auch in diesem Punkte 
nicht, aber die analytische Beobachtung begünstigt diese Annahme 
nicht. Sie zeigt eher, daß bei der Wendung zur Zwangsneurose 
die phallische Stufe bereits erreicht ist. Auch ist das Lebensalter 
für den Ausbruch dieser Neurose ein späteres als das der Hysterie 
(die zweite Kindheitsperiode, nach dem Termin der Latenzzeit), 
und in einem Fall von sehr später Entwicklung dieser Affektion, 
den ich studieren konnte, ergab es sich klar, daß eine reale Ent- 
wertung des bis dahin intakten Genitallebens die Bedingung für die 
Regression und die Entstehung der Zwangsneurose schuf. 1 

Die metapsychologische Erklärung der Regression suche ich in 
einer „Triebentmischung", in der Absonderung der erotischen Kom- 
ponenten, die mit Beginn der genitalen Phase zu den destruktiven 
Besetzungen der sadistischen Phase hinzugetreten waren. 



1) Siehe: Die Disposition zur Zwangsneurose. [Bd. V dieser Gesamtausgabe.! 






54 Schriften aus den Jahren IJ2} — 1926 

Die Erzwingung der Regression bedeutet den ersten Erfolg des 
Ichs im Abwehrkampf gegen den Anspruch der Libido. Wir unter- 
scheiden hier zweckmäßig die allgemeinere Tendenz der „Abwehr" 
von der „Verdrängung", die nur einer der Mechanismen ist, deren 
sich die Abwehr bedient. Vielleicht noch klarer als bei normalen 
und hysterischen Fällen erkennt man bei der Zwangsneurose als 
den Motor der Abwehr den Kastrationskomplex, als das Abgewehrte 
die Strebungen des Ödipus-Komplexes. Wir befinden uns nun zu 
Beginn der Latenzzeit, die durch den Untergang des Ödipus- 
Komplexes, die Schöpfung oder Konsolidierung des Über-Ichs und 
die Aufrichtung der ethischen und ästhetischen Schranken im Ich 
gekennzeichnet ist. Diese Vorgänge gehen bei der Zwangsneurose 
über das normale Maß hinaus; zur Zerstörung des Ödipus-Komplexes 
tritt die regressive Erniedrigung der Libido hinzu, das Über-Ich 
wird besonders strenge und lieblos, das Ich entwickelt im Gehorsam 
gegen das Über-Ich hohe Reaktionsbildungen von Gewissenhaftigkeit, 
Mitleid, Reinlichkeit. Mit unerbittlicher, darum nicht immer erfolg- 
reicher Strenge wird die Versuchung zur Fortsetzung der früh- 
infantilen Onanie verpönt, die sich nun an regressive (sadistisch- 
anale) Vorstellungen anlehnt, aber doch den unbezwungenen Anteil 
der phallischen Organisation repräsentiert. Es liegt ein innerer 
Widerspruch darin, daß gerade im Interesse der Erhaltung der 
Männlichkeit (Kastrationsangst) jede Betätigung dieser Männlichkeit 
verhindert wird, aber auch dieser Widerspruch wird bei der Zwangs- 
neurose nur übertrieben, er haftet bereits an der normalen Art 
der Beseitigung des Ödipus-Komplexes. Wie jedes Übermaß den 
Keim zu seiner Selbstaufhebung in sich trägt, wird sich auch an der 
Zwangsneurose bewähren, indem gerade die unterdrückte Onanie 
sich in der Form der Zwangshandlungen eine immer weitergehende 
Annäherung an die Befriedigung erzwingt. 

Die Reaktionsbildungen im Ich der Zwangsneurotiker, die wir 
als Übertreibungen der normalen Charakterbildung erkennen, dürfen 
wir als einen neuen Mechanismus der Abwehr neben die Regression 



1 



Hemmung, Symptom und Angst ss 

und die Verdrängung hinstellen. Sie scheinen bei der Hysterie 
zu fehlen oder weit schwächer zu sein. Rückschauend gewinnen 
wir so eine Vermutung, wodurch der Abwehrvorgang der Hysterie 
ausgezeichnet ist. Es scheint, daß er sich auf die Verdrängung 
einschränkt, indem das Ich sich von der unliebsamen Triebregung 
abwendet, sie dem Ablauf im Unbewußten überläßt und an ihren 
Schicksalen keinen weiteren Anteil nimmt. So ganz ausschließend 
richtig kann das zwar nicht sein, denn wir kennen ja den Fall, 
daß das hysterische Symptom gleichzeitig die Erfüllung einer Straf- 
anforderung des Über-Ichs bedeutet, aber es mag einen allgemeinen 
Charakter im Verhalten des Ichs bei der Hysterie beschreiben. 

Man kann es einfach als Tatsache hinnehmen, daß sich bei der 
Zwangsneurose ein so strenges Uber-Ich bildet, oder man kann 
daran denken, daß der fundamentale Zug dieser Affektion die Libido- 
regression ist, und versuchen, auch den Charakter des Über-Ichs 
mit ihr zu verknüpfen. In der Tat kann ja das Über-Ich, das aus 
dem Es stammt, sich der dort eingetretenen Regression und Trieb- 
entmischung nicht entziehen. Es wäre nicht zu verwundern, wenn 
es seinerseits härter, quälerischer, liebloser würde als bei normaler 
Entwicklung. 

Während der Latenzzeit scheint die Abwehr der Onanieversuchung 
als Hauptaufgabe behandelt zu werden. Dieser Kampf erzeugt eine 
Reihe von Symptomen, die bei den verschiedensten Personen in 
typischer Weise wiederkehren und im allgemeinen den Charakter 
des Zeremoniells tragen. Es ist sehr zu bedauern, daß sie noch 
nicht gesammelt und systematisch analysiert worden sind ; als früheste 
Leistungen der Neurose würden sie über den hier verwendeten 
Mechanismus der Symptombildung am ehesten Licht verbreiten. 
Sie zeigen bereits die Züge, welche in einer späteren schweren 
Erkrankung so verhängnisvoll hervortreten werden: die Unter- 
bringung an den Verrichtungen, die später wie automatisch aus- 
geführt werden sollen, am Schlafengehen, Waschen und Ankleiden, 
an der Lokomotion, die Neigung zur Wiederholung und zum Zeit- 



5^ Schriften aus den Jahren 1^2} — 1<)26 

aufwand. Warum das so geschieht, ist noch keineswegs verständlich; 
die Sublimierung analerotischer Komponenten spielt dabei eine deut- 
liche Rolle. 

Die Pubertät macht in der Entwicklung der Zwangsneurose einen 
entscheidenden Abschnitt. Die in der Kindheit abgebrochene Genital- 
organisation setzt nun mit großer Kraft wieder ein. Wir wissen 
aber, daß die Sexualentwicklung der Kinderzeit auch für den Neu- 
beginn der Pubertätsjahre die Richtung vorschreibt. Es werden also 
einerseits die aggressiven Regungen der Frühzeit wieder erwachen, 
anderseits muß ein mehr oder minder großer Anteil der neuen 
libidinösen Regungen — in bösen Fällen deren Ganzes — die 
durch die Regression vorgezeichneten Bahnen einschlagen und als 
aggressive und destruktive Absichten auftreten. Infolge dieser Ver- 
kleidung der erotischen Strebungen und der starken Reaktions- 
bildungen im Ich, wird nun der Kampf gegen die Sexualität 
unter ethischer Flagge weitergeführt. Das Ich sträubt sich ver- 
wundert gegen grausame und gewalttätige Zumutungen, die ihm 
vom Es her ins Bewußtsein geschickt werden, und ahnt nicht, 
daß es dabei erotische Wünsche bekämpft, darunter auch solche, 
die sonst seinem Einspruch entgangen wären. Das überstrenge Über- 
ich besteht um so energischer auf der Unterdrückung der Sexualität, 
da sie so abstoßende Formen angenommen hat. So zeigt sich der 
Konflikt bei der Zwangsneurose nach zwei Richtungen verschärft, 
das Abwehrende ist intoleranter, das Abzuwehrende unerträglicher 
geworden; beides durch den Einfluß des einen Moments, der Libido- 
regression. 

Man könnte einen Widerspruch gegen manche unserer Voraus- 
setzungen darin finden, daß die unliebsame Zwangsvorstellung über- 
haupt bewußt wird. Allein es ist kein Zweifel, daß sie vorher den 
Prozeß der Verdrängung durchgemacht hat. In den meisten Fällen 
ist der eigentliche Wortlaut der aggressiven Triebregung dem Ich 
überhaupt nicht bekannt. Es gehört ein gutes Stück analytischer 
Arbeit dazu, um ihn bewußt zu machen. Was zum Bewußtsein 



Hemmung, Symptom und Angst c 7 

durchdringt, ist in der Regel nur ein entstellter Ersatz, entweder 
von einer verschwommenen, traumhaften Unbestimmtheit, oder un- 
kenntlich gemacht durch eine absurde Verkleidung. Wenn die Ver- 
drängung nicht den Inhalt der aggressiven Triebregung angenagt 
hat, so hat sie doch gewiß den sie begleitenden Affektcharakter 
beseitigt. So erscheint die Aggression dem Ich nicht als ein Impuls, 
sondern, wie die Kranken sagen, als ein bloßer „Gedankeninhalt", 
der einen kalt lassen sollte. Das Merkwürdigste ist, daß dies doch 
nicht der Fall ist. 

Der bei der Wahrnehmung der Zwangsvorstellung ersparte Affekt 
kommt nämlich an anderer Stelle zum Vorschein. Das Über-Ich 
benimmt sich so, als hätte keine Verdrängung stattgefunden, als 
wäre ihm die aggressive Regung in ihrem richtigen Wortlaut und 
mit ihrem vollen Affektcharakter bekannt, und behandelt das Ich 
auf Grund dieser Voraussetzung. Das Ich, das sich einerseits schuldlos 
weiß, muß anderseits ein Schuldgefühl verspüren und eine Ver- 
antwortlichkeit tragen, die es sich nicht zu erklären weiß. Das 
Rätsel, das uns hiemit aufgegeben wird, ist aber nicht so groß, 
als es zuerst erscheint. Das Verhalten des Über-Ichs ist durchaus 
verständlich, der Widerspruch im Ich beweist uns nur, daß es sich 
mittels der Verdrängung gegen das Es verschlossen hat, während 
es den Einflüssen aus dem Über-Ich voll zugänglich geblieben ist. 1 
Der weiteren Frage, warum das Ich sich nicht auch der peinigenden 
Kritik des Über-Ichs zu entziehen sucht, macht die Nachricht ein 
Ende, daß dies wirklich in einer großen Reihe von Fällen so ge- 
schieht. Es gibt auch Zwangsneurosen ganz ohne Schuldbewußtsein $ 
soweit wir es verstehen, hat sich das Ich die Wahrnehmung des- 
selben durch eine neue Reihe von Symptomen, Bußhandlungen, Ein- 
schränkungen zur Selbstbestrafung, erspart. Diese Symptome bedeuten 
aber gleichzeitig Befriedigungen masochistischer Triebregungen, die 
ebenfalls aus der Regression eine Verstärkung bezogen haben. 

1) Vgl. Reik: Geständniszwang und Strafbediirfnis. 1925. S. 51. 



58 



Schriften aus den Jahren I'J2) — 1<)2(> 



Die Mannigfaltigkeit in den Erscheinungen der Zwangsneurose 
ist eine so großartige, daß es noch keiner Bemühung gelungen 
ist, eine zusammenhängende Synthese aller ihrer Variationen zu 
geben. Man ist bestrebt, typische Beziehungen herauszuheben und 
dabei immer in Sorge, andere nicht minder wichtige Regelmäßig- 
keiten zu übersehen. 

Die allgemeine Tendenz der Symptombildung bei der Zwangs- 
neurose habe ich bereits beschrieben. Sie geht dahin, der Ersatz- 
befriedigung immer mehr Raum auf Kosten der Versagung zu 
schaffen. Dieselben Symptome, die ursprünglich Einschränkungen 
des Ichs bedeuteten, nehmen dank der Neigung des Ichs zur Syn- 
these später auch die von Befriedigungen an, und es ist unver- 
kennbar, daß die letztere Bedeutung allmählich die wirksamere 
wird. Ein äußerst eingeschränktes Ich, das darauf angewiesen ist, 
seine Befriedigungen in den Symptomen zu suchen, wird das Er- 
gebnis dieses Prozesses, der sich immer mehr dem völligen Fehl- 
schlagen des anfänglichen Abwehrstrebens nähert. Die Verschiebung 
des Kräfteverhältnisses zugunsten der Befriedigung kann zu dem 
gefürchteten Endausgang der Willenslähmung des Ichs führen, das 
für jede Entscheidung beinahe ebenso starke Antriebe von der einen 
wie von der anderen Seite findet. Der überscharfe Konflikt zwischen 
Es und Uber-Ich, der die Affektion von Anfang an beherrscht, kann 
sich so sehr ausbreiten, daß keine der Verrichtungen des zur Ver- 
mittlung unfähigen Ichs der Einbeziehung in diesen Konflikt ent- 
gehen kann. 



VI 

Während dieser Kämpfe kann man zwei symptombildende Tätig- 
keiten des Ichs beobachten, die ein besonderes Interesse verdienen, 
weil sie offenbare Surrogate der Verdrängung sind und darum deren 
Tendenz und Technik schön erläutern können. Vielleicht dürfen 
wir auch das Hervortreten dieser Hilfs- und Ersatztechniken als 
einen Beweis dafür auffassen, daß die Durchführung der regel- 
rechten Verdrängung auf Schwierigkeiten stößt. Wenn wir erwägen, 
daß bei der Zwangsneurose das Ich soviel mehr Schauplatz der Sym- 
ptombildung ist als bei der Hysterie, daß dieses Ich zähe an seiner 
Beziehung zur Realität und zum Bewußtsein festhält und dabei 
alle seine intellektuellen Mittel aufbietet, ja, daß die Denktätigkeit 
überbesetzt, erotisiert, erscheint, werden uns solche Variationen der 
Verdrängung vielleicht näher gebracht. 

Die beiden angedeuteten Techniken sind das Ungeschehen- 
machen und das Isolieren. Die erstere hat ein großes Anwen- 
dungsgebiet und reicht weit zurück. Sie ist sozusagen negative 
Magie, sie will durch motorische Symbolik nicht die Folgen eines 
Ereignisses (Eindruckes, Erlebnisses), sondern dieses selbst „weg- 
blasen". Mit der Wahl dieses letzten Ausdruckes ist darauf hin- 
gewiesen, welche Rolle diese Technik nicht nur in der Neurose, 
sondern auch in den Zauberhandlungen, Volksgebräuchen und im 
religiösen Zeremoniell spielt. In der Zwangsneurose begegnet man 
dem Ungeschehenmachen zuerst bei den zweizeitigen Symptomen, 



6o 



Schriften aus den Jahren I ( )2} — 1926 



wo der zweite Akt den ersten aufliebt, so, als ob nichts geschehen 
wäre, wo in Wirklichkeit beides geschehen ist. Das zwangsneuro- 
tische Zeremoniell hat in der Absicht des Ungeschehenmachens 
seine zweite Wurzel. Die erste ist die Verhütung, die Vorsicht, damit 
etwas Bestimmtes nicht geschehe, sich nicht wiederhole. Der Unter- 
schied ist leicht zu fassen; die Vorsichtsmaßregeln sind rationell, 
die „Aufhebungen" durch Ungeschehenmachen irrationell, magi- 
scher Natur. Natürlich muß man vermuten, daß diese zweite Wurzel 
die ältere, aus der animistischen Einstellung zur Umwelt stammende 
ist. Seine Abschattung zum Normalen findet das Streben zum Un- 
geschehenmachen in dem Entschluß ein Ereignis als „non arrive"' 
zu behandeln, aber dann unternimmt man nichts dagegen, kümmert 
sich weder um das Ereignis noch um seine Folgen, während man 
in der Neurose die Vergangenheit selbst aufzuheben, motorisch zu 
verdrängen sucht. Dieselbe Tendenz kann auch die Erklärung des 
in der Neurose so häufigen Zwanges zur Wiederholung geben, 
bei dessen Ausführung sich dann mancherlei einander widerstreitende 
Absichten zusammenfinden. Was nicht in solcher Weise geschehen 
ist, wie es dem Wunsch gemäß hätte geschehen sollen, wird durch 
die Wiederholung m anderer Weise ungeschehen gemacht, wozu 
nun alle die Motive hinzutreten, bei diesen Wiederholungen zu 
verweilen. Im weiteren Verlauf der Neurose enthüllt sich oft die 
Tendenz, ein traumatisches Erlebnis ungeschehen zu machen, als 
ein symptombildendes Motiv von erstem Range. Wir erhalten so 
unerwarteten Einblick in eine neue, motorische Technik der Ab- 
wehr oder, wie wir hier mit geringerer Ungenauigkeit sagen können, 
der Verdrängung. 

Die andere der neu zu beschreibenden Techniken ist das der 
Zwangsneurose eigentümlich zukommende Isolieren. Es bezieht 
sich gleichfalls auf die motorische Sphäre, besteht darin, daß nach 
einem unliebsamen Ereignis, ebenso nach einer im Sinne der Neurose 
bedeutsamen eigenen Tätigkeit, eine Pause eingeschoben wird, in der 
sie nichts mehr ereignen darf, keine Wahrnehmung gemacht und 



Hemmung, Symptom und Angst 61 



keine Aktion ausgeführt wird. Dies zunächst sonderbare Verhalten 
verrät uns bald seine Beziehung zur Verdrängung. Wir wissen, bei \ 0> ^ 
Hysterie ist es möglich, einen traumatischen Eindruck der Amnesie 
verfallen zu lassen; bei der Zwangsneurose ist dies oft nicht ge- 
lungen, das Erlebnis ist nicht vergessen, aber es ist von seinem 
Affekt entblößt und seine assoziativen Beziehungen sind unterdrückt 
oder unterbrochen, so daß es wie isoliert dasteht und auch nicht im 
Verlaufe der Denktätigkeit reproduziert wird. Der Effekt dieser Iso- 
lierung ist dann der nämliche wie bei der Verdrängung mit Amnesie. 
Diese Technik wird also in den Isolierungen der Zwangsneurose 
reproduziert, aber dabei auch in magischer Absicht motorisch ver- 
stärkt. Was so auseinandergehalten wird, ist gerade das, was assoziativ 
zusammengehört, die motorische Isolierung soll eine Garantie für die 
Unterbrechung des Zusammenhanges im Denken geben. Einen Vor- 
wand für dies Verfahren der Neurose gibt der normale Vorgang der 
Konzentration. Was uns bedeutsam als Eindruck, als Aufgabe er- 
scheint, soll nicht durch die gleichzeitigen Ansprüche anderer Denk- 
verrichtungen oder Tätigkeiten gestört werden. Aber schon im 
Normalen wird die Konzentration dazu verwendet, nicht nur das 
Gleichgültige, nicht Dazugehörige, sondern vor allem das unpassende 
Gegensätzliche fernzuhalten. Als das Störendste wird empfunden, was 
ursprünglich zusammengehört hat und durch den Fortschritt der 
Entwicklung auseinandergerissen wurde, z. B. die Äußerungen der 
Ambivalenz des Vaterkomplexes in der Beziehung zu Gott oder die 
Regungen der Exkretionsorgane in den Liebeserregungen. So hat das 
Ich normalerweise eine große Isolierungsarbeit bei der Lenkung des 
Gedankenablaufes zu leisten, und wir wissen, in der Ausübung der 
analytischen Technik müssen wir das Ich dazu erziehen, auf diese 
sonst durchaus gerechtfertigte Funktion zeitweilig zu verzichten. 

Wir haben alle die Erfahrung gemacht, daß es dem Zwangs- 
neurotiker besonders schwer wird, die psychoanalytische Grundregel 
zu befolgen. Wahrscheinlich infolge der hohen Konfliktspannung 
zwischen seinem Über-Ich und seinem Es ist sein Ich wachsamer, 



62 



Schriften aus den Jahren 192] — 1926 



dessen Isolierungen schärfer. Es hat während seiner Denkarbeit 
zuviel abzuwehren, die Einmengung unbewußter Phantasien, die 
Äußerung der ambivalenten Strebungen. Es darf sich nicht gehen 
lassen, befindet sich fortwährend in Kampfbereitschaft. Diesen Zwang 
zur Konzentration und Isolierung unterstützt es dann durch die 
magischen Isolierungsaktionen, die als Symptome so auffällig und 
praktisch so bedeutsam werden, an sich natürlich nutzlos sind und 
den Charakter des Zeremoniells haben. 

Indem es aber Assoziationen, Verbindung in Gedanken, zu ver- 
hindern sucht, befolgt es eines der ältesten und fundamentalsten 
Gebote der Zwangsneurose, das Tabu der Berührung. Wenn man 
sich die Frage vorlegt, warum die Vermeidung von Berührung, 
Kontakt, Ansteckung in der Neurose eine so große Rolle spielt 
und zum Inhalt so komplizierter Systeme gemacht wird, so findet 
man die Antwort, daß die Berührung, der körperliche Kontakt, 
das nächste Ziel sowohl der aggressiven wie der zärtlichen Objekt- 
besetzung ist. Der Eros will die Berührung, denn er strebt nach 
Vereinigung, Aufhebung der Raumgrenzen zwischen Ich und ge- 
liebtem Objekt. Aber auch die Destruktion, die vor der Erfindung 
der Fernwaffe nur aus der Nähe erfolgen konnte, muß die körper- 
liche Berührung, das Handanlegen voraussetzen. Eine Frau be- 
rühren ist im Sprachgebrauch ein Euphemismus für ihre Benützung 
als Sexualobjekt geworden. Das Glied nicht berühren ist der Wortlaut 
des Verbotes der autoerotischen Befriedigung. Da die Zwangsneurose 
zu Anfang die erotische Berührung, dann nach der Regression die 
als Aggression maskierte Berührung verfolgte, ist nichts anderes für 
sie in so hohem Grade verpönt worden, nichts so geeignet, zum 
Mittelpunkt eines Verbotsystems zu werden. Die Isolierung ist 
aber Aufhebung der Kontaktmöglichkeit, Mittel, ein Ding jeder Be- 
rührung zu entziehen, und wenn der Neurotiker auch einen Ein- 
druck oder eine Tätigkeit durch eine Pause isoliert, gibt er uns 
symbolisch zu verstehen, daß er die Gedanken an sie nicht in 
assoziative Berührung mit anderen kommen lassen will. 



Hemmung, Symptom und Angst 65 

So weit reichen unsere Untersuchungen über die Symptom- 
bildung. Es verlohnt sich kaum, sie zu resümieren, sie sind ergebnis- 
arm und unvollständig geblieben, haben auch wenig gebracht, was 
nicht schon früher bekannt gewesen wäre. Die Symptombildung 
bei anderen Affektionen als bei den Phobien, der Konversions- 
hysterie und der Zwangsneurose in Betracht zu ziehen, wäre aus- 
sichtslos; es ist zu wenig darüber bekannt. Aber auch schon aus der 
Zusammenstellung dieser drei Neurosen erhebt sich ein schwer- 
wiegendes, nicht mehr aufzuschiebendes Problem. Für alle drei ist 
die Zerstörung des Ödipus-Komplexes der Ausgang, in allen, nehmen 
wir an, die Kastrationsangst der Motor des Ichsträubens. Aber nur 
in den Phobien kommt solche Angst zum Vorschein, wird sie ein- 
gestanden. Was ist bei den zwei anderen Formen aus ihr geworden, 
wie hat das Ich sich solche Angst erspart? Das Problem verschärft 
sich noch, wenn wir an die vorhin erwähnte Möglichkeit denken, 
daß die Angst durch eine Art Vergärung aus der im Ablauf ge- 
störten Libidobesetzung selbst hervorgeht, und weiters: steht es 
fest, daß die Kastrationsangst der einzige Motor der Verdrängung 
(oder Abwehr) ist? Wenn man an die Neurosen der Frauen denkt, 
muß man das bezweifeln, denn so sicher sich der Kastrations- 
komplex bei ihnen konstatieren läßt, von einer Kastrationsangst im 
richtigen Sinne kann man bei bereits vollzogener Kastration doch 
nicht sprechen. 



VII 



Kehren wir zu den infantilen Tierphobien zurück, wir verstehen 
diese Fälle doch besser als alle anderen. Das Ich muß also hier gegen 
eine libidinöse Objektbesetzung des Es (die des positiven oder des 
negativen Ödipus-Komplexes) einschreiten, weil es verstanden hat, 
ihr nachzugeben brächte die Gefahr der Kastration mit sich. Wir 
haben das schon erörtert und finden noch Anlaß, uns einen Zweifel 
klar zu machen, der von dieser ersten Diskussion erübrigt ist. Sollen 
wir beim kleinen Hans (also im Falle des positiven Ödipus-Komplexes) 
annehmen, daß es die zärtliche Regung für die Mutter oder die 
aggressive gegen den Vater ist, welche die Abwehr des Ichs heraus- 
fordert? Praktisch schiene das gleichgültig, besonders da die beiden 
Regungen einander bedingen, aber ein theoretisches Interesse knüpft 
sich an die Frage, weil nur die zärtliche Strömung für die Mutter 
als eine rein erotische gelten kann. Die aggressive ist wesentlich vom 
Destruktionstrieb abhängig, und wir haben immer geglaubt, bei der 
Neurose wehre sich das Ich gegen Ansprüche der Libido, nicht der 
anderen Triebe. In der Tat sehen wir, daß nach der Bildung der 
Phobie die zärtliche Mutterbindung wie verschwunden ist, sie ist 
durch die Verdrängung gründlich erledigt worden, an der aggressiven 
Regung hat sich aber die Symptom- (Ersatz-) Bildung vollzogen. Im 
Falle des Wolfsmannes liegt es einfacher, die verdrängte Regung ist 
wirklich eine erotische, die feminine Einstellung zum Vater, und 
an ihr vollzieht sich auch die Symptombildung. 



L 



Hemmung, Symptom und Angst Qe 

Es ist fast beschämend, daß wir nach so langer Arbeit noch 
immer Schwierigkeiten in der Auffassung der fundamentalsten Ver- 
hältnisse finden, aber wir haben uns vorgenommen, nichts zu ver- 
einfachen und nichts zu verheimlichen. Wenn wir nicht klar sehen 
können, wollen wir wenigstens die Unklarheiten scharf sehen. 
Was uns hier im Wege steht, ist offenbar eine Unebenheit in der 
Entwicklung unserer Trieblehre. Wir hatten zuerst die Organi- 
sationen der Libido von der oralen über die sadistisch-anale zur 
genitalen Stufe verfolgt und dabei alle Komponenten des Sexual- 
triebs einander gleichgestellt. Später erschien uns der Sadismus 
als der Vertreter eines andern, dem Eros gegensätzlichen Triebes. 
Die neue Auffassung von den zwei Triebgruppen scheint die frühere 
Konstruktion von sukzessiven Phasen der Libidoorganisation zu 
sprengen. Die hilfreiche Auskunft aus dieser Schwierigkeit brauchen 
wir aber nicht neu zu erfinden. Sie hat sich uns längst geboten 
und lautet, daß wir es kaum jemals mit reinen Triebregungen 
zu tun haben, sondern durchweg mit Legierungen beider Triebe 
in verschiedenen Mengenverhältnissen. Die sadistische Objekt- 
besetzung hat also auch ein Anrecht, als eine libidinöse behandelt 
zu werden, die Organisationen der Libido brauchen nicht revidiert 
zu werden, die aggressive Regung gegen den Vater kann mit 
demselben Anrecht Objekt der Verdrängung werden wie die zärt- 
liche für die Mutter. Immerhin setzen wir als Stoff für spätere 
Überlegung die Möglichkeit beiseite, daß die Verdrängung ein 
Prozeß ist, der eine besondere Beziehung zur Genitalorganisation 
der Libido hat, daß das Ich zu anderen Methoden der Abwehr 
greift, wenn es sich der Libido auf anderen Stufen der Organisation 
zu erwehren hat, und setzen wir fort: Ein Fall wie der des kleinen 
Hans gestattet uns keine Entscheidung; hier wird zwar eine ag- 
gressive Regung durch Verdrängung erledigt, aber nachdem die 
Genitalorganisation bereits erreicht ist. 

Wir wollen diesmal die Beziehung zur Angst nicht aus den 
Augen lassen. Wir sagten, so wie das Ich die Kastrationsgefahr 

Freud XI. s 



66 Schriften aus den Jahren 1925 — 1926 

erkannt hat, gibt es das Angstsignal und inhibiert mittels der Lust- 
Unlust-Instanz auf eine weiter nicht einsichtliche Weise den be- 
drohlichen Besetzungsvorgang im Es. Gleichzeitig vollzieht sich 
die Bildung der Phobie. Die Kastrationsangst erhält ein anderes 
Objekt und einen entstellten Ausdruck: vom Pferd gebissen (vom 
Wolf gefressen), anstatt vom Vater kastriert zu werden. Die Ersatz- 
bildung hat zwei offenkundige Vorteile, erstens, daß sie einem 
Ambivalenzkonflikt ausweicht, denn der Vater ist ein gleichzeitig 
geliebtes Objekt, und zweitens, daß sie dem Ich gestattet, die Angst- 
entwicklung einzustellen. Die Angst der Phobie ist nämlich eine 
fakultative, sie tritt nur auf, wenn ihr Objekt Gegenstand der 
Wahrnehmung wird. Das ist ganz korrekt; nur dann ist nämlich 
die Gefahrsituation vorhanden. Von einem abwesenden Vater braucht 
man auch die Kastration nicht zu befürchten. Nun kann man den 
Vater nicht wegschaffen, er zeigt sich immer, wann er will. Ist er 
aber durch das Tier ersetzt, so braucht man nur den Anblick, d. h. 
die Gegenwart des Tieres zu vermeiden, um frei von Gefahr und 
Angst zu sein. Der kleine Hans legt seinem Ich also eine Ein- 
schränkung auf, er produziert die Hemmung nicht auszugehen, 
um nicht mit Pferden zusammenzutreffen. Der kleine Russe hat 
es noch bequemer, es ist kaum ein Verzicht für ihn, daß er ein 
gewisses Bilderbuch nicht mehr zur Hand nimmt. Wenn die 
schlimme Schwester ihm nicht immer wieder das Bild des auf- 
rechtstehenden Wolfes in diesem Buch vor Augen halten würde, 
dürfte er sich vor seiner Angst gesichert fühlen. 

Ich habe früher einmal der Phobie den Charakter einer Pro- 
jektion zugeschrieben, indem sie eine innere Triebgefahr durch 
eine äußere Wahrnehmungsgefahr ersetzt. Das bringt den Vorteil, 
daß man sich gegen die äußere Gefahr durch Flucht und Ver- 
meidung der Wahrnehmung schützen kann, während gegen die 
Gefahr von innen keine Flucht nützt. Meine Bemerkung ist nicht 
unrichtig, aber sie bleibt an der Oberfläche. Der Triebanspruch 
ist ja nicht an sich eine Gefahr, sondern nur darum, weil er eine 



Hemmung, Symptom und Angst q„ 



richtige äußere Gefahr, die der Kastration, mit sich bringt. So ist 
im Grunde bei der Phobie doch nur eine äußere Gefahr durch 
eine andere ersetzt. Daß das Ich sich bei der Phobie durch eine 
Vermeidung oder ein Hemmungssymptom der Angst entziehen 
kann, stimmt sehr gut zur Auffassung, diese Angst sei nur ein 
Affektsignal und an der ökonomischen Situation sei nichts geändert 
worden. 

Die Angst der Tierphobien ist also eine Affektreaktion des Ichs 
auf die Gefahr; die Gefahr, die hier signalisiert wird, die der Ka- 
stration. Kein anderer Unterschied von der Realangst, die das Ich 
normalerweise in Gefahrsituationen äußert, als daß der Inhalt der 
Angst unbewußt bleibt und nur in einer Entstellung bewußt wird. 

Dieselbe Auffassung wird sich uns, glaube ich, auch für die 
Phobien Erwachsener giltig erweisen, wenngleich das Material, 
das die Neurose verarbeitet, hier sehr viel reichhaltiger ist und einige 
Momente zur Symptombildung hinzukommen. Im Grunde ist es 
das nämliche. Der Agoraphobe legt seinem Ich eine Beschränkung 
auf, um einer Triebgefahr zu entgehen. Die Triebgefahr ist die 
Versuchung, seinen erotischen Gelüsten nachzugeben, wodurch er 
wieder wie in der Kindheit die Gefahr der Kastration, oder eine 
ihr analoge, heraufbeschwören würde. Als einfaches Beispiel führe 
ich den Fall eines jungen Mannes an, der agoraphob wurde, weil 
er befürchtete, den Lockungen von Prostituierten nachzugeben und 
sich zur Strafe Syphilis zu holen. 

Ich weiß wohl, daß viele Fälle eine kompliziertere Struktur 
zeigen, und daß viele andere verdrängte Triebregungen in die 
Phobie einmünden können, aber diese sind nur auxiliär und haben 
sich meist nachträglich mit dem Kern der Neurose in Verbindung 
gesetzt. Die Symptomatik der Agoraphobie wird dadurch kompli- 
ziert, daß das Ich sich nicht damit begnügt, auf etwas zu ver- 
zichten ; es tut noch etwas hinzu, um der Situation ihre Gefahr 
zu benehmen. Diese Zutat ist gewöhnlich eine zeitliche Regression 
in die Kinderjahre (im extremen Fall bis in den Mutterleib, in 



5* 



68 Schriften aus den Jahren I<)2} — 1926 



Zeiten, in denen man gegen die heute drohenden Gefahren ge- 
schützt war) und tritt als die Bedingung auf, unter der der Ver- 
zicht unterbleiben kann. So kann der Agoraphobe auf die Straße 
gehen, wenn er wie ein kleines Kind von einer Person seines 
Vertrauens begleitet wird. Dieselbe Rücksicht mag ihm auch ge- 
statten, allein auszugehen, wenn er sich nur nicht über eine 
bestimmte Strecke von seinem Haus entfernt, nicht in Gegenden 
geht, die er nicht gut kennt und wo er den Leuten nicht bekannt 
ist. In der Auswahl dieser Bestimmungen zeigt sich der Einfluß 
der infantilen Momente, die ihn durch seine Neurose beherrschen. 
Ganz eindeutig, auch ohne solche infantile Regression, ist die Phobie 
vor dem Alleinsein, die im Grunde der Versuchung zur einsamen 
Onanie ausweichen will. Die Bedingung dieser infantilen Regression 
ist natürlich die zeitliche Entfernung von der Kindheit. 

Die Phobie stellt sich in der Regel her, nachdem unter gewissen 
Umständen — auf der Straße, auf der Eisenbahn, im Alleinsein — 
ein erster Angstanfall erlebt worden ist. Dann ist die Angst gebannt, 
tritt aber jedesmal wieder auf, wenn die schützende Bedingung 
nicht eingehalten werden kann. Der Mechanismus der Phobie tut 
als Abwehrmittel gute Dienste und zeigt eine große Neigung zur 
Stabilität. Eine Fortsetzung des Abwehrkampfes, der sich jetzt gegen 
das Symptom richtet, tritt häufig, aber nicht notwendig, ein. 

Was wir über die Angst bei den Phobien erfahren haben, bleibt 
noch für die Zwangsneurose verwertbar. Es ist nicht schwierig, die 
Situation der Zwangsneurose auf die der Phobie zu reduzieren. Der 
Motor aller späteren Symptombildung ist hier offenbar die Angst 
des Ichs vor seinem Über-Ich. Die Feindseligkeit des Über-Ichs 
ist die Gefahrsituation, der sich das Ich entziehen muß. Hier fehlt 
jeder Anschein einer Projektion, die Gefahr ist durchaus verinner- 
licht. Aber wenn wir uns fragen, was das Ich von Seiten des 
Über-Ichs befürchtet, so drängt sich die Auffassung auf, daß die 
Strafe des Über-Ichs eine Fortbildung der Kastrationsstrafe ist. Wie 
das Über-Ich der unpersönlich gewordene Vater ist, so hat sich die 



— m 



Hemmung, Symptom und Angst 69 



Angst vor der durch ihn drohenden Kastration zur unbestimmten 
sozialen oder Gewissensangst umgewandelt. Aber diese Angst ist 
gedeckt, das Ich entzieht sich ihr, indem es die ihm auferlegten 
Gebote, Vorschriften und Bußhandlungen gehorsam ausführt. Wenn 
es daran gehindert wird, dann tritt sofort ein äußerst peinliches 
Unbehagen auf, in dem wir das Äquivalent der Angst erblicken 
dürfen, das die Kranken selbst der Angst gleichstellen. Unser Er- 
gebnis lautet also: Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr- 
situation; sie wird dadurch erspart, daß das Ich etwas tut, um die 
Situation zu vermeiden oder sich ihr zu entziehen. Man könnte 
nun sagen, die Symptome werden geschaffen, um die Angstent- 
wicklung zu vermeiden, aber das läßt nicht tief blicken. Es ist 
richtiger zu sagen, die Symptome werden geschaffen, um die 
Gefahrsituation zu vermeiden, die durch die Angstentwicklung 
signalisiert wird. Diese Gefahr war aber in den bisher betrach- 
teten Fällen die Kastration oder etwas von ihr Abgeleitetes. 

Wenn die Angst die Reaktion des Ichs auf die Gefahr ist, so 
liegt es nahe, die traumatische Neurose, welche sich so häufig an 
überstandene Lebensgefahr anschließt, als direkte Folge der Lebens- 
oder Todesangst mit Beiseitesetzung der Abhängigkeiten des Ichs 
und der Kastration aufzufassen. Das ist auch von den meisten Be- 
obachtern der traumatischen Neurosen des letzten Krieges ge- 
schehen, und es ist triumphierend verkündet worden, nun sei der 
Beweis erbracht, daß eine Gefährdung des Selbsterhaltungstriebes 
eine Neurose erzeugen könne ohne jede Beteiligung der Sexualität 
und ohne Rücksicht auf die komplizierten Annahmen der Psycho- 
analyse. Es ist in der Tat außerordentlich zu bedauern, daß nicht 
eine einzige verwertbare Analyse einer traumatischen Neurose vor- 
liegt. Nicht wegen des Widerspruches gegen die ätiologische Be- 
deutung der Sexualität, denn dieser ist längst durch die Einführung 
des Narzißmus aufgehoben worden, der die libidinöse Besetzung des 
Ichs in eine Reihe mit den Objektbesetzungen bringt und die 
libidinöse Natur des Selbsterhaltungstriebes betont, sondern weil 



7° Schrift en aus den Jahren I<}2) — 1926 

wir durch den Ausfall dieser Analysen die kostbarste Gelegenheit 
zu entscheidenden Aufschlüssen über das Verhältnis zwischen Angst 
und Symptombildung versäumt haben. Es ist nach allem, was wir 
von der Struktur der simpleren Neurosen des täglichen Lebens 
wissen, sehr unwahrscheinlich, daß eine Neurose nur durch die 
objektive Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung der tieferen 
unbewußten Schichten des seelischen Apparats zustande kommen 
sollte. Im Unbewußten ist aber nichts vorhanden, was unserem 
Begriff der Lebensvernichtung Inhalt geben kann. Die Kastration 
wird sozusagen vorstellbar durch die tägliche Erfahrung der 
Trennung vom Darminhalt und durch den bei der Entwöhnung 
erlebten Verlust der mütterlichen Brust; etwas dem Tod Ähn- 
liches ist aber nie erlebt worden oder hat wie die Ohnmacht keine 
nachweisbare Spur hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung 
fest, daß die Todesangst als Analogon der Kastrationsangst auf- 
zufassen ist, und daß die Situation, auf welche das Ich reagiert, 
das Verlassensein vom schützenden Über-Ich — den Schicksals- 
mächten — ist, womit die Sicherung gegen alle Gefahren ein 
Ende hat. Außerdem kommt in Betracht, daß bei den Erlebnissen, 
die zur traumatischen Neurose führen, äußerer Reizschutz durch- 
brochen wird und übergroße Erregungsmengen an den seelischen 
Apparat herantreten, so daß hier die zweite Möglichkeit vorliegt, 
daß Angst nicht nur als Affekt signalisiert, sondern auch aus den 
ökonomischen Bedingungen der Situation neu erzeugt wird. 

Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch regelmäßig 
wiederholte Objektverluste auf die Kastration vorbereitet worden, 
haben wir eine neue Auffassung der Angst gewonnen. Betrach- 
teten wir sie bisher als Affektsignal der Gefahr, so erscheint sie 
uns nun, da es sich so oft um die Gefahr der Kastration handelt, 
als die Reaktion auf einen Verlust, eine Trennung. Mag auch 
mancherlei, was sich sofort ergibt, gegen diesen Schluß sprechen, 
so muß uns doch eine sehr merkwürdige Übereinstimmung auf- 
fallen. Das erste Angsterlebnis des Menschen wenigstens ist die 






Hemmung, Symptom und Angst 71 

Geburt und diese bedeutet objektiv die Trennung von der Mutter, 
könnte einer Kastration der Mutter (nach der Gleichung Kind = 
Penis) verglichen werden. Nun wäre es sehr befriedigend, wenn 
die Angst als Symbol einer Trennung bei jeder späteren Trennung 
wiederholt würde, aber leider steht einer Verwertung dieses Zu- 
sammenstimmens im Wege, daß ja die Geburt subjektiv nicht als 
Trennung von der Mutter erlebt wird, da diese als Objekt dem 
durchaus narzißtischen Fötus völlig unbekannt ist. Ein anderes 
Bedenken wird lauten, daß uns die Affektreaktionen auf eine 
Trennung bekannt sind, und daß wir sie als Schmerz und Trauer, 
nicht als Angst empfinden. Allerdings erinnern wir uns, wir haben 
bei der Diskussion der Trauer auch nicht verstehen können, 
warum sie so schmerzhaft ist. 



1 



VIII 



Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar nach einer 
Einsicht, die uns das Wesen der Angst erschließt, nach einem 
Entweder — Oder, das die Wahrheit über sie vom Irrtum scheidet. 
Aber das ist schwer zu haben, die Angst ist nicht einfach zu er- 
fassen. Bisher haben wir nichts erreicht als Widersprüche, zwischen 
denen ohne Vorurteil keine Wahl möglich war. Ich schlage jetzt vor, 
es anders zu machen; wir wollen unparteiisch alles zusammen- 
tragen, was wir von der Angst aussagen können, und dabei auf 
die Erwartung einer neuen Synthese verzichten. 

Die Angst ist also in erster Linie etwas Empfundenes. Wir heißen 
sie einen Affektzustand, obwohl wir auch nicht wissen, was ein 
Affekt ist. Sie hat als Empfindung offenbarsten Unlustcharakter, 
aber das erschöpft nicht ihre Qualität; nicht jede Unlust können 
wir Angst heißen. Es gibt, andere Empfindungen mit Unlustcharakter 
(Spannungen, Schmerz, Trauer) und die Angst muß außer dieser 
Unlustqualität andere Besonderheiten haben. Eine Frage: Werden 
wir es dazu bringen, die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen 
Unlustaffekten zu verstehen? 

Aus der Empfindung der Angst können wir immerhin etwas 
entnehmen. Ihr Unlustcharakter scheint eine besondere Note zu 
haben; das ist schwer zu beweisen, aber wahrscheinlich; es wäre 
nichts Auffälliges. Aber außer diesem schwer isolierbaren Eigen- 
charakter nehmen wir an der Angst bestimmtere körperliche Sen- 






Hemmung, Symptom und Angst 73 

sationen wahr, die wir auf bestimmte Organe beziehen. Da uns 
die Physiologie der Angst hier nicht interessiert, genügt es uns, 
einzelne Repräsentanten dieser Sensationen hervorzuheben, also die 
häufigsten und deutlichsten an den Atmungsorganen und am Herzen. 
Sie sind uns Beweise dafür, daß motorische Innervationen, also Ab- 
fuhrvorgänge an dem Ganzen der Angst Anteil haben. Die Analyse 
des Angstzustandes ergibt also 1) einen spezifischen Unlustcharakter, 
2) Abfuhraktionen, 3) Wahrnehmungen derselben. 

Die Punkte 2 und 3 ergeben uns bereits einen Unterschied 
gegen die ähnlichen Zustände, z. B. der Trauer und des Schmerzes. 
Bei diesen gehören die motorischen Äußerungen nicht dazu; wo 
sie vorhanden sind, sondern sie sich deutlich nicht als Bestandteile 
des Ganzen, sondern als Konsequenzen oder Reaktionen darauf. Die 
Angst ist also ein besonderer Unlustzustand mit Abfuhraktionen auf 
bestimmte Bahnen. Nach unseren allgemeinen Anschauungen werden 
wir glauben, daß der Angst eine Steigerung der Erregung zugrunde 
liegt, die einerseits den Unlustcharakter schafft, anderseits sie durch 
die genannten Abfuhren erleichtert. Diese rein physiologische Zu- 
sammenfassung wird uns aber kaum genügen; wir sind versucht, 
anzunehmen, daß ein historisches Moment da ist, welches die Sen- 
sationen und Innervationen der Angst fest aneinander bindet. Mit 
anderen Worten, daß der Angstzustand die Reproduktion eines Er- 
lebnisses ist, das die Bedingungen einer solchen Reizsteigerung und 
der Abfuhr auf bestimmte Bahnen enthielt, wodurch also die Un- 
lust der Angst ihren spezifischen Charakter erhält. Als solches vor- 
bildliches Erlebnis bietet sich uns für den Menschen die Geburt, 
und darum sind wir geneigt, im Angstzustand eine Reproduktion 
des Geburtstraumas zu sehen. 

Wir haben damit nichts behauptet, was der Angst eine Aus- 
nahmsstellung unter den Affektzuständen einräumen würde. Wir 
meinen, auch die anderen Affekte sind Reproduktionen alter, lebens- 
wichtiger, eventuell vorindividueller Ereignisse und wir bringen sie 
als allgemeine, typische, mitgeborene hysterische Anfälle in Vergleich 



74 Schriften aus den Jahren IJ2) — 1926 

mit den spät und individuell erworbenen Attacken der hysterischen 
Neurose, deren Genese und Bedeutung als Erinnerungssymbole uns 
durch die Analyse deutlich geworden ist. Natürlich wäre es sehr 
wünschenswert, diese Auffassung für eine Reihe anderer Affekte 
beweisend durchführen zu können, wovon wir heute weit ent- 
fernt sind. 

Die Zurückführung der Angst auf das Geburtsereignis hat sich 
gegen naheliegende Einwände zu verteidigen. Die Angst ist eine 
wahrscheinlich allen Organismen, jedenfalls allen höheren zu- 
kommende Reaktion, die Geburt wird nur von den Säugetieren 
erlebt, und es ist fraglich, ob sie bei allen diesen die Bedeutung 
eines Traumas hat. Es gibt also Angst ohne Geburtsvorbild. Aber 
dieser Einwand setzt sich über die Schranken zwischen Biologie 
und Psychologie hinaus. Gerade weil die Angst eine biologisch 
unentbehrliche Funktion zu erfüllen hat, als Reaktion auf den 
Zustand der Gefahr, mag sie bei verschiedenen Lebewesen auf ver- 
schiedene Art eingerichtet worden sein. Wir wissen auch nicht, 
ob sie bei dem Menschen fernerstehenden Lebewesen denselben 
Inhalt an Sensationen und Innervationen hat wie beim Menschen. 
Das hindert also nicht, daß die Angst beim Menschen den Geburts- 
vorgang zum Vorbild nimmt. 

Wenn dies die Struktur und die Herkunft der Angst ist, so 
lautet die weitere Frage: Was ist ihre Funktion? Bei welchen 
Gelegenheiten wird sie reproduziert? Die Antwort scheint nahe- 
liegend und zwingend zu sein. Die Angst entstand als Reaktion 
auf einen Zustand der Gefahr, sie wird nun regelmäßig reprodu- 
ziert, wenn sich ein solcher Zustand wieder einstellt. 

Dazu ist aber einiges zu bemerken. Die Innervationen des ur- 
sprünglichen Angstzustandes waren wahrscheinlich auch sinnvoll 
und zweckmäßig, ganz so wie die Muskelaktionen des ersten hysteri- 
schen Anfalls. Wenn man den hysterischen Anfall erklären will, 
braucht man ja nur die Situation zu suchen, in der die betreffenden 
Bewegungen Anteile einer berechtigten Handlung waren. So hat 



Hemmung, Symptom und Angst 75 

wahrscheinlich während der Geburt die Richtung der Innervation 
auf die Atmungsorgane die Tätigkeit der Lungen vorbereitet, die 
Beschleunigung des Herzschlags gegen die Vergiftung des Blutes 
arbeiten wollen. Diese Zweckmäßigkeit entfällt natürlich bei der 
späteren Reproduktion des Angstzustandes als Affekt, wie sie auch 
beim wiederholten hysterischen Anfall vermißt wird. Wenn also 
das Individuum in eine neue Gefahrsituation gerät, so kann es leicht 
unzweckmäßig werden, daß es mit dem Angstzustand, der Reaktion 
auf eine frühere Gefahr, antwortet, anstatt die der jetzigen adäquaten 
Reaktion einzuschlagen. Die Zweckmäßigkeit tritt aber wieder her- 
vor, wenn die Gefahrsituation als herannahend erkannt und durch 
den Angstausbruch signalisiert wird. Die Angst kann dann sofort 
durch geeignetere Maßnahmen abgelöst werden. Es sondern sich 
also sofort zwei Möglichkeiten des Auftretens der Angst: die eine, 
unzweckmäßige, in einer neuen Gefahrsituation, die andere, zweck- 
mäßige, zur Signalisierung und Verhütung einer solchen. 

Was aber ist eine „Gefahr"? Im Geburtsakt besteht eine objektive 
Gefahr für die Erhaltung des Lebens, wir wissen, was das in der 
Realität bedeutet. Aber psychologisch sagt es uns gar nichts. Die 
Gefahr der Geburt hat noch keinen psychischen Inhalt. Sicherlich 
dürfen wir beim Fötus nichts voraussetzen, was sich irgendwie einer 
Art von Wissen um die Möglichkeit eines Ausgangs in Lebens- 
vernichtung annähert. Der Fötus kann nichts anderes bemerken 
als eine großartige Störung in der Ökonomie seiner narzißtischen 
Libido. Große Erregungssummen dringen zu ihm, erzeugen neu- 
artige Unlustempfindungen, manche Organe erzwingen sich erhöhte 
Besetzungen, was wie ein Vorspiel der bald beginnenden Objekt- 
besetzung ist; was davon wird als Merkzeichen einer „Gefahr- 
situation" Verwertung finden? 

Wir wissen leider viel zu wenig von der seelischen Verfassung 
des Neugeborenen, um diese Frage direkt zu beantworten. Ich kann 
nicht einmal für die Brauchbarkeit der eben gegebenen Schilderung 
einstehen. Es ist leicht zu sagen, das Neugeborene werde den Angst- 



Schriften aus den Jahren I$2] — 1926 



affekt in allen Situationen wiederholen, die es an das Geburts- 
ereignis erinnert. Der entscheidende Punkt bleibt aber, wodurch 
und woran es erinnert wird. 

Es bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als die Anlässe zu 
studieren, bei denen der Säugling oder das ein wenig ältere Kind 
sich zur Angstentwicklung bereit zeigt. Rank hat in seinem Buch 
„Das Trauma der Geburt" ' einen sehr energischen Versuch gemacht, 
die Beziehungen der frühesten Phobien des Kindes zum Eindruck 
des Geburtsereignisses zu erweisen, allein ich kann ihn nicht für 
geglückt halten. Man kann ihm zweierlei vorwerfen: Erstens, daß 
er auf der Voraussetzung beruht, das Kind habe bestimmte Sinnes- 
eindrücke, insbesondere visueller Natur, bei seiner Geburt emp- 
fangen, deren Erneuerung die Erinnerung an das Geburtstrauma 
und somit die Angstreaktion hervorrufen kann. Diese Annahme 
ist völlig unbewiesen und sehr unwahrscheinlich; es ist nicht glaub- 
haft, daß das Kind andere als taktile und Allgemeinsensationen 
vom Geburtsvorgang bewahrt hat. Wenn es also später Angst vor 
kleinen Tieren zeigt, die in Löchern verschwinden oder aus diesen 
herauskommen, so erklärt Rank diese Reaktion durch die Wahr- 
nehmung einer Analogie, die aber dem Kinde nicht auffällig werden 
kann. Zweitens, daß Rank in der Würdigung dieser späteren 
Angstsituationen je nach Bedürfnis die Erinnerung an die glückliche 
intrauterine Existenz oder an deren traumatische Störung wirksam 
werden läßt, womit der Willkür in der Deutung Tür und Tor 
geöffnet wird. Einzelne Fälle dieser Kinderangst widersetzen sich 
direkt der Anwendung des Rankschen Prinzips. Wenn das Kind 
in Dunkelheit und Einsamkeit gebracht wird, so sollten wir er- 
warten, daß es diese Wiederherstellung der intrauterinen Situation 
mit Befriedigung aufnimmt, und wenn die Tatsache, daß es 
gerade dann mit Angst reagiert, auf die Erinnerung an die 
Störung dieses Glücks durch die Geburt zurückgeführt wird, so 

1) Otto Rank: Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psycho- 
analyse. Internationale Psychoanalytische Bibliothek XIV, 1924. 



Hemmung, Symptom und Angst 77 



kann man das Gezwungene dieses Erklärungsversuches nicht länger 
verkennen. 

Ich muß den Schluß ziehen, daß die frühesten Kindheitsphobien 
eine direkte Rückführung auf den Eindruck des Geburtsaktes nicht 
zulassen und sich überhaupt bis jetzt der Erklärung entzogen haben. 
Eine gewisse Angstbereitschaft des Säuglings ist unverkennbar. Sie 
ist nicht etwa unmittelbar nach der Geburt am stärksten, um dann 
langsam abzunehmen, sondern tritt erst später mit dem Fortschritt 
der seelischen Entwicklung hervor und hält über eine gewisse 
Periode der Kinderzeit an. Wenn sich solche Frühphobien über 
diese Zeit hinaus erstrecken, erwecken sie den Verdacht einer 
neurotischen Störung, wiewohl uns ihre Beziehung zu den späteren 
deutlichen Neurosen der Kindheit keineswegs einsichtlich ist. 

Nur wenige Fälle der kindlichen Angstäußerung sind uns ver- 
ständlich; an diese werden wir uns halten müssen. So, wenn das 
Kind allein, in der Dunkelheit, ist und wenn es eine fremde 
Person an Stelle der ihm vertrauten (der Mutter) findet. Diese 
drei Fälle reduzieren sich auf eine einzige Bedingung, das Ver- 
missen der geliebten (ersehnten) Person. Von da an ist aber der 
Weg zum Verständnis der Angst und zur Vereinigung der Wider- 
sprüche, die sich an sie zu knüpfen scheinen, frei. 

Das Erinnerungsbild der ersehnten Person wird gewiß intensiv, 
wahrscheinlich zunächst halluzinatorisch besetzt. Aber das hat keinen 
Erfolg und nun hat es den Anschein, als ob diese Sehnsucht in 
Angst umschlüge. Es macht geradezu den Eindruck, als wäre diese 
Angst ein Ausdruck der Ratlosigkeit, als wüßte das noch sehr 
unentwickelte Wesen mit dieser sehnsüchtigen Besetzung nichts 
Besseres anzufangen. Die Angst erscheint so als Reaktion auf das 
Vermissen des Objekts und es drängen sich uns die Analogien 
auf, daß auch die Kastrationsangst die Trennung von einem hoch- 
geschätzten Objekt zum Inhalt hat, und daß die ursprünglichste 
Angst (die „Urangst" der Geburt) bei der Trennung von der 
Mutter entstand. 



7 8 



Schriften aus den Jahren I<?2} — i<j26 



Die nächste Überlegung führt über diese Betonung des Objekt- 
verlustes hinaus. Wenn der Säugling nach der Wahrnehmung der 
Mutter verlangt, so doch nur darum, weil er bereits aus Erfahrung 
weiß, daß sie alle seine Bedürfnisse ohne Verzug befriedigt. Die 
Situation, die er als „Gefahr" wertet, gegen die er versichert sein 
will, ist also die der Unbefriedigung, des Anwachsens der Be- 
dürfnisspannung, gegen die er ohnmächtig ist. Ich meine, von 
diesem Gesichtspunkt aus ordnet sich alles ein; die Situation der 
Unbefriedigung, in der Reizgrößen eine unlustvolle Höhe erreichen, 
ohne Bewältigung durch psychische Verwendung und Abfuhr zu 
fmden, muß für den Säugling die Analogie mit dem Geburtserlebnis, 
die Wiederholung der Gefahrsituation sein; das beiden Gemeinsame 
ist die ökonomische Störung durch das Anwachsen der Erledigung 
heischenden Reizgrößen, dieses Moment also der eigentliche Kern 
der „Gefahr". In beiden Fällen tritt die Angstreaktion auf, die 
sich auch noch beim Säugling als zweckmäßig erweist, indem die 
Richtung der Abfuhr auf Atem- und Stimmuskulatur nun die Mutter 
herbeiruft, wie sie früher die Lungentätigkeit zur Wegschaffung der 
inneren Reize anregte. Mehr als diese Kennzeichnung der Gefahr 
braucht das Kind von seiner Geburt nicht bewahrt zu haben. 

Mit der Erfahrung, daß ein äußeres, durch Wahrnehmung erfaß- 
bares Objekt der an die Geburt mahnenden gefährlichen Situation 
ein Ende machen kann, verschiebt sich nun der Inhalt der Gefahr 
von der ökonomischen Situation auf seine Bedingung, den Objekt- 
verlust. Das Vermissen der Mutter wird nun die Gefahr, bei deren 
Eintritt der Säugling das Angstsignal gibt, noch ehe die gefürchtete 
o onomische Situation eingetreten ist. Diese Wandlung bedeutet 
einen ersten großen Fortschritt in der Fürsorge für die Selbst- 
l,atun g, sie schließt gleichzeitig den Übergang von der auto- 
matisci ungewollten Neuentstehung der Angst zu ihrer beab- 
J lgten Reproduktion als Signal der Gefahr ein. 

eiden Hinsichten, sowohl als automatisches Phänomen wie 
"' tendes Signal, zeigt sich die Angst als Produkt der psychischen 



Hemmung, Symptom und Angst 7 g 

Hilflosigkeit des Säuglings, welche das selbstverständliche Gegen- 
stück seiner biologischen Hilflosigkeit ist. Das auffällige Zusammen- 
treffen, daß sowohl die Geburtsangst wie die Säuglingsangst die 
Bedingung der Trennung von der Mutter anerkennt, bedarf keiner 
psychologischen Deutung; es erklärt sich biologisch einfach genug 
aus der Tatsache, daß die Mutter, die zuerst alle Bedürfnisse des 
Fötus durch die Einrichtungen ihres Leibes beschwichtigt hatte, 
dieselbe Funktion zum Teil mit anderen Mitteln auch nach der 
Geburt fortsetzt. Intrauterinleben und erste Kindheit sind weit mehr 
ein Kontinuum, als uns die auffällige Caesur des Geburtsaktes 
glauben läßt. Das psychische Mutterobjekt ersetzt dem Kinde die 
biologische Fötalsituation. Wir dürfen darum nicht vergessen, daß 
im Intrauterinleben die Mutter kein Objekt war, und daß es 
damals keine Objekte gab. 

Es ist leicht zu sehen, daß es in diesem Zusammenhange keinen 
Raum für ein Abreagieren des Geburtstraumas gibt, und daß eine 
andere Funktion der Angst als die eines Signals zur Vermeidung 
der Gefahrsituation nicht aufzufinden ist. Die Angstbedingung des 
Objektverlustes trägt nun noch ein ganzes Stück weiter. Auch 
die nächste Wandlung der Angst, die in der phallischen Phase 
auftretende Kastrationsangst, ist eine Trennungsangst und an die- 
selbe Bedingung gebunden. Die Gefahr ist hier die Trennung von 
dem Genitale. Ein vollberechtigt scheinender Gedankengang von 
Ferenczi läßt uns hier die Linie des Zusammenhanges mit den 
früheren Inhalten der Gefahrsituation deutlich erkennen. Die hohe 
narzißtische Einschätzung des Penis kann sich darauf berufen, daß 
der Besitz dieses Organs die Gewähr für eine Wiedervereinigung 
mit der Mutter (dem Mutterersatz) im Akt des Koitus enthält. 
Die Beraubung dieses Gliedes ist soviel wie eine neuerliche Trennung 
von der Mutter, bedeutet also wiederum, einer unlustvollen Be- 
dürfnisspannung (wie bei der Geburt) hilflos ausgeliefert zu sein. 
Das Bedürfnis, dessen Ansteigen gefürchtet wird, ist aber nun ein 
spezialisiertes, das der genitalen Libido, nicht mehr ein beliebiges 



— —■--. "T ■ 



80 Schriften aus den Jahren jp2) — 1926 



wie in der Säuglingszeit. Ich füge hier an, daß die Phantasie der 
Rückkehr in den Mutterleib der Koitusersatz des Impotenten (durch 
die Kastrationsdrohung Gehemmten) ist. Im Sinne Ferenczis kann 
mau sagen, das Individuum, das sich zur Rückkehr in den Mutter- 
leib durch sein Genitalorgan vertreten lassen wollte, ersetzt nun 
regressiv dies Organ durch seine ganze Person. 

Die Fortschritte in der Entwicklung des Kindes, die Zunahme 
seiner Unabhängigkeit, die schärfere Sonderung seines seelischen 
Apparats in mehrere Instanzen, das Auftreten neuer Bedürfnisse, 
können nicht ohne Einfluß auf den Inhalt der Gefahrsituation 
bleiben. Wir haben dessen Wandlung vom Verlust des Mutter- 
objekts zur Kastration verfolgt und sehen den nächsten Schritt 
durch die Macht des Über-Ichs verursacht. Mit dem Unpersönlich- 
werden der Elterninstanz, von der man die Kastration befürchtete, 
wird die Gefahr unbestimmter. Die Kastrationsangst entwickelt 
sich zur Gewissensangst, zur sozialen Angst. Es ist jetzt nicht mehr 
so leicht anzugeben, was die Angst befürchtet. Die Formel : „Trennung, 

Überl h 8US dGr H ° rde "' lrifft nUF j6nen S P äteren Anteil deS 
e.r-c s, der sich in Anlehnung an soziale Vorbilder entwickelt 

insta d6n Kem d6S Über " Ichs > der der introjizierten Eltern- 

sTra a fe Z de s nt ü nCht ' Allgemeiner ausgedrückt, ist es der Zorn, die 
Ich als C ber " Ichs ' der Liebesverlust von dessen Seite, den das 
letzte VV M Wenet Und mh dem An g stsi g nal beantwortet. Als 

(Lebens )" ^^ AngSt V ° r dem Über " Icn ist mir die Todes " 

Hptl !"! An S st ' d ie Angst vor der Projektion des Über-Ichs in 

Ich hab e mäChtGn ersch ^en. 
gelegt daß rUher Glnmal einen gewissen Wert auf die Darstellung 
welche die Ve ° ?* ^ Verdran g un g abgezogene Besetzung ist, 
nun heute k m Ung als A ngstabfuhr erfährt. Das erscheint mir 
ich vormals ü™ Wissensvvert - Der Unterschied hegt darin, daß 
Vorgang aut • "^ ln i edem Falle durch einen ökonomischen 

fassung der ?™ tlSCh ent standen glaubte, während die jetzige Auf- 
S 8 als eines vom Ich beabsichtigten Signals zum 



. 



Hemmung, Symptom und Angst 



Zweck der Beeinflussung der Lust-Unlustinstanz uns von diesem 
ökonomischen Zwange unabhängig macht. Es ist natürlich nichts 
gegen die Annahme zu sagen, daß das Ich gerade die durch die 
Abziehung bei der Verdrängung frei gewordene Energie zur Er- 
weckung des Affekts verwendet, aber es ist bedeutungslos geworden, 
mit welchem Anteil Energie dies geschieht. 

Ein anderer Satz, den ich einmal ausgesprochen, verlangt nun 
nach Überprüfung im Lichte unserer neuen Auffassung. Es ist die 
Behauptung, das Ich sei die eigentliche Angststätte 5 ich meine, sie 
wird sich als zutreffend erweisen. Wir haben nämlich keinen Anlaß, 
dem Über-Ich irgendeine Angstäußerung zuzuteilen. Wenn aber 
von einer „Angst des Es" die Rede ist, so hat man nicht zu wider- 
sprechen, sondern einen ungeschickten Ausdruck zu korrigieren. 
Die Angst ist ein Affektzustand, der natürlich nur vom Ich ver- 
spürt werden kann. Das Es kann nicht Angst haben wie das Ich, 
es ist keine Organisation, kann Gefahrsituationen nicht beurteilen. 
Dagegen ist es ein überaus häufiges Vorkommnis, daß sich im Es 
Vorgänge vorbereiten oder vollziehen, die dem Ich Anlaß zur Angst- 
entwicklung geben; in der Tat sind die wahrscheinlich frühesten 
Verdrängungen, wie die Mehrzahl aller späteren, durch solche Angst 
des Ichs vor einzelnen Vorgängen im Es motiviert. Wir unterscheiden 
hier wiederum mit gutem Grund die beiden Fälle, daß sich im 
Es etwas ereignet, was eine der Gefahrsituationen fürs Ich aktiviert 
und es somit bewegt, zur Inhibition das Angstsignal zu geben, und 
den anderen Fall, daß sich im Es die dem Geburtstrauma analoge 
Situation herstellt, in der es automatisch zur Angstreaktion kommt. 
Man bringt die beiden Fälle einander näher, wenn man hervor- 
hebt, daß der zweite der ersten und ursprünglichen Gefahrsituation 
entspricht, der erste aber einer der später aus ihr abgeleiteten Angst- 
bedingungen. Oder auf die wirklich vorkommenden Affektionen be- 
zogen: daß der zweite Fall in der Ätiologie der Aktualneurosen ver- 
wirklicht ist, der erste für die der Psychoneurosen charakteristisch 
bleibt. 

Freud XI. 



82 Schriften aus den Jahren I?2) — 1926 

Wir sehen nun, daß wir frühere Ermittlungen nicht zu ent- 
werten, sondern bloß mit den neueren Einsichten in Verbindung 
zu bringen brauchen. Es ist nicht abzuweisen, daß bei Abstinenz, 
mißbräuchlicher Störung im Ablauf der Sexualerregung, Ablenkung 
derselben von ihrer psychischen Verarbeitung, direkt Angst aus 
Libido entsteht, d. h. jener Zustand von Hilflosigkeit des Ichs gegen 
eine übergroße Bedürfnisspannung hergestellt wird, der wie bei der 
Geburt in Angstentwicklung ausgeht, wobei es wieder eine gleich- 
gültige, aber naheliegende Möglichkeit ist, daß gerade der Über- 
schuß an unverwendeter Libido seine Abfuhr in der Angstentwicklung 
findet. Wir sehen, daß sich auf dem Boden dieser Aktualneurosen 
besonders leicht Psychoneurosen entwickeln, d. h. wohl, daß das 
Ich Versuche macht, die Angst, die es eine Weile suspendiert zu 
erhalten gelernt hat, zu ersparen und durch Symptombildung zu 
binden. Wahrscheinlich würde die Analyse der traumatischen Kriegs- 
neurosen, welcher Name allerdings sehr verschiedenartige Affektionen 
umfaßt, ergeben haben, daß eine Anzahl von ihnen an den Charak- 
teren der Aktualneurosen Anteil hat. 

Als wir die Entwicklung der verschiedenen Gefahrsituationen aus 
dem ursprünglichen Geburtsvorbild darstellten, lag es uns ferne zu 
behaupten, daß jede spätere Angstbedingung die frühere einfach 
außer Kraft setzt. Die Fortschritte der Ichentwicklung tragen aller- 
dings dazu bei, die frühere Gefahrsituation zu entwerten und beiseite 
zu schieben, so daß man sagen kann, einem bestimmten Entwick- 
lungsalter sei eine gewisse Angstbedingung wie adäquat zugeteilt. 
Die Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zur Lebenszeit der 
Unreife des Ichs, wie die Gefahr des Objektverlustes zur Unselb- 
ständigkeit der ersten Kinderjahre, die Kastrationsgefahr zur phalli- 
schen Phase, die Über-Ichangst zur Latenzzeit. Aber es können doch 
alle diese Gefahrsituationen und Angstbedingungen nebeneinander 
fortbestehen bleiben und das Ich auch zu späteren als den adäquaten 
leiten zur Angstreaktion veranlassen, oder es können mehrere von 
ihnen gleichzeitig in Wirksamkeit treten. Möglicherweise bestehen 






Hemmung, Symptom und Angst 8* 



auch engere Beziehungen zwischen der wirksamen Gefahrsituation 
und der Form der auf sie folgenden Neurose.' 

Als wir in einem früheren Stück dieser Untersuchungen auf die 
Bedeutung der Kastrationsgefahr bei mehr als einer neurotischen 
Affektion stießen, erteilten wir uns die Mahnung, dies Moment 
doch nicht zu überschätzen, da es bei dem gewiß mehr zur Neurose 
disponierten weiblichen Geschlecht doch nicht ausschlaggebend sein 
könnte. Wir sehen jetzt, daß wir nicht in Gefahr sind, die Kastrations- 
angst für den einzigen Motor der zur Neurose führenden Abwehr- 
vorgänge zu erklären. Ich habe an anderer Stelle auseinandergesetzt, 
wie die Entwicklung des kleinen Mädchens durch den Kastrations- 
komplex zur zärtlichen Objektbesetzung gelenkt wird. Gerade beim 
Weibe scheint die Gefahrsituation des Objektverlustes die wirksamste 
geblieben zu sein. Wir dürfen an ihrer Angstbedingung die kleine 
Modifikation anbringen, daß es sich nicht mehr um das Vermissen 
oder den realen Verlust des Objekts handelt, sondern um den Liebes- 



i) Seit der Unterscheidung von Ich und Es mußte auch unser Interesse an den 
Problemen der Verdrängung eine neue Belebung erfahren. Bisher hatte es uns genügt, 
die dem Ich zugewendeten Seiten des Vorgangs, die Abhaltung vom Bewußtsein und 
von der Motilität und die Ersatz- (Symptom-) Bildimg ins Auge zu fassen, von der ver- 
drängten Tnebregung selbst nahmen wir an, sie bleibe im Unbewußten unbestimmt 
lange unverändert bestehen. Nun wendet sich das Interesse den Schicksalen des Ver- 
drängten zu, und wir ahnen, daß ein solcher unveränderter und unveränderlicher Fort- 
bestand nicht selbstverständlich, vielleicht nicht einmal gewöhnlich ist. Die ursprüng- 
liche Triebregung ist jedenfalls durch die Verdrängung gehemmt und von ihrem Ziel 
abgelenkt worden. Ist aber ihr Ansatz im Unbewußten erhalten geblieben und hat er 
sich resistent gegen die verändernden und entwertenden Einflüsse des Lebens erwiesen? 
Bestehen also die alten Wünsche noch, von deren früherer Existenz uns die Analyse be- 
richtet' Die Antwort scheint naheliegend und gesichert: Die verdrängten alten Wünsche 
müssen im Unbewußten noch fortbestehen, da wir ihre Abkömmlinge, die Symptome, 
noch wirksam finden. Aber sie ist nicht zureichend, sie läßt nicht zwischen den beiden 
Möglichkeiten entscheiden, ob der alte Wunsch jetzt nur durch seine Abkömmlinge 
wirkt, denen er all seine Besetzungsenergie übertragen hat, oder ob er außerdem selbst 
erhalten geblieben ist. Wenn es sein Schicksal war, sich in der Besetzung seiner Ab- 
kömmlinge zu erschöpfen, so bleibt noch die dritte Möglichkeit, daß er im Verlauf 
der Neurose durch Begression wiederbelebt wurde, so unzeitgemäß er gegenwärtig 
sein mag. Man braucht diese Erwägungen nicht für müßig zu halten; vieles an den 
Erscheinungen des krankhaften wie des normalen Seelenlebens scheint solche Frage- 
stellungen zu erfordern. In meiner Studie über den Untergang des Ödipus-Komplexes 
bin ich auf den Unterschied zwischen der bloßen Verdrängung und der wirklichen 
Aufhebung einer alten Wunschregimg aufmerksam geworden. 

*6 



84 



Schriften aus den Jahren I<J2j — /J?2<> 



verlust von Seiten des Objekts. Da es sicher steht, daß die Hysterie 
eine größere Affinität zur Weiblichkeit hat, ebenso wie die Zwangs- 
neurose zur Männlichkeit, so liegt die Vermutung nahe, die Angst- 
bedingung des Liebesverlustes spiele bei Hysterie eine ähnliche Rolle 
wie die Kastrationsdrohung bei den Phobien, die Über-Ichangst bei 
der Zwangsneurose. 



IX 



Was jetzt erübrigt, ist die Behandlung der Beziehungen zwischen 
Symptombildung und Angstentwicklung. 

Zwei Meinungen darüber scheinen weit verbreitet zu sein. Die 
eine nennt die Angst selbst ein Symptom der Neurose, die andere 
glaubt an ein weit innigeres Verhältnis zwischen beiden. Ihr zu- 
folge würde alle Symptombildung nur unternommen werden, um 
der Angst zu entgehen; die Symptome binden die psychische Energie, 
die sonst als Angst abgeführt würde, so daß die Angst das Grund- 
phänomen und Hauptproblem der Neurose wäre. 

Die zumindest partielle Berechtigung der zweiten Behauptung 
läßt sich durch schlagende Beispiele erweisen. Wenn man einen 
Agoraphoben, den man auf die Straße begleitet hat, dort sich selbst 
überläßt, produziert er einen Angstanfall; wenn man einen Zwangs- 
neurotiker daran hindern läßt, sich nach einer Berührung die Hände 
zu waschen, wird er die Beute einer fast unerträglichen Angst. Es 
ist also klar, die Bedingung des Begleitetwerdens und die Zwangs- 
handlung des Waschens hatten die Absicht und auch den Erfolg, 
solche Angstausbrüche zu verhüten. In diesem Sinne kann auch 
jede Hemmung, die sich das Ich auferlegt, Symptom genannt werden. 

Da wir die Angstentwicklung auf die Gefahrsituation zurück- 
geführt haben, werden wir es vorziehen zu sagen, die Symptome 
werden geschaffen, um das Ich der Gefahrsituation zu entziehen. 
Wird die Symptombildung verhindert, so tritt die Gefahr wirklich 



86 Schriften aus den Jahren 1^2) — 1926 



ein, d. h. es stellt sich jene der Geburt analoge Situation her, in 
der sich das Ich hililos gegen den stetig wachsenden Triebanspruch 
findet, also die erste und ursprünglichste der Angstbedingungen. 
Für unsere Anschauung erweisen sich die Beziehungen zwischen 
Angst und Symptom weniger eng als angenommen wurde, die 
Folge davon, daß wir zwischen beide das Moment der Gefahr- 
situation eingeschoben haben. Wir können auch ergänzend sagen, 
die Angstentwicklung leite die Symptombildung ein, ja sie sei eine 
notwendige Voraussetzung derselben, denn wenn das ich nicht durch 
die Angstentwicklung die Lust-Unlust- Instanz wachrütteln würde, 
bekäme es nicht die Macht, den im Es vorbereiteten, gefahr- 
drohenden Vorgang aufzuhalten. Dabei ist die Tendenz unver- 
kennbar, sich auf ein Mindestmaß von Angstentwicklung zu be- 
schränken, die Angst nur als Signal zu verwenden, denn sonst 
bekäme man die Unlust, die durch den Triebvorgang droht, nur 
an anderer Stelle zu spüren, was kein Erfolg nach der Absicht 
des Lustprinzips wäre, sich aber doch bei den Neurosen häufig 
genug ereignet. 

Die Symptombildung hat also den wirklichen Erfolg, die Gefahr- 
situation aufzuheben. Sie hat zwei Seiten; die eine, die uns ver- 
borgen bleibt, stellt im Es jene Abänderung her, mittels deren 
das Ich der Gefahr entzogen wird, die andere uns zugewendete 
zeigt, was sie an Stelle des beeinflußten Triebvorganges geschaffen 
hat, die Ersatzbildung;. 

Wir sollten uns aber korrekter ausdrücken, dem Abwehrvor- 
gang zuschreiben, was wir eben von der Symptombildung aus- 
gesagt haben, und den Namen Symptombildung selbst als synonym 
mit Ersatzbildung gebrauchen. Es scheint dann klar, daß der Ab- 
wehrvorgang analog der Flucht ist, durch die sich das Ich einer 
von außen drohenden Gefahr entzieht, daß er eben einen Flucht- 
versuch vor einer Triebgefahr darstellt. Die Bedenken gegen diesen 
Vergleich werden uns zu weiterer Klärung verhelfen. Erstens läßt 
sich einwenden, daß der Objektverlust (der Verlust der Liebe von 



L 



"■ 



Hemmung, Symptom und Angst 87 



Seiten des Objekts) und die Kastrationsdrohung ebensowohl Ge- 
fahren sind, die von außen drohen, wie etwa ein reißendes Tier, 
also nicht Triebgefahren. Aber es ist doch nicht derselbe Fall. Der 
Wolf würde uns wahrscheinlich anfallen, gleichgültig, wie wir uns 
gegen ihn benehmen; die geliebte Person würde uns aber nicht 
ihre Liebe entziehen, die Kastration uns nicht angedroht werden, 
wenn wir nicht bestimmte Gefühle und Absichten in unserem 
Inneren nähren würden. So werden diese Triebregungen zu Be- 
dingungen der äußeren Gefahr und damit selbst gefährlich, wir 
können jetzt die äußere Gefahr durch Maßregeln gegen innere 
Gefahren bekämpfen. Bei den Tierphobien scheint die Gefahr noch 
durchaus als eine äußerliche empfunden zu werden, wie sie auch 
im Symptom eine äußerliche Verschiebung erfährt. Bei der Zwangs- 
neurose ist sie weit mehr verinnerlicht, der Anteil der Angst vor 
dem Uber-Ich, der soziale Angst ist, repräsentiert noch den inner- 
lichen Ersatz einer äußeren Gefahr, der andere Anteil, die Ge- 
wissensangst, ist durchaus endopsychisch. 

Ein zweiter Einwand sagt, heim Fluchtversuch vor einer drohenden 
äußeren Gefahr tun wir ja nichts anderes, als daß wir die Raum- 
distanz zwischen uns und dem Drohenden vergrößern. Wir setzen 
uns ja nicht gegen die Gefahr zur Wehr, suchen nichts an ihr 
selbst zu ändern, wie in dem anderen Falle, daß wir mit einem 
Knüttel auf den Wolf losgehen oder mit einem Gewehr auf ihn 
schießen. Der Abwehrvorgang scheint aber mehr zu tun, als einem 
Fluchtversuch entspricht. Er greift ja in den drohenden Trieb- 
ablauf ein, unterdrückt ihn irgendwie, lenkt ihn von seinem Ziel 
ab, macht ihn dadurch ungefährlich. Dieser Einwand scheint 
unabweisbar, wir müssen ihm Rechnung tragen. Wir meinen, es 
wird wohl so sein, daß es Abwehrvorgänge gibt, die man mit 
gutem Recht einem Fluchtversuch vergleichen kann, während sich 
das Ich bei anderen weit aktiver zur Wehre setzt, energische 
Gegenaktionen vornimmt. Wenn der Vergleich der Abwehr mit 
der Flucht nicht überhaupt durch den Umstand gestört wird, daß 



88 



Schriften aus den Jahren i<)2) — 1<)26 



das Ich und der Trieb im Es ja Teile derselben Organisation sind, 
nicht getrennte Existenzen, wie der Wolf und das Kind, so daß 
jede Art Verhaltens des Ichs auch abändernd auf den Triebvorgang 
einwirken muß. 

Durch das Studium der Angstbedingungen haben wir das Ver- 
halten des Ichs bei der Abwehr sozusagen in rationeller Ver- 
klärung erblicken müssen. Jede Gefahrsituation entspricht einer 
gewissen Lebenszeit oder Entwicklungsphase des seelischen Apparats 
und erscheint für diese berechtigt. Das frühkindliche Wesen ist 
wirklich nicht dafür ausgerüstet, große Erregungssummen, die von 
außen oder innen anlangen, psychisch zu bewältigen. Zu einer 
gewissen Lebenszeit ist es wirklich das wichtigste Interesse, daß 
die Personen, von denen man abhängt, ihre zärtliche Sorge nicht 
zurückziehen. Wenn der Knabe den mächtigen Vater als Rivalen 
bei der Mutter empfindet, seiner aggressiven Neigungen gegen ihn 
und seiner sexuellen Absichten auf die Mutter inne wird, hat er 
ein Recht dazu, sich vor ihm zu fürchten, und die Angst vor 
seiner Strafe kann durch phylogenetische Verstärkung sich als 
Kastrationsangst äußern. Mit dem Eintritt in soziale Beziehungen 
wird die Angst vor dem Über-Ich, das Gewissen, zur Notwendig- 
keit, der Wegfall dieses Moments die Quelle von schweren Kon- 
flikten und Gefahren usw. Aber gerade daran knüpft sich ein neues 
Problem. 

Versuchen wir es, den Angstaffekt für eine Weile durch einen 
anderen, z.B. den Schmerzaffekt, zu ersetzen. Wir halten es für durch- 
aus normal, daß das Mädchen von vier Jahren schmerzlich weint, wenn 
ihm eine Puppe zerbricht, mit sechs Jahren, wenn ihm die Lehrerin 
einen Verweis gibt, mit sechzehn Jahren, wenn der Geliebte sich 
nicht um sie bekümmert, mit fünfundzwanzig Jahren vielleicht, wenn 
sie ein Kind begräbt. Jede dieser Schmerzbedinguugen hat ihre 
Zeit und erlischt mit deren Ablauf; die letzten, definitiven, erhalten 
sich dann durchs Leben. Es würde uns aber auffallen, wenn dies 
Mädchen als Frau und Mutter über die Beschädigung einer Nipp- 









Hemmung, Symptom und Angst 



89 



sache weinen würde. So benehmen sich aber die Neurotiker. In 
ihrem seelischen Apparat sind längst alle Instanzen zur Reiz- 
bewältigung innerhalb weiter Grenzen ausgebildet, sie sind er- 
wachsen genug, um die meisten ihrer Bedürfnisse selbst zu be- 
friedigen, sie wissen längst, daß die Kastration nicht mehr als 
Strafe geübt wird, und doch benehmen sie sich, als bestünden die 
alten Gefahrsituationen noch, sie halten an allen früheren Angst- 
bedingungen fest. 

Die Antwort hierauf wird etwas weitläufig ausfallen. Sie wird 
vor allem den Tatbestand zu sichten haben. In einer großen An- 
zahl von Fällen werden die alten Angstbedingungen wirklich fallen 
gelassen, nachdem sie bereits neurotische Reaktionen erzeugt haben. 
Die Phobien der kleinsten Kinder vor Alleinsein, Dunkelheit und 
vor Fremden, die beinahe normal zu nennen sind, vergehen zu- 
meist in etwas späteren Jahren, sie „wachsen sich aus", wie man 
von manchen anderen Kindheitsstörungen sagt. Die so häufigen 
Tierphobien haben das gleiche Schicksal, viele der Konversions- 
hysterien der Kinderjahre finden später keine Fortsetzung. Zeremo- 
niell in der Latenzzeit ist ein ungemein häufiges Vorkommnis, 
nur ein sehr geringer Prozentsatz dieser Fälle entwickelt sich später 
zur vollen Zwangsneurose. Die Kinderneurosen sind überhaupt — 
soweit unsere Erfahrungen an den höheren Kulturanforderungen 
unterworfenen Stadtkindern weißer Rasse reichen — regelmäßige 
Episoden der Entwicklung, wenngleich ihnen noch immer zu wenig 
Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man vermißt die Zeichen der 
Kindheitsneurose auch nicht bei einem erwachsenen Neurotiker, 
während lange nicht alle Kinder, die sie zeigen, auch später 
Neurotiker werden. Es müssen also im Verlaufe der Reifung Angst- 
bedingungen aufgegeben worden sein und Gefahrsituationen ihre 
Bedeutung verloren haben. Dazu kommt, daß einige dieser Gefahr- 
situationen sich dadurch in späte Zeiten hinüberretten, daß sie ihre 
Angstbedingung zeitgemäß modifizieren. So erhält sich z. B. die 
Kastrationsangst unter der Maske der Syphilisphobie, nachdem man 



9» 



Schriften aus den Jahren 192} — 1<)26 



erfahren hat, daß /.war die Kastration nicht mehr als Strafe für 
das Gewährenlassen der sexuellen Gelüste üblich ist, aber daß 
dafür der Triebfreiheit schwere Erkrankungen drohen. Andere der 
Angstbedingungen sind überhaupt nicht zum Untergang bestimmt, 
sondern sollen den Menschen durchs Leben begleiten, wie die 
der Angst vor dem Über-Ich. Der Neurotiker unterscheidet sich 
dann vor den Normalen dadurch, daß er die Reaktionen auf diese 
Gefahren übermäßig erhöht. Gegen die Wiederkehr der ursprüng- 
lichen traumatischen Angstsituation bietet endlich auch das Er- 
wachsensein keinen zureichenden Schutz ; es dürfte für jedermann 
eine Grenze geben, über die hinaus sein seelischer Apparat in der 
Bewältigung der Erledigung heischenden Erregungsmengen versagt. 
Diese kleinen Berichtigungen können unmöglich die Bestimmung 
haben, an der Tatsache zu rütteln, die hier erörtert wird, der 
Tatsache, daß so viele Menschen in ihrem Verhallen zur Gefahr 
infantil bleiben und verjährte Angstbedingungen nicht überwinden; 
dies bestreiten, hieße die Tatsache der Neurose leugnen, denn 
solche Personen heißt man eben Neurotiker. Wie ist das aber 
möglich? Warum sind nicht alle Neurosen Episoden der Entwick- 
lung, die mit Erreichung der nächsten Phase abgeschlossen werden? 
Woher das Dauermoment in diesen Reaktionen auf die Gefahr? 
Woher der Vorzug, den der Angstaffekt vor allen anderen Affekten 
zu genießen scheint, daß er allein Reaktionen hervorruft, die sich 
als abnorm von den anderen sondern und sich als unzweckmäßig 
dem Strom des Lebens entgegenstellen? Mit anderen Worten, wir 
finden uns unversehens wieder vor der so oft gestellten Vexier- 
frage, woher kommt die Neurose, was ist ihr letztes, das ihr 
besondere Motiv? Nach jahrzehntelanger» analytischen Bemühungen 
erhebt sich dies Problem vor uns, unangetastet, wie zu Anfang. 



X 



Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr. Man kann doch die 
Idee nicht abweisen, daß es mit dem Wesen der Gefahr zu- 
sammenhängt, wenn sich der Angstaffekt eine Ausnahmsstellung 
in der seelischen Ökonomie erzwingen kann. Aber die Gefahren 
sind allgemein menschliche, für alle Individuen die nämlichen; was 
wir brauchen und nicht zur Verfügung haben, ist ein Moment, 
das uns die Auslese der Individuen verständlich macht, die den 
Angstaffekt trotz seiner Besonderheit dem normalen seelischen 
Betrieb unterwerfen können, oder das bestimmt, wer an dieser 
Aufgabe scheitern muß. Ich sehe zwei Versuche vor mir, ein 
solches Moment aufzudecken; es ist begreiflich, daß jeder solche 
Versuch eine sympathische Aufnahme erwarten darf, da er einem 
quälenden Bedürfnis Abhilfe verspricht. Die beiden Versuche er- 
gänzen einander, indem sie das Problem an entgegengesetzten 
Enden angreifen. Der erste ist vor mehr als zehn Jahren von 
Alfred Adler unternommen worden; er behauptet, auf seinen 
innersten Kern reduziert, daß diejenigen Menschen an der Be- 
wältigung der durch die Gefahr gestellten Aufgabe scheitern, denen 
die Minderwertigkeit ihrer Organe zu große Schwierigkeiten be- 
reitet. Bestünde der Satz Simplex sigillum veri zurecht, so müßte 
man eine solche Lösung wie eine Erlösung begrüßen. Aber im Ge- 
genteile, die Kritik des abgelaufenen Jahrzehnts hat die volle Un- 
zulänglichkeit dieser Erklärung, die sich überdies über den ganzen 



i 



9 2 



Schriften aus den Jahren IJ2) — 1926 



Reichtum der von der Psychoanalyse aufgedeckten Tatbestände 
hinaussetzt, beweisend dargetan. 

Den zweiten Versuch hat Otto Rank 1923 in seinem Buch 
„Das Trauma der Geburt" unternommen. Es wäre unbillig, ihn 
dem Versuch von Adler in einem andere Punkte als dem einen 
hier betonten gleichzustellen, denn er bleibt auf dem Boden der 
Psychoanalyse, deren Gedankengänge er fortsetzt und ist als eine 
legitime Bemühung zur Lösung der analytischen Probleme an- 
zuerkennen. In der gegebenen Relation zwischen Individuum und 
Gefahr lenkt Rank von der Organschwäche des Individuums ab 
und auf die veränderliche Intensität der Gefahr hin. Der Geburts- 
vorgang ist die erste Gefahrsituation, der von ihm produzierte 
ökonomische Aufruhr wird das Vorbild der Angstreaktion; wir 
haben vorhin die Entwieklungslinie verfolgt, welche diese erste 
Gefahrsituation und Angstbedingung mit allen späteren verbindet, 
und dabei gesehen, daß sie alle etwas Gemeinsames bewahren, 
indem sie alle in gewissem Sinne eine Trennung von der Mutter 
bedeuten, zuerst nur in biologischer Hinsicht, dann im Sinn eines 
direkten Objektverlustes und später eines durch indirekte Wege 
vermittelten. Die Aufdeckung dieses großen Zusammenhanges ist 
ein unbestrittenes Verdienst der Rankschen Konstruktion. Nun 
trifft das Trauma der Geburt die einzelnen Individuen in ver- 
schiedener Intensität, mit der Stärke des Traumas variiert die 
Heftigkeit der Angstreaktion, und es soll nach Bank von dieser 
Anfangsgröße der Angstentwicklung abhängen, ob das Individuum 
jemals ihre Beherrschung erlangen kann, ob es neurotisch wird 
oder normal. 

Die Einzelkritik der Rankschen Aufstellungen ist nicht unsere 
Aufgabe, bloß deren Prüfung, ob sie zur Lösung unseres Problems 
brauchbar sind. Die Formel Ranks, Neurot iker werde der, dem es 
wegen der Stärke des Geburtstraumas niemals gelinge, dieses völlig 
abzureagieren, ist theoretisch höchst anfechtbar. Man weiß nicht 
recht, was mit dem Abreagieren des Traumas gemeint ist. Ver- 



Hemmung, Symptom und Angst 95 

steht man es wörtlich, so kommt man zu dem unhaltbaren Schluß, 
daß der Neurotiker sich um so mehr der Gesundung nähert, je 
häufiger und intensiver er den Angstaffekt reproduziert. Wegen 
dieses Widerspruches mit der Wirklichkeit hatte ich ja seinerzeit 
die Theorie des Abreagierens aufgegeben, die in der Katharsis eine 
so große Rolle spielte. Die Betonung der wechselnden Stärke des 
Geburtstraumas läßt keinen Raum für den berechtigten ätio- 
logischen Anspruch der hereditären Konstitution. Sie ist ja ein 
organisches Moment, welches sich gegen die Konstitution wie eine 
Zufälligkeit verhält und selbst von vielen, zufällig zu nennenden 
Einflüssen, z. B. von der rechtzeitigen Hilfeleistung bei der Geburt 
abhängig ist. Die Ranksche Lehre hat konstitutionelle wie phylo- 
genetische Faktoren überhaupt außer Betracht gelassen. Will man 
aber für die Bedeutung der Konstitution Raum schaffen, etwa 
durch die Modifikation, es käme vielmehr darauf an, wie ausgiebig 
das Individuum auf die variable Intensität des Geburtstraumas 
reagiere, so hat man der Theorie ihre Bedeutung geraubt und den 
neu eingeführten Faktor auf eine Nebenrolle eingeschränkt. Die 
Entscheidung über den Ausgang in Neurose liegt dann doch auf 
einem anderen, wiederum auf einem unbekannten Gebiet. 

Die Tatsache, daß der Mensch den Geburtsvorgang mit den 
anderen Säugetieren gemein hat, während ihm eine besondere Dis- 
position zur Neurose als Vorrecht vor den Tieren zukommt, wird 
kaum günstig für die Ranksche Lehre stimmen. Der Hauptein- 
wand bleibt aber, daß sie in der Luft schwebt, anstatt sich auf 
gesicherte Beobachtung zu stützen. Es gibt keine guten Unter- 
suchungen darüber, ob schwere und protrahierte Geburt in unver- 
kennbarer Weise mit Entwicklung von Neurose zusammentreffen, 
ja, ob so geborene Kinder nur die Phänomene der frühinfantilen 
Ängstlichkeit länger oder stärker zeigen als andere. Macht man 
geltend, daß präzipitierte und für die Mutter leichte Geburten 
für das Kind möglicherweise die Bedeutung von schweren Traumen 
haben, so bleibt doch die Forderung aufrecht, daß Geburten, die 



94 



Schriften aus den Jahren I>)2} — 1926 



zur Asphyxie führen, die behaupteten Folgen mit Sicherheit er- 
kennen lassen müßten. Es scheint ein Vorteil der Rankschen 
Ätiologie, daß sie ein Moment voranstellt, das der Nachprüfung 
am Material der Erfahrung zugänglich ist; solange man eine solche 
Prüfung nicht wirklich vorgenommen hat, ist es unmöglich, ihren 
Wert zu beurteilen. 

Dagegen kann ich mich der Meinung nicht anschließen, daß 
die Ranksche Lehre der bisher in der Psychoanalyse anerkannten 
ätiologischen Bedeutung der Sexualtriebe widerspricht; denn sie 
bezieht sich nur auf das Verhältnis des Individuums zur Gefahr- 
situation und läßt die gute Auskunft offen, daß, wer die anfäng- 
lichen Gefahren nicht bewältigen konnte, auch in den später auf- 
tauchenden Situationen sexueller Gefahr versagen muß und da- 
durch in die Neurose gedrängt wird. 

Ich glaube also nicht, daß der Ranksche Versuch uns die 
Antwort auf die Frage nach der Begründung der Neurose gebracht 
hat, und ich meine, es läßt sich noch nicht entscheiden, einen 
wie großen Beitrag zur Lösung der Frage er doch enthält. Wenn 
die Untersuchungen über den Einfluß schwerer Geburt auf die 
Disposition zu Neurosen negativ ausfallen, ist dieser Beitrag gering 
einzuschätzen. Es ist sehr zu besorgen, daß das Bedürfnis nach 
einer greifbaren und einheitlichen „letzten Ursache" der Ner- 
vosität immer unbefriedigt bleiben wird. Der ideale Fall, nach 
dem sich der Mediziner wahrscheinlich noch heute sehnt, wäre 
der des Bazillus, der sich isolieren und reinzüchten läßt, und dessen 
Impfung bei jedem Individuum die nämliche Affektion hervor- 
ruft. Oder etwas weniger phantastisch: die Darstellung von che- 
mischen Stoffen, deren Verabreichung bestimmte Neurosen pro- 
duziert und aufhebt. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht nicht 
für solche Lösungen des Problems. 

Die Psychoanalyse führt zu weniger einfachen, minder befrie- 
digenden Auskünften. Ich habe hier nur längst Bekanntes zu 
wiederholen, nichts Neues hinzuzufügen. Wenn es dem Ich ge- 



Hemmung, Symptom und Angst 



95 



lungen ist, sich einer gefährlichen Triebregung zu erwehren, z. B. 
durch den Vorgang der Verdrängung, so hat es diesen Teil des Es 
zwar gehemmt und geschädigt, aber ihm gleichzeitig auch ein Stück 
Unabhängigkeit gegeben und auf ein Stück seiner eigenen Sou- 
veränität verzichtet. Das folgt aus der Natur der Verdrängung, 
die im Grunde ein Fluchtversuch ist. Das Verdrängte ist nun 
„vogelfrei", ausgeschlossen aus der großen Organisation des Ichs, 
nur den Gesetzen unterworfen, die im Bereich des Unbewußten 
herrschen. Ändert sich nun die Gefahrsituation, so daß das Ich kein 
Motiv zur Abwehr einer neuerlichen, der verdrängten analogen 
Triebregung hat, so werden die Folgen der Icheinschränkung 
manifest. Der neuerliche Triebablauf vollzieht sich unter dem 
Einfluß des Automatismus, — ich zöge vor zu sagen: des Wieder- 
holungszwanges — er wandelt dieselben Wege wie der früher 
verdrängte, als ob die überwundene Gefahrsituation noch bestünde. 
Das fixierende Moment an der Verdrängung ist also der Wieder- 
holungszwang des unbewußten Es, der normalerweise nur durch 
die frei bewegliche Funktion des Ichs aufgehoben wird. Nun mag 
es dem Ich mitunter gelingen, die Schranken der Verdrängung, 
die es selbst aufgerichtet, wieder einzureißen, seinen Einfluß auf 
die Triebregung wiederzugewinnen und den neuerlichen Trieb- 
ablauf im Sinne der veränderten Gefahrsituation zu lenken. Tat- 
sache ist, daß es ihm so oft mißlingt, und daß es seine Ver- 
drängungen nicht rückgängig machen kann. Quantitative Rela- 
tionen mögen für den Ausgang dieses Kampfes maßgebend sein. In 
manchen Fällen haben wir den Eindruck, daß die Entscheidung eine 
zwangsläufige ist, die regressive Anziehung der verdrängten Regung 
und die Stärke der Verdrängung sind so groß, daß die neuerliche 
Regung nur dem Wiederholungszwange folgen kann. In anderen 
Fällen nehmen wir den Beitrag eines anderen Kräftespiels wahr, 
die Anziehung des verdrängten Vorbilds wird verstärkt durch die 
Abstoßung von selten der realen Schwierigkeiten, die sich einem 
anderen Ablauf der neuerlichen Triebregung entgegensetzen. 






g6 Schriften aus den Jahren IJ2} — 1<)26 

Daß dies der Hergang der Fixierung an die Verdrängung und 
der Erhaltung der nicht mehr aktuellen Gefahrsituation ist, findet 
seinen Erweis in der an sich bescheidenen, aber theoretisch kaum 
überschätzbaren Tatsache der analytischen Therapie. Wenn wir 
dem Ich in der Analyse die Hilfe leisten, die es in den Stand 
setzen kann, seine Verdrängungen aufzuheben, bekommt es seine 
Macht über das verdrängte Es wieder und kann die Triebregungen 
so ablaufen lassen, als ob die alten Gefahrsituationen nicht mehr 
bestünden. Was wir so erreichen, steht in gutem Einklang mit 
dem sonstigen Machtbereich unserer ärztlichen Leistung. In der 
Regel muß sich ja unsere Therapie damit begnügen, rascher, 
verläßlicher, mit weniger Aufwand den guten Ausgang herbeizu- 
führen, der sich unter günstigen Verhältnissen spontan ergeben 
hätte. 

Die bisherigen Erwägungen lehren uns, es sind quantitative 
Relationen, nicht direkt aufzuzeigen, nur auf dem Wege des Rück- 
schlusses faßbar, die darüber entscheiden, ob die alten Gefahr- 
situationen festgehalten werden, ob die Verdrängungen des Ichs 
erhalten bleiben, ob die Kinderneurosen ihre Fortsetzung finden 
oder nicht. Von den Faktoren, die an der Verursachung der Neu- 
rosen beteiligt sind, die die Bedingungen geschaffen haben, unter 
denen sich die psychischen Kräfte miteinander messen, heben sich 
für unser Verständnis drei hervor, ein biologischer, ein phylo- 
genetischer und ein rein psychologischer. Der biologische ist die 
lang hingezogene Hilflosigkeit und Abhängigkeit des kleinen 
Menschenkindes. Die Intrauterinexistenz des Menschen erscheint 
gegen die der meisten Tiere relativ verkürzt; es wird unfertiger 
als diese in die Welt geschickt. Dadurch wird der Einfluß der 
realen Außenwelt verstärkt, die Differenzierung des Ichs vom Es 
frühzeitig gefördert, die Gefahren der Außenwelt in ihrer Be- 
deutung erhöht und der Wert des Objekts, das allein gegen diese 
Gefahren schützen und das verlorene Intrauterinleben ersetzen 
kann, enorm gesteigert. Dies biologische Moment stellt also die 



^ 



Hemmung, Symptom und Angst 



97 



ersten Gefahrsituationen her und schafft das Bedürfnis, geliebt zu 
werden, das den Menschen nicht mehr verlassen wird. 

Der zweite, phylogenetische, Faktor ist von uns nur erschlossen 
worden; eine sehr merkwürdige Tatsache der Libidoentwicklung 
hat uns zu seiner Annahme gedrängt. Wir finden, daß das Sexual- 
leben des Menschen sich nicht wie das der meisten ihm nahe- 
stehenden Tiere vom Anfang bis zur Reifung stetig weiter ent- 
wickelt, sondern daß es nach einer ersten Frühblüte bis zum 
fünften Jahr eine energische Unterbrechung erfährt, worauf es 
dann mit der Pubertät von neuem anhebt und an die infantilen 
Ansätze anknüpft. Wir meinen, es müßte in den Schicksalen der 
Menschenart etwas Wichtiges vorgefallen sein, was diese Unter- 
brechung der Sexualentwicklung als historischen Niederschlag 
hinterlassen hat. Die pathogene Bedeutung dieses Moments ergibt 
sich daraus, daß die meisten Triebansprüche dieser kindlichen 
Sexualität vom Ich als Gefahren behandelt und abgewehrt werden, 
so daß die späteren sexuellen Regungen der Pubertät, die ich- 
gerecht sein sollten, in Gefahr sind, der Anziehung der infan- 
tilen Vorbilder zu unterliegen und ihnen in die Verdrängung zu 
folgen. Hier stoßen wir auf die direkteste Ätiologie der Neurosen. 
Es ist merkwürdig, daß der frühe Kontakt mit den Ansprüchen 
der Sexualität auf das Ich ähnlich wirkt, wie die vorzeitige Be- 
rührung mit der Außenwelt. 

Der dritte oder psychologische Faktor ist in einer Unvoll- 
kommenheit unseres seelischen Apparates zu finden, die gerade 
mit seiner Differenzierung in ein Ich und ein Es zusammenhängt, 
also in letzter Linie auch auf den Einfluß der Außenwelt zurück- 
geht. Durch die Rücksicht auf die Gefahren der Realität wird 
das Ich genötigt, sich gegen gewisse Triebregungen des Es zur 
Wehre zu setzen, sie als Gefahren zu behandeln. Das Ich kann 
sich aber gegen innere Triebgefahren nicht in so wirksamer Weise 
schützen wie gegen ein Stück der ihm fremden Realität. Mit dem 
Es selbst innig verbunden, kann es die Triebgefahr nur abwehren, 



Freud XI. 



98 



Schriften aus den Jahren 192) — 1926 



indem es seine eigene Organisation einschränkt und sich die Sym- 
ptombildung als Ersatz für seine Beeinträchtigung des Triebes ge- 
fallen läßt. Erneuert sich dann der Andrang des abgewiesenen 
Triebes, so ergeben sich für das Ich alle die Schwierigkeiten, die 
wir als das neurotische Leiden kennen. 

Weiter muß ich glauben, ist unsere Einsicht in das Wesen und 
die Verursachung der Neurosen vorläufig nicht gekommen. 






XI 



NACHTRÄGE 



Im Laufe dieser Erörterungen sind verschiedene Themen be- 
rührt worden, die vorzeitig verlassen werden mußten und die 
jetzt gesammelt werden sollen, um den Anteil Aufmerksamkeit 
zu erhalten, auf den sie Anspruch haben. 



MODIFIKATIONEN FRÜHER GEÄUSSERTER ANSICHTEN 

q) Widerstand und Gegenbesetzung 

Es ist ein wichtiges Stück der Theorie der Verdrängung, daß 
sie nicht einen einmaligen Vorgang darstellt, sondern einen dau- 
ernden Aufwand erfordert. Wenn dieser entfiele, würde der ver- 
drängte Trieb, der kontinuierlich Zuflüsse aus seinen Quellen er- 
hält, ein nächstes Mal denselben Weg einschlagen, von dem er 
abgedrängt wurde, die Verdrängung würde um ihren Erfolg gebracht 
oder sie müßte unbestimmt oft wiederholt werden. So folgt aus 
der kontinuierlichen Natur des Triebes die Anforderung an das 
Ich, seine Abwehraktion durch einen Daueraufwand zu versichern. 
Diese Aktion zum Schutz der Verdrängung ist es, die wir 
bei der therapeutischen Bemühung als Widerstand verspüren. 
Widerstand setzt das voraus, was ich als Gegenbesetzung be- 



ioo Schriften aus den Jahren 192J — 1926 

zeichnet habe. Eine solche Gegenbesetzung wird bei der Zwangs- 
neurose greifbar. Sie erscheint hier als Ichveränderung, als Re- 
aktionsbildung im Ich, durch Verstärkung jener Einstellung, welche 
der zu verdrängenden Triebrichtung gegensätzlich ist (Mitleid, 
Gewissenhaftigkeit, Reinlichkeit). Diese Reaktionsbildungen der 
Zwangsneurose sind durchweg Übertreibungen normaler, im Ver-_ 
lauf der Latenzzeit entwickelter Charakterzüge. Es ist weit schwie- 
riger, die Gegenbesetzung bei der Hysterie aufzuweisen, wo sie 
nach der theoretischen Erwartung ebenso unentbehrlich ist. Auch 
hier ist ein gewisses Maß von Ichveränderung durch Reaktions- 
bildung unverkennbar und wird in manchen Verhältnissen so auf- 
fällig, daß es sich der Aufmerksamkeit als das Hauptsymptom des 
Zustandes aufdrängt. In solcher Weise wird z. B. der Ambivalenz- 
konflikt der Hysterie gelöst, der Haß gegen eine geliebte Person 
wird durch ein Übermaß von Zärtlichkeit für sie und Ängst- 
lichkeit um sie niedergehalten. Man muß aber als Unterschiede 
gegen die Zwangsneurose hervorheben, daß solche Reaktions- 
bildungen nicht die allgemeine Natur von Charakterzügen zeigen, 
sondern sich auf ganz spezielle Relationen einschränken. Die Hy- 
sterika z. B., die ihre im Grunde gehaßten Kinder mit exzessiver 
Zärtlichkeit behandelt, wird darum nicht im ganzen liebesbereiter 
als andere Frauen, nicht einmal zärtlicher für andere Kinder. Die 
Reaktionsbildung der Hysterie hält an einem bestimmten Objekt 
zähe fest und erhebt sich nicht zu einer allgemeinen Disposition 
des Ichs. Für die Zwangsneurose ist gerade diese Verallgemeinerung, 
die Lockerung der Objektbeziehungen, die Erleichterung der Ver- 
schiebung in der Objektwahl charakteristisch. 

Eine andere Art der Gegenbesetzung scheint der Eigenart der 
Hysterie gemäßer zu sein. Die verdrängte Triebregung kann von 
zwei Seiten her aktiviert (neu besetzt) werden, erstens von innen 
her durch eine Verstärkung des Triebes aus seinen inneren Er- 
regungsquellen, zweitens von außen her durch die Wahrnehmung 
eines Objekts, das dem Trieb erwünscht wäre. Die hysterische Gegen- 












Hemmung, Symptom und Angst 



101 



besetzung ist nun vorzugsweise nach außen gegen gefährliche Wahr- 
nehmung gerichtet, sie nimmt die Form einer besonderen Wach- 
samkeit an, die durch Icheinschränkungen Situationen vermeidet, 
in denen die Wahrnehmung auftreten müßte, und die es zustande- 
bringt, dieser Wahrnehmung die Aufmerksamkeit zu entziehen, wenn 
sie doch aufgetaucht ist. Französische Autoren (Laforgue) haben 
kürzlich diese Leistung der Hysterie durch den besonderen Namen 
„Skotomisation" ausgezeichnet. Noch auffälliger als bei Hysterie ist 
diese Technik der Gegenbesetzung bei den Phobien, deren Interesse 
sich darauf konzentriert, sich immer weiter von der Möglichkeit 
der gefürchteten Wahrnehmung zu entfernen. Der Gegensatz in 
der Richtung der Gegenbesetzung zwischen Hysterie und Phobien 
einerseits und Zwangsneurose anderseits scheint bedeutsam, wenn 
er auch kein absoluter ist. Er legt uns nahe anzunehmen, daß 
zwischen der Verdrängung und der äußeren Gegenbesetzung, wie 
zwischen der Regression und der inneren Gegenbesetzung (Ich- 
veränderung durch Reaktionsbildung) ein innigerer Zusammenhang 
besteht. Die Abwehr der gefährlichen Wahrnehmung ist übrigens 
eine allgemeine Aufgabe der Neurosen. Verschiedene Gebote und 
Verbote der Zwangsneurose sollen der gleichen Absicht dienen. 

Wir haben uns früher einmal klargemacht, daß der Widerstand, 
den wir in der Analyse zu überwinden haben, vom Ich geleistet 
wird, das an seinen Gegenbesetzungen festhält. Das Ich hat es 
schwer, seine Aufmerksamkeit Wahrnehmungen und Vorstellungen 
zuzuwenden, deren Vermeidung es sich bisher zur Vorschrift gemacht 
hatte, oder Regungen als die seinigen anzuerkennen, die den vollsten 
Gegensatz zu den ihm als eigen vertrauten bilden. Unsere Be- 
kämpfung des Widerstandes in der Analyse gründet sich auf eine 
solche Auffassung desselben. Wir machen den Widerstand bewußt, 
wo er, wie so häufig, infolge des Zusammenhanges mit dem Ver- 
drängten selbst unbewußt ist; wir setzen ihm logische Argumente 
entgegen, wenn oder nachdem er bewußt geworden ist, versprechen 
dem Ich Nutzen und Prämien, wenn es auf den Widerstand ver- 






102 



Schriften aus den Jahren 192) — I'J26 



ziehtet. An dem Widerstand des Ichs ist also nichts zu bezweifeln 
oder zu berichtigen. Dagegen fragt es sich, ob er allein den Sach- 
verhalt deckt, der uns in der Analyse entgegentritt. Wir machen 
die Erfahrung, daß das Ich noch immer Schwierigkeiten findet, 
die Verdrängungen rückgängig zu machen, auch nachdem es den 
Vorsatz gefaßt hat, seine Widerstände aufzugeben, und haben die 
Phase anstrengender Bemühung, die nach solchem löblichen Vorsatz 
folgt, als die des „Durcharbeitens" bezeichnet. Es liegt nun nahe, 
das dynamische Moment anzuerkennen, das ein solches Durch- 
arbeiten notwendig und verständlich macht. Es kann kaum anders 
sein, als daß nach Aufhebung des Ichwiderstandes noch die Macht 
des Wiederholungszwanges, die Anziehung der unbewußten Vor- 
bilder auf den verdrängten Triebvorgang, zu Qberwinden ist, und 
es ist nichts dagegen zu sagen, wenn man dies Moment als den 
Widerstand des Unbewußten bezeichnen will. Lassen wir uns 
solche Korrekturen nicht verdrießen; sie sind erwünscht, wenn sie 
unser Verständnis um ein Stück fördern, und keine Schande, wenn 
sie das frühere nicht widerlegen, sondern bereichern, eventuell eine 
Allgemeinheit einschränken, eine zu enge Auffassung erweitern. 

Es ist nicht anzunehmen, daß wir durch diese Korrektur eine 
vollständige Übersicht über die Arten der uns in der Analyse be- 
gegnenden Widerstände gewonnen haben. Hei weiterer Vertiefung 
merken wir vielmehr, daß wir fünf Arten des Widerstandes zu 
bekämpfen haben, die von drei Seilen herstammen, nämlich vom 
Ich, vom Es und vom Über-Ich, wobei sich das Ich als die Quelle 
von drei in ihrer Dynamik unterschiedenen Formen erweist. Der 
erste dieser drei Ichwiderstände ist der von vorhin behandelte Ver- 
drängungswiderstand, über den am wenigsten Neues zu sagen 
ist. Von ihm sondert sich der Übertragungs widerstand, der von 
der gleichen Natur ist, aber in der Analyse andere und weit deut- 
lichere Erscheinungen macht, da es ihm gelungen ist, eine Be- 
ziehung zur analytischen Situation oder zur Person des Analytikers 
herzustellen und somit eine Verdrängung, die bloß erinnert werden 



^■■■1 



Hemmung, Symptom und Angst ioz 

sollte, wieder wie frisch zu beleben. Auch ein Ichwiderstand, aber 
ganz anderer Natur, ist jener, der vom Krankheitsgewinn aus- 
geht und sich auf die Einbeziehung des Symptoms ins Ich gründet. 
Er entspricht dem Sträuben gegen den Verzicht auf eine Befrie- 
digung oder Erleichterung. Die vierte Art des Wiederstandes — 
den des Es — haben wir eben für die Notwendigkeit des Durch- 
arbeitens verantwortlich gemacht. Der fünfte Widerstand, der des 
Über-Ichs, der zuletzt erkannte, dunkelste, aber nicht immer 
schwächste, scheint dem Schuldbewußtsein oder Strafbedürfnis zu 
entstammen; er widersetzt sich jedem Erfolg und demnach auch 
der Genesung durch die Analyse. 

b) singst aus Umwandlung- von Libido 

Die in diesem Aufsatz vertretene Auffassung der Angst entfernt 
sich ein Stück weit von jener, die mir bisher berechtigt schien. 
Früher betrachtete ich die Angst als eine allgemeine Reaktion des 
Ichs unter den Bedingungen der Unlust, suchte ihr Auftreten 
jedesmal zu rechtfertigen und nahm an, gestützt auf die Unter- 
suchung der Aktualneurosen, daß Libido (sexuelle Erregung), die 
von Ich abgelehnt oder nicht verwendet wird, eine direkte Ab- 
fuhr in der Form der Angst findet. Man kann es nicht übersehen, 
daß diese verschiedenen Bestimmungen nicht gut zusammengehen, 
zum mindesten nicht notwendig aus einander folgen. Überdies er- 
gab sich der Anschein einer besonders innigen Beziehung von 
Angst und Libido, die wiederum mit dem Allgemeincharakter der 
Angst als Unlustreaktion nicht harmonierte. 

Der Einspruch gegen diese Auffassung ging von der Tendenz 
aus, das Ich zur alleinigen Angststätte zu machen, war also eine 
der Folgen der im „Ich und Es" versuchten Gliederung des seeli- 
schen Apparates. Der früheren Auffassung lag es nahe, die Libido 
der verdrängten Triebregung als die Quelle der Angst zu be- 
trachten; nach der neueren hatte vielmehr das Ich für diese Angst 



10 4 Schriften ans den Ja hren Ip2J — 1926 

aufzukommen. Also Ich-Angst oder Trieb- (Es-) Angst. Da das Ich mit 
desexualisierter Energie arbeitet, wurde in der Neuerung auch 
der intime Zusammenhang von Angst und Libido gelockert. Ich 
hoffe, es ist mir gelungen, wenigstens den Widerspruch klar zu 
machen, die Umrisse der Unsicherheit scharf zu zeichnen. 

Die Ranksche Mahnung, der Angstaffekt sei, wie ich selbst 
zuerst behauptete, eine Folge des Geburtsvorganges und eine Wieder- 
holung der damals durchlebten Situation, nötigte zu einer neuer- 
lichen Prüfung des Angstproblems. Mit seiner eigenen Auffassung 
der Geburt als Trauma, des Angstzustandes als Abfuhrreaktion 
darauf, jedes neuerlichen Angstaffekts als Versuch, das Trauma 
immer vollständiger „abzureagieren", konnte ich nicht weiter 
kommen. Es ergab sich die Nötigung, von der Angstreaktion auf 
die Gefahrsituation hinter ihr zurückzugehen. Mit der Ein- 
führung dieses Moments ergaben sich neue Gesichtspunkte für die 
Betrachtung. Die Geburt wurde das Vorbild für alle späteren Ge- 
fahrsituationen, die sich unter den neuen Bedingungen der ver- 
änderten Existenzform und der fortschreitenden psychischen Ent- 
wicklung ergaben. Ihre eigene Bedeutung wurde aber auch auf 
diese vorbildliche Beziehung zur Gefahr eingeschränkt Die bei 
der Geburt empfundene Angst wurde nun das Vorbild eines Affekt- 
zustandes, der die Schicksale anderer Affekte teilen mußte. Er re- 
produzierte sich entweder automatisch in Situationen, die seinen 
Ursprungssituationen analog waren, als unzweckmäßige Reaktions- 
form, nachdem er in der ersten Gefahrsituation zweckmäßig ge- 
wesen war. Oder das Ich bekam Macht über diesen Affekt und 
reproduzierte ihn selbst* bediente sich seiner als Warnung vor der 
Gefahr und als Mittel, das Eingreifen des Lust-Unlustmechanismus 
wachzurufen. Die biologische Bedeutung des Angstaffekts kam zu 
ihrem Recht, indem die Angst als die allgemeine Reaktion auf 
die Situation der Gefahr anerkannt wurde; die Rolle des Ichs als 
Angststätte wurde bestätigt, indem dem Ich die Funktion ein- 
geräumt wurde, den Angstaffekt nach seinen Bedürfnissen zu pro- 



Hemmung, Symptom und Angst 



105 



duzieren. Der Angst wurden so im späteren Leben zweierlei Ur- 
sprungsweisen zugewiesen, die eine ungewollt, automatisch, jedes- 
mal ökonomisch gerechtfertigt, wenn sich eine Gefahrsituation 
analog jener der Geburt hergestellt hatte, die andere, vom Ich pro- 
duzierte, wenn eine solche Situation nur drohte, um zu ihrer 
Vermeidung aufzufordern. In diesem zweiten Fall unterzog sich 
das Ich der Angst gleichsam wie einer Impfung, um durch einen 
abgeschwächten Krankheitsausbruch einem ungeschwächten Anfall 
zu entgehen. Es stellte sich gleichsam die Gefahrsituation lebhaft 
vor, bei unverkennbarer Tendenz, dies peinliche Erleben auf eine 
Andeutung, ein Signal, zu beschränken. Wie sich dabei die ver- 
schiedenen Gefahrsituationen nacheinander entwickeln und doch 
genetisch miteinander verknüpft bleiben, ist bereits im einzelnen 
dargestellt worden. Vielleicht gelingt es uns, ein Stück weiter ins 
Verständnis der Angst einzudringen, wenn wir das Problem des 
Verhältnisses zwischen neurotischer Angst und Realangst angreifen. 
Die früher behauptete direkte Umsetzung der Libido in Angst 
ist unserem Interesse nun weniger bedeutsam geworden. Ziehen wir 
sie doch in Erwägung, so haben wir mehrere Fälle zu unter- 
scheiden. Für die Angst, die das Ich als Signal provoziert, kommt 
sie nicht in Betracht ; also auch nicht in all den Gefahrsituationen, 
die das Ich zur Einleitung einer Verdrängung bewegen. Die libi- 
dinöse Besetzung der verdrängten Triebregung erfährt, wie man 
es am deutlichsten bei der Konversionshysterie sieht, eine andere 
Verwendung als die Umsetzung in und Abfuhr als Angst. Hin- 
gegen werden wir bei der weiteren Diskussion der Gefahrsituation 
auf jenen Fall der Angstentwicklung stoßen, der wahrscheinlich 
anders zu beurteilen ist. 



c) Verdrängung und Abwehr 

Im Zusammenhange der Erörterungen über das Angstproblem 
habe ich einen Begriff — oder bescheidener ausgedrückt: einen 
Terminus — wieder aufgenommen, dessen ich mich zu Anfang 



io6 



Schriften aus den Jahren lf)2} — 1926 



meiner Studien vor dreißig Jahren ausschließend bedient und den 
ich späterhin fallen gelassen hatte. Ich meine den des Abwehr- 
vorganges. 1 Ich ersetzte ihn in der Folge durch den der Verdrän- 
gung, das Verhältnis zwischen beiden blieb aber unbestimmt. Ich 
meine nun, es bringt einen sicheren Vorteil, auf den alten Begriff 
der Abwehr zurückzugreifen, wenn man dabei festsetzt, daß er 
die allgemeine Bezeichnung für alle die Techniken sein soll, deren 
sich das Ich in seinen eventuell zur Neuroso führenden Konflikten 
bedient, während Verdrängung der Name einer bestimmten solchen 
Abwehrmethode bleibt, die uns infolge der Richtung unserer 
Untersuchungen zuerst besser bekannt worden ist. 

Auch eine bloß terminologische Neuerung will gerechtfertigt 
werden, soll der Ausdruck einer neuen Betrachtungsweise oder 
einer Erweiterung unserer Einsichten sein. Die Wiederaufnahme 
des Begriffes Abwehr und die Einschränkung des Begriffes der Ver- 
drängung trägt, nun einer Tatsache Rechnung, die längst bekannt 
ist, aber durch einige neuere Funde an Bedeutung gewonnen hat. 
Unsere ersten Erfahrungen über Verdrängung und Symptombil- 
dung machten wir an der Hysterie; wir sahen, daß der YYahr- 
nehmungsinhalt erregender Erlebnisse, der Vorstellungsinhalt patho- 
gener Gedankenbildungen, vergessen und von der Reproduktion 
im Gedächtnis ausgeschlossen wird, und haben darum in der Ab- 
haltung vom Bewußtsein einen Hauptcharakter der hysterischen 
Verdrängung erkannt. Später haben wir die Zwangsneurose stu- 
diert und gefunden, daß bei dieser Affekt ion die pathogenen Vor- 
fälle nicht vergessen werden. Sie bleiben bewußt, werden aber auf 
eine noch nicht vorstellbare Weise „isoliert", so daß ungefähr 
derselbe Erfolg erzielt wird wie durch die hysterische Amnesie. 
Aber die Differenz ist groß genug, um unsere Meinung zu be- 
rechtigen, der Vorgang, mittels dessen die Zwangsneurose einen 
Triebanspruch beseitigt, könne nicht der nämliche sein wie bei 



1) Siehe: Die Abwchr-Ncuropsychoscn [diese Gesumliuisgabe], Bd. I. 



Hemmung, Symptom und Angst 107 

Hysterie. Weitere Untersuchungen haben uns gelehrt, daß bei 
der Zwangsneurose unter dem Einfluß des Ichsträubens eine Re- 
gression der Triebregungen auf eine frühere Libidophase erzielt 
wird, die zwar eine Verdrängung nicht überflüssig macht, aber 
offenbar in demselben Sinne wirkt wie die Verdrängung. Wir 
haben ferner gesehen, daß die auch bei Hysterie anzunehmende 
Gegenbesetzung bei der Zwangsneurose als reaktive Ichveränderung 
eine besonders große Rolle beim Ichschutz spielt, wir sind auf ein 
Verfahren der „Isolierung" aufmerksam worden, dessen Technik 
wir noch nicht angeben können, das sich einen direkten sympto- 
matischen Ausdruck schafft, und auf die magisch zu nennende Pro- 
zedur des „Ungeschehenmachens", über deren abwehrende Tendenz 
kein Zweifel sein kann, die aber mit dem Vorgang der „Verdrän- 
gung" keine Ähnlichkeit mehr hat. Diese Erfahrungen sind Grund 
genug, den alten Begriff der Abwehr wieder einzusetzen, der alle 
diese Vorgänge mit gleicher Tendenz — Schutz des Ichs gegen 
Triebansprüche — umfassen kann, und ihm die Verdrängung als 
einen Spezialfall zu subsumieren. Die Bedeutung einer solchen 
Namengebung wird erhöht, wenn man die Möglichkeit erwägt, 
daß eine Vertiefung unserer Studien eine innige Zusammengehö- 
rigkeit zwischen besonderen Formen der Abwehr und bestimmten 
Affektionen ergeben könnte, z. B. zwischen Verdrängung und Hysterie. 
Unsere Erwartung richtet sich ferner auf die Möglichkeit einer 
anderen bedeutsamen Abhängigkeit. Es kann leicht sein, daß der 
seelische Apparat vor der scharfen Sonderung von Ich und Es, vor 
der Ausbildung eines Über-Ichs, andere Methoden der Abwehr 
übt als nach der Erreichung dieser Organisationsstufen. 

B 
ERGÄNZUNG ZUR ANGST 

Der Angstaffekt zeigt einige Züge, deren Untersuchung weitere 
Aufklärung verspricht. Die Angst hat eine unverkennbare Bezie- 
hung zur Erwartung; sie ist Angst vor etwas. Es haftet ihr ein 






io8 



Schriften aus den Jahren 1^2) — 1926 



Charakter von Unbestimmtheit und Objekt losigkeil an; der 
korrekle Sprachgebrauch ändert selbst ihren Namen, wenn sie ein 
Objekt gefunden hat, und ersetzt ihn dann durch Furcht. Die 
Angst hat ferner außer ihrer Beziehung zur Gefahr eine andere 
zur Neurose, u m deren Aufklärung wir uns seit langem bemühen. 
Es entsteht die Frage, warum nicht alle Angst reaklionen neurotisch 
sind, warum wir so viele als normal anerkennen; endlich verlangt 
der Unterschied von Realangst und neurotischer Angst nach gründ- 
licher Würdigung. 

Gehen wir von der letzleren Aufgabe aus. Unser Fortschritt 
bestand in dem Rückgreifen von der Reaktion der Angst auf die 
Situation der Gefahr. Nehmen wir dieselbe Veränderung an dem 
Problem der Realangst vor, so wird uns dessen Lösung leicht. 
Realgefahr ist eine Gefahr, die wir kennen, Realangst die Angst 
vor einer solchen bekannten Gefahr. Die neurotische Angst ist 
Angst vor einer Gefahr, die wir nicht kennen. Die neurotische 
Gefahr muß also erst gesucht werden; die Analyse hat uns gelehrt, 
sie ist eine Triebgefahr, Indem wir diese dem Ich unbekannte 
Gefahr zum Bewußtsein bringen, verwischen wir den Unterschied 
zwischen Realangst und neurotischer Angst, können wir die letz- 
tere wie die erstere behandeln. 

In der Realgefahr entwickeln wir zwei Reaktionen, die affektive, 
den Angstausbruch, und die Schutzhandlung. Voraussichtlich wird 
bei der Triebgefahr dasselbe geschehen. Wir kennen den Fall des 
zweckmäßigen Zusammenwirkens beider Reaktionen, indem die 
eine das Signal für das Kinsotzeii der anderen gibt, aber auch den 
unzweckmäßigen Fall, den der Angstlähmung, daß die eine sich 
auf Kosten der anderen ausbreitet. 

Es gibt Fälle, in denen sich die Charaktere von Realangst und 
neurotischer Angst vermengt zeigen. Die Gefahr ist bekannt und 
real, aber die Angst vor ihr übermäßig groß, größer als sie nach 
unserem Urteil sein dürfte. In diesem Mehr verrät sich das neu- 
rotische Element. Aber diese Fälle bringen nichts prinzipiell Neues. 



* 



Hemmung, Symptom und Angst 10g 

Die Analyse zeigt, daß an die bekannte Realgefahr eine unerkannte 
Triebgefahr geknüpft ist. 

Wir kommen weiter, wenn wir uns auch mit der Zurückfüh- 
rung der Angst auf die Gefahr nicht begnügen. Was ist der Kern, 
die Bedeutung der Gefahrsituation? Offenbar die Einschätzung un- 
serer Stärke im Vergleich zu ihrer Größe, das Zugeständnis unserer 
Hilflosigkeit gegen sie, der materiellen Hilflosigkeit im Falle der 
Realgefahr, der psychischen Hilflosigkeit im Falle der Triebgefahr. 
Unser Urteil wird dabei von wirklich gemachten Erfahrungen ge- 
leitet werden; ob es sich in seiner Schätzung irrt, ist für den 
Erfolg gleichgiltig. Heißen wir eine solche erlebte Situation von 
Hilflosigkeit eine traumatische; wir haben dann guten Grund, 
die traumatische Situation von der Gefahrsituation zu trennen. 

Es ist nun ein wichtiger Fortschritt in unserer Selbstbewahrung, 
wenn eine solche traumatische Situation von Hilflosigkeit nicht 
abgewartet, sondern vorhergesehen, erwartet, wird. Die Situation, 
in der die Bedingung für solche Erwartung enthalten ist, heiße 
die Gefahrsituation, in ihr wird das Angstsignal gegeben. Dies will 
besagen: ich erwarte, daß sich eine Situation von Hilflosigkeit er- 
geben wird, oder die gegenwärtige Situation erinnert mich an eines 
der früher erfahrenen traumatischen Erlebnisse. Daher antizipiere 
ich dieses Trauma, will mich benehmen, als ob es schon da wäre, 
solange noch Zeit ist, es abzuwenden. Die Angst ist also einerseits 
Erwartung des Traumas, anderseits eine gemilderte Wiederholung 
desselben. Die beiden Charaktere, die uns an der Angst aufgefallen 
sind, haben also verschiedenen Ursprung. Ihre Beziehung zur Er- 
wartung gehört zur Gefahrsituation, ihre Unbestimmtheit und 
Objektlosigkeit zur traumatischen Situation der Hilflosigkeit, die in 
der Gefahrsituation antizipiert wird. 

Nach der Entwicklung der Reihe: Angst — Gefahr — Hilflosig- 
keit (Trauma) können wir zusammenfassen: Die Gefahrsituation 
ist die erkannte, erinnerte, erwartete Situation der Hilflosigkeit. 
Die Angst ist die ursprüngliche Reaktion auf die Hilflosigkeit im 



HO 



Schriften aus den Jahren 192) — 1926 



Trauma, die dann später in der Gefahrsituation als Hilfssignal re- 
produziert wird. Das Ich, welches das Trauma passiv erlebt hat, 
wiederholt nun aktiv eine abgeschwächte Reproduktion desselben, 
in der Hoffnung, deren Ablauf selbsttätig leiten zu können. Wir 
wissen, das Kind benimmt sich ebenso gegen alle ihm peinlichen 
Eindrücke, indem es sie im Spiel reproduziert 5 durch diese Art, 
von der Passivität zur Aktivität überzugehen, sucht es seine Lebens- 
eindrücke psychisch zu bewältigen. Wenn dies der Sinn eines 
„Abreagierens" des Traumas sein soll, so kann man nichts mehr 
dagegen einwenden. Das Entscheidende ist aber die erste Ver- 
schiebung der Angstreaktion von ihrem Ursprung in der Situation 
der Hilflosigkeit auf deren Erwartung, die Gefahrsituation. Dann 
folgen die weiteren Verschiebungen von der Gefahr auf die Be- 
dingung der Gefahr, den Objektverlust und dessen schon erwähnte 
Modifikationen. 

Die „Verwöhnung" des kleinen Kindes hat die unerwünschte 
Folge, daß die Gefahr des Objektverlustes - das Objekt als Schutz 
gegen alle Situationen der Hilflosigkeit - - gegen alle anderen Ge- 
fahren übersteigert wird. Sie begünstigt also die Zurückhaltung 
in der Kindheit, der die motorische wie die psychische Hilflosigkeit 
eigen sind. 

Wir haben bisher keinen Anlaß gehabt, die Realangst anders 
zu betrachten als die neurotische Angst. Wir kennen den Unter- 
schied; die Realgefahr droht von einem äußeren Objekt, die neu- 
rotische von einem Triebanspruch. Insoferiie dieser Triebanspruch 
etwas Reales ist, kann auch die neurotische Angst als real begründet 
anerkannt werden. Wir haben verstanden, daß der Anschein einer 
besonders intimen Beziehung zwischen Angst und Neurose sich auf 
die Tatsache zurückführt, daß das Ich sich mit Hilfe der Angst- 
reaktion der Triebgefahr ebenso erwehrt wie der äußeren Real- 
gefahr, daß aber diese Richtung der Abwehrtätigkeit infolge einer 
Unvollkommenheit des seelischen Apparats in die Neurose ausläuft. 
Wir haben auch die Überzeugung gewonnen, daß der Triebanspruch 



Hemmung, Symptom und Angst 1 1 1 

oft nur darum zur (inneren) Gefahr wird, weil seine Befriedigung 
eine äußere Gefahr herbeiführen würde, also weil diese innere 
Gefahr eine äußere repräsentiert. 

Anderseits muß auch die äußere (Real-) Gefahr eine Verinner- 
lichung gefunden haben, wenn sie für das Ich bedeutsam werden 
soll; sie muß in ihrer Beziehung zu einer erlebten Situation von 
Hilflosigkeit erkannt werden.' Eine instinktive Erkenntnis von 
außen drohender Gefahren scheint dem Menschen nicht oder nur 
in sehr bescheidenem Ausmaß mitgegeben worden zu sein. Kleine 
Kinder tun unaufhörlich Dinge, die sie in Lebensgefahr bringen, 
und können gerade darum das schützende Objekt nicht entbehren. 
In der Beziehung zur traumatischen Situation, gegen die man 
hilflos ist, treffen äußere und innere Gefahr, Realgefahr und Trieb- 
anspruch zusammen. Mag das Ich in dem einen Falle einen Schmerz, 
der nicht aufhören will, erleben, im anderen Falle eine Bedürfnis- 
stauung, die keine Befriedigung finden kann, die ökonomische 
Situation ist für beide Fälle die nämliche und die motorische 
Hilflosigkeit findet in der psychischen Hilflosigkeit ihren Ausdruck. 

Die rätselhaften Phobien der frühen Kinderzeit verdienen an 
dieser Stelle nochmalige Erwähnung. Die einen von ihnen — 
Alleinsein, Dunkelheit, fremde Personen — konnten wir als Re- 
aktionen auf die Gefahr des Objektverlusts verstehen; für andere 
— kleine Tiere, Gewitter u. dgl. — bietet sich vielleicht die Aus- 
kunft, sie seien die verkümmerten Reste einer kongenitalen Vor- 
bereitung auf die Realgefahren, die bei anderen Tieren so deutlich 
ausgebildet ist. Für den Menschen zweckmäßig ist allein der Anteil 
dieser archaischen Erbschaft, der sich auf den Objektverlust bezieht. 



1) Es mag oft genug vorkommen, daß in einer Gefahrsituation, die als solche 
richtig geschätzt wird, zur Realangst ein Stück Triebangst hinzukommt. Der Trieb- 
anspruch, vor dessen Befriedigung das Ich zurückschreckt, wäre dann der maso- 
chistische, der gegen die eigene Person gewendete Destruktionstrieb. Vielleicht er- 
klärt diese Zutat den Fall, daß die Angstreaktion übermäßig und unzweckmäßig, 
lähmend, ausfällt. Die Höhenphobien (Fenster, Turm, Abgrund) könnten diese Her- 
kunft haben; ihre geheime feminine Bedeutung steht dem Masochismus nahe. 



1 12 



Schriften aus den Jahren 1<)2) — 1926 



Wenn solche Kinderphobien sich fixieren, stärker werden und bis 
in späte Lebensjahre anhalten, weist die Analyse nach, daß ihr 
Inhalt sich mit Triebansprüchen in Verbindung gesetzt hat, zur 
Vertretung auch innerer Gefahren geworden ist. 



ANGST, SCHMERZ UND TRAUER 

Zur Psychologie der Gefühlsvorgänge liegt so wenig vor, daß 
die nachstehenden schüchternen Bemerkungen auf die nachsichtigste 
Beurteilung Anspruch erheben dürfen. An folgender Stelle erhebt 
sich für uns das Problem. Wir muliton sagen, die Angst werde 
zur Reaktion auf die Gefahr des Objekt vorlusts. Nun kennen wir 
bereits eine solche Reaktion auf den Objektverlust, es ist die Trauer. 
Also wann kommt es zur einen, wann zur anderen? An der Trauer, 
mit der wir uns bereits früher beschäftigt haben,' blieb ein Zug 
völlig unverstanden, ihre besondere Schineiv.licbkeit. Dali die Tren- 
nung vom Objekt schmerzlich ist, erscheint uns trotzdem selbst- 
verständlich. Also kompliziert sich das Problem weiter: Wann macht 
die Trennung vom Objekt Angst, wann Trauer und wann viel- 
leicht nur Schmerz? 

Sagen wir es gleich, es ist keine Aussicht vorhanden, Antworten 
auf diese Fragen zu geben. Wir weiden uns dabei bescheiden, 
einige Abgrenzungen und einige Andeutungen zu finden. 

Unser Ausgangspunkt sei wiederum die eine Situation, die wir 
zu verstehen glauben, die des Säuglings, der anstatt seiner Mutter 
eine fremde Person erblickt. Er zeigt dann die Angst, die wir auf 
die Gefahr des Objektverlustes gedeutet haben. Aber sie ist wohl 
komplizierter und verdient eine eingehendere Diskussion. An der 
Angst des Säuglings ist zwar kein Zweifel, aber Gesichtsausdruck 
und die Reaktion des Weinens lassen annehmen, daß er außerdem 



1) Siehe: Trauer und Melancholie [Bd. V dieser Gesnnitnusguhe]. 



Hemmung, Symptom und Angst 113 

noch Schmerz empfindet. Es scheint, daß bei ihm einiges zusammen- 
fließt, was später gesondert werden wird. Er kann das zeitweilige 
Vermissen und den dauernden Verlust, noch nicht unterscheiden; 
wenn er die Mutter das eine Mal nicht zu Gesicht bekommen 
hat, benimmt er sich so, als ob er sie nie wieder sehen sollte, 
und es bedarf wiederholter tröstlicher Erfahrungen, bis er gelernt 
hat, daß auf ein solches Verschwinden der Mutter ihr Wieder- 
erscheinen zu folgen pflegt. Die Mutter reift diese für ihn so 
wichtige Erkenntnis, indem sie das bekannte Spiel mit ihm auf- 
führt, sich vor ihm das Gesicht zu verdecken und zu seiner Freude 
wieder zu enthüllen. Er kann dann sozusagen Sehnsucht empfinden, 
die nicht von Verzweiflung begleitet ist. 

Die Situation, in der er die Mutter vermißt, ist infolge seines Miß- 
verständnisses für ihn keine Gefahrsituation, sondern eine trauma- 
tische, oder richtiger, sie ist eine traumatische, wenn er in diesem 
Moment ein Bedürfnis verspürt, das die Mutter befriedigen soll; 
sie wandelt sich zur Gefahrsituation, wenn dies Bedürfnis nicht 
aktuell ist. Die erste Angstbedingung, die das Ich selbst einführt, 
ist also die des Wahrnehmungsverlustes, die der des Objektverlustes 
gleichgestellt wird. Ein Liebesverlust kommt noch nicht in Betracht. 
Später lehrt die Erfahrung, daß das Objekt vorhanden bleiben, 
aber auf das Kind böse geworden sein kann, und nun wird der 
Verlust der Liebe von seiten des Objekts zur neuen, weit beständi- 
geren Gefahr und Angstbedingung. 

Die traumatische Situation des Vermissens der Mutter weicht 
in einem entscheidenden Punkte von der traumatischen Situation 
der Geburt ab. Damals war kein Objekt vorhanden, das vermißt 
werden konnte. Die Angst blieb die einzige Reaktion, die zustande 
kam. Seither haben wiederholte Befriedigungssituationen das Objekt 
der Mutter geschaffen, das nun im Falle des Bedürfnisses eine 
intensive, „sehnsüchtig" zu nennende Besetzung erfährt. Auf diese 
Neuerung ist die Reaktion des Schmerzes zu beziehen. Der Schmerz 
ist also die eigentliche Reaktion auf den Objektverlust, die Angst 

Freud XI. 8 



114 Schriften aus den Jahren 1^2) — 1926 



die auf die Gefahr, welche dieser Verlust mit sich bringt, in 
weiterer Verschiebung auf die Gefahr des Objektverlustes selbst. 
Auch vom Schmerz wissen wir sehr wenig. Den einzig sicheren 
Inhalt gibt die Tatsache, daß der Schmerz — zunächst und in 
der Regel — entsteht, wenn ein an der Peripherie angreifender 
Reiz die Vorrichtungen des Reizschutzes durchbricht und nun wie 
ein kontinuierlicher Triebreiz wirkt, gegen den die sonst wirksamen 
Muskelaktionen, welche die gereizte Stelle dem Reiz entziehen, 
ohnmächtig bleiben. Wenn der Schmerz nicht von einer Hautstelle, 
sondern von einem inneren Organ ausgeht, so ändert das nichts 
an der Situation; es ist nur ein Stück der inneren Peripherie an 
die Stelle der äußeren getreten. Das Kind hat offenbar Gelegen- 
heit, solche Schmerzerlebnisse zu machen, die unabhängig von seinen 
Bedürfniserlebnissen sind. Diese Entstehungsbedingung des Schmerzes 
scheint aber sehr wenig Ähnlichkeit mit einem Objektverlust zu 
haben, auch ist das für den Schmerz wesentliche Moment der 
peripherischen Reizung in der Sehnsuchtssituation des Kindes völlig 
entfallen. Und doch kann es nicht sinnlos sein, daß die Sprache 
den Begriff des inneren, des seelischen, Schmerzes geschaffen hat 
und die Empfindungen des Objektverlusts durcbaus dem körper- 
lichen Schmerz gleichstellt. 

Beim körperlichen Schmerz entsteht eine hohe, narzißtisch zu 
nennende Besetzung der schmerzenden Körperstelle, die immer 
mehr zunimmt und sozusagen entleerend auf das Ich wirkt. Es 
ist bekannt, daß wir, bei Schmerzen in inneren Organen, räumliche 
und andere Vorstellungen von solchen Körperteilen bekommen, 
die sonst im bewußten Vorstellen gar nicht vertreten sind. Auch 
die merkwürdige Tatsache, daß die intensivsten Körperschmerzen 
bei psychischer Ablenkung durch ein andersartiges Interesse nicht 
zustande kommen (man darf hier nicht sagen; unbewußt bleiben), 
findet in der Tatsache der Konzentration der Besetzung auf die 
psychische Repräsentanz der schmerzenden Körperstelle ihre Er- 
klärung. Nun scheint in diesem Punkt die Analogie zu liegen, 



Hemmung, Sym ptom und Angst 11( - 

die die Übertragung der Schmerzempfindung auf das seelische Gebiet 
gestattet hat. Die intensive, infolge ihrer Unstillbarkeit stets an- 
wachsende Sehnsuchtsbesetzung des vermißten (verlorenen) Objekts 
schafft dieselben ökonomischen Bedingungen wie die Schmerz- 
besetzung der verletzten Körperstelle und macht es möglich, von 
der peripherischen Bedingtheit des Kürperschmerzes abzusehen! Der 
Übergang vom Körperschmerz zum Seelenschmerz entspricht dem 
Wandel von narzißtischer zur Objektbesetzung. Die vom Bedürfnis 
hochbesetzte Objektvorstellung spielt die Rolle der von dem Reiz- 
zuwachs besetzten Körperstelle. Die Kontinuität und Unhemmbarkeit 
des Besetzungsvorganges bringen den gleichen Zustand der psychi- 
schen Hilflosigkeit hervor. Wenn die dann entstehende Unlust- 
empfindung den spezifischen, nicht näher zu beschreibenden Charakter 
des Schmerzes trägt, anstatt sich in der Reaktionsform der Angst 
zu äußern, so liegt es nahe, dafür ein Moment verantwortlich zu 
machen, das sonst von der Erklärung noch zu wenig in Anspruch 
genommen wurde, das hohe Niveau der Besetzungs- und Bindungs- 
verhältnisse, auf dem sich diese zur Unlustempfindung führenden 
Vorgänge vollziehen. 

Wir kennen noch eine andere Gefühlsreaktion auf den Objekt- 
verlust, die Trauer. Ihre Erklärung bereitet aber keine Schwierig- 
keiten mehr. Die Trauer entsteht unter dem Einfluß der Realitäts- 
prüfung, die kategorisch verlangt, daß man sich von dem Objekt 
trennen müsse, weil es nicht mehr besteht. Sie hat nun die Arbeit 
zu leisten, diesen Rückzug vom Objekt in all den Situationen 
durchzuführen, in denen das Objekt Gegenstand hoher Besetzung 
war. Der schmerzliche Charakter dieser Trennung fügt sich dann 
der eben gegebenen Erklärung durch die hohe und unerfüllbare 
Sehnsuchtsbesetzung des Objekts während der Reproduktion der 
Situationen, in denen die Bindung an das Objekt gelöst werden soll. 



8- 



»SELBSTDARSTELLUNG« 



Erschien i 9 2j im IV Band des Sammelwerkes „Die Medizin der Gegenwart 
in Selbstdarstellungen", herausgegeben von Prof. Dr. L. R. Grote. (Verlag 

von Felix Meiner, Leipzig.) 



Mehrere der Mitarbeiter an dieser Sammlung von „Selbstdar- 
stellungen" leiten ihren Beitrag mit einigen nachdenklichen Be- 
merkungen über die Besonderheit und Schwere der übernommenen 
Aufgabe ein. Ich meine, ich darf sagen, daß meine Aufgabe noch 
um ein Stück mehr erschwert ist, denn ich habe Bearbeitungen, 
wie die hier erforderte, schon wiederholt veröffentlicht und aus 
der Natur des Gegenstandes ergab sich, daß in ihnen von meiner 
persönlichen Rolle mehr die Rede war, als sonst üblich ist oder 
notwendig erscheint. 

Die erste Darstellung der Entwicklung und des Inhalts der Psycho- 
analyse gab ich 190g in fünf Vorlesungen an der Clark University 
inWorcester, Mass., wohin ich zur zwanzigjährigen Gründungs- 
feier der Institution berufen worden war. 1 Vor kurzem erst gab 
ich der Versuchung nach, einem amerikanischen Sammelwerk einen 
Beitrag ähnlichen Inhalts zu leisten, weil diese Publikation „Über 
die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts" die Bedeutung der 
Psychoanalyse durch das Zugeständnis eines besonderen Kapitels 
anerkannt hatte. 2 Zwischen beiden liegt eine Schrift „Zur Geschichte 

1) Englisch erschienen im American Journal of Psychology, 1910, deutsch unter 
dem Titel „Über Psychoanalyse" bei F. Deuticke, Wien, 7. Aufl. 1924. [Enthalten in 
Bd. IV dieser Gesamtausgabe.] 

2) These eventful years. The twentieth Century in the making as told by many 
of its makers. Two volumes. London and New York, The Encyclopaedia Britannica 
Company. Mein Aufsatz, übersetzt von Dr. A. A. Brill. bildet Cap. LXXIII des zweiten 
Bandes. [Deutsch in diesem Bande S. 183 ff.] 






120 



Schriften aus den Jahren Ip2) — 1926 



der psychoanalytischen Bewegung", 1914,' welche eigentlich alles 
Wesentliche bringt, das ich an gegenwärtiger Stelle mitzuteilen 
hätte. Da ich mir nicht widersprechen darf und mich nicht ohne Ab- 
änderung wiederholen möchte, muß ich versuchen, nun ein neues 
Mengungsverhältnis zwischen subjektiver und objektiver Darstellung, 
zwischen biographischem und historischem Interesse zu linden. 

Ich bin am 6. Mai 1856 zu Freiberg in Mähren geboren, einem kleinen 
Städtchen der heutigen Tschechoslowakei. Meine Eltern waren Juden, auch ich 
bin Jude geblieben. Von meiner väterlichen Familie glaube ich zu wissen, daß 
sie lange Zeiten am Rhein (in Köln) gelebt hat, ans Anlaß einer Juden- 
verfolgung im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert nach dem Osten floh 
und im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Rückwanderung von Litauen 
über Galizien nach dem deutschen Österreich antrat. Als Kind von vier Jahren 
kam ich nach Wien, wo ich alle Schulen durchmachte. Auf dem Gymnasium 
war ich durch sieben Jahre Primus, hatte eine bevorzugte Stellung, wurde vi 
kaum je geprüft. Obwohl wir in sehr beengten Verhältnissen lebten, ver- 
langte mein Vater, daß ich in der Berufswahl nur meinen Neigungen 
folgen sollte. Eine_besondere Vorliebe für die Stellung und Tätigkeit des 
Arnes habe ich in jenen Jugendjahren nicht verspürt, übrigens auch später 
nicht. Eher bewegte mich eine Art von Wißbegierde, die sich aber mehr 
auf menschliche Verhältnisse als auf natürliche Objekte bezog und auch 
den Wert der Beobachtung als eines Hauptmittels zu ihrer Befriedigung 
nicht erkannt hatte. Indes, die damals aktuelle Lehre Darwins zog mich 
mächtig an, weil sie eine außerordentliche Förderung des Weltverständnisses 
versprach, und ich weiß, daß der Vortrag von Goethes schönem Aufsatz 
„Die Natur" in einer populären Vorlesung kurz vor der Reifeprüfung die 
Entscheidung gab, daß ich Medizin inskribierte. 

Die Universität, die ich 1873 bezog, brachte mir zunächst einige fühl- 
bare Enttäuschungen. Vor allem traf mich die Zumutung, daß ich mich 
als minderwertig und nicht volkszugehörig fühlen sollte, weil ich Jude 
war. Das erstere lehnte ich mit aller Entschiedenheit ab. Ich habe nie 
begriffen, warum ich mich meiner Abkunft, oder wie man zu sagen begann: 
Rasse, schämen sollte. Auf die mir verweigerte Volksgemeinschaft verzichtete 
ich ohne viel Bedauern. Ich meinte, daß sich für einen eifrigen Mitarbeiter 



1) Erschienen im Jahrbuch der Psychoanalyse Bd. VI, neuerdings .924 als Sonder- 
abdruck veröffentlicht. [Enthalten in Bd. IV dieser Gesamtausgabe.] ' 



„Selbstdarstellung" 



121 



ein Plätzchen innerhalb des Rahmens des Menschtums auch ohne solche 
Einreihung finden müsse. Aber eine für später wichtige Folge dieser ersten 
Eindrücke von der Universität war, daß ich so frühzeitig mit dem Lose 
vertraut wurde, in der Opposition zu stehen und von der „kompakten 
Majorität" in Bann getan zu werden. Eine gewisse Unabhängigkeit des 
Urteils wurde so vorbereitet. 

Außerdem mußte ich in den ersten Universitätsjahren die Erfahrung 
machen, daß Eigenheit und Enge meiner Begabungen mir in mehreren 
wissenschaftlichen Fächern, auf die ich mich in jugendlichem Übereifer 
gestürzt hatte, jeden Erfolg versagten. Ich lernte so die Wahrheit der Mahnung 
Mephistos erkennen: 

Vergebens, daß ihr ringsum wissenschaftlich schweift, 
Ein jeder lernt nur, was er lernen kann. 

Im physiologischen Laboratorium von Ernst Brücke fand ich endlich 
Ruhe und volle Befriedigung, auch die Personen, die ich respektieren und 
zu Vorbildern nehmen konnte. Brücke stellte mir eine Aufgabe aus der 
Histologie des Nervensystems, die ich zu seiner Zufriedenheit lösen und selb- 
ständig weiterführen konnte. Ich arbeitete in diesem Institut von 1876 — 1882 
mit kurzen Unterbrechungen und galt allgemein als designiert für die nächste 
sich dort ergebende Assistentenstelle. Die eigentlich medizinischen Fächer" 1 
zogen mich — mit Ausnahme der Psychiatrie — nicht an. Ich betrieb 
das medizinische Studium recht nachlässig, wurde auch erst 1881, mit 
ziemlicher Verspätung also, zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert. J 

Die Wendung kam 1882, als mein über alles verehrter Lehrer den 
großmütigen Leichtsinn meines Vaters korrigierte, indem er mich mit Rück- 
sicht auf meine schlechte materielle Lage dringend mahnte, die theoretische 
Laufbahn aufzugeben. Ich folgte seinem Rate, verließ das physiologische 
Laboratorium und trat als Aspirant in das Allgemeine Krankenhaus ein. 
Dort wurde ich nach einiger Zeit zum Sekundararzt (Interne) befördert 
und diente an verschiedenen Abteilungen, auch länger als ein halbes Jahr 
bei Meynert, dessen Werk und Persönlichkeit mich schon als Studenten 
gefesselt hatten. 

In gewissem Sinne blieb ich doch der zuerst eingeschlagenen Arbeits- 
richtung treu. Brücke hatte mich an das Rückenmark eines der niedrigsten 
Fische (Ammocoetes-Petromyzon) als Untersuchungsobjekt gewiesen, ich ging 
nun zum menschlichen Zentralnervensystem über, auf dessen verwickelte 
Faserung die Flechsigschen Funde der ungleichzeitigen Markscheiden- 
bildung damals gerade ein helles Licht warfen. Auch daß ich mir zunächst 






122 



Schriften aus den Jahren 192J — 1926 



\ 



einzig und allein die Medulla oblongata zum Objekt wählte, war eine 
Fortwirkung meiner Anfänge. Recht im Gegensatz zur diffusen Natur meiner 
Studien in den ersten Universitätsjahren entwickelte ich nun eine Neigung 
zur ausschließenden Konzentration der Arbeit auf einen Stoff oder ein 
Problem. Diese Neigung ist mir verblieben und hat mir später den Vorwurf 
der Einseitigkeit eingetragen. 

Ich war nun ein ebenso eifriger Arbeiter im gehirnanatomischen Institut 
wie früher im physiologischen. Kleine Arbeiten über Faserverlauf und Kern- 
ursprünge in der Oblongata sind in diesen Spitalsjahren entstanden und 
immerhin von Edinger vermerkt worden. Eines Tages machte mir Meynert, 
der mir das Laboratorium eröffnet hatte, auch als ich nicht bei ihm diente, 
den Vorschlag, ich solle mich endgiltig der Gehirnanatomie zuwenden, 
er verspreche, mir seine Vorlesung abzutreten, denn er fühle sich zu alt, 
um die neueren Methoden zu handhaben. Ich lehnte, erschreckt durch die 
Größe der Aufgabe, ab; auch mochte ich damals schon erraten haben, daß 
der geniale Mann mir keineswegs wohlwollend gesinnt sei. 

Die Gehirnanatomie war in praktischer Hinsicht gewiß kein Fortschritt 
gegen die Physiologie. Den materiellen Anforderungen trug ich Rechnung, 
indem ich das Studium der Nervenkrankheiten begann. Dieses Spezialfach 
wurde damals in Wien wenig gepflegt, das Material war auf verschiedenen 
internen Abteilungen verstreut, es gab keine gute Gelegenheit sich aus- 
zubilden, man mußte sein eigener Lehrer sein. Auch Nothnagel, den 
man kurz vorher auf Grund seines Buches über die Gehirnlokalisation 
berufen hatte, zeichnete die Neuropathologie nicht vor anderen Teilgebieten 
der internen Medizin aus. In der Ferne leuchtete der große Name Charcots 
und so machte ich mir den Plan, hier die Dozentur für Nervenkrankheiten 
zu erwerben und dann zur weiteren Ausbildung nach Paris zu gehen. 
In den nun folgenden Jahren sekundarärztlichen Dienstes veröffentlichte 
ich mehrere kasuistische Beobachtungen über organische Krankheiten des 
Nervensystems. Ich wurde allmählich mit dem Gebiet vertraut; ich verstand 
es, einen Herd in der Oblongata so genau zu lokalisieren, daß der pathologische 
Anatom nichts hinzuzusetzen hatte, ich war der erste in Wien, der einen 
Fall mit der Diagnose Polyneuritis acuta zur Sektion schickte. Der Ruf 
meiner durch die Autopsie bestätigten Diagnosen trug mir den Zulauf 
amerikanischer Ärzte ein, denen ich in einer Art von Pidgin-English Kurse an 
den Kranken meiner Abteilung las. Von den Neurosen verstand ich nichts. 
Als ich einmal meinen Hörern einen Neurotiker mit fixiertem Kopfschmerz 
als Fall von chronischer zirkumskripter Meningitis vorstellte, fielen sie alle 






„ Selbstdarstellung" 125 



in berechtigter kritischer Auflehnung von mir ab und meine vorzeitige 
Lehrtätigkeit hatte ein Ende. Zu meiner Entschuldigung sei bemerkt, es 
war die Zeit, da auch größere Autoritäten in Wien die Neurasthenie als 
Hirntumor zu diagnostizieren pflegten. 

Im Frühjahr 1885 erhielt ich die Dozentur für Neuropathologie auf 
Grund meiner histologischen und klinischen Arbeiten. Bald darauf wurde 
mir infolge des warmen Fürspruchs Brückes ein größeres Reisestipendium 
zugeteilt. Im Herbst dieses Jahres reiste ich nach Paris. 

Ich trat als Eleve in die Salpetriere ein, fand aber anfangs als einer 
der vielen Mitläufer aus der Fremde wenig Beachtung. Eines Tages hörte 
ich Charcot sein Bedauern darüber äußern, daß der deutsche Übersetzer 
seiner Vorlesungen seit dem Kriege nichts von sich habe hören lassen. Es 
wäre ihm lieb, wenn jemand die deutsche Übersetzung seiner „Neuen 
Vorlesungen" übernehmen würde. Ich bot mich schriftlich dazu an; ich ' 
weiß noch, daß der Brief die Wendung enthielt, ich sei bloß mit der 
Aphasie motrice, aber nicht mit der Aphasie sensorielle du francais be- 
haftet. Charcot akzeptierte mich, zog mich in seinen Privatverkehr und 
von da an hatte ich meinen vollen Anteil an allem, was auf der Klinik 
vorging. 

Während ich dies schreibe, erhalte ich zahlreiche Aufsätze und Zeitungs- 
artikel aus Frankreich, die von dem heftigen Sträuben gegen die Aufnahme 
der Psychoanalyse zeugen und oft die unzutreffendsten Behauptungen über 
mein Verhältnis zur französischen Schule aufstellen. So lese ich z. B., daß 
ich meinen Aufenthalt in Paris dazu benützt, mich mit den Lehren von 
P. Jan et vertraut zu machen, und dann mit meinem Raube die Flucht 
ergriffen habe. Ich will darum ausdrücklich erwähnen, daß der Name 
Janets während meines Verweilens an der Salpetriere überhaupt nicht 
genannt wurde. 

Von allem, was ich bei Charcot sah, machten mir den größten Ein- 
druck seine letzten Untersuchungen über die Hysterie, die zum Teil noch 
unter meinen Augen ausgeführt wurden. Also der Nachweis der Echtheit 
und Gesetzmäßigkeit der hysterischen Phänomene. („Introite et hie dii 
sunt"), des häufigen Vorkommens der Hysterie bei Männern, die Erzeu- 
gung hysterischer Lähmungen und Kontrakturen durch hypnotische Sug- 
gestion das Ergebnis, daß diese Kunstprodukte dieselben Charaktere bis 
ins einzelnste zeigen wie die spontanen, oft durch Trauma hervorgerufenen 
Zufälle. Manche von Charcots Demonstrationen hatten bei mir wie bei 
anderen Gästen zunächst Befremden und Neigung zum Widerspruch erzeugt, 






• 



124 Schriften aus den Jahren I<)2) — 1926 

den wir durch Berufung auf eine der herrschenden Theorien zu stützen 
versuchten. Er erledigte solche Bedenken immer freundlich und geduldig, 
aber auch sehr bestimmt; in einer dieser Diskussionen fiel das Wort: Qa 
n'empSche pas d'exister, das sich mir unvergeßlich eingeprägt hat. 

Bekanntlich ist heute nicht mehr alles aufrecht geblieben, was uns 
Charcot damals lehrte. Einiges ist unsicher geworden, anderes hat die 
Probe der Zeit offenbar nicht bestanden. Aber es ist genug davon übrig 
geblieben, was als dauernder Besitz der Wissenschaft gewertet wird. Ehe 
ich Paris verließ, verabredete ich mit dem Meister den Plan einer Arbeit 
zur Vergleichung der hysterischen mit den organischen Lähmungen. Ich 
wollte den Satz durchführen, daß bei der Hysterie Lähmungen und Anäs- 
thesien einzelner Körperteile sich so abgrenzen, wie es der gemeinen (nicht 
anatomischen) Vorstellung des Menschen entspricht. Er war damit einver- 
standen, aber es war leicht zu sehen, daß er im Grunde keine besondere 
Vorliebe für ein tieferes Eingehen in die Psychologie der Neurose hatte. 
Er war doch von der pathologischen Anatomie her gekommen. 

Ehe ich nach Wien zurückkehrte, hielt ich mich einige Wochen in 
Berlin auf, um mir einige Kenntnisse über die allgemeinen Erkrankungen 
des Kindesalters zu holen. Kassowitz in Wien, der ein öffentliches Kinder- 
krankeninstitut leitete, hatte versprochen, mir dort eine Abteilung für 
Nervenkrankheiten der Kinder einzurichten. Ich fand in Berlin bei Ad. 
Baginsky freundliche Aufnahme und Förderung. Aus dem Kassowitzschen 
Institut habe ich im Laufe der nächsten Jahre mehrere größere Arbeiten 
über die einseitigen und doppelseitigen Gehirnlähmungen der Kinder ver- 
öffentlicht. Demzufolge übertrug mir auch später 1897 Nothnagel die 
Bearbeitung des entsprechenden Stoffes in seinem großen „Handbuch der 
allgemeinen und speziellen Therapie". 

Im Herbst 1886 ließ ich mich in Wien als Arzt nieder und heiratete 
das Mädchen, das seit länger als vier Jahren in einer fernen Stadt auf 
mich gewartet hatte. Ich kann hier rückgreifend erzählen, daß es die Schuld 
meiner Braut war, wenn ich nicht schon in jenen jungen Jahren berühmt 
geworden bin. Ein abseitiges, aber tiefgehendes Interesse hatte mich 1884 
veranlaßt, mir das damals wenig bekannte Alkaloid Kokain von Merck 
kommen zu lassen und dessen physiologische Wirkungen zu studieren. 
Mitten in dieser Arbeit eröffnete sich mir die Aussicht einer Beise, um 
meine Verlobte wiederzusehen, von der ich zwei Jahre getrennt gewesen 
war. Ich schloß die Untersuchung über das Kokain rasch ab und nahm in 
meine Publikation die Vorhersage auf, daß sich bald weitere Verwendungen 



„Selbs Klarstellung" 1 3; 



des Mittels ergeben würden. Meinem Freunde, dem Augenarzt L. König- 
stein, legte ich aber nahe, zu prüfen, inwieweit sich die anästhesierenden 
Eigenschaften des Kokains am kranken Auge verwerten ließen. Als ich vom 
Urlaub zurückkam, fand ich, daß nicht er, sondern ein anderer Freund, 
Carl Koller (jetzt in New York), dem ich auch vom Kokain erzählt, die 
entscheidenden Versuche am Tierauge angestellt und sie auf dem Ophthalmo- 
logenkongreß zu Heidelberg demonstriert hatte. Koller gilt darum mit 
Recht als der Entdecker der Lokalanästhesie durch Kokain, die für die 
kleine Chirurgie so wichtig geworden ist; ich aber habe mein damaliges 
Versäumnis meiner Braut nicht nachgetragen. 

Ich wende mich nun wieder zu meiner Niederlassung als Nervenarzt in 
Wien 1886. Es lag mir die Verpflichtung ob, in der „Gesellschaft der 
Ärzte" Bericht über das zu erstatten, was ich bei Charcot gesehen und 
gelernt hatte. Allein ich fand eine üble Aufnahme. Maßgebende Personen 
wie der Vorsitzende, der Internist Bamberger, erklärten das, was ich er- 
zählte, für unglaubwürdig. Meynert forderte mich auf, Fälle, wie die von 
mir geschilderten, doch in Wien aufzusuchen und der Gesellschaft vorzu- 
stellen. Dies versuchte ich auch, aber die Primarärzte, auf deren Abteilung 
ich solche Fälle fand, verweigerten es mir, sie zu beobachten oder zu be- 
arbeiten. Einer von ihnen, ein alter Chirurg, brach direkt in den Ausruf 
aus: „Aber Herr Kollege, wie können Sie solchen Unsinn reden! Hysteron 
(sie!) heißt doch der Uterus. Wie kann denn ein Mann hysterisch sein? 
Ich wendete vergebens ein, daß ich nur die Verfügung über den Krankheits- 
fall brauchte und nicht die Genehmigung meiner Diagnose. Endlich trieb 
ich außerhalb des Spitals einen Fall von klassischer hysterischer Hemi- 
anästhesie bei einem Manne auf, den ich in der „Gesellschaft der Ärzte 
demonstrierte. Diesmal klatschte man mir Beifall, nahm aber weiter kein 
Interesse an mir. Der Eindruck, daß die großen Autoritäten meine Neuig- 
keiten abgelehnt hätten, blieb unerschüttert; ich fand mich mit der männ- 
lichen Hysterie und der suggestiven Erzeugung hysterischer Lähmungen 
in die Opposition gedrängt. Als mir bald darauf das hirnanatomische Labora- 
torium versperrt wurde und ich durch Semester kein Lokal hatte, in dem 
ich meine Vorlesung abhalten konnte, zog ich mich aus dem akademischen 
und Vereinsleben zurück. Ich habe die „Gesellschaft der Ärzte" seit einem 
Menschenalter nicht mehr besucht. 

Wenn man von der Behandlung Nervenkranker leben wollte, mußte 
man offenbar ihnen etwas leisten können. Mein therapeutisches Arsenal 
umfaßte nur zwei Waffen, die Elektrotherapie und die Hypnose, denn die 



126 Schriften aus den Jahren 192) — 1926 



Versendung in die Wasserheilanstalt nach einmaliger Konsultation war keine 
zureichende Erwerbsquelle. In der Elektrotherapie vertraute ich mich dem 
Handbuch von W. Erb an, welches detaillierte Vorschriften für die Behand- 
lung aller Symptome der Nervenleiden zur Verfügung stellte. Leider mußte 
ich bald erfahren, daß die Befolgung dieser Vorschriften niemals half daß 
was ich für den Niederschlag exakter Beobachtung gehalten hatte, einJ 
phantastische Konstruktion war. Die Einsicht, daß das Werk des ersten 
/ Namens der deutschen Neuropathologie nicht mehr Beziehung zur Bealität 
| habe als etwa ein „ägyptisches" Traumbuch, wie es in unseren Volks- 
buchhandlungen verkauft wird, war schmerzlich, aber sie verhalf dazu 
I wieder ein Stück des naiven Autoritätsglaubens abzutragen, von dem ich 
noch nicht frei war. So schob ich denn den elektrischen Apparat beiseite 
noch ehe Möbius das erlösende Wort gesprochen hatte, die Erfolge der 
elektrischen Behandlung bei Nervenkranken seien - wo sie sich überhaupt 
ergeben — eine Wirkung der ärztlichen Suggestion. 

Mit der Hypnose stand es besser. Noch als Student hatte ich einer 
öffentlichen Vorstellung des „Magnetiseurs" Hansen beigewohnt und be- 
merkt, daß eme der Versuchspersonen totenbleich wurde, als sie in katalep- 
tische Starre geriet und während der ganzen Dauer des Zustandes so ver- 
harrte. Damit war meine Überzeugung von der Echtheit der hypnotischen 
Phänomene fest begründet. Bald nachher fand diese Auffassung in Heiden- 
hain ihren wissenschaftlichen Vertreter, was aber die Professoren der 
Psychiatrie nicht abhielt, noch auf lange hinaus die Hypnose für etwas 
Schwindelhaftes und überdies Gefährliches zu erklären und auf die Hypnoti- 
seure geringschätzig herabzuschauen. In Paris hatte ich gesehen, daß man 
sich der Hypnose unbedenklich als Methode bediente, um bei den Kranken 
Symptome zu schaffen und wieder aufzuheben. Dann drang die Kunde zu 
uns, daß in Nancy eine Schule entstanden war, welche die Suggestion 
mit oder ohne Hypnose im großen Ausmaße und mit besonderem Erfolg 
zu therapeutischen Zwecken verwendete. Es machte sich so ganz natürlich, 
daß in den ersten Jahren meiner ärztlichen Tätigkeit, von den mehr 
zufälligen und nicht systematischen psychotherapeutischen Methoden ab- 
gesehen, die hypnotische Suggestion mein hauptsächliches Arbeitsmittel 
wurde. 

Damit war zwar der Verzicht auf die Behandlung der organischen 
Nervenkrankheiten gegeben, aber das verschlug wenig. Denn einerseits gab 
die Therapie dieser Zustände überhaupt keine erfreuliche Aussicht und 
anderseits verschwand in der Stadtpraxis des Privatarztes die geringe Anzahl 






-•« 



„ Selbstdarstellung" 127 



der an ihnen Leidenden gegen die Menge von Nervösen, die sich überdies 
dadurch vervielfältigten, daß sie unerlöst von einem Arzt zum anderen 
liefen. Sonst aber war die Arbeit mit der Hypnose wirklich verführerisch. 
Man hatte zum erstenmal das Gefühl seiner Ohnmacht überwunden, der 
Ruf des Wundertäters war sehr schmeichelhaft. Welches die Mängel des 
Verfahrens waren, sollte ich später entdecken. Vorläufig konnte ich mich 
nur über zwei Punkte beklagen, erstens, daß es nicht gelang, alle Kranken 
zu hypnotisieren; zweitens, daß man es nicht in der Hand hatte, den 
einzelnen in so tiefe Hypnose zu versetzen, als man gewünscht hätte. In 
der Absicht, meine hypnotische Technik zu vervollkommnen, reiste ich im 
Sommer 188g nach Nancy, wo ich mehrere Wochen zubrachte. Ich sah 
den rührenden allen Liebault bei seiner Arbeit an den armen Frauen und 
Kindern der Arbeiterbevölkerung, wurde Zeuge der erstaunlichen Experi- 
mente Bern heims an seinen Spitalspatienten und holte mir die stärksten 
Eindrücke von der Möglichkeit mächtiger seelischer Vorgänge, die doch 
dem Bewußtsein des Menschen verhüllt bleiben. Zum Zwecke der Belehrung 
hatte ich eine meiner Patientinnen bewogen, nach Nancy nachzukommen. 
Es war eine vornehme, genial begabte Hysterika, die mir überlassen worden 
war, weil man nichts mit ihr anzufangen wußte. Ich hatte ihr durch 
hypnotische Beeinflussung eine menschenwürdige Existenz ermöglicht und 
konnte sie immer wieder aus dem Elend ihrer Zustände herausheben. 
Daß sie jedesmal nach einiger Zeit rückfällig wurde, schob ich in meiner 
damaligen Unkenntnis darauf, daß ihre Hypnose niemals den Grad von 
Somnambulismus mit Amnesie erreicht hatte. Bernheim versuchte es nun 
mit ihr wiederholte Male, brachte es aber auch nicht weiter. Er gestand 
mir freimütig, daß er die großen therapeutischen Erfolge durch die Sug- 
gestion nur in seiner Spitalspraxis, nicht auch an seinen Privatpatienten 
erziele. Ich hatte viele anregende Unterhaltungen mit ihm und übernahm 
es, seine beiden Werke über die Suggestion und ihre Heilwirkungen ins 
Deutsche zu übersetzen. 

Im Zeitraum von 1886 — 1891 habe ich wenig wissenschaftlich gearbeitet 
und kaum etwas publiziert. Ich war davon in Anspruch genommen, mich 
in den neuen Beruf zu finden und meine materielle Existenz sowie die 
meiner rasch anwachsenden Familie zu sichern. 1891 erschien die erste 
der Arbeiten über die Gehirnlähmungen der Kinder, in Gemeinschaft mit 
meinem Freunde und Assistenten Dr. Oskar Rie abgefaßt. In demselbsn 
Jahre veranlaßte mich ein Auftrag der Mitarbeiterschaft an einem Hand- 
wörterbuch der Medizin, die Lehre von der Aphasie zu erörtern, die damals 



128 Schriften aus den Jahren 1^2} — 1926 

von den rein lokalisatorischen Gesichtspunkten Wernicke-Lichtheims 
beherrscht war. Ein kleines kritisch-spekulatives Buch „Zur Auffassung der 
Aphasie" war die Frucht dieser Bemühung. Ich habe nun aber zu verfolgen, 
wie es kam, daß die wissenschaftliche Forschung wieder zum Hauptinter- 
esse meines Lebens wurde. 






n 



Meine frühere Darstellung ergänzend, muß ich angeben, daß 
ich von Anfang an außer der hypnotischen Suggestion eine 
andere Verwendung der Hypnose übte. Ich bediente mich ihrer 
zur Ausforschung des Kranken über die Entstehungsgeschichte 
seines Symptoms, die er im Wachzustand oft gar nicht oder 
nur sehr unvollkommen mitteilen konnte. Dies Verfahren schien 
nicht nur wirksamer als das bloß suggestive Gebot oder Ver- 
bot, es befriedigte auch die Wißbegierde des Arztes, der doch 
ein Recht hatte, etwas von der Herkunft des Phänomens zu er- 
fahren, das er durch die monotone suggestive Prozedur aufzu- 
heben strebte. 

Zu diesem anderen Verfahren war ich aber auf folgende Weise 
gekommen. Noch im Brückeschen Laboratorium wurde ich mit 
Dr. Josef Breuer bekannt, einem der angesehensten Familienärzte 
Wiens, der aber auch eine wissenschaftliche Vergangenheit hatte, 
da mehrere Arbeiten von bleibendem Werte über die Physiologie 
der Atmung und über das Gleichgewichtsorgan von ihm herrührten. 
Er war ein Mann von überragender Intelligenz, vierzehn Jahre 
älter als ich 5 unsere Beziehungen wurden bald intimer, er wurde 
mein Freund und Helfer in schwierigen Lebenslagen. Wir hatten 
uns daran gewöhnt, alle wissenschaftlichen Interessen miteinander 
zu teilen. Natürlich war ich der gewinnende Teil in diesem Ver- 
hältnis. Die Entwicklung der Psychoanalyse hat mich dann seine 

Freud XI. Q 



15° Schriften aus den Jahren I<)2} — 1926 

Freundschaft gekostet. Es wurde mir nicht leicht, diesen Preis 
dafür zu zahlen, aber es war unausweichlich. 

Breuer hatte mir, schon ehe ich nach Paris ging, Mitteilungen 
über einen Fall von Hysterie gemacht, den er in den Jahren 1880 
bis 1882 auf eine besondere Art behandelt, wobei er tiefe Einblicke 
in die Verursachung und Bedeutung der hysterischen Symptome 
gewinnen konnte. Das war also zu einer Zeit geschehen, als die 
Arbeiten Janets noch der Zukunft angehörten. Er las mir wieder- 
holt Stücke der Krankengeschichte vor, von denen ich den Eindruck 
empfing, hier sei mehr für das Verständnis der Neurose geleistet 
worden als je zuvor. Ich beschloß bei mir, Charcot von diesen 
Funden Kunde zu geben, wenn ich nach Paris käme, und tat dies 
dann auch. Aber der Meister zeigte für meine ersten Andeutungen 
kein Interesse, so daß ich nicht mehr auf die Sache zurückkam 
und sie auch bei mir fallen ließ. 

Nach Wien zurückgekehrt, wandte ich mich wieder der Breuer- 
schen Beobachtung zu und ließ mir mehr von ihr erzählen. Die 
Patientin war ein junges Mädchen von ungewöhnlicher Bildung 
und Begabung gewesen, die während der Pflege ihres zärtlich 
geliebten Vaters erkrankt war. Als Breuer sie übernahm, bot sie 
ein buntes Bild von Lähmungen mit Kontrakturen, Hemmungen 
und Zuständen von psychischer Verworrenheit. Eine zufällige Be- 
obachtung ließ den Arzt erkennen, daß sie von einer solchen 
Bewußtseinstrübung befreit werden konnte, wenn man sie ver- 
anlaßte, in Worten der affektiven Phantasie Ausdruck zu geben, 
von der sie eben beherrscht wurde. Breuer gewann aus dieser 
Erfahrung eine Methode der Behandlung. Er versetzte sie in tiefe 
Hypnose und ließ sie jedesmal von dem erzählen, was ihr Gemüt 
bedrückte. Nachdem die Anfälle von depressiver Verworrenheit auf 
diese Weise überwunden waren, verwendete er dasselbe Verfahren 
zur Aufhebung ihrer Hemmungen und körperlichen Störungen. 
Im wachen Zustande wußte das Mädchen so wenig wie andere 
Kranke zu sagen, wie ihre Symptome entstanden waren, und fand 



„ Selbstdarstellung" 131 



kein Band zwischen ihnen und irgendwelchen Eindrücken ihres 
Lebens. In der Hypnose entdeckte sie sofort den gesuchten Zu- 
sammenhang. Es ergab sich, daß alle ihre Symptome auf eindrucks- 
volle Erlebnisse während der Pflege des kranken Vaters zurück- 
gingen, also sinnvoll waren, und Resten oder Reminiszenzen dieser 
affektiven Situationen entsprachen. Gewöhnlich war es so zugegan- 
gen, daß sie am Krankenbett des Vaters einen Gedanken oder 
Impuls hatte unterdrücken müssen; an dessen Stelle, in seiner 
Vertretung, war dann später das Symptom erschienen. In der Regel 
war aber das Symptom nicht der Niederschlag einer einzigen 
„traumatischen" Szene, sondern das Ergebnis der Summation von 
zahlreichen ähnlichen Situationen. Wenn nun die Kranke in der 
Hypnose eine solche Situation halluzinatorisch wieder erinnerte 
und den damals unterdrückten seelischen Akt nachträglich unter 
freier Affektentfaltung zu Ende führte, war das Symptom weg- 
gewischt und trat nicht wieder auf. Durch dies Verfahren gelang 
es Breuer in langer und mühevoller Arbeit, seine Kranke von 
all ihren Symptomen zu befreien. 

Die Kranke war genesen und seither gesund geblieben, ja be- 
deutsamer Leistungen fähig geworden. Aber über dem Ausgang 
der hypnotischen Behandlung lastete ein Dunkel, das Breuer mir 
niemals aufhellte; auch konnte ich nicht verstehen, warum er 
seine, wie mir schien, unschätzbare Erkenntnis so lange geheim 
gehalten hatte, anstatt die Wissenschaft durch sie zu bereichern. 
Die nächste Frage aber war, ob man verallgemeinern dürfe, was 
er an einem einzigen Krankheitsfalle gefunden. Die von ihm auf- 
gedeckten Verhältnisse erschienen mir so fundamentaler Natur, daß 
ich nicht glauben konnte, sie würden bei irgendeinem Falle von 
Hysterie vermißt werden können, wenn sie einmal bei einem 
einzigen nachgewiesen waren. Doch konnte nur die Erfahrung 
darüber entscheiden. Ich begann also die Breuerschen Unter- 
suchungen an meinen Kranken zu wiederholen und tat, besonders 
nachdem mir der Besuch bei Bernheim 1889 die Begrenzung 

9' 






13 2 Schriften aus den Jahren I<)2} — 1926 

in der Leistungsfähigkeit der hypnotischen Suggestion gezeigt hatte, 
überhaupt nichts anderes mehr. Als ich mehrere Jahre hindurch 
immer nur Bestätigungen gefunden hatte, bei jedem Falle von 
Hysterie, der solcher Behandlung zugänglich war, auch bereits 
über ein stattliches Material von Beobachtungen verfügte, die der 
seinigen analog waren, schlug ich ihm eine gemeinsame Publikation 
vor, gegen die er sich anfangs heftig sträubte. Er gab endlich nach, 
zumal da unterdes Janets Arbeiten einen Teil seiner Ergebnisse, 
die Zurückführung hysterischer Symptome auf Lebenseindrücke 
und deren Aufhebung durch hypnotische Reproduktion in statu 
nascendi vorweggenommen hatten. Wir ließen 1893 eine vor- 
läufige Mitteilung erscheinen: „Über den psychischen Mechanismus 
hysterischer Phänomene." 1895 folgte unser Buch „Studien über 
Hysterie". 

Wenn die bisherige Darstellung beim Leser die Erwartung erweckt 
hat, die „Studien über Hysterie" würden in allem Wesentlichen 
ihres materiellen Inhalts Breuers geistiges Eigentum sein, so ist 
das genau dasjenige, was ich immer vertreten habe und auch diesmal 
aussagen wollte. An der Theorie, welche das Buch versucht, habe 
ich in heute nicht mehr bestimmbarem Ausmaße mitgearbeitet. 
Diese ist bescheiden, geht nicht weit über den unmittelbaren Aus- 
druck der Beobachtungen hinaus. Sie will nicht die Natur der Hysterie 
ergründen, sondern bloß die Entstehung ihrer Symptome beleuchten. 
Dabei betont sie die Bedeutung des Affektlebens, die Wichtigkeit 
der Unterscheidung zwischen unbewußten und bewußten (besser: 
bewußtseinsfähigen) seelischen Akten, führt einen dynamischen Faktor 
ein, indem sie das Symptom durch die Aufstauung eines Affekts 
entstehen läßt, und einen ökonomischen, indem sie dasselbe Sym- 
ptom als das Ergebnis der Umsetzung einer sonst anderswie ver- 
wendeten Energiemenge betrachtet (sog. Konversion). Breuer 
nannte unser Verfahren das kathartische; als dessen therapeuti- 
sche Absicht wurde angegeben, den zur Erhaltung des Symptoms 
verwendeten Affektbetrag, der auf falsche Bahnen geraten und dort 






„ Selbstdarstellung" 



!33 



gleichsam eingeklemmt war, auf die normalen Wege zu leiten, wo 
er zur Abfuhr gelangen konnte (abreagieren). Der praktische 
Erfolg der kathartischen Prozedur war ausgezeichnet. Die Mängel, 
die sich später herausstellten, waren die einer jeden hypnotischen 
Behandlung. Noch jetzt gibt es eine Anzahl von Psychotherapeuten, 
die bei der Katharsis im Sinne Breuers stehen geblieben sind und 
sie zu loben wissen. In der Behandlung der Kriegsneurotiker des 
deutschen Heeres während des Weltkriegs hat sie sich als abkürzendes 
Heilverfahren unter den Händen vonE.Simmel von neuem bewährt. 
Von der Sexualität ist in der Theorie der Katharsis nicht viel die 
Rede. In den Krankengeschichten, die ich zu den „Studien" bei 
gesteuert, spielen Momente aus dem Sexualleben eine gewisse Rolle, 
werden aber kaum anders gewertet als sonstige affektive Erregungen. 
Von seiner berühmt gewordenen ersten Patientin erzählt Breuer, 
das Sexuale sei bei ihr erstaunlich unentwickelt gewesen. Aus den 
„Studien über Hysterie" hätte man nicht leicht erraten können, 
welche Bedeutung die Sexualität für die Ätiologie der Neurosen hat. 
Das nun folgende Stück der Entwicklung, den Übergang von 
der Katharsis zur eigentlichen Psychoanalyse, habe ich bereits mehr- 
mals so eingehend beschrieben, daß es mir schwer fallen wird, hier 
etwas Neues vorzubringen. Das Ereignis, welches diese Zeit ein- 
leitete, war der Rücktritt Breuers von unserer Arbeitsgemeinschaft, 
so daß ich sein Erbe allein zu verwalten hatte. Es hatte schon 
frühzeitig Meinungsverschiedenheiten zwischen uns gegeben, die 
aber keine Entzweiung begründeten. In der Frage, wann ein seeli- 
scher Ablauf pathogen, d. h. von der normalen Erledigung aus- 
geschlossen werde, bevorzugte Breuer eine sozusagen physiologische 
Theorie; er meinte, solche Vorgänge entzögen sich dem normalen 
Schicksal, die in außergewöhnlichen — hypnoiden — Seelenzuständen 
entstanden seien. Damit war eine neue Frage, die nach der Her- 
kunft solcher Hypnoide, aufgeworfen. Ich hingegen vermutete eher 
ein Kräftespiel, die Wirkung von Absichten und Tendenzen, wie 
sie im normalen Leben zu beobachten sind. So stand „Hypnoid- 



i 3 4 Schriften aus den Jahren 1^2} — 1926 



hysterie" gegen „Abwehrneurose". Aber dieser und ähnliche Gegen- 
sätze hätten ihn wohl der Sache nicht abwendig gemacht, wenn 
nicht andere Momente hinzugetreten wären. Das eine derselben 
war gewiß, daß er als Internist und Familienarzt stark in Anspruch 
genommen war und nicht wie ich seine ganze Kraft der katharti- 
schen Arbeit widmen konnte. Ferner wurde er durch die Aufnahme 
beeinflußt, welche unser Buch in Wien wie im Reiche draußen ■ 
gefunden hatte. Sein Selbstvertrauen und seine Widerstandsfähigkeit 
standen nicht auf der Höhe seiner sonstigen geistigen Organisation. 
Als z. B. die „Studien" von Strümpell eine harte Abweisung er- 
fuhren, konnte ich über die verständnislose Kritik lachen, er aber 
kränkte sich und wurde entmutigt. Am meisten trug aber zu seinem 
Entschluß bei, daß meine eigenen weiteren Arbeiten eine Richtung 
einschlugen, mit der er sich vergeblich zu befreunden versuchte. 
Die Theorie, die wir in den „Studien" aufzubauen versucht 
hatten, war ja noch sehr unvollständig gewesen, insbesondere das 
Problem der Ätiologie, die Frage, auf welchem Boden der patho- 
gene Vorgang entstehe, hatten wir kaum berührt. Nun zeigte mir 
eine rasch sich steigernde Erfahrung, daß nicht beliebige Affekt- 
erregungen hinter den Erscheinungen der Neurose wirksam waren, 
sondern regelmäßig solche sexueller Natur, entweder aktuelle sexuelle 
Konflikte oder Nachwirkungen früherer sexueller Erlebnisse. Ich 
war auf dieses Resultat nicht vorbereitet, meine Erwartung hatte 
keinen Anteil daran, ich war vollkommen arglos an die Unter- 
suchung der Neurotiker herangetreten. Als ich 1914. die „Geschichte 
der psychoanalytischen Bewegung" schrieb, tauchte in mir die 
Erinnerung an einige Aussprüche von Breuer, Charcot und 
Chrobak auf, aus denen ich eine solche Erkenntnis hätte früh- 
zeitig gewinnen können. Allein ich verstand damals nicht, was 
diese Autoritäten meinten; sie hatten mir mehr gesagt., als sie 
selbst wußten und zu vertreten bereit waren. Was ich von ihnen 
gehört hatte, schlummerte unwirksam in mir, bis es bei Gelegen- 
heit der kathartischen Untersuchungen als anscheinend originelle 



„ Selbstdarstellung" 1 5 5 



Erkenntnis hervorbrach. Auch wußte ich damals noch nicht, daß 
ich mit der Zurückführung der Hysterie auf Sexualität bis auf die 
ältesten Zeiten der Medizin zurückgegriffen und an Plato ange- 
knüpft hatte. Ich erfuhr es erst später aus einem Aufsatz von 
Havelock Ellis. 

Unter dem Einfluß meines überraschenden Fundes machte ich 
nun einen folgenschweren Schritt. Ich ging über die Hysterie hin- 
aus und begann, das Sexualleben der sogenannten Neurastheniker 
zu erforschen, die sich zahlreich in meiner Sprechstunde einzu- 
finden pflegten. Dieses Experiment kostete mich zwar meine Be- 
liebtheit als Arzt, aber es trug mir Überzeugungen ein, die sich 
heute, fast dreißig Jahre später, noch nicht abgeschwächt haben. Man 
hatte viel Verlogenheit und Geheimtuerei zu überwinden, aber 
wenn das gelungen war, fand man, daß bei all diesen Kranken 
schwere Mißbräuche der Sexualfunktion bestanden. Bei der großen 
Häufigkeit solcher Mißbräuche einerseits, der Neurasthenie ander- 
seits, hatte ein häufiges Zusammentreffen beider natürlich nicht 
viel Beweiskraft, aber es blieb auch nicht bei dieser einen groben 
Tatsache. Schärfere Beobachtung legte mir nahe, aus dem bunten 
Gewirre von Krankheitsbildern, die man mit dem Namen Neur- 
asthenie deckte, zwei grundverschiedene Typen herauszugreifen, 
die in beliebiger Vermengung vorkommen konnten, aber doch in 
reiner Ausprägung zu beobachten waren. Bei dem einen Typus 
war der Angstanfall das zentrale Phänomen mit seinen Äquivalenten, 
rudimentären Formen und chronischen Ersatzsymptomen 5 ich hieß 
ihn darum auch Angstneurose. Auf den anderen Typus be- 
schränkte ich die Bezeichnung Neurasthenie. Nun war es leicht 
festzustellen, daß jedem dieser Typen eine andere Abnormität des 
Sexuallebens als ätiologisches Moment entsprach (Coitus interruptus, 
frustrane Erregung, sexuelle Enthaltung hier, exzessive Mastur- 
bation, gehäufte Pollutionen dort). Für einige besonders instruktive 
Fälle, in denen eine überraschende Wendung des Krankheitsbildes 
von dem einen Typus zum anderen stattgefunden hatte, gelang 



136 



Schriften aus den Jahren 192) — 1926 






-<ck 



es auch, nachzuweisen, daß ein entsprechender Wechsel des sexuellen 
Regimes zugrunde lag. Konnte man den Mißbrauch abstellen und 
durch normale Sexualtätigkeit ersetzen, so lohnte sich dies durch 
eine auffällige Besserung des Zustandes. 

So wurde ich dazu geführt, die Neurosen ganz allgemein als 
Störungen der Sexualfunktion zu erkennen, und zwar die soge- 
nannten Aktualneurosen als direkten toxischen Ausdruck, die Psycho- 
neurosen als psychischen Ausdruck dieser Störungen. Mein ärzt- 
liches Gewissen fühlte sich durch diese Aufstellung befriedigt. Ich 
hoffte, eine Lücke in der Medizin ausgefüllt zu haben, die bei 
einer biologisch so wichtigen Funktion keine anderen Schädigungen 
als durch Infektion oder grobe anatomische Läsion in Betracht 
ziehen wollte. Außerdem kam der ärztlichen Auffassung zugute, 
daß die Sexualität ja keine bloß psychische Sache war. Sie hatte 
auch ihre somatische Seite, man durfte ihr einen besonderen Che- 
mismus zuschreiben und die Sexualerregung von der Anwesenheit 
bestimmter, wenn auch noch unbekannter Stoffe ableiten. Es mußte 
auch seinen guten Grund haben, daß die echten, spontanen Neu- 
rosen mit keiner anderen Krankheitsgruppe so viel Ähnlichkeit 
zeigen wie mit den Intoxikations- und Abstinenzerscheinungen, 
hervorgerufen durch die Einführung und die Entbehrung gewisser 
toxisch wirkender Stoffe oder mit dem M. Basedowii, dessen Ab- 
hängigkeit vom Produkt der Schilddrüse bekannt isL. 

Ich habe später keine Gelegenheit mehr gehabt, auf die Unter- 
suchungen über die Aktualneurosen zurückzukommen. Auch von 
anderen ist dieses Stück meiner Arbeit nicht fortgesetzt, worden. 
Blicke ich heute auf meine damaligen Ergebnisse zurück, so kann 
ich sie als erste, rohe Schematisierungen erkennen an einem wahr- 
scheinlich weit komplizierteren Sachverhalt. Aber sie scheinen mir 
im ganzen heute noch richtig zu sein. Gern hätte ich später noch 
Fälle von reiner juveniler Neurasthenie dem psychoanalytischen 
Examen unterzogen 5 es hat sich leider nicht gefügt. Um mißver- 
ständlichen Auffassungen zu begegnen, will ich betonen, daß es 



„Selbstdarstellung u x ~ ~ 



mir ferne liegt, die Existenz des psychischen Konflikts und der 
neurotischen Komplexe bei der Neurasthenie zu leugnen. Die Be- 
hauptung geht nur dahin, daß die Symptome dieser Kranken nicht 
psychisch determiniert und analytisch auflösbar sind, sondern als 
direkte toxische Folgen des gestörten Sexualchemismus aufgefaßt 
werden müssen. 

Als ich in den nächsten Jahren nach den „Studien" diese An- 
sichten über die ätiologische Rolle der Sexualität bei den Neurosen 
gewonnen Jiatte, hielt ich über sie einige Vorträge in ärztlichen 
Vereinen, fand aber nur Unglauben und Widerspruch. Breuer ver- 
suchte noch einige Male, das große Gewicht seines persönlichen 
Ansehens zu meinen Gunsten in die Wagschale zu werfen, aber 
er erreichte nichts, und es war leicht zu sehen, daß die Aner- 
kennung der sexuellen Ätiologie auch gegen seine Neigungen ging. 
Er hätte mich durch den Hinweis auf seine eigene erste Patientin 
schlagen oder irre machen können, bei der sexuelle Momente an- 
geblich gar keine Rolle gespielt hatten. Er tat es aber nie; ich 
verstand es lange nicht, bis ich gelernt hatte, mir diesen Fall 
richtig zu deuten und nach einigen früheren Bemerkungen von 
ihm den Ausgang seiner Behandlung zu rekonstruieren. Nachdem , 
, die kathartische Arbeit erledigt schien, hatte sich bei dem Mädchen 
plötzlich ein Zustand von „Übertragungsliebe" eingestellt, den er ( 
nicht mehr mit ihrem Kranksein in Beziehung brachte, so daß er 
sich bestürzt von ihr zurückzog. Es war ihm offenbar peinlich, an 
dieses anscheinende Mißgeschick erinnert zu werden. Im Benehmen 
gegen mich schwankte er eine Weile zwischen Anerkennung und 
herber Kritik, dann traten Zufälligkeiten hinzu, wie sie in ge- 
spannten Situationen niemals ausbleiben, und wir trennten uns 
voneinander. 

Nun hatte meine Beschäftigung mit den Formen allgemeiner 
Nervosität die weitere Folge, daß ich die Technik der Katharsis 
abänderte. Ich gab die Hypnose auf und suchte sie durch eine 
andere Methode zu ersetzen, weil ich die Einschränkung der Be- 



158 Schriften aus den Jahren ip2) — 1926 

: : 

handlung auf hysteriforme Zustände überwinden wollte. Auch 
hatten sich mir mit zunehmender Erfahrung zwei schwere Be- 
denken gegen die Anwendung der Hypnose selbst im Dienste der 
Katharsis ergeben. Das erste war, daß selbst die schönsten Resultate 
plötzlich wie weggewischt waren, wenn sich das persönliche Ver- 
hältnis zum Patienten getrübt hatte. Sie stellten sich zwar wieder 
her, wenn man den Weg zur Versöhnung fand, aber man wurde 
belehrt, daß die persönliche affektive Beziehung doch mächtiger 
war als alle kathartische Arbeit, und gerade dieses Moment entzog 
sich der Beherrschung. Sodann machte ich eines Tages eine Er- 
fahrung, die mir in grellem Lichte zeigte, was ich längst vermutet 
hatte. Als ich einmal eine meiner gefügigsten Patientinnen, bei 
der die Hypnose die merkwürdigsten Kunststücke ermöglicht hatte, 
durch die Zurückführung ihres Schmerzanfalls auf seine Veran- 
lassung von ihrem Leiden befreite, schlug sie beim Erwachen ihre 
Arme um meinen Hals. Der unvermutete Eintritt einer dienenden 
Person enthob uns einer peinlichen Auseinandersetzung, aber wir 
verzichteten von da an in stillschweigender Übereinkunft auf die 
Fortsetzung der hypnotischen Behandlung. Ich war nüchtern genug, 
diesen Zufall nicht auf die Rechnung meiner persönlichen Unwider- 
stehlichkeit zu setzen und meinte, jetzt die Natur des mystischen 
Elements, welches hinter der Hypnose wirkte, erfaßt zu haben. 
Um es auszuschalten oder wenigstens zu isolieren, mußte ich die 
Hypnose aufgeben. 

Die Hypnose hatte aber der kathartischen Behandlung außer- 
ordentliche Dienste geleistet, indem sie das Bewußtseinsfeld der 
Patienten erweiterte und ihnen ein Wissen zur Verfügung stellte, 
über das sie im Wachen nicht verfügten. Es schien nicht leicht, 
sie darin zu ersetzen. In dieser Verlegenheit kam mir die Erinne- 
rung an ein Experiment zu Hilfe, das ich oft bei Bern heim mit- 
angesehen hatte. Wenn die Versuchsperson aus dem Somnambulis- 
mus erwachte, schien sie jede Erinnerung an die Vorfälle während 
dieses Zustands verloren zu haben. Aber Bernheim behauptete, 






„Selbstdarstellung" 159 



sie wisse es doch, und wenn er sie aufforderte, sich zu erinnern, 
wenn er beteuerte, sie wisse alles, sie solle es doch nur sagen, 
und ihr dabei noch die Hand auf die Stirne legte, so kamen die 
vergessenen Erinnerungen wirklich wieder, zuerst nur zögernd, und 
dann im Strome und in voller Klarheit. Ich beschloß, es ebenso 
zu machen. Meine Patienten mußten ja auch all das „wissen", 
was ihnen sonst erst die Hypnose zugänglich machte, und mein 
Versichern und Antreiben, etwa unterstützt durch Handauflegen, 
sollte die Macht haben, die vergessenen Tatsachen und Zusammen- 
hänge ins Bewußtsein zu drängen. Das schien freilich mühseliger 
zu sein als die Versetzung in die Hypnose, aber es war vielleicht 
sehr lehrreich. Ich gab also die Hypnose auf und behielt von ihr 
nur die Lagerung des Patienten auf einem Ruhebett bei, hinter 
dem ich saß, so daß ich ihn sah, aber nicht selbst gesehen wurde. 



III 



Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von der Hypnose frei, 
aber mit dem Wechsel der Technik änderte auch die kathartische 
Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose hatte ein Kräftespiel verdeckt, 
welches sich nun enthüllte, dessen Erfassung der Theorie eine 
sichere Begründung gab. 

Woher kam es nur, daß die Kranken so viel Tatsachen des 
äußeren und inneren Erlebens vergessen hatten, und diese doch 
erinnern konnten, wenn man die beschriebene Technik auf sie 
anwendete? Auf diese Fragen erteilte die Beobachtung erschöpfende 
Antwort. All das Vergessene war irgendwie peinlich gewesen, ent- 
weder schreckhaft oder schmerzlich oder beschämend für die An- 
sprüche der Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst der Ge- 
danke auf: gerade darum sei es vergessen worden, d. h. nicht 
bewußt geblieben. Um es doch wieder bewußt zu machen, mußte 
man etwas in dem Kranken überwinden, was sich sträubte, mußte 
man eigene Anstrengung aufwenden, um ihn zu drängen und 
zu nötigen. Die vom Arzt erforderte Anstrengung war verschieden 
groß für verschiedene Fälle, sie wuchs im geraden Verhältnis 
zur Schwere des zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des Arztes 
war offenbar das Maß für einen Widerstand des Kranken. 
Man brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen, was man selbst 
verspürt hatte, und man war im Besitz der Theorie der Ver- 
drängung. 



„ Selbstdarstellung 141 



Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht rekonstruieren. Um 
beim einfachsten Beispiel zu bleiben, es war im Seelenleben eine 
einzelne Strebung aufgetreten, der aber mächtige andere -wider- 
strebten. Der nun entstehende seelische Konflikt sollte nach unserer 
Erwartung so verlaufen, daß die beiden dynamischen Größen — 
heißen wir sie für unsere Zwecke: Trieb und Widerstand — eine 
Weile unter stärkster Anteilnahme des Bewußtseins miteinander 
rangen, bis der Trieb abgewiesen, seiner Strebung die Energie- 
besetzung entzogen war. Das wäre die normale Erledigung. Bei 
der Neurose hatte aber — aus noch unbekannten Gründen — der 
Konflikt einen anderen Ausgang gefunden. Das Ich hatte sich so- 
zusagen beim ersten Zusammenstoß von der anstößigen Triebregung 
zurückgezogen, ihr den Zugang zum Bewußtsein und zur direkten 
motorischen Abfuhr versperrt, dabei hatte sie aber ihre volle Energie- 
besetzung behalten. Diesen Vorgang nannte ich Verdrängung; er 
war eine Neuheit, nichts ihm Ähnliches war je im Seelenleben 
erkannt worden. Er war offenbar ein primärer Abwehrmechanis- 
mus, einem Fluchtversuch vergleichbar, erst ein Vorläufer der 
späteren normalen Urteilserledigung. An den ersten Akt der Ver- 
drängung knüpften weitere Folgen an. Erstens mußte sich das Ich 
gegen den immer bereiten Andrang der verdrängten Regung durch 
einen permanenten Aufwand, eine Gegenbesetzung, schützen 
und verarmte dabei, anderseits konnte sich das Verdrängte, das nun 
unbewußt war, Abfuhr und Ersatzbefriedigung auf Umwegen 
schaffen und solcherart die Absicht der Verdrängung zum Scheitern 
bringen. Bei der Konversionshysterie führte dieser Umweg in die 
Körperinnervation, die verdrängte Regung brach an irgendeiner 
Stelle durch und schuf sich die Symptome, die also Kompromiß- 
ergebnisse waren, zwar Ersatzbefriedigungen, aber doch entstellt 
und von ihrem Ziele abgelenkt durch den Widerstand des Ichs. 

Die Lehre von der Verdrängung wurde zum Grundpfeiler des 
Verständnisses der Neurosen. Die therapeutische Aufgabe mußte 
nun anders gefaßt werden, ihr Ziel war nicht mehr das „Abrea- 









14 2 Schriften aus den Jahren 192) — 19 26 

gieren" des auf falsche Bahnen geratenen Affekts, sondern die 
Aufdeckung der Verdrängungen und deren Ablösung durch Urteils- 
leistungen, die in Annahme oder Verwerfung des damals Abge- 
wiesenen ausgehen konnten. Ich trug der neuen Sachlage Rech- 
nung, indem ich das Verfahren zur Untersuchung und Heilung 
nicht mehr Katharsis, sondern Psychoanalyse benannte. 

Man kann von der Verdrängung wie von einem Zentrum ausgehen und 
alle Stücke der psychoanalytischen Lehre mit ihr in Verbindung bringen. 
Vorher will ich aber noch eine Bemerkung polemischen Inhalts machen. 
Nach der Meinung Janets war die Hysterika eine arme Person, die infolge 
einer konstitutionellen Schwäche ihre seelischen Akte nicht zusammenhalten 
konnte. Darum verfiel sie der seelischen Spaltung und der Einengung des 
Bewußtseins. Nach den Ergebnissen der psychoanalytischen Untersuchungen 
waren diese Phänomene aber Erfolg dynamischer Faktoren, des seelischen 
Konflikts und der vollzogenen Verdrängung. Ich meine, dieser Unterschied 
ist weittragend genug und sollte dem immer wiederholten Gerede ein Ende 
machen, was an der Psychoanalyse wertvoll sei, schränke sich auf eine 
Entlehnung Janetscher Gedanken ein. Meine Darstellung muß dem Leser 
gezeigt haben, daß die Psychoanalyse von den Jan et sehen Funden in histori- 
scher Hinsicht völlig unabhängig ist, wie sie auch inhaltlich von ihnen 
abweicht und weit über sie hinausgreift. Niemals wären auch von den 
Arbeiten Janets die Folgerungen ausgegangen, welche die Psychoanalyse 
so wichtig für die Geisteswissenschaften gemacht und ihr das allgemeinste 
Interesse zugewendet haben. Jan et selbst habe ich immer respektvoll be- 
handelt, weil seine Entdeckungen ein ganzes Stück weit mit denen Breuers 
zusammentrafen, die früher gemacht und später veröffentlicht worden waren. 
Aber als die Psychoanalyse Gegenstand der Diskussion auch in Frankreich 
wurde, hat Jan et sich schlecht benommen, geringe Sachkenntnis gezeigt 
und unschöne Argumente gebraucht. Endlich hat er sich in meinen Augen 
bloßgestellt und sein Werk selbst entwertet, indem er verkündete, wenn 
er von „unbewußten" seelischen Akten gesprochen, so habe er nichts damit 
gemeint, es sei bloß „une rnaniere de parier" gewesen. 

Die Psychoanalyse wurde aber durch das Studium der pathogenen 
Verdrängungen und anderer noch zu erwähnender Phänomene 
gezwungen, den Begriff des „Unbewußten" ernst zu nehmen. Für 
sie war alles Psychische zunächst unbewußt, die Bewußtseinsqualität 



„ Selbstdarstellung 143 



konnte dann dazukommen oder auch wegbleiben. Dabei stieß man 
freilich mit dem Widerspruch der Philosophen zusammen, für die 
„bewußt" und „psychisch" identisch war, und die beteuerten, sie 
könnten sich so ein Unding wie das „unbewußte Seelische" nicht 
vorstellen. Es half aber nichts, man mußte sich achselzuckend über 
diese Idiosynkrasie der Philosophen hinaussetzen. Die Erfahrungen 
am pathologischen Material, das die Philosophen nicht kannten, 
über die Häufigkeit und Mächtigkeit solcher Regungen, von denen 
man nichts wußte und die man wie irgendeine Tatsache der 
Außenwelt erschließen mußte, ließen keine Wahl. Man konnte 
dann geltend machen, daß man nur am eigenen Seelenleben tat, 
was man immer schon für das anderer getan hatte. Man schrieb 
doch auch der anderen Person psychische Akte zu, obwohl man 
kein unmittelbares Bewußtsein von diesen hatte und sie aus Äuße- 
rungen und Handlungen erraten mußte. Was aber beim anderen 
recht ist, das muß auch für die eigene Person billig sein. Will 
man dies Argument weiter treiben und daraus ableiten, daß die 
eigenen verborgenen Akte eben einem zweiten Bewußtsein angehören, 
so steht man vor der Konzeption eines Bewußtseins, von dem man 
nichts weiß, eines unbewußten Bewußtseins, was doch kaum ein 
Vorteil gegen die Annahme eines unbewußten Psychischen ist. 
Sagt man aber mit anderen Philosophen, man würdige die patho- 
logischen Vorkommnisse, nur sollten die diesen zugrunde liegenden 
Akte nicht psychisch, sondern psychoid geheißen werden, so läuft 
die Differenz auf einen unfruchtbaren Wortstreit hinaus, in dem 
man sich doch am zweckmäßigsten für die Beibehaltung des Aus- 
drucks „unbewußt psychisch" entscheidet. Die Frage, was dies 
Unbewußte an sich sei, ist dann nicht klüger und aussichtsreicher 
als die andere, frühere, was das Bewußte sei. 

Schwieriger wäre es, in kurzem darzustellen, wie die Psycho- 
analyse dazu gekommen ist, das von ihr anerkannte Unbewußte 
noch zu gliedern, es in ein Vorbewußtes und in ein eigentlich 
Unbewußtes zu zerlegen. Es mag die Bemerkung genügen, daß 



144 Schriften aus den Jahren rp2ß — 1926 



es legitim erschien, die Theorien, welche direkter Ausdruck der 
Erfahrung sind, durch Hypothesen zu ergänzen, welche zur Be- 
wältigung des Stoffes zweckdienlich sind und sich auf Verhältnisse 
beziehen, die nicht Gegenstand unmittelbarer Beobachtung werden 
können. Man pflegt auch in älteren Wissenschaften nicht anders 
zu verfahren. Die Gliederung des Unbewußten hängt mit dem 
Versuch zusammen, sich den seelischen Apparat aus einer Anzahl 
von Instanzen oder Systemen aufgebaut zu denken, von deren 
Beziehung zueinander man in räumlicher Ausdrucksweise spricht, 
wobei aber ein Anschluß an die reale Hirnanatomie nicht gesucht 
wird. (Der sogenannte topische Gesichtspunkt.) Solche und ähnliche 
Vorstellungen gehören zu einem spekulativen Überbau der Psycho- 
analyse, von dem jedes Stück ohne Schaden und Bedauern geopfert 
oder ausgetauscht werden kann, sobald eine Unzulänglichkeit er- 
wiesen ist. Es bleibt genug zu berichten übrig, was der Beobachtung 
näher steht. 

Ich habe schon erwähnt, daß die Forschung nach den Veran- 
lassungen und Begründungen der Neurose mit immer steigender 
Häufigkeit auf Konflikte zwischen den sexuellen Regungen der 
Person und den Widerständen gegen die Sexualität führte. Bei der 
Suche nach den pathogenen Situationen, in denen die Verdrängungen 
der Sexualität, eingetreten waren, und aus denen die Symptome als 
Ersatzbildungen des Verdrängten stammten, wurde man in immer 
frühere Lebenszeiten des Kranken zurückgeleitet und langte endlich 
in dessen ersten Kindheitsjahren an. Es ergab sich, was Dichter 
und Menschenkenner immer behauptet hatten, daß die Eindrücke 
dieser -frühen Lebensperiode, obwohl sie meist der Amnesie verfallen, 
unvertilgbare Spuren in der Entwicklung des Individuums zurück- 
lassen, insbesondere daß sie die Disposition für spätere neurotische 
Erkrankungen festlegen. Da es sich aber in diesen Kindererlebnissen 
immer um sexuelle Erregungen und um Reaktion gegen dieselben 
handelte, stand man vor der Tatsache der infantilen Sexualität, 
die wiederum eine Neuheit und einen Widerspruch gegen eines 







ST GM. FREUD 

Medaille von C. M. Schwtnltner hin. 
(1906) 



, Selbstdarstellung \ak 



der stärksten Vorurteile der Menschen bedeutete. Die Kindheit sollte 
ja „unschuldig" sein, frei von geschlechtlichen Gelüsten, und der 
Kampf mit dem Dämon „Sinnlichkeit" erst mit dem Sturm und 
Drang der Pubertät einsetzen. Was man von sexuellen Betätigungen 
gelegentlich an Kindern hatte wahrnehmen müssen, faßte man als 
Zeichen von Degeneration, vorzeitiger Verderbtheit oder als kuriose 
Laune der Natur auf. Wenige der Ermittlungen der Psychoanalyse 
haben eine so allgemeine Ablehnung gefunden, einen solchen Aus- 
bruch von Entrüstung hervorgerufen wie die Behauptung, daß die 
Sexualfunktion vom Anfang des Lebens an beginne und schon in 
der Kindheit sich in wichtigen Erscheinungen äußere. Und doch 
ist kein anderer analytischer Fund so leicht und so vollständig zu 
erweisen. 

Ehe ich weiter in die Würdigung der infantilen Sexualität ein- 
gehe, muß ich eines Irrtums gedenken, dem ich eine Weile ver- 
fallen war und der bald für meine ganze Arbeit verhängnisvoll 
geworden wäre. Unter dem Drängen meines damaligen technischen \ 
Verfahrens reproduzierten die meisten meiner Patienten Szenen aus 
ihrer Kindheit, deren Inhalt die sexuelle Verführung durch einen 
Erwachsenen war. Bei den weiblichen Personen war die Rolle des 
Verführers fast immer dem Vater zugeteilt. Ich schenkte diesen Mit- 
teilungen Glauben und nahm also an, daß ich in diesen Erleb- 
nissen sexueller Verführung in der Kindheit die Quellen der späteren 
Neurose aufgefunden hatte. Einige Fälle, in denen sich solche Be- 
ziehungen zum Vater, Oheim oder älteren Bruder bis in die Jahre 
sicherer Erinnerung fortgesetzt hatten, bestärkten mich in meinem 
Zutrauen. Wenn jemand über meine Leichtgläubigkeit mißtrauisch 
den Kopf schütteln wollte, so kann ich ihm nicht ganz unrecht 
geben, will aber vorbringen, daß es die Zeit war, wo ich meiner 
Kritik absichtlich Zwang antat, um unparteiisch und aufnahms- 
fähig für die vielen Neuheiten zu bleiben, die mir täglich ent- 
gegentraten. Als ich dann doch erkennen mußte, diese Verführungs- 
szenen seien niemals vorgefallen, seien nur Phantasien, die meine 

Freud XI. 10 



146 



Schriften ans den Jahren Ip2) — 1926 



[ 



Patienten erdichtet, die ich ihnen vielleicht selbst aufgedrängt hatte, 
war ich eine Zeitlang ratlos. Mein Vertrauen in meine Technik 
wie in ihre Ergebnisse erlitt einen harten Stoß; ich hatte doch 
diese Szenen auf einem technischen Wege, den ich für korrekt 
hielt, gewonnen und ihr Inhalt stand in unverkennbarer Beziehung 
zu den Symptomen, von denen meine Untersuchung ausgegangen 
war. Als ich mich gefaßt hatte, zog ich aus meiner Erfahrung die 
richtigen Schlüsse, daß die neurotischen Symptome nicht direkt an 
wirkliche Erlebnisse anknüpften, sondern an Wunschphantasien, und 
daß für die Neurose die psychische Realität mehr bedeute als die 
materielle. Ich glaube auch heute nicht, daß ich meinen Patienten 
jene Verführungsphantasien aufgedrängt, „suggeriert' habe. Ich war 
da zum erstenmal mit dem Ödipus-Komplex zusammengetroffen, 
der späterhin eine so überragende Bedeutung gewinnen sollte, den 
ich aber in solch phantastischer Verkleidung noch nicht erkannte. 
Auch blieb der Verführung im Kindesalter ihr Anteil an der Ätiologie, 
wenngleich in bescheidenerem Ausmaß, gewahrt. Die Verführer waren 
aber zumeist ältere Kinder gewesen. 

Mein Irrtum war also der nämliche gewesen, wie wenn jemand 
die Sagengeschichte der römischen Königszeit nach der Erzählung 
des Livius für historische Wahrheit nehmen würde, anstatt für 
das, was sie ist, eine Reaktionsbildung gegen die Erinnerung arm- 
seliger, wahrscheinlich nicht immer rühmlicher Zeiten und Ver- 
hältnisse. Nach der Aufhellung des Irrtums war der Weg zum 
Studium des infantilen Sexuallebens frei. Man kam da in die Lage, 
die Psychoanalyse auf ein anderes Wissensgebiet anzuwenden, aus 
ihren Daten ein bisher unbekanntes Stück des biologischen Ge- 
schehens zu erraten. 

Die Sexualfunktion war von Anfang an vorhanden, lehnte sich 
zunächst an die anderen lebenswichtigen Funktionen an und machte 
sich dann von ihnen unabhängig; sie hatte eine lange und kom- 
plizierte Entwicklung durchzumachen, bis aus ihr das wurde, was 
als das normale Sexualleben des Erwachsenen bekannt war. Sie 









„ Selbstdarsteüung" x .„ 



äußerte sich zuerst als Tätigkeit einer ganzen Reihe von Trieb- 
komponenten, welche von erogenen Körperzonen abhängig 
waren, zum Teil in Gegensatzpaaren auftraten (Sadismus — Maso- 
chismus, Schautrieb — Exhibitionslust), unabhängig voneinander auf 
Lustgewinn ausgingen und ihr Objekt zumeist am eigenen Körper 
fanden. Sie war also zuerst nicht zentriert und vorwiegend auto- 
erotisch. Später traten Zusammenfassungen in ihr auf; eine erste 
Organisationsstufe stand unter der Vorherrschaft der oralen Kom- 
ponenten, dann folgte eine sadistisch-anale Phase und erst die 
spät erreichte dritte Phase brachte den Primat der Genitalien, 
womit die Sexualfunktion in den Dienst der Fortpflanzung trat. 
Während dieser Entwicklung wurden manche Triebanteile als für 
diesen Endzweck unbrauchbar beiseite gelassen oder anderen Ver- 
wendungen zugeführt, andere von ihren Zielen abgelenkt und in 
die genitale Organisation übergeleitet. Ich nannte die Energie der 
Sexualtriebe — und nur diese — Libido. Ich mußte nun an- 
nehmen, daß die Libido die beschriebene Entwicklung nicht immer 
tadellos durchmacht. Infolge der Überstärke einzelner Komponenten 
oder frühzeitiger Befriedigungserlebnisse kommt es zu Fixierungen 
der Libido an gewissen Stellen des Entwicklungsweges. Zu diesen 
Stellen strebt dann die Libido im Falle einer späteren Verdrängung 
zurück (Regression) und von ihnen aus wird auch der Durch- 
bruch zum Symptom erfolgen. Eine spätere Einsicht fügte hinzu, 
daß die Lokalisation der Fixierungsstelle auch entscheidend ist für 
die Neurosenwahl, für die Form, in der die spätere Erkrankung 
auftritt. 

Neben der Organisation der Libido geht der Prozeß der Objekt- 
findung einher, dem eine große Rolle im Seelenleben vorbehalten 
ist. Das erste Liebesobjekt nach dem Stadium des Autoerotismus 
wird für beide Geschlechter die Mutter, deren nährendes Organ wahr- 
scheinlich anfänglich vom eigenen Körper nicht unterschieden wurde. 
Später, aber noch in den ersten Kinderjahren, stellt sich die Relation 
des Od ip us- Komplexes her, in welcher der Knabe seine sexuellen 

10' 



148 Schriften aus den Jahren 1^2} — 1926 



Wünsche auf die Person der Mutter konzentriert und feindselige 
Regungen gegen den Vater als Rivalen entwickelt. In analoger 
Weise stellt sich das kleine Mädchen ein, alle Variationen und Ab- 
folgen des Ödipus-Komplexes werden bedeutungsvoll, die angeborene 
bisexuelle Konstitution macht sich geltend und vermehrt die An- 
zahl der gleichzeitig vorhandenen Strebungen. Es dauert eine ganze 
Weile, bis das Kind über die Unterschiede der Geschlechter Klarheit 
gewinnt; in dieser Zeit der Sexualforschung schafft es sich typische 
Sexualtheorien, die, abhängig von der Un Vollkommenheit der 
eigenen körperlichen Organisation, Richtiges und Falsches vermengen 
und die Probleme des Geschlechtslebens (das Rätsel der Sphinx: 
woher die Kinder kommen) nicht lösen können. Hie erste Objekt- 
wahl des Kindes ist also eine inzestuöse. Die ganze hier be- 
schriebene Entwicklung wird rasch durchlaufen. Der merkwürdigste 
Charakter des menschlichen Sexuallebens ist sein zweizeitiger An- 
satz mit dazwischenliegender Pause. Im vierten und fünften Lebens- 
jahr erreicht es einen ersten Höhepunkt, dann aber vergeht diese Früh- 
blüte der Sexualität, die bisher lebhaften Strebungen verfallen der 
Verdrängung und es tritt die bis zur Pubertät dauernde Latenz- 
zeit ein, während welcher die Reaktionsbildungen der Moral, der 
Scham, des Ekels aufgerichtet werden. Die Zweizeitigkeit der Sexual- 
entwicklung scheint von allen Lebewesen allein dem Menschen zu- 
zukommen, sie ist vielleicht die biologische Bedingung seiner Dis- 
position zur Neurose. Mit der Pubertät werden die Strebungen und 
Objektbesetzungen der Frühzeit wieder belebt, auch die Gefühls- 
bindungen des Ödipus-Komplexes. Im Sexualleben der Pubertät 
ringen miteinander die Anregungen der Frühzeit und die Hem- 
mungen der Latenzperiode. Noch auf der Höhe der infantilen 
Sexualentwicklung hatte sich eine Art von genitaler Organisation 
hergestellt, in der aber nur das männliche Genitale eine Rolle 
spielte, das weibliche unentdeckt geblieben war (der sogenannte 
phallische Primat). Der Gegensatz der Geschlechter hieß damals 
noch nicht männlich oder weiblich, sondern: im Besitze eines 









„Selbstdarstellung" 14g 



Penis oder kastriert. Der hier anschließende Kastrationskom- 
plex wird überaus bedeutsam für die Bildung von Charakter und 
Neurose. 

In dieser verkürzten Darstellung meiner Befunde über das mensch- 
liche Sexualleben habe ich dem Verständnis zuliebe vielfach zu- 
sammengetragen, was zu verschiedenen Zeiten entstand und als 
Ergänzung oder Berichtigung in die aufeinanderfolgenden Auflagen 
meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" Aufnahme fand. 
Ich hoffe, es läßt sich aus ihr leicht entnehmen, worin die oft betonte 
und beanstandete Erweiterung des Begriffes Sexualität besteht. Diese 
Erweiterung ist eine zweifache. Erstens wird die Sexualität aus 
ihren allzu engen Beziehungen zu den Genitalien gelöst und als 
eine umfassendere, nach Lust strebende Körperfunktion hingestellt, 
welche erst sekundär in den Dienst der Fortpflanzung tritt; zweitens 
werden zu den sexuellen Regungen alle die bloß zärtlichen und 
freundschaftlichen gerechnet, für welche unser Sprachgebrauch das 
vieldeutige Wort „Liebe" verwendet. Allein ich meine, diese Er- 
weiterungen sind nicht Neuerungen, sondern Wiederherstellungen, 
sie bedeuten die Aufhebung von unzweckmäßigen Einengungen 
des Begriffes, zu denen wir uns haben bewegen lassen. Die Los- 
lösung der Sexualität von den Genitalien hat den Vorteil, daß sie 
uns gestattet, die Sexualbetätigung der Kinder und der Perversen 
unter dieselben Gesichtspunkte zu bringen wie die der normalen 
Erwachsenen, während die erstere bisher völlig vernachlässigt, die 
andere zwar mit moralischer Entrüstung, aber ohne Verständnis 
aufgenommen wurde. Der psychoanalytischen Auffassung erklären 
sich auch die absonderlichsten und abstoßendsten Perversionen als 
Äußerung von sexuellen Partialtrieben, die sich dem Genitalprimat 
entzogen haben und wie in den Urzeiten der Libidoentwicklung 
selbständig dem Lusterwerb nachgehen. Die wichtigste dieser Per- 
versionen, die Homosexualität, verdient kaum diesen Namen. Sie 
führt sich auf die konstitutionelle Bisexualität und auf die Nach- 
wirkung des phallischen Primats zurück; durch Psychoanalyse kann 



i5° 



Schriften aus den Jahren 19 2) — 19 26 



man bei jedermann ein Stück homosexueller Objektwahl nachweisen. 
Wenn man die Kinder „polymorph pervers" genannt hat, so war 
das nur eine Beschreibung in allgemein gebräuchlichen Ausdrücken; 
eine moralische Wertung sollte damit nicht ausgesprochen werden. 
Solche Werturteile liegen der Psychoanalyse überhaupt fern. 

Die andere der angeblichen Erweiterungen rechtfertigt sich durch 
den Hinweis auf die psychoanalytische Untersuchung, welche zeigt, 
daß all di^se zärtlichen Gefühlsregungen ursprünglich vollsexuelle 
Strebungen waren, die dann „zielgehemmt" oder „sublimiert" worden 
sind. Auf dieser Beeinflußbarkeit und Ablenkbarkeit der Sexual- 
triebe beruht auch ihre Verwendbarkeit für mannigfache kulturelle 
Leistungen, zu denen sie die bedeutsamsten Beiträge stellen. 

Die überraschenden Ermittlungen über die Sexualität des Kindes 
wurden zunächst durch die Analyse Erwachsener gewonnen, konnten 
aber später, etwa von 1908 an, durch direkte Beobachtungen an 
Kindern bis in alle Einzelheiten und in beliebigem Ausmaße bestätigt 
werden. Es ist wirklich so leicht, sich von den regulären sexuellen 
Betätigungen der Kinder zu überzeugen, daß man sich verwundert 
fragen muß, wie es die Menschen zustande gebracht haben, diese 
Tatsachen zu übersehen und die Wunschlegende von der asexuellen 
Kindheit solange aufrecht zu halten. Dies muß mit der Amnesie der 
meisten Erwachsenen für ihre eigene Kindheit zusammenhängen. 



IV 



Die Lehren vom Widerstand und von der Verdrängung, vom Un- 
bewußten, von der ätiologischen Bedeutung des Sexuallebens und 
der Wichtigkeit der Kindheitserlebnisse sind die Hauptbestandteile 
des psychoanalytischen Lehrgebäudes. Ich bedauere, daß ich hier 
nur die einzelnen Stücke beschreiben konnte und nicht auch, wie 
sie sich zusammensetzen und ineinander greifen. Es ist jetzt an der 
Zeit, sich zu den Veränderungen zu wenden, die sich allmählich 
an der Technik des analytischen Verfahrens vollzogen. 

Die zuerst geübte Überwindung des Widerstandes durch Drängen 
und Versichern war unentbehrlich gewesen, um dem Arzt die ersten 
Orientierungen in dem, was er zu erwarten hatte, zu verschaffen. 
Auf die Dauer war sie aber für beide Teile zu anstrengend und 
schien nicht frei von gewissen nahehegenden Bedenken. Sie wurde 
also von einer anderen Methode abgelöst, welche in gewissem Sinne 
ihr Gegensatz war. Anstatt den Patienten anzutreiben, etwas zu 
einem bestimmten Thema zu sagen, forderte man ihn jetzt auf, sich 
der freien „Assoziation" zu überlassen, d. h. zu sagen, was immer 
ihm in den Sinn kam, wenn er sich jeder bewußten Ziel Vorstellung 
enthielt. Nur mußte er sich dazu verpflichten, auch wirklich alles 
mitzuteilen, was ihm seine Selbstwahrnehmung ergab, und den 
kritischen Einwendungen nicht nachzugeben, die einzelne Einfälle 
mit den Motivierungen beseitigen wollten, sie seien nicht wichtig 
genug, gehörten nicht dazu oder seien überhaupt ganz unsinnig. 



1 5 2 Schriften aus den Jahren Ip2) — 1926 



Die Forderung nach Aufrichtigkeit in der Mitteilung brauchte man 
nicht ausdrücklich zu wiederholen, sie war ja die Voraussetzung 
der analytischen Kur. 

Daß dies Verfahren der freien Assoziation unter Einhaltung der 
psychoanalytischen Grundregel leisten sollte, was man von 
ihm erwartete, nämlich das verdrängte und durch Widerstände fern- 
gehaltene Material dem Bewußtsein zuzuführen, mag befremdend 
erscheinen. Allein man muß bedenken, daß die freie Assoziation 
nicht wirklich frei ist. Der Patient bleibt unter dem Einfluß der 
analytischen Situation, auch wenn er seine Denktätigkeit nicht auf 
ein bestimmtes Thema richtet. Man hat das Recht anzunehmen, 
daß ihm nichts anderes einfallen wird, als was zu dieser Situation 
in Beziehung steht. Sein Widerstand gegen die Reproduktion des 
Verdrängten wird sich jetzt auf zweierlei Weise äußern. Erstens durch 
jene kritischen Einwendungen, auf welche die psychoanalytische 
Grundregel gemünzt ist. Überwindet er aber in Befolgung der Regel 
diese Abhaltungen, so findet der Widerstand einen anderen Aus- 
druck. Er wird es durchsetzen, daß dem Analysierten niemals das 
Verdrängte selbst einfällt, sondern nur etwas, was diesem nach Art 
einer Anspielung nahe kommt, und je größer der Widerstand ist, 
desto weiter wird sich der mitzuteilende Ersatzeinfall von dem Eigent- 
lichen, das man sucht, entfernen. Der Analytiker, der in Sammlung, 
aber ohne Anstrengung zuhört und der durch seine Erfahrung im 
allgemeinen auf das Kommende vorbereitet ist, kann nun das 
Material, das der Patient zutage fördert, nach zwei Möglichkeiten 
verwerten. Entweder gelingt es ihm, bei geringem Widerstand, aus 
den Andeutungen das Verdrängte selbst zu erraten, oder er kann, 
bei stärkerem Widerstand, an den Einfällen, die sich vom Thema 
zu entfernen scheinen, die Beschaffenheit dieses Widerstandes er- 
kennen, den er dann dem Patienten mitteilt. Die Aufdeckung des 
Widerstandes ist aber der erste Schritt zu seiner Überwindung. So 
ergibt sich im Rahmen der analytischen Arbeit eine Deutungs^" 
kunst, deren erfolgreiche Handhabung zwar Takt und Übung er- 



„SelbstdarsteUung" 153 



fordert, die aber unschwer zu erlernen ist. Die Methode der freien 
Assoziation hat große Vorzüge vor der früheren, nicht nur den der 
Ersparung an Mühe. Sie setzt den Analysierten dem geringsten Maß 
von Zwang aus, verliert nie den Kontakt mit der realen Gegen- 
wart, gewährt weitgehende Garantien dafür, daß man kein Moment 
in der Struktur der Neurose übersieht und nichts aus eigener Er- 
wartung in sie einträgt. Man überläßt es bei ihr wesentlich dem 
Patienten, den Gang der Analyse und die Anordnung des Stoffes 
zu bestimmen, daher wird die systematische Bearbeitung der ein- 
zelnen Symptome und Komplexe unmöglich. Recht im Gegensatz 
zum Hergang beim hypnotischen oder antreibenden Verfahren erfährt 
man das Zusammengehörige zu verschiedenen Zeiten und an ver- 
schiedenen Stellen der Behandlung. Für einen Zuhörer — den es 
in Wirklichkeit nicht geben darf — würde die analytische Kur 
daher ganz undurchsichtig sein. 

Ein anderer Vorteil der Methode ist, daß sie eigentlich nie zu 
versagen braucht. Es muß theoretisch immer möglich sein, einen 
Einfall zu haben, wenn man seine Ansprüche an die Art desselben 
fallen läßt. Doch tritt solches Versagen ganz regelmäßig in einem 
Falle auf, aber gerade durch seine Vereinzelung wird auch dieser / 
Fall deutbar. 

Ich nähere mich nun der Beschreibung eines Moments, welches 
einen wesentlichen Zug zum Bilde der Analyse hinzufügt und tech- 
nisch wie theoretisch die größte Bedeutung beanspruchen darf. In jeder 'f* 
analytischen Behandlung stellt sich ohne Dazutun des Arztes eine 
intensive Gefühlsbeziehung des Patienten zur Person des Analytikers 
her, die in den realen Verhältnissen keine Erklärung finden kann. 
Sie ist positiver oder negativer Natur, variiert von leidenschaftlicher, 
vollsinnlicher Verliebtheit bis zum extremen Ausdruck von Auf- 
lehnung, Erbitterung und Haß. Diese abkürzend sogenannte „Über- 
tragung" setzt sich beim Patienten bald an die Stelle des Wunsches 
nach Genesung und wird, solange sie zärtlich und gemäßigt ist, 
zum Träger des ärztlichen Einflusses und zur eigentlichen Trieb- 



154 



Schriften aus den Jahren IJ2) — I<)2(i 



feder der gemeinsamen analytischen Arbeit. Später, wenn sie leiden- 
schaftlich geworden ist oder ins Feindselige umgeschlagen hat, wird 
sie das Hauptwerkzeug des Widerstandes. Dann geschieht es auch, 
daß sie die Einfallstätigkeit des Patienten lahm legt und den Erfolg 
der Behandlung gefährdet. Es wäre aber unsinnig, ihr ausweichen 
zu wollen; eine Analyse ohne Übertragung ist eine Unmöglichkeit. 
Man darf nicht glauben, daß die Analyse die Übertragung schafft 
und daß diese nur bei ihr vorkommt. Die Übertragung wird von 
der Analyse nur aufgedeckt und isoliert. Sie ist ein allgemein mensch- 
liches Phänomen, entscheidet über den Erfolg bei jeder ärztlichen 
Beeinflussung, ja sie beherrscht überhaupt die Beziehungen einer 
Person zu ihrer menschlichen Umwelt. Unschwer erkennt man in 
ihr denselben dynamischen Faktor, den die Hypnotiker Suggerier- 
barkeit genannt haben, der der Träger des hypnotischen Rapports 
ist, über dessen Unberechenbarkeit auch die kathartische Methode 
zu klagen hatte. Wo diese Neigung zur Gefühlsübertragung fehlt 
oder durchaus negativ geworden ist, wie bei der Dementia praecox 
und der Paranoia, da entfällt auch die Möglichkeit einer psychischen 
Beeinflussung des Kranken. 

Es ist ganz richtig, daß auch die Psychoanalyse mit dem Mittel 
der Suggestion arbeitet wie andere psychotherapeutische Methoden. 
Der Unterschied ist aber, daß ihr — der Suggestion oder der 
Übertragung — hier nicht die Entscheidung über den therapeutischen 
Erfolg überlassen wird. Sie wird vielmehr dazu verwendet, den 
Kranken zur Leistung einer psychischen Arbeit zu bewegen, — 
zur Überwindung seiner Übertragungswiderstände, — die eine 
dauernde Veränderung seiner seelischen Ökonomie bedeutet. Die 
Übertragung wird vom Analytiker dem Kranken bewußt gemacht, 
sie wird aufgelöst, indem man ihn davon überzeugt, daß er in 
seinem Übertragungsverhalten Gefühlsrelaüonen wiedererlebt, die 
von seinen frühesten Objektbesetzungen, aus der verdrängten Periode 
seiner Kindheit, herstammen. Durch solche Wendung wird die 
Übertragung aus der stärksten Waffe des Widerstandes zum besten 



„Selbstdarstellung 155 



Instrument der analytischen Kur. Immerhin bleibt ihre Handhabung 
das schwierigste wie das wichtigste Stück der analytischen Technik. 

Mit Hilfe des Verfahrens der freien Assoziation und der an sie an- 
schließenden Deutungskunst gelang der Psychoanalyse eine Leistung, 
die anscheinend nicht praktisch bedeutsam war, aber in Wirklichkeit 
zu einer völlig neuen Stellung und Geltung im wissenschaftlichen 
Betrieb führen mußte. Es wurde möglich nachzuweisen, daß Träume 
sinnvoll sind, und den Sinn derselben zu erraten. Träume waren 
noch im klassischen Altertum als Verkündigungen der Zukunft 
hochgeschätzt worden; die moderne Wissenschaft wollte vom Traum 
nichts wissen, überließ ihn dem Aberglauben, erklärte ihn für einen 
bloß „körperlichen" Akt, für eine Art Zuckung des sonst schlafenden 
Seelenlebens. Daß jemand, der ernste wissenschaftliche Arbeit geleistet 
hatte, als „Traumdeuter" auftreten könnte, schien doch ausgeschlossen. 
Wenn man sich aber um eine solche Verdammung des Traumes 
nicht kümmerte, ihn behandelte wie ein unverstandenes neurotisches 
Symptom, eine Wahn- oder Zwangsidee, von seinem scheinbaren 
Inhalt absah und seine einzelnen Bilder zu Objekten der freien 
Assoziation machte, so kam man zu einem anderen Ergebnis. Man 
gewann durch die zahlreichen Einfalle des Träumers Kenntnis von 
einem Gedankengebilde, das nicht mehr absurd oder verworren 
genannt werden konnte, das einer vollwertigen psychischen Leistung 
entsprach und von dem der manifeste Traum nur eine entstellte, 
verkürzte und mißverstandene Übersetzung war, zumeist eine Über- 
setzung in visuelle Bilder. Diese latenten Traumgedanken ent- 
hielten den Sinn des Traumes, der manifeste Trauminhalt war 
nur eine Täuschung, eine Fassade, an welche zwar die Assoziation 
anknüpfen konnte, aber nicht die Deutung. 

Man stand nun vor der Beantwortung einer ganzen Reihe von 
Fragen die wichtigsten darunter, ob es denn ein Motiv für die 
Traumbildung gebe, unter welchen Bedingungen sie sich vollziehen 
könne auf welchen Wegen die Überführung der immer sinnreichen 
Traumgedanken in den oft sinnlosen Traum vor sich geht u. a. 






156 



Schriften aus den Jahren i l )2) — 1926 



In meiner 1900 veröffentlichten „Traumdeutung" habe ich versucht, 
alle diese Probleme zu erledigen. Nur der kürzeste Auszug aus 
dieser Untersuchung kann hier Raum finden: Wenn man die 
latenten Traumgedanken, die man aus der Analyse des Traumes 
erfahren hat, untersucht, findet man einen unter ihnen, der sich 
von den anderen, verständigen und dem Träumer wohlbekannten, 
scharf abhebt. Diese anderen sind Reste des Wachlebens (Tages- 
reste) ; in dem vereinzelten aber erkennt man eine oft sehr an- 
stößige Wunschregung, die dem Wachleben des Träumers fremd 
ist, die er dementsprechend auch verwundert oder entrüstet ver- 
leugnet. Diese Regung ist der eigentliche Traumbildner, sie hat 
die Energie für die Produktion des Traumes aufgebracht und sich 
der Tagesreste als Material bedient; der so entstandene Traum 
stellt eine Befriedigungssituation für sie vor, ist ihre Wunsch- 
erfüllung. Dieser Vorgang wäre nicht möglich geworden, wenn 
nicht etwas in der Natur des Schlafzustandes ihn begünstigt hätte. 
Die psychische Voraussetzung des Schlafens ist die Einstellung des 
Ichs auf den Schlafwunsch und die Abziehung der Besetzungen 
von allen Interessen des Lebens; da gleichzeitig die Zugänge zur 
Motilität gesperrt werden, kann das Ich auch den Aufwand herab- 
setzen, mit dem es sonst die Verdrängungen aufrecht hält. Diesen 
nächtlichen Nachlaß der Verdrängung macht sich die unbewußte 
Regung zunutze, um mit dem Traum zum Bewußtsein vorzudringen. 
Der Verdrängungswiderstand des Ichs ist aber auch im Schlafe nicht 
aufgehoben, sondern bloß herabgesetzt worden. Ein Rest von ihm 
ist als Traumzensur verblieben und verbietet nun der unbewußten 
Wunschregung, sich in den Formen zu äußern, die ihr eigentlich 
angemessen wären. Infolge der Strenge der Traumzensur müssen 
sich die latenten Traumgedanken Abänderungen und Abschwächungen 
gefallen lassen, die den verpönten Sinn des Traumes unkenntlich 
machen. Dies ist die Erklärung der Traumentstellung, welcher 
der manifeste Traum seine auffälligsten Charaktere verdankt. Daher 
die Berechtigung des Satzes: der Traum sei die (verkappte) 



„Selbstdarstellung 157 



Erfüllung eines (verdrängten) Wunsches. Wir erkennen schon 
jetzt, daß der Traum gebaut ist wie ein neurotisches Symptom, er ist 
eine Kompromißbildung zwischen dem Anspruch einer verdrängten 
Triebregung und dem Widerstand einer zensurierenden Macht im Ich. 
Infolge der gleichen Genese ist er auch ebenso unverständlich wie 
das Symptom und in gleicher Weise der Deutung bedürftig. 

Die allgemeine Funktion des Träumens ist leicht aufzufinden. 
Es dient dazu, um äußere oder innere Reize, welche zum Erwachen 
auffordern würden, durch eine Art von Beschwichtigung abzuwehren 
und so den Schlaf gegen Störung zu versichern. Der äußere Reiz 
wird abgewehrt, indem er umgedeutet und in irgendeine harmlose 
Situation ver woben wird; den inneren Reiz des Triebanspruchs 
läßt der Schläfer gewähren und gestattet ihm die Befriedigung 
durch die Traumbildung, solange sich die latenten Traumgedanken 
der Bändigung durch die Zensur nicht entziehen. Droht aber 
diese Gefahr und wird der Traum allzu deutlich, so bricht der 
Schläfer den Traum ab und wacht erschreckt auf (Angsttraum). 
Dasselbe Versagen der Traumfunktion tritt ein, wenn der äußere 
Reiz so stark wird, daß er sich nicht mehr abweisen läßt (Weck- 
traum). Den Prozeß, welcher unter Mitwirkung der Traumzensur 
die latenten Gedanken in den manifesten Trauminhalt überführt, 
habe ich die Traumarbeit genannt. Er besteht in einer eigenartigen 
Behandlung des vorbewußten Gedankenmaterials, bei welcher dessen 
Bestandteile verdichtet, seine psychischen Akzente verschoben, 
das Ganze dann in visuelle Bilder umgesetzt, dramatisiert, und 
durch eine mißverständliche sekundäre Bearbeitung ergänzt 
wird. Die Traumarbeit ist ein ausgezeichnetes Muster der Vorgänge 
in den tieferen, unbewußten Schichten des Seelenlebens, welche 
sich von den uns bekannten normalen Denkvorgängen erheblich 
unterscheiden. Sie bringt auch eine Anzahl archaischer Züge zum 
Vorschein z. B. die Verwendung einer hier vorwiegend sexuellen 
Symbolik, die man dann auf anderen Gebieten geistiger Tätigkeit 
wiedergefunden hat. 



158 Schrift en aus den Jahren I</2) — 1926 

Indem sich die unbewußte Triebregung des Traumes mit einem 
Tagesrest, einem unerledigten Interesse des Wachlebens, in Ver- 
bindung setzt, verschafft sie dem von ihr gebildeten Traume einen 
zweifachen Wert für die analytische Arbeit. Der gedeutete Traum 
erweist sich ja einerseits als die Erfüllung eines verdrängten Wunsches, 
anderseits kann er die vorbewußte Denktätigkeit des Tages fort- 
gesetzt und sich mit beliebigem Inhalt erfüllt haben, einem Vor- 
satz, einer Warnung, Überlegung und wiederum einer Wunsch- 
erfüllung Ausdruck geben. Die Analyse verwertet ihn nach beiden 
Richtungen, sowohl für die Kenntnis der bewußten wie der un- 
bewußten Vorgänge beim Analysierten. Auch zieht sie aus dem 
Umstände Vorteil, daß dem Traume der vergessene Stoff des 
Kindheitslebens zugänglich ist, so daß die infantile Amnesie zumeist 
im Anschluß an die Deutung von Träumen überwunden wird. 
Der Traum leistet hier ein Stück von dem, was früher der Hypnose 
auferlegt war. Dagegen habe ich nie die mir oft zugeschriebene 
Behauptung aufgestellt, die Traumdeutung ergebe, daß alle Träume 
sexuellen Inhalt haben oder auf sexuelle Triebkräfte zurückgehen. 
Es ist leicht zu sehen, daß Hunger, Durst und Exkretionsdrang 
ebensogut Befriedigungsträume erzeugen wie irgendeine verdrängte 
sexuelle oder egoistische Regung. Bei kleinen Kindern stellt sich 
eine bequeme Probe auf die Richtigkeit unserer Traumtheorie zur 
Verfügung. Hier, wo die verschiedenen psychischen Systeme noch 
nicht scharf gesondert, die Verdrängungen noch nicht tiefer aus- 
gebildet sind, erfährt man häufig von Träumen, die nichts anderes 
sind als unverhüllte Erfüllungen irgendwelcher vom Tage erübrigten 
Wunschregungen. Unter dem Einfluß imperativer Bedürfnisse 
können auch Erwachsene solche Träume vom infantilen Typus 
produzieren. 

In ähnlicher Weise wie der Traumdeutung bedient sich die 
Analyse des Studiums der so häufigen kleinen Fehlleistungen und 
Symptomhandlungen der Menschen, denen ich eine 1904 zuerst 
als Buch veröffentlichte Untersuchung „Zur Psychopathologie des 



„Selbstdarstetlung" 159 



Alltagslebens" gewidmet habe. Den Inhalt dieses vielgelesenen 
Werkes bildet der Nachweis, daß diese Phänomene nichts Zufälliges 
sind, daß sie über physiologische Erklärungen hinausgehen, sinn- 
voll und deutbar sind und zum Schluß auf zurückgehaltene oder 
verdrängte Regungen und Intentionen berechtigen. Der über- 
ragende Wert der Traumdeutung wie dieser Studie Hegt aber nicht 
in der Unterstützung, die sie der analytischen Arbeit leihen, sondern 
in einer anderen Eigenschaft derselben. Bisher hatte die Psycho- 
analyse sich nur mit der Auflösung pathologischer Phänomene 
beschäftigt und zu deren Erklärung oft Annahmen machen müssen, 
deren Tragweite außer Verhältnis zur Wichtigkeit des behandelten 
Stoffes stand. Der Traum aber, den sie dann in Angriff nahm, war 
kein krankhaftes Symptom, er war ein Phänomen des normalen 
Seelenlebens, konnte sich bei jedem gesunden Menschen ereignen. 
Wenn der Traum so gebaut ist wie ein Symptom, wenn seine Er- 
klärung die nämlichen Annahmen erfordert, die der Verdrängung 
von Triebregungen, der Ersatz- und Kompromißbildung, der ver- 
schiedenen psychischen Systeme zur Unterbringung des Bewußten 
und Unbewußten, dann ist die Psychoanalyse nicht mehr eine 
Hilfswissenschaft der Psychopathologie, dann ist sie vielmehr der 
Ansatz zu einer neuen und gründlicheren Seelenkunde, die auch für 
das Verständnis des Normalen unentbehrlich wird. Man darf ihre 
Voraussetzungen und Ergebnisse auf andere Gebiete des seelischen 
und geistigen Geschehens übertragen 5 der Weg ins Weite, zum 
Weltinteresse, ist ihr eröffnet. 



V 

Ich unterbreche die Darstellung vom inneren Wachstum der 
Psychoanalyse und wende mich ihren äußeren Schicksalen zu. 
Was ich von ihrem Erwerb bisher mitgeteilt habe, war in großen u 

Zügen der Erfolg meiner Arbeit, ich habe aber in den Zusammenhang 
auch spätere Ergebnisse eingetragen und die Beiträge meiner 
Schüler und Anhänger nicht von den eigenen gesondert. 

Durch mehr als ein Jahrzehnt nach der Trennung von Breuer 
hatte ich keine Anhänger. Ich stand völlig isoliert. In Wien wurde 
ich gemieden, das Ausland nahm von mir keine Kenntnis. Die 
„Traumdeutung", 1900, wurde in den Fachzeitschriften kaum 
referiert. Im Aufsatz „Zur Geschichte der psychoanalytischen 
Bewegung" habe ich als Beispiel für die Einstellung der psychia- 
trischen Kreise in Wien ein Gespräch mit einem Assistenten mit- 
geteilt, der ein Buch gegen meine Lehren geschrieben, aber die 
„Traumdeutung" nicht gelesen hatte. Man hatte ihm auf der 
Klinik gesagt, es lohne nicht der Mühe. Der Betreffende, seither 
Extraordinarius geworden, hat sich gestattet, den Inhalt jener 
Unterredung zu verleugnen und überhaupt die Treue meiner Er- 
innerung anzuzweifeln. Ich halte jedes Wort meines damaligen 
Berichts aufrecht. 

Als ich verstanden hatte, mit welchen Notwendigkeiten ich 
zusammengestoßen war, ließ meine Empfindlichkeit sehr nach. 
Allmählich fand auch die Isolierung ein Ende. Zuerst sammelte 



„ Selbstdarstellung" 161 



sich in Wien ein kleiner Kreis von Schülern um mich; nach 1906 
erfuhr man, daß sich die Psychiater in Zürich, E. Bleuler, sein 
Assistent C. G. Jung und andere lebhaft für die Psychoanalyse 
interessierten. Persönliche Beziehungen knüpften sich an, zu Ostern 
1908 trafen sich die Freunde der jungen Wissenschaft in Salzburg, 
verabredeten die regelmäßige Wiederholung solcher Privatkongresse 
und die Herausgabe einer Zeilschrift, die unter dem Titel „Jahr- 
buch für psychopathologische und psychoanalytische Forschungen" 
von Jung redigiert wurde. Herausgeber waren Bleuler und ich; 
sie wurde dann mit Beginn des Weltkrieges eingestellt. Gleichzeitig 
mit dem Anschluß der Schweizer war auch überall in Deutschland 
das Interesse für die Psychoanalyse erwacht, sie wurde der Gegen- 
stand zahlreicher literarischer Äußerungen und lebhafter Diskussion 
auf wissenschaftlichen Kongressen. Die Aufnahme war nirgends eine 
freundliche oder wohlwollend zuwartende. Nach kürzester Bekannt- 
schaft mit der Psychoanalyse war die deutsche Wissenschaft in ihrer 
Verwerfung einig. 

Ich kann natürlich auch heute nicht wissen, welches das end- 
gültige Urteil der Nachwelt über den Wert der Psychoanalyse für 
Psychiatrie, Psychologie und die Geisteswissenschaften überhaupt 
sein wird. Aber ich meine, wenn die Phase, die wir durchlebt 
haben, einmal ihren Geschichtsschreiber findet, wird dieser zu 
gestehen müssen, daß das Verhalten ihrer damaligen Vertreter nicht 
rühmlich für die deutsche Wissenschaft war. Ich beziehe mich dabei 
nicht auf die Tatsache der Ablehnung oder auf die Entschiedenheit, 
mit der sie geschah; beides war leicht zu verstehen, entsprach nur 
der Erwartung und konnte wenigstens keinen Schatten auf den 
Charakter der Gegner werfen. Aber für das Ausmaß von Hochmut 
und gewissenloser Verschmähung der Logik, für die Roheit und 
Geschmacklosigkeit der Angriffe gibt es keine Entschuldigung. Man 
kann mir vorhalten, es sei kindisch, noch nach fünfzehn Jahren 
solcher Empfindlichkeit freien Lauf zu geben; ich würde es auch nicht 
tun wenn ich nicht noch etwas anderes hinzuzufügen hätte. Jahre 

Freud XI. «» 



162 Schriften aus den Jahren l<)2} — 1926 



später, als während des Weltkrieges ein Chor von Feinden gegen 
die deutsche Nation den Vorwurf der Barbarei erhob, in dem all 
das Erwähnte zusammentrifft, schmerzte es doch tief, daß man aus 
eigener Erfahrung dem nicht widersprechen konnte. 

Einer der Gegner rühmte sich laut, daß er seinen Patienten den Mund 
verbiete, wenn sie von sexuellen Dingen zu sprechen beginnen, und leitete 
aus dieser Technik offenbar ein Recht ab, über die ätiologische Rolle der 
Sexualität bei den Neurosen zu urteilen. Abgesehen von den affektiven 
Widerständen, die sich nach der psychoanalytischen Theorie so leicht er- 
klärten, daß sie uns nicht irre machen konnten, schien mir das Haupt- 
hindernis der Verständigung in dem Umstand zu liegen, daß die Gegner 
in der Psychoanalyse ein Produkt meiner spekulativen Phantasie sahen und 
nicht an die lange, geduldige, voraussetzungslose Arbeit glauben wollten, 
die zu ihrem Aufbau aufgewendet worden war. Da nach ihrer Meinung 
die Analyse nichts mit Reobachtung und Erfahrung zu tun hatte, hielten 
sie sich auch für berechtigt, sie ohne eigene Erfahrung zu verwerfen. 
Andere, die sich solcher Überzeugung nicht so sicher fühlten, wiederholten 
das klassische Widerstandsmanöver, nicht ins Mikroskop zu gucken, um 
das nicht zu sehen, was sie bestritten hatten. Es ist überhaupt merkwürdig, 
wie inkorrekt sich die meisten Menschen benehmen, wenn sie in einer 
neuen Sache auf ihr eigenes Urteil gestellt sind. Durch viele Jahre und 
auch heute noch bekam ich von „wohlwollenden" Kritikern zu hören, so 
und so weit habe die Psychoanalyse Recht, aber an dem Punkte beginne 
ihr Übermaß, ihre unberechtigte Verallgemeinerung. Dabei weiß ich, daß 
nichts schwieriger ist als über eine solche Abgrenzung zu entscheiden, und 
daß die Kritiker selbst bis vor wenigen Tagen oder Wochen in voller Un- 
kenntnis der Sache gewesen waren. 

Das offizielle Anathema gegen die Psychoanalyse hatte zur Folge, 
daß sich die Analytiker enger zusammenschlössen. Auf dem zweiten 
Kongreß zu Nürnberg 1910 organisierten sie sich auf Vorschlag 
von S. Ferenczi zu einer „Internationalen Psychoanalytischen Ver- 
einigung , die in Ortsgruppen zerfiel und unter der Leitung eines 
Präsidenten stand. Diese Vereinigung hat den Weltkrieg überstanden, 
sie besteht heute noch und umfaßt die Ortsgruppen Wien, Berlin, 
Budapest, Zürich, London, Holland, New York, Pen-Amerika, Moskau 
und Kalkutta. Zum ersten Präsidenten ließ ich C. G. Jung wählen, 



II 



, Selbstdarstellung" 163 



ein recht unglücklicher Schritt, wie sich später herausstellte. Die 
Psychoanalyse erwarb damals ein zweites Journal, das „Zentralblatt 
für Psychoanalyse", redigiert von Adler und Stekel und bald darauf 
ein drittes, die „Imago", von den Nichtärzten H.Sachs und O.Rank 
für die Anwendungen der Analyse auf die Geisteswissenschaften 
bestimmt. Bald darauf veröffentlichte Bleuler seine Schrift zur 
Verteidigung der Psychoanalyse („Die Psychoanalyse Freuds" 1910). 
So erfreulich es war, daß in dem Streit einmal auch Gerechtigkeit 
und ehrliche Logik zu Worte kamen, so konnte mich die Arbeit 
Bleulers doch nicht völlig befriedigen. Sie strebte zu sehr nach 
dem Anschein der Unparteilichkeit; es war kein Zufall, daß man 
gerade ihrem Autor die Einführung des wertvollen Begriffes der 
Ambivalenz in unsere Wissenschaft zu danken hatte. In späteren 
Aufsätzen hat Bleuler sich so ablehnend gegen das analytische 
Lehrgebäude verhalten, so wesentliche Stücke desselben bezweifelt, 
oder verworfen, daß ich mich verwundert fragen konnte, was für 
seine Anerkennung davon erübrige. Und doch hat er auch später 
nicht nur die herzhaftesten Äußerungen zugunsten der „Tiefen- 
psychologie" getan, sondern auch seine großangelegte Darstellung 
der Schizophrenien auf sie begründet. Bleuler verblieb übrigens 
nicht lange in der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung", 
er verließ sie infolge von Mißhelligkeiten mit Jung und das „Burg- 
hölzli" ging der Analyse verloren. 

Der offizielle Widerspruch konnte die Ausbreitung der Psycho- 
analyse weder in Deutschland noch in den anderen Ländern auf- 
halten. Ich habe an anderer Stelle („Zur Geschichte der psycho- 
analytischen Bewegung") die Etappen ihres Fortschrittes verfolgt 
und dort auch die Männer genannt, die sich als ihre Vertreter 
hervortaten. Im Jahre 190g waren Jung und ich von G. Stanley 
Hall nach Amerika berufen worden, um dort an der Clark Uni- 
versity, Worcester, Mass., deren Präsident er war, zur zwanzigjährigen 
Gründungsfeier des Instituts eine Woche lang Vorlesungen (in 
deutscher Sprache) zu halten. Hall war ein mit Recht angesehener 



164 Schriften aus den Jahren T<}2} — 1926 

Psycholog und Pädagog, der die Psychoanalyse schon seit Jahren 
in seinen Unterricht einbezogen hatte; es war etwas vom „Königs- 
macher" in ihm, dem es gefiel, Autoritäten ein- und wieder ab- 
zusetzen. Wir trafen dort auch James J. Pu triam, den Neurologen 
von Harvard, der sich trotz seines Alters für die Psychoanalyse 
begeisterte und mit dem ganzen Gewicht seiner allgemein respek- 
tierten Persönlichkeit für ihren kulturellen Wert und die Reinheit 
ihrer Absichten eintrat. An dem ausgezeichneten Manne, der in 
Reaktion auf eine zwangsneurotische Anlage vorwiegend ethisch 
orientiert war, störte uns nur die Zumutung, die Psychoanalyse 
an ein bestimmtes philosophisches System anzuschließen und in den 
Dienst moralischer Bestrebungen zu stellen. Auch eine Zusammen- 
kunft mit dem Philosophen William James hinterließ mir einen 
bleibenden Eindruck. Ich kann nicht die kleine Szene vergessen, 
wie er auf einem Spaziergang plötzlich stehen blieb, mir seine 
Handtasche übergab und mich bat vorauszugehen, er werde nach- 
kommen, sobald er den herannahenden Anfall von Angina pectoris 
abgemacht habe. Er starb ein Jahr später am Herzen; ich habe 
mir seither immer eine ähnliche Furchtlosigkeit angesichts des 
nahen Lebensendes gewünscht. 

Damals war ich erst 55 Jahre alt, fühlte mich jugendlich und 
gesund, der kurze Aufenthalt in der Neuen Welt tat meinem Selbst- 
gefühl überhaupt wohl; in Europa fühlte ich mich wie geächtet, 
hier sah ich mich von den Besten wie ein Gleichwertiger auf- 
genommen. Es war wie die Verwirklichung eines unglaubwürdigen 
Tagtraumes, als ich in Worcester den Katheder bestieg, um meine 
„Fünf Vorlesungen über Psychoanalyse" abzuhalten. Die Psycho- 
analyse war also kein Wahngebilde mehr, sie war zu einem wert- 
vollen Stück der Realität geworden. Sie hat auch den Boden in 
Amerika seit unserem Besuch nicht mehr verloren, sie ist unter den 
Laien ungemein populär und wird von vielen offiziellen Psychiatern 
als wichtiger Bestandteil des medizinischen Unterrichts anerkannt. 
Leider hat sie dort auch viel Verwässerung erfahren. Mancher 



„ Selbstdarstellung" 165 



Mißbrauch, der nichts mit ihr zu tun hat, deckt sich mit ihrem 
Namen, es fehlt an Gelegenheiten zu gründlicher Ausbildung in 
Technik und Theorie. Auch stößt sie in Amerika mit dem Beha- 
viourism zusammen, der sich in seiner Naivität rühmt, das psycho- 
logische Problem überhaupt ausgeschaltet zu haben. 

In Europa vollzogen sich in den Jahren 1911 — 1915 zwei Ab- 
fallsbewegungen von der Psychoanalyse, eingeleitet von Personen, 
die bisher eine ansehnliche Rolle in der jungen Wissenschaft ge- 
spielt hatten, die von Alfred Adler und von C. G. Jung. Beide 
sahen recht gefährlich aus und gewannen rasch eine große An- 
hängerschaft. Ihre Stärke dankten sie aber nicht dem eigenen 
Gehalt, sondern der Verlockung, von den anstößig empfundenen 
Resultaten der Psychoanalyse frei zu kommen, auch wenn man 
ihr tatsächliches Material nicht mehr verleugnete. Jung versuchte 
eine Umdeutung der analytischen Tatsachen ins Abstrakte, Un- 
persönliche und Unhistorische, wodurch er sich die Würdigung der 
infantilen Sexualität und des Ödipus-Komplexes sowie die Not- 
wendigkeit der Kindheitsanalyse zu ersparen hoffte. Adler schien 
sich noch weiter von der Psychoanalyse zu entfernen, er verwarf 
die Bedeutung der Sexualität überhaupt, führte Charakter- wie 
Neurosenbildung ausschließlich auf das Machtstreben der Men- 
schen und ihr Bedürfnis nach Kompensation ihrer konstitutionellen 
Minderwertigkeiten zurück und schlug alle psychologischen Neu- 
erwerbungen der Psychoanalyse in den Wind. Doch hat das von 
ihm Verworfene sich unter geändertem Namen die Aufnahme in 
sein geschlossenes System erzwungen; sein „männlicher Protest" 
ist nichts anderes als die zu Unrecht sexualisierte Verdrängung. 
Die Kritik begegnete beiden Häretikern mit großer Milde; ich 
konnte nur erreichen, daß Adler wie Jung darauf verzichteten, 
ihre Lehren „Psychoanalyse" zu heißen. Man kann heute, nach 
einem Jahrzehnt, feststellen, daß beide Versuche an der Psychoanalyse 
schadlos vorübergegangen sind. 

Wenn eine Gemeinschaft auf Übereinstimmung in einigen kardi- 



166 Schriften aus den Jahren l$2} — 1926 

nalen Punkten begründet ist, wird es selbstverständlich, daß diejenigen 
aus ihr ausscheiden, welche diesen gemeinsamen Boden aufgegeben 
haben. Doch hat man häufig den Abfall früherer Schüler als Zeichen 
meiner Intoleranz mir zur Schuld angerechnet oder den Ausdruck 
eines besonderen auf mir lastenden Verhängnisses darin gesehen. 
Es genüge dagegen, darauf hinzuweisen, daß denen, die mich ver- 
lassen haben, wie Jung, Adler, Stekel und wenige andere, eine 
große Anzahl von Personen gegenübersteht, die, wie Abraham, 
Eitingon, Ferenczi, Rank, Jones, Brill, Sachs, Pfarrer Pfister, 
van Emden, Reik u. a. seit etwa fünfzehn Jahren mir in treuer 
Mitarbeiterschaft, meist auch in ungetrübter Freundschaft anhängen. 
Ich habe nur die ältesten meiner Schüler hier genannt, die sich 
bereits einen rühmlichen Namen in der Literatur der Psychoanalyse 
geschaffen haben, die Übergehung anderer soll keine Zurücksetzung 
bedeuten und gerade unter den jungen und spät hinzugekommenen 
befinden sich Talente, auf die man große Hoffnungen setzen darf. 
Aber ich darf wohl für mich geltend machen, daß ein intoleranter 
und vom Unfehlbarkeitsdünkel beherrschter Mensch niemals eine 
so große Schar geistig bedeutender Personen an sich hätte fesseln 
können, zumal wenn er über nicht mehr praktische Verlockungen 
verfügte als ich. 

Der Weltkrieg, der so viel andere Organisationen zerstört hat, 
konnte unserer „Internationalen" nichts anhaben. Die erste Zu- 
sammenkunft nach dem Kriege fand 1920 im Haag statt, auf neu- 
tralem Boden. Es war rührend, wie holländische Gastfreundschaft 
sich der verhungerten und verarmten Mitteleuropäer annahm, es 
geschah auch meines Wissens damals zum ersten Male in einer zer- 
störten Welt, daß Engländer und Deutsche sich wegen wissenschaft- 
licher Interessen freundschaftlich an denselben Tisch setzten. Der 
Krieg hatte sogar in Deutschland wie in den westlichen Ländern 
das Interesse an der Psychoanalyse gesteigert. Die Beobachtung der 
Kriegsneurotiker hatte den Ärzten endlich die Augen über die Be- 
deutung der Psychogenese für neurotische Störungen geöffnet, einige 



^Selbstdarstellung" 167 



unserer psychologischen Konzeptionen, der „Krankheitsgewinn", die 
„Flucht in die Krankheit" wurden rasch populär. Zum letzten Kon- 
greß vor dem Zusammenbruch, Budapest 1918, hatten die verbün- 
deten Regierungen der Mittelmächte offizielle Vertreter geschickt, 
welche die Einrichtung psychoanalytischer Stationen zur Behandlung 
der Kriegsneurotiker zusagten. Es kam nicht mehr dazu. Auch weit- 
ausgreifende Pläne eines unserer besten Mitglieder, des Dr. Anton 
von Freund, welche in Budapest eine Zentrale für analytische 
Lehre und Therapie schaffen wollten, scheiterten an den bald darauf 
erfolgenden politischen Umwälzungen und dem frühen Tod des un- 
ersetzlichen Mannes. Einen Teil seiner Anregungen verwirklichte! 
später Max Eitingon, indem er 1920 in Berlin eine psychoana-j 
lytische Poliklinik schuf. Während der kurzen Dauer der bolsche- 
wistischen Herrschaft in Ungarn konnte Ferenczi noch eine erfolg- 
reiche Lehrtätigkeit als offizieller Vertreter der Psychoanalyse an der 
Universität entfalten. Nach dem Kriege gefiel es unseren Gegnern 
zu verkünden, daß die Erfahrung ein schlagendes Argument gegen 
die Richtigkeit der analytischen Behauptungen ergeben habe. Die 
Kriegsneu rose n hätten den Beweis für die Uberflüssigkeit sexueller 
Momente in der Ätiologie neurotischer Affektionen geliefert. Allein 
das war ein leichtfertiger und voreiliger Triumph. Denn einerseits 
hatte niemand die gründliche Analyse eines Falles von Kriegsneurose 
durchführen können, man wußte also einfach nichts Sicheres über 
deren Motivierung und durfte doch aus solcher Unwissenheit keinen 
Schluß ziehen. Anderseits aber hatte die Psychoanalyse längst den 
Begriff des Narzißmus und der narzißtischen Neurose gewonnen, 
der die Anheftung der Libido an das eigene Ich, an Stelle eines 
Objekts, zum Inhalt hatte. Das heißt also, man machte sonst der 
Psychoanalyse zum Vorwurf, daß sie den Begriff der Sexualität un- 
gebührlich erweitert habe; wenn man es aber in der Polemik bequem 
fand, vergaß man an dieses ihr Vergehen und hielt ihr wiederum 
die Sexualität im engsten Sinne vor. 

Die Geschichte der Psychoanalyse zerfällt für mich in zwei Ab- 






168 Schriften ans den Jahren IJ2) — 1926 

schnitte, von der kathartischen Vorgeschichte abgesehen. Im ersten 
stand ich allein und hatte alle Arbeit selbst zu tun, so war es von 
1895/96 an bis 1906 oder 1907. Im zweiten Abschnitt, von da 
an bis zum heutigen Tage, haben die Beiträge meiner Schüler und 
Mitarbeiter immer mehr an Bedeutung gewonnen, so daß ich jetzt, 
durch schwere Erkrankung an das nahe Ende gemahnt, mit. innerer 
Ruhe an das Aufhören meiner eigenen Leistung denken kann. 
Gerade dadurch schließt es sich aber aus, daß ich in dieser „Selbst- 
darstellung" die Fortschritte der Psychoanalyse im zweiten Zeit- 
abschnitt mit solcher Ausführlichkeit behandle wie deren allmäh- 
lichen Aufbau im ersten, der allein von meiner Tätigkeit ausgefüllt 
ist. Ich fühle mich nur berechtigt, hier jene Neuerwerbungen zu 
erwähnen, an denen ich noch einen hervorragenden Anteil hatte, 
also vor allem die auf dem Gebiet des Narzißmus, der Trieblehre 
und der Anwendung auf die Psychosen. 

Ich habe nachzutragen, daß mit zunehmender Erfahrung der 
Ödipus-Komplex sich immer deutlicher als der Kern der Neurose 
herausstellte. Er war sowohl der Höhepunkt des infantilen Sexual- 
lebens wie auch der Knotenpunkt, von dem alle späteren Entwick- 
lungen ausgingen. Damit schwand aber die Erwartung, durch die 
Analyse ein für die Neurose spezifisches Moment aufzudecken. Man 
mußte sich sagen, wie es Jung in seiner analytischen Frühzeit 
treffend auszudrücken verstand, daß die Neurose keinen besonderen, 
ihr ausschließlich eigenen Inhalt habe, und daß die Neurotiker an 
,den nämlichen Dingen scheitern, welche von den Normalen glück- 
lich bewältigt werden. Diese Einsicht bedeutete durchaus keine 
Enttäuschung. Sie stand im besten Einklang mit. jener anderen, 
daß die durch die Psychoanalyse gefundene Tiefenpsychologie 
eben die Psychologie des normalen Seelenlebens war. Es war uns 
ebenso ergangen wie den Chemikern; die großen qualitativen Ver- 
schiedenheiten der Produkte führten sich auf quantitative Ab- 
änderungen in den Kombinationsverhältnissen der nämlichen Ele- 
mente zurück. 



„Selbstdarstellung 169 



Im Ödipus-Komplex zeigte sich die Libido an die Vorstellung der 
elterlichen Personen gebunden. Aber es hatte vorher eine Zeit, ohne 
alle solche Objekte gegeben. Daraus ergab sich die für eine Libido- 
theorie grundlegende Konzeption eines Zustandes, in dem die Libido 
das eigene Ich erfüllt, dieses selbst zum Objekt genommen hat. 
Diesen Zustand konnte man „Narzißmus" oder Selbstliebe nennen. 
Die nächsten Überlegungen sagten, daß er eigentlich nie völlig auf- 
gehoben wird; für die ganze Lebenszeit bleibt das Ich das große 
Libidoreservoir, aus welchem Objektbesetzungen ausgeschickt werden, 
in welches die Libido von den Objekten wieder zurückströmen kann. 
Narzißtische Libido setzt sich also fortwährend in Objektlibido um 
und umgekehrt. Ein ausgezeichnetes Beispiel davon, welches Aus- 
maß diese Umsetzung erreichen kann, zeigt uns die bis zur Selbst- 
aufopferung reichende sexuelle oder sublimierte Verliebtheit. Während 
man bisher im Verdrängungsprozeß nur dem Verdrängten Aufmerk- 
samkeit geschenkt hatte, ermöglichten diese Vorstellungen, auch das 
Verdrängende richtig zu würdigen. Man hatte gesagt, die Verdrän- 
gung werde von den im Ich wirksamen Selbsterhaltungstrieben 
(„Ich trieben") ins Werk gesetzt und an den libidinösen Trieben voll- 
zogen. Nun, da man die Selbsterhaltungstriebe auch als libidinöser 
Natur, als narzißtische Libido, erkannte, erschien der Verdrängungs- 
vorgang als ein Prozeß innerhalb der Libido selbst; narzißtische 
Libido stand gegen Objektlibido, das Interesse der Selbsterhaltung 
wehrte sich gegen den Anspruch der Objektliebe, also auch gegen 
den der engeren Sexualität. 

Kein Bedürfnis wird in der Psychologie dringender empfunden, 
als nach einer tragfähigen Trieblehre, auf welcher man weiter- 
bauen kann. Allein nichts dergleichen ist vorhanden, die Psycho- 
analyse muß sich in tastenden Versuchen um eine Trieblehre be- 
mühen. Sie stellte zuerst den Gegensatz von Ichtrieben (Selbst- 
erhaltung, Hunger) und von libidinösen Trieben (Liebe) auf, ersetzte 
ihn dann durch den neuen von narzißtischer und Objektlibido. 
Damit war offenbar das letzte Wort nicht gesprochen; biologische 



17° Schriften aus den Jahren 192) — 1926 



I 



Erwägungen schienen zu verbieten, daß man sich mit der Annahme 
einer einzigen Art von Trieben begnüge. 

In den Arbeiten meiner letzten Jahre („Jenseits des Lustprinzips", 
„Massenpsychologie und Ich-Analyse", „Das Ich und das Es") habe 
ich der lange niedergehaltenen Neigung zur Spekulation freien Lauf 
gelassen und dort auch eine neue Lösung des Triebproblems ins 
Auge gefaßt. Ich habe Selbst- und Arterhaltung unter den Begriff 
des Eros zusammengefaßt und ihm den geräuschlos arbeitenden 
Todes- oder Destruktionstrieb gegenübergestellt. Der Trieb 
wird ganz allgemein erfaßt als eine Art Elastizität des Lebenden, 
als ein Drang nach Wiederherstellung einer Situation, die einmal 
bestanden hatte und durch eine äußere Störung aufgehoben worden 
war. Diese im Wesen konservative Natur der Triebe wird durch die 
Erscheinungen des Wiederholungszwanges erläutert. Das Zu- 
sammen- und Gegeneinanderwirken von Eros und Todestrieb ergibt 
für uns das Bild des Lebens. 

Es steht dahin, ob sich diese Konstruktion als brauchbar erproben 
wird. Sie ist zwar von dem Bestreben geleitet worden, einige der 
wichtigsten theoretischen Vorstellungen der Psychoanalyse zu fixieren, 
aber sie geht weit über die Psychoanalyse hinaus. Ich habe wieder- 
holt die geringschätzige Äußerung gehört, man könne nichts von 
einer Wissenschaft halten, deren oberste Begriffe so unscharf wären 
wie die der Libido und des Triebes in der Psychoanalyse. Aber 
diesem Vorwurf liegt eine völlige Verkennung des Sachverhalts zu- 
grunde. Klare Grundbegriffe und scharf umrissene Definitionen sind 
nur in den Geisteswissenschaften möglich, soweit diese ein Tatsachen- 
gebiet in den Rahmen einer intellektuellen Systembildung fassen 
wollen. In den Naturwissenschaften, zu denen die Psychologie ge- 
hört, ist solche Klarheit der Oberbegriffe überflüssig, ja unmöglich. 
Zoologie und Botanik haben nicht mit korrekten und zureichenden 
Definitionen von Tier und Pflanze begonnen, die Biologie weiß noch 
heute den Begriff des Lebenden nicht mit sicherem Inhalt zu er- 
füllen. Ja, selbst die Physik hätte ihre ganze Entwicklung versäumt, 






, Selbstdarstellung ij\ 



wenn sie hätte abwarten müssen, bis ihre Begriffe von Stoff, Kraft, 
Gravitation und andere die wünschenswerte Klarheit und Präzision 
erreichten. Die Grundvorstellungen oder obersten Begriffe der natur- 
wissenschaftlichen Disziplinen werden immer zunächst, unbestimmt 
gelassen, vorläufig nur durch den Hinweis auf das Erscheinungs- 
gebiet erläutert, dem sie entstammen, und können erst durch die 
fortschreitende Analyse des Beobachtungsmaterials klar, inhaltsreich 
und widerspruchsfrei werden. 

Ich habe schon in früheren Phasen meiner Produktion den Ver- 
such gemacht, von der psychoanalytischen Beobachtung aus all- 
gemeinere Gesichtspunkte zu erreichen. 1 9 1 1 betonte ich in einem 
kleinen Aufsatz „Formulierungen über die zwei Prinzipien des 
psychischen Geschehens" in gewiß nicht origineller Weise die Vor- 
herrschaft des Lust-Unlustprinzips für das Seelenleben und dessen 
Ablösung durch das sogenannte „Realitätsprinzip". Später wagte 
ich den Versuch einer „Metapsychologie". Ich nannte so eine Weise 
der Betrachtung, in der jeder seelische Vorgang nach den drei Koordi- 
naten der Dynamik, Topik und Ökonomie gewürdigt wird, und 
sah in ihr das äußerste Ziel, das der Psychologie erreichbar ist. 
Der Versuch blieb ein Torso, ich brach nach wenigen Abhand- 
lungen (Triebe und Triebschicksale — Verdrängung — Das Unbe- 
wußte — Trauer und Melancholie usw.) ab und tat gewiß wohl 
daran, denn die Zeit für solche theoretische Festlegung war noch 
nicht gekommen. In meinen letzten spekulativen Arbeiten habe 
ich es unternommen, unseren seelischen Apparat auf Grund ana- 
lytischer Verwertung der pathologischen Tatsachen zu gliedern und 
habe ich ihn in ein Ich, ein Es und ein Über-Ich zerlegt. („Das 
Ich und das Es", 1922.) Das_Über-Ich ist der Erbe des Ödipus- 
Komplexes und der Vertreter der ethischen Anforderungen des 
Menschen. 

Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, als hätte ich in dieser letzten 
Periode meiner Arbeit der geduldigen Beobachtung den Rücken gewendet 
und mich durchaus der Spekulation überlassen. Ich bin vielmehr immer 



17 2 Schriften aus den Jahren l<}2} — 1')26 



in inniger Berührung mit dem analytischen Material geblieben und habe 
die Bearbeitung spezieller, klinischer oder technischer Themata nie eingestellt. 
Auch wo ich mich von der Beobachtung entfernte, habe ich die Annäherung 
an die eigentliche Philosophie sorgfältig vermieden. Konstitutionelle Unfähig- 
keit hat mir solche Enthaltung sehr erleichtert. Ich war immer für die Ideen 
G. Th. Fechners zugänglich und habe mich auch in wichtigen Punkten 
an diesen Denker angelehnt. Die weitgehenden Übereinstimmungen der 
Psychoanalyse mit der Philosophie Schopenhauers — er hat nicht nur 
den Primat der Affektivität und die überragende Bedeutung der Sexualität 
vertreten, sondern selbst den Mechanismus der Verdrängung gekannt — 
lassen sich nicht auf meine Bekanntschaft mit seiner Lehre zurückführen. 
Ich habe Schopenhauer sehr spät im Leben gelesen. Nietzsche, den 
anderen Philosophen, dessen Ahnungen und Einsichten sich oft in der 
erstaunlichsten Weise mit den mühsamen Ergebnissen der Psychoanalyse 
decken, habe ich gerade darum lange gemieden; an der Priorität lag mir 
ja weniger als an der Erhaltung meiner Unbefangenheit. 

Die Neurosen waren das erste, lange Zeit auch das einzige, Objekt 
der Analyse gewesen. Keinem Analytiker blieb es zweifelhaft, daß 
die medizinische Praxis unrecht hat, welche diese Affektionen von 
den Psychosen fern hält und an die organischen Nervenleiden an- 
schließt. Die Neurosenlehre gehört zur Psychiatrie, ist unentbehrlich 
zur Einführung in dieselbe. Nun scheint das analytische Studium der 
Psychosen durch die therapeutische Aussichtslosigkeit einer solchen 
Bemühung ausgeschlossen. Den psychisch Kranken fehlt, im all- 
gemeinen die Fähigkeit zur positiven Übertragung, so daß das Haupt- 
mittel der analytischen Technik unanwendbar ist. Aber es ergeben 
sich doch mancherlei Zugänge. Die Übertragung ist oft nicht so 
völlig abwesend, daß man nicht ein Stück weit mit ihr kommen 
könnte, bei zyklischen Verstimmungen, leichter paranoischer Ver- 
änderung, partieller Schizophrenie hat man unzweifelhafte Erfolge 
mit der Analyse erzielt. Es war auch wenigstens für die Wissen- 
schaft ein Vorteil, daß in vielen Fällen die Diagnose längere Zeit 
zwischen der Annahme einer Psychoneurose und der einer Dementia 
praecox schwanken kann; der angestellte therapeutische Versuch 
konnte so wichtige Aufschlüsse bringen, ehe er abgebrochen werden 






„ Selbstdarstellung" 173 



mußte. Am meisten kommt aber in Betracht, daß in den Psychosen 
so vieles für jedermann sichtbar an die Oberfläche gebracht wird, 
was man bei den Neurosen in mühsamer Arbeit aus der Tiefe 
heraufholt. Für viele analytische Behauptungen ergibt darum die 
psychiatrische Klinik die besten Demonstrationsobjekte. Es konnte 
also nicht ausbleiben, daß die Analyse bald den Weg zu den Ob- 
jekten der psychiatrischen Beobachtung fand. Sehr frühzeitig (1896) 
habe ich an einem Fall von paranoider Demenz die gleichen ätio- 
logischen Momente und das Vorhandensein der nämlichen affektiven 
Komplexe wie bei den Neurosen feststellen können. Jung hat rätsel- 
hafte Stereotypien bei Dementen durch Rückbeziehung auf die 
Lebensgeschichte der Kranken aufgeklärt; Bleuler bei verschiede- 
nen Psychosen Mechanismen aufgezeigt, wie die durch Analyse bei 
den Neuro tikern eruierten. Seither haben die Bemühungen der 
Analytiker um das Verständnis der Psychosen nicht mehr aufgehört. 
Besonders seitdem man mit dem Begriff des Narzißmus arbeitete, 
gelang es bald an dieser, bald an jener Stelle einen Blick über die 
Mauer zu tun. Am weitesten hat es wohl Abraham in der Auf- 
klärung der Melancholien gebracht. Auf diesem Gebiet setzt sich 
zwar gegenwärtig nicht alles Wissen in therapeutische Macht um; 
aber auch der bloß theoretische Gewinn ist nicht gering anzuschlagen 
und mag gern auf seine praktische Verwendung warten. Auf die Dauer 
können auch die Psychiater der Beweiskraft ihres Krankenmaterials 
nicht widerstehen. Es vollzieht sjch jetzt in der deutschen Psychiatrie 
eine Art von penetration pacifique mit analytischen Gesichtspunkten. 
Unter unausgesetzten Beteuerungen, daß sie keine Psychoanalytiker 
sein wollen, nicht der „orthodoxen" Schule angehören, deren Über- 
treibungen nicht mitmachen, insbesondere aber an das übermächtige 
sexuelle Moment nicht glauben, machen doch die meisten der jüngeren 
Forscher dies oder jenes Stück der analytischen Lehre zu ihrem Eigen 
und wenden es in ihrer Weise auf das Material an. Alle Anzeichen 
deuten auf das Bevorstehen weiterer Entwicklungen nach dieser 
Richtung. 






VI 

Ich verfolge jetzt aus der Ferne, unter welchen Reaktionssymptomen 
sich der Einzug der Psychoanalyse in das lange refraktäre Frank- 
reich vollzieht. Es wirkt wie eine Reproduktion von früher Erleb- 
tem, hat aber doch auch seine besonderen Züge. Einwendungen 
von unglaublicher Einfalt werden laut, wie der, das französische 
Feingefühl nehme Anstoß an der Pedanterie und Plumpheit der 
psychoanalytischen Namengebungen (man muß dabei doch an 
Lessings unsterblichen Chevalier Riccaut de la Marliniere denken!). 
Eine andere Äußerung klingt ernsthafter; sie ist selbst einem Pro- 
fessor der Psychologie an der Sorbonne nicht unwürdig erschienen: 
das Ge'nie latin vertrage überhaupt, nicht die Denkungsart der Psycho- 
analyse. Dabei werden die anglosächsischen Alliierten, die als ihre 
Anhänger gelten, ausdrücklich preisgegeben. Wer das hört, muß 
natürlich glauben, das Genie teutonique habe die Psychoanalyse 
gleich nach ihrer Geburt als sein liebstes Kind ans Herz gedrückt. 

In Frankreich ist das Interesse an der Psychoanalyse von den 
Männern der schönen Literatur ausgegangen. Um das zu ver- 
stehen, muß man sich erinnern, daß die Psychoanalyse mit der 
Traumdeutung die Grenzen einer rein ärztlichen Angelegenheit 
überschritten hat. Zwischen ihrem Auftreten in Deutschland und 
nun in Frankreich liegen ihre mannigfachen Anwendungen auf Ge- 
biete der Literatur und Kunstwissenschaft, auf Religionsgeschichte 
und Prähistorie, auf Mythologie, Volkskunde, Pädagogik usw. Alle 



„Selbstdarstellung" \nc 



diese Dinge haben mit der Medizin wenig zu tun, sind mit ihr 
eben nur durch die Vermittlung der Psychoanalyse verknüpft. Ich 
habe darum kein Anrecht, sie an dieser Stelle eingehend zu be- 
handeln. Ich kann sie aber auch nicht ganz vernachlässigen, denn 
einerseits sind sie unerläßlich, um die richtige Vorstellung vom Wert 
und Wesen der Psychoanalyse zu geben, anderseits habe ich mich 
ja der Aufgabe unterzogen, mein eigenes Lebenswerk darzustellen. 
Von den meisten dieser Anwendungen gehen die Anfänge auf meine 
Arbeiten zurück. Hier und da habe ich wohl auch einen Schritt 
vom Wege getan, um ein solches außerärztliches Interesse zu be- 
friedigen. Andere, nicht nur Ärzte, sondern auch Fachmänner, sind 
dann meiner Wegspur nachgefolgt und weit in die betreffenden 
Gebiete eingedrungen. Da ich mich aber meinem Programm gemäß 
auf den Bericht über meine eigenen Beiträge zur Anwendung der 
Psychoanalyse beschränken werde, kann ich dem Leser nur ein ganz 
unzureichendes Bild von deren Ausdehnung und Bedeutung ermög- 
lichen. 

Eine Reihe von Anregungen ging für mich vom Ödipus-Komplex 
aus, dessen Ubiquität ich allmählich erkannte. War schon immer 
die Wahl, ja die Schöpfung des grauenhaften Stoffes rätselhaft ge- 
wesen, die erschütternde Wirkung seiner poetischen Darstellung und 
das Wesen der Schicksalstragödie überhaupt, so erklärte sich dies 
alles durch die Einsicht, daß hier eine Gesetzmäßigkeit des seelischen 
Geschehens in ihrer vollen affektiven Bedeutung erfaßt worden 
war. Verhängnis und Orakel waren nur die Materialisationen der 
inneren Notwendigkeit; daß der Held ohne sein Wissen und gegen 
seine Absicht sündigte, verstand sich als der richtige Ausdruck der 
unbewußten Natur seiner verbrecherischen Strebungen. Vom Ver- 
ständnis dieser Schicksalstragödie war dann nur ein Schritt bis zur 
Aufhellung der Charaktertragödie des Hamlet, die man seit drei- 
hundert Jahren bewunderte, ohne ihren Sinn angeben und die 
Motive des Dichters erraten zu können. Es war doch merkwürdig, 
daß dieser vom Dichter erschaffene Neurotiker am Ödipus-Komplex 






176 Schriften aus den Jahren I<)2} — 1<)26 

scheitert wie seine zahlreichen Gefährten in der realen Welt, denn 
Hamlet ist vor die Aufgabe gestellt, an einem anderen die beiden 
Taten zu rächen, die den Inhalt des Ödipusstrebens bilden, wobei 
ihm sein eigenes dunkles Schuldgefühl lähmend in den Arm fallen 
darf. Der Hamlet ist von Shakespeare sehr bald nach dem Tode 
seines Vaters geschrieben worden. Meine Andeutungen zur Analyse 
dieses Trauerspiels haben später durch Kr n est Jones eine gründ- 
liche Ausarbeitung erfahren. Dasselbe Beispiel nahm dann Otto 
Rank zum Ausgangspunkt seiner Untersuchungen über die Stoff- 
wahl der dramatischen Dichter. In seinem großen Buche über das 
„Inzest-Motiv" konnte er zeigen, wie häufig die Dichter gerade 
die Motive der Ödipussituation zur Darstellung wählen und die 
Wandlungen, Abänderungen und Milderungen des Stoffes durch 
die Weltliteratur verfolgen. 

Ks lag nahe, von da aus die Analyse des dichterischen und künst- 
lerischen Schaffens überhaupt in Angriff zu nehmen. Man erkannte, 
daß das Reich der Phantasie eine „Schonung" war, die beim 
schmerzlich empfundenen Übergang vom Lust- zum Realitätsprinzip 
eingerichtet wurde, um einen Krsatz für Triebbefriedigung zu ge- 
statten, auf die man im wirklichen Leben hatte verzichten müssen. 
Der Künstler hatte sich wie der Neurotiker von der unbefriedi- 
genden Wirklichkeit in diese Phantasiewelt zurückgezogen, aber 
anders als der Neurotiker verstand er den Rückweg aus ihr zu 
finden und in der Wirklichkeit wieder festen Fuß zu fassen. Seine 
Schöpfungen, die Kunstwerke, waren Phantasiebefriedigungen un- 
bewußter Wünsche, ganz wie die Träume, mit denen sie auch den 
Charakter des Kompromisses gemein hatten, denn auch sie mußten 
den offenen Konflikt mit den Mächten der Verdrängung vermeiden. 
Aber zum Unterschied von den asozialen, narzißtischen Traum- 
produktionen waren sie auf die Anteilnahme anderer Menschen 
berechnet, konnten bei diesen die nämlichen unbewußten Wunsch- 
regungen beleben und befriedigen. Überdies bedienten sie sich der 
Wahrnehmungslust der Formschönheit als „Verlockungsprämie". 



1 



„ Selbstdarstellung \nj 



Was die Psychoanalyse leisten konnte, war, aus der Aufeinander- 
beziehung der Lebenseindrücke, zufälligen Schicksale, und der 
Werke des Künstlers seine Konstitution und die in ihr wirksamen 
Triebregungen, also das allgemein Menschliche an ihm, zu kon- 
struieren. In solcher Absicht habe ich z. B. Leonardo da Vinci 
zum Gegenstand einer Studie genommen, die auf einer einzigen, 
von ihm mitgeteilten Kindheitserinnerung ruht und im wesent- 
lichen auf die Erklärung seines Bildes „Die heilige Anna selbdritt" 
hinzielt. Meine Freunde und Schüler haben dann zahlreiche ähn- 
liche Analysen an Künstlern und ihren Werken unternommen. 
Es ist nicht eingetroffen, daß der Genuß am Kunstwerk durch das 
so gewonnene analytische Verständnis geschädigt wird. Dem Laien, 
der aber hier vielleicht von der Analyse zu viel erwartet, muß ein- 
gestanden werden, daß sie auf zwei Probleme kein Licht wirft, 
die ihn wahrscheinlich am meisten interessieren. Die Analyse kann 
nichts zur Aufklärung der künstlerischen Begabung sagen und auch 
die Aufdeckung der Mittel, mit denen der Künstler arbeitet, der 
künstlerischen Technik, fällt ihr nicht zu. 

An einer kleinen, an sich nicht besonders wertvollen Novelle, 
der „Gradiva" von W. Jensen, konnte ich nachweisen, daß er- 
dichtete Träume dieselben Deutungen zulassen wie reale, daß also 
in der Produktion des Dichters die uns aus der Traumarbeit be- 
kannten Mechanismen des Unbewußten wirksam sind. 

Mein Buch über den „Witz und seine Beziehung zum 
Unbewußten" ist direkt ein Seitensprung von der „Traumdeutung" 
her. Der einzige Freund, der damals an meinen Arbeiten Anteil 
nahm, hatte mir bemerkt, daß meine Traumdeutungen häufig einen 
witzigen" Eindruck machten. Um diesen Eindruck aufzuklären, 
nahm ich die Untersuchung der Witze vor und fand, das Wesen 
des Witzes liege in seinen technischen Mitteln, diese seien aber 
dieselben wie die Arbeitsweisen der „Traumarbeit", also Verdichtung, 
Verschiebung, Darstellung durch das Gegenteil, durch ein Kleinstes 
usw. Daran schloß sich die ökonomische Untersuchung, wie der 

Freud XI. 12 









178 Schriften aus den Jahren 192} — 1926 

hohe Lustgewinn beim Hörer des Witzes zustande komme. Die 
Antwort war: durch momentane Aufhebung von Verdrängungs- 
aufwand nach der Verlockung durch eine dargebotene Lustprämie 
(Vorlust). 

Höher schätze ich selbst meine Beiträge zur Religionspsychologie 
ein, die 1907 mit der Feststellung einer überraschenden Ähnlichkeit 
zwischen Zwangshandlungen und Religionsübungen (Ritus) begannen. 
Ohne noch die tieferen Zusammenhänge zu kennen, bezeichnete 
ich die Zwangsneurose als eine verzerrte Privatreligion, die Religion 
sozusagen als eine universelle Zwangsneurose. Später, 1912, wurde 
der nachdrückliche Hinweis von Jung auf die weilgehenden Ana- 
logien zwischen den geistigen Produktionen der Neurotiker und 
der Primitiven mir zum Anlaß, meine Aufmerksamkeil diesem 
Thema zuzuwenden. In den vier Aufsätzen, welche zu einem Buch 
mit dem Titel „Totem und Tabu" zusammengefaßt wurden, 
führte ich aus, daß bei den Primitiven die Inzestscheu noch stärker 
ausgeprägt ist als bei den Kultivierten und ganz besondere Abwehr- 
maßregeln hervorgerufen hat, untersuchte die Beziehungen der Tabu- 
verbote, in welcher Form die ersten Moraleinschränkungen auftreten, 
zur Gefühlsambivalenz, und deckte im primitiven Weltsystem des 
Animismus das Prinzip der Überschätzung der seelischen Realität, 
der „Allmacht der Gedanken" auf, welches auch der Magie zu- 
grunde liegt. Überall wurde die Vergleichung mit der Zwangsneurose 
durchgeführt und gezeigt, wie viel von den Voraussetzungen des 
primitiven Geisteslebens bei dieser merkwürdigen Affektion noch 
in Kraft ist. Vor allem zog mich aber der Totemismus an, dies 
erste Organisationssystem primitiver Stämme, in dem die Anfänge 
sozialer Ordnung mit einer rudimentären Religion und der un- 
erbittlichen Herrschaft einiger weniger Tabuverbote vereinigt sind. 
Das „verehrte" Wesen ist hier ursprünglich immer ein Tier, von 
dem der Clan auch abzustammen behauptet. Aus verschiedenen An- 
zeichen wird erschlossen, daß alle, auch die höchststehenden Völker, 
einst dieses Stadium des Totemismus durchgemacht haben. 



„Selbstdarstellung" j™ 



Meine literarische Hauptquelle für die Arbeiten auf diesem Gebiete waren 
die bekannten Werke von J. G. Frazer („Totemism and Exogamy", „The 
Golden Bough"), eine Fundgrube wertvoller Tatsachen und Gesichtspunkte. 
Aber zur Aufklärung der Probleme des Totemismus leistete Frazer wenig; 
er hatte seine Ansicht über diesen Gegenstand mehrmals grundstürzend 
verändert und die anderen Ethnologen und Prähistoriker schienen ebenso 
unsicher als uneinig in diesen Dingen. Mein Ausgangspunkt war die auf- 
fällige Übereinstimmung der beiden Tabusatzungen des Totemismus, den 
Totem nicht zu töten und kein Weib des gleichen Totemclans geschlechtlich 
zu gebrauchen, mit den beiden Inhalten des Ödipus-Komplexes, den Vater 
zu beseitigen und die Mutter zum Weibe zu nehmen. Es ergab sich so 
die Versuchung, das Totemtier dem Vater gleichzustellen, wie es die Primi- 
tiven ohnedies ausdrücklich taten, indem sie es als den Ahnherrn des Clans 
verehrten. Von psychoanalytischer Seite kamen mir dann zwei Tatsachen 
zu Hilfe, eine glückliche Beobachtung Ferenczis am Kinde, welche ge- 
stattete, von einer infantilen Wiederkehr des Totemismus zu sprechen, 
und die Analyse der frühen Tierphobien der Kinder, welche so oft zeigte, 
daß dies Tier ein Vaterersatz war, auf welchen die im Ödipus-Komplex 
begründete Furcht vor dem Vater verschoben wurde. Es fehlte nun nicht 
mehr viel, um die Vatertötung als Kern des Totemismus und als Aus- 
gangspunkt der Religionsbildung zu erkennen. 

Dies fehlende Stück kam durch die Kenntnisnahme von W. Robertson 
Smith's Werk „The Religion of the Semites" hinzu — der geniale Mann, 
Physiker und Bibelforscher, hatte als ein wesentliches Stück der Totem- 
religion die sogenannte Totemmahlzeit hingestellt. Einmal im Jahre 
wurde das sonst heilig gehaltene Totemtier feierlich unter Beteiligung aller 
Stammesgenossen getötet, verzehrt und dann betrauert. An diese Trauer 
schloß sich ein großes Fest an. Nahm ich die Darwinsche Vermutung 
hinzu, daß die Menschen ursprünglich in Horden lebten, deren jede unter 
der Herrschaft eines einzigen, starken, gewalttätigen und eifersüchtigen 
Männchens stand, so gestaltete sich mir aus all diesen Komponenten die 
Hypothese, oder ich möchte lieber sagen: die Vision, des folgenden Her- 
gangs : Der Vater der Urhorde hatte als unumschränkter Despot alle Frauen 
für sich in Anspruch genommen, die als Rivalen gefährlichen Söhne ge- 
tötet oder verjagt. Eines Tages aber taten sich diese Söhne zusammen, 
überwältigten, töteten und verzehrten ihn gemeinsam, der ihr Feind, aber 
auch ihr Ideal gewesen war. Nach der Tat waren sie außerstande, sein 
Erbe anzutreten, da einer dem anderen im Wege stand. Unter dem Einfluß 

12" 






I 



i8o Schriften aus den Jahren IJ2} — 1 926 

des Mißerfolges und der Reue lernten sie, sich miteinander zu vertragen, 
banden sich zu einem Brüderclan durch die Satzungen des Totemismus, 
welche die Wiederholung einer solchen Tat ausschließen sollten, und ver- 
zichteten insgesamt auf den Besitz der Frauen, um welche sie den Vater 
getötet hatten. Sie waren nun auf fremde Frauen angewiesen; dies der 
Ursprung der mit dem Totemismus eng verknüpften Exogamie. Die Totem- 
mahlzeit war die Gedächtnisfeier der ungeheuerlichen Tat, von der das 
Schuldbewußtsein der Menschheit (die Erbsünde) herrührte, mit der soziale 
Organisation, Religion und sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren An- 
fang nahmen. 

Ob nun eine solche Möglichkeit als historisch anzunehmen ist 
oder nicht, die Religionsbildung war hiemit auf den Boden des 
Vaterkomplexes gestellt und über der Ambivalenz aufgebaut, welche 
diesen beherrscht. Nachdem der Vaterersatz durch das Totemtier ver- 
lassen war, wurde der gefürchtete und gehaßte, verehrte und be- 
neidete Urvater selbst das Vorbild Gottes. Der Sohnestrotz und seine 
Vatersehnsucht rangen miteinander in immer neuen Kompromiß- 
bildungen, durch welche einerseits die Tat des Vatermordes gesühnt, 
anderseits deren Gewinn behauptet werden sollte. Ein besonders 
helles Licht wirft diese Auffassung der Religion auf die psychologische 
Fundierung des Christentums, in dem ja die Zeremonie der Totem- 
mahlzeit noch wenig entstellt als Kommunion fortlebt. Ich will 
ausdrücklich bemerken, daß diese letztere Agnoszierung nicht von 
mir herrührt, sondern sich bereits bei Robertson Smith und 
Frazer findet. 

Th. Reik und der Ethnologe G. R6heim haben in zahlreichen 
beachtenswerten Arbeiten an die Gedankengänge von „Totem und 
Tabu" angeknüpft, sie fortgeführt, vertieft oder berichtigt. Ich selbst 
bin später noch einige Male auf sie zurückgekommen, bei Unter- 
suchungen über das „unbewußte Schuldgefühl", dem auch unter 
den Motiven des neurotischen Leidens eine so große Bedeutung 
zukommt, und bei Bemühungen, die soziale Psychologie enger an 
die Psychologie des Individuums zu binden („Das Ich und das Es' — 
„Massenpsychologie und Ich -Analyse"). Auch zur Erklärung der 



„Selbstdarstellung" 



löi 



Hypnotisierbarkeit habe ich die archaische Erbschaft aus der Ur- 
hordenzeit der Menschen herangezogen. 

Gering ist mein direkter Anteil an anderen Anwendungen der 
Psychoanalyse, die doch des allgemeinsten Interesses würdig sind. 
Von den Phantasien des einzelnen Neurotikers führt ein breiter 
Weg zu den Phantasieschöpfungen der Massen und Völker, wie sie 
in den Mythen, Sagen und Märchen zutage liegen. Die Mytho- 
logie ist das Arbeitsgebiet von Otto Rank geworden, die Deutung 
der Mythen, ihre Zurückführung auf die bekannten unbewußten 
Kindheitskomplexe, der Ersatz astraler Erklärungen durch mensch- 
liche Motivierung war in vielen Fällen der Erfolg seiner analyti- 
schen Bemühung. Auch das Thema der Symbolik hat zahlreiche 
Bearbeiter in meinen Kreisen gefunden. Die Symbolik hat der Psycho- 
analyse viel Feindschaften eingetragen ; manche allzu nüchterne 
Forscher haben ihr die Anerkennung der Symbolik, wie sie sich 
aus der Deutung der Träume ergab, niemals verzeihen können. 
Aber die Analyse ist an der Entdeckung der Symbolik unschuldig, 
sie war auf anderen Gebieten längst bekannt und spielt dort (Folklore, 
Sage, Mythus) selbst eine größere Rolle als in der „Sprache des 
Traumes". 

Zur Anwendung der Analyse auf die Pädagogik habe ich per- 
sönlich nichts beigetragen ; aber es war natürlich, daß die analyti- 
schen Ermittlungen über das Sexualleben und die seelische Ent- 
wicklung der Kinder die Aufmerksamkeit der Erzieher auf sich 
zogen und sie ihre Aufgaben in einem neuen Lichte sehen ließen. 
Als unermüdlicher Vorkämpfer dieser Richtung in der Pädagogik 
hat sich der protestantische Pfarrer O. Pfister in Zürich hervor- 
getan, der die Pflege der Analyse auch mit dem Festhalten an 
einer allerdings sublimierten Religiosität vereinbar fand; neben ihm 
Frau Dr. Hug-Hellmuth und Dr. S. Bernfeld in Wien sowie 
viele andere. Aus der Verwendung der Analyse zur vorbeugenden 
Erziehung des gesunden und zur Korrektur des noch nicht neuroti- 
schen, aber in seiner Entwicklung entgleisten Kindes hat sich eine 



l82 



Schriften aus den Jahren 192) — 1926 



praktisch wichtige Folge ergeben. Es ist nicht mehr möglich, die 
Ausübung der Psychoanalyse den Ärzten vorzubehalten und die 
Laien von ihr auszuschließen. In der Tat ist der Arzt, der nicht 
eine besondere Ausbildung erfahren hat, trotz seines Diploms ein 
Laie in der Analyse und der Nichtarzt kann bei entsprechender 
Vorbereitung und gelegentlicher Anlehnung an einen Arzt, auch 
die Aufgabe der analytischen Behandlung von Neurosen erfüllen. 

Durch eine jener Entwicklungen, gegen deren Erfolg man sich 
vergebens sträuben würde, ist das Wort. Psychoanalyse selbst mehr- 
deutig geworden. Ursprünglich die Bezeichnung eines bestimmten 
therapeutischen Verfahrens, ist es jetzt auch der Name einer Wissen- 
schaft geworden, der vom Unbewußt-Seelischen. Diese Wissenschaft 
kann nur selten für sich allein ein Problem voll erledigen 5 aber 
sie scheint berufen, zu den verschiedensten Wissensgebieten wichtige 
Beiträge zu liefern. Das Anwendungsgebiet der Psychoanalyse reicht 
ebensoweit wie das der Psychologie, zu der sie eine Ergänzung von 
mächtiger Tragweite hinzufügt. 

So kann ich denn, rückschauend auf das Stückwerk meiner Lebens- 
arbeit, sagen, daß ich vielerlei Anfänge gemacht und manche An- 
regungen ausgeteilt habe, woraus dann in der Zukunft etwas werden 
soll. Ich kann selbst nicht wissen, ob es viel sein wird oder wenig. 






■1 



KURZER ABRISS DER PSYCHOANALYSE 

Erschien englisch (in der Übersetzung von 
A. A. Brill) als Kapitel LXXIII des zweiten 
Bandes des im Verlage der Encyclopaedia 
Britannica in London und New York 1924 
veröffentlichten Sammelwerkes „These eventful 
years. The twentieth Century in the making 
as told by inany of its makers". — Deutsch 
bisher noch nicht gedruckt. 



Die Psychoanatyse ist sozusagen mit dem zwanzigsten Jahrhundert geboren ; 
die Veröffentlichung, mit welcher sie als etwas Neues vor die Welt tritt, 
meine „Traumdeutung", trägt die Jahreszahl 1900. Aber sie ist, wie selbst- 
verständlich, nicht aus dem Stein gesprungen oder vom Himmel gefallen, 
sie knüpft an Älteres an, das sie fortsetzt, sie geht aus Anregungen hervor, 
die sie verarbeitet. So muß ihre Geschichte mit der Schilderung der Ein- 
flüsse beginnen, die für ihre Entstehung maßgebend waren, und darf auch 
der Zeiten und der Zustände vor ihrer Schöpfung nicht vergessen. 

Die Psychoanalyse ist auf einem engbegrenzten Boden erwachsen. Sie 
kannte ursprünglich nur das eine Ziel, etwas von der Natur der sogenannt 
funktionellen" Nervenkrankheiten zu verstehen, um die bisherige ärztliche 
Ohnmacht in der Behandlung derselben zu überwinden. Die Neurologen 
dieser Zeit waren in der Hochschätzung chemisch-physikalischer und patho- 
logisch-anatomischer Tatsachen erzogen worden, sie standen zuletzt unter 
dem Eindruck der Funde von Hitzig und Fritsch, Ferrier, Goltz u. a., 
welche eine innige, vielleicht eine ausschließliche Bindung gewisser Funktionen 
an bestimmte Teile des Gehirns zu erweisen scheinen. Mit dem psychischen 
Moment wußten sie nichts anzufangen, sie konnten es nicht erfassen, über- 






184 Schriften aus den Jahren 192} — 1926 

ließen es den Philosophen, Mystikern und — Kurpfuschern und hielten es 
auch für unwissenschaftlich sich mit ihm abzugeben; dementsprechend er- 
öffnete sich auch kein Zugang zu den Geheimnissen der Neurosen, vor allem 
der rätselhaften „Hysterie", die ja das Vorbild der ganzen Gattung war. 
Noch als ich 1885 an der Salpetrifcre hospitierte, erfuhr ich, daß man sich 
für die hysterischen Lähmungen mit der Formel begnügte, sie seien in 
leichten funktionellen Störungen derselben Hirnpartien begründet, deren 
schwere Schädigung die entsprechende organische Lähmung hervorrufe. 

Unter dem Mangel an Verständnis litt natürlich auch die Therapie dieser 
Krankheitszustände. Sie bestand in allgemein „roborierenden" Maßnahmen, 
in der Verabreichung von Arzneimitteln und in meist sehr unzweckmäßigen, 
unfreundlich ausgeführten Versuchen zur seelischen Beeinflussung wie Ein- 
schüchterungen, Verspottungen, Mahnungen, seinen Willen aufzubieten, sich 
„zusammenzunehmen". Als spezifische Therapie der nervösen Zustände wurde 
die elektrische Behandlung ausgegeben, aber wer diese je nach den detail- 
lierten Vorschriften von W. Erb auszuüben unternahm, durfte sich ver- 
wundern, welchen Baum die Phantasie auch in der angeblich exakten 
Wissenschaft behaupten konnte. Die entscheidende Wendung trat ein, als 
in den achtziger Jahren die Phänomene des Hypnotismus wieder einmal 
um Einlaß in die medizinische Wissenschaft warben, diesmal dank der Arbeit 
von Li<5bault, Bernheim, Heidenhain, Forel mit besserem Erfolg als 
schon so oft vorher. Es kam vor allem darauf an, daß man die Echtheit 
dieser Erscheinungen anerkannte. War dies zugestanden, so mußte man aus 
dem Hypnotismus zwei grundlegende und unvergeßliche Lehren ziehen. 
Erstens überzeugte man sich, daß auffällige körperliche Veränderungen doch 
nur der Erfolg von seelischen Einflüssen waren, die man in diesem Falle 
selbst in Tätigkeit gerufen hatte; zweitens bekam man besonders aus dem 
Verhalten der Versuchspersonen nach der Hypnose den deutlichsten Eindruck 
von der Existenz solcher seelischer Vorgänge, die man nur „unbewußte" nennen 
konnte. Das „Unbewußte" stand zwar schon seit langem als theoretischer Begriff 
bei den Philosophen zur Diskussion, aber hier in den Erscheinungen des 
Hypnotismus wurde es zuerst leibhaft, handgreiflich und Gegenstand des 
Experiments. Es kam hinzu, daß die hypnotischen Phänomene eine unver- 
kennbare Ähnlichkeit mit den Äußerungen mancher Neurosen zeigten. 

Man kann die Bedeutung des Hypnotismus für die Entstehungsgeschichte 
der Psychoanalyse nicht leicht überschätzen. In theoretischer wie therapeuti- 
scher Hinsicht verwaltet die Psychoanalyse ein Erbe, das sie vom Hypno- 
tismus übernommen hat. 



1 



Kurzer Abriß der Psychoanalyse 185 

Die Hypnose erwies sich auch als ein wertvolles Hilfsmittel zum Studium 
der Neurosen, wiederum in erster Linie der Hysterie. Einen großen Ein- 
druck machten die Versuche von Charcot, der vermutet hatte, daß gewisse 
Lähmungen, die nach Trauma (Unfall) aufgetreten waren, hysterischer 
Natur seien, und nun durch die Suggestion eines Traumas in der Hypnose 
Lähmungen von den nämlichen Charakteren künstlich hervorrufen konnte. 
Es verblieb seitdem die Erwartung, daß traumatische Einflüsse ganz all- 
gemein an der Entstehung der hysterischen Symptome beteiligt sein konnten. 
Charcot selbst bemühte sich weiter nicht um ein psychologisches Ver- 
ständnis der hysterischen Neurose, aber sein Schüler P. Janet nahm diese 
Studien auf und konnte mit Hilfe der Hypnose zeigen, daß die Krankheits- 
äußerungen der Hysterie in fester Abhängigkeit von gewissen unbewußten 
Gedanken (idees fixes) stehen. Janet charakterisierte die Hysterie durch eine 
von ihm angenommene konstitutionelle Unfähigkeit, die seelischen Vorgänge 
zusammenzuhalten, aus der ein Zerfall (Dissoziation) des Seelenlebens her- 
vorgehe. 

Die Psychoanalyse knüpfte aber keineswegs an diese Forschungen Jan et s 
an. Für sie wurde die Erfahrung eines Wiener Arztes, Dr. Josef Breuer, 
maßgebend, der unabhängig von fremdem Einfluß um das Jahr 1881 ein 
hysterisch erkranktes Mädchen von hoher Begabung mit Hilfe der Hypnose 
studieren und herstellen konnte. Breuers Ergebnisse sind der Öffentlichkeit 
erst fünftehn Jahre später mitgeteilt worden, nachdem er den Beferenten 
(Freud) zum Mitarbeiter angenommen hatte. Der von ihm behandelte Fall 
hat seine einzigartige Bedeutung für unser Verständnis der Neurosen bis 
auf den heutigen Tag behalten, so daß es unvermeidlich ist, länger bei 
ihm zu verweilen. Es ist notwendig, klar zu erfassen, worin die Eigen- 
tümlichkeit des Breuerschen Falles bestand. Das Mädchen war an der 
Pflege ihres zärtlich geliebten Vaters erkrankt. Breuer konnte nun nach- 
weisen, daß alle ihre Symptome sich auf diese Krankenpflege bezogen und durch 
sie ihre Aufklärung fanden. Es war also zum erstenmal ein Fall der rätsel- 
haften Neurose restlos durchschaut worden und alle Krankheitserscheinungen 
hatten sich als sinnvoll herausgestellt. Ferner war es ein allgemeiner Charakter 
der Symptome, daß sie in Situationen entstanden waren, welche einen 
Impuls zu einer Handlung enthielten, der aber dann nicht ausgeführt, sondern 
infolge anderer Motive unterdrückt worden war. An Stelle dieser unter- 
bliebenen Aktionen waren eben die Symptome aufgetreten. Somit wurde 
man für die Ätiologie der hysterischen Symptome auf das Gefühlsleben 
(die Affektivität) und auf das Spiel der seelischen Kräfte (den Dyna- 



i86 Schriften aus den Jahren I<?2) — 1926 



mismus) verwiesen, und diese beiden Gesichtspunkte sind seither niemals 
wieder fallen gelassen worden. 

Die Anlässe für die Entstehung der Symptome wurden von Breuer den 
Charcotschen Traumen gleichgestellt. Es war nun bemerkenswert, daß 
diese traumatischen Anlässe und alle seelischen Kegungen, die sich an sie 
knüpften, für die Erinnerung der Kranken verloren waren, als ob sie nie 
vorgefallen wären, während deren Wirkungen, eben die Symptome, unver- 
änderlich fortbestanden, als ob es für sie keine Abnützung durch die Zeit 
gäbe. Man hatte also hier einen neuen Beweis für die Existenz unbewußter, 
aber gerade darum besonders mächtiger, seelischer Vorgänge gefunden, wie 
man sie zuerst an den posthypnotischen Suggestionen kennengelernt hatte. 
Die Therapie, die Breuer übte, bestand darin, daß er die Kranke in der 
Hypnose veranlaßte, die vergessenen Traumen zu erinnern und mit kraft- 
vollen Affektäußerungen auf sie zu reagieren. Dann verschwand das Symptom, 
das bisher an Stelle einer solchen Gefühlsäußerung gestanden war. Dasselbe 
Verfahren diente also gleichzeitig der Erforschung und der Beseitigung des 
Leidens und auch diese ungewöhnliche Vereinigung wurde von der späteren 
Psychoanalyse festgehalten. 

Nachdem Referent in den ersten neunziger Jahren die Breuerschen Er- 
gebnisse an einer größeren Anzahl von Kranken bestätigt hatte, entschlossen 
sich die beiden, Breuer und Freud, zu einer Publikation, welche ihre 
Erfahrungen und den Versuch einer auf sie gegründeten Theorie enthielt 
(Studien über Hysterie, 1895). Diese sagte aus, das hysterische Symptom 
entstehe, wenn der Affekt eines stark affektiv besetzten seelischen Vorgangs 
von der normalen bewußten Verarbeitung abgedrängt und somit auf eine 
falsche Bahn gewiesen werde. Er gehe dann im Falle der Hysterie in unge- 
wöhnliche Körperinnervation über (Konversion), könne aber durch Auf- 
frischung des Erlebnisses in der Hypnose anders gelenkt und erledigt werden 
(Abreagieren). Die Autoren nannten ihr Verfahren Katharsis (Reinigung, 
Befreiung vom eingeklemmten Affekt). 

Die kathartische Methode ist der unmittelbare Vorläufer der Psychoanalyse 
und trotz aller Erweiterungen der Erfahrung und aller Modifikationen der 
Theorie immer noch als Kern in ihr enthalten. Aber sie war nichts anderes 
als ein neuer Weg zur ärztlichen Beeinflussung gewisser nervöser Erkran- 
kungen, und nichts ließ ahnen, daß sie Gegenstand des allgemeinsten Inter- 
esses und des heftigsten Widerspruches werden könnte. 






Kurzer Abriß der Psychoanalyse 187 



II 

Bald nach der Veröffentlichung der „Studien über Hysterie" brach die 
Arbeitsgemeinschaft von Breuer und Freud zusammen. Breuer, der eigent- 
lich Internist war, gab die Behandlung von Nervenkranken auf, Freud 
bemühte sich, das ihm von dem älteren Kollegen überlassene Instrument 
weiter zu vervollkommnen; die technischen Neuerungen, die er einführte, 
und die Funde, die er machte, wandelten das kathartische Verfahren in die 
Psychoanalyse um. Der folgenschwerste Schritt war wohl der, daß er 
sich entschloß, auf das technische Hilfsmittel der Hypnose zu verzichten. 
Er tat es aus zwei Motiven, erstens, weil es ihm, trotz eines Unterrichts- 
kurses bei Bernheim in Nancy, nicht gelang, eine genügend große Anzahl 
der Patienten in Hypnose zu versetzen, und zweitens, weil er mit den thera- 
peutischen Erfolgen der auf Hypnose gegründeten Katharsis unzufrieden war. 
Diese Erfolge waren zwar sehr auffällig und traten nach kurzer Behandlungs- 
dauer auf, erwiesen sich aber als nicht haltbar und als allzusehr abhängig 
vom persönlichen Verhältnis des Patienten zum Arzte. Das Aufgeben der 
Hypnose bedeutete einen Bruch mit der bisherigen Entwicklung des Ver- 
fahrens und einen neuen Anfang. 

Die Hypnose hatte aber den Dienst geleistet, das vom Kranken Vergessene 
seiner bewußten Erinnerung zuzuführen. Sie mußte durch eine andere Technik 
ersetzt werden. Freud verfiel damals darauf, an ihre Stelle die Methode 
der freien Assoziation zu setzen, d. h. er verpflichtete die Kranken dazu, 
auf alles bewußte Nachdenken zu verzichten und sich in ruhiger Konzentration 
der Verfolgung ihrer spontanen (ungewollten) Einfälle hinzugeben („die Ober- 
fläche ihres Bewußtseins abzutasten"). Diese Einfälle sollten sie dem Arzt 
mitteilen, auch wenn sie Einwendungen dagegen verspürten, wie z. B. der 
Gedanke sei zu unangenehm, zu unsinnig oder zu unwichtig oder er gehöre 
nicht hieher. Die Wahl der freien Assoziation als Hilfsmittel zur Erforschung 
des vergessenen Unbewußten erscheint so befremdend, daß ein Wort zu 
ihrer Bechtfertigung nicht überflüssig wird. Freud wurde dabei von der 
Erwartung geleitet, daß sich die sogenannte freie Assoziation in Wirklichkeit 
als unfrei erweisen werde, indem nach der Unterdrückung aller bewußten 
Denkabsichten eine Determinierung der Einfälle durch das unbewußte Material 
zum Vorschein käme. Diese Erwartung ist durch die Erfahrung gerechtfertigt 
worden. Durch die Verfolgung der freien Assoziation unter Einhaltung der 
oben gegebenen „analytischen Grundregel" erhielt man ein reiches Material 






188 Schriften aus den Jahren IJ2J — 1926 

von Einfällen, welches auf die Spur des vom Kranken Vergessenen führen 
konnte. Dies Material brachte zwar nicht das Vergessene selbst, aber so 
deutliche und reichliche Andeutungen desselben, daß der Arzt mit gewissen 
Ergänzungen und Deutungen das Vergessene daraus erraten (rekonstruieren) 
konnte. Freie Assoziation und Deutungskunst leisteten also nun das Gleiche 
wie früher die Versetzung in Hypnose. 

Anscheinend hatte man sich die Arbeit sehr erschwert und kompliziert; 
der unschätzbare Gewinn war aber, daß man Einblick in ein Kräftespiel 
gewann, welches dem Beobachter durch den hypnotischen Zustand verhüllt 
worden war. Man erkannte, daß sich die Arbeit zur Aufdeckung des patho- 
genen Vergessenen gegen einen beständigen und sehr intensiven Widerstand 
zu wehren hatte. Schon die kritischen Einwendungen, mit denen der Patient 
die in ihm auftauchenden Einfälle von der Mitteilung hatte ausschließen 
wollen und gegen welche die analytische Grundregel gerichtet war, waren 
Äußerungen dieses Widerstandes gewesen. Aus der Würdigung der Wider- 
standsphänomene ergab sich einer der Grundpfeiler der psychoanalytischen 
Neurosenlehre, die Theorie der Verdrängung. Es lag nahe anzunehmen, 
daß dieselben Kräfte, die sich gegenwärtig gegen die Bewußtmachung des 
pathogenen Materials sträubten, dasselbe Bestreben auch seinerzeit mit Erfolg 
geäußert hatten. Nun war eine Lücke in der Ätiologie der neurotischen 
Symptome ausgefüllt. Die Eindrücke und seelischen Regungen, für welche 
jetzt die Symptome als Ersatz standen, waren nicht grundlos oder infolge 
einer konstitutionellen Unfähigkeit zur Synthese, wie Jan et meinte, ver- 
gessen worden, sondern sie hatten durch den Einfluß anderer seelischer 
Kräfte eine Verdrängung erfahren, deren Erfolg und Zeichen eben ihre Ab- 
haltung vom Bewußtsein und ihr Ausschluß aus der Erinnerung war. Erst 
infolge dieser Verdrängung waren sie pathogen geworden, d. h. sie hatten 
sich auf ungewöhnlichem Wegen einen Ausdruck als Symptome geschafft. 

Als Motiv der Verdrängung und somit als Ursache jeder neurotischen 
Erkrankung mußte man den Konflikt zwischen zwei Gruppen von seelischen 
Strebungen ansehen. Und nun lehrte die Erfahrung eine ganz neue und 
überraschende Tatsache über die Natur der miteinander ringenden Kräfte 
kennen. Die Verdrängung ging regelmäßig von der bewußten Persönlichkeit 
(dem Ich) des Erkrankten aus und berief sich auf ethische und ästhetische 
Motive; von der Verdrängung betroffen wurden Regungen von Selbstsucht 
und Grausamkeit, die man allgemein als böse zusammenfassen kann, vor 
allem aber sexuelle Wunschregungen, oft von der grellsten und verbotensten 
Art. Die Krankheitssymptome waren also ein Ersatz für verbotene Befriedi- 









Kurzer Abriß der Psychoanalyse 189 

gungen und die Krankheit schien einer unvollkommenen Bändigung des 
Unmoralischen im Menschen zu entsprechen. 

Der Fortschritt der Erkenntnis machte es immer deutlicher, welch un- 
geheuer große Rolle die sexuellen Wunschregungen im Seelenleben spielen, 
und gab die Veranlassung, die Natur und Entwicklung des Sexualtriebes 
eingehend zu studieren. (Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1905.) 
Man stieß aber auch auf ein anderes, rein empirisches Ergebnis, indem man 
entdeckte, daß die Erlebnisse und Konflikte der ersten Kinderjahre eine 
ungeahnt wichtige Rolle in der Entwicklung des Individuums spielen und 
unverwischbare Dispositionen für die Zeit der Reife zurücklassen. So kam 
man dazu, etwas aufzudecken, was bisher von der Wissenschaft grundsätzlich 
übersehen worden war, die infantile Sexualität, die sich vom zartesten 
Alter an in körperlichen Reaktionen wie in seelischen Einstellungen äußert. 
Um diese kindliche Sexualität mit der sogenannten normalen der Erwachsenen 
und dem abnormen Sexualleben der Perversen zusammenzubringen, mußte 
der Begriff des Sexuellen selbst eine Berücksichtigung und Erweiterung 
erfahren, die sich durch die Entwicklungsgeschichte des Sexualtriebs recht- 
fertigen ließ. 

Seit dem Ersatz der Hypnose durch die Technik der freien Assoziation 
war das kathartische Verfahren Breuers zur Psychoanalyse geworden, die 
nun durch länger als ein Jahrzehnt von dem Referenten (Freud) allein 
entwickelt wurde. Die Psychoanalyse kam in dieser Zeit allmählich in den 
Besitz einer Theorie, welche über die Entstehung, den Sinn und die Absicht 
der neurotischen Symptome zureichende Auskunft zu geben schien und eine 
rationelle Grundlage für die ärztlichen Bemühungen zur Aufhebung des 
Leidens lieferte. Ich will die Momente, welche den Inhalt dieser Theorie 
ausmachen, nochmals zusammenstellen. Es sind: die Betonung des Trieb- 
lebens (Affektivität), der seelischen Dynamik, der durchgehenden Sinn- 
haftigkeit und Determinierung auch der anscheinend dunkelsten und will- 
kürlichsten seelischen Phänomene, die Lehre vom psychischen Konflikt und 
von der pathogenen Natur der Verdrängung, die Auffassung der Krankheits- 
symptome als Ersatzbefriedigungen, die Erkenntnis von der ätiologischen Be- 
deutung des Sexuallebens, insbesondere der Ansätze zur kindlichen Sexualität^ 
In philosophischer Hinsicht mußte diese Theorie den Standpunkt einnehmen, 
daß das Seelische nicht mit dem Bewußten zusammenfalle, daß die seeli- 
schen Vorgänge an sich unbewußt seien und nur durch die Leistung be- 
sonderer Organe (Instanzen, Systeme) bewußt gemacht würden. Ich füge 
als ergänzend zu dieser Aufzählung hinzu, daß sich unter den affektiven 



igo 



Schriften aus den Jahren 1^2} — 1926 



Einstellungen der Kindheit die komplizierte Gefühlsbeziehung zu den Eltern, 
der sogenannte Ödipus- Komplex, hervorhob, in welchem man immer 
deutlicher den Kern eines jeden Falles von Neurose erkannte, und daß im 
Benehmen des Analysierten gegen den Arzt gewisse Erscheinungen der 
Gefühls Übertragung auffielen, welche eine für die Theorie wie für die 
Technik gleich große Bedeutung gewannen. 

Die psychoanalytische Theorie der Neurosen enthielt in dieser Ausgestal- 
tung schon manches, was herrschenden Meinungen und Neigungen zuwider- 
lief und bei Fernstehenden Befremden, Abneigung und Unglauben hervor- 
rufen konnte. So die Stellungnahme zum Problem des Unbewußten, die 
Anerkennung einer kindlichen Sexualität und die Betonung des sexuellen 
Moments im Seelenleben überhaupt, aber es sollte noch anderes hinzu- 
kommen. 






III 

Um halbwegs zu verstehen, wie sich bei einem hysterischen Mädchen 
ein verbotener sexueller Wunsch in ein schmerzhaftes Symptom umsetzen 
kann, hatte man tiefgehende und verwickelte Annahmen über Struktur und 
Leistung des seelischen Apparats machen müssen. Das war ein offenbarer 
Widerspruch zwischen Aufwand und Erfolg. Wenn die von der Psycho- 
analyse behaupteten Verhältnisse wirklich bestanden, so waren sie funda- 
mentaler Natur und mußten sich auch in anderen Phänomenen als den 
hysterischen äußern können. Traf diese Folgerung aber zu, so hätte die 
Psychoanalyse aufgehört nur für Neurologen interessant zu sein; sie durfte 
dann Anspruch auf die Aufmerksamkeit aller erheben, denen psychologische 
Forschung etwas bedeutete. Ihre Ergebnisse kamen dann nicht nur für das 
Gebiet des pathologischen Seelenlebens in Betracht, sondern durften auch 
für das Verständnis der normalen Funktion nicht vernachlässigt werden. 

Der Nachweis ihrer Brauchbarkeit zur Aufklärung anderer als krank- 
hafter Seelentätigkeit gelang der Psychoanalyse frühzeitig an zweierlei 
Phänomenen, bei den so häufigen alltäglichen Fehlleistungen, Vergessen, 
Versprechen, Verlegen usw., und bei den Träumen gesunder und psychisch 
normaler Menschen. Die kleinen Fehlleistungen, wie das zeitweilige Ver- 
gessen von sonst bekannten Eigennamen, das Versprechen, Verschreiben 
und ähnliches waren bisher einer Erklärung überhaupt nicht gewürdigt 
worden oder sollten in Zuständen von Ermüdung, Ablenkung der Auf- 
merksamkeit u. dgl. ihre Aufklärung finden. Beferent wies nun in seiner 
„Psychopathologie des Alltagslebens" (1901 und 1904) an zahlreichen Bei- 



Kurzer Abriß der Psychoanalyse 191 

spielen nach, daß solche Vorkommnisse sinnreich sind und durch die 
Störung einer bewußten Intention durch eine andere, unterdrückte, oft 
direkt unbewußte, entstehen. Meist reicht eine rasche Besinnung oder eine 
kurze Analyse hin, um den störenden Einfluß aufzufinden. Bei der Häufig- 
keit solcher Fehlleistungen wie das Versprechen wird es jedermann leicht 
gemacht, sich an der eigenen Person die Überzeugung von der Existenz 
nicht bewußter seelischer Vorgänge zu holen, die doch wirksam sind und 
sich wenigstens als Hemmungen und Modifikationen anderer, beabsichtigter, 
Akte Ausdruck verschaffen. 

Weiter führte die Analyse der Träume, die Referent schon 1900 in der 
„Traumdeutung" der Öffentlichkeit vorlegte. Es ergab sich aus ihr, daß 
der Traum nicht anders gebaut ist als ein neurotisches Symptom. Er mag 
wie ein solches fremdartig und sinnlos erscheinen; wenn man ihn mittels 
einer Technik untersucht, die sich von der in der Psychoanalyse verwendeten 
freien Assoziation wenig unterscheidet, gelangt man von seinem manifesten 
Inhalt zu einem geheimen Sinn des Traumes, zu den latenten Traum- 
gedanken. Dieser latente Sinn ist allemal eine Wunschregung, die als in 
der Gegenwart erfüllt dargestellt wird. Aber außer bei kleinen Kindern 
oder unter dem Druck imperativer Körperbedürfnisse kann dieser geheime 
Wunsch niemals kenntlich ausgesprochen werden. Er muß sich erst eine 
Entstellung gefallen lassen, welche das Werk einschränkender, zensurieren- 
der Kräfte im Ich des Träumers ist. So entsteht der manifeste Traum, wie er 
im Wachen erinnert wird, bis zur Unkenntlichkeit entstellt durch die Kon- 
zessionen an die Traumzensur, durch die Analyse aber noch als Ausdruck 
einer Befriedigungssituation oder Wunscherfüllung zu entlarven, ein Kom- 
promiß zwischen zwei miteinander ringenden Gruppen seelischer Strebungen, 
ganz so, wie wir es für das hysterische Symptom gefunden haben. Die 
Formel, der Traum ist eine (verkappte) Erfüllung eines (verdrängten) 
Wunsches, trifft im Grunde das Wesen des Traumes am besten. Durch das 
Studium jenes Prozesses, der den latenten Traumwunsch in den manifesten 
Trauminhalt umwandelt (die Traumarbeit), haben wir das beste, was wir 
vom unbewußten Seelenleben wissen, erfahren. 

Nun ist der Traum kein krankhaftes Symptom, sondern eine Leistung 
des normalen Seelenlebens. Die Wünsche, die er als erfüllt darstellt, sind 
die nämlichen, die in der Neurose der Verdrängung verfallen. Der Traum 
verdankt die Möglichkeit seiner Entstehung bloß dem günstigen Umstand, 
daß sich während des Schlafzustandes, der die Motilität des Menschen lähmt, 
die Verdrängung zur Traumzensur ermäßigt. Doch wenn die Traumbildung 



192 Schriften aus den Jahren l<)2} — 1<)2(> 

gewisse Grenzen überschreitet, macht ihm der Träumer ein Ende und wacht 
erschreckt auf. Es ist also erwiesen, daß im normalen Seelenleben dieselben 
Kräfte und dieselben Vorgänge zwischen ihnen bestehen wie im krank- 
haften. Von der Traumdeutung an hatte die Psychoanalyse eine zweifache 
Bedeutung, sie war nicht nur eine neue Therapie der Neurosen, sondern 
auch eine neue Psychologie; sie erhob den Anspruch, nicht nur von Nerven- 
ärzten, sondern von allen, die eine Geisteswissenschaft betrieben, beachtet 

zu werden. 

Der Empfang aber, der ihr in der wissenschaftlichen Welt bereitet wurde, 
war kein freundlicher. Etwa ein Jahrzehnt lang kümmerte sich niemand um 
die Arbeiten Freuds. Etwa um das Jahr 1907 wurde durch eine Gruppe 
von Schweizer Psychiatern (Bleuler und Jung in Zürich) die Aufmerksam- 
keit auf die Psychoanalyse gelenkt und nun brach, besonders in Deutschland, 
ein Sturm der Entrüstung los, der in seinen Mitteln und Argumenten wahr- 
lich nicht wählerisch war. Die Psychoanalyse teilte dabei das Schicksal von 
so vielen Neuheiten, die dann nach Ablauf einer gewissen Zeit allgemeine 
Anerkennung gefunden haben. Allerdings lag es in ihrem Wesen, daß sie 
besonders heftigen Widerspruch erwecken mußte. Sie verletzte die Vorurteile 
der Kulturmenschheit an einigen besonders empfindlichen Stellen, unterwarf 
gewissermaßen alle Menschen der analytischen Reaktion, indem sie das auf- 
deckte, was durch allgemeines Übereinkommen ins Unbewußte verdrängt 
worden war, und zwang so die Zeitgenossen, sich wie die Kranken zu be- 
nehmen, die in der analytischen Behandlung vor allem ihre Widerstände 
zum Vorschein bringen. Es muß auch zugestanden werden, daß es nicht 
leicht war, sich von der Richtigkeit der psychoanalytischen Lehren zu über- 
zeugen oder Unterricht in der Ausübung der Analyse zu bekommen. 

Die allgemeine Feindseligkeit konnte indes nicht verhindern, daß sich 
die Psychoanalyse im Laufe des nächsten Jahrzehnts ständig nach zwei 
Richtungen ausdehnte; auf der Landkarte, indem das Interesse für sie in 
immer neuen Ländern auftauchte, und auf dem Felde der Geisteswissen- 
schaften, indem sie auf immer neue Disziplinen Anwendung fand. 1909 lud 
Präsident G. Stanley Hall Freud und Jung ein, an der von ihm ge- 
leiteten Clark University in Worcester, Mass., Vorlesungen über Psycho- 
analyse zu halten, denen auch eine freundliche Aufnahme zuteil wurde. 
Die Psychoanalyse ist seither in Amerika populär geblieben, wenngleich 
gerade in diesem Lande viel Seichtigkeit und mancher Mißbrauch sich mit 
ihrem Namen deckt. Schon 1911 konnte Havelock Ellis konstatieren, 
daß die Analyse nicht nur in Österreich und der Schweiz, sondern eben- 



Kurzer Abriß der Psychoanalyse 105 

sowohl in den Vereinigten Staaten, in England, Indien, Kanada und gewiß 
auch in Australien gepflegt und betrieben werde. 

In dieser Zeit des Kampfes und der ersten Blüte entstanden auch die 
literarischen Organe, die ausschließlich der Psychoanalyse dienten. Es waren 
das „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen", 
herausgegeben von Bleuler und Freud, redigiert von Jung (1909 — 1914), 
das mit dem Ausbruch des Weltkrieges eingestellt wurde, das „Zentral- 
blatt für Psychoanalyse" (1911), redigiert von Adler und Stekel, das 
alsbald von der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" (1913, 
heute im zehnten Jahrgang) abgelöst wurde; ferner seit 1912 die von Rank 
und Sachs begründete „Imago", eine Zeitschrift für die Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Das große Interesse der anglo- 
amerikanischen Ärzte äußerte sich 1913 in der Gründung der noch jetzt 
bestehenden „Psychoanaly tic Review" durch White und Jelliffe. 
Später, 1920, trat das speziell für England bestimmte, von Ernest Jones 
redigierte „International Journal of Psycho-Analysis" ins Leben. Der Inter- 
nationale Psychoanalytische Verlag und das ihm entsprechende englische 
Unternehmen (I. PsA. Press) bringen unter dem Namen einer Internationalen 
Psychoanalytischen Bibliothek (Int. PsA. Library) eine fortlaufende Reihe 
analytischer Publikationen. Natürlich ist die Literatur der Psychoanalyse 
nicht ausschließlich in diesen periodischen Veröffentlichungen zu finden, 
die 7 .umeist von psychoanalytischen Vereinigungen unterhalten werden, 
sondern an einer Unzahl von Stellen zerstreut, in wissenschaftlichen wie 
in literarischen Produktionen. Unter den Zeitschriften der romanischen 
Welt, die der Psychoanalyse besondere Aufmerksamkeit schenken, ist die 
von H. Delgado in Lima (Peru) geleitete „Rivista de Psiquiatria" 
hervorzuheben. 

Ein wesentlicher Unterschied dieses zweiten Jahrzehnts der Psychoanalyse 
vom ersten lag darin, daß Referent nicht mehr ihr einziger Vertreter war. 
Ein stetig wachsender Kreis von Schülern und Anhängern hatte sich um 
ihn gesammelt, deren Arbeit zuerst für die Ausbreitung der psychoanaly- 
tischen Lehren sorgte und dieselben dann fortführte, ergänzte und vertiefte. 
Von diesen Anhängern fielen im Laufe der Jahre, wie unvermeidlich, mehrere 
ab, gingen ihre eigenen Wege oder wandten sich zu einer Opposition, welche 
die Kontinuität in der Entwicklung der Psychoanalyse zu bedrohen schien. 
Zwischen 1911 und 1913 waren es C. G. Jung in Zürich und Alfred 
Adler in Wien, die durch ihre Umdeutungsversuche an den analytischen 
Tatsachen und ihre Bestrebungen zur Ablenkung von den Gesichtspunkten 

Freud XI. 



194 



Schriften aus den Jahren IJ2) — 1926 



der Analyse eine gewisse Erschütterung hervorriefen, aber es zeigte sich 
bald, daß diese Sezessionen keinen nachhaltigen Schaden gestiftet haben. 
Was ihnen an zeitweiligem Erfolg zugefallen war, erklärte sich leicht aus 
der Bereitwilligkeit der Menge, sich vom Druck der psychoanalytischen An- 
forderungen befreien zu lassen, welchen Weg immer man ihnen dazu er- 
öffnete. Die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter hielt aus und setzte 
die Arbeit längs der ihnen angezeigten Richtlinien fort. Wir werden ihren 
Namen in der nun folgenden, sehr verkürzten Darstellung der Ergebnisse 
der Psychoanalyse auf den mannigfachen Gebieten ihrer Anwendung wieder- 
holt begegnen. 

IV 

Die geräuschvolle Ablehnung, welche der Psychoanalyse von Seiten der 
ärztlichen Welt widerfuhr, hat ihre Anhänger nicht abhalten können, sie 
zunächst in ihrer ursprünglichen Absicht zu einer speziellen Pathologie 
und Therapie der Neurosen zu entwickeln, eine Aufgabe, welche auch 
gegenwärtig noch nicht vollkommen gelöst ist. Die unleugbaren Heilerfolge, 
welche weit über alles bisher Erreichte hinausgingen, spornten zu immer 
neuen Bemühungen an und die Schwierigkeiten, die sich bei tieferem Ein- 
dringen in die Materie erhoben, veranlaßten tiefgreifende Veränderungen 
der analytischen Technik und bedeutsame Korrekturen an den Annahmen 
und Voraussetzungen der Theorie. 

Die Technik der Psychoanalyse ist im Laufe dieser Entwicklung so 
bestimmt und so heikel geworden wie die irgendeiner anderen medizini- 
schen Spezialität. In Verkennung dieser Tatsache wird besonders in England 
und Amerika viel gesündigt, indem Personen, die sich durch Lektüre eine 
nur literarische Kenntnis der Psychoanalyse erworben haben, sich für be- 
fähigt halten, analytische Behandlungen zu unternehmen, ohne sich einer 
besonderen Schulung zu unterziehen. Die Erfolge eines solchen Vorgehens 
sind unheilvoll sowohl für die Wissenschaft wie für die Patienten und haben 
viel zur Diskreditierung der Psychoanalyse beigetragen. Die Gründung der 
ersten psychoanalytischen Poliklinik (durch M. Eitingon in Berlin, 1920) 
ist daher ein Schritt von hoher praktischer Bedeutung geworden. Dieses 
Institut bemüht sich einerseits, die analytische Therapie weiten Volks- 
kreisen zugänglich zu machen, anderseits übernimmt es die Ausbildung 
von Ärzten zu praktischen Analytikern in einem Lehrkurs, welcher die 
Bedingung einschließt, daß der Lernende an sich selbst eine Psychoanalyse 
vollziehen läßt. 



Kurzer Abriß der Psychoanalyse 195 

Unter den Hilfsbegriffen, welche dem Arzt die Bewältigung des analyti- 
schen Materials ermöglichen, ist an erster Stelle der der „Libido" zu nennen. 
Libido bedeutet in der Psychoanalyse zunächst die (als quantitativ veränderlich 
und meßbar gedachte) Kraft der auf das Objekt gerichteten Sexualtriebe (in 
dem durch die analytische Theorie erweiterten Sinne). Bei weiterem Studium 
ergab sich die Nötigung, dieser „Objektlibido" eine auf das eigene Ich 
gerichtete „narzißtische oder Ichlibido" an die Seite zu stellen, und 
die Wechselwirkungen dieser beiden Kräfte haben es gestattet, von einer 
großen Anzahl normaler wie pathologischer Vorgänge im Seelenleben Rechen- 
schaft zu geben. Es ergab sich bald die grobe Scheidung der sogenannten 
„Ubertragungsneurosen" von den narzißtischen Affektionen, die ersteren 
(Hysterie und Zwangsneurose) die eigentlichen Objekte der psychoanalyti- 
schen Therapie, während die anderen, die narzißtischen Neurosen, zwar die 
Untersuchung mit Hilfe der Analyse gestatten, aber einer therapeutischen 
Beeinflussung prinzipielle Schwierigkeiten bereiten. Es ist richtig, daß die 
Libidotheorie der Psychoanalyse keineswegs abgeschlossen und ihr Verhältnis 
zu einer allgemeinen Trieblehre noch nicht geklärt ist, die Psychoanalyse 
ist eben eine junge, durchweg unfertige, in rascher Entwicklung begriffene 
Wissenschaft, aber es ist hier die Stelle zu betonen, wie irrig der Vorwurf 
des Pansexualismus ist, der so häufig gegen die Psychoanalyse erhoben wird. 
Er will besagen, daß die psychoanalytische Theorie keine anderen seelischen 
Triebkräfte als bloß sexuelle kennt, und macht sich dabei populäre Vor- 
urteile zunutze, indem er „sexuell" nicht im analytischen, sondern im 
vulgären Sinne verwendet. 

Zu den narzißtischen Affektionen müßte die ps) r choanalytische Auffassung 
auch alle die Leiden rechnen, die in der Psychiatrie „funktionelle Psychosen" 
genannt werden. Es ließ sich nicht bezweifeln, daß Neurosen und Psychosen 
nicht durch eine scharfe Grenze getrennt waren, so wenig wie Gesundheit 
und Neurose, und es lag zu nahe, zur Erklärung der so rätselhaften psychoti- 
schen Phänomene die Einsichten heranzuziehen, die man an den bisher 
ebenso undurchsichtigen Neurosen gewonnen hatte. Schon Referent hatte 
in der Zeit seiner Vereinsamung einen Fall von paranoider Erkrankung 
durch analytische Untersuchung halbwegs verständlich gemacht und in dieser 
unzweideutigen Psychose dieselben Inhalte (Komplexe) und ein ähnliches 
Kräftespiel wie bei simplen Neurosen nachgewiesen. E. Bleuler verfolgte 
bei einer ganzen Anzahl von Psychosen die Anzeichen von dem, was er 
„Freudsche Mechanismen" nannte, und C. G. Jung erwarb sich mit einem 
Schlage ein großes Ansehen als Analytiker, als er 1901 für die absonder- 

'3* 






ig6 Schriften aus den Jahren I$2) — 1926 

lichsten Symptome in den Endausgängen der Dementia praecox die Auf- 
klärung aus der individuellen Lebensgeschichte dieser Kranken gab. Die 
umfassende Bearbeitung der Schizophrenie durch Bleuler (1911) hat dann 
die Berechtigung psychoanalytischer Gesichtspunkte für die Auffassung dieser 
Psychosen in wahrscheinlich endgiltiger Weise dargetan. 

In solcher Art wurde die Psychiatrie das nächste Anwendungsgebiet der 
Psychoanalyse und ist es auch seither geblieben. Dieselben Forscher, welche 
am meisten für eine vertiefte analytische Kenntnis der Neurosen getan haben, 
wie K. Abraham in Berlin und S. Ferenczi in Budapest (um nur die 
hervorragendsten zu nennen), sind auch in der analytischen Durchleuchtung 
der Psychosen führend geblieben. Die Überzeugung von der Einheit und 
Zusammengehörigkeit all der Störungen, die sich uns als neurotische und 
psychotische Phänomene kundgeben, setzt sich trotz alles Sträubens der 
Psychiater immer stärker durch. Man fängt an zu verstehen, — vielleicht 
am besten in Amerika, — daß nur das psychoanalytische Studium der 
Neurosen die Vorbereitung für ein Verständnis der Psychosen ergeben kann, 
daß die Psychoanalyse dazu berufen ist, eine wissenschaftliche Psychiatrie 
der Zukunft zu ermöglichen, die sich nicht mehr mit der Beschreibung 
sonderbarer Zustandsbilder, unbegreiflicher Abläufe, und mit der Verfolgung 
des Einflusses grober anatomischer und toxischer Traumen auf den unserer 
Kenntnis unzugänglichen seelischen Apparat zu begnügen braucht. 



V 

Aber niemals hätte die Psychoanalyse durch ihre Bedeutung für die 
Psychiatrie die Aufmerksamkeit der intellektuellen Welt auf sich gezogen 
oder einen Platz in The History of our times für sich erobert. Diese Wirkung 
ging von der Beziehung der Psychoanalyse zum normalen Seelenleben, nicht 
zum pathologischen aus. Ursprünglich beabsichtigte die analytische Forschung 
ja nichts anderes als die Entstehungsbedingungen (Genese) einiger krank- 
hafter Seelenzustände zu ergründen, aber in dieser Bemühung gelangte sie 
dazu, Verhältnisse von grundlegender Bedeutung aufzudecken, geradezu eine 
neue Psychologie zu schaffen, so daß man sich sagen mußte, die Giltigkeit 
solcher Funde könne unmöglich auf das Gebiet der Pathologie beschränkt 
sein. Wir wissen bereits, wann der entscheidende Nachweis für die Richtigkeit 
dieses Schlusses erbracht wurde. Es war, als die Deutung der Träume 
durch die analytische Technik gelang, der Träume, die ja dem Seelen- 
leben der Normalen angehören und doch eigentlich pathologischen Pro- 



Kurzer Abriß der Psychoanalyse 197 

duktionen entsprechen, die regelmäßig unter den Bedingungen der Gesund- 
heit entstehen können. 

Hielt man an den psychologischen Einsichten fest, die man durch das 
Studium der Träume gewonnen hatte, so war nur noch ein Schritt zu tun, 
um die Psychoanalyse als Lehre von den tieferen, dem Bewußtsein nicht 
direkt zugänglichen, seelischen Vorgängen, als „Tiefenpsychologie prokla- 
mieren und auf fast sämtliche Geisteswissenschaften anwenden zu können. 
Dieser Schritt bestand in dem Übergang von der seelischen Tätigkeit des 
Einzelmenschen zu den psychischen Leistungen von menschlichen Gemein- 
schaften und Völkern, also von der Individual- zur Massenpsychologie, und 
man sah sich durch viele überraschende Analogien zu ihm gedrängt. 
So hatte man z. B. erfahren, daß in den tiefen Schichten unbewußter 
Geistestätigkeit Gegensätze nicht voneinander unterschieden, sondern durch 
das nämliche Element ausgedrückt werden. Aber der Sprachforscher K. Abel 
hatte schon 1884 die Behauptung aufgestellt („Über den Gegensinn der 
Urworte ), daß die ältesten uns bekannten Sprachen mit dem Gegensatz 
nicht anders verfahren sind. So hat das Altägyptische z. B. für stark und 
schwach zunächst nur ein Wort und erst später werden die beiden Seiten 
der Antithese durch leichte Modifikationen auseinandergehalten. Noch in 
den modernsten Sprachen lassen sich deutliche Überreste dieses Gegensinnes 
aufzeigen, so im deutschen „Boden" — das Oberste wie das Unterste im 
Haus, ähnlich wie „altus" — hoch und tief — im Lateinischen. So ist 
die Gleichstellung der Gegensätze im Traum ein allgemeiner archaischer 
Zug menschlichen Denkens. 

Um ein Beispiel aus einem anderen Gebiet zu geben: es ist unmöglich, 
sich dem Eindruck der vollen Übereinstimmung zu entziehen, die man 
zwischen den Zwangshandlungen gewisser Zwangskranker und den religiösen 
Betätigungen der Frommen in aller Welt entdeckt. Manche Fälle von Zwangs- 
neurose benehmen sich geradezu wie eine karikierte Privatreligion, so daß 
man die offiziellen Beligionen einer durch ihre Allgemeinheit ermäßigten 
Zwangsneurose gleichsetzen möchte. Dieser für alle Gläubigen gewiß höchst 
anstößige Vergleich ist psychologisch doch sehr fruchtbar geworden. Denn 
für die Zwangsneurose ist es der Psychoanalyse bald bekannt worden, welche 
Kräfte hier miteinander ringen, bis ihre Konflikte sich den merkwürdigen 
Ausdruck durch das Zeremoniell der Zwangshandlungen geschaffen haben. 
Nichts ähnliches war für das religiöse Zeremoniell vermutet worden, bis 
es gelang, durch die Zurückführung des religiösen Gefühls auf das Vater- 
verhältnis als seine tiefste Wurzel auch hier die analoge dynamische Situation 






ig8 



Schriften aus den Jahren l ( J2) — 1<)26 



nachzuweisen. Dies Beispiel mag übrigens den Leser daran mahnen, daß 
auch die Anwendung der Psychoanalyse auf nicht ärztliche Gebiete nicht 
umhin kann, hochgehaltene Vorurteile zu verletzen, an tiefwurzelnde Emp- 
findlichkeiten zu rühren und so Feindschaften hervorzurufen, die eine wesent- 
lich affektive Grundlage haben. 

Wenn wir die allgemeinsten Verhältnisse des unbewußten Seelenlebens (die 
Konflikte der Triebregungen, die Verdrängungen und Ersatzbefriedigungen) 
als überall vorhanden annehmen dürfen und wenn es eine Tiefenpsycho- 
logie gibt, welche zur Kenntnis dieser Verhältnisse führt, so ist es eine 
billige Erwartung, daß die Anwendung der Psychoanalyse auf die mannig- 
fachsten Gebiete der menschlichen Geistestätigkeil überall wichtige und 
bisher unerreichbare Resultate zutage fördern wird. Eine überaus gehalt- 
volle Studie von Otto Rank und H. Sachs hat sich bemüht zusammen- 
zustellen, inwieweit die Arbeit der Psychoanalytiker diese Erwartungen 
bis zum Jahre 1913 erfüllen konnte. Der Raummangel verbietet es mir, 
hier eine Vervollständigung dieser Aufzählung zu versuchen. Ich kann nur 
das wichtigste Ergebnis herausheben und einige Einzelheiten daran an- 
lehnen. 

Wenn man von wenig bekannten inneren Antrieben absieht, so darf 
man sagen, der Hauptmotor der Kulturentwicklung des Menschen ist die 
äußere reale Not gewesen, die ihm die bequeme Befriedigung seiner natür- 
lichen Bedürfnisse verweigerte und ihn übergroßen Gefahren preisgab. Diese 
äußere Versagung zwang ihn zum Kampf mit der Realität, der teils in An- 
passung an dieselbe, teils in Beherrschung derselben ausging, aber auch 
zur Arbeitsgemeinschaft und zum Zusammenleben mit seinesgleichen, womit 
bereits ein Verzicht auf mancherlei sozial nicht zu befriedigende Trieb- 
regungen verbunden war. Mit den weiteren Fortschritten der Kultur wuchsen 
auch die Ansprüche der Verdrängung. Die Kultur ist doch überhaupt auf 
Triebverzicht aufgebaut und jedes einzelne Individuum soll auf seinem Wege 
von der Kindheit zur Reife an seiner Person diese Entwicklung der Mensch- 
heit zur verständigen Resignation wiederholen. Die Psychoanalyse hat gezeigt, 
daß es vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, sexuelle Triebregungen 
sind, welche dieser kulturellen Unterdrückung verfallen. Ein Teil derselben 
zeigt nun die wertvolle Eigenschaft, sich von ihren nächsten Zielen ab- 
lenken zu lassen und so als „sublimierte" Stiebungen ihre Energie der 
kulturellen Entwicklung zur Verfügung zu stellen. Ein anderer Anteil bleibt 
aber als unbefriedigte Wunschregung im Unbewußten bestehen und drängt 
nach irgendwelcher, wenn auch entstellter, Befriedigung. 






Kurzer Abriß der Psychoanalyse 199 

Wir haben gehört, daß ein Stück der menschlichen Geistestätigkeit auf 
die Bewältigung der realen Außenwelt gerichtet ist. Nun fügt die Psycho- 
analyse hinzu, ein anderes, besonders hochgeschätztes Stück des seelischen 
Schaffens dient der Wunscherfüllung, der Ersatzbefriedigung jener verdrängten 
Wünsche, die seit den Jahren der Kindheit unbefriedigt in der Seele eines 
jeden wohnen. Zu diesen Schöpfungen, deren Zusammenhang mit einem 
unfaßbaren Unbewußten immer vermutet wurde, gehören Mythus, Dichtung 
und Kunst und wirklich hat die Arbeit der Psychoanalytiker eine Fülle von 
Licht auf die Gebiete der Mythologie, der Literaturwissenschaft und der 
Künstlerpsychologie geworfen; als Vorbild sei hier nur die Leistung von 
O. Rank erwähnt. Man hat gezeigt, daß Mythen und Märchen eine Deutung 
zulassen wie die Träume, hat die verschlungenen Wege verfolgt, die vom 
Antrieb des unbewußten Wunsches bis zur Realisierung im Kunstwerk 
führen, hat die affektive Wirkung des Kunstwerks auf den Empfänger ver- 
stehen gelernt und beim Künstler selbst dessen innere Verwandtschaft wie seine 
Verschiedenheit vom Neurotiker geklärt und den Zusammenhang zwischen 
seiner Anlage, seinem zufälligen Erleben und seiner Leistung aufgezeigt. 
Die ästhetische Würdigung des Kunstwerks sowie die Aufklärung der künst- 
lerischen Begabung kommen zwar als Aufgaben für die Psychoanalyse nicht 
in Betracht. Es scheint aber, daß die Psychoanalyse imstande ist, in all 
den Fragen, die das menschliche Phantasieleben betreffen, das entscheidende 
Wort zu sprechen. 

Und nun zudritt: Die Psychoanalyse hat uns zu unserem wachsenden 
Erstaunen erkennen lassen, welch ungeheuer wichtige Rolle der sogenannte 
Odipus-Komplex, d. i. die affektive Beziehung des Kindes zu seinen beiden 
Eltern, im Seelenleben des Menschen spielt. Dies Erstaunen ermäßigt sich, 
wenn wir erfassen, daß der Ödipus-Komplex das psychische Korrelat zweier 
fundamentaler biologischer Tatsachen ist, der langen infantilen Abhängigkeit 
des Menschen und der merkwürdigen Art, wie sein Sexualleben im dritten 
bis fünften Jahr einen ersten Höhepunkt erreicht, um dann nach einer Periode 
der Hemmung mit der Pubertät neu einzusetzen. Dann aber eröffnete sich 
die Einsicht, daß ein drittes, höchst ernsthaftes Stück der menschlichen Geistes- 
tätigkeit, jenes, das die großen Institutionen der Religion, des Rechts, der 
Ethik und all der Formen der Staatlichkeit geschaffen hat, im Grunde darauf 
abzielt, dem Einzelnen die Bewältigung seines Ödipus-Komplexes zu ermög- 
lichen und seine Libido aus ihren infantilen Bindungen in die endgültig 
erwünschten sozialen überzuleiten. Die Anwendungen der Psychoanalyse 
auf Religionswissenschaft und Soziologie (Referent, Th. Reik, O. Pfister), 



200 



Schriften aus den Jahren l<J2} — 1926 



welche zu diesem Ergebnis geführt haben, sind noch jung und nicht ge- 
nügend gewürdigt, aber es ist nicht zu bezweifeln, daß weitere Studien die 
Sicherheit dieser wichtigen Aufschlüsse nur erhöhen werden. 

Wie als Anhang muß ich noch erwähnen, daß auch die Pädagogik es 
nicht unterlassen kann, sich die Winke zunutze zu machen, die ihr die 
analytische Erforschung des kindlichen Seelenlebens gibt. Ferner, daß sich 
unter den Therapeuten Stimmen erhoben haben (G roddeck, Jelliffe), die 
auch die psychoanalytische Behandlung schwerer organischer Leiden für aus- 
sichtsvoll erklären, da bei vielen dieser Affektionen auch ein psychischer 
Faktor mitgewirkt hat, auf den man Einfluß gewinnen kann. 

So darf man die Erwartung aussprechen, daß die Psychoanalyse, deren 
Entwicklung und bisherige Leistung hier in knapper und unzureichender 
Weise dargestellt wurde, als ein bedeutsames Ferment in die kulturelle Ent- 
wicklung der nächsten Dezennien eingehen und dazu verhelfen wird, unser 
Weltverständnis zu vertiefen und manchem im Leben als schädlich Erkanntem 
zu widerstreben. Nur vergesse man nicht daran, daß die Psychoanalyse für 
sich allein ein vollständiges Weltbild nicht liefern kann. Wenn man die 
Unterscheidung annimmt, welche ich kürzlich vorgeschlagen habe, die den 
seelischen Apparat in ein der Außenwelt zugewendetes, mit Bewußtsein 
ausgestattetes Ich und ein unbewußtes, von seinen Triebbedürfnissen be- 
herrschtes Es zerlegt, so ist die Psychoanalyse als eine Psychologie des Es 
(und seiner Einwirkungen auf das Ich) zu bezeichnen. Sie kann also_auf 
jedem Wissensgebiet nur Beiträge liefern, welche aus der Psychologie des 
Ichs zu ergänzen sind. Wenn diese Beiträge oft gerade das Wesentliche 
eines Tatbestandes enthalten, so ^entspricht dies nur der Bedeutung, welche 
das lange unerkannt gebliebene seelisch Unbewußte für unser Leben bean- 
spruchen darf. 



»PSYCHOANALYSE« UND »LIBIDOTHEORIE« 

Diese beiden Artikel sind im Sommer Ip22 
für das „Handwörterbuch für Sexualwissen- 
schaft" geschrieben worden, das — heraus- 
gegeben von Max Marcuse in Marcus & Webers 
Verlag in Bonn — 7^2} erschien. 

I 

Psychoanalyse 

PSYCHOANALYSE ist der Name 1) eines Verfahrens zur Untersuchung 
seelischer Vorgänge, welche sonst kaum zugänglich sind; 2) einer Behand- 
lungsmethode neurotischer Störungen, die sich auf diese Untersuchung 
gründet; 3) einer Reihe von psychologischen, auf solchem Wege gewon- 
nenen Einsichten, die allmählich zu einer neuen wissenschaftlichen Diszi- 
plin zusammenwachsen. 

GESCHICHTE. Man versteht die Psychoanalyse immer noch am 
besten, wenn man ihre Entstehung und Entwicklung verfolgt. In den 
Jahren 1880 und 1881 beschäftigte sich Dr. Josef Breuer in Wien, bekannt 
als Internist und Experimentalphysiologe, mit der Behandlung eines wäh- 
rend der Pflege ihres kranken Vaters an schwerer Hysterie erkrankten 
Mädchens, deren Zustandsbild aus motorischen Lähmungen, Hemmungen 
und Bewußtseinsstörungen zusammengesetzt war. Einem Wink der sehr 
intelligenten Patientin folgend, versetzte er sie in Hypnose und erreichte 
so, daß sie durch Mitteilung der sie beherrschenden Stimmungen und Ge- 
danken jedesmal wieder in normale seelische Verfassung geriet. Durch 
konsequente Wiederholung desselben mühseligen Verfahrens gelang es ihm, 
sie von allen ihren Hemmungen und Lähmungen zu befreien, so daß 
er am Ende seine Mühe durch einen großen therapeutischen Erfolg wie 



k 



202 Schriften aus den Jakren f)2} — 1926 

durch unerwartete Einsichten in das Wesen der rätselhaften Neurose be- 
lohnt fand. Doch hielt sich Breuer von der weiteren Verfolgung seines 
Fundes ferne und veröffentlichte nichts darüber etwa ein Jahrzehnt lang, 
bis es dem persönlichen Einfluß des Referenten (Freud, der 1886 aus 
der Schule Charcots nach Wien zurückgekehrt war) gelang, ihn zur Wieder- 
aufnahme des Gegenstandes und zur gemeinsamen Arbeit an demselben 
zu bewegen. Die beiden, Breuer und Freud, veröffentlichten dann 1893 
eine vorläufige Mitteilung „Über den psychischen Mechanismus hysteri- 
scher Phänomene und 1895 ein Buch „Studien über Hysterie" (1922 
in vierter Auflage abgedruckt), in dem sie ihr Heilverfahren als das 



n 



kathar tische bezeichneten. 



DIE KATHARSIS. Aus den Untersuchungen, die den Studien von 
Breuer und Freud zugrunde lagen, ergaben sich vor allem zwei Resultate, 
die auch durch die spätere Erfahrung nicht erschüttert wurden, erstens: 
daß die hysterischen Symptome Sinn und Bedeutung haben, indem sie Er- 
satz sind für normale seelische Akte; und zweitens: daß die Aufdeckung 
dieses unbekannten Sinnes mit der Aufhebung der Symptome zusammen- 
fällt, daß also hiebei wissenschaftliche Forschung und therapeutische Be- 
mühung sich decken. Die Beobachtungen waren an einer Reihe von Kran- 
ken gemacht, die so behandelt wurden wie Breuers erste Patientin, also 
in tiefe Hypnose versetzt, und die Erfolge schienen glänzend, bis sich 
später deren schwache Seite herausstellte. Die theoretischen Vorstellungen, 
welche Breuer und Freud sich damals machten, waren von Charcots Lehren 
über die traumatische Hysterie beeinflußt und konnten sich an die Er- 
mittlungen seines Schülers P. Janet anlehnen, die zwar früher veröffentlicht 
worden waren als die „Studien", aber doch zeitlich hinter Breuers erstem 
Fall zurückstanden. Von allem Anfang an war in ihnen das affektive 
Moment in den Vordergrund gerückt; die hysterischen Symptome sollten 
dadurch entstehen, daß ein mit starkem Affekt beladener seelischer Vorgang 
irgendwie verhindert wurde, sich auf dem normalen bis zum Bewußtsein 
und zur Motilität führenden Wege abzugleichen (abreagieren), worauf 
dann der gewissermaßen „eingeklemmte" Affekt auf falsche Wege geriet 
und einen Abfluß in die Körperinnervation fand (Konversion). Die Gelegen- 
heiten, bei denen solche pathogene „Vorstellungen" entstanden, wurden 
von Breuer und Freud als „psychische Traumen" bezeichnet, und da 
sie oftmals längst vergangenen Zeiten angehörten, konnten die Autoren 
sagen, die Hysterischen litten großenteils an (unerledigten) Reminiszenzen. 



„Psychoanalyse 1 und „Libidotkeorie" 203 

Die „Katharsis" erfolgte dann unter der Behandlung durch Eröffnung 
des Weges zum Bewußtsein und normale Entladung des Affekts. Die An- 
nahme unbewußter seelischer Vorgänge war, wie man sieht, ein un- 
erläßliches Stück dieser Theorie. Auch Janet hatte mit unbewußten Akten 
im Seelenleben gearbeitet, aber wie er in späteren Polemiken gegen die 
Psychoanalyse betonte, war dies für ihn nur ein Hilfsausdruck, uite maniere 
de parier, mit dem er keine neue Einsicht andeuten wollte. 

In einem theoretischen Abschnitt der Studien teilte Breuer einige spekula- 
tive Gedanken über die Erregungsvorgänge im Seelischen mit, welche 
richtunggebend für die Zukunft geblieben sind und noch heute nicht ihre 
volle Würdigung gefunden haben. Damit hatten seine Beiträge zu diesem 
Wissensgebiet ein Ende, er zog sich bald nachher von der gemeinsamen 
Arbeit zurück. 

DER ÜBERGANG ZUR PSYCHOANALYSE. Schon in den „Stu- 
dien" hatten sich Gegensätze in den Auffassungen der beiden Autoren an- 
gezeigt. Breuer nahm an, daß die pathogenen Vorstellungen darum trauma- 
tische Wirkung äußern, weil sie in „hypnoiden Zuständen" entstanden 
sind, in denen die seelische Leistung besonderen Einschränkungen unterliegt. 
Referent lehnte diese Erklärung ab und glaubte zu erkennen, daß eine 
Vorstellung dann pathogen wird, wenn ihr Inhalt den herrschenden Ten- 
denzen des Seelenlebens widerstrebt, so daß sie die „Abwehr" des Indivi- 
duums hervorruft (Janet hatte den Hysterischen eine konstitutionelle Unfähig- 
keit zum Zusammenhalten ihrer psychischen Inhalte zugeschrieben; an 
dieser Stelle schieden sich die Wege Breuers und Freuds von seinem). Auch 
die beiden Neuerungen, mit denen Referent bald darauf den Boden der 
Katharsis verließ, hatten bereits in den „Studien" Erwähnung gefunden. 
Sie wurden nun nach Breuers Rücktritt der Ausgang weiterer Entwicklungen. 

VERZICHT AUF DIE HYPNOSE. Die eine dieser Neuerungen fußte 
auf einer praktischen Erfahrung und führte zu einer Änderung der Technik, 
die andere bestand in einem Fortschritt in der klinischen Erkenntnis der 
Neurose. Es zeigte sich bald, daß die therapeutischen Hoffnungen, die man 
auf die kathartische Behandlung in der Hypnose gesetzt hatte, in gewissem 
Sinne unerfüllt blieben. Das Verschwinden der Symptome ging zwar der 
Katharsis parallel, aber der Gesamterfolg zeigte sich doch durchaus ab- 
hängig von der Beziehung des Patienten zum Arzt, benahm sich also wie 
ein Erfolg der „Suggestion , und wenn diese Beziehung zerstört wurde, 
traten alle Symptome wieder auf, als ob sie niemals eine Lösung gefunden 



204 Schriften aus den Jahren l<)2} — i l )2(i 



hätten. Dazu kam noch, daß die geringe Anzahl der Personen, welche sich 
in tiefe Hypnose versetzen ließen, eine ärztlich sehr bedeutsame Einschrän- 
kung in der Anwendung des kathartischen Verfahrens mit sich brachte. 
Aus diesen Gründen entschloß sich Referent, die Hypnose aufzugeben. 
Gleichzeitig aber entnahm er seinen Kindrücken von der Hypnose die 
Mittel, sie zu ersetzen. 

DIE FREIE ASSOZIATION. Der hypnotische Zustand hatte beim 
Patienten eine solche Erweiterung der Assoziationsfiihigkeit zur Folge ge- 
habt, daß er sofort den für sein bewußtes Nachdenken unzugänglichen 
Weg vom Symptom zu den mit ihm verknüpften Gedanken und Erinne- 
rungen zu finden wußte. Der Wegfall der Hypnose schien eine hilflose 
Situation zu schaffen, aber Referent erinnerte sich an Bernlieims Nachweis, 
daß das im Somnambulismus Erlebte nur scheinbar vergessen war und 
jederzeit durch die dringende Versicherung des Arztes, daß man es wisse, 
der Erinnerung zugeführt werden konnte. Er versuchte es also, auch seine 
nicht hypnotisierten Patienten zur Mitteilung von Assoziationen zu drän- 
gen, um durch solches Material den Weg zum Vergessenen oder Abge- 
wehrten zu finden. Später merkte er, daß es eines solchen Drängens nicht 
bedürfe, daß beim Patienten fast immer reichliche Einfälle auftauchten, 
diese aber durch bestimmte Einwendungen, die er sich selbst machte, von 
der Mitteilung, ja vom Bewußtsein selbst, abgehalten wurden. In der der- 
zeit noch unbewiesenen, später durch reichhaltige Erfahrung bestätigten 
Erwartung, daß alles, was dem Patienten zu einem gewissen Ausgangspunkt 
einfiele, auch in innerem Zusammenhang mit diesem stehen müsse, ergab 
sich daraus die Technik, den Patienten zum Verzicht auf alle seine kriti- 
schen Einstellungen zu erziehen und das dann zutage geförderte Material 
von Einfällen zur Aufdeckung der gesuchten Zusammenhänge zu verwerten. 
Ein starkes Zutrauen zur Strenge der Determinierung im Seelischen war 
sicherlich an der Wendung zu dieser Technik, welche die Hypnose ersetzen 
sollte, beteiligt. 

DIE „TECHNISCHE GRUNDREGEL", dies Verfahren der „freien 
Assoziation", ist seither in der psychoanalytischen Arbeit festgehalten worden. 
Man leitet die Behandlung ein, indem man den Patienten auffordert, sich 
in die Lage eines aufmerksamen und leidenschaftslosen Selbstbeobachters 
zu versetzen, immer nur die Oberfläche seines Bewußtseins abzulesen und 
einerseits sich die vollste Aufrichtigkeit zur Pflicht zu machen, anderseits 
keinen Einfall von der Mitteilung auszuschließen, auch wenn man i)ihn allzu 






„Psychoanalyse' und „Libidotheorie" 205 

unangenehm empfinden sollte, oder wenn man 2) urteilen müßte, er sei unsinnig. 
3) allzu unwichtig, 4) gehöre nicht zu dem, was man suche. Es zeigt sich regel- 
mäßig, daß gerade Einfälle, welche die letzterwähnten Ausstellungen hervor- 
rufen, für die Auffindung des Vergessenen von besonderem Wert sind. 

DIE PSYCHOANALYSE ALS DEUTUNGSKUNST. Die neueTechnik 
änderte den Eindruck der Behandlung so sehr ab, brachte den Arzt in so 
neue Beziehungen zum Kranken und lieferte so viel überraschende Ergebnisse, 
daß es berechtigt schien, das Verfahren durch einen Namen von der kathai- 
tischen Methode zu scheiden. Beferent wählte für die Behandlungsweise, 
die nun auf viele andere Formen neurotischer Störung ausgedehnt werden 
konnte, den Namen Psychoanalyse. Diese Psychoanalyse war nun in erster 
Linie eine Kunst der Deutung und stellte sich die Aufgabe, die erste der 
großen Entdeckungen Breuers, daß die neurotischen Symptome ein sinn- 
voller Ersatz für andere unterbliebene seelische Akte seien, zu vertiefen. 
Es kam jetzt darauf an, das Material, welches die Einfälle der Patienten 
lieferten, so aufzufassen, als ob es auf einen verborgenen Sinn hindeutete, 
diesen Sinn aus ihm zu erraten. Die Erfahrung zeigte bald, daß der analy- 
sierende Arzt sich dabei am zweckmäßigsten verhalte, wenn er sich selbst 
bei gleichschwebender Aufmerksamkeit seiner eigenen unbewußten 
Geistestätigkeit überlasse, Nachdenken und Bildung bewußter Erwartungen 
möglichst vermeide, nichts von dem Gehörten sich besonders im Gedächtnis 
fixieren wolle, und solcher Art das Unbewußte des Patienten mit seinem 
eigenen Unbewußten auffange. Dann merkte man, wenn die Verhältnisse 
nicht allzu ungünstig waren, daß die Einfälle des Patienten sich gewisser- 
maßen wie Anspielungen an ein bestimmtes Thema herantasteten, und brauchte 
selbst nur einen Schritt weiter zu wagen, um das ihm selbst Verborgene 
zu erraten und ihm mitteilen zu können. Gewiß war diese Deutungsarbeit 
nicht streng in Begeln zu fassen und ließ dem Takt und der Geschicklich- 
keit des Arztes einen großen Spielraum, allein wenn man Unparteilichkeit 
mit Übung verband, gelangte man in der Begel zu verläßlichen Besultaten, 
d. h. zu solchen, die sich durch Wiederholung in ähnlichen Fällen bestätigten. 
Zur Zeit, da über das Unbewußte, die Struktur der Neurosen und die patho- 
logischen Vorgänge hinter denselben noch so wenig bekannt war, mußte 
man zufrieden sein, sich einer solchen Technik bedienen zu können, auch 
wenn sie theoretisch nicht besser fundiert war. Man übt sie übrigens auch 
in der heutigen Analyse in gleicher Weise, nur mit dem Gefühl größerer 
Sicherheit und besserem Verständnis für ihre Schranken. 



206 Schriften aus den Jahren I<}2} — 1926 

DIE DEUTUNG DER FEHLLEISTUNGEN UND ZUFALLS- 
HANDLUNGEN. Es war ein Triumph für die Deutungskunst der Psycho- 
analyse, als ihr der Nachweis gelang, daß gewisse häufige seelische Akte 
der normalen Menschen, für die man bisher eine psychologische Erklärung 
überhaupt nicht in Anspruch genommen hatte, so zu verstehen seien wie 
die Symptome der Neurotiker, d. h. daß sie einen Sinn haben, welcher der 
Person nicht bekannt ist und durch analytische Bemühung leicht gefunden 
werden kann. Die betreffenden Phänomene, das zeitweilige Vergessen von 
sonst wohlbekannten Worten und Namen, das Vergessen von Vorsätzen, das 
so häufige Versprechen, Verlesen, Verschreiben, Verlieren, Verlegen von 
Gegenständen, manche Irrtümer, Akte von anscheinend zufälliger Selbst- 
beschädigung, endlich Bewegungen, die man gewohnheitsmäßig wie un- 
absichtlich und spielend ausführt, Melodien, die man „gedankenlos" 
summt u. dgl. m. — all dies wurde der physiologischen Erklärung, wo 
eine solche überhaupt versucht worden war, entzogen, als streng deter- 
miniert aufgezeigt und als Äußerung von unterdrückten Absichten der 
Person oder als Folge von Interferenz zweier Absichten, von denen die 
eine dauernd oder derzeit unbewußt war, erkannt. Der Wert dieses Bei- 
trages zur Psychologie war ein mehrfacher. Der Umfang der seelischen 
Determinierung wurde dadurch in ungeahnter Weise erweitert; die ange- 
nommene Kluft zwischen normalem und krankhaftem seelischem Geschehen 
verringert; in vielen Fällen ergab sich ein bequemer Einblick in das 
Spiel seelischer Kräfte, das man hinter den Phänomenen vermuten mußte. 
Endlich gewann man so ein Material, welches wie kein anderes geeignet 
ist, den Glauben an die Existenz unbewußter seelischer Akte auch bei 
solchen zu erwecken, denen die Annahme eines unbewußten Psychischen 
fremdartig, ja sogar absurd erscheint. Das Studium der eigenen Fehl- 
leistungen und Zufallshandlungen, wozu sich den meisten reichlich Ge- 
legenheit bietet, ist noch heute die beste Vorbereitung für ein Eindringen 
in die Psychoanalyse. In der analytischen Behandlung behauptet die Deutung 
der Fehlleistungen einen Platz als Mittel zur Aufdeckung des Unbewußten 
neben der ungleich wichtigeren Deutung der Einfälle. 

DIE DEUTUNG DER TRÄUME. Ein neuer Zugang zu den Tiefen 
des Seelenlebens eröffnete sich, als man die Technik der freien Assoziation 
auf die Träume, eigene oder die analytischer Patienten, anwendete. In der 
Tat rührt das Meiste und Beste, was wir von den Vorgängen in den un- 
bewußten Seelenschichten wissen, aus der Deutung der Träume her. Die 



„Psychoanalyse und „Libidotheoris 207 

Psychoanalyse hat dem Traum die Bedeutung wiedergegeben, die ihm in 
alten Zeiten einst allgemein zuerkannt war, aber sie verfährt anders mit 
ihm. Sie verläßt sich nicht auf den Witz des Traumdeuters, sondern über- 
trägt die Aufgabe zum größten Teil dem Träumer selbst, indem sie ihn 
nach seinen Assoziationen zu den einzelnen Elementen des Traumes befragt. 
Durcli die weitere Verfolgung dieser Assoziationen kommt man zur Kenntnis 
von Gedanken, welche den Traum vollkommen decken, sich aber — bis 
auf einen Punkt — als vollwertige, durchaus verständliche Stücke der wachen 
Seelentätigkeit erkennen lassen. Es stellt sich so der erinnerte Traum als 
manifester Traumin halt den durch Deutung gefundenen latenten 
Traumgedanken gegenüber. Der Vorgang, welcher die letzteren in den 
ersteren, eben den „Traum", umgesetzt hat und der durch die Deutungs- 
arbeit rückgängig gemacht wird, darf Traum arbeit genannt werden. 

Die latenten Traumgedanken heißen wir wegen ihrer Beziehung zum 
Wachleben auch Tagesreste. Sie werden durch die Traumarbeit, der man 
durchaus mit Unrecht „schöpferischen" Charakter zuschreiben würde, in 
merkwürdiger Weise verdichtet, durch die Verschiebung psychischer 
Intensitäten entstellt, zur Darstellung in visuellen Bildern her- 
gerichtet, und unterliegen überdies, ehe es zur Gestaltung des manifesten 
Traumes kommt, einer sekundären Bearbeitung, welche dem neuen 
Gebilde etwas wie Sinn und Zusammenhang geben möchte. Dieser letzte 
Vorgang gehört eigentlich nicht mehr der Traumarbeit an. 

DYNAMISCHE THEOBIE DER TRAUMBILDUNG. Es hat nicht 
zuviel Schwierigkeiten gemacht, die Dynamik der Traumbildung zu durch- 
schauen. Die Triebkraft zur Traumbildung wird nicht von den latenten 
Traumgedanken oder Tagesresten beigestellt, sondern von einer unbewußten, 
bei Tag verdrängten Strebung, mit der sich die Tagesreste in Verbindung 
setzen konnten, und die sich aus dem Material der latenten Gedanken eine 
Wunscherfüllung zurechtmacht. Somit ist jeder Traum einerseits eine 
Wunscherfüllung des Unbewußten, anderseits, insofern es ihm gelingt, den 
Schlafzustand vor Störung zu bewahren, eine Erfüllung des normalen Schlaf- 
wunsches, der den Schlaf eingeleitet hat. Sieht man vom unbewußten Bei- 
trag zur Traumbildung ab und reduziert den Traum auf seine latenten 
Gedanken, so kann er alles vertreten, was das Wachleben beschäftigt hat, 
eine Überlegung, Warnung, einen Vorsatz, eine Vorbereitung auf die nächste 
Zukunft oder ebenfalls die Befriedigung eines unerfüllten Wunsches. Die 
Unkenntlichkeit, Fremdartigkeit, Absurdität des manifesten Traumes ist zu 



208 



Schriften aus den Jahren 1<)2} — 1<}26 



einem Teil die Folge der Überführung der Traumgedanken in eine andere, 
als archaisch zu bezeichnende Ausdrucksweise, zum anderen Teil aber die 
Wirkung einer einschränkenden, kritisch ablehnenden Instanz, welche auch 
während des Schlafes nicht ganz aufgehoben ist. Es liegt nahe, anzunehmen, 
daß die „Traumzensur", welche wir in erster Linie für die Entstellung 
der Traumgedanken zum manifesten Traum verantwortlich machen, eine 
Äußerung derselben seelischen Kräfte ist, welche tagsüber die unbewußte 
Wunschregung hintangehalten, verdrängt hatten. 

Es verlohnte sich, auf die Aufklärung der Träume näher einzugehen, 
denn die analytische Arbeit hat gezeigt, daß die Dynamik der Traum- 
bildung dieselbe ist wie die der Symptombildung. Hier wie dort erkennen 
wir einen Widerstreit zweier Tendenzen, einer unbewußten, sonst ver- 
drängten, die nach Befriedigung — Wunscherfüllung — strebt, und einer 
wahrscheinlich dem bewußten Ich angehörenden, ablehnenden und ver- 
drängenden, und als Ergebnis dieses Konflikts eine Kompromißbildung, — 
den Traum, das Symptom, — in welcher beide Tendenzen einen unvoll- 
kommenen Ausdruck gefunden haben. Die theoretische Bedeutung dieser 
Übereinstimmung ist einleuchtend. Da der Traum kein pathologisches 
Phänomen ist, wird durch sie der Nachweis erbracht, daß die seelischen 
Mechanismen, welche die Krankheitssymptome erzeugen, auch schon im 
normalen Seelenleben vorhanden sind, daß die nämliche Gesetzmäßigkeit 
Normales und Abnormes umfaßt, und daß die Ergebnisse der Forschung 
an Neurotikern oder Geisteskranken nicht bedeutungslos für das Verständnis 
der gesunden Psyche sein können. 



DIE SYMBOLIK. Beim Studium der durch die Traumarbeit geschaffenen 
Ausdrucksweise stieß man auf die überraschende Tatsache, daß gewisse 
Gegenstände, Verrichtungen und Beziehungen im Traum gewissermaßen 
indirekt durch „Symbole" dargestellt werden, die der Träumer gebraucht, 
ohne ihre Bedeutung zu kennen, und zu denen auch gewöhnlich seine 
Assoziation nichts liefert. Ihre Übersetzung muß vom Analytiker gegeben 
werden, der sie selbst nur empirisch, durch versuchsweises Einsetzen in den 
Zusammenhang finden kann. Es ergab sich später, daß Sprachgebrauch, 
Mythologie und Folklore die reichlichsten Analogien zu den Traumsymbolen 
enthalten. Die Symbole, an welche sich die interessantesten, noch un- 
gelösten Probleme knüpfen, scheinen ein Stück uralten seelischen Erb- 
gutes zu. sein. Die Symbolgemeinschaft reicht über die Sprachgemeinschaft 
hinaus. 



„Psychoanalyse" und „Libidotheorie" 209 

DIE ÄTIOLOGISCHE BEDEUTUNG DES SEXUALLEBENS. 
Die zweite Neuheit, welche sich ergab, nachdem man die hypnotische 
Technik durch die freie Assoziation ersetzt hatte, war klinischer Natur und 
wurde bei der fortgesetzten Suche nach den traumatischen Erlebnissen ge- 
funden, von denen sich die hysterischen Symptome abzuleiten schienen. 
Je sorgfältiger man diese Verfolgung betrieb, desto reichhaltiger enthüllte 
sich die Verkettung solcher ätiologisch bedeutsamer Eindrücke, aber desto 
weiter griffen sie auch in die Pubertät oder Kindheit des Neurotikers zurück. 
Gleichzeitig nahmen sie einen einheitlichen Charakter an und endlich mußte 
man sich vor der Evidenz beugen und anerkennen, daß an der Wurzel aller 
Symptombildung traumatische Eindrücke aus dem Sexualleben der Frühzeit 
zu finden seien. Das sexuelle Trauma trat so an die Stelle des banalen 
Traumas und das letztere verdankte seine ätiologische Bedeutung der assozia- 
tiven oder symbolischen Beziehung zum ersteren, das vorangegangen war. 
Da die gleichzeitig vorgenommene Untersuchung von Fällen gemeiner, als 
Neurasthenie und Angstneurose klassifizierter Nervosität den Aufschluß 
erbrachte, daß sich diese Störungen auf aktuelle Mißbräuche im Sexualleben 
zurückführen und durch Abstellung derselben beseitigen lassen, lag die 
Folgerung nahe, die Neurosen seien überhaupt der Ausdruck von Störungen 
im Sexualleben, die sogenannten Aktualneurosen der (chemisch vermittelte) 
Ausdruck von gegenwärtigen, die Psychoneurosen der (psychisch ver- 
arbeitete) Ausdruck von längstvergangenen Schädigungen dieser biologisch 
so wichtigen, von der Wissenschaft bislang arg vernachlässigten Funktion. 
Keine der Aufstellungen der Psychoanalyse hat so hartnäckigen Unglauben 
und so erbitterten Widerstand gefunden, wie diese von der überragenden 
ätiologischen Bedeutung des Sexuallebens für die Neurosen. Es sei aber aus- 
drücklich bemerkt, daß auch die Psychoanalyse in ihrer Entwicklung bis 
auf den heutigen Tag keinen Anlaß gefunden hat, von dieser Behauptung 
zurückzutreten . 

DIE INFANTILE SEXUALITÄT. Durch ihre ätiologische Forschung 
geriet die Psychoanalyse in die Lage, sich mit einem Thema zu beschäftigen, 
dessen Existenz vor ihr kaum vermutet worden war. Man hatte sich in der 
Wissenschaft daran gewöhnt, das Sexualleben mit der Pubertät beginnen zu 
lassen und Äußerungen kindlicher Sexualität als seltene Anzeichen von 
abnormer Frühreife und Degeneration beurteilt. Nun enthüllte die Psycho- 
analyse eine Fülle von ebenso merkwürdigen als regelmäßigen Phänomenen, 
durch die man gezwungen wurde, den Beginn der Sexualfunktion beim 

Freud XI. H 



210 Schriften ans den Jahren 1J2) — 1926 

Kinde fast mit dem Anfang des extrauterinen Lebens zusammenfallen zu 
lassen, und man fragte sich erstaunt, wie es möglich gewesen sei, dies alles 
zu übersehen. Die ersten Einsichten in die kindliche Sexualität waren zwar 
durch analytische Erforschung Erwachsener gewonnen und demnach mit 
all den Zweifeln und Fehlerquellen behaftet, die man einer so späten Rück- 
schau zutrauen konnte, aber als man später (von 1908 an) begann, Kinder 
selbst zu analysieren und unbefangen zu beobachten, gewann man für allen 
tatsächlichen Inhalt der neuen Auffassung die direkte Bestätigung. 

Die kindliche Sexualität zeigte in manchen Stücken ein anderes Bild 
als die der Erwachsenen und überraschte durch zahlreiche Züge von dem, 
was bei Erwachsenen als „Perversion" verurteilt wurde. Man mußte den 
Begriff des Sexuellen erweitern, bis er mehr umfaßte als das Streben nach 
der Vereinigung der beiden Geschlechter im Sexualakt oder nach der Her- 
vorrufung bestimmter Lustempfindungen an den Genitalien. Aber diese 
Erweiterung belohnte sich dadurch, daß es möglich wurde, kindliches, 
normales und perverses Sexualleben aus einem Zusammenhange zu begreifen. 

Die analytische Forschung des Referenten verfiel zunächst in den Irrtum, 
die Verführung als Quelle der kindlichen Sexualäußerungen und Keim 
der neurotischen Symptombildung weit zu überschätzen. Die Überwindung 
dieser Täuschung gelang, als sich die außerordentlich große Rolle der 
Phantasietätigkeit im Seelenleben der Neurotiker erkennen ließ, die für 
die Neurose offenbar maßgebender war als die äußere Realität. Hinter diesen 
Phantasien kam dann das Material zum Vorschein, welches folgende Schilde- 
rung von der Entwicklung der Sexualfunktion zu geben gestattet. 

DIE ENTWICKLUNG DER LIBIDO. Der Sexualtrieb, dessen dyna-' 
mische Äußerung im Seelenleben „Libido" genannt sei, ist aus Partial- 
trieben zusammengesetzt, in die er auch wieder zerfallen kann, und die 
sich erst allmählich zu bestimmten Organisationen vereinigen. Quelle dieser 
Partialtriebe sind die Körperorgane, besonders gewisse ausgezeichnete ero- 
gene Zonen, aber Beiträge zur Libido werden auch von allen wichtigen 
funktionellen Vorgängen im Körper geliefert. Die einzelnen Partialtriebe 
streben zunächst unabhängig voneinander nach Befriedigung, werden aber 
im Lauf der Entwicklung immer mehr zusammengefaßt, zentriert. Als erste 
(prägenitale) Organisationsstufe läßt sich die orale erkennen, in welcher 
entsprechend dem Hauptinteresse des Säuglings die Mundzone die Haupt- 
rolle spielt. Ihr folgt die sadistisch-anale Organisation, in welcher der 
Partialtrieb des Sadismus und die Afterzone sich besonders hervortun; 









„Psychoanalyse" und „Libidotheorie" 211 

der Geschlechtsunterschied wird hier durch den Gegensatz von aktiv und 
passiv vertreten. Die dritte und endgiltige Organisationsstufe ist die Zu- 
sammenfassung der meisten Partialtriebe unter dem Primat der Genital- 
zonen. Diese Entwicklung wird in der Regel rasch und unauffällig durch- 
laufen, doch bleiben einzelne Anteile der Triebe auf den Vorstufen des 
Endausganges stehen und ergeben so die Fixierungen der Libido, welche 
als Dispositionen für spätere Durchbrüche verdrängter Strebungen wichtig 
sind und zur Entwicklung von späteren Neurosen und Perversionen in be- 
stimmter Beziehung stehen. (Siehe Libidotheorie.) 

DIE OBJEKTFINDUNG UND DER ÖDIPUSKOMPLEX. Der 
orale Partialtrieb findet zuerst seine Befriedigung in Anlehnung an die 
Sättigung des Nahrungsbedürfnisses und sein Objekt in der Mutterbrust. 
Er löst sich dann ab, wird selbständig und gleichzeitig autoerotisch, 
d. h. er findet sein Objekt am eigenen Körper. Auch andere Partialtriebe 
benehmen sich zuerst autoerotisch und werden erst später auf ein fremdes 
Objekt gelenkt. Von besonderer Bedeutung ist es, daß die Partialtriebe der 
Genitalzone regelmäßig eine Periode intensiver autoerotischer Befriedigung 
durchmachen. Für die endgiltige Genitalorganisation der Libido sind nicht 
alle Partialtriebe gleich verwendbar, einige von ihnen (z. B. die analen) 
werden darum beiseite gelassen, unterdrückt oder unterliegen komplizierten 
Umwandlungen. 

Schon in den ersten Kinderjahren (etwa von 2 bis 5 Jahren) stellt sich 
eine Zusammenfassung der Sexualstrebungen her, deren Objekt beim 
Knaben die Mutter ist. Diese Objektwahl nebst der dazugehörigen Ein- 
stellung von Rivalität und Feindseligkeit gegen den Vater ist der Inhalt 
des sogenannten Ödipus-Komplexes, dem bei allen Menschen die größte 
Bedeutung für die Endgestaltung des Liebeslebens zukommt. Man hat es 
als charakteristisch für den Normalen hingestellt, daß er den Ödipus- 
Komplex bewältigen lernt, während der Neurotiker an ihm haften bleibt. 

DER ZWEIZEITIGE ANSATZ DER SEXUALENTWICKLUNG. 
Diese Frühperiode des Sexuallebens findet gegen das fünfte Jahr hin nor- 
malerweise ein Ende und wird von einer Zeit mehr oder minder voll- 
ständiger Latenz abgelöst, während welcher die ethischen Einschränkungen 
als Schutzbildungen gegen die Wunschregungen des Ödipus-Komplexes auf- 
gebaut werden. In der darauffolgenden Zeit der Pubertät erfährt der 
Ödipus-Komplex eine Neubelebung im Unbewußten und geht seinen weiteren 
Umbildungen entgegen. Erst die Pubertätszeit entwickelt die Sexualtriebe 

14" 



212 Schriften aus den Jahren 1^2) — 1926 

zu ihrer vollen Intensität; die Richtung dieser Entwicklung und alle daran 
haftenden Dispositionen sind aber bereits durch die vorher abgelaufene 
infantile Frühblüte der Sexualität bestimmt. Diese zweizeitige, durch die 
Latenzzeit unterbrochene Entwicklung der Sexualfunktion scheint eine 
biologische Besonderheit der menschlichen Art zu sein und die Bedingung 
für die Entstehung der Neurosen zu enthalten. 

DIE VERDRÄNGUNGSLEHRE. Der Zusammenhalt dieser theore- 
tischen Erkenntnisse mit den unmittelbaren Eindrücken der analytischen 
Arbeit führt zu einer Auffassung der Neurosen, die in ihren rohesten Um- 
rissen etwa so lautet: Die Neurosen sind der Ausdruck von Konflikten 
zwischen dem Ich und solchen Sexualstrebungen, die dem Ich als unver- 
träglich mit seiner Integrität oder seinen ethischen Ansprüchen erscheinen. 
Das Ich hat diese nicht ichgerechten Strebungen verdrängt, d. h. ihnen 
sein Interesse entzogen und sie vom Bewußtwerden wie von der motorischen 
Abfuhr zur Befriedigung abgesperrt. Wenn man in der analytischen 
Arbeit versucht, diese verdrängten Regungen bewußt zu machen, bekommt 
man die verdrängenden Kräfte als Widerstand zu spüren. Aber die 
Leistung der Verdrängung versagt an den Sexualtrieben besonders leicht. 
Deren aufgestaute Libido schafft sich vom Unbewußten her andere Aus- 
wege, indem sie auf frühere Entwicklungsphasen und Objekteinstellungen 
regrediert, und dort, wo sich infantile Fixierungen vorfinden, an den 
schwachen Stellen der Libidoentwicklung zum Bewußtsein und zur Abfuhr 
durchbricht. Was so entsteht, ist ein Symptom und demnach im Grunde 
eine sexuelle Ersatzbefriedigung, aber auch das Symptom kann sich dem 
Einfluß der verdrängenden Kräfte des Ichs noch nicht ganz entziehen, so 
daß es sich Abänderungen und Verschiebungen gefallen lassen muß, — 
ganz ähnlich wie der Traum — durch welche sein Charakter als Sexual- 
befriedigung unkenntlich wird. Das Symptom erhält so den Charakter einer 
Kompromißbildung zwischen den verdrängten Sexualtrieben und den ver- 
drängenden Ichtrieben, einer gleichzeitigen aber beiderseits unvollkommenen 
Wunscherfüllung für beide Partner des Konflikts. Dies gilt in voller Strenge 
für die Symptome der Hysterie, während an den Symptomen der Zwangs- 
neurose häufig der Anteil der verdrängenden Instanz durch Herstellung 
von Reaktionsbildungen (Sicherungen gegen die Sexualbefriedigung) zu 
stärkerem Ausdruck kommt. 

DIE ÜBERTRAGUNG. Wenn es noch eines weiteren Beweises für 
den Satz bedürfte, daß die Triebkräfte der neurotischen Symptombildung 



„Psychoanalyse" und „Libidotheorie" 213 

sexueller Natur sind, so würde er in der Tatsache gefunden werden, daß I 
sich regelmäßig während der analytischen Behandlung eine besondere Ge- 
fühlsbeziehung des Patienten zum Arzt herstellt, welche weit über das 
rationelle Maß hinausgeht, von der zärtlichsten Hingebung bis zur hart- 
näckigsten Feindseligkeit variiert, und alle ihre Eigentümlichkeiten früheren, 
unbewußt gewordenen Liebeseinstellungen des Patienten entlehnt. Diese 
Übertragung, welche sowohl in ihrer positiven wie in ihrer negativen 
Form in den Dienst des Widerstandes tritt, wird in den Händen des 
Arztes zum mächtigsten Hilfsmittel der Behandlung und spielt in der ' 
Dynamik des Heilungsvorganges eine kaum zu überschätzende Rolle. 

DIE GRUNDPFEILER DER PSYCHOANALYTISCHEN THEORIE. 
Die Annahme unbewußter seelischer Vorgänge, die Anerkennung der Lehre 
vom Widerstand und der Verdrängung, die Einschätzung der Sexualität und 
des Ödipus-Komplexes sind die Hauptinhalte der Psychoanalyse und die 
Grundlagen ihrer Theorie, und wer sie nicht alle gutzuheißen vermag, 
sollte sich nicht zu den Psychoanalytikern zählen. 

WEITERE SCHICKSALE DER PSYCHOANALYSE. Etwa so weit 
als im Vorstehenden angedeutet, war die Psychoanalyse durch die Arbeit 
des Referenten vorgeschritten, der sie durch länger als ein Jahrzehnt allein 
vertrat. Im Jahre igo6 begannen die Schweizer Psychiater E. Bleuler und 
C. G. Jung lebhaften Anteil an der Analyse zu nehmen, 1907 fand in 
Salzburg eine erste Zusammenkunft ihrer Anhänger statt, und bald sah 
sich die junge Wissenschaft im Mittelpunkt des Interesses der Psychiater 
wie der Laien. Die Art der Aufnahme in dem autoritätssüchtigen Deutsch- 
land war gerade nicht rühmlich für die deutsche Wissenschaft und forderte 
selbst einen so kühlen Parteigänger wie E. Bleuler zu einer energischen 
Abwehr heraus. Doch vermochten alle offiziellen Verurteilungen und Er- 
ledigungen auf Kongressen das innere Wachstum und die äußere Aus- 
breitung der Psychoanalyse nicht aufzuhalten, welche nun im Laufe der 
nächsten zehn Jahre weit über die Grenzen Europas vordrang und be- 
sonders in den Vereinigten Staaten Amerikas populär wurde, nicht zum 
mindesten dank der Förderung oder Mitarbeiterschaft von J. Putnam 
(Boston), Ernest Jones (Toronto, später London), Flournoy (Genf), Ferenczi 
(Budapest), Abraham (Berlin) und vieler anderer. Das über die Psycho- 
analyse verhängte Anathem veranlaßte ihre Anhänger sich zu einer inter- 
nationalen Organisation zusammenzuschließen, welche in diesem Jahre 
(1922) ihren achten Privatkongreß in Berlin abhält und gegenwärtig die 



214 Schriften aus den Jakren 192} — 1926 

Ortsgruppen: Wien, Budapest, Berlin, Holland, Zürich, London, New York, 
Kalkutta und Moskau umfaßt. Auch der Weltkrieg unterbrach diese Ent- 
wicklung nicht. 1918/19 wurde von Dr. Anton v. Freund (Budapest) der 
Internationale Psychoanalytische Verlag gegründet, der die der 
Psychoanalyse dienenden Zeitschriften und Bücher publiziert, 1920 wurde 
von Dr. M. Eitingon die erste „Psychoanalytische Poliklinik" zur Behand- 
lung mittelloser Nervöser in Berlin eröffnet. Übersetzungen der Hauptwerke 
des Beferenten ins Französische, Italienische und Spanische, die eben jetzt 
vorbereitet werden, bezeugen das Erwachen des Interesses für die Psycho- 
analyse auch in der romanischen Welt. In den Jahren 1911 bis 1913 
zweigten von der Psychoanalyse zwei Richtungen ab, welche offenbar be- 
strebt waren, die Anstößigkeiten derselben zu mildern. Die eine, von 
C. G. Jung eingeschlagene, suchte ethischen Ansprüchen gerecht zu werden, 
entkleidete den Ödipus-Komplex seiner realen Bedeutung durch symboli- 
sierende Umwertung und vernachlässigte in der Praxis die Aufdeckung der 
vergessenen, „prähistorisch" zu nennenden Kindheitsperiode. Die andere, 
die Alf. Adler in Wien zum Urheber hat, brachte manche Momente der 
Psychoanalyse unter anderem Namen wieder, z. B. die Verdrängung in 
sexualisierter Auffassung als „männlichen Protest", sah aber sonst vom Un- 
bewußten und von den Sexualtrieben ab und versuchte Charakter- wie 
Neurosenentwicklung auf den Willen zur Macht zurückzuführen, der die 
aus Organminderwertigkeiten drohenden Gefahren durch Überkompensation 
hintanzuhalten strebt. Beide systemartig ausgebauten Richtungen haben die 
Entwicklung der Psychoanalyse nicht nachhaltig beeinflußt; von der Adler- 
schen ist bald klar geworden, daß sie mit der Psychoanalyse, die sie er- 
setzen wollte, zu wenig gemein hat. 

NEUERE FORTSCHRITTE DER PSYCHOANALYSE. Seitdem die 
Psychoanalyse Arbeitsgebiet einer so großen Zahl von Beobachtern geworden 
ist, hat sie Bereicherungen und Vertiefungen gewonnen, denen in diesem 
Aufsatz leider nur die knappste Erwähnung zuteil werden kann. 

DER NARZISSMUS. Ihr wichtigster theoretischer Fortschritt war wohl 
die Anwendung der Libidolehre auf das verdrängende Ich. Man kam dazu, 
sich das Ich selbst als ein Reservoir von — narzißtisch genannter — 
Libido vorzustellen, aus welchem die Libidobesetzungen der Objekte er- 
fließen und in welches diese wieder eingezogen weiden können. Mit Hilfe 
dieser Vorstellung wurde es möglich, an die Analyse des Ichs heranzutreten 
und die klinische Scheidung der Psychoneurosen in Übertragungs- 



„Psychoanalyse und „Libidotheorie" 215 

neurosen und narzißtische Affektionen vorzunehmen. Bei den ersteren 
(Hysterie und Zwangsneurose) ist ein nach Übertragung auf fremde Objekte 
strebendes Maß von Libido verfügbar, welches zur Durchführung der 
analytischen Behandlung in Anspruch genommen wird; die narzißtischen 
Störungen (Dementia praecox, Paranoia, Melancholie) sind im Gegenteil 
durch die Abziehung der Libido von den Objekten charakterisiert und 
darum der analytischen Therapie kaum zugänglich. Diese therapeutische 
Unzulänglichkeit hat aber die Analyse nicht behindert, die reichhaltigsten 
Ansätze zum tieferen Verständnis dieser den Psychosen zugerechneten Leiden 
zu machen. 

WENDUNG DER TECHNIK. Nachdem die Ausbildung der Deutungs- 
technik sozusagen die Wißbegierde des Analytikers befriedigt hatte, mußte 
sich das Interesse dem Problem zuwenden, auf welchen Wegen die zweck- 
dienlichste Beeinflussung des Patienten zu erreichen sei. Es ergab sich 
bald als die nächste Aufgabe des Arztes, dem Patienten zur Kenntnis und 
später zur Überwindung der Widerstände zu verhelfen, die während der 
Behandlung bei ihm auftreten und die ihm anfänglich selbst nicht bewußt 
sind. Auch erkannte man gleichzeitig, daß das wesentliche Stück der 
Heilungsarbeit in der Überwindung dieser Widerstände besteht, und daß 
ohne diese Leistung eine dauerhafte seelische Veränderung des Patienten 
nicht erzielt werden kann. Seitdem sich die Arbeit des Analytikers so auf 
den Widerstand des Kranken einstellt, hat die analytische Technik eine 
Bestimmtheit und Feinheit gewonnen, die mit der chirurgischen Technik 
wetteifert. Es ist also dringend davon abzuraten, daß man ohne strenge 
Schulung psychoanalytische Behandlungen unternimmt, und der Arzt, der 
solches im Vertrauen auf sein staatlich anerkanntes Diplom wagt, ist um 
nichts besser als ein Laie. 

DIE PSYCHOANALYSE ALS THERAPEUTISCHE METHODE. 
Die Psychoanalyse hat sich nie für eine Panazee ausgegeben oder bean- 
sprucht Wunder zu tun. Auf einem der schwierigsten Gebiete ärztlicher 
Tätigkeit ist sie für einzelne Leiden die einzig mögliche, für andere die 
Methode, welche die besten oder dauerhaftesten Resultate liefert, niemals 
ohne entsprechenden Aufwand an Zeit und Arbeit. Dem Arzt, welcher 
nicht ganz in der Aufgabe der Hilfeleistung aufgeht, lohnt sie die Mühe 
reichlich durch ungeahnte Einsichten in die Verwicklungen des seelischen 
Lebens und die Zusammenhänge zwischen Seelischem und Leiblichem. 
Wo sie gegenwärtig nicht Abhilfe, sondern nur theoretisches Verständnis 



2l6 



Schriften aus den Jahren 1J2} — iy26 



bieten kann, bahnt sie vielleicht den Weg für eine spätere direktere Be- 
einflussung der neurotischen Störungen. Ihr Arbeitsgebiet sind vor allem 
die beiden Übertragungsneurosen, Hysterie und Zwangsneurose, bei denen 
sie zur Aufdeckung der inneren Struktur und der wirksamen Mechanismen 
beigetragen hat, außerdem aber alle Arten von Phobien, Hemmungen, 
Charakterverbildungen, sexuelle Perversionen und Schwierigkeiten des 
Liebeslebens. Nach Angaben einiger Analytiker ist auch die analytische 
Behandlung grober Organerkrankungen nicht aussichtslos (Jelliffe, Groddeck, 
Felix Deutsch), da nicht selten ein psychischer Faktor an der Entstehung 
und Erhaltung dieser Affektionen mit beteiligt ist. Da die Psychoanalyse 
ein Maß von psychischer Plastizität bei ihren Patienten in Anspruch nimmt, 
muß sie sich bei deren Auswahl an gewisse Altersgrenzen halten, und da 
sie eine lange und intensive Beschäftigung mit dem einzelnen Kranken 
bedingt, wäre es unökonomisch, solchen Aufwand an völlig wertlose In- 
dividuen, die nebenbei auch neurotisch sind, zu vergeuden. Welche Modi- 
fikationen erforderlich sind, um das psychoanalytische Heilverfahren breiteren 
Volksschichten zugänglich zu machen und schwächeren Intelligenzen an- 
zupassen, muß erst die Erfahrung an poliklinischem Material lehren. 




IHB VEBGLEICH MIT HYPNOTISCHEN UND SUGGESTIVEN 
METHODEN. Das psychoanalytische Verfahren unterscheidet sich von allen 
suggestiven, persuasiven u. dgl. darin, daß es kein seelisches Phänomen beim 
Patienten durch Autorität unterdrücken will. Es sucht die Verursachung 
des Phänomens zu ergründen und es durch dauernde Veränderung seiner 
Entstehungsbedingungen aufzuheben. Den unvermeidlichen suggestiven Ein- 
fluß des Arztes lenkt man in der Psychoanalyse auf die dem Kranken zu- 
geteilte Aufgabe, seine Widerstände zu überwinden, d. h. die Heilungsarbeit 
zu leisten. Gegen die Gefahr, die Erinnerungsangaben des Kranken suggestiv 
zu verfälschen, schützt man sich durch vorsichtige Handhabung der Technik. 
Im allgemeinen ist man aber gerade durch die Erweckung der Widerstände 
gegen irreführende Wirkungen des suggestiven Einflusses geschützt. Als das 
Ziel der Behandlung kann hingestellt werden, durch die Aufhebung der 
Widerstände und Nachprüfung der Verdrängungen des Kranken die weit- 
gehendste Vereinheitlichung und Stärkung seines Ichs herbeizuführen, ihm 
den psychischen Aufwand für innere Konflikte zu ersparen, das beste aus 
ihm zu gestalten, was er nach Anlagen und Fähigkeiten werden kann, und 
ihn so nach Möglichkeit leistungs- und genußfähig zu machen. Die Be- 
seitigung der Leidenssymptome wird nicht als besonderes Ziel angestrebt. 






„Psychoanalyse und „Libidotheorie 217 

sondern ergibt sich bei regelrechter Ausführung der Analyse gleichsam als 
Nebengewinn. Der Analytiker respektiert die Eigenart des Patienten, sucht 
ihn nicht nach seinen — des Arztes — persönlichen Idealen umzumodeln 
und freut sich, wenn er sich Ratschläge ersparen und dafür die Initiative 
des Analysierten wecken kann. 

IHR VERHÄLTNIS ZUR PSYCHIATRIE. Die Psychiatrie ist gegen- 
wärtig eine wesentlich deskriptive und klassifizierende Wissenschaft, welche 
immer noch mehr somatisch als psychologisch orientiert ist, und der es 
an Erklärungsmöglichkeiten für die beobachteten Phänomene fehlt. Die 
Psychoanalyse steht aber nicht im Gegensatz zu ihr, wie man nach dem 
nahezu einmütigen Verhalten der Psychiater glauben sollte. Sie ist vielmehr 
als Tiefenpsychologie, Psychologie der dem Bewußtsein entzogenen Vor- 
gänge im Seelenleben, dazu berufen, ihr den unerläßlichen Unterbau zu 
liefern und ihren heutigen Einschränkungen abzuhelfen. Die Zukunft wird 
voraussichtlich eine wissenschaftliche Psychiatrie erschaffen, welcher die 
Psychoanalyse als Einführung gedient hat. 

KRITIKEN UND MISSVERSTÄNDNISSE DER PSYCHO- 
ANALYSE. Das meiste, was auch in wissenschaftlichen Werken gegen 
die Psychoanalyse vorgebracht wird, beruht auf ungenügender Information, 
die ihrerseits durch affektive Widerstände begründet scheint. So ist es irrig, 
der Psychoanalyse „Pansexualismus" vorzuwerfen und ihr nachzusagen, 
daß sie alles seelische Geschehen von der Sexualität ableite und auf sie 
zurückführe. Die Psychoanalyse hat vielmehr von allem Anfang an die 
Sexualtriebe von anderen unterschieden, die sie vorläufig „Ichtriebe" genannt 
hat. Es ist ihr nie eingefallen, „Alles" erklären zu wollen, und selbst die 
Neurosen hat sie nicht aus der Sexualität allein, sondern aus dem Kon- 
flikt zwischen den sexuellen Strebungen und dem Ich abgeleitet. Der 
Name Libido bedeutet in der Psychoanalyse (außer bei C. G. Jung) nicht 
psychische Energie schlechtweg, sondern die Triebkraft der Sexualtriebe. 
Gewisse Behauptungen, wie daß jeder Traum eine sexuelle Wunscherfüllung 
sei, sind überhaupt niemals aufgestellt worden. Der Vorwurf der Einseitig- - ^ 
keit ist gegen die Psychoanalyse, die als Wissenschaft vom seelisch j 
Unbewußten ihr bestimmtes und beschränktes Arbeitsgebiet hat, ebenso 
unangebracht, wie wenn man ihn gegen die Chemie erheben würde. Ein / 
böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Mißverständnis ist es, wenn [ 
man meint die Psychoanalyse erwarte die Heilung neurotischer Beschwerden 
vom freien Ausleben" der Sexualität. Das Bewußtmachen der verdrängten ! 



si8 Schriften aus den Jahren I<}2} — 1926 



Sexualgelüste in der Analyse ermöglicht vielmehr eine Beherrschung der- 
selben, die durch die vorgängige Verdrängung nicht zu erreichen war. Man 
kann mit mehr Recht sagen, daß die Analyse den Neurotiker von den Fesseln 
seiner Sexualität befreit. Es ist ferner durchaus unwissenschaftlich, die Psycho- 
analyse danach zu beurteilen, ob sie geeignet ist, Religion, Autorität und 
Sittlichkeit zu untergraben, da sie wie alle Wissenschaft durchaus tendenz- 
frei ist und nur die eine Absicht kennt, ein Stück der Realität widerspruchs- 
frei zu erfassen. Endlich darf man es gerade als einfältig bezeichnen, wenn 
man auf die Befürchtung stößt, die sogenannten höchsten Güter der Mensch- 
heit, Forschung, Kunst, Liebe, sittliches und soziales Empfinden, würden 
ihren Wert oder ihre Würde einbüßen, weil die Psychoanalyse in der Lage 
ist, deren Abkunft von elementaren, animalischen Triebregungen aufzuzeigen. 

DIE NICHT MEDIZINISCHEN ANWENDUNGEN UND BE- 
ZIEHUNGEN DER PSYCHOANALYSE. Die Würdigung der Psycho- 
analyse würde unvollständig sein, wenn man versäumte mitzuteilen, daß 
sie als die einzige unter den medizinischen Disziplinen die breitesten Be- 
ziehungen zu den Geisteswissenschaften hat und im Begriffe ist, für Reli- 
gions- und Kulturgeschichte, Mythologie und Literaturwissenschaft eine 
ähnliche Bedeutung zu gewinnen wie für die Psychiatrie. Dies könnte 
Wunder nehmen, wenn man erwägt, daß sie ursprünglich kein anderes Ziel 
hatte als das Verständnis und die Beeinflussung neurotischer Symptome. 
Allein es ist leicht anzugeben, an welcher Stelle die Brücke zu den Geistes- 
wissenschaften geschlagen wurde. Als die Analyse der Träume Einsicht in 
die unbewußten seelischen Vorgänge gab und zeigte, daß die Mechanismen, 
welche die pathologischen Symptome schaffen, auch im normalen Seelen- 
leben tätig sind, wurde die Psychoanalyse zur Tiefenpsychologie und 
als solche der Anwendung auf die Geisteswissenschaften fähig, konnte eine 
gute Anzahl von Fragen lösen, vor denen die schulgemäße Bewußtseins- 
psychologie ratlos Halt machen mußte. Frühzeitig schon stellten sich die 
Beziehungen zur menschlichen Phylogenese her. Man erkannte, wie häufig 
die pathologische Funktion nichts anderes ist als Regression zu einer 
früheren Entwicklungsstufe der normalen. C. G. Jung wies zuerst nach- 
drücklich auf die überraschende Übereinstimmung zwischen den wüsten 
Phantasien der Dementia-praecox-Kranken mit den Mythenbildungen primi- 
tiver Völker hin; Referent machte aufmerksam, daß die beiden Wunsch- 
regungen, welche den Ödipus-Komplex zusammensetzen, sich inhaltlich voll 
mit den beiden Hauptverboten des Totemismus decken (den Ahnherrn nicht 









„Psychoanalyse" und „Libülot/ieorie" 21g 



zu töten und kein Weib der eigenen Sippe zu ehelichen), und zog daraus 
weitgehende Schlüsse. Die Bedeutung des Ödipus-Komplexes begann zu 
gigantischem Maß zu wachsen, man gewann die Ahnung, daß staatliche 
Ordnung, Sittlichkeit, Recht und Religion in der Urzeit der Menschheit 
miteinander als Reaktionsbildung auf den Ödipus-Komplex entstanden seien. 
Otto Rank warf helle Lichter auf Mythologie und Literaturgeschichte durch 
Anwendung der psychoanalytischen Einsichten, ebenso Th. Reik auf die 
Geschichte der Sitten und Religionen, der Pfarrer O. Pfister (Zürich) weckte 
das Interesse der Seelsorger und Lehrer und ließ den Wert psychoanaly- 
tischer Gesichtspunkte für die Pädagogik verstehen. Weitere Ausführungen 
über diese Anwendungen der Psychoanalyse sind hier nicht am Platze; möge 
die Bemerkung genügen, daß deren Ausdehnung noch nicht abzusehen ist. 

CHARAKTER DER PSYCHOANALYSE ALS EMPIRISCHE 
WISSENSCHAFT. Die Psychoanalyse ist kein System wie die philosophi- 
schen, das von einigen scharf definierten Grundbegriffen ausgeht, mit diesen 
das Weltganze zu erfassen sucht, und dann, einmal fertig gemacht, keinen 
Raum mehr hat für neue Funde und bessere Einsichten. Sie haftet viel- 
mehr an den Tatsachen ihres Arbeitsgebietes, sucht die nächsten Probleme 
der Beobachtung zu lösen, tastet sich an der Erfahrung weiter, ist immer 
unfertig, immer bereit, ihre Lehren zurechtzurücken oder abzuändern. Sie 
verträgt es so gut wie die Physik oder die Chemie, daß ihre obersten 
Begriffe unklar, ihre Voraussetzungen vorläufige sind, und erwartet eine 
schärfere Bestimmung derselben von zukünftiger Arbeit. 

II 

Libidotheorie 

LIBIDO ist ein Terminus aus der Trieblehre, zur Bezeichnung des 
dynamischen Ausdrucks der Sexualität^ schon von A. Moll in diesem Sinne 
gebraucht (Untersuchungen über die Libido sexualis 1898), vom Referenten 
in die Psychoanalyse eingeführt. Im folgenden soll nur dargestellt werden, 
welche Entwicklungen, die noch nicht abgeschlossen sind, die Trieblehre 
in der Psychoanalyse erfahren hat. 

GEGENSATZ VON SEXUALTRIEBEN UND ICHTRIEßEN. 
Die Psychoanalyse, die bald erkannte, daß sie alles seelische Geschehen über 
dem Kräftespiel der elementaren Triebe aufbauen müsse, sah sich in der 



\ 



220 Schriften aus den Jahren 192) — 1926 






übelsten Lage, da es in der Psychologie eine Trieblehre nicht gab und ihr 
niemand sagen konnte, was ein Trieb eigentlich ist. Es herrschte vollste 
Willkür, jeder Psychologe pflegte solche und so viele Triebe anzunehmen, 
als ihm beliebte. Das erste Erscheinungsgebiet, welches die Psychoanalyse 
studierte, waren die sogenannten Übertragungsneurosen (Hysterie und Zwangs- 
neurose). Die Symptome derselben entstanden dadurch, daß sexuelle Trieb- 
regungen von der Persönlichkeit (dem Ich) abgewiesen (verdrängt) worden 
waren und sich auf Umwegen durch das Unbewußte einen Ausdruck ver- 
schafft hatten. Somit konnte man zurechtkommen, wenn man den Sexual- 
trieben Ichtriebe (Selbsterhaltungstriebe) entgegenstellte, und befand 
sich dann in Übereinstimmung mit der populär gewordenen Aussage des 
Dichters, der das Weltgetriebe „durch Hunger und durch Liebe" erhalten 
werden läßt. Die Libido war in gleichem Sinne die Kraftäußerung der 
Liebe, wie der Hunger des Selbsterhaltungstriebes. Die Natur der Ichtriebe 
blieb dabei zunächst unbestimmt und der Analyse unzugänglich wie alle 
anderen Charaktere des Ichs. Ob und welche qualitativen Unterschiede 
zwischen beiden Triebarten anzunehmen sind, war nicht anzugeben. 

DIE URLIBIDO. Diese Dunkelheit versuchte C. G. Jung auf spekula- 
tivem Wege zu überwinden, indem er nur eine einzige Urlibido annahm, 
die sexualisiert und desexualisiert werden konnte, und also im Wesen mit 
der seelischen Energie überhaupt zusammenfiel. Diese Neuerung war metho- 
disch anfechtbar, sie stiftete viel Verwirrung, setzte den Terminus Libido 
zu einem überflüssigen Synonym herab und mußte in der Praxis doch 
immer zwischen sexueller und asexueller Libido unterscheiden. Der Unter- 
schied zwischen den Sexualtrieben und den Trieben mit anderen Zielen 
war eben auf dem Wege einer neuen Definition nicht aufzuheben. 

DIE SUBLIMIERUNG. Das bedächtige Studium der allein analytisch 
zugänglichen Sexualstrebungen hatte unterdes bemerkenswerte Einzelein- 
sichten ergeben. Was man den Sexualtrieb nannte, war hoch zusammen- 
gesetzt und konnte wieder in seine Partialtriebe zerfallen. Jeder Partialtrieb 
war unabänderlich charakterisiert durch seine Quelle, nämlich die Körper- 
region oder Zone, aus welcher er seine Erregung bezog. Außerdem war an 
ihm ein Objekt und ein Ziel zu unterscheiden. Das Ziel war immer 
die Befriedigungsabfuhr, es konnte aber eine Wandlung von der Aktivität 
zur Passivität erfahren. Das Objekt hing dem Trieb minder fest an als 
man zunächst gemeint hatte, es wurde leicht gegen ein anderes eingetauscht, 
auch konnte der Trieb, der ein äußeres Objekt gehabt hatte, gegen die 



^Psychoanalyse" und „Libidotheorie" 221 



eigene Person gewendet werden. Die einzelnen Triebe konnten unabhängig 
voneinander bleiben oder — in noch unvorstellbarer Weise — sich kom- 
binieren, zur gemeinsamen Arbeit verschmelzen. Sie konnten auch für- 
einander eintreten, einander ihre Libidobesetzung übertragen, so daß die 
Befriedigung des einen an Stelle der Befriedigung der anderen trat. Am 
bedeutsamsten erschien das Triebschicksal der Sublimierung, bei dem 
Objekt und Ziel gewechselt werden, so daß der ursprünglich sexuelle Trieb 
nun in einer nicht mehr sexuellen, sozial oder ethisch höher gewerteten 
Leistung Befriedigung findet. Alles dies sind Züge, welche sich noch zu 
keinem Gesamtbild zusammensetzen. 

DER NARZISSMUS. Ein entscheidender Fortschritt erfolgte, als man 
sich an die Analyse der Dementia praecox und anderer psychotischer Affek- 
tionen heranwagte und somit das Ich selbst zu studieren begann, das man 
bisher nur als verdrängende und widerstrebende Instanz gekannt hatte. Man 
erkannte als den pathogenen Vorgang bei der Demenz, daß die Libido von 
den Objekten abgezogen und ins Ich eingeführt wird, während die lärmenden 
Krankheitserscheinungen von dem vergeblichen Bestreben der Libido her- 
rühren, den Rückweg zu den Objekten zu finden. Es war also möglich, 
daß sich Objektlibido in Ichbesetzung umwandte, und umgekehrt. Weitere 
Erwägungen zeigten, daß dieser Vorgang im größten Ausmaß anzunehmen 
sei, daß das Ich vielmehr als ein großes Libidoreservoir angesehen werden 
mußte, aus dem Libido auf die Objekte entsandt wird, und das immer 
bereit ist. die von den Objekten rückströmende Libido aufzunehmen. Die 
Selbsterhaltungstriebe waren also auch libidinöser Natur, es waren Sexual- 
triebe, die anstatt der äußeren Objekte das eigene Ich zum Objekt genommen 
hatten. Man kannte aus der klinischen Erfahrung Personen, die sich in auf- 
fälliger Weise so benahmen, als wären sie in sich selbst verliebt, und hatte 
diese Perversion Narzißmus genannt. Nun hieß man die Libido der Selbst- 
erhaltungstriebe narzißtische Libido und anerkannte ein hohes Maß von 
solcher Selbstliebe als den primären und normalen Zustand. Die frühere 
Formel für die Übertragungsneurosen bedurfte jetzt zwar nicht einer Kor- 
rektur, aber doch einer Modifikation; anstatt von einem Konflikt zwischen 
Sexualtrieben und Ichtrieben sprach man besser vom Konflikt zwischen 
Objektlibido und Ichlibido, oder, da die Natur der Triebe dieselbe war, 
zwischen den Objektbesetzungen und dem Ich. 

SCHEINBARE ANNÄHERUNG AN DIE JUNGSCHE AUFFASSUNG. 
Auf solche Art gewann es den Anschein, als ob auch die langsame psycho- 



222 Schriften aus den Jahren 1^2) — I'J2 6 






analytische Forschung der Jungschen Spekulation' von der Urlibido nach- 
gekommen wäre, besonders da mit der Umwandlung der Objektlibido in 
Narzißmus eine gewisse Desexualisierung, ein Aufgeben der speziellen Sexual- 
ziele, unvermeidlich verbunden ist. Indes drängt sich die Erwägung auf, 
daß, wenn die Selbsterhaltungstriebe des Ichs als libidinös anerkannt sind, 
damit noch nicht bewiesen ist, daß im Ich keine anderen Triebe wirken. 

DER HERDENTRIEB. Von vielen Seiten wird behauptet, daß es einen 
besonderen, angeborenen und nicht weiter auflösbaren „Herdentrieb" gibt, der 
das soziale Verhalten der Menschen bestimmt, die einzelnen zur Vereinigung 
in größeren Gemeinschaften drängt. Die Psychoanalyse muß dieser Auf- 
stellung widersprechen. Wenn der soziale Trieb auch angeboren sein mag, 
so ist er doch ohne Schwierigkeit auf ursprünglich libidinöse Objekt- 
besetzungen zurückzuführen und entwickelt sich beim kindlichen Indivi- 
duum als Reaktionsbildung auf feindselige Rivalitätseinstellungen. Er beruht 
auf einer besonderen Art von Identifizierung mit dem anderen. 

ZIELGEHEMMTE SEXUALSTREBUNGEN. Die sozialen Triebe 
gehören zu einer Klasse von Triebregungen, die man noch nicht sublimierte 
zu nennen braucht, wenngleich sie diesen nahestehen. Sie haben ihre direkt" 
sexuellen Ziele nicht aufgegeben, werden aber von der Erreichung derselben 
durch innere Widerstände abgehalten, begnügen sich mit gewissen An- 
näherungen an die Befriedigung und stellen gerade darum besonders feste 
und dauerhafte Bindungen unter den Menschen her. Von dieser Art sind 
insbesondere die ursprünglich vollsexuellen Zärtlichkeitsbeziehungen zwischen 
Eltern und Kindern, die Gefühle der Freundschaft und die aus sexueller 
Zuneigung hervorgegangenen Gefühlsbindungen in der Ehe. 

ANERKENNUNG ZWEIER TRIEBARTEN IM SEELENLEBEN. 
Während die psychoanalytische Arbeit sonst bestrebt ist, ihre Lehren mög- 
lichst unabhängig von denen anderer Wissenschaften zu entwickeln, sieht 
sie sich doch genötigt, für die Trieblehre Anlehnung bei der Biologie zu 
suchen. Auf Grund weitläufiger Erwägungen über die Vorgänge, die das 
Leben ausmachen und die zum Tode führen, wird es wahrscheinlich, daß 
man zwei Triebarten anzuerkennen hat, entsprechend den entgegengesetzten 
Prozessen von Aufbau und Abbau im Organismus. Die einen Triebe, die 
im Grunde geräuschlos arbeiten, verfolgten das Ziel, das lebende Wesen 
zum Tode zu führen, verdienten darum den Namen der „Todestriebe" 
und würden, durch das Zusammenwirken der vielen zelligen Elementar- 



1 



„Psychoanalyse* und „Libidotheorie" 223 

Organismen nach außen gewendet, als Destruktions- oder Aggressions- 
tendenzen zum Vorschein kommen. Die anderen wären die uns analytisch 
besser bekannten libidinösen Sexual- oder Lebenstriebe, am besten als Eros 
zusammengefaßt, deren Absicht es wäre, aus der lebenden Substanz immer 
größere Einheiten zu gestalten, somit die Fortdauer des Lebens zu erhalten 
und es zu höheren Entwicklungen zu fuhren. In den Lebewesen wären die 
erotischen und die Todestriebe regelmäßige Vermischungen, Legierungen, 
eingegangen; es wären aber auch Entmischungen derselben möglich; das 
Leben bestünde in den Äußerungen des Konflikts oder der Interferenz 
beider Triebarten und brächte dem Individuum den Sieg der Destruktions- 
triebe durch den Tod, aber auch den Sieg des Eros durch die Fortpflanzung. 

DIE NATUR DER TRIEBE. Auf dem Boden dieser Auffassung läßt 
sich für die Triebe die Charakteristik geben, sie seien der lebenden Substanz 
innewohnende Tendenzen zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, 
also historisch bedingt, konservativer Natur, und gleichsam der Ausdruck 
einer Trägheit oder Elastizität des Organischen. Beide Triebarten, der Eros 
wie der Todestrieb, würden von der ersten Entstehung des Lebens an wirken 
und gegen einander arbeiten. 



DIE WIDERSTÄNDE GEGEN DIE 
PSYCHOANALYSE 

Erschien zuerst französisch in „La Revue 
Juiue" ip2f, dann deutsch in der -Imago", 
Bd.XI,i 92S . 

Wenn sich der Säugling auf dem Arm der Pflegerin schreiend 
von einem fremden Gesicht abwendet, der Fromme den neuen 
Zeitabschnitt mit einem Gebet eröffnet, aber auch die Erstlingsfrucht 
des Jahres mit einem Segensspruch begrüßt, wenn der Bauer eine 
Sense zu kaufen verweigert, welche nicht die seinen Eltern ver- 
traute Fabriksmarke trägt, so ist die Verschiedenheit dieser Situ- 
ationen augenfällig und der Versuch scheint berechtigt, jede der- 
selben auf ein anderes Motiv zurückzuführen. 

Doch wäre es unrecht, das ihnen Gemeinsame zu verkennen. 
In allen Fällen handelt es sich um die nämliche Unlust, die beim 
Kinde elementaren Ausdruck findet, beim Frommen kunstvoll be- 
schwichtigt, beim Bauern zum Motiv einer Entscheidung gemacht 
wird. Die Quelle dieser Unlust aber ist der Anspruch, den das 
Neue an das Seelenleben stellt, der psychische Aufwand, den es 
fordert, die bis zur angstvollen Erwartung gesteigerte Unsicherheit, 
die es mit sich bringt. Es wäre reizvoll, die seelische Reaktion auf 
das Neue an sich zum Gegenstand einer Studie zu machen, denn 
unter gewissen, nicht mehr primären Bedingungen wird auch das 
gegenteilige Verhalten beobachtet, ein Reizhunger, der sich auf alles 
Neue stürzt, und darum, weil es neu ist. 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 225 

Im wissenschaftlichen Betrieb sollte für die Scheu vor dem Neuen 
kein Raum sein. In ihrer ewigen Unvollständigkeit und Unzuläng- 
lichkeit ist die Wissenschaft darauf angewiesen, ihr Heil von neuen 
Entdeckungen und neuen Auffassungen zu erhoffen. Um nicht zu 
leicht getäuscht zu werden, tut sie gut daran, sich mit Skepsis zu 
wappnen, nichts Neues anzunehmen, das nicht eine strenge Prüfung 
bestanden hat. Allein gelegentlich zeigt dieser Skeptizismus zwei 
unvermutete Charaktere. Er richtet sich scharf gegen das Neu- 
ankommende, während er das bereits Bekannte und Geglaubte 
respektvoll verschont und er begnügt sich damit zu verwerfen, auch 
ehe er untersucht hat. Dann enthüllt er sich aber als die Fort- 
setzung jener primitiven Reaktion gegen das Neue, als ein Deck- 
mantel für deren Erhaltung. Es ist allgemein bekannt, wie oft es sich 
in der Geschichte der wissenschaftlichen Forschung zugetragen hat, 
daß Neuerungen von einem intensiven und hartnäckigen Widerstand 
empfangen wurden, wo dann der weitere Verlauf zeigte, daß der 
Widerstand unrecht hatte und daß die Neuheit wertvoll und be- 
deutsam war. In der Regel waren es gewisse inhaltliche Momente 
des Neuen, die den Widerstand provozierten, und auf der anderen 
Seite mußten mehrere Momente zusammenwirken, um den Durch- 
bruch der primitiven Reaktion zu ermöglichen. 

Einen besonders Übeln Empfang hat die Psychoanalyse ge- 
funden, die der Autor vor nahezu dreißig Jahren aus den Funden 
von Josef Breuer in Wien über die Entstehung neurotischer 
Symptome zu entwickeln begann. Ihr Charakter als Neuheit ist 
unbestreitbar, wenngleich sie außer diesen Entdeckungen reich- 
liches Material verarbeitete, das anderswoher bekannt war, Er- 
gebnisse der Lehren des großen Neuropathologen Charcot und 
Eindrücke aus der Welt der hypnotischen Phänomene. Ihre Be- 
deutung war ursprünglich eine rein therapeutische, sie wollte eine 
neue wirksame Behandlung der neurotischen Erkrankungen schaffen. 
Aber Zusammenhänge, die man zunächst nicht ahnen konnte, 
ließen die Psychoanalyse weit über ihr anfängliches Ziel hinaus- 

Freud XI. »5 



2Q 6 Schriften aus den Jahren IJ2) — l'}26 



greifen. Sie erhob endlich den Anspruch, unsere Auffassung des 
Seelenlebens überhaupt auf eine neue Basis gestellt zu haben und 
darum für alle Wissensgebiete wichtig zu sein, die auf Psychologie 
gegründet sind. Nach einem Jahrzehnt völliger Vernachlässigung 
wurde sie plötzlich Gegenstand des allgemeinsten Interesses und — 
entfesselte einen Sturm von entrüsteter Ablehnung. 

In welchen Formen der Widerstand gegen die Psychoanalyse 
Ausdruck gefunden hat, sei hier beiseite gelassen. Es genüge die 
Bemerkung, daß der Kampf um diese Neuerung noch keineswegs 
zu Ende gekommen ist. Doch ist bereits zu erkennen, welche 
Richtung er nehmen wird. Es ist der Gegnerschaft nicht gelungen, 
die Bewegung zu unterdrücken. Die Psychoanalyse, deren einziger 
Vertreter ich vor zwanzig Jahren war, hat seither zahlreiche be- 
deutende und eifrig arbeitende Anhänger gefunden, Ärzte und 
Nichtärzte, die sie als Verfahren der Behandlung von nervös 
Kranken ausüben, als Methode der psychologischen Forschung 
pflegen und als Hilfsmittel der wissenschaftlichen Arbeit auf den 
mannigfaltigsten Gebieten des geistigen Lebens anwenden. Unser 
Interesse soll sich hier nur auf die Motivierung des Widerstandes 
gegen die Psychoanalyse richten, die Zusammengesetztheit des- 
selben und die verschiedene Weitigkeit. seiner Komponenten be- 
sonders beachten. 

Die klinische Betrachtung muß die Neurosen in die Nähe der 
Intoxikationen oder solcher Leiden wie die Basedowsche Krank- 
heit rücken. Das sind Zustände, die durch den Überschuß oder 
relativen Mangel an bestimmten sehr wirksamen Stoffen entstehen, 
ob sie nun im Körper selbst gebildet oder von außen eingeführt 
werden, also eigentlich Störungen des Chemismus, Toxikosen. Ge- 
länge es jemand, den oder die hypothetischen Stoffe, die für die 
Neurosen in Betracht kommen, zu isolieren und aufzuzeigen, so 
hätte sein Fund keinen Einspruch von Seite der Ärzte zu besorgen. 
Allein dazu führt vorläufig noch kein Weg. Wir können zunächst 
nur vom Symptombild der Neurose ausgehen, das z. B. im Falle 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 227 

der Hysterie aus körperlichen und seelischen Störungen zusammen- 
gesetzt ist. Nun lehrten die Experimente von Charcot sowie die 
Krankenbeobachtungen von Breuer, daß auch die körperlichen Sym- 
ptome der Hysterie psychogen, d. h. Niederschläge abgelaufener 
seelischer Prozesse sind. Durch das Mittel der Versetzung in den 
hypnotischen Zustand war man imstande, die somatischen Sym- 
ptome der Hysterie nach Willkür künstlich zu erzeugen. 

Diese neue Erkenntnis griff die Psychoanalyse auf und begann 
damit, sich die Frage vorzulegen, welches die Natur jener psy- 
chischen Prozesse sei, die so ungewöhnliche Folgen hinterlassen. 
Aber diese Forschungsrichtung war nicht nach dem Sinn der leben- 
den Ärztegeneration. Die Mediziner waren in der alleinigen Hoch- 
schätzung anatomischer, physikalischer und chemischer Momente 
erzogen worden. Für die Würdigung des Psychischen waren sie 
nicht vorbereitet, also brachten sie diesem Gleichgültigkeit und Ab- 
neigung entgegen. Offenbar bezweifelten sie, daß psychische Dinge 
überhaupt eine exakte wissenschaftliche Behandlung zulassen. In 
übermäßiger Reaktion auf eine überwundene Phase, in der die 
Medizin von den Anschauungen der sogenannten Naturphilosophie 
beherrscht wurde, erschienen ihnen Abstraktionen, wie die, mit denen 
die Psychologie arbeiten muß, als nebelhaft, phantastisch, mystisch; 
merkwürdigen Phänomenen aber, an welche die Forschung hätte 
anknüpfen können, versagten sie einfach den Glauben. Die Sym- 
ptome der hysterischen Neurose galten als Erfolg der Simulation, 
die Erscheinungen des Hypnotismus als Schwindel. Selbst die Psy- 
chiater, zu deren Beobachtung sich doch die ungewöhnlichsten und 
verwunderlichsten seelischen Phänomene drängten, zeigten keine 
Neigung, deren Details zu beachten und ihren Zusammenhängen 
nachzuspüren. Sie begnügten sich damit, die Buntheit der Krank- 
heitserscheinungen zu klassifizieren und sie, wo immer es nur an- 
ging, auf somatische, anatomische oder chemische Störungsursachen 
zurückzuführen. Tn dieser materialistischen oder besser: mecha- 
nistischen Periode hat die Medizin großartige Fortschritte gemacht, 

»5' 



228 Schriften aus den JaJiren I?2} — 1926 



aber auch das vornehmste und schwierigste unter den Problemen 
des Lebens in kurzsichtiger Weise verkannt. 

Es ist begreiflich, daß die Mediziner bei solcher Einstellung zum 
Psychischen keinen Gefallen an der Psychoanalyse fanden und ihre 
Aufforderung, in vielen Stücken umzulernen und manche Dinge 
anders zu sehen, nicht erfüllen wollten. Aber dafür, sollte man 
meinen, hätte die neue Lehre um so leichter den Beifall der Philo- 
sophen finden müssen. Die waren ja gewohnt, abstrakte Begriffe 
— böse Zungen sagten allerdings: unbestimmbare Worte — zu 
oberst in ihre Welterklärungen einzusetzen und konnten an der 
Ausdehnung des Bereichs der Psychologie, welche die Psychoana- 
lyse anbahnte, unmöglich Anstoß nehmen. Aber da traf sich ein 
anderes Hindernis. Das Psychische der Philosophen war nicht das 
der Psychoanalyse. Die Philosophen heißen in ihrer überwiegenden 
Mehrzahl psychisch nur das, was ein Bewußtseinsphänomen ist. 
Die Welt des Bewußten deckt sich ihnen mit dem Umfang des 
Psychischen. Was sonst noch in der schwer zu erlässenden „Seele" 
vorgehen mag, das schlagen sie zu den organischen Vorbedingungen 
oder Parallelvorgängen des Psychischen. Oder strenger ausgedrückt, 
die Seele hat keinen anderen Inhalt als die Bewußtseinsphänomene, 
die Wissenschaft von der Seele, die Psychologie, also auch kein 
anderes Objekt. Auch der Laie denkt nicht anders. 

Was kann der Philosoph also zu einer Lehre sagen, die wie die 
Psychoanalyse behauptet, das Seelische sei vielmehr an sich unbe- 
wußt, die Bewußtheit nur eine Qualität, die zum einzelnen seeli- 
schen Akt hinzutreten kann oder auch nicht und die eventuell an 
diesem nichts anderes ändert, wenn sie ausbleibt? Er sagt natürlich, 
ein unbewußtes Seelisches ist ein Unding, eine contradictio in adjecto, 
und will nicht bemerken, daß er mit diesem Urteil nur seine 
eigene — vielleicht zu enge — Definition des Seelischen wieder- 
holt. Dem Philosophen wird diese Sicherheit leicht gemacht, denn 
er kennt das Material nicht, dessen Studium den Analytiker ge- 
nötigt hat, an unbewußte Seelenakte zu glauben. Er hat die Hypnose 



" 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 229 

nicht beachtet, sich nicht um die Deutung von Träumen bemüht, — 
Träume hält er vielmehr ebenso wie der Arzt für sinnlose Produkte 
der während des Schlafes herabgesetzten Geistestätigkeit, — er ahnt 
kaum, daß es solche Dinge gibt wie Zwangsvorstellungen und Wahn- 
ideen, und wäre in arger Verlegenheit, wenn man ihm zumutete, 
sie aus seinen psychologischen Voraussetzungen zu erklären. Auch 
der Analytiker lehnt es ab zu sagen, was das Unbewußte ist, aber 
er kann auf das Erscheinungsgebiet hinweisen, dessen Beobachtung 
ihm die Annahme des Unbewußten aufgedrängt hat. Der Philosoph, 
der keine andere Art der Beobachtung kennt als die Selbstbeob- 
achtung, vermag ihm dahin nicht zu folgen. So erwachsen der 
Psychoanalyse aus ihrer Mittelstellung zwischen Medizin und Philo- 
sophie nur Nachteile. Der Mediziner hält sie für ein spekulatives 
System und will nicht glauben, daß sie wie jede andere Natur- 
wissenschaft, auf geduldiger und mühevoller Bearbeitung von Tat- 
sachen der Wahrnehmungswelt beruht; der Philosoph, der sie an 
dem Maßstab seiner eigenen kunstvoll aufgebauten Systembildungen 
mißt, findet, daß sie von unmöglichen Voraussetzungen ausgeht, 
und wirft ihr vor, daß ihre — erst in Entwicklung befindlichen — 
obersten Begriffe der Klarheit und Präzision entbehren. 

Die erörterten Verhältnisse reichen hin, um einen unwilligen 
und zögernden Empfang der Analyse in wissenschaftlichen Kreisen 
zu erklären. Sie lassen aber nicht verstehen, wie es zu jenen Aus- 
brüchen von Entrüstung, von Spott und Hohn, zur Hinwegsetzung 
über alle Vorschriften der Logik und des guten Geschmacks in der 
Polemik kommen konnte. Eine solche Reaktion läßt erraten, daß 
andere als bloß intellektuelle Widerstände rege geworden sind, daß 
starke affektive Mächte wachgerufen wurden, und wirklich ist im 
Inhalt der psychoanalytischen Lehre genug zu finden, dem man 
eine solche Wirkung auf die Leidenschaften der Menschen, nicht 
der Wissenschaftler allein, zuschreiben darf. 

Da ist vor allem die große Bedeutung, welche die Psychoanalyse 
den sogenannten Sexualtrieben im menschlichen Seelenleben ein- 



230 Schriften aus den Jahren 192} — 1926 

räumt. Nach der psychoanalytischen Theorie sind die Symptome 
der Neurosen entstellte Ersatzbefriedigungen von sexuellen Trieb- 
kräften, denen eine direkte Befriedigung durch innere Widerstände 
versagt worden ist. Später, als die Analyse über ihr ursprüngliches 
Arbeitsgebiet hinausgriff und sich auf das normale Seelenleben an- 
wenden ließ, versuchte sie zu zeigen, daß dieselben Sexualkompo- 
nenten, die sich von ihren nächsten Zielen ablenken und auf anderes 
hinleiten lassen, die wichtigsten Beiträge zu den kulturellen Lei- 
stungen des Einzelnen und der Gemeinschaft, stellen. Diese Be- 
hauptungen waren nicht völlig neu. Der Philosoph Schopenhauer 
hatte die unvergleichliche Bedeutung des Sexuallebens in Worten 
von unvergeßlichem Nachdruck betont, auch deckte sich, was die 
Psychoanalyse Sexualität nannte, keineswegs mit dem Drang nach 
Vereinigung der geschiedenen Geschlechter oder nach Erzeugung 
von Lustempfindung an den Genitalien, sondern weit eher mit 
dem allumfassenden und alles erhaltenden Eros des Symposions 
Piatos. 

Allein die Gegner vergaßen an diese erlauchten Vorgänge]-; sie 
fielen über die Psychoanalyse her, als hätte sie ein Attentat auf 
die Würde des Menschengeschlechtes verübt. Sie warfen ihr „Pan- 
sexualismus" vor, obwohl die psychoanalytische Trieblehre immer 
streng dualistisch gewesen war und zu keiner Zeit versäumt hatte, 
neben den Sexualtrieben andere anzuerkennen, denen sie ja die 
Kraft zur Unterdrückung der Sexualtriebe zuschrieb. Der Gegen- 
satz hatte zuerst geheißen: Sexual- und Ichtriebe, in späterer 
Wendung der Theorie lautet er: Eros und Todes- oder üestruktions- 
trieb. Die partielle Ableitung der Kunst, Religion, sozialer Ordnung 
von der Mitwirkung sexueller Triebkräfte wurde als eine Erniedri- 
gung der höchsten Kulturgüter hingestellt und mit Emphase ver- ' 
kündet, daß der Mensch noch andere Interessen habe als immer 
nur sexuelle. Wobei man im Eifer übersah, daß auch das Tier 
andere Interessen hat, — es ist ja der Sexualität nur anfallsweise 
zu gewissen Zeiten und nicht wie der Mensch permanent unter- 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 231 






worfen, — daß diese anderen Interessen beim Menschen niemals 
bestritten wurden, und daß der Nachweis der Herkunft aus ele- 
mentaren animalischen Triebquellen an dem Wert einer kulturellen 
Errungenschaft nichts zu ändern vermag. 

Soviel Unlogik und Ungerechtigkeit ruft nach einer Erklärung. 
Ihr Ansatz ist nicht schwer zu finden. Die menschliche Kultur 
ruht auf zwei Stützen, die eine ist die Beherrschung der Natur- 
kräfte, die andere die Beschränkung unserer Triebe. Gefesselte 
Sklaven tragen den Thron der Herrscherin. Unter den so dienst- 
bar gemachten Triebkomponenten ragen die der Sexualtriebe — 
im engeren Sinne — durch Stärke und Wildheit hervor. Wehe, 
wenn sie befreit würden; der Thron würde umgeworfen, die Herrin 
mit Füßen getreten werden. Die Gesellschaft weiß dies und — 
will nicht, daß davon gesprochen wird. 

Aber warum nicht? Was könnte die Erörterung schaden? Die 
Psychoanalyse hat ja niemals der Entfesselung unserer gemein- 
schädlichen Triebe das Wort geredet; im Gegenteil gewarnt und 
zur Besserung geraten. Aber die Gesellschaft will von einer Auf- 
deckung dieser Verhältnisse nichts hören, weil sie nach mehr als 
einer Richtung ein schlechtes Gewissen hat. Sie hat erstens ein 
hohes Ideal von Sittlichkeit aufgestellt, — Sittlichkeit ist Trieb- 
einschränkung, — dessen Erfüllung sie von allen ihren Mitgliedern 
fordert, und kümmert sich nicht darum, wie schwer dem Einzelnen 
dieser Gehorsam fallen mag. Sie ist aber auch nicht so reich oder 
so gut organisiert, daß sie den Einzelnen für sein Ausmaß an 
Triebverzicht entsprechend entschädigen kann. Es bleibt also dem 
Individuum überlassen, auf welchem Wege es sich genügende Kom- 
pensation für das ihm auferlegte Opfer verschaffen kann, um sein 
seelisches Gleichgewicht zu bewahren. Im ganzen ist er aber ge- 
nötigt, psychologisch über seinen Stand zu leben, während ihn 
seine unbefriedigten Triebansprüche die Kulturanforderungen als 
ständigen Druck empfinden lassen. Somit unterhält die Gesellschaft 
einen Zustand von Kulturheuchelei, dem ein Gefühl von Un- 



25 s Schriften aus den Jahren 1^2} — 1^26 

Sicherheit und ein Bedürfnis zur Seite gehen muß, die unleugbare 
Labilität durch das Verbot der Kritik und Diskussion zu schützen. 
Diese Betrachtung gilt für alle Triebregungen, also auch für die 
egoistischen; inwiefern sie auf alle möglichen Kulturen Anwendung 
findet, nicht nur auf die bis jetzt entwickelten, soll hier nicht 
untersucht werden. Und nun kommt noch für die im engeren 
Sinne sexuellen Triebe hinzu, daß sie bei den meisten Menschen 
in unzureichender und psychologisch inkorrekter Weise gebändigt 
sind, so daß sie am ehesten bereit sind loszubrechen. 

Die Psychoanalyse deckt die Schwächen dieses Systems auf und 
rät zur Änderung desselben. Sie schlägt vor, mit der Strenge der 
Triebverdrängung nachzulassen und dafür der Wahrhaftigkeit mehr 
Raum zu geben. Gewisse Triebregungen, in deren Unterdrückung 
die Gesellschaft zu weit gegangen ist, sollen zu einem größeren 
Maß von Befriedigung zugelassen werden, bei anderen soll die 
unzweckmäßige Methode der Unterdrückung auf dem Wege der 
Verdrängung durch ein besseres und gesicherteres Verfahren ersetzt 
werden. Infolge dieser Kritik ist die Psychoanalyse als „kultur- 
feindlich" empfunden und als „soziale Gefahr" in den Bann getan 
worden. Diesem Widerstand kann keine ewige Dauer beschieden 
sein; auf die Länge kann sich keine menschliche Institution der 
Einwirkung gerechtfertigter kritischer Einsicht entziehen, aber bis 
jetzt wird die Einstellung der Menschen zur Psychoanalyse noch 
immer durch diese Angst beherrscht, welche die Leidenschaften 
entfesselt und die Ansprüche an die logische Argumentation herab- 
setzt. 

Durch ihre Trieblehre hatte die Psychoanalyse das Individuum 
beleidigt, insofern es sich als Mitglied der sozialen Gemeinschaft 
fühlte; ein anderes Stück ihrer Theorie konnte jeden Einzelnen 
an der empfindlichsten Stelle seiner eigenen psychischen Entwick- 
lung verletzen. Die Psychoanalyse machte dem Märchen von der 
asexuellen Kindheit ein Ende, wies nach, daß sexuelle Interessen 
und Betätigungen bei den kleinen Kindern vom Anfang des Lebens 



Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 253 



an bestehen, zeigte, welche Umwandlungen sie erfahren, wie sie 
etwa mit dem fünften Jahr einer Hemmung unterliegen und dann 
von der Pubertät an in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion 
treten. Sie erkannte, daß das frühinfantile Sexualleben im soge- 
nannten Ödipus-Komplex gipfelt, in der Gefühlsbindung an den 
gegengeschlechtlichen Elternteil mit Rivalitätseinstellung zum gleich- 
geschlechtlichen, eine Streb ung, die sich in dieser Lebenszeit noch 
ungehemmt in direkt sexuelles Begehren fortsetzt. Das ist so leicht 
zu bestätigen, daß es wirklich nur einer großen Kraftanspannung 
gelingen konnte, es zu übersehen. In der Tat hatte jeder Einzelne 
diese Phase durchgemacht, ihren Inhalt aber dann in energischer 
Anstrengung verdrängt und zum Vergessen gebracht. Der Abscheu 
vor dem Inzest und ein mächtiges Schuldbewußtsein waren aus 
dieser individuellen Vorzeit erübrigt worden. Vielleicht war es in 
der generellen Vorzeit der Menschenart. ganz ähnlich zugegangen 
und die Anfänge der Sittlichkeit, der Religion und der sozialen 
Ordnung waren mit der Überwindung dieser Urzeit auf das innigste 
verknüpft. An diese Vorgeschichte, die ihm später so unrühmlich 
erschien, durfte der Erwachsene dann nicht gemahnt werden; er 
begann zu toben, wenn die Psychoanalyse den Schleier der Amnesie 
von seinen Kinderjahren lüften wollte. So blieb nur ein Ausweg: 
was die Psychoanalyse behauptete, mußte falsch sein und diese 
angebliche neue Wissenschaft ein Gewebe von Phantasterei und 
Entstellungen. 

Die starken Widerstände gegen die Psychoanalyse waren also 
nicht intellektueller Natur, sondern stammten aus affektiven Quellen. 
Daraus erklärten sich ihre Leidenschaftlichkeit wie ihre logische 
Genügsamkeit. Die Situation folgte einer einfachen Formel: die 
Menschen benahmen sich gegen die Psychoanalyse als Masse genau 
wie der einzelne Neurotiker, den man wegen seiner Beschwerden 
in Behandlung genommen hatte, dem man aber in geduldiger 
Arbeit nachweisen konnte, daß alles so vorgefallen war, wie man 
es behauptete. Man hatte es ja auch nicht selbst erfunden, sondern 



254 Schriften aus den Jahren l<)2y — 1926 



aus dem Studium anderer Neurotiker durch die Bemühung von 
mehreren Dezennien erfahren. 

Diese Situation hatte gleichzeitig etwas Schreckhaftes und etwas 
Tröstliches j das erstere, weil es keine Kleinigkeit war, das ganze 
Menschengeschlecht zum Patienten zu haben, das andere, weil 
schließlich sich alles so abspielte, wie es nach den Voraussetzungen 
der Psychoanalyse geschehen mußte. 

Überschaut man nochmals die beschriebenen Widerstände gegen 
die Psychoanalyse, so muß man sagen, nur ihr kleinerer Anteil 
ist von der Art, wie er sich gegen die meisten wissenschaftlichen 
Neuerungen von einigem Belang zu erheben pflegt. Der größere 
Anteil rührt davon her, daß durch den Inhalt der Lehre starke 
Gefühle der Menschheit verletzt worden sind. Dasselbe erfuhr ja 
auch die Darwinsche Deszendenztheorie, welche die vom Hoch- 
mut geschaffene Scheidewand zwischen Mensch und Tier niederriß. 
Ich habe auf diese Analogie in einem früheren kurzen Aufsatz 
(„Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse", lmago 1917') hingewiesen. 
Ich betonte dort, daß die psychoanalytische Auffassung vom Ver- 
hältnis des bewußten Ichs zum übermächtigen Unbewußten eine 
schwere Kränkung der menschlichen Eigenliebe bedeute, die ich 
die psychologische nannte und an die biologische Kränkung 
durch die Deszendenzlehre und die frühere kosmologische durch 
die Entdeckung des Kopernikus anreihte. 

Auch rein äußerliche Schwierigkeiten haben dazu beigetragen, den 
Widerstand gegen die Psychoanalyse zu verstärken. Es ist nicht 
leicht, ein selbständiges Urteil in Sachen der Analyse zu gewinnen, 
wenn man sie nicht an sich selbst, erfahren oder an einem anderen 
ausgeübt hat. Letzteres kann man nicht, ohne eine bestimmte, 
recht heikle Technik erlernt zu haben, und bis vor kurzem gab 
es keine bequem zugängliche Gelegenheit, die Psychoanalyse und 
ihre Technik zu erlernen. Das hat sich jetzt durch die Gründung 

1) Bd. X dieser Gesamtausgabe. 






Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 235 



der Berliner Psychoanalytischen Poliklinik und Lehranstalt (1920) 
zum Besseren gewendet. Bald nachher (1922) ist in Wien ein ganz 
ähnliches Institut ins Leben gerufen worden. 

Endlich darf der Autor in aller Zurückhaltung die Frage auf- 
werfen, ob nicht seine eigene Persönlichkeit als Jude, der sein 
Judentum nie verbergen wollte, an der Antipathie der Umwelt 
gegen die Psychoanalyse Anteil gehabt hat. Ein Argument dieser 
Art ist nur selten laut geäußert worden, wir sind leider so arg- 
wöhnisch geworden, daß wir nicht umhin können, zu vermuten, 
der Umstand sei nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Es ist viel- 
leicht auch kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psycho- 
analyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es 
ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Verein- 
samung in der Opposition auf sich zu nehmen, ein Schicksal, das 
dem Juden vertrauter ist als einem anderen. 



GELEITWORTE 

ZU BÜCHERN ANDERER AUTOREN 



VORWORT 

zu NERVÖSE ANGSTZUSTÄNDE UND IHRE BEHANDLUNG von 
Dr. WILHELM STEKEL, Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin und 
Wien 190S. 

Meine seit dem Jahre 1893 fortgesetzten Untersuchungen über die Ätio- 
logie und den psychischen Mechanismus der neurotischen Erkrankungen, 
die anfänglich nur geringe Beachtung bei den Fachgenossen gefunden 
hatten, sind endlich zur Anerkennung von seiten einer Anzahl von ärzt- 
lichen Forschern gelangt und haben auch die Aufmerksamkeit auf das 
psychoanalytische Untersuchungs- und Heilverfahren gelenkt, dessen An- 
wendung ich meine Ergebnisse verdanke. Herr Dr. W. Stekel, einer der 
ersten Kollegen, die ich in die Kenntnis der Psychoanalyse einführen 
konnte, und gegenwärtig selbst durch vieljährige Ausübung mit deren 
Technik vertraut, unternimmt es nun, ein Kapitel aus der Klinik dieser 
Neurosen auf Grund meiner Anschauungen zu bearbeiten und seine mit 
der psychoanalytischen Methode gewonnenen Erfahrungen für ärztliche 
Leser darzustellen. Wenn ich in dem eben dargelegten Sinne bereitwillig 
die Verantwortung für seine Arbeit übernehme, so scheint es doch billig, 
daß ich ausdrücklich erkläre, mein direkter Einfluß auf das vorliegende 
Buch über die nervösen Angstzustände sei ein sehr geringer gewesen. Die 
Beobachtungen und alle Einzelheiten der Auffassung und Deutung sind 
sein Eigentum; nur die Bezeichnung „Angsthysterie" geht auf meinen 
Vorschlag zurück. 

Ich darf sagen, daß Dr. Stekels Werk auf reicher Erfahrung fußt, und 
daß es dazu bestimmt ist, andere Ärzte anzuregen, unsere Ansichten über 
die Ätiologie dieser Zustände durch eigene Bemühung zu bestätigen. Es 
eröffnet oft unerwartete Einblicke in die Wirklichkeiten des Lebens, die 



24° 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 



sich hinter den neurotischen Symptomen zu verbergen pflegen, und wird 
die Kollegen wohl überzeugen, daß es für ihr Verständnis wie für ihr 
therapeutisches Wirken nicht gleichgültig sein kann, welche Stellung sie 
zu den hier gegebenen Winken und Aufklärungen einnehmen wollen. 



VORWORT 

zu LELEKELEM2.ES, ertekezesek a pszichoanalizis körebol, irta 
Dr. FERENCZI SjNDOR, Dick Manö kiaddsa, Budapest 1909. 

Die psychoanalytische Untersuchung der Neurosen (mannigfacher Formen 
von seelisch bedingter Nervosität) hat den Zusammenhang dieser Störungen 
mit dem Triebleben, mit den Beeinträchtigungen desselben durch die An- 
sprüche der Kultur, mit der Phantasie- und Traumtätigkeit des normalen 
Einzelwesens und mit den Schöpfungen der Volksseele in Religion, Mythus 
und Märchen aufzudecken erstrebt. Die auf diese Untersuchungsmethode 
begründete psychoanalytische Behandlung der Nervösen stellt an Arzt und 
Patient weit höhere Ansprüche, als die bisher gebräuchlichen mit Medi- 
kamenten, Diät, Wasserprozeduren und Suggestion, bringt aber den Kranken 
so viel mehr Erleichterung und anhaltende Stärkung für die Aufgaben des 
Lebens, daß man sich über die unaufhaltsamen Fortschritte dieser thera- 
peutischen Methode trotz heftiger Opposition nicht zu verwundern braucht. 

Der Verfasser der nachstehenden Aufsätze, mir enge befreundet und mit 
allen Schwierigkeiten der psychoanalytischen Probleme wie wenige vertraut, 
ist der erste Ungar, der es unternimmt, die Ärzte und die Gebildeten seiner 
Nation durch die in seiner und ihrer Muttersprache abgefaßten Arbeiten 
für die Psychoanalyse zu interessieren. Möge ihm dieser Versuch gelingen 
und den Erfolg haben, für das neue Arbeitsgebiet neue Arbeitskräfte aus 
der Mitte seiner Kompatrioten zu gewinnen. 



Freud XI. 



16 



BRIEF AN Dr. FRIEDRICH S. KRAUSS 
ÜBER DIE ANTHROPOPHYTEIA 

Dieser Brief vom 26. Juni It)10 wurde im 
VII. Band der von Friedrich S. Kr miß heraus - 
gegebenen „Anlhropophyleia, Jahrbücher für 
folkloristisclte Erlicbungen und Forschungen 
zur Entwicklungsgeschichte der geschleckt- j 

liehen Moral" (S. 472 f.) veröffentlicht. 

Hochgeehrter Herr Doktor! 

Sie haben mir die Frage gestellt, auf welchen wissenschaftlichen Wert 
das Sammeln von erotischen Scherzen, Witzen, Schwanken u. dgl. nach 
meiner Meinung Anspruch machen könne. Ich weiß, daß Sie keineswegs 
daran irre geworden sind, eine solche Sammeltätigkeit rechtfertigen zu 
können; Sie wünschen bloß, daß ich vom Standpunkte des Psychologen 
Zeugnis ablege für die Brauchbarkeit, ja für die Unentbehrlichkeit eines 
solchen Materials. 

Ich möchte hier vor allem zwei Gesichtspunkte geltend machen. Die 
erotischen Schnurren und Schwanke, die Sie in den Bänden der Anthro- 
pophyteia gesammelt vorlegen, sind ja doch nur produziert und weiter 
erzählt worden, weil Sie Erzählern wie Hörern Lust bereitet haben. Es ist 
nicht schwer zu erraten, welche Komponenten des so hoch zusammengesetzten 
Sexualtriebes dabei Befriedigung gefunden haben. Diese Geschichtchen 
geben uns direkte Auskunft darüber, welche Partialtriebe der Sexualität 
bei einer gewissen Gruppe von Menschen als besonders tauglich zur Lust- 
gewinnung erhalten sind, und bestätigen so aufs schönste die Folgerungen, 
zu denen die psychoanalytische Untersuchung neurotischer Personen geführt 
hat. Gestatten Sie mir, auf das wichtigste Beispiel dieser Art hinzuweisen. 
Die Psychoanalyse hat uns zur Behauptung genötigt, daß die Afterregion — 
normalerweise und auch bei nicht perversen Individuen — der Sitz einer 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 243 

erogenen Empfindlichkeit ist und sich in gewissen Stücken ganz wie ein 
Genitale benimmt. Ärzte und Psychologen, denen man von einer Analerotik 
und dem daraus entspringenden Analcharakter sprach, sind darüber in hellste 
Entrüstung geraten. Die Anthropophyteia kommt hier der Psychoanalyse 
zu Hilfe, indem sie zeigt, wie ganz allgemein die Menschen mit Lustbetonung 
bei dieser Körperregion, ihren Verrichtungen, ja dem Produkt ihrer Funktion 
verweilen. Wäre es anders, so müßten alle diese Geschichten bei denen, 
die sie anhören, Ekel erregen, oder das Volk müßte in seiner ganzen Masse 
„pervers" sein im Sinne einer moralisierenden Psychopathia sexualis. Es 
würde nicht schwer fallen, auch an anderen Beispielen zu zeigen, wie wertvoll 
das von den Autoren der Anthropophyteia gesammelte Material für die 
sexualpsychologische Erkenntnis ist. Vielleicht wird dessen Wert noch durch 
den Umstand erhöht, — der an und für sich keinen Vorteil darstellt, — 
daß die Sammler von den theoretischen Ergebnissen der Psychoanalyse nichts 
wissen und das Material ohne leitende Gesichtspunkte zusammentragen. 

Ein anderer psychologischer Gewinn von mehr allgemeiner Natur ergibt 
sich ganz speziell aus den eigentlichen erotischen Witzen, wie aus den 
Witzen überhaupt. Ich habe in meiner Studie über den Witz ausgeführt, 
daß die Aufdeckung des sonst verdrängten Unbewußten in der Menschen- 
seele unter gewissen Veranstaltungen zu einer Quelle von Lust und somit 
zu einer Technik der Witzbildung werden kann. Wir heißen heute in der 
Psychoanalyse ein Gewebe von Vorstellungen mit dem daranhängenden 
Affekt einen „Komplex" und sind bereit zu behaupten, daß viele der 
geschätztesten Witze „Komplex witze" sind, auch ihre befreiende und 
erheiternde Wirkung der geschickten Bloßlegung von sonst verdrängten 
Komplexen verdanken. Der Erweis dieses Satzes an Beispielen würde an 
dieser Stelle zu weit führen, aber als das Ergebnis einer solchen Unter- 
suchung darf man es aussprechen, daß die erotischen und anderen Witze, 
die im Volke umlaufen, vortreffliche Hilfsmittel zur Erforschung des un- 
bewußten Seelenlebens der Menschen darstellen, ganz ähnlich wie die Träume 
und die Mythen und Sagen, mit deren Verwertung sich die Psychoanalyse 
schon jetzt beschäftigt. 

So darf man sich also der Hoffnung hingeben, daß der Wert des Folklore 
für die Psyche immer deutlicher erkannt und die Beziehungen zwischen 
dieser Forschung und der Psychoanalyse sich bald inniger gestalten werden. 

Ich bin, geehrter Herr Doktor, Ihr in besonderer Hochachtung ergebener 

Freud. 



i6« 






GELEITWORT 



zu DIE PSYCHANALYTISCHE METHODE, eine erfahrungs- 
wissenschaftlich- systematische Darstellung von Dr. OSKAR PFISTER, 
Pfarrer und Seminarlehrer in Zürich (Pädagogium, herausgegeben von 
Prof. Dr. Oskar Messmer, Band I). Julius Klinkhardt Verlag, Leipzig 191 }. 
(Unveränderter Neudruck 1921, dritte, umgearbeitete Auflage 1924.) 

Die Psychoanalyse ist auf medizinischem Boden entstanden als ein Heil- 
verfahren zur Behandlung gewisser nervöser Erkrankungen, die man „funk- 
tionelle" geheißen hat, und in denen man mit stetig wachsender Sicherheit 
Erfolge von Störungen des Affektlebens erkannte, Sie erreicht ihre Absicht, 
die Äußerungen solcher Störungen, die Symptome, aufzuheben, indem sie 
voraussetzt, dieselben seien nicht die einzig möglichen und endgültigen 
Ausgänge gewisser psychischer Prozesse, darum die Entwicklungsgeschichte 
dieser Symptome in der Erinnerung aufdeckt, die ihnen zugrunde liegenden 
Prozesse auffrischt und sie nun unter ärztlicher Leitung einem günstigeren 
Ausgang zuführt. Die Psychoanalyse hat sich dieselben therapeutischen Ziele 
gesetzt wie die hypnotische Behandlung, die sich, von Liebault und Bern- 
heim eingeführt, nach langen und schweren Kämpfen einen Platz in der 
nervenärztlichen Technik erworben hatte. Aber sie geht weit tiefer auf die 
Struktur des seelischen Mechanismus ein und sucht dauernde Beeinflussun- 
gen und haltbare Veränderungen ihrer Objekte zu erreichen. 

Die hypnotische Suggestionsbehandlung hat seinerzeit sehr bald das ärzt- 
liche Anwendungsgebiet überschritten und sich in den Dienst der Erziehung 
jugendlicher Personen gestellt. Wenn wir den Berichten Glauben schenken 
dürfen, hat sie sich als wirksames Mittel erwiesen zur Beseitigung von 
Kinderfehlern, störenden körperlichen Gewöhnungen und sonst unreduzier- 
baxen Charakterzügen. Niemand nahm damals Anstoß daran oder verwunderte 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 



245 



sich über diese Erweiterung ihrer Brauchbarkeit, die uns allerdings erst 
durch die psychoanalytische Forschung voll verständlich geworden ist. Denn 
heute wissen wir, daß die krankhaften Symptome oft nichts anderes sind 
als die Ersatzbildungen für schlechte, d. i. unbrauchbare Neigungen, und 
daß die Bedingungen dieser Symptome in den Kindheits- und Jugendjahren 
konstituiert werden, — zu denselben Zeiten, in welchen der Mensch Objekt 
der Erziehung ist, — mögen nun die Krankheiten selbst noch in der Jugend 
hervortreten oder erst in einer späteren Lebenszeit. 

Erziehung und Therapie treten nun in ein angebbares Verhältnis zu- 
einander. Die Erziehung will dafür sorgen, daß aus gewissen Anlagen und 
Neigungen des Kindes nichts dem einzelnen wie der Gesellschaft Schädliches 
hervorgehe. Die Therapie tritt in Wirksamkeit, wenn dieselben Anlagen 
bereits das unerwünschte Ergebnis der Krankheitssymptome geliefert haben. 
Der andere Ausgang, nämlich, daß die unbrauchbaren Dispositionen des 
Kindes nicht zu den Ersatzbildungen der Symptome, sondern zu direkten 
Charakterperversionen geführt haben, ist für die Therapie fast unzugänglich 
und der Beeinflussung durch den Erzieher meist entzogen. Die Erziehung 
ist eine Prophylaxe, welche beiden Ausgängen, dem in Neurose wie dem in 
Perversion, vorbeugen soll ; die Psychotherapie will den labileren der beiden 
Ausgänge rückgängig machen und eine Art von Nacherziehung einsetzen. 

Angesichts dieser Sachlage drängt sich von selbst die Frage auf, ob man 
nicht die Psychoanalyse für die Zwecke der Erziehung verwerten solle wie 
seinerzeit die hypnotische Suggestion. Die Vorteile davon wären augenfällig. 
Der Erzieher ist einerseits durch seine Kenntnis der allgemein menschlichen 
Dispositionen der Kindheit vorbereitet, zu erraten, welche der kindlichen 
Anlagen mit einem unerwünschten Ausgang drohen, und wenn die Psycho- 
analyse auf solche Entwicklungsrichtungen Einfluß hat, kann er sie in 
Anwendung bringen, ehe sich die Zeichen einer ungünstigen Entwicklung 
einstellen. Er kann also am noch gesunden Kinde prophylaktisch mit Hilfe 
der Analyse wirken. Anderseits kann er die ersten Anzeichen einer Ent- 
wicklung zur Neurose oder zur Perversion bemerken und das Kind vor der 
weiteren Entwicklung zu einer Zeit behüten, wo es aus einer Reihe von 
Gründen dem Arzt niemals zugeführt würde. Man sollte meinen, eine solche 
psychoanalytische Tätigkeit des Erziehers — und des ihm gleichstehenden 
Seelsorgers in protestantischen Ländern — müßte Unschätzbares leisten und 
oft die Tätigkeit des Arztes überflüssig machen können. 

Es fragt sich nur, ob nicht die Ausübung der Psychoanalyse eine ärzt- 
liche Schulung voraussetzt, welche dem Erzieher und Seelsorger vorenthalten 



246 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 



bleiben muß, oder ob nicht andere Verhältnisse sich der Absicht wider- 
setzen, die psychoanalytische Technik in andere als arztliche Hände zu legen. 
Ich bekenne, daß ich keine solchen Abhaltungen sehe. Die Ausübung der 
Psychoanalyse fordert viel weniger ärztliche Schulung als psychologische 
Vorbildung und freien menschlichen Blick; die Mehrzahl der Ärzte aber 
ist für die Übung der Psychoanalyse nicht ausgerüstet und hat in der 
Würdigung dieses Heilverfahrens völlig versagt. Der Erzieher und der Seel- 
sorger sind durch die Anforderungen ihres Berufes zu denselben Bücksichten, 
Schonungen und Enthaltungen verpflichtet, die der Arzt einzuhalten ge- 
wohnt ist, und ihre sonstige Beschäftigung mit der Jugend macht sie zur 
Einfühlung in deren Seelenleben vielleicht geeigneter. Die Garantie für eine 
schadlose Anwendung des analytischen Verfahrens kann aber in beiden 
Fällen nur von der Persönlichkeit des Analysierenden beigebracht werden. 

Die Annäherung an das Gebiet des Seelisch-Abnormen wird den analy- 
sierenden Erzieher nötigen, sich mit den dringendsten psychiatrischen Kennt- 
nissen vertraut zu machen und überdies den Arzt zu Bäte zu ziehen, wo 
Beurteilung und Ausgang der Störung zweifelhaft erscheinen können. In 
einer Beihe von Fällen wird erst das Zusammenwirken des Erziehers mit 
dem Arzte zum Erfolge führen können. 

In einem einzigen Punkte wird die Verantwortlichkeit des Erziehers die 
des Arztes vielleicht noch übersteigen. Der Arzt hat es in der Begel mit 
bereits erstarrten psychischen Formationen zu tun und wird in der fertig 
gewordenen Individualität des Kranken eine Grenze für seine eigene Leistung, 
aber auch eine Gewähr für dessen Selbständigkeit finden. Der Erzieher aber 
arbeitet an plastischem, jedem Eindruck zugänglichem Material und wird 
sich die Verpflichtung vorzuhalten haben, das junge Seelenleben nicht nach 
seinen persönlichen Idealen, sondern vielmehr nach den am Objekt haften- 
den Dispositionen und Möglichkeiten zu formen. 

Möge die Verwendung der Psychoanalyse im Dienste der Erziehung bald 
die Hoffnungen erfüllen, die Erzieher und Ärzte an sie knüpfen dürfen! 
Ein Buch wie das Pfisters, welches die Analyse den Erziehern bekannt 
machen will, wird dann auf den Dank später Generationen rechnen können. 






VORWORT 

zu DIE PSYCHISCHEN STÖRUNGEN DER MÄNNLICHEN 
POTENZ von Dr. MAXIM. STEINER, Verlag Franz Deuticke., 
Leipzig und Wien l$l}. 

Der Autor dieser kleinen Monographie, welche die Pathologie und Therapie 
der psychischen Impotenz des Mannes behandelt, gehört zu jener kleinen 
Schar von Ärzten, welche frühzeitig die Bedeutung der Psychoanalyse für 
ihr Spezialfach erkannt und seitdem nicht aufgehört haben, sich in deren 
Theorie und Technik zu vervollkommnen. Wir wissen ja, daß nur ein 
kleiner Anteil der neurotischen Leiden — welche wir jetzt als Folgen von 
Störung der Sexualfunktion erkannt haben — in der Neuropathologie selbst 
abgehandelt wird. Der größere Teil derselben fällt unter die Erkrankungen 
des betreffenden Organs, welches von der neurotischen Störung heimgesucht 
wird. Es ist nur zweckmäßig und billig, wenn auch die Behandlung dieser 
Symptome oder Syndrome die Sache des Spezialarztes wird, welcher allein 
die Differentialdiagnose gegen eine organische Affektion stellen, bei Misch- 
formen den Anteil des organischen Elements von dem des neurotischen 
abgrenzen und im allgemeinen Aufschluß über die gegenseitige Förderung 
von beiderlei Krankheitsfaktoren geben kann. Sollen aber die „nervösen" 
Organkrankheiten nicht als ein Anhang zu den materiellen Erkrankungen 
derselben Organe einer Vernachlässigung anheimfallen, welche sie bei ihrer 
Häufigkeit und praktischen Bedeutsamkeit keineswegs verdienen, so muß 
der Spezialist, sei er Magen-, Herz- oder Urogenitalarzt, außer seinen all- 
gemeinen ärztlichen und seinen Spezialkenntnissen auch die Gesichtspunkte, 
Einsichten und Techniken des Nervenarztes für sein Gebiet verwerten können. 

Es wird einen großen therapeutischen Fortschritt bedeuten, wenn der 
Spezialarzt den mit einem nervösen Organleiden Behafteten nicht mehr mit 



3 4 8 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 



dem Bescheid entlassen wird: „Ihnen fehlt nichts; es ist bloß nervös." 
Oder mit der nicht viel besseren Fortsetzung: „Gehen Sie zum Nervenarzt, 
er wird Ihnen eine leichte Kaltwasserkur verordnen." Man wird gewiß auch 
eher vom Organspezialisten verlangen dürfen, daß er die nervösen Störun- 
gen seines Gebietes verstehe und behandeln könne, als vom Nervenarzt, 
daß er sich zum Universalspezialisten für alle Organe ausbilde, an denen 
die Neurosen Symptome machen. Demnach ist vorauszusehen, daß nur die 
Neurosen mit wesentlich psychischen Symptomen die Domäne des Nerven- 
arztes bleiben werden. 

Die Zeit ist dann hoffentlich nicht ferne, in welcher die Einsicht all- 
gemein wird, daß man keinerlei nervöse Störung verstehen und behandeln 
kann, wenn man nicht die Gesichtspunkte, oft auch die Technik der Psycho- 
analyse zu Hilfe nimmt. Diese Behauptung mag heute wie eine anmaßende 
Übertreibung klingen; ich getraue mich vorherzusagen, daß sie dazu be- 
stimmt ist, ein Gemeinplatz zu werden. Es wird aber ein bleibendes Ver- 
dienst des Autors dieser Schrift sein, daß er diese Zeit nicht abgewartet 
hat, um die Psychoanalyse in die Therapie der nervösen Leiden seines 
Spezialgebietes einzulassen. 



GELEITWORT 

zu DER UNRAT IN SITTE, BRAUCH, GLAUBEN UND GE- 
WOHNHEITSRECHT DER VÖLKER von JOHN GREGORY 
BOURKE, verdeutscht und neubearbeitet von Friedrich S. Krauß und H. Ihm. 
(Beiwerke zum Studium der Anthropophyteia, VI. Band). Ethnologischer Verlag, 
Leipzig I$I ). 

Als ich im Jahre 1885 als Schüler Charcots in Paris weilte, zogen 
mich neben den Vorlesungen des Meisters die Demonstrationen und Reden 
Brouardels am stärksten an, der uns an dem Leichenmaterial der Morgue 
zu zeigen pflegte, wieviel es Wissenswertes für den Arzt gäbe, wovon doch 
die Wissenschaft keine Notiz zu nehmen beliebte. Als er einmal die Kenn- 
zeichen erörterte, aus denen man Stand, Charakter und Herkunft des 
namenlosen Leichnams erraten könne, hörte ich ihn sagen: „Les genous 
sales sont le signe d'une fille honnite. Er ließ die schmutzigen Kniee Zeugnis 
ablegen für die Tugend des Mädchens! 

Die Mitteilung, daß körperliche Reinlichkeit sich weit eher mit der 
Sünde als mit der Tugend vergesellschafte, beschäftigte mich oftmals später, 
als ich durch psychoanalytische Arbeit Einsicht in die Art gewann, wie 
sich die Kulturmenschen heute mit dem Problem ihrer Leiblichkeit aus- 
einandersetzen. Sie werden offenbar durch alles geniert, was allzu deutlich 
an die tierische Natur des Menschen mahnt. Sie wollen es den „vollendeteren 
Engeln" gleichtun, die in der letzten Szene des Faust klagen: 

r Uns bleibt ein Erdenrest 
zu tragen peinlich, 
und war' er von Asbest, 
er ist nicht reinlich." 



250 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 



Da sie aber von solcher Vollendung weit entfernt bleiben müssen, haben 
sie den Ausweg gewählt, diesen unbequemen Erdenrest möglichst zu ver- 
leugnen, ihn vor einander zu verbergen, obwohl ihn jeder vom anderen 
kennt, und ihm die Aufmerksamkeit und Pflege zu entziehen, auf welche 
er als integrierender Bestandteil ihres Wesens ein Anrecht hätte. Es wäre 
gewiß vorteilhafter gewesen, sich zu ihm zu bekennen und ihm so viel 
Veredlung angedeihen zu lassen, als seine Natur gestattet. 

Es ist gar nicht einfach zu übersehen oder darzustellen, welche Folgen 
für die Kultur diese Behandlung des „peinlichen Erdenrestes" mit sich ge- 
bracht hat, als dessen Kern man die sexuellen und die exkrementeilen 
Funktionen bezeichnen darf. Heben wir nur die eine Folge hervor, die uns 
hier am nächsten angeht, daß es der Wissenschaft versagt worden ist, sich 
mit diesen verpönten Seiten des Menschenlebens zu beschäftigen, so daß 
derjenige, welcher diese Dinge studiert, als kaum weniger „unanständig" 
gilt, wie wer das Unanständige wirklich tut. 

Immerhin, Psychoanalyse und Folkloristik haben sich nicht abhalten 
lassen, auch diese Verbote zu übertreten, und haben uns dann allerlei 
lehren können, was für die Kenntnis des Menschen unentbehrlich ist. 
Beschränken wir uns hier auf die Ermittlungen über das Exkrementelle, 
so können wir als Hauptergebnis der psychoanalytischen Untersuchungen 
mitteilen, daß das Menschenkind genötigt ist, während seiner ersten Ent- 
wicklung jene Wandlungen im Verhältnis des Menschen zum Exkremen- 
tellen zu wiederholen, welche wahrscheinlich mit der Abhebung des Homo 
sapiens von der Mutter Erde ihren Anfang genommen haben. In frühesten 
Kindheit jahren ist von einem Schämen wegen der exkrementellen Funktionen, 
von einem Ekel vor den Exkrementen noch keine Spur. Das kleine Kind 
bringt diesen wie anderen Sekretionen seines Körpers ein großes Interesse 
entgegen, beschäftigt sich gerne mit ihnen und weiß aus diesen Beschäfti- 
gungen mannigfaltige Lust zu ziehen. Als Teile seines Körpers und als 
Leistungen seines Organismus haben die Exkremente Anteil an der — von 
uns narzißtisch genannten — Hochschätzung, mit der das Kind alles zu 
seiner Person gehörige bedenkt. Das Kind ist etwa stolz auf seine Aus- 
scheidungen, verwendet sie im Dienste seiner Selbstbehauptung gegen die 
Erwachsenen. Unter dem Einfluß der Erziehung verfallen die koprophilen 
I riebe und Neigungen des Kindes allmählich der Verdrängung; das Kind 
lernt sie geheimhalten, sich ihrer schämen und vor den Objekten derselben 
Ekel empfinden. Der Ekel geht aber, streng genommen, nie so weit, daß 
er die eigenen Ausscheidungen träfe, er begnügt sich mit der Verwerfung 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 



251 



dieser Produkte, wenn sie von anderen stammen. Das Interesse, das bisher 
den Exkrementen galt, wird auf andere Objekte übergeleitet, z. ß. vom Kot 
aufs Geld, welches dem Kind ja erst spät bedeutungsvoll wird. Aus der 
Verdrängung der koprophilen Neigungen entwickeln sich — oder verstärken 
sich — wichtige Beiträge zur Charakterbildung. 

Die Psychoanalyse fügt noch hinzu, daß das exkrementelle Interesse beim 
Kinde anfänglich von den sexuellen Interessen nicht getrennt ist; die 
Scheidung zwischen den beiden tritt erst später auf, aber sie bleibt nur 
unvollkommen; die ursprüngliche, durch die Anatomie des menschlichen 
Körpers festgelegte Gemeinschaft schlägt noch beim normalen Erwachsenen 
in vielen Stücken durch. Endlich darf nicht vergessen werden, daß diese 
Entwicklungen ebensowenig wie irgendwelche andere ein tadelloses Ergebnis 
liefern können; ein Stück der alten Vorliebe bleibt erhalten, ein Anteil 
der koprophilen Neigungen zeigt sich auch im späteren Leben wirksam und 
äußert sich in den Neurosen, Perversionen, Unarten, Gewohnheiten der 
Erwachsenen. 

Die Folkloristik hat ganz andere Wege der Forschung eingeschlagen und 
doch dieselben Resultate wie die psychoanalytische Arbeit erreicht. Sie zeigt 
uns, wie unvollkommen die Verdrängung der koprophilen Neigungen bei 
verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten ausgefallen ist, wie 
sehr sich die Behandlung der exkrementellen Stoffe auf anderen Kultur- 
stufen der infantilen Weise annähert. Sie beweist uns aber auch die Fort- 
dauer der primitiven, wahrhaft unausrottbaren, koprophilen Interessen, 
indem sie zu unserem Erstaunen vor uns ausbreitet, in welcher Fülle von 
Verwendungen in Zauberbrauch, Volkssitte, Kulthandlung und Heilkunst 
die einstige Hochschätzung der menschlichen Ausscheidungen sich neuen 
Ausdruck geschaffen hat. Auch die Beziehung dieses Gebietes zum Sexual- 
leben scheint durchweg erhalten zu sein. Mit dieser Förderung unserer Ein- 
sichten ist eine Gefährdung unserer Sittlichkeit offenbar nicht verbunden. 

Das meiste und beste, was wir über die Rolle der Ausscheidungen im 
Leben der Menschen wissen, ist in dem Buche von J. G. Bourke ,.Scato- 
logic Rites of all Nations ' zusammengetragen. Es ist daher nicht nur ein 
mutiges, sondern auch ein verdienstvolles Unternehmen, dieses Werk den 
deutschen Lesern zugänglich zu machen. 



EINLEITUNG 

zu ZUR PSYCHOANALYSE DER KRIEGSNEUROSEN. 
Diskussion auf dem V. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in 
Budapest, 28. und 20. September IplS. Beiträge von Freud, Ferenczi, 
Abraham, Simmel, Jones (Internationale Psychoanalytische Bibliothek Nr. 1). 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig und Wien 1919. 

Das Büchlein über die Kriegsneurosen, mit dem der Verlag die „Inter- 
nationale Psychoanalytische Bibliothek" eröffnet, behandelt ein Thema, 
welches bis vor kurzem den Vorzug der höchsten Aktualität genoß. Als 
dasselbe auf dem V. Psychoanalytischen Kongreß zu Budapest (September 
ig 18) zur Diskussion gestellt wurde, fanden sich offizielle Vertreter von 
den leitenden Stellen der Mittelmächte ein, um von den Vorträgen und 
Verhandlungen Kenntnis zu nehmen, und das hoffnungsvolle Ergebnis dieses 
ersten Zusammentreffens war die Zusage, psychoanalytische Stationen zu 
errichten, in denen analytisch geschulte Ärzte Mittel und Muße finden 
sollten, um die Natur dieser rätselvollen Erkrankungen und ihre therapeu- 
tische Beeinflussung durch Psychoanalyse zu studieren. Ehe noch diese Vor- 
sätze ausgeführt werden konnten, kam das Kriegsende; die staatlichen 
Organisationen brachen zusammen, das Interesse für die Kriegsneurosen 
räumte anderen Sorgen den Platz; bezeichnenderweise verschwanden aber 
auch mit dem Aufhören der Bedingungen des Krieges die meisten der durch 
den Krieg hervorgerufenen neurotischen Erkrankungen. Die Gelegenheit zu 
einer gründlichen Erforschung dieser Affektionen war nun leider versäumt. 
Man muß hinzufügen: sie wird hoffentlich nicht so bald wiederkommen. 

Diese nun abgeschlossene Episode ist aber für die Verbreitung der Psycho- 
analyse nicht bedeutungslos gewesen. Während der Beschäftigung mit den 
Kriegsneurosen, die ihnen durch die Anforderungen des Heeresdienstes auf- 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 



253 



erlegt wurde, sind auch solche Ärzte psychoanalytischen Lehren näher ge- 
kommen, die sich bisher von ihnen ferngehalten hatten. Aus dem Referat 
von Ferenczi kann der Leser entnehmen, unter welchen Zögerungen und 
Verhüllungen sich diese Annäherung vollzogen hat. Einige der Momente, 
welche die Psychoanalyse bei den Neurosen der Friedenszeit längst erkannt 
und beschrieben hatte, die psychogene Herkunft der Symptome, die Be- 
deutung der unbewußten Triebregungen, die Rolle des primären Krank- 
heitsgewinnes bei der Erledigung seelischer Konflikte („Flucht in die Krank- 
heit"), wurden so auch bei den Kriegsneurosen festgestellt und fast allgemein 
angenommen. Die Arbeiten von E. Simmel zeigten auch, welcher Erfolg 
zu erzielen ist, wenn man die Kriegsneurotiker mit Hilfe der kathartischen 
Technik behandelt, die bekanntlich die Vorstufe der psychoanalytischen 
Technik gewesen ist. 

Der so begonnenen Annäherung an die Psychoanalyse braucht man aber 
den Wert einer Versöhnung oder Abgleichung des Gegensatzes zu ihr nicht 
zuzugestehen. Wenn jemand, der bisher von einer Summe miteinander zu- 
sammenhängender Behauptungen nichts gehalten hat, plötzlich in die Lage 
kommt, sich von der Richtigkeit eines Anteiles dieses Ganzen zu über- 
zeugen, so sollte man meinen, er würde jetzt überhaupt in seiner Ab- 
lehnung schwankend werden und eine gewisse respektvolle Erwartung zu- 
lassen, daß auch der andere Teil, über den er noch keine eigene Erfahrung 
und demnach kein eigenes Urteil besitzt, sich als richtig herausstellen könne. 

Dieser andere, vom Studium der Kriegsneurosen nicht berührte Anteil 
der psychoanalytischen Lehre geht dahin, daß es sexuelle Triebkräfte sind, 
welche sich in der Symptombildung zum Ausdruck bringen, und daß die 
Neurose aus dem Konflikt zwischen dem Ich und den von ihm verstoßenen 
Sexualtrieben hervorgeht. „Sexualität" ist dabei in dem erweiterten, in der 
Psychoanalyse gebräuchlichen Sinne zu verstehen, und nicht mit dem 
engeren Begriff der „Genitalität" zu verwechseln. Es ist nun ganz richtig, 
wie es E. Jones in seinem Beitrag darlegt, daß dieser Teil der Theorie an 
den Kriegsneurosen bisher nicht erwiesen ist. Die Arbeiten, die das erweisen 
könnten, sind noch nicht angestellt worden. Vielleicht sind die Kriegs- 
neurosen ein für diesen Nachweis überhaupt ungeeignetes Material. Aber 
die Gegner der Psychoanalyse, bei denen sich die Abneigung gegen die 
Sexualität stärker gezeigt hat als die Logik, haben sich zu verkünden geeilt, 
daß die Untersuchung der Kriegsneurosen dieses Stück der psychoanalytischen 
Theorie endgiltig widerlegt habe. Sie haben sich dabei einer kleinen Ver- 
tauschung schuldig gemacht. Wenn die — noch sehr wenig eingehende — 



254 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 



Untersuchung der Kriegsneurosen nicht erkennen läßt, daß die Sexual- 
theorie der Neurosen richtig ist, so ist das etwas ganz anderes, als wenn 
sie erkennen ließe, daß diese Theorie nicht richtig ist. 

Bei unparteiischer Einstellung und einigem guten Willen fiele es nicht 
schwer, den Weg zu finden, der zur weiteren Klärung führt. 

Die Kriegsneurosen sind, soweit sie sich durch besondere Eigenheiten 
von den banalen Neurosen der Friedenszeit unterscheiden, aufzufassen als 
traumatische Neurosen, die durch einen Ichkonflikt ermöglicht oder be- 
günstigt worden sind. Gute Hinweise auf diesen Ichkonflikt bringt der 
Beitrag von Abraham; auch die englischen und amerikanischen Autoren, 
die Jones zitiert, haben ihn erkannt. Er spielt sich zwischen dem alten 
friedlichen und dem neuen kriegerischen Ich des Soldaten ab, und wird 
akut, sobald dem Friedens-Ich vor Augen gerückt wird, wie sehr es Gefahr 
läuft, durch die Wagnisse seines neugebildeten parasitischen Doppelgängers 
ums Leben gebracht zu werden. Man kann ebensowohl sagen, das alte Ich 
schütze sich durch die Flucht in die traumatische Neurose gegen die Lebens- 
gefahr, wie es erwehre sich des neuen Ichs, das es als bedrohlich für sein 
Leben erkennt. Das Volksheer wäre also die Bedingung, der Nährboden der 
Kriegsneurosen; bei Berufssoldaten, in einer Söldnerschar, wäre ihnen die 
Möglichkeit des Auftretens entzogen. 

Das andere an den Kriegsneurosen ist die traumatische Neurose, die be- 
kanntlich auch im Frieden nach Schreck und schweren Unfällen vorkommt, 
ohne jede Beziehung zu einem Konflikt im Ich. 

Die Lehre von der sexuellen Ätiologie der Neurosen, oder wie wir lieber 
sagen: die Libidotheorie der Neurosen ist ursprünglich nur für die Über- 
tragungsneurosen des friedlichen Lebens aufgestellt worden und bei ihnen 
durch Anwendung der analytischen Technik leicht zu erweisen. Aber ihre 
Anwendung auf jene anderen Affektionen, die wir später als die Gruppe der 
narzißtischen Neurosen zusammengefaßt haben, stößt bereits auf Schwierig- 
keiten. Eine gewöhnliche Dementia praecox, eine Paranoia, eine Melan- 
cholie sind zum Erweis der Libidotheorie und zur Einführung in ihr Ver- 
ständnis im Grunde recht ungeeignetes Material, weshalb auch die Psychiater, 
welche die Übertragungsneurosen vernachlässigen, sich mit ihr nicht be- 
freunden können. Als die in dieser Hinsicht refraktärste galt immer die 
traumatische Neurose (der Friedenszeit), so daß das Auftauchen der Kriegs- 
neurosen kein neues Moment in die vorliegende Situation eintragen konnte. 

Erst durch die Aufstellung und Handhabung des Begriffs einer „narziß- 
tischen Libido", d. h. eines Maßes von sexueller Energie, welches am Ich 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 2^«; 

selbst hängt und sich an diesem ersättigt, wie sonst nur am Objekt, ist es 
gelungen, die Libidotheorie auch auf die narzißtischen Neurosen auszudeh- 
nen, und diese durchaus legitime Fortentwicklung des Begriffes der Sexuali- 
tät verspricht für diese schwereren Neurosen und für die Psychosen all das 
zu leisten, was man von einer sich empirisch vorwärtstastenden Theorie 
erwarten kann. Auch die traumatische Neurose (des Friedens) wird sich in 
diesen Zusammenhang einfügen, wenn erst die Untersuchungen über die 
unzweifelhaft bestehenden Beziehungen zwischen Schreck, Angst und narziß- 
tischer Libido zu einem Ergebnis gelangt sind. 

Wenn die traumatischen und die Kriegsneurosen überlaut vom Einfluß 
der Lebensgefahr reden und gar nicht oder nicht deutlich genug von dem 
der „Liebesversagung", so entfällt dafür bei den gewöhnlichen Übertragungs- 
neurosen der Friedenszeit jeder ätiologische Anspruch des ersteren, dort so 
mächtig auftretenden Moments. Meint man doch sogar, daß diese letzteren 
Leiden durch Verwöhnung, Wohlleben und Untätigkeit nur gefördert werden, 
was wiederum einen interessanten Gegensatz zu den Lebensbedingungen 
ergibt, unter denen die Kriegsneurosen ausbrechen. Nach dem Vorbild ihrer 
Gegner hätten die Psychoanalytiker, die ihre Patienten an der „Liebes- 
versagung", an den unbefriedigten Ansprüchen der Libido erkrankt finden, 
behaupten müssen, daß es keine Gefahrneurose geben könne, oder daß die 
nach Schreck auftretenden Affektionen keine Neurosen sind. Dies ist ihnen 
natürlich niemals eingefallen. Vielmehr sehen sie eine bequeme Möglichkeit, 
die beiden scheinbar auseinanderstrebenden Tatsachen in einer Auffassung 
zu vereinigen. In den traumatischen und Kriegsneurosen wehrt sich das 
Ich des Menschen gegen eine Gefahr, die ihm von außen droht, oder die 
ihm durch eine Ichgestaltung selbst verkörpert wird; bei den friedlichen 
Übertragungsneurosen wertet das Ich seine Libido selbst als den Feind, 
dessen Ansprüche ihm bedrohlich scheinen. Beide Male Furcht des Ichs vor 
seiner Schädigung: hier durch die Libido, dort durch die äußeren Gewalten. 
Ja man könnte sagen, bei den Kriegsneurosen sei das Gefürchtete, zum 
Unterschied von der reinen traumatischen Neurose und in Annäherung an 
die Übertragungsneurosen, doch ein innerer Feind. Die theoretischen 
Schwierigkeiten, die einer solchen einigenden Auffassung im Wege stehen, 
scheinen nicht unüberwindlich; man kann doch die Verdrängung, die jeder 
Neurose zugrunde liegt, mit Fug und Recht als Reaktion auf ein Trauma, 
als elementare traumatische Neurose bezeichnen. 



VORREDE 

zu PROBLEME DER RE LI G I O NS PSYC HO LO G I E von 
Dr. THEODOR REIK, L Teil: DAS RITUAL (Internationale Psycho- 
analytische Bibliothek, Nr. V). Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 
Leipzig und Wien I9 J 9- 






Die Psychoanalyse wurde aus der ärztlichen Not geboren, sie entsprang 
dem Bedürfnis, nervös Kranken zu helfen, denen Ruhe, Wasserheilkünste 
und Elektrizität keine Linderung bringen konnten. Eine höchst merkwürdige 
Erfahrung von Josef Breuer hatte die Hoffnung geweckt, ihnen um so 
ausgiebiger helfen zu können, je mehr man von der bis dahin unergrün- 
deten Entstehung ihrer Leidenssymptome verstünde. So wurde die Psycho- 
analyse, ursprünglich eine rein ärztliche Technik, von ihrem Anfang an 
auf Erforschen, auf die Aufdeckung weitreichender verborgener Zusammen- 
hänge hingewiesen. 

Ihr weiterer Weg lenkte sie von dem Studium der körperlichen Be- 
dingungen des nervösen Krankseins in einem für den Arzt befremdenden 
Maße ab. Dafür bekam sie es mit allem seelischen Inhalt zu tun, der das 
menschliche Leben erfüllt, auch das der Gesunden, der Normalen und 
Übernormalen. Sie mußte sich um Affekte und Leidenschaften kümmern, 
vor allen um jene, welche die Dichter darzustellen und zu verherrlichen 
nicht müde werden, um die Affekte des Liebeslebens, lernte die Macht 
der Erinnerungen kennen, die ungeahnte Bedeutung der frühen Kindheits- 
jahre für die Gestaltung der späteren Reife, die Stärke der Wünsche, die 
das Urteil des Menschen verfälschen und seinem Streben feste Bahnen 
vorschreiben. Eine Zeitlang schien es ihr beschieden, in Psychologie auf- 
zugehen, ohne angeben zu können, warum sich die Psychologie des Kranken 
von der des Normalen unterscheide. 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 257 

Auf ihrem Wege stieß sie aber auf das Problem des Traumes, der ein 
abnormes seelisches Produkt ist, von normalen Menschen unter regelmäßig 
wiederkehrenden physiologischen Bedingungen geschaffen. Als sich der 
Psychoanalyse das Rätsel der Träume löste, hatte sie im unbewußten 
Seelischen den gemeinsamen Boden gefunden, in dem die höchsten wie 
die niedrigsten Seelenregungen wurzeln, aus dem sich die normalsten wie 
die krankhaft irregehenden Seelenleistungen erheben. Nun gestaltete sich 
immer deutlicher und vollständiger das Bild des seelisches Betriebs. Dunkle, 
aus dem Organischen stammende Triebkräfte, die nach mitgebrachten Zielen 
streben, über ihnen ein Instanzenzug von höher organisierten seelischen 
Formationen, — Erwerbungen der Menschheitsentwicklung unter dem Zwang 
der Menschheitsgeschichte, — welche Anteile dieser Triebregungen auf- 
genommen, weitergebildet oder ihnen selbst höhere Ziele zugewiesen haben, 
auf jeden Fall aber sie durch feste Verknüpfungen binden und mit ihren 
Triebkräften nach ihren eigenen Absichten walten. Einen anderen Anteil 
derselben elementaren Triebregungen hat aber diese höhere Organisation, 
die uns als das Ich bekannt ist, als unbrauchbar von sich gewiesen, weil 
sie sich in die organische Einheit des Individuums nicht fügen konnten 
oder weil sie sich gegen die kulturellen Ziele desselben sträubten. Das Ich 
ist nicht imstande, diese ihm nicht unterworfenen seelischen Mächte aus- 
zurotten, aber es wendet sich von ihnen ab, beläßt sie auf dem primitivsten 
psychologischen Niveau, schützt sich gegen ihre Ansprüche durch energische 
Schutz- und Gegensatzbildungen oder sucht sich durch Ersatzbefriedigungen 
mit ihnen abzufinden. Ungebändigt und unzerstörbar, doch an jeder Be- 
tätigung gehemmt, bilden diese der Verdrängung verfallenen Triebe und 
ihre primitive seelische Repräsentanz die seelische Unterwelt, den Kern des 
eigentlich Unbewußten, stets bereit, ihre Ansprüche geltend zu machen 
und auf jedem Umweg zur Befriedigung vorzudringen. Daher die Labilität 
des stolzen psychischen Oberbaus, der nächtliche Vorstoß des Verpönten 
und Verdrängten im Traume, die Eignung, an Neurosen und Psychosen 
zu erkranken, sobald sich das Kräfteverhältnis zwischen dem Ich und dem 
Verdrängten zu Ungunsten des Ichs verschiebt. 

Die nächste Überlegung mußte sagen, daß eine solche Auffassung vom 
Leben der menschlichen Seele unmöglich auf das Gebiet des Traumes und 
der nervösen Erkrankungen eingeschränkt werden konnte. Wenn sie etwas 
Richtiges getroffen hatte, so mußte sie auch für das normale seelische Ge- 
schehen zutreffend sein, und selbst die höchsten Leistungen des Menschen- 
geistes mußten eine Beziehung zu den in der Pathologie erkannten Mo- 
Freud XI. 17 



258 Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 

menten, zur Verdrängung, zu den Bemühungen um die Bewältigung des 
Unbewußten, zu den Befriedigungsmöglichkeiten der primitiven Triebe 
erkennen lassen. Es wurde von da an eine unwiderstehliche Versuchung, 
ein wissenschaftliches Gebot, die Untersuchungsmethoden der Psychoanalyse 
weit weg von ihrem Mutterboden auf die mannigfaltigsten Geisteswissen- 
schaften anzuwenden. Ja selbst die psychoanalytische Arbeit an den Kranken 
mahnte unaufhörlich an diese neue Aufgabe, denn es war unverkennbar, 
daß die einzelnen Formen der Neurose die stärksten Anklänge an die höchst- 
wertigen Schöpfungen unserer Kultur vernehmen ließen. Der Hysteriker 
ist ein unzweifelhafter Dichter, wenngleich er seine Phantasien im wesent- 
lichen mimisch und ohne Rücksicht auf das Verständnis der anderen 
darstellt; das Zeremoniell und die Verbote des Zwangsneurotikers nötigen 
uns zum Urteil, er habe sich eine Privatreligion geschaffen, und selbst die 
Wahnbildungen der Paranoiker zeigen eine unerwünschte äußere Ähnlich- 
keit und innere Verwandtschaft mit den Systemen unserer Philosophen. Man 
kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß hier Kranke in asozialer 
Weise doch dieselben Versuche zur Lösung ihrer Konflikte und Beschwich- 
tigung ihrer drängenden Bedürfnisse unternehmen, die Dichtung, Beligion 
und Philosophie heißen, wenn sie in einer für eine Mehrzahl verbind- 
lichen Weise ausgeführt werden. 

O. Rank und H. Sachs haben 1913 in einer überaus gedankenreichen 
Schrift („Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften") 
zusammengestellt, welche Ergebnisse die Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Geisteswissenschaften bis dahin geliefert hatte. Mythologie, Literatur- 
und Religionsgeschichte scheinen die am leichtesten zugänglichen Gebiete 
zu sein. Für den Mythus ist die endgültige Formel, welche ihm seinen 
Platz in solchem Zusammenhange anweist, noch nicht gefunden. In einem 
großen Buche über den Inzestkomplex hat Otto Rank 1 den über- 
raschenden Nachweis erbracht, daß die Stof'fwahl insbesondere der drama- 
tischen Dichtung vorwiegend durch den Umfang des von der Psychoanalyse 
so genannten Ödipus- Komplexes bestimmt wird, durch dessen Bearbeitung 
in den mannigfachsten Abänderungen, Entstellungen und Verhüllungen der 
Dichter sein eigenes, persönlichstes Verhältnis zu diesem affektiven Thema 
zu erledigen sucht. Der Üdipus-Komplex, d. i. die affektive Einstellung zur 
Familie, im engeren Sinne zu Vater und Mutter, ist jener Stoff, an dessen 
Bewältigung der einzelne Neurotiker scheitert, und der darum regelmäßig 



1) 0. Rank: Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Leipzig und Wien, 1912. 



Geleitworte zu Bückern anderer Autoren 



259 



den Kern seiner Neurose bildet. Er verdankt aber seine Bedeutung keines- 
wegs einem uns unverständlichen Zusammentreffen, sondern die biologischen 
Tatsachen der langen Unselbständigkeit und langsamen Reifung des jungen 
Menschen, sowie des komplizierten Entwicklungsganges seiner Liebesfähig- 
keit drücken sich in dieser Betonung des Verhältnisses zu den Eltern aus 
und haben zur Folge, daß die Überwindung des Ödipus-Komplexes mit der 
zweckmäßigsten Bewältigung der archaischen, animalischen Erbschaft des 
Menschen zusammenfällt. In dieser sind zwar alle Kräfte enthalten, welche 
für die spätere Kulturentwicklung des Einzelnen benötigt werden, aber 
sie müssen erst ausgesondert und verarbeitet werden. So wie es der einzelne 
Mensch mitbringt, ist dieses archaische Erbgut für die Zwecke des sozialen 
Kulturlebens nicht zu brauchen. 

Es bedarf eines Schrittes weiter, um den Ausgangspunkt für die psycho- 
analytische Betrachtung des religiösen Lebens zu finden. Was heute für 
den Einzelnen Erbgut ist, das war einmal vor einer langen Reihe von 
Generationen, die es einander übertragen haben, Neuerwerb. Auch der 
Odipus-Komplex kann also seine Entwicklungsgeschichte haben und das 
Studium der Prähistorie kann dazu führen, diese zu erraten. Die Forschung 
nimmt an, daß das menschliche Familienleben sich in entlegenen Urzeiten 
ganz anders gestaltet hatte, als wir es heute kennen, und bestätigt diese 
Vermutung durch Befunde bei den heute lebenden Primitiven. Unterzieht 
man das prähistorische und ethnologische Material darüber einer psycho- 
analytischen Bearbeitung, so stellt sich ein unerwartet präzises Ergebnis 
heraus: daß Gottvater dereinst leibhaftig auf Erden gewandelt und als 
Häuptling der Urmenschenhorde seine Herrschermacht gebraucht hat, bis 
ihn seine Söhne im Vereine erschlugen. Ferner, daß durch die Wirkung 
dieser befreienden Untat und in der Reaktion auf dieselbe die ersten sozialen 
Bindungen entstanden, die grundlegenden moralischen Beschränkungen und 
die älteste Form einer Religion, der Totemismus. Daß aber auch die 
späteren Religionen von demselben Inhalt erfüllt und bemüht sind, einer- 
seits die Spuren jenes Verbrechens zu verwischen oder es zu sühnen, in- 
dem sie andere Lösungen für den Kampf zwischen Vater und Söhnen ein- 
setzen, anderseits aber nicht umhin können, die Beseitigung des Vaters von 
neuem zu wiederholen. Dabei läßt sich auch im Mythus der Nachhall jenes, 
die ganze Menschheitsentwicklung riesengroß überschattenden Ereignisses 
erkennen. 

Diese auf den Einsichten von Robertson Smith fußende, von mir in 
„Totem und Tabu" 1912 entwickelte Hypothese hat Th. Reik seinen 

.7' 



26o Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 

Studien über Probleme der Religionspsychologie zugrunde gelegt, von denen 
hier der erste Band ausgegeben wird. Der psychoanalytischen Technik getreu 
gehen diese Arbeiten von bisher unverstandenen Einzelheiten des religiösen 
Lebens aus, um durch deren Aufklärung Aufschluß über die tiefsten Vor- 
aussetzungen und letzten Ziele der Religionen zu gewinnen, und behalten 
die Beziehung zwischen dem Urzeitlichen und dem heutigen Primitiven 
sowie den Zusammenhang kultureller Leistung mit neurotischer Ersatz- 
bildung unverrückt im Auge. Im übrigen darf auf die Einleitung des 
Verfassers verwiesen und die Erwartung ausgesprochen werden, daß sein 
Werk sich der Beachtung Fachkundiger selbst empfehlen wird. 



BRIEF 

vom 2y. April 19 ij an Frau Dr. HERMINE VON HUG-HELLMUTH, 
abgedruckt in ihrem Geleitwort zu dem von ifir herausgegebenen TAGE- 
BUCH EINES HALBWÜCHSIGEN MADCHENS (Quellenschriften 
zur seelischen Entwicklung, Nr. I). Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 
Leipzig - Wien - Zürich l>) 19 (2. Auß. 1921, ). Aufl. 1922). 

Das Tagebuch ist ein kleines Juwel. Wirklich, ich glaube, noch niemals 
hat man in solcher Klarheit und Wahrhaftigkeit in die Seelenregungen 
hineinblicken können, welche die Entwicklung des Mädchens unserer Gesell- 
schafts- und Kulturstufe in den Jahren der Vorpubertät kennzeichnen. Wie 
die Gefühle aus dem kindlich Egoistischen hervorwachsen, bis sie die soziale 
Reife erreichen, wie die Beziehungen zu Eltern und Geschwistern zuerst 
aussehen, und dann allmählich an Ernst und Innigkeit gewinnen, wie 
Freundschaften angesponnen und verlassen werden, die Zärtlichkeit nach 
ihren ersten Objekten tastet, und vor allem, wie das Geheimnis des Geschlechts- 
lebens erst verschwommen auftaucht, um dann von der kindlichen Seele 
ganz Besitz zu nehmen, wie dieses Kind unter dem Bewußtsein seines 
geheimen Wissens Schaden leidet und ihn allmählich überwindet, das ist 
so reizend, natürlich und so ernsthaft in diesen kunstlosen Aufzeichnungen 
zum Ausdruck gekommen, daß es Erziehern und Psychologen das höchste 
Interesse einflößen muß. 

. . Ich meine, Sie sind verpflichtet, das Tagebuch der Öffentlichkeit 
zu übergeben. Meine Leser werden Ihnen dafür dankbar sein . . . 



P RR FACE 

to ADDRESSES ON PSYCHO-ANALYSIS by ./. ./. PUTNAM, M. D. 
emeritus Professor of Neurology, Harvard University (International Psycho- 
Analytical Library, No. i). The International Psycho- Analytical Press, 
London - Vienna - New York 102 1. 

The Editor of this series must feel a special satisfaction in being able 
to issue as its opening volume this collection of the psycho-analytical writings 
of Professor James J. Putnam, the distinguished neurologist of Harvard 
University. Professor Putnam, who died in 1918 at the age of seventy-two, 
was not only the first American to interest himself in psycho-analysis, but 
soon became its most decided supporter and its rnost influential representative 
in America. In consequence of the established reputation which he had 
gained through his activities as a teacher, as well as through his important 
vvork in the domain of organic nervous disease, and thanks to the universal 
respect which his personality enjoyed, he was able to do perhaps more 
than anyone for the spread of psycho-analysis in his own country, and was 
able to protect it from aspersions which, 011 the other side of the Atlantic 
no less than this, would inevitably have been cast upon it. But all such 
reproaches were bound to be silenced when a man of Putnam's lofty ethical 
Standards and moral rectitude had ranged himself among the supporters 
of the new science and of the therapeutics based upon it. 

The papers here collected into a single volume, which were written by 
Putnam between 1909 and the end of his life, give a good picture of his 
relations to psycho-analysis. They show how he was at first occupied in 
correcting a provisional judgement which was based on insufficient knowledge; 
how he then accepted the essence of analysis, recognized its capacity for 
throwing a clear light upon the origin of human imperfections and failings, 



Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 265 



ani hovv he was Struck by the prospect of contributing towards the improvement 
of humanity along analytical lines; how he then became convinced by his 
owr. activities as a physician as to the truth of most of the psycho-analytical 
conclusions and postulates, and then in his turn bore witness to the fact 
that '.he physician who makes use of analysis understands far more about 
the sufferings of his patients and can do far more for them than was possible 
with the earlier methods of treatment; and finally how he began to extend 
beyond the limits of analysis, demanding that as a science it should be 
linked 011 to a particular philosophical system, and that its practice should 
be openly associated with a particular set of ethical doctrines. 

So it is not to be wondered at that a mind with such pre-eminently 
ethical and philosophical tendencies as Putnam's should have desired, after 
he had plunged deep into psycho-analysis, to establish the dosest relation 
between it and the aims which lay nearest his heart. But his enthusiasm, 
so admirable in a man of his advanced age, did not succeed in carrying 
others along with him. Younger people remained cooler. It was especially 
Ferenczi who expressed the opposite view. The decisive reason for the rejection 
of Putnam's proposals was the doubt as to which of the countless philosophical 
Systems should be accepted, since they all seemed to rest on an equally 
insecure basis, and since everything had up tili then been sacrificed for 
the sake of the relative certainty of the results of psycho-analysis. It seemed 
more prudent to wait, and to discover whether a particular attitude towards 
life might be forced upon us with all the weight of necessity by analytical 
investigation itself. 

It is our duty to express our thanks to the author's widow, Mrs. Putnam, 
for her assistance with the manuscripts, with the Copyrights, and with 
financial support, without all of which the publication of this volume would 
have been impossible. No English manuscripts were forthcoming in the 
case of the papers numbered VI, VII, and X. They have been translated 
into English by Dr. Katherine Jones from the German text which originated 
from Putnam himself. 

This volume will keep fresh in analytical circles the memory of the 
friend whose loss we so profoundly deplore. May it be the first of a series 
of publications which shall serve the end of furthering the understanding 
and application of psycho-analysis among those who speak the English 
tongue — an end to which James J. Putnam dedicated the last ten years 
of his fruitful life. 




GELEITWORT 

zu ÜBER DAS VORBEtVUSSTE PHANTASIERENDE 
DENKEN von Dr. J. VARENDONCK (Gent). Autorisierte Über- 
setzung aus dem Englischen von Anna Freud (Internationale Psycho- 
analytische Bibliothek, Bd. XII). Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Leipzig - Wien - Zürich JQ22. 

Das vorliegende Buch des Dr. Varendonck enthält eine bedeutsame 
Neuheit und wird mit Recht das Interesse aller Philosophen, Psychologen 
und Psychoanalytiker erwecken. Es ist dem Autor in jahrelangen Bemühungen 
gelungen, jener Art von phantasierender Denktätigkeit habhaft zu werden, 
welcher man sich während der Zustände von Zerstreutheit hingibt, und in 
die man leicht vor dem Einschlafen oder bei unvollkommenem Erwachen 
verfallt. Er hat sich die Gedankenketten, die sich unter solchen Umständen 
ohne das Wollen der Person einstellen, zum Bewußtsein gebracht, sie nieder- 
geschrieben, ihre Eigentümlichkeiten und Unterschiede vom absichtlichen, 
bewußten Denken studiert und dabei eine Reihe von wichtigen Entdeckungen 
gemacht, aus denen sich noch weitergehende Probleme und Fragestellungen 
ableiten. 

Manche Punkte in der Psychologie des Traumes und der Fehlleistungen 
finden durch die Beobachtungen von Dr. Varendonck eine sichere Er- 
ledigung. 



VORWORT 

zu BERICHT ÜBER DTE BERLINER PSYCHOANALYTISCHE 
POLIKLINIK (März 1920 bis Juni 1922) von Dr. M. EITINGON 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig - Wien - Zürich 1$2}. 

Mein Freund Max Eitingon, der die Berliner Psychoanalytische 
Poliklinik geschaffen und bisher aus eigenen Mitteln erhalten hat, be- 
richtet auf den nachstehenden Blättern der Öffentlichkeit über die Motive 
seiner Gründung, wie über Einrichtung und Leistung des Instituts. Ich 
kann zu dieser Schrift nur den Wunsch beitragen, daß sich bald auch an 
anderen Orten Männer oder Vereinigungen finden mögen, welche, dem 
Beispiele Eitingons folgend, ähnliche Anstalten ins Leben rufen. Wenn 
die Psychoanalyse neben ihrer wissenschaftlichen Bedeutung einen Wert als 
therapeutische Methode besitzt, wenn sie imstande ist, leidenden Menschen 
im Kampf um die Erfüllung der kulturellen Forderungen beizustehen, so 
soll diese Hilfeleistung auch der großen Menge jener zuteil werden, die 
zu arm sind, um den Analytiker für seine mühevolle Arbeit selbst zu ent- 
lohnen. Zumal in unseren Zeiten erscheint dies als soziale Notwendigkeit, 
da die der Neurose besonders ausgesetzten intellektuellen Volksschichten 
unaufhaltsam in die Verarmung herabsinken. Solche Institute wie die 
Berliner Poliklinik sind auch allein imstande, die Schwierigkeiten zu über- 
winden, welche sich sonst einem gründlichen Unterricht in der Psycho- 
analyse entgegenstellen. Sie machen die Ausbildung einer größeren Anzahl 
von geschulten Analytikern möglich, in deren Wirksamkeit man den einzig 
möglichen Schutz gegen die Schädigung der Kranken durch Unkundige und 
Unberufene, seien es nun Laien oder Ärzte, erblicken muß. 



BRIEF 

vom J. Mai IJ2) über die spanische Ausgabe an den Übersetzer LUIS 
LOPEZ-BALLESTEROS Y DE TORRES, veröffentlicht in Band IV der 
„OB RAS COMPLETAS del Profesor S. FREUD", Biblioteca Nueva, 
Madrid 192} . 

Siendo yo un joven estudiante, el deseo de leer el inmortal D. Quijote 
en el original cervantino, me llevö a aprender, sin maestros, la bella lengua 
castellana. Gracias a esta aficiön juvenil puedo ahora — ya en avanzada 
edad — comprobar el acierto de su versiön espanola de mis obras, cuya 
lectura me produce siempre un vivo agrado por la correctisima inter- 
pretaciön de mi pensamiento y la elegancia del estilo. Me admira, sobre 
todo, cömo non siendo usted medico ni psiquiatra de profesiön ha podido 
alcanzar tan absoluto y preciso dominio de una materia harto intrincada 
y a veces oscura. 



ZUSCHRIFT 

vorn 26. Februar 1924 an die Zeitschrift LE DISQUE VERT in Paris 
und Bruxeiles für ilir Sonderheft „Freud et. la Psychanalyse" 

Des nombreux enseignements que me prodigua en son temps (1885 — 1886) 
Maitre Charcot, ä la Salpetriere, il y en a deux qui m'ont laisse une im- 
pression bien profonde: c'est qu'on ne doit jamais se lasser de conside>er 
toujours ä nouveau les memes ph^nomenes (ou d'en subir les effets) et 
qu'on ne doit pas se soucier de la contradiction la plus generale quand on 
a travaille d'une facon sincere. 



zu 



GELEITWORT 

VERWAHRLOSTE JUGEND, Die Psychoanalyse in der Für- 
sorgeerziehung, Zehn Fort rage zur ersten Einführung von AUGUST 
AICHHORN (Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Nr. XIX). 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig - Wien - Zürich I92J. 

Von allen Anwendungen der Psychoanalyse hat keine so viel Interesse 
gefunden, so viel Hoffnungen erweckt und demzufolge so viele tüchtige 
Mitarbeiter herangezogen wie die auf die Theorie und Praxis der Kinder- 
erziehung. Dies ist leicht zu verstehen. Das Kind ist das hauptsächliche 
Objekt der psychoanalytischen Forschung geworden; es hat in dieser Be- 
deutung den Neurotiker abgelöst, an dem sie ihre Arbeit begann. Die 
Analyse hat im Kranken das wenig verändert fortlebende Kind aufgezeigt 
wie im Träumer und im Künstler, sie hat die Triebkräfte und Tendenzen 
beleuchtet, die dem kindlichen Wesen sein ihm eigenes Gepräge geben 
und die Entwicklungswege verfolgt, die von diesem zur Reife des Erwach- 
senen führen. Kein Wunder also, wenn die Erwartung entstand, die psycho- 
analytische Bemühung um das Kind werde der erzieherischen Tätigkeit zu- 
gute kommen, die das Kind auf seinem Weg zur Reife leiten, fördern und 
gegen Irrungen sichern will. 

Mein persönlicher Anteil an dieser Anwendung der Psychoanalyse ist 
sehr geringfügig gewesen. Ich hatte mir frühzeitig das Scherzwort von den 
drei unmöglichen Berufen — als da sind: Erziehen, Kurieren, Regieren — 
zu eigen gemacht, war auch von der mittleren dieser Aufgaben hinreichend 
in Anspruch genommen. Darum verkenne ich aber nicht den hohen sozialen 
Wert den die Arbeit meiner pädagogischen Freunde beanspruchen darf. 

Das vorliegende Buch des Vorstandes A. Aichhorn beschäftigt sich mit 
einem Teilstück des großen Problems, mit der erzieherischen Beeinflussung 



268 Geleilworte zu Büchern anderer Autoren 



der jugendlichen Verwahrlosten. Der Verfasser hatte in amtlicher Stellung 
als Leiter städtischer Fürsorgeanstalten lange Jahre gewirkt, ehe er mit der 
Psychoanalyse bekannt wurde. Sein Verhalten gegen die Pflegebefohlenen 
entsprang aus der Quelle einer warmen Anteilnahme an dem Schicksal 
dieser Unglücklichen und wurde durch eine intuitive Einfühlung in deren 
seelische Bedürfnisse richtig geleitet. Die Psychoanalyse konnte ihn prak- 
tisch wenig Neues lehren, aber sie brachte ihm die klare theoretische Ein- 
sicht in die Berechtigung seines Handelns und setzte ihn in den Stand, es 
vor anderen zu begründen. 

Man kann diese Gabe des intuitiven Verständnisses nicht bei jedem 
Erzieher voraussetzen. Zwei Mahnungen scheinen mir aus den Erfahrungen 
und Erfolgen des Vorstandes Aichhorn zu resultieren. Die eine, daß der 
Erzieher psychoanalytisch geschult sein soll, weil ihm sonst das Objekt 
seiner Bemühung, das Kind, ein unzugängliches Rätsel bleibt. Eine solche 
Schulung wird am besten erreicht, wenn sich der Erzieher selbst einer 
Analyse unterwirft, sie am eigenen Leibe erlebt. Theoretischer Unterricht 
in der Analyse dringt nicht tief genug und schafft keine Überzeugung. 

Die zweite Mahnung klingt eher konservativ, sie besagt, daß die Er- 
ziehungsarbeit etwas sui generis ist, das nicht mit psychoanalytischer Be- 
einflussung verwechselt und nicht durch sie ersetzt werden kann. Die 
Psychoanalyse des Kindes kann von der Erziehung als Hilfsmittel heran- 
gezogen werden. Aber sie ist nicht dazu geeignet, an ihre Stelle zu treten. 
Nicht nur praktische Gründe verbieten es, sondern auch theoretische Über- 
legungen widerraten es. Das Verhältnis zwischen Erziehung und psycho- 
analytischer Bemühung wird voraussichtlich in nicht ferner Zeit einer 
gründlichen Untersuchung unterzogen werden. Ich will hier nur Weniges 
andeuten. Man darf sich nicht durch die übrigens vollberechtigte Aussage 
irreleiten lassen, die Psychoanalyse des erwachsenen Neurotikers sei einer 
Nacherziehung desselben gleichzustellen. Ein Kind, auch ein entgleistes 
und verwahrlostes Kind, ist eben noch kein Neurotiker und Nacherziehung 
etwas ganz anderes als Erziehung des Unfertigen. Die Möglichkeit der 
analytischen Beeinflussung ruht auf ganz bestimmten Voraussetzungen, die 
man als „analytische Situation zusammenfassen kann, erfordert die Aus- 
bildung gewisser psychischer Strukturen, eine besondere Einstellung zum 
Analytiker. Wo diese fehlen, wie beim Kind, beim jugendlichen Verwahr- 
losten, in der Regel auch beim triebhaften Verbrecher, muß man etwas 
anderes machen als Analyse, was dann in der Absicht wieder mit ihr 
zusammentrifft. Die theoretischen Kapitel des vorliegenden Buches werden 



Geleitworte zu Bücftern anderer Autoren 269 



dem Leser eine erste Orientierung in der Mannigfaltigkeit dieser Ent- 
scheidungen bringen. 

Ich schließe noch eine Folgerung an, die nicht mehr für die Erziehungs- 
lehre, wohl aber für die Stellung des Erziehers bedeutsam ist. Wenn der 
Erzieher die Analyse durch Erfahrung an der eigenen Person erlernt hat 
und in die Lage kommen kann, sie bei Grenz- und Mischfällen zur Unter- 
stützung seiner Arbeit zu verwenden, so muß man ihm offenbar die Aus- 
übung der Analyse freigeben und darf ihn nicht aus engherzigen Motiven 
daran hindern wollen. 






GEDENRARTIKEL 






Dr. FERENCZI SANDOR 

Erschien - gezeichnet von „Herausgeber und 
Redaktion" — als Einleitung des anläßlich 
seines jo. Geburtstages Ferenczi gewidmeten 
Hefts der „Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse" (Bd. IX, Heft j , Sommer 192}). 

Wenige Jahre nach ihrem Erscheinen (1900) geriet die „Traumdeutung 
auch in die Hand eines jungen Budapester Arztes, der Neurologe, Psychiater 
und gerichtlicher Sachverständiger, doch eifrig nach neuem Erwerb in seiner 
Wissenschaft ausschaute. Er kam nicht weit in der Lektüre, bald hatte er 
das Buch von sich geworfen; es ist nicht bekannt, ob mehr gelangweilt 
oder angewidert. Indes kurze Zeit nachher lockte ihn der Ruf von neuen 
Arbeits- und Erkenntnismöglichkeiten nach Zürich, von dort trieb es ihn 
nach Wien, um den Autor des einst verächtlich beseitigten Buches zu sprechen. 
An diesen ersten Besuch knüpfte eine lange, intime und bis heute unge- 
trübte Freundschaft an, in deren Betätigung er auch 1909 die Reise nach 
Amerika zu den Vorlesungen an der Clark-University in Worcester, 
Mass., mitmachte. 

Dies waren die Anfänge Ferenczis, der seither selbst ein Meister und 
Lehrer der Psychoanalyse geworden ist und in diesem Jahre, 1923, gleich- 
zeitig sein fünfzigstes Lebensjahr wie das erste Dezennium in der Führung 
der Budapester Ortsgruppe vollendet. 

Ferenczi hat wiederholt auch in die äußeren Schicksale der Psycho- 
analyse eingegriffen. Bekannt ist sein Auftreten auf dem zweiten Kongreß 
der Analytiker, Nürnberg 1910, wo er die Gründung der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung als Abwehrmaßregel gegen die Ächtung de 
Analyse durch die offizielle Medizin in Vorschlag brachte und durchsetzen 
half. Auf dem fünften Analytischen Kongreß in Budapest, September 1918, 

Freud XI. l8 



r 



^ 



274 



Getlenkartikel 



wurde Ferenczi zum Präsidenten der Vereinigung gewählt. Er bestimmte 
Anton v. Freund zu seinem Sekretär und die vereinte Tatkraft beider 
Männer sowie die großzügigen Stiftungsabsichten Freunds hätten Budapest 
sicherlich zur analytischen Hauptstadt Europas erhoben, wenn nicht poli- 
tische Katastrophen und persönliche Schicksale diese schönen Hoffnungen 
erbarmungslos vernichtet hätten. Freund erkrankte und starb im Jänner 1920, 
im Oktober 1919 hatte Ferenczi unter Berufung auf die Isolierung Ungarns 
vom Weltverkehr seine Stelle niedergelegt und das Präsidium der Inter- 
nationalen Vereinigung Ernest Jones in London übertragen. Während der 
Dauer der Sowjetrepublik in Ungarn war Ferenczi mit den Funktionen 
eines Universitätslehrers betraut gewesen und die Hörer hatten sich zu seinen 
Vorlesungen gedrängt. Die Ortsgruppe aber, die er 1913 gegründet hatte, 1 
überstand alle Stürme, entwickelte sich unter seiner Leitung zu einer Stätte 
intensiver und fruchtbringender Arbeit und glänzte durch eine Häufung 
von Begabungen, wie sie sich an keinem anderen Orte zusammengefunden 
hatten. Ferenczi, der als ein mittleres Kind aus einer großen Geschwister- 
reihe ursprünglich einen starken Bruderkomplex in sich zu bekämpfen hatte, 
war unter der Einwirkung der Analyse ein tadelloser älterer Bruder, ein 
gütiger Erzieher und Förderer junger Talente geworden. 

Ferenczis analytische Schriften sind allgemein bekannt und gewürdigt 
worden. Seine „Populären Vorträge über Psychoanalyse" hat unser Verlag 
erst 1922 als XIII. Band der „Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek" 
herausgegeben. Klar und formvollendet, mitunter fesselnd geschrieben, sind 
sie eigentlich die beste „Einführung in die Psychoanalyse" für den ihr 
ferner Stehenden. Eine Sammlung der rein fachlich-medizinischen Arbeiten, 
von denen eine Anzahl durch E. Jones ins Englische übersetzt worden ist 
(Contributions to Psycho- Analysis 1916), steht noch aus. Der Verlag wird 
diese Aufgabe nachholen, sobald die Ungunst der Zeiten es ihm nicht mehr 
verwehrt. Die in ungarischer Sprache erschienenen Bücher und Broschüren 
haben zahlreiche Auflagen gehabt und die Analyse den gebildeten Kreisen 
Ungarns vertraut gemacht. 

Die wissenschaftliche Leistung Ferenczis imponiert vor allem durch 
ihre Vielseitigkeit. An glückliche kasuistische Funde und scharf beobachtete 
klinische Mitteilungen (Ein kleiner Hahnemann — Passagere Symptom- 
bildungen während der Behandlung — Mitteilungen aus der analytischen 

i) Die konstituierende Generalversammlung wurde am 19. Mai 1913 von Ferenczi 
als Obmann, Dr. Rad6 als Sekretär, Ho 11 6s, Ignotus und Levy als Mitgliedern 
abgehalten. 



Gedenkartikel 27 e 



Praxis) reihen sich mustergiltige kritische Arbeiten, wie die über Jungs 
Wandlungen und Symbole der Libido und Regis und Hesnards Beur- 
teilung der Analyse, treffliche Polemiken, wie die gegen Bleuler in der 
Alkoholfrage und gegen Putnam betreffs des Verhältnisses der Psycho- 
analyse zur Philosophie, maßvoll und würdig bei aller Entschiedenheit. 
Ferner die Aufsätze, auf denen Ferenczis Ruhm vorwiegend beruht, in 
denen seine Originalität, sein Gedankenreichtum und seine Verfügung über 
eine wohlgeleitete wissenschaftliche Phantasie so erfreulich zum Ausdruck 
kommen, durch die er wichtige Stücke der psychoanalj'tischen Theorie aus- 
gebaut und die Erkenntnis fundamentaler Verhältnisse im Seelenleben ge- 
fördert hat (Introjektion und Übertragung — Die Theorie der Hypnose — 
Die Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes — Die Arbeiten über Sym- 
bolik u. a.). Endlich die Arbeiten dieser letzten Jahre (Kriegsneurosen — 
Hysterie und Pathoneurosen — Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistes- 
störung [mit Hollös]), in denen das ärztliche Interesse vom psychologischen 
Tatbestand zur somatischen Bedingtheit hindrängt, und seine Ansätze zu einer 
„aktiven" Therapie. 

So unvollständig diese Aufzählung ausgefallen ist, so wissen doch seine 
Freunde, daß Ferenczi noch mehr für sich behalten hat, als er sich mit- 
zuteilen entschließen konnte. An seinem fünfzigsten Geburtstage vereinigen 
sie sich in dem Wunsch, daß ihm Stimmung, Kraft und Muße gegönnt 
sein mögen, seine wissenschaftlichen Vorsätze in neuen Leistungen zu ver- 
wirklichen. 



AN ROMAIN ROLLAND 

Aus dem „Liber amicorum Romain Rolland", 
das am 26. Januar 1926 zu Rollands 60. Ge- 
burtstag im Rotapfel-Verlag, Zürich, erschien. 

Unvergeßlicher, durch welche Mühen und Leiden haben Sie sich wohl 
zu solcher Höhe der Menschlichkeit emporgerungen! 

Lange Jahre, ehe ich Sie sah, hatte ich Sie als Künstler und als Apostel 
der Menschenliebe geehrt. Der Menschenliebe hing ich selbst an, nicht aus 
Motiven der Sentimentalität oder der Idealforderung, sondern aus nüchternen, 
ökonomischen Gründen, weil ich sie, bei der Gegebenheit unserer Trieb- 



276 Gedenkartikel 



anlagen und unserer Umwelt, für die Erhaltung der Menschenart für ebenso 
unerläßlich erklären mußte wie etwa die Technik. 

Als ich Sie dann endlich persönlich kennen lernte, war ich überrascht 
zu finden, daß Sie Stärke und Energie so hoch einzuschätzen wissen und 
daß in Ihnen selbst so viel Willenskraft verkörpert ist . 

Möge Ihnen das nächste Jahrzehnt nur Erfüllungen bringen. 

Herzlichst Ihr 

Sigm. Freud, aetat. 70. 



JAMES J. l'UTNAM f 

Erschien — gezeichnet vom „Herausgeber" 
— in der „Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse", Bei. V (1919J, Heft 2. (Die 
in Aussicht gestellte ausführliche Würdigung 
erschien im darauffolgenden Hefte aus der 
Feder von Krnest Jones. — Man vergleiche 
auch das Vorwort zu l'utnams „Addresses on 
Psycho-Analysis" in diesem Bande, S. 262). 

Unter den ersten Nachrichten, die mit dem Nachlaß der Absperrung aus 
den angelsächsischen Ländern zu uns gedrungen sind, befindet sich die 
schmerzliche Kunde vom Ableben Putnams, des Präsidenten der großen 
panamerikanischen psychoanalytischen Gruppe. Er wurde über zweiundsiebzig 
Jahre alt, blieb geistesfrisch bis zum Ende und fand einen sanften Tod durch 
Herzlähmung während des Schlafes im November 1918. Putnam, bis vor 
wenigen Jahren Professor der Neuropathologie an der Harvard-Universität 
in Boston, war die große Stütze der Psychoanalyse in Amerika. Seine zahl- 
reichen theoretischen Arbeiten (von denen einige zuerst in der Internatio- 
nalen Zeitschrift erschienen sind) haben durch ihre Klarheit, ihren Ge- 
dankenreichtum und durch die Entschiedenheit ihrer Parteinahme ungemein 
viel dazu getan, um der Analyse die Würdigung im psychiatrischen Unter- 
richt und im öffentlichen Urteil zu schaffen, die sie jetzt in Amerika genießt. 
Vielleicht ebensoviel wirkte sein Beispiel. Er war als tadelloser Charakter 
allgemein geehrt und man wußte, daß nur die höchsten ethischen Bück- 
sichten für ihn maßgebend waren. Wer ihn persönlich näher kannte, mußte 
urteilen, daß er zu jenen glücklich kompensierten Personen vom zwangs- 
neurotischen Typus gehöre, denen das Edle zur zweiten Natur und das 
Paktieren mit der Gemeinheit zur Unmöglichkeit geworden isl. 



Gedenkartikel 277 

J. Putnams persönliche Erscheinung ist den europäischen Analytikern 
durch seine Teilnahme am Weimarer Kongreß 1912 bekannt geworden. 
Die Redaktion der Zeitschrift hofft, in der nächsten Nummer ein Porträt 
unseres verehrten Freundes und eine ausführliche Würdigung seiner wissen- 
schaftlichen Leistungen bringen zu können. 



VICTOR TAUSK f 

Erschien — gezeichnet von der „Redaktion" — 
in der „Internationalen Zeitschrift für Psycho- 
analyse", Bd. V (1919), Heft J. 

Zu den glücklicherweise nicht zahlreichen Opfern, die der Krieg in den 
Reihen der Psychoanalytiker gefordert hat, muß man auch den ungewöhnlich 
begabten Wiener Nervenarzt rechnen, der — noch ehe der Frieden zum 
Abschluß gelangte — freiwillig aus dem Leben geschieden ist. 

Dr. Tausk, der erst im zweiundvierzigsten Lebensjahre stand, gehörte 
seit mehr als einem Jahrzehnt dem engeren Kreise der Anhänger Freuds 
an. Ursprünglich Jurist, war Dr. Tausk bereits längere Zeit als Richter in 
Bosnien tätig, als er unter dem Eindruck schwerer persönlicher Erlebnisse 
seine Laufbahn aufgab und sich der Journalistik zuwandte, zu der ihn seine 
umfassende allgemeine Bildung besonders befähigte. Nachdem er längere 
Zeit in Berlin journalistisch tätig gewesen war, kam er in derselben Eigen- 
schaft nach Wien, wo er die Psychoanalyse kennen lernte und bald beschloß, 
sich ihr ganz zuzuwenden. Bereits als gereifter Mann und Familienvater 
scheute er nicht vor den großen Schwierigkeiten und Opfern eines neuer- 
lichen Berufswechsels zurück, der eine mehrjährige Unterbrechung in seinem 
Erwerbsleben bedeuten mußte. Sollte ihm das langwierige Studium der 
Medizin doch nur ein Mittel sein, um die Psychoanalyse praktisch ausüben 
zu können. 

Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges hatte Tausk das zweite Doktorat 
erworben und etablierte sich als Nervenarzt in Wien, wo er nach verhältnis- 
mäßig kurzer Zeit im Begriffe war, sich eine ansehnliche Praxis zu schaffen, 
in der er schöne Erfolge erzielte. Aus dieser Tätigkeit, die dem ehrgeizigen 
jungen Arzt volle Befriedigung und Existenzmöglichkeit verhieß, wurde er 
durch den Krieg plötzlich gewaltsam gerissen. Sofort zur aktiven Dienst- 
leistung einberufen, hat Dr. Tausk, der bald zum Oberarzt avancierte, auf 



278 



Gedenkartikel 



den verschiedenen Kriegsschauplätzen im Norden und auf dem Balkan (zuletzt 
in Belgrad) seine ärztlichen Pflichten mit Aufopferung erfüllt und dafür 
auch offizielle Anerkennung geerntet. Es muß hier rühmend hervorgehoben 
werden, daß Dr. Tausk während des Krieges mit Einsetzung seiner ganzen 
Persönlichkeit und mit Zurücksetzung aller Rücksichten gegen die zahl- 
reichen Mißbräuche offen aufgetreten ist, die leider so viele Ärzte still- 
schweigend geduldet oder sogar mitverschuldet haben. 

Die mehrjährige aufreibende Felddienstleistung konnte an dem äußerst 
gewissenhaften Menschen nicht ohne schwere seelische Schädigung vorüber- 
gehen. Schon auf dem letzten psychoanalytischen Kongreß im September 1918 
in Budapest, der die Analytiker nach langen Jahren der Trennung wieder 
zusammenführte, zeigte der seit Jahren körperlich Leidende Zeichen be- 
sonderer Gereiztheit. 

Als Dr. Tausk dann bald darauf, im Spätherbst vorigen Jahres, aus dem 
Militärdienst schied und nach Wien zurückkehrte, stand der innerlich Er- 
schöpfte vor der schwierigen Aufgabe, sich zum drittenmal — diesmal unter 
den ungünstigsten äußeren und inneren Verhältnissen — eine neue Existenz 
zu gründen. Dazu kam, daß Dr. Tausk, der zwei herangewachsene Söhne 
hinterläßt, denen er ein fürsorglicher Vater war, vor einer neuen Ehe- 
schließung stand. Den vielfachen Anforderungen, welche die harte Wirk- 
lichkeit an den Leidenden stellte, war er nun nicht mehr gewachsen. Am 
Morgen des 3. Juli machte er seinem Leben ein Ende. 

Dr. Tausk, der seit dem Herbst 1909 Mitglied der Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung war, ist den Lesern dieser Zeitschrift durch ver- 
schiedene Beiträge bekannt, die sich durch scharfe Beobachtung, treffendes 
Urteil und eine besondere Klarheit des Ausdrucks auszeichnen. In diesen 
Arbeiten kommt deutlich die philosophische Schulung, die der Autor 
glücklich mit den exakten Methoden der Naturwissenschaft zu verbinden 
wußte, zum Ausdruck. Sein Bedürfnis nach philosophischer Fundierung 
und erkenntnistheoretischer Klarheit zwang ihn, die so schwierigen Probleme 
in ihrer ganzen Tiefe und umfassenden Bedeutung ZU erfassen, aber auch 
bewältigen zu wollen. In seinem ungestümen Forscherdrang ist er vielleicht 
manchmal in dieser Richtung zu weit gegangen; vielleicht war es auch 
noch nicht an der Zeit, der im Werden begriffenen Wissenschaft der Psycho- 
analyse eine allgemeinere Grundlage dieser Art zu geben. Die psychoana- 
lytische Betrachtung philosophischer Probleme, für die Tausk eine besondere 
Begabung bewies, verspricht immer mehr fruchtbar zu werden; eine der 
letzten Arbeiten des Verstorbenen, über die Psychoanalyse der Urteilsfunktion, 



Gedenkartikel 27g 



die — bisher noch unveröffentlicht — auf dem letzten psychoanalytischen 
Kongreß in Budapest von ihm vorgetragen wurde, beweist diese Richtung 
seines Interesses. 

Neben seiner philosophischen Begabung und Neigung zeigte Tausk auch 
ganz hervorragende medizinisch-psychologische Fähigkeiten und hatte auch 
auf diesem Gebiete schöne Leistungen aufzuweisen. Seine klinische Tätig- 
keit, der wir wertvolle Untersuchungen über verschiedene Psychosen (Melan- 
cholie, Schizophrenie) verdanken, berechtigte zu den schönsten Hoffnungen 
und gab ihm die Anwartschaft auf eine Dozentur, um die er in Bewerbung 
stand. 

Ein ganz besonderes Verdienst um die Psychoanalyse hat sich Dr. Tausk, 
der über eine glänzende Rednergabe verfügte, durch die Abhaltung von 
Vortragskursen erworben, in denen er, mehrere Jahre hindurch, zahlreiche 
Zuhörer beiderlei Geschlechtes in die Grundlagen und Probleme der Psycho- 
analyse einführte. Seine Zuhörer wußten die pädagogische Geschicklichkeit 
und Klarheit seiner Vorträge ebenso zu bewundern wie die Tiefe, mit der 
er einzelne Themata behandelte. 

Alle, die den Verstorbenen näher kannten, schätzten seinen lauteren 
Charakter, seine Ehrlichkeit gegen sich und andere und seine vornehme 
Natur, die ein Bestreben nach dem Vollendeten und Edlen auszeichnete. 
Sein leidenschaftliches Temperament äußerte sich in scharfer, manchmal 
überscharfer Kritik, die sich aber mit einer glänzenden Darstellungsgabe 
verband. Diese persönlichen Eigenartigkeiten hatten für viele eine große 
Anziehung, mögen aber auch manche abgestoßen haben. Keiner jedoch 
konnte sich dem Eindruck entziehen, daß er einen bedeutenden Menschen 
vor sich habe. 

Was ihm die Psychoanalyse — bis zum letzten Augenblick — bedeutet 
hat, davon zeugen hinterlassene Briefe, in denen er sich rückhaltlos zu ihr 
bekennt und die Hoffnung auf ihre Anerkennung in nicht allzu ferner 
Zeit ausspricht. Der allzu früh unserer Wissenschaft und dem Wiener 
Kreise Entrissene hat gewiß dazu beigetragen, daß dieses Ziel erreicht werde. 
In der Geschichte der Psychoanalyse und ihrer ersten Kämpfe ist ihm 
ein ehrenvolles Andenken sicher. 






a8o 



Gt'denkartikel 



Dr. ANTON v. FREUND 



Erschien — gezeichnet von „Redaktion 
und Herausgeber" — in der „Internationalen 
Zeitschrift für Psychoanalyse", Bd. VI (1920). 

Am 20. Jänner 1920, wenige Tage nach vollendetem vierzigsten Lebens- 
jahr, starb in einem Wiener Sanatorium Dr. Anton v. Freund, seit dem 
Budapester Kongreß im September 1 918 Generalsekretär der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung. Er war der stärkste Förderer und eine der 
schönsten Hoffnungen unserer Wissenschaft! In Budapest 1880 geboren, 
erwarb er das Doktorat der Philosophie und bestimmte sich selbst zum 
Lehramt, ließ sich aber dann bewegen, in die industriellen Unternehmungen 
seines Vaters einzutreten. Die großen Erfolge, die er als Fabrikant und 
Organisator erzielte, konnten aber die beiden, aus der Tiefe seines Wesens 
drängenden Bedürfnisse nach sozialer Hilfeleistung und nach wissenschaft- 
licher Betätigung nicht befriedigen. Für seine eigene Person anspruchslos, 
mit allen Gaben ausgestattet, durch die man die Menschen bezaubert und 
ihre Liebe gewinnt, verwendete er seine materiellen Machtmittel dazu, um 
andere zu fördern, die Härten ihres Schicksals zu mildern und überall den 
Sinn für soziale Gerechtigkeit zu schärfen. Er erwarb sich so einen großen 
Kreis von Freunden, die seinen Verlust schwer empfinden werden. 

Als er in den letzten Jahren seines Lebens die Psychoanalyse kennen 
lernte, schien ihm die Erfüllung seiner beiden großen Wünsche in einem 
zu winken. Er stellte sich die Aufgabe, den Massen durch die Psychoanalyse 
zu helfen, die Heilwirkung dieser ärztlichen Technik, die bis dahin nur 
wenigen Reichen zugute kommen konnte, zur Linderung des neurotischen 
Elends der Armen zu nützen. Da der Staat sich um die Neurosen der Be- 
völkerung nicht kümmerte, die Kliniken zum größten Teil die psycho- 
analytische Therapie verwarfen, ohne einen Ersatz für dieselbe bieten zu 
können, und die vereinzelten psychoanalytischen Arzte, an die Notwendig- 
keit der Selbsterhaltung gebunden, einer so riesigen Aufgabe nicht gewachsen 
waren, wollte Anton v. Freund durch seine private Initiative den Weg zur 
Erfüllung einer so wichtigen sozialen Pflicht für alle eröffnen. Während 
der Kriegsjahre hatte er eine damals sehr beträchtliche Summe, mehr als 
i l /s Millionen Kronen, für humanitäre Zwecke der Stadt Budapest ge- 
sammelt. Diesen Betrag bestimmte er nun im Einvernehmen mit dem da- 
maligen Bürgermeister Dr. Stephan v. Bärczy für die Gründung eines 



Gedenkartikel 2 8l 



psychoanalytischen Instituts in Budapest, in dem die Analyse gepflegt, ge- 
lehrt und dem Volke zugänglich gemacht werden sollle. Es bestand die 
Absicht, daselbst in größerer Zahl Arzte zur psychoanalytischen Praxis aus- 
zubilden, die dann von der Anstalt für die Behandlung der armen Neurotiker 
aus dem Ambulatorium zu honorieren wären. Außerdem wäre das Institut 
ein Mittelpunkt für die wissenschaftliche Fortbildung in der Analyse ge- 
worden. Dr. Ferenczi war zum wissenschaftlichen Leiter der Anstalt be- 
stimmt, v. Freund selbst hätte seine Organisation und Erhaltung Über- 
nommen. Einen entsprechend kleineren Betrag übergab der Stifter Professor 
Freud zur Gründung eines Internationalen Psychoanalytischen Verlags. 

Aber „Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, 
die der Mensch, der vergängliche, baut?" 

v. Freunds vorzeitiger Tod hat diesen menschenfreundlichen und für 
die Wissenschaft so hoffnungsvollen Plänen ein Ende gesetzt. Obwohl der 
von ihm gesammelte Fonds noch vorhanden ist, läßt doch die Haltung der 
gegenwärtigen Machthaber in der ungarischen Hauptstadt die Verwirklichung 
seiner Absichten nicht erwarten. Nur der psychoanalytische Verlag ist in 
Wien ins Leben getreten. 

Das Beispiel, das der Verstorbene geben wollte, hat trotzdem bereits seine 
Wirkung geübt. Wenige Wochen nach seinem Tode ist in Berlin dank der 
Energie und Liberalität von Dr. Max Eitingon die erste psychoanalytische 
Poliklinik eröffnet worden. So findet Freunds Werk Fortsetzer, seine Person 
bleibt unersetzlich und unvergeßlich. 



JOSEF BREUER f 

Erschien in der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse", Bd. XI (lp2j), Heft 2. 

Am 20. Juni 1925 starb in Wien im vierundachtzigsten Lebensjahre 
Dr. Josef Breuer, der Schöpfer der kathartischen Methode, dessen Name 
darum unauslöschlich mit den Anfängen der Psychoanalyse verknüpft ist. 

Breuer war Internist, ein Schüler des Klinikers Oppolzer; in jüngeren 
Jahren hatte er bei Ewald Hering über die Physiologie der Atmung ge- 
arbeitet, später noch, in den spärlichen Mußestunden einer ausgedehnten 




282 Gedenkartikel 



ärztlichen Praxis beschäftigte er sich erfolgreich mit Versuchen über die 
Funktion des Vestibularapparates bei Tieren. Nichts an seiner Ausbildung 
konnte die Erwartung wecken, daß er die erste entscheidende Einsicht in 
das uralte Rätsel der hysterischen Neurose gewinnen und einen Beitrag von 
unvergänglichem Wert zur Kenntnis des menschlichen Seelenlebens leisten 
werde. Aber er war ein Mann von reicher, universeller Begabung und seine 
Interessen griffen nach vielen Richtungen weit über seine fachliche Tätigkeit 
hinaus. 

Es war im Jahre 1880, daß ihm der Zufall eine besondere Patientin 
zuführte, ein ungewöhnlich intelligentes Mädchen, das während der Pflege 
seines kranken Vaters in schwere Hysterie verfallen war. Was er an diesem 
berühmten „ersten Fall" getan, mit welch unsäglicher Mühe und Geduld 
er die einmal gefundene Technik durchgeführt, bis die Kranke von all ihren 
unbegreiflichen Leidenssymptomen befreit war, was für Verständnis für die 
seelischen Mechanismen der Neurose er dabei gewonnen, das erfuhr die Welt 
erst etwa vierzehn Jahre später aus unserer gemeinsamen Publikation „Studien 
über Hysterie (1895), leider auch dann nur in stark verkürzter und durch 
die Rücksicht auf ärztliche Diskretion zensurierter Form. 

Wir Psychoanalytiker, die längst damit vertraut sind, einem einzelnen 
Kranken Hunderte von Stunden zu widmen, können uns nicht mehr vorstellen, 
wie neuartig eine solche Bemühung vor fünfundvierzig Jahren erschienen sein 
muß. Es mag ein großes Stück persönlichen Interesses und ärztlicher Libido, 
wenn man so sagen darf, dazu gehört haben, aber auch ein ziemliches Ausmaß 
von Freiheit des Denkens und unbeirrter Auffassung. Zur Zeit unserer „Studien" 
konnten wir uns bereits auf die Arbeiten von Charcot und auf die Unter- 
suchungen von Pierre Janet beziehen, die damals einem Teil der Breuerschen 
Entdeckungen die Priorität entzogen hatten. Aber als Breuer seinen ersten 
Fall behandelte (1881/82), war von alledem noch nichts vorhanden. Janets 
„ Automatisme Psychologique' erschien 188g, sein anderes Werk „L'ötat mental 
des Hyst^riques" erst 1892. Es scheint, daß Breuer durchaus originell forschte, 
nur durch die Anregungen geleitet, die ihm der Krankheitsfall bot. 

Ich habe wiederholt — zuletzt in meiner „Selbstdarstellung' (1925) in 
G rotes Sammlung „Die Medizin der Gegenwart — meinen Anteil an den 
gemeinsam veröffentlichen „Studien" abzugrenzen versucht. Mein Verdienst 
bestand im wesentlichen darin, bei Breuer ein Interesse, das erloschen schien, 
wieder belebt und ihn dann zur Publikation gedrängt zu haben. Eine gewisse 
Scheu, die ihm eigen war, eine innere Bescheidenheit, die an der glänzenden 
Persönlichkeit des Mannes überraschen mußte, hatten ihn bewogen, seinen 






Gedenkartikel 



283 



erstaunlichen Fund durch so lange Zeit geheimzuhalten, bis dann nicht 
mehr alles an ihm neu war. Ich bekam später Grund zur Annahme, daß 
auch ein rein affektives Moment ihm die weitere Arbeit an der Aufhellung 
der Neurose verleidet hatte. Er war mit der nie fehlenden Übertragung der 
Patientin auf den Arzt zusammengestoßen und hatte die unpersönliche Natur 
dieses Vorganges nicht erfaßt. Zur Zeit, als er meinem Einfluß nachgab 
und die Publikation der „Studien vorbereitete, schien sein Urteil über deren 
Bedeutung gefestigt. Er äußerte damals: Ich glaube, das ist das Wichtigste, 
was wir beide der Welt mitzuteilen haben werden. 

Außer der Krankengeschichte seines ersten Falles hat Breuer zu den 
„Studien" einen theoretischen Aufsatz beigetragen, der weit davon entfernt, 
veraltet zu sein, vielmehr Gedanken und Anregungen birgt, die noch immer 
nicht genug ausgewertet worden sind. Wer sich in diese spekulative Ab- 
handlung vertieft, wird den richtigen Eindruck von dem geistigen Format 
des Mannes davontragen, dessen Forscherinteresse sich leider nur während 
einer kurzen Episode seines langen Lebens unserer Psychopathologie zu- 
gewendet hat. 



KARL ABRAHAM f 

Erschien im Januar 1926 in der „Inter- 
nationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" , 
Bd. XII, Heft 1. 

Am 25. Dezember starb in Berlin Dr. K. Abraham, der Vorsitzende 
der von ihm gegründeten Berliner Gruppe und gegenwärtig Präsident der 
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Er erlag, noch nicht fünfzig 
Jahre alt, einem internen Leiden, gegen das sich sein kräftiger Körper 
schon seit dem Frühjahr 1925 zu wehren hatte. Auf dem letzten Kongreß 
in Homburg v. d. H. schien er zu unser aller Freude genesen; eine Rezidive 
brachte die schmerzliche Enttäuschung. 

Mit diesem Manne — 

integer vitae scelerisque purus — 
begraben wir eine der stärksten Hoffnungen unserer jungen, noch so an- 
gefochtenen Wissenschaft, vielleicht ein uneinbringliches Stück ihrer Zukunft. 
Unter allen, die mir auf die dunklen Wege der psychoanalytischen Arbeit 



284 



Gedenkartikel 



gefolgt waren, erwarb er eine so hervorragende Stellung, daß nur noch 
ein Name neben seinem genannt werden konnte. Das Vertrauen der Mit- 
arbeiter und Schüler, das er in uneingeschränktem Maße besaß, hätte ihn 
wahrscheinlich zur Führerschaft berufen und sicherlich wäre er ein vor- 
bildlicher Führer zur Wahrheitsforschung geworden, unbeirrt durch Lob und 
Tadel der Menge, wie durch den lockenden Schein eigener Phantasiegebilde. 
Ich schreibe diese Zeilen für Freunde und Kollegen, die Abraham so 
gekannt und geschätzt haben wie ich. Diese werden leicht verstehen, was 
mir der Verlust des um so viel jüngeren Freundes bedeutet, und werden 
es verzeihen, daß ich keinen weiteren Versuch mache, schwer Sagbarem 
Ausdruck zu geben. In dieser unserer Zeitschrift wird ein anderer die 
Schilderung von Abrahams wissenschaftlicher Persönlichkeit und die Würdi- 
gung seiner Arbeiten unternehmen. 



VERMISCHTE SCHRIFTEN 



ZUR PSYCHOLOGIE DES GYMNASIASTEN 

Erschien im Oktober IQ 14 in der Fest- 
schrift, die das V K. k. Erzherzog- Rainer- 
Realgymnasium" in Wien (ehemals ^Leopold- 
st'ddter Kommunalreal- und Obcrgymnasium" , 
heute „Bundesrealgymnasium im II. Bezirk") 
anläßlich der Vollendung des fünfzigsten 
Jahres seines Bestehims veröffentlichte. (Der 
Verfasser war Schüler der genannten Anstalt 
gewesen.) 

Man hat ein sonderbares Gefühl, wenn man in so vorgerückten Jahren 
noch einmal den Auftrag erhält, einen „ deutschen Aufsatz" für das Gymna- 
sium zu schreiben. Man gehorcht aber automatisch wie jener ausgediente 
Soldat, der auf das Kommando „Habt Acht!" die Hände an die Hosennaht 
anlegen und seine Päckchen zu Boden fallen lassen muß. Es ist merk- 
würdig, wie bereitwillig man zugesagt hat, als ob sich in dem letzten 
Halbjahrhundert nichts Besonderes geändert hätte. Man ist doch alt ge- 
worden seither, steht knapp vor dem sechzigsten Lebensjahr, und Körper- 
gefühl wie Spiegel zeigen unzweideutig an, wieviel man von seinem 
Lebenslicht bereits heruntergebrannt hat. 

Noch vor zehn Jahren etwa konnte man Momente haben, in denen man 
sich plötzlich wieder ganz jung fühlte. Wenn man, bereits graubärtig und 
mit allen Lasten einer bürgerlichen Existenz beladen, durch die Straßen 
der Heimatstadt ging, begegnete man unversehens dem einen oder anderen 
wohlerhaltenen älteren Herrn, den man fast demütig begrüßte, weil man 
einen seiner Gymnasiallehrer in ihm erkannt hatte. Dann aber blieb man 
stehen und sah ihm versonnen nach: Ist er das wirklich oder nur jemand 
der ihm so täuschend ähnlich ist? Wie jugendlich sieht er doch aus und 
du bist selbst so alt geworden! Wie alt mag er heute wohl sein? Ist es 



288 Vermischte Schriften 



möglich, daß diese Männer, die uns damals die Erwachsenen repräsentierten, 
um so weniges älter waren als wir? 

Die Gegenwart war dann wie verdunkelt und die Lebensjahre von zehn 
bis achtzehn stiegen aus den Winkeln des Gedächtnisses empor mit ihren 
Ahnungen und Irrungen, ihren schmerzhaften Umbildungen und beseligen- 
den Erfolgen, die ersten Einblicke in eine untergegangene Kulturwelt, die 
wenigstens mir später ein unübertroffener Trost in den Kämpfen des Lebens 
werden sollte, die ersten Berührungen mit den Wissenschaften, unter denen 
man glaubte wählen zu können, welcher man seine — sicherlich unschätz- 
baren — Dienste weihen würde. Und ich glaubte mich zu erinnern, daß 
die ganze Zeit von der Ahnung einer Aufgabe durchzogen war, die sich 
zuerst nur leise andeutete, bis ich sie in dem Maturitätsaufsatze in die 
lauten Worte kleiden konnte, ich wollte in meinem Leben zu unserem 
menschlichen Wissen einen Beitrag leisten. 

Ich bin dann Arzt geworden, aber eigentlich doch eher Psychologe, und 
konnte eine neue psychologische Disziplin schaffen, die sogenannte „Psycho- 
analyse", welche gegenwärtig Ärzte und Forscher in nahen wie in fernen 
fremdsprachigen Ländern in Atem hält und zu Lob und Tadel aufregt, die 
des eigenen Vaterlandes natürlich am geringsten. 

Als Psychoanalytiker muß ich mich mehr für affektive als für intellek- 
tuelle Vorgänge, mehr für das unbewußte als für das bewußte Seelenleben 
interessieren. Meine Ergriffenheit bei der Begegnung mit meinem früheren 
Gymnasialprofessor mahnt mich, ein erstes Bekenntnis abzulegen: Ich weiß 
nicht, was uns stärker in Anspruch nahm und bedeutsamer für uns wurde, 
die Beschäftigung mit den uns vorgetragenen Wissenschaften oder die mit 
den Persönlichkeiten unserer Lehrer. Jedenfalls galt den letzteren bei uns 
allen eine niemals aussetzende Unterströmung, und bei vielen führte der 
Weg zu den Wissenschaften nur über die Personen der Lehrer; manche 
blieben auf diesem Weg stecken und einigen ward er auf solche Weise 
— warum sollen wir es nicht eingestehen? — dauernd verlegt. 

Wir warben um sie oder wandten uns von ihnen ab, imaginierten bei 
ihnen Sympathien oder Antipathien, die wahrscheinlich nicht bestanden, 
studierten ihre Charaktere und bildeten oder verbildeten an ihnen unsere 
eigenen. Sie riefen unsere stärksten Auflehnungen hervor und zwangen uns 
zur vollständigen Unterwerfung; wir spähten nach ihren kleinen Schwächen 
und waren stolz auf ihre großen Vorzüge, ihr Wissen und ihre Gerechtig- 
keit. Im Grunde liebten wir sie sehr, wenn sie uns irgendeine Begründung 
dazu gaben; ich weiß nicht, ob alle unsere Lehrer dies bemerkt haben. 






Zur Psychologie des Gymnasiasten 289 

Aber es ist nicht zu leugnen, wir waren in einer ganz besonderen Weise 
gegen sie eingestellt, in einer Weise, die ihre Unbequemlichkeiten für die 
Betroffenen haben mochte. Wir waren von vornherein gleich geneigt zur 
Liebe wie zum Haß, zur Kritik wie zur Verehrung gegen sie. Die Psycho- 
analyse nennt eine solche Bereitschaft zu gegensätzlichem Verhalten eine 
ambivalente; sie ist auch nicht verlegen, die Quelle einer solchen Gefühls- 
ambivalenz nachzuweisen. 

Sie hat uns nämlich gelehrt, daß die für das spätere Verhalten des 
Individuums so überaus wichtigen Affekteinstellungen gegen andere Personen 
in ungeahnt früher Zeit fertig gemacht werden. Schon in den ersten sechs 
Jahren der Kindheit hat der kleine Mensch die Art und den Affektton 
seiner Beziehungen zu Personen des nämlichen und des anderen Geschlechts 
festgelegt, er kann sie von da an entwickeln und nach bestimmten Bichtun- 
gen umwandeln, aber nicht mehr aufheben. Die Personen, an welche er 
sich in solcher Weise fixiert, sind seine Eltern und Geschwister. Alle 
Menschen, die er später kennen lernt, werden ihm zu Ersatzpersonen dieser 
ersten Gefühlsobjekte (etwa noch der Pflegepersonen neben den Eltern) 
und ordnen sich für ihn in Beihen an, die von den „Imagines", wie wir 
sagen, des Vaters, der Mutter, der Geschwister usw. ausgehen. Diese späteren 
Bekanntschaften haben also eine Art von Gefühlserbschaft zu übernehmen, 
Sie stoßen auf Sympathien und Antipathien, zu deren Erwerbung sie selbst 
nur wenig beigetragen haben; alle spätere Freundschafts- und Liebeswahl 
erfolgt auf Grund von Erinnerungsspuren, welche jene ersten Vorbilder 
hinterlassen haben. 

Von den Imagines einer gewöhnlich nicht mehr im Gedächtnis bewahrten 
Kindheit ist aber keine für den Jüngling und Mann bedeutungsvoller als 
die seines Vaters. Organische Notwendigkeit hat in dies Verhältnis eine 
Gefühlsambivalenz eingeführt, als deren ergreifendsten Ausdruck wir den 
griechischen Mythus vom König Ödipus erfassen können. Der kleine Knabe 
muß seinen Vater lieben und bewundern, er scheint ihm das stärkste, 
gütigste und weiseste aller Geschöpfe; ist doch Gott selbst nur eine Er- 
höhung dieses Vaterbildes, wie es sich dem frühkindlichen Seelenleben dar- 
stellt. Aber sehr bald tritt die andere Seite dieser Gefühlsrelation hervor. 
Der Vater wird auch als der übermächtige Störer des eigenen Trieblebens 
erkannt, er wird zum Vorbild, das man nicht nur nachahmen, sondern 
auch beseitigen will, um seine Stelle selbst einzunehmen. Die zärtliche 
und die feindselige Begung gegen den Vater bestehen nun nebeneinander 
fort, oft durch das ganze Leben hindurch, ohne daß die eine die andere 

Freud XI. l 9 



290 Vermischte Schriften 



aufheben könnte. In einem solchen Nebeneinander der Gegensätze liegt der 
Charakter dessen, was wir eine Gefühlsambivalenz heißen. 

In der zweiten Hälfte der Kindheit bereitet sich eine Veränderung dieses 
Verhältnisses zum Vater vor, deren Bedeutung man sich nicht großartig 
genug vorstellen kann. Der Knabe beginnt aus seiner Kinderstube in die 
reale Welt draußen zu schauen, und nun muß er die Entdeckungen machen, 
welche seine ursprüngliche Hochschätzung des Vaters untergraben und seine 
Ablösung von diesem ersten Ideal befördern. Er findet, daß der Vater nicht 
mehr der Mächtigste, Weiseste, Reichste ist, er wird mit ihm unzufrieden, 
lernt ihn kritisieren und sozial einordnen und läßt ihn dann gewöhnlich 
schwer für die Enttäuschung büßen, die jener ihm bereitet hat. Alles 
Hoffnungsvolle, aber auch alles Anstößige, was die neue Generation aus- 
zeichnet, hat diese Ablösung vom Vater zur Bedingung. 

In diese Phase der Entwicklung des jungen Menschen fällt sein Zusammen- 
treffen mit den Lehrern. Wir verstehen jetzt unser Verhältnis zu unseren 
Gymnasialprofessoren. Diese Männer, die nicht einmal alle selbst Väter 
waren, wurden uns zum Vaterersatz. Darum kamen sie uns, auch wenn 
sie noch sehr jung waren, so gereift, so unerreichbar erwachsen vor. Wir 
übertrugen auf sie den Respekt und die Erwartungen von dem allwissenden 
Vater unserer Kindheitsjahre und dann begannen wir, sie zu behandeln wie 
unsere Väter zu Hause. Wir brachten ihnen die Ambivalenz entgegen, die 
wir in der Familie erworben hatten, und mit Hilfe dieser Einstellung 
rangen wir mit ihnen, wie wir mit unseren leiblichen Vätern zu ringen 
gewohnt waren. Ohne Rücksicht auf die Kinderstube und das Familienhaus 
wäre unser Benehmen gegen unsere Lehrer nicht zu verstehen, aber auch 
nicht zu entschuldigen. 

Noch andere und kaum weniger wichtige Erlebnisse hatten wir als 
Gymnasiasten mit den Nachfahren unserer Geschwister, mit unseren Kame- 
raden, aber diese sollen auf einem anderen Blatt beschrieben werden. Das 
Jubiläum der Schule hält unsere Gedanken hei den Lehrern fest. 



VERGÄNGLICHKEIT 

Diese Skizze wurde im November 191 f 
geschrieben auf Aufforderung des Berliner 
Goethebundes für das von ihm — mit Be- 
stimmung des Reinertrages für die Errichtung 
von Volksbüchereien in Ostpreußen — heraus- 
gegebene Gedenkbuch „Das Land Goethes", 
das 191 6 bei der Deutschen Verlagsanstalt 
in Stuttgart erschien. 

Vor einiger Zeit machte ich in Gesellschaft eines schweigsamen Freundes 
und eines jungen, bereits rühmlich bekannten Dichters einen Spaziergang 
durch eine blühende Sommerlandschaft. Der Dichter bewunderte die Schön- 
heit der Natur um uns, aber ohne sich ihrer zu erfreuen. Ihn störte der 
Gedanke, daß all diese Schönheit dem Vergehen geweiht war, daß sie im 
Winter dahingeschwunden sein werde, aber ebenso jede menschliche Schön- 
heit und alles Schöne und Edle, was Menschen geschaffen haben und schaffen 
könnten. Alles, was er sonst geliebt und bewundert hätte, schien ihm ent- 
wertet durch das Schicksal der Vergänglichkeit, zu dem es bestimmt war. 

Wir wissen, daß von solcher Versenkung in die Hinfälligkeit alles 
Schönen und Vollkommenen zwei verschiedene seelische Regungen aus- 
gehen können. Die eine führt zu dem schmerzlichen Weltüberdruß des 
jungen Dichters, die andere zur Auflehnung gegen die behauptete Tat- 
sächlichkeit. Nein, es ist unmöglich, daß all diese Herrlichkeiten der Natur 
und der Kunst, unserer Empfindungswelt und der Welt draußen, wirklich 
in Nichts zergehen sollten. Es wäre zu unsinnig und zu frevelhaft, daran 
zu glauben. Sie müssen in irgendeiner Weise fortbestehen können, allen 
zerstörenden Einflüssen entrückt. 

Allein diese Ewigkeitsforderung ist zu deutlich ein Erfolg unseres Wunsch- 
lebens, als daß sie auf einen Realitätswert Anspruch erheben könnte. Auch 

>9* 






2g 2 Vermischte Schriften 



das Schmerzliche kann wahr sein. Ich konnte mich weder entschließen, 
die allgemeine Vergänglichkeit ZU bestreiten, noch für das Schöne und 
Vollkommene eine Ausnahme zu erzwingen. Aber ich bestritt dem pessi- 
mistischen Dichter, daß die Vergänglichkeit des Schönen eine Entwertung 
desselben mit sich bringe. 

Im Gegenteil, eine Wertsteigerung! Der Vergänglichkeitswert ist ein 
Seltenheitswert in der Zeit. Die Beschränkung in der Möglichkeit des Ge- 
nusses erhöht dessen Kostbarkeit. Ich erklärte es für unverständlich, wie 
der Gedanke an die Vergänglichkeit des Schönen uns die Freude an dem- 
selben trüben sollte. Was die Schönheit der Natur betrifft, so kommt sie 
nach jeder Zerstörung durch den Winter im nächsten Jahre wieder, und 
diese Wiederkehr darf im Verhältnis zu unserer Lebensdauer als eine ewige 
bezeichnet werden. Die Schönheit des menschlichen Körpers und Angesichts 
sehen wir innerhalb unseres eigenen Lebens Tür immer schwinden, aber 
diese Kurzlebigkeit fügt zu ihren Reizen einen neuen hinzu. Wenn es eine 
Blume gibt, welche nur eine einzige Nacht blüht, so erscheint uns ihre 
Blüte darum nicht minder prächtig. Wie die Schönheit und Vollkommen- 
heit des Kunstwerks und der intellektuellen Leistung durch deren zeitliche 
Beschränkung entwertet werden sollte, vermochte ich ebensowenig einzu- 
sehen. Mag eine Zeit kommen, wenn die Bilder und Statuen, die wir heute 
bewundern, zerfallen sind, oder ein Menschengeschlecht nach uns, welches 
die Werke unserer Dichter und Denker nicht mehr versteht, oder selbst 
eine geologische Epoche, in der alles Lebende auf der Erde verstummt ist, 
der Wert all dieses Schönen und Vollkommenen wird nur durch seine Be- 
deutung für unser Empfindungsleben bestimmt, braucht dieses selbst nicht 
zu überdauern und ist darum von der absoluten Zeitdauer unabhängig. 

Ich hielt diese Erwägungen für unanfechtbar, bemerkte aber, daß ich 
dem Dichter und dem Freunde keinen Eindruck gemacht hatte. Ich schloß 
aus diesem Mißerfolg auf die Einmengung eines starken affektiven Moments, 
welches ihr Urteil trübte, und glaubte dies auch später gefunden zu haben. 
Es muß die seelische Auflehnung gegen die Trauer gewesen sein, welche 
ihnen den Genuß des Schönen entwertete. Die Vorstellung, daß dieses 
Schöne vergänglich sei, gab den beiden Empfindsamen einen Vorgeschmack 
der Trauer um seinen Untergang, und da die Seele von allem Schmerz- 
lichen instinktiv zurückweicht, fühlten sie ihren Genuß am Schönen durch 
den Gedanken an dessen Vergänglichkeit beeinträchtigt. 

Die Trauer über den Verlust von etwas, das wir geliebt oder bewundert 
haben, erscheint dem Laien so natürlich, daß er sie für selbstverständlich 



Vergänglichkeit 295 



erklärt. Dem Psychologen aber ist die Trauer ein großes Rätsel, eines jener 
Phänomene, die man selbst nicht klärt, auf die man aber anderes Dunkle 
zurückführt. Wir stellen uns vor, daß wir ein gewisses Maß von Liebes- 
fähigkeit, genannt Libido, besitzen, welches sich in den Anfängen der Ent- 
wicklung dem eigenen Ich zugewendet hatte. Später, aber eigentlich von 
sehr frühe an, wendet es sich vom Ich ab und den Objekten zu, die wir 
solcher Art gewissermaßen in unser Ich hineinnehmen. Werden die Objekte 
zerstört oder gehen sie uns verloren, so wird unsere Liebesfähigkeit (Libido) 
wieder frei. Sie kann sich andere Objekte zum Ersatz nehmen oder zeit- 
weise zum Ich zurückkehren. Warum aber diese Ablösung der Libido von 
ihren Objekten ein so schmerzhafter Vorgang sein sollte, das verstehen wir 
nicht und können es derzeit aus keiner Annahme ableiten. Wir sehen nur, 
daß sich die Libido an ihre Objekte klammert und die verlorenen auch 
dann nicht aufgeben will, wenn der Ersatz bereit liegt. Das also ist die 
Trauer. 

Die Unterhaltung mit dem Dichter fand im Sommer vor dem Kriege 
statt. Ein Jahr später brach der Krieg herein und raubte der Welt ihre 
Schönheiten. Er zerstörte nicht nur die Schönheit der Landschaften, die er 
durchzog, und die Kunstwerke, an die er auf seinem Wege streifte, er 
brach auch unseren Stolz auf die Errungenschaften unserer Kultur, unseren 
Respekt vor so vielen Denkern und Künstlern, unsere Hoffnungen auf eine 
endliche Überwindung der Verschiedenheiten unter Völkern und Rassen. 
Er beschmutzte die erhabene Unparteilichkeit unserer Wissenschaft, stellte 
unser Triebleben in seiner Nacktheit bloß, entfesselte die bösen Geister in 
uns, die wir durch die Jahrhunderte währende Erziehung von sehen 
unserer Edelsten dauernd gebändigt glaubten. Er machte unser Vaterland 
wieder klein und die andere Erde wieder fern und weit. Er raubte uns 
so vieles, was wir geliebt hatten, und zeigte uns die Hinfälligkeit von 
manchem, was wir für beständig gehalten hatten. 

Es ist nicht zu verwundern, daß unsere an Objekten so verarmte Libido 
mit um so größerer Intensität besetzt hat, was uns verblieben ist, daß die 
Liebe zum Vaterland, die Zärtlichkeit für unsere Nächsten und der Stolz 
auf unsere Gemeinsamkeiten jäh verstärkt worden sind. Aber jene anderen, 
jetzt verlorenen Güter, sind sie uns wirklich entwertet worden, weil sie 
sich als so hinfällig und widerstandsunfähig erwiesen haben? Vielen unter 
uns scheint es so, aber ich meine wiederum, mit Unrecht. Ich glaube, die 
so denken und zu einem dauernden Verzicht bereit scheinen, weil das Kost- 
bare sich nicht als haltbar bewährt hat, befinden sich nur in der Trauer 



294 



Vermischte Schriften 



über den Verlust. Wir wissen, die Trauer, so schmerzhaft sie sein mag, 
läuft spontan ab. Wenn sie auf alles Verlorene verzichtet hat, hat sie sich 
auch selbst aufgezehrt, und dann wird unsere Libido wiederum frei, um 
sich, insofern wir noch jung und lebenskräftig sind, die verlorenen Objekte 
durch möglichst gleich kostbare oder kostbarere neue zu ersetzen. Es steht 
zu hoffen, daß es mit den Verlusten dieses Krieges nicht anders gehen wird. 
Wenn erst die Trauer überwunden ist, wird es sich zeigen, daß unsere 
Hochschätzung der Kulturgüter unter der Erfahrung von ihrer Gebrechlich- 
keit nicht gelitten hat. Wir werden alles wieder aufbauen, was der Krieg 
zerstört hat, vielleicht auf festerem Grund und dauerhafter als vorher. 



JOSEF POPPER-LYNKEUS UND DIE 
THEORIE DES TRAUMES 

Erschien im Juni 192} in der „Zeitschrift 
des Vereines Allgemeine Nährpflicht", Wien. 

Über den Anschein wissenschaftlicher Originalität ist viel Interessantes 
zu sagen. Wenn in der Wissenschaft eine neue Idee auftaucht, die zunächst 
als Entdeckung gewertet und in der Regel als solche auch bekämpft wird, 
so weist die objektive Erforschung bald nach, daß sie eigentlich doch keine 
Neuheit ist. In der Regel ist sie schon wiederholt gemacht und dann wieder 
vergessen worden, oft zu sehr weit voneinander entfernten Zeiten. Oder 
sie hat wenigstens Vorläufer gehabt, wurde undeutlich geahnt oder unvoll- 
kommen ausgesprochen. Das ist zu genau bekannt, als daß es einer weiteren 
Ausführung bedürfte. 

Aber auch die subjektive Seite der Originalität ist der Verfolgung würdig. 
Ein wissenschaftlicher Arbeiter mag sich einmal die Frage stellen, woher 
die ihm eigentümlichen Ideen kommen, die er an sein Material heran- 
gebracht hat. Dann findet er von einem Teil derselben ohne viel Besinnen, 
auf welche Anregungen er zurückgeht, welche Angaben von anderer Seite 
er dabei aufgegriffen, modifiziert und in ihre Konsequenzen ausgeführt hat. 
Von einem anderen Anteil seiner Ideen kann er nichts Ähnliches bekennen, 
er muß annehmen, diese Gedanken und Gesichtspunkte seien in seiner 
eigenen Denktätigkeit — er weiß nicht wie — entstanden, durch sie stützt 
er seinen Anspruch auf Originalität. 

Sorgfältige psychologische Untersuchung schränkt diesen Anspruch dann 
noch weiter ein. Sie deckt verborgene, längst vergessene Quellen auf, aus 
denen die Anregung der anscheinend originellen Ideen erflossen ist, und 
setzt an Stelle der vermeintlichen Neuschöpfung eine Wiederbelebung des 



aoö Vermischte Schriften 



Vergessenen in der Anwendung auf einen neuen Stoff. Daran ist nichts zu 
bedauern; man hatte ja kein Recht zu erwarten, daß das „Originelle" etwas 
Unableitbares, Indeterminiertes sein würde. Auf solche Weise hat sich auch 
für meinen Fall die Originalität vieler neuer Gedanken, die ich in der 
Traumdeutung und in der Psychoanalyse verwendet hatte, verflüchtigt. Nur 
von einem dieser Gedanken kenne ich die Herkunft nicht. Er ist geradezu 
der Schlüssel meiner Auffassung des Traumes geworden und hat mir dazu 
verhol fen, seine Rätsel zu lösen, soweit sie bis heute lösbar geworden sind. 
Ich knüpfte an den fremdartigen, verworrenen, unsinnigen Charakter so 
vieler Träume an und kam auf die Idee, daß der Traum so werden müsse, 
weil in ihm etwas nach Ausdruck ringt, was den Widerstand anderer 
Mächte des Seelenlebens gegen sich hat. Im Traume rühren sich geheime 
Regungen, die mit dem sozusagen offiziellen ethischen und ästhetischen 
Bekenntnis des Träumers im Widerspruch stehen; darum schämt sich der 
Träumer dieser Regungen, wendet sich tagsüber von ihnen ab, will nichts 
von ihnen wissen, und wenn er ihnen zur Nachtzeit nicht jede Art von 
Ausdruck verwehren kann, zwingt er sie zur Traumen t Stellung, durch 
die der Trauminhalt verworren und unsinnig erscheint. Die seelische Macht 
im Menschen, die diesem inneren Widerspruch Rechnung trägt und zu- 
gunsten der konventionellen oder auch der höheren sittlichen Ansprüche 
die primitiven Triebregungen des Traumes entstellt, nannte ich die Traum- 
zensur. 

Gerade dieses wesentliche Stück meiner Traumtheorie bat aber Popper- 
Lynkeus selbst gefunden. Man vergleiche das nachstehende Zitat aus seiner 
Erzählung „Träumen wie Wachen" in den „Phantasien eines Realisten", 
die sicherlich ohne Kenntnis meiner 1900 veröffentlichten „Traumtheorie" 
geschrieben worden sind, wie ich auch damals Lynkeus' Phantasien noch 
nicht kannte: 

„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn 
zu träumen" . . . „Diese herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, 
beruht auf Deinen Tugenden, auf Deiner Güte, Deiner Gerechtigkeit, Deiner 
Wahrheitsliebe: es ist die moralische Klarheit Deiner Natur, die mir alles 
an Dir verständlich macht." 

„Wenn ich aber recht bedenke," erwiderte der Andere, „so glaube ich 
beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume 
jemals Unsinn! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man 
ihn nacherzählen kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn. Und 
es kann gar nicht anders sein! Denn was miteinander im Widerspruch steht, 
könnte sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Ort oft 



Popper- Lynkeus und die Theorie des Traumes 297 



durcheinander gerüttelt werden, benimmt dem wahren Gehalt des Traumes 
gar nichts, denn sie beide sind gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen 
Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft im Wachen auch so: denke an das 
Märchen, an so viele sinnvolle Phantasiegebilde, zu denen nur ein Unverstän- 
diger sagen würde: Das ist widersinnig! denn das ist nicht möglich!" 

„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie Du 
es eben mit dem meinem getan hast", sagte der Freund. 

„Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerk- 
samkeit dem Träumenden wohl immer gelingen. Warum es meistens nicht 
gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwas 
Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem 
Wesen, die schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft 
ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde nicht 
so; ja, es kann gar nicht anders sein, denn es ist immer derselbe Mensch, 
ob er wacht oder träumt."* 

Ich glaube, was mich dazu befähigt hat, die Ursache der Traumentstel- 
lung aufzufinden, war mein moralischer Mut. Bei Popper war es die 
Reinheit, Wahrheitsliebe und moralische Klarheit seines Wesens. 






BRIEF 

AN DEN HERAUSGEBER DER „JÜDISCHEN 
PRESSZENTRALE ZÜRICH" 

Veröffentlicht in „Jüdische Preßzentrale 
Zürich" vom 26. Februar i°2f- 

„. . . Ich kann sagen, daß ich der jüdischen Religion so ferne stehe 
wie allen anderen Religionen, d. h., sie sind mir als Gegenstand wissenschaft- 
lichen Interesses hochbedeutsam, gefühlsmäßig bin ich an ihnen nicht be- 
teiligt. Dagegen habe ich immer ein starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit 
mit meinem Volke gehabt und es auch bei meinen Kindern genährt. Wir 
sind alle in der jüdischen Konfession verblieben. 

Meine Jugend fiel in eine Zeit, da unsere freisinnigen Religionslehrer 
keinen Wert auf die Erwerbung von Kenntnissen in der hebräischen Sprache 
und Literatur bei ihren Schülern legten. Meine Bildung ist daher auf diesem 
Gebiete recht zurückgeblieben, was ich später oftmals bedauert habe. 



TO THE OPKNING OF THE HEBREW UNIVERSITY 



Veröffentlicht — zusammen mit den 
IVillkommgrüßen anderer Persönlichkeiten — 
in der Halbmonat Schrift „New Judca", 
27. März 192 /. 



Historians have told us that our small nation withstood the destruetion 
of its independence as a State only because it began to transfer in its 
estimation of values the highest rank to its spiritual possessions, to its religion 
and its literature. 



Vermischte Schriften agq 



We are now living in a time when this people has a prospect of again 
winning the land of its fathers with the help of a Power that dominates 
the world, and it celebrates the occasion by the foundation of a University 
in its ancient capital city. 

A University is a place in which knowledge is taught above all differences 
of religions and of nations, where investigation is carried on, which is to 
show mankind how far they understand the world around them and how 
far they can control it. 

Such an undertaking is a noble witness to the development to which 
our people has forced its way in two thousand years of unhappy fortune. 

I find it painful that my ill-health prevents me from being present at 
the opening festivities of the Jewish University in Jerusalem. 



KURZE MITTEILUNGEN 

i 

BEISPIELE DES VERRATS PATHOGENER 
PHANTASIEN BEI NEUROT1KERN 

Erschien itjio im „'/.entralblatt für Psyclio- 
analyse", I. Jahrgang, Heft I. 

A) Ich sah kürzlich einen etwa zwanzigjährigen Kranken, der ein un- 
verkennbares, auch von anderer Seite agnosziertes Bild einer Dementia praecox 
(Hebephrenie) bot. In den Anfangsstadien des Leidens hatte er periodischen 
Stimmungswechsel gezeigt, eine erhebliche Besserung erreicht und wurde 
in einem solchen günstigen Zustand von den Kitern aus der Anstalt geholt 
und durch etwa eine Woche zur Keier seiner vermeintlichen Herstellung 
mit allerlei Vergnügungen reguliert. An diese Festwoche schloß sich die 
Verschlimmerung unmittelbar an. In die Anstalt zurückgebracht, erzählte 
er, der konsultierende Arzt habe ihm den Bat gegeben, „mit seiner Mutter 
etwas zu kokettieren". Es ist nicht zweifelhaft, daß er in dieser wahnhaften 
Erinnerungstäuschung der Erregung Ausdruck gegeben, welche durch das 
Beisammensein mit der Mutter in ihm hervorgerufen wurde, und die der 
nächste Anlaß seiner Verschlimmerung war. 

B) Vor länger als zehn .Jahren, zu einer Zeit, da die Ergebnisse und 
Voraussetzungen der Psychoanalyse nur wenigen Personen vertraut waren, 
wurde mir von verläßlicher Seite folgender Vorfall berichtet. Ein junges 
Mädchen, Tochter eines Arztes, war an Hysterie mit lokalen Symptomen 
erkrankt; der Vater verleugnete die Hysterie und ließ verschiedene somatische 
Behandlungen einleiten, die wenig Nutzen brachten. Eine Freundin stellte 






Kurze Mitteilungen 701 



einmal an die Kranke die Frage: Haben Sie denn noch nie daran gedacht, 
den Dr. F. zu Rate zu ziehen? Darauf antwortete die Kranke: Wozu sollte 
ich das tun? Ich weiß ja, er würde mich fragen: Haben Sie schon die Idee 
gehabt, mit Ihrem Vater geschlechtlich zu verkehren? — Ich halte es für 
überflüssig, ausdrücklich zu versichern, daß ich eine solche Fragestellung weder 
damals geübt habe noch heute übe. Man wird aber aufmerksam darauf, 
daß gerade vieles, was die Patienten als Äußerungen oder Handlungen der 
Ärzte erzählen, als Verrat ihrer eigenen pathogenen Phantasien verstanden 
werden darf. 

II 

DIE BEDEUTUNG DER VOKALFOLGE 

Erschien ipil im „Zentralblatt für Psycho- 
analyse", IL Jahrgang, Heft 2. 

Es ist sicherlich oft beanstandet worden, daß, wie Stekel behauptet, in 
Träumen und Einfallen Namen, die sich verbergen, durch andere ersetzt 
werden sollen, welche nur die Vokalfolge mit ihnen gemein haben. Doch 
liefert die Religionsgeschichte dazu eine frappante Analogie. Bei den alten 
Hebräern war der Name Gottes „tabu" ; er sollte weder ausgesprochen noch 
niedergeschrieben werden; ein keineswegs vereinzeltes Beispiel von der be- 
sonderen Bedeutung der Namen in archaischen Kulturen. Dies Verbot wurde 
so gut eingehalten, daß die Vokalisation der vier Buchstaben des Gottesnamens 
TVfrV auch heute unbekannt ist. Der Name wird Jehovah ausgesprochen, 
indem man ihm die Vokalzeichen des nicht verbotenen Wortes Adonai 
(Herr) verleiht. (S. Reinach, Cultes, Mythes et Religions. T. I, p. 1, 1908.) 

III 

ERFAHRUNGEN UND BEISPIELE AUS DER 
ANALYTISCHEN PRAXIS 

Erschien iqi j itn J. Band der „Internatio- 
nalen Zeitschrift für Psychoanalyse". 

Die Sammlung kleiner Beiträge, von welcher wir hier ein erstes Stück 
bringen, 1 bedarf einiger einführender Worte : Die Krankheitsfälle, an denen 
der Psychoanalytiker seine Beobachtungen macht, sind für die Bereicherung 

1) [Die meisten der in der genannten Sammlung veröffentlichten Beiträge des Verfassers sind 
dann in spätere Buchpublikationen einverleibt worden, es entfällt daher hier ihre Wiedergabe.] 



„ 



5©a Vermischte Schriften 



seiner Kenntnis natürlich ungleichwertig. Es gibt solche, bei denen er alles 
in Verwendung bringen muß, was er weiß, und nichts Neues lernt; andere, 
welche ihm das bereits Bekannte in besonders deutlicher Ausprägung und 
schöner Isolierung zeigen, so daß er diesen Kranken nicht nur Bestätigungen, 
sondern auch Erweiterungen seines Wissens verdankt. Man ist berechtigt zu 
vermuten, daß die psychischen Vorgänge, die man studieren will, bei den 
Fällen der ersteren Art keine anderen sind als bei denen der letzteren, aber 
man wird sie am liebsten an solchen günstigen und durchsichtigen Fällen 
beschreiben. Die Entwicklungsgeschichte nimmt ja auch an, daß die Furchung 
des tierischen Eis sich bei den pigmentstarken und für die Untersuchung 
ungünstigen Objekten nicht anders vollziehe als bei den durchsichtigen 
pigmentarmen, welche sie für ihre Untersuchungen auswählt. 

Die zahlreichen schonen Beispiele, welche dem Analytiker in der täglichen 
Arbeit das ihm Bekannte bestätigen, gehen aber zumeist verloren, da deren 
Einreihung in einen Zusammenhang oft lange /eil aufgeschoben werden muß. 
Es hat darum einen gewissen Wert, wenn man eine Form angibt, wie solche 
Erfahrungen und Beispiele veröffentlicht und der allgemeinen Kenntnis zu- 
geführt werden können, ohne eine Bearbeitung von übergeordneten Gesichts- 
punkten her abzuwarten. 

Die hier eingeführte Bubrik will den Baum für eine Unterbringung 
dieses Materials zur Verfügung stellen. Äußerste Knappheit der Darstellung 
erscheint geboten ; die Aneinanderreihung der Beispiele ist eine ganz zwanglose. 

Verschämte Füße (Schuhe) 

Die Patientin berichtet nach mehreren Tagen Widerstand, sie habe sich 
so sehr gekränkt, daß ein junger Mann, den sie regelmäßig in der Nähe der 
Wohnung des Arztes begegne, und der sie sonst bewundernd anzuschauen 
pflegte, das letztemal verächtlich auf ihre büße geblickt habe. Sie hat sonst 
wahrlich keine Ursache, sich ihrer Füße zu schämen. Die Lösung bringt 
sie selbst, nachdem sie gestanden hat, daß sie den jungen Mann für den 
Sohn des Arztes halte, der also zufolge der Übertragung ihren (älteren) 
Bruder vertritt. Nun folgt die Erinnerung, daß sie im Alter von etwa fünf 
Jahren ihren Bruder auf das Klosett zu begleiten pflegte, wo sie ihm urinieren 
zusah. Von Neid ergriffen, daß sie es nicht so könne wie er, versuchte sie 
eines Tages es ihm gleichzutun (Penisneid), benetzte aber dabei ihre Schuhe 
und ärgerte sich sehr, als der Bruder sie darüber neckte. Der Ärger wieder- 
holte sich lange Zeit, so oft der Bruder in der Absicht, sie an jenes Miß- 



Kurze Mitteilungen , , 



glücken zu erinnern, verächtlich auf ihre Schuhe blickte. Diese Erfahrung, 
fügt sie hinzu, habe ihr späteres Verhalten in der Schule bestimmt. Wenn 
ihr etwas nicht beim ersten Versuch gelingen wollte, brachte sie nie den 
Entschluß zustande, es von neuem zu versuchen, so daß sie in vielen 
Gegenständen völlig versagte. — Ein gutes Beispiel für die Charakter- 
beeinflussung durch die Vorbildlichkeit des Sexuellen. 

Selbstkritik der Neurotiker 

Es ist immer auffällig und verdient besondere Aufmerksamkeit, wenn 
ein Neurotiker sich selbst zu beschimpfen, geringschätzig zu beurteilen 
pflegt u. dgl. Häufig gelangt man, wie bei den Selbstvorwürfen, zum Ver- 
ständnis durch die Annahme einer Identifizierung mit einer anderen Person. 
In einem Falle zwangen die Begleitumstände der Sitzung zu einer anderen 
Lösung eines solchen Benehmens. Die junge Dame, die nicht müde wurde 
zu versichern, sie sei wenig intelligent, unbegabt usw., wollte damit nur 
andeuten, sie sei am Körper sehr schön, und verbarg diese Prahlerei hinter 
jener Selbstkritik. Der in all solchen Fällen zu vermutende Hinweis auf 
die schädlichen Folgen der Onanie fehlte übrigens auch in diesem Falle nicht. 

Rücksicht auf Darstellbarkeit 

Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bette hervor: — er gibt ihr 
den Vorzug. — Er (ein Offizier) sitzt an einer Tafel dem Kaiser gegen- 
über: — er bringt sich in Gegensatz zum Kaiser (Vater). Beide Dar- 
stellungen vom Träumer selbst übersetzt. 

Auftreten von Krankheitssymptomen im Traume 

Die Symptome der Krankheit (Angst usw.) im Traum scheinen ganz 
allgemein zu besagen: Darum (im Zusammenhange mit den vorhergehenden 
Traumelementen) bin ich krank geworden. Dies Träumen entspricht also 
einer Fortsetzung der Analyse in den Traum. 



SCHRIFTEN 

VOM SOMMER 1926 BIS 

ZUM FRÜHJAHR 1928 



Freud XI. 



ao 



U~ rl* 



Der Textteil dieses Bandes lag im Sommer 1926 bereits gedruckt vor und 
es war beabsichtigt, ihn, - zum Abschluß des ganzen Werkes — das Gesatnt- 
register anzuschließen. In der Zeit, die nun die Zusammenstellung des umfang- 
reichen Registers zu den zehn vorhergegangenen Banden und zu dem Textteil 
dieses elften Bandes beansprucht hat, sind eine Reihe neuer Arbeiten des Ver- 
fassers erschienen, so daß es jetzt untunlich erscheint, den Textteil dieser Gesamt- 
ausgabe schon an dieser Stelle abzuschließen. Es werden daher die in der Zeit 
vom Sommer 1926 bis zum Frühjahr 1928 erschienenen Schriften Sigm. Freuds 
noch in diesem elften Band untergebracht und es bleibt dem vorzubereitenden 
zwölften Band (dessen Erscheinungszeitpunkt nicht fixiert wird) vorbehalten, 
die etwaigen weiteren Schriften des Verfassers und jedenfalls das Gesamtregister 

zu bringen. . , 

Die Frage einer Laienanalyse" erschien im September 1926. (iLine 
amerikanische Übersetzung [von A. Paul Maerker- Branden] - in einem Bande 
mit der Übersetzung der „Selbstdarstellung" /von James Strachey], mit einer Vor- 
rede von S. Ferenczi - erschien unter dem Titel „The problem of Lay-Analyses , 
IQ27 bei Brentano's in New York. Eine französische Übersetzung [von Marie 
Bonaparte/ - ebenfalls mit der Übersetzung der „Selbstdarstellung" vereinigt - 

ist in Vorbereitung. ... 

Das „Nachwort zur .Frage der Laienanalyse' ^erschien im Sommer 
IQ27 Inder „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" (Band X11I, Heft )J 
im Rahmen einer von dieser Zeitschrift veranstalteten Diskussion über diese 
Frage. (Englisch erschien dieses Nachwort in „The International Journal of 
Psycho-Analysis" , Vol. VIII, Part ).) 

„Fetischismus" erschien Ende 1927 in der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse" (Band Xlll, Heft 4). (Abgedruckt auch im Almanach 1 9 2 8 
des Internationalen Psychoanalytischen Verlags.) 

„Der Humor" erschien in der „Imago" (Band XIV, Heft l). (Abgedruckt 
auch im Almanach 1928 des Internationalen Psychoanalytischen ^Verlags.) 
Englische Übersetzung in „The International Journal of Psycho -Anal ysis u , Vol. IX, 

Part I. u 

Der „Nachtrag zur Arbeit über den Moses des Michelangelo 
erschien im Sommer 1927 in der „Imago" (Band XIII, Heft 2/3/4). Eine 
französische Übersetzung erschien gleichzeitig im I.Heft der „Revue Francaise 

de Psychanalyse . 

„Die Zukunft einer Illusion" erschien im November 1927 im Inter- 
nationalen Psychoanalytischen Verlag, Hirn. u 

„Ein religiöses Erlebnis" erschien anfangs 1928 in der „Imago 
(Band XIV, Heft l). 



DIE FRAGE DER 
LAIENANALYSE 



EINLEITUNG 

Der Titel dieser kleinen Schrift ist nicht ohne weiteres ver- 
ständlich. Ich werde ihn also erläutern: Laien = Nichtärzte und 
die Frage ist, ob es auch Nichtärzten erlaubt sein soll, die Analyse 
auszuüben. Diese Frage hat ihre zeitliche wie ihre örtliche Be- 
dingtheit. Zeitlich insofern, als sich bisher niemand darum ge- 
kümmert hat, wer die Psychoanalyse ausübt. Ja, man hat sich 
viel zu wenig darum gekümmert, man war nur einig in dem 
Wunsch, daß niemand sie üben sollte, mit verschiedenen Be- 
gründungen, denen die gleiche Abneigung zugrunde lag. Die For- 
derung, daß nur Ärzte analysieren sollen, entspricht also einer 
neuen und anscheinend freundlicheren Einstellung zur Analyse — 
d. h. wenn sie dem Verdacht entgehen kann, doch nur ein etwas 
modifizierter Abkömmling der früheren Einstellung zu sein. Es wird 
zugegeben, daß eine analytische Behandlung unter Umständen vor- 
zunehmen ist, aber wenn, dann sollen nur Ärzte sie vornehmen 
dürfen. Das Warum dieser Einschränkung wird dann zu unter- 
suchen sein. 



20' 



3 o8 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 



Örtlich bedingt ist diese Frage, weil sie nicht für alle Länder 
mit gleicher Tragweite in Betracht kommt. In Deutschland und 
Amerika bedeutet sie eine akademische Diskussion, denn in diesen 
Ländern kann sich jeder Kranke behandeln lassen, wie und von 
wem. er will, kann jeder, der will, als „Kurpfuscher" beliebige 
Kranke behandeln, wenn er nur die Verantwortlichkeit für sein 
Tun übernimmt. Das Gesetz mengt sich nicht früher ein, als bis 
man es zur Sühne einer Schädigung des Kranken angerufen hat. 
In Österreich aber, in dem und für das ich schreibe, ist das Gesetz 
präventiv, es verbietet dem Nichtarzt, Behandlungen an Kranken 
zu unternehmen, ohne deren Ausgang abzuwarten.' Hier hat 
also die Frage, ob Laien = Nichtärzte Kranke mit Psychoanalyse 
behandeln dürfen, einen praktischen Sinn. Sie scheint aber auch, 
sobald sie aufgeworfen wird, durch den Wortlaut des Gesetzes ent- 
schieden zu sein. Nervöse sind Kranke, Laien sind Nichtärzte, die 
Psychoanalyse ist ein Verfahren zur Heilung oder Besserung der 
nervösen Leiden, alle solche Behandlungen sind den Ärzten vor- 
behalten; folglich ist es nicht gestattet, daß Laien die Analyse an 
Nervösen üben, und strafbar, wenn es doch geschieht. Bei so ein- 
facher Sachlage wagt man es kaum, sich mit der Frage der Laien- 
analyse zu beschäftigen. Indes liegen einige Komplikationen vor, 
um die sich das Gesetz nicht kümmert, die aber darum doch Be- 
rücksichtigung verlangen. Es wird sich vielleicht ergeben, daß die 
Kranken in diesem Falle nicht sind wie andere Kranke, die Laien 
nicht eigentlich Laien und die Ärzte nicht gerade das, was man 
von Ärzten erwarten darf und worauf sie ihre Ansprüche gründen 
dürfen. Läßt sich das erweisen, so wird es eine berechtigte For- 
derung, das Gesetz nicht ohne Modifikation auf den vorliegenden 
Fall anzuwenden. 



1) Das Gleiche in Frankreich. 



Die Frage der Laienanalyse 309 



Ob dies geschehen wird, wird von Personen abhängen, die nicht 
dazu verpflichtet sind, die Besonderheiten einer analytischen Be- 
handlung zu kennen. Es ist unsere Aufgabe, diese Unparteiischen, 
die wir als derzeit noch unwissend annehmen wollen, darüber zu 
unterrichten. Wir bedauern, daß wir sie nicht zu Zuhörern einer 
solchen Behandlung machen können. Die „analytische Situation" 
verträgt keinen Dritten. Auch sind die einzelnen Behandlungs- 
stunden sehr ungleichwertig, ein solch — unbefugter — Zuhörer, 
der in eine beliebige Sitzung geriete, würde zumeist keinen ver- 
wertbaren Eindruck gewinnen, er käme in Gefahr, nicht zu ver- 
stehen, was zwischen dem Analytiker und dem Patienten verhandelt 
wird, oder er würde sich langweilen. Er muß sich also wohl oder 
übel mit unserer Information begnügen, die wir möglichst ver- 
trauenswürdig abfassen wollen. 

Der Kranke möge also an Stimmungsschwankungen leiden, die er 
nicht beherrscht, oder an kleinmütiger Verzagtheit, durch die er 
seine Energie gelähmt fühlt, da er sich nichts Rechtes zutraut, 
oder an ängstlicher Befangenheit unter Fremden. Er mag ohne 
Verständnis wahrnehmen, daß ihm die Erledigung seiner Berufs- 
arbeit Schwierigkeiten macht, aber auch jeder ernstere Entschluß 
und jede Unternehmung. Er hat eines Tages — unbekannt, woher — 
einen peinlichen Anfall von Angstgefühlen erlitten und kann seither 
nicht ohne Überwindung allein über die Straße gehen oder Eisen- 
bahn fahren, hat beides vielleicht überhaupt aufgeben müssen. Oder, 
was sehr merkwürdig ist, seine Gedanken gehen ihre eigenen Wege 
und lassen sich nicht von seinem Wollen lenken. Sie verfolgen 
Probleme, die ihm sehr gleichgiltig sind, von denen er sich aber 
nicht losreißen kann. Es sind ihm auch höchst lächerliche Aufgaben 
auferlegt, wie die Anzahl der Fenster an den Häuserfronten zu- 
sammenzuzählen, und bei einfachen Verrichtungen, wie Briefe in 



5'° Schriften aus den Jahren 1926 — 192X 



ein Postfach werfen, oder eine Gasflamme abdrehen, gerät er einen 
Moment später in Zweifel, ob er es auch wirklich getan hat. Das ist 
vielleicht nur ärgerlich und lästig, aber der Zustand wird uner- 
träglich, wenn er sich plötzlich der Idee nicht erwehren kann, daß 
er ein Kind unter die Räder eines Wagens gestoßen, einen Un- 
bekannten von der Brücke ins Wasser geworfen hat, oder wenn er 
sich fragen muß, ob er nicht der Mörder ist, den die Polizei als 
den Urheber eines heute entdeckten Verbrechens sucht. Es ist ja 
offenbarer Unsinn, er weiß es selbst, er hat nie einem Menschen 
etwas Böses getan, aber wenn er wirklich der gesuchte Mörder wäre, 
könnte die Empfindung — das Schuldgefühl — nicht stärker sein. 

Oder aber, unser Patient — sei es diesmal eine Patientin — 
leidet in anderer Weise und auf anderem Gebiet. Sie ist Klavier- 
spielerin, aber ihre Finger verkrampfen sich und versagen den Dienst. 
Wenn sie daran denkt, in eine Gesellschaft zu gehen, stellt sich 
sofort ein natürliches Bedürfnis bei ihr ein, dessen Befriedigung mit 
der Geselligkeit unverträglich wäre. Sie hat also darauf verzichtet, 
Gesellschaften, Bälle, Theater, Konzerte zu besuchen. Wenn sie es 
am wenigsten brauchen kann, wird sie von heftigen Kopfschmerzen 
oder anderen Schmerzsensationen befallen. Eventuell muß sie jede 
Mahlzeit durch Erbrechen von sich geben, was auf die Dauer 
bedrohlich werden kann. Endlich ist es beklagenswert, daß sie keine 
Aufregungen verträgt, die sich im Leben doch nicht vermeiden 
lassen. Sie verfällt bei solchen Anlässen in Ohnmächten, oft mit 
Muskelkrämpfen, die an unheimliche Krankheitszustände erinnern. 

Noch andere Kranke fühlen sich gestört in einem besonderen 
Gebiet, auf dem das Gefühlsleben mit Ansprüchen an den Körper 
zusammentrifft. Als Männer finden sie sich unfähig, den zärtlichsten 
Regungen gegen das andere Geschlecht körperlichen Ausdruck zu 
geben, während ihnen vielleicht gegen wenig geliebte Objekte alle 
Reaktionen zu Gebote stehen. Oder ihre Sinnlichkeit bindet sie an 
Personen, die sie verachten, von denen sie frei werden möchten. 
Oder sie stellt ihnen Bedingungen, deren Erfüllung ihnen selbst 






Die Frage der Laienanalyse 311 



widerlich ist. Als Frauen fühlen sie sich durch Angst und Ekel 
oder durch unbekannte Hemmnisse verhindert, den Anforderungen 
des Geschlechtslebens nachzukommen, oder wenn sie der Liebe nach- 
gegeben haben, finden sie sich um den Genuß betrogen, den die 
Natur als Prämie auf solche Gefügigkeit gesetzt hat. 

Alle diese Personen erkennen sich als krank und suchen Ärzte 
auf, von denen man ja die Beseitigung solcher nervösen Störungen 
erwartet. Die Ärzte führen auch die Kategorien, unter denen man 
diese Leiden unterbringt. Sie diagnostizieren sie je nach ihren Stand- 
punkten mit verschiedenen Namen: Neurasthenie, Psychasthenie, 
Phobien, Zwangsneurose, Hysterie. Sie untersuchen die Organe, 
welche die Symptome geben: das Herz, den Magen, den Darm, 
die Genitalien und finden sie gesund. Sie raten zu Unterbrechungen 
der gewohnten Lebensweise, Erholungen, kräftigenden Prozeduren, 
tonisierenden Medikamenten, erzielen dadurch vorübergehende Er- 
leichterungen — oder auch nichts. Endlich hören die Kranken, 
daß es Personen gibt, die sich ganz speziell mit der Behandlung 
solcher Leiden beschäftigen und treten in die Analyse bei ihnen ein. 

Unser Unparteiischer, den ich als gegenwärtig vorstelle, hat 
während der Auseinandersetzung über die Krankheitserscheinungen 
der Nervösen Zeichen von Ungeduld von sich gegeben. Nun wird er 
aufmerksam, gespannt, und äußert sich auch so: „Jetzt werden wir 
also erfahren, was der Analytiker mit dem Patienten vornimmt, 
dem der Arzt nicht helfen konnte." 

Es geht nichts anderes zwischen ihnen vor, als daß sie miteinander 
reden. Der Analytiker verwendet weder Instrumente, nicht einmal 
zur Untersuchung, noch verschreibt er Medikamente. Wenn es irgend 
möglich ist, läßt er den Kranken sogar in seiner Umgebung und 
in seinen Verhältnissen, während er ihn behandelt. Das ist natürlich 
keine Bedingung, kann auch nicht immer so durchgeführt werden. 
Der Analytiker bestellt den Patienten zu einer bestimmten Stunde 
des Tages, läßt ihn reden, hört ihn an, spricht dann zu ihm und 
läßt ihn zuhören. 






312 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Die Miene unseres Unparteiischen zeugt nun von unverkenn- 
barer Erleichterung und Entspannung, verrät aber auch deutlich eine 
gewisse Geringschätzung. Es ist, als ob er denken würde: Weiter 
nichts als das? Worte, Worte und wiederum Worte, wie Prinz 
Hamlet sagt. Es geht ihm gewiß auch die Spottrede Mephistos 
durch den Sinn, wie bequem sich mit Worten wirtschaften läßt, 
Verse, die kein Deutscher je vergessen wird. 

Er sagt auch: „Das ist also eine Art von Zauberei, Sie reden 
und blasen so seine Leiden weg." 

Ganz richtig, es wäre Zauberei, wenn es rascher wirken würde. 
Zum Zauber gehört unbedingt die Schnelligkeit, man möchte sagen: 
Plötzlichkeit des Erfolges. Aber die analytischen Behandlungen 
brauchen Monate und selbst Jahre; ein so langsamer Zauber verliert 
den Charakter des Wunderbaren. Wir wollen übrigens das Wort 
nicht verachten. Es ist doch ein mächtiges Instrument, es ist das 
Mittel, durch das wir einander unsere Gefühle kundgeben, der Weg, 
auf den anderen Einfluß zu nehmen. Worte können unsagbar wohltun 
und fürchterliche Verletzungen zufügen. Gewiß, zu allem Anfang 
war die Tat, das Wort kam später, es war unter manchen Ver- 
hältnissen ein kultureller Fortschritt, wenn sich die Tat zum Wort 
ermäßigte. Aber das Wort war doch ursprünglich ein Zauber, ein 
magischer Akt, und es hat noch viel von seiner alten Kraft bewahrt. 

Der Unparteiische setzt fort: „Nehmen wir an, daß der Patient 
nicht besser auf das Verständnis der analytischen Behandlung vor- 
bereitet ist als ich, wie wollen Sie ihn an den Zauber des Wortes 
oder der Rede glauben machen, der ihn von seinen Leiden be- 
freien soll?" 

Man muß ihm natürlich eine Vorbereitung geben, und es findet 
sich ein einfacher Weg dazu. Man fordert ihn auf, mit seinem 
Analytiker ganz aufrichtig zu sein, nichts mit Absicht zurückzu- 
halten, was ihm in den Sinn kommt, in weiterer Folge sich über 
alle Abhaltungen hinwegzusetzen, die manche Gedanken oder Er- 
innerungen von der Mitteilung ausschließen möchten. Jeder Mensch 






Die Frage der Laienanalyse 515 

weiß, daß es bei ihm solche Dinge gibt, die er anderen nur sehr 
ungern mitteilen würde, oder deren Mitteilung er überhaupt für 
ausgeschlossen hält. Es sind seine „Intimitäten". Er ahnt auch, was 
einen großen Fortschritt in der psychologischen Selbsterkenntnis 
bedeutet, daß es andere Dinge gibt, die man sich selbst nicht 
eingestehen möchte, die man gerne vor sich selbst verbirgt, die man 
darum kurz abbricht und aus seinem Denken verjagt, wenn sie doch 
auftauchen. Vielleicht bemerkt er selbst den Ansatz eines sehr merk- 
würdigen psychologischen Problems in der Situation, daß ein eigener 
Gedanke vor dem eigenen Selbst geheim gehalten werden soll. Das 
ist ja, als ob sein Selbst nicht mehr die Einheit wäre, für die er 
es immer hält, als ob es noch etwas anderes in ihm gäbe, was sich 
diesem Selbst entgegenstellen kann. Etwas wie ein Gegensatz zwischen 
dem Selbst und einem Seelenleben im weiteren Sinne mag sich ihm 
dunkel anzeigen. Wenn er nun die Forderung der Analyse, alles 
zu sagen, annimmt, wird er leicht der Erwartung zugänglich, daß 
ein Verkehr und Gedankenaustausch unter so ungewöhnlichen Vor- 
aussetzungen auch zu eigenartigen Wirkungen führen könnte. 

„Ich verstehe," sagt unser unparteiischer Zuhörer, „Sie nehmen 
an, daß jeder Nervöse etwas hat, was ihn bedrückt, ein Geheimnis, 
und indem Sie ihn veranlassen es auszusprechen, entlasten Sie ihn 
von dem Druck und tun ihm wohl. Das ist ja das Prinzip der 
Beichte, dessen sich die katholische Kirche seit jeher zur Ver- 
sicherung ihrer Herrschaft über die Gemüter bedient hat. 

Ja und nein, müssen wir antworten. Die Beichte geht wohl in 
die Analyse ein, als ihre Einleitung gleichsam. Aber weit davon 
entfernt, daß sie das Wesen der Analyse träfe oder ihre Wirkung 
erklärte. In der Beichte sagt der Sünder, was er weiß, in der 
Analyse soll der Neurotiker mehr sagen. Auch wissen wir nichts 
davon, daß die Beichte je die Kraft entwickelt hätte, direkte Krank- 
heitssymptome zu beseitigen. 

„Dann verstehe ich es doch nicht", ist die Entgegnung. „Was 
soll es wohl heißen: mehr sagen als er weiß? Ich kann mir aber 



hsr ' ~ - 



314 Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 



vorstellen, daß Sie als Analytiker einen stärkeren Einfluß auf Ihren 
Patienten gewinnen als der Beichtvater auf das Beichtkind, weil 
Sie sich soviel länger, intensiver und auch individueller mit ihm 
abgeben, und daß Sie diesen gesteigerten Einfluß dazu benützen, 
ihn von seinen krankhaften Gedanken abzubringen, ihm seine Be- 
fürchtungen auszureden usw. Es wäre merkwürdig genug, daß es 
auf diese Weise gelänge, auch rein körperliche Erscheinungen wie 
Erbrechen, Diarrhöe, Krämpfe zu beherrschen, aber ich weiß da- 
von, daß solche Beeinflussungen sehr wohl möglich sind, wenn man 
einen Menschen in den hypnotischen Zustand versetzt hat. Wahr- 
scheinlich erzielen Sie durch Ihre Bemühung um den Patienten 
eine solche hypnotische Beziehung, eine suggestive Bindung an 
Ihre Person, auch wenn Sie es nicht beabsichtigen, und die Wunder 
Ihrer Therapie sind dann Wirkungen der hypnotischen Suggestion. 
Soviel ich weiß, arbeitet aber die hypnotische Therapie viel rascher 
als Ihre Analyse, die, wie Sie sagen, Monate und Jahre dauert." 

Unser Unparteiischer ist weder so unwissend noch so ratlos, wie 
wir ihn anfangs eingeschätzt hatten. Es ist unverkennbar, daß er 
sich bemüht, die Psychoanalyse mit Hilfe seiner früheren Kennt- 
nisse zu begreifen, sie an etwas anderes anzuschließen, was er schon 
weiß. Wir haben jetzt die schwierige Aufgabe, ihm klarzumachen, 
daß dies nicht gelingen wird, daß die Analyse ein Verfahren sui 
%eneris ist, etwas Neues und Eigenartiges, was nur mit Hilfe neuer 
Einsichten — oder wenn man will, Annahmen — begriffen werden 
kann. Aber wir sind ihm auch noch die Antwort auf seine letzten 
Bemerkungen schuldig. 

Was Sie von dem besonderen persönlichen Einfluß des Analytikers 
gesagt haben, ist gewiß sehr beachtenswert. Ein solcher Einfluß 
existiert und spielt in der Analyse eine große Rolle. Aber nicht die- 
selbe wie beim Hypnotismus. Es müßte gelingen, Ihnen zu be- 
weisen, daß die Situationen hier und dort ganz verschiedene sind. 
Es mag die Bemerkung genügen, daß wir diesen persönlichen 
Einfluß — das „suggestive" Moment — nicht dazu verwenden, um 



Die Frage der Laienanalyse * i k 

die Leidenssymptome zu unterdrücken, wie es bei der hypnotischen 
Suggestion geschieht. Ferner, daß es irrig wäre zu glauben, dies 
Moment sei durchaus der Träger und Förderer der Behandlung. Zu 
Anfang wohl; aber später widersetzt es sich unseren analytischen 
Absichten und nötigt uns zu den ausgiebigsten Gegenmaßnahmen. 
Auch möchte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie ferne der 
analytischen Technik das Ablenken und Ausreden liegt. Wenn unser 
Patient an einem Schuldgefühl leidet, als ob er ein schweres Ver- 
brechen begangen hätte, so raten wir ihm nicht, sich unter Be- 
tonung seiner unzweifelhaften Schuldlosigkeit über diese Gewissens- 
qual hinwegzusetzen; das hat er schon selbst erfolglos versucht. 
Sondern wir mahnen ihn daran, daß eine so starke und anhaltende 
Empfindung doch in etwas Wirklichem begründet sein muß, was 
vielleicht aufgefunden werden kann. 

„Es sollte mich wundern," meint der Unparteiische, „wenn Sie 
durch solches Zustimmen das Schuldgefühl Ihres Patienten be- 
schwichtigen könnten. Aber was sind denn Ihre analytischen Ab- 
sichten und was nehmen Sie mit dem Patienten vor?" 



II 

Wenn ich Ihnen etwas Verständliches sagen soll, so muß ich 
Ihnen wohl ein Stück einer psychologischen Lehre mitteilen, die 
außerhalb der analytischen Kreise nicht bekannt ist oder nicht 
gewürdigt wird. Aus dieser Theorie wird sich leicht ableiten lassen, 
was wir von dem Kranken wollen und auf welche Art wir es 
erreichen. Ich trage sie Ihnen dogmatisch vor, als ob sie ein fertiges 
Lehrgebäude wäre. Glauben Sie aber nicht, daß sie gleich als solches 
wie ein philosophisches System entstanden ist. Wir haben sie sehr 
langsam entwickelt, um jedes Stückchen lange gerungen, sie in 
stetem Kontakt mit der Beobachtung fortwährend modifiziert, bis 
sie endlich eine Form gewonnen hat, in der sie uns für unsere 



- 



316 Schriften aus den Jahren 1926—192S 



Zwecke zu genügen scheint. Noch vor einigen Jahren hätte ich 
diese Lehre in andere Ausdrücke kleiden müssen. Ich kann Ihnen 
natürlich nicht dafür einstehen, daß die heutige Ausdrucksform 
die definitive bleiben wird. Sie wissen, Wissenschaft ist keine Offen- 
barung, sie entbehrt, lange über ihre Anfänge hinaus, der Charaktere 
der Bestimmtheit, Unwandelbarkeit, Unfehlbarkeit, nach denen sich 
das menschliche Denken so sehr sehnt. Aber so wie sie ist, ist sie 
alles, was wir haben können. Nehmen Sie hinzu, daß unsere Wissen- 
schaft sehr jung ist, kaum so alt wie das Jahrhundert, und daß 
sie sich ungefähr mit dem schwierigsten Stoff beschäftigt, der 
menschlicher Forschung vorgelegt werden kann, so werden Sie 
sich leicht in die richtige Einstellung zu meinem Vortrag versetzen 
können. Unterbrechen Sie mich aber nach Ihrem Belieben jedes- 
mal, wenn Sie mir nicht folgen können oder wenn Sie weitere 
Aufklärungen wünschen. 

„Ich unterbreche Sie, noch ehe Sie beginnen. Sie sagen, Sie 
wollen mir eine neue Psychologie vortragen, aber ich sollte meinen, 
die Psychologie ist keine neue Wissenschaft. Es hat genug Psycho- 
logie und Psychologen gegeben, und ich habe auf der Schule von 
großen Leistungen auf diesem Gebiete gehört." 

Die ich nicht zu bestreiten gedenke. Aber wenn Sie näher prüfen, 
werden Sie diese großen Leistungen eher der Sinnesphysiologie 
einordnen müssen. Die Lehre vom Seelenleben konnte sich nicht 
entwickeln, weil sie durch eine einzige wesentliche Verkennung 
gehemmt war. Was umfaßt sie heute, wie sie an den Schulen 
gelehrt wird? Außer jenen wertvollen sinnesphysiologischen Ein- 
sichten eine Anzahl von Einteilungen und Definitionen unserer 
seelischen Vorgänge, die dank dem Sprachgebrauch Gemeingut 
aller Gebildeten geworden sind. Das reicht offenbar für die Auf- 
fassung unseres Seelenlebens nicht aus. Haben Sie nicht bemerkt, 
daß jeder Philosoph, Dichter, Historiker und Biograph sich seine 
eigene Psychologie zurecht macht, seine besonderen Voraussetzungen 
über den Zusammenhang und die Zwecke der seelischen Akte vor- 



Die Frage der Laienanalyse 317 

bringt, alle mehr oder minder ansprechend und alle gleich un- 
zuverlässig? Da fehlt offenbar ein gemeinsames Fundament. Und 
daher kommt es auch, daß es auf psychologischem Boden sozusagen 
keinen Respekt und keine Autorität gibt. Jedermann kann da nach 
Belieben „wildern". Wenn Sie eine physikalische oder chemische 
Frage aufwerfen, wird ein jeder schweigen, der sich nicht im 
Besitz von „Fachkenntnissen" weiß. Aber wenn Sie eine psycho- 
logische Behauptung wagen, müssen sie auf Urteil und Widerspruch 
von jedermann gefaßt sein. Wahrscheinlich gibt es auf diesem 
Gebiet keine „Fachkenntnisse". Jedermann hat sein Seelenleben 
und darum hält sich jedermann für einen Psychologen. Aber das 
scheint mir kein genügender Rechtstitel zu sein. Man erzählt, daß 
eine Person, die sich zur „Kinderfrau" anbot, gefragt wurde, ob 
sie auch mit kleinen Kindern umzugehen verstehe. Gewiß, gab 
sie zur Antwort, ich war doch selbst einmal ein kleines Kind. 

„Und dies von allen Psychologen übersehene .gemeinsame Fun- 
dament' des Seelenlebens wollen Sie durch Beobachtungen an 

Kranken entdeckt haben?" 

Ich glaube nicht, daß diese Herkunft unsere Befunde entwertet. 
Die Embryologie z. B. verdiente kein Vertrauen, wenn sie nicht 
die Entstehung der angeborenen Mißbildungen glatt aufklären 
könnte. Aber ich habe Ihnen von Personen erzählt, deren Gedanken 
ihre eigenen Wege gehen, so daß sie gezwungen sind, über Probleme 
zu grübeln, die ihnen furchtbar gleichgiltig sind. Glauben Sie, daß 
die Schulpsychologie jemals den mindesten Beitrag zur Aufklärung 
einer solchen Anomalie leisten konnte? Und endlich geschieht es 
uns allen, daß nächtlicherweile unser Denken eigene Wege geht 
und Dinge schafft, die wir dann nicht verstehen, die uns befremden 
und in bedenklicher Weise an krankhafte Produkte erinnern. Ich 
meine unsere Träume. Das Volk hat immer an dem Glauben fest- 
gehalten, daß Träume einen Sinn, einen Wert haben, etwas be- 
deuten Diesen Sinn der Träume hat die Schulpsychologie nie 
angeben können. Sie wußte mit dem Traum nichts anzufangen; 



318 Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 

wenn sie Erklärungen versucht hat, waren es unpsychologische, 
wie Zurückführungen auf Sinnesreize, auf eine ungleiche Schlaf- 
tiefe verschiedener Hirnpartien u. dgl. Man darf aber sagen, eine 
Psychologie, die den Traum nicht erklären kann, ist auch für das 
Verständnis des normalen Seelenlebens nicht brauchbar, hat keinen 
Anspruch, eine Wissenschaft zu heißen. 

„Sie werden aggressiv, also haben Sie wohl eine empfindliche 
Stelle berührt. Ich habe ja gehört, daß man in der Analyse großen 
Wert auf Träume legt, sie deutet, Erinnerungen an wirkliche Be- 
gebenheiten hinter ihnen sucht usw. Aber auch, daß die Deutung 
der Träume der Willkür der Analytiker ausgeliefert ist, und daß 
diese selbst mit den Streitigkeiten über die Art Träume zu deuten, 
über die Berechtigung, aus ihnen Schlüsse zu ziehen, nicht fertig 
geworden sind. Wenn das so ist, so dürfen Sie den Vorzug, den 
die Analyse vor der Schulpsychologie gewonnen hat, nicht so dick 
unterstreichen." 

Sie haben da wirklich viel Richtiges gesagt. Es ist wahr, daß 
die Traumdeutung für die Theorie wie für die Praxis der Analyse 
eine unvergleichliche Wichtigkeit gewonnen hat. Wenn ich 
aggressiv erscheine, so ist das für mich nur ein Weg der Ver- 
teidigung. Wenn ich aber an all den Unfug denke, den manche 
Analytiker mit der Deutung der Träume angestellt haben, könnte 
ich verzagt werden und dem pessimistischen Ausspruch unseres 
großen Satirikers Nestroy recht geben, der lautet: Ein jeder Fort- 
schritt ist immer nur halb so groß als er zuerst ausschaut! Aber 
haben Sie es je anders erfahren, als daß die Menschen alles ver- 
wirren und verzerren, was in ihre Hände fällt? Mit etwas Vor- 
sicht und Selbstzucht kann man die meisten der Gefahren der 
Traumdeutung sicher vermeiden. Aber glauben Sie nicht, daß ich 
nie zu meinem Vortrag kommen werde, wenn wir uns so ab- 
lenken lassen? 

„Ja, Sie wollten von der fundamentalen Voraussetzung der neuen 
Psychologie erzählen, wenn ich Sie recht verstanden habe." 






Die Frage der Laienanalyse 31g 

Damit wollte ich nicht beginnen. Ich habe die Absicht, Sie 
hören zu lassen, welche Vorstellung von der Struktur des seelischen 
Apparats wir uns während der analytischen Studien gebildet haben. 

„Was heißen Sie den seelischen Apparat und woraus ist er gebaut, 
darf ich fragen?" 

Was der seelische Apparat ist, wird bald klar werden. Aus 
welchem Material er gebaut ist, danach bitte ich nicht zu fragen. 
Es ist kein psychologisches Interesse, kann der Psychologie ebenso 
gleichgiltig sein wie der Optik die Frage, ob die Wände des Fern- 
rohrs aus Metall oder aus Pappendeckel gemacht sind. Wir werden 
den stofflichen Gesichtspunkt überhaupt bei Seite lassen, den 
räumlichen aber nicht. Wir stellen uns den unbekannten Apparat, 
der den seelischen Verrichtungen dient, nämlich wirklich wie ein 
Instrument vor, aus mehreren Teilen aufgebaut, — die wir In- 
stanzen heißen, — die ein jeder eine besondere Funktion ver- 
sehen, und die eine feste räumliche Beziehung zueinander haben, 
d. h. die räumliche Beziehung, das „vor" und „hinter' , „ober- 
flächlich" und „tief" hat für uns zunächst nur den Sinn einer Dar- 
stellung der regelmäßigen Aufeinanderfolge der Funktionen. Bin 
ich noch verständlich ? 

„Kaum, vielleicht verstehe ich es später, aber jedenfalls ist das 
eine sonderbare Anatomie der Seele, die es bei den Naturforschern 
doch gar nicht mehr gibt." 

Was wollen Sie, es ist eine Hilfsvorstellung wie soviele in den 
Wissenschaften. Die allerersten sind immer ziemlich roh gewesen. 
Oven to revision, kann man in solchen Fällen sagen. Ich halte es 
für überflüssig, mich hier auf das populär gewordene „Als ob" zu 
berufen. Der Wert einer solchen — „Fiktion" würde der Philosoph 
Vaihinger sie nennen — hängt davon ab, wieviel man mit ihr 
ausrichten kann. 

Also um fortzusetzen: Wir stellen uns auf den Boden der Alltags- 
weisheit und anerkennen im Menschen eine seelische Organisation, 
die zwischen seine Sinnesreize und die Wahrnehmung seiner 



320 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Körperbedürfnisse einerseits, seine motorischen Akte anderseits ein- 
geschaltet ist und in bestimmter Absicht zwischen ihnen vermittelt. 
Wir heißen diese Organisation sein Ich. Das ist nun keine Neuig- 
keit, jeder von uns macht diese Annahme, wenn er kein Philosoph 
ist, und einige selbst, obwohl sie Philosophen sind. Aber wir glauben 
nicht, damit die Beschreibung des seelischen Apparats erschöpft zu 
haben. Außer diesem Ich erkennen wir ein anderes seelisches Gebiet, 
umfangreicher, großartiger und dunkler als das Ich, und dies heißen 
wir das Es. Das Verhältnis zwischen den beiden soll uns zunächst 
beschäftigen. 

Sie werden es wahrscheinlich beanständen, daß wir zur Be- 
zeichnung unserer beiden seelischen Instanzen oder Provinzen ein- 
fache Fürwörter gewählt haben, anstatt vollaufende griechische 
Namen für sie einzuführen. Allein wir lieben es in der Psycho- 
analyse, im Kontakt mit der populären Denkweise zu bleiben und 
ziehen es vor, deren Begriffe wissenschaftlich brauchbar zu machen, 
anstatt sie zu verwerfen. Es ist kein Verdienst daran, wir müssen 
so vorgehen, weil unsere Lehren von unseren Patienten verstanden 
werden sollen, die oft sehr intelligent sind, aber nicht immer 
gelehrt. Das unpersönliche Es schließt sich unmittelbar an gewisse 
Ausdrucksweisen des normalen Menschen an. „Es hat mich durch- 
zuckt," sagt man; „es war etwas in mir, was in diesem Augen- 
blick stärker war als ich." „Cdtait plus fort que moi." 

In der Psychologie können wir nur mit Hilfe von Vergleich ungen 
beschreiben. Das ist nichts Besonderes, es ist auch anderwärts so. 
Aber wir müssen diese Vergleiche auch immer wieder wechseln, 
keiner hält uns lange genug aus. Wenn ich also das Verhältnis 
zwischen Ich und Es deutlich machen will, so bitte ich Sie, sich 
vorzustellen, das Ich sei eine Art Fassade des Es, ein Vordergrund, 
gleichsam eine äußerliche, eine Rindenschicht desselben. Der letztere 
Vergleich kann festgehalten werden. Wir wissen, Rindenschichten 
verdanken ihre besonderen Eigenschaften dem modifizierenden 
Einfluß des äußeren Mediums, an das sie anstoßen. So stellen wir 









Die Frage der Laienanalyse , 21 

uns vor, das Ich sei die durch den Einfluß der Außenwelt (der Re- 
alität) modifizierte Schichte des seelischen Apparats, des Es. Sie sehen 
dabei, in welcher Weise wir in der Psychoanalyse mit räumlichen 
Auffassungen Ernst machen. Das Ich ist uns wirklich das Oberfläch- 
liche, das Es das Tiefere, von außen betrachtet natürlich. Das Ich 
liegt zwischen der Realität und dem Es, dem eigentlich Seelischen. 
„Ich will Sie noch gar nicht fragen, woher man das alles wissen 
kann. Sagen Sie mir zunächst, was haben Sie von dieser Trennung 
eines Ich und eines Es, was nötigt Sie dazu?" 

Ihre Frage weist mir den Weg zur richtigen Fortsetzung. Das 
Wichtige und Wertvolle ist nämlich zu wissen, daß das Ich und das 
Es in mehreren Punkten sehr voneinander abweichen; es gelten im 
Ich andere Regeln für den Ablauf seelischer Akte als im Es, das Ich 
verfolgt andere Absichten und mit anderen Mitteln. Darüber wäre 
sehr viel zu sagen, aber wollen Sie sich mit einem neuen Vergleich 
und einem Beispiel abfinden lassen? Denken Sie an den Unterschied 
zwischen der Front und dem Hinterland, wie er sich während des 
Krieges herausgebildet hatte. Wir haben uns damals nicht gewundert, 
daß an der Front manches anders vorging als im Hinterland, und 
daß im Hinterland vieles gestattet war, was an der Front verboten 
werden mußte. Der bestimmende Einfluß war natürlich die Nähe 
des Feindes, für das Seelenleben ist es die Nähe der Außenwelt. 
Draußen — fremd — feindlich waren einmal identische Begriffe. 
Und nun das Beispiel: im Es gibt es keine Konflikte; Widersprüche, 
Gegensätze bestehen unbeirrt nebeneinander und gleichen sich oft 
durch Kompromißbildungen ab. Das Ich empfindet in solchen Fällen 
einen Konflikt, der entschieden werden muß, und die Entscheidung 
besteht darin, daß eine Strebung zugunsten der anderen aufgegeben 
wird. Das Ich ist eine Organisation, ausgezeichnet durch ein sehr 
merkwürdiges Streben nach Vereinheitlichung, nach Synthese; dieser 
Charakter fehlt dem Es, es ist — sozusagen — zerfahren, seine 
einzelnen Strebungen verfolgen ihre Absichten unabhängig von 
und ohne Rücksicht aufeinander. 

Freud XI. 2t 



32 2 Schriften aus den Jahren 1926—1928 



„Und wenn ein so wichtiges seelisches Hinterland existiert, wie 
können Sie mir begreiflich machen, daß es bis zur Zeit der Analyse 

übersehen wurde?' 

Damit sind wir zu einer Ihrer früheren Fragen zurückgekehrt. 
Die Psychologie hatte sich den Zugang zum Gebiet des Es ver- 
sperrt, indem sie an einer Voraussetzung festhielt, die nahe genug 
liegt, aber doch nicht haltbar ist. Nämlich, daß alle seelischen 
Akte uns bewußt sind, daß Bewußtsein das Kennzeichen des See- 
lischen ist, und daß, wenn es nichtbewußte Vorgänge in unserem 
Gehirn gibt, diese nicht den Namen seelischer Akte verdienen 
und die Psychologie nichts angehen. 

„Ich meine, das ist doch selbstverständlich." 
Ja, das meinen die Psychologen auch, aber es ist doch leicht zu 
zeigen, daß es falsch, d. h. eine ganz unzweckmäßige Sonderung 
ist. Die bequemste Selbstbeobachtung lehrt, daß man Einfälle haben 
kann, die nicht ohne Vorbereitung zustande gekommen sein können. 
Aber von diesen Vorstufen Ihres Gedankens, die doch wirklich auch 
seelischer Natur gewesen sein müssen, erfahren Sie nichts, in Ihr 
Bewußtsein tritt nur das fertige Resultat. Gelegentlich können Sie 
sich nachträglich diese vorbereitenden Gedankenbildungen wie 
in einer Rekonstruktion bewußt machen. 

Wahrscheinlich war die Aufmerksamkeit abgelenkt, so daß man 
diese Vorbereitungen nicht bemerkt hat." 

Ausflüchte! Sie kommen so um die Tatsache nicht herum, daß 
in Ihnen Akte seelischer Natur, oft sehr komplizierte, vorgehen 
können, von denen Ihr Bewußtsein nichts erfährt, von denen Sie 
nichts wissen. Oder sind Sie zu der Annahme bereit, daß etwas 
mehr oder weniger von Ihrer „Aufmerksamkeit" hinreicht, um 
einen nicht seelischen Akt in einen seelischen zu verwandeln? 
Übrigens wozu der Streit? Es gibt hypnotische Experimente, in 
denen die Existenz solcher nicht bewußter Gedanken für jeder- 
mann, der lernen will, unwiderleglich demonstriert wird. 

„Ich will nicht leugnen, aber ich glaube, ich verstehe Sie end- 



Die Frage der Laienanalyse 3 2 x 



lieh. Was Sie Ich heißen, ist das Bewußtsein und Ihr Es ist das 
sogenannte Unterbewußtsein, von dein jetzt so viel die Rede ist. 
Aber wozu die Maskerade durch die neuen Namen?" 

Es ist keine Maskerade, diese anderen Namen sind unbrauchbar. 
Und versuchen Sie nicht, mir Literatur anstatt Wissenschaft zu 
geben. Wenn jemand vom Unterbewußtsein spricht, weiß ich nicht, 
meint er es topisch, etwas, was in der Seele unterhalb des Bewußt- 
seins liegt, oder qualitativ, ein anderes Bewußtsein, ein unterirdi- 
sches gleichsam. Wahrscheinlich macht er sich überhaupt nichts 
klar. Der einzig zulässige Gegensatz ist der zwischen bewußt und 
unbewußt. Aber es wäre ein folgenschwerer Irrtum zu glauben, 
dieser Gegensatz fiele mit der Scheidung von Ich und Es zusammen. 
Allerdings, es wäre wunderschön, wenn es so einfach wäre, unsere 
Theorie hätte dann ein leichtes Spiel, aber es ist nicht so einfach. 
Richtig ist nur, daß alles, was im Es vorgeht, unbewußt ist und 
bleibt, und daß die Vorgänge im Ich bewußt werden können, sie 
allein. Aber sie sind es nicht alle, nicht immer, nicht notwendig 
und große Anteile des Ichs können dauernd unbewußt bleiben. 

Mit dem Bewußt werden eines seelischen Vorganges ist es eine 
komplizierte Sache. Ich kann es mir nicht versagen, Ihnen — 
wiederum dogmatisch — darzustellen, was wir darüber annehmen. 
Sie erinnern sich, das Ich ist die äußere, peripherische Schicht des 
Es. Nun glauben wir, an der äußersten Oberfläche dieses Ichs be- 
finde sich eine besondere, der Außenwelt direkt zugewendete In- 
stanz, ein System, ein Organ, durch dessen Erregung allein das 
Phänomen, das wir Bewußtsein heißen, zustande kommt. Dies Organ 
kann ebensowohl von außen erregt werden, nimmt also mit Hilfe 
der Sinnesorgane die Reize der Außenwelt auf, wie auch von innen 
her, wo es zuerst die Sensationen im Es und dann auch die Vor- 
gänge im Ich zur Kenntnis nehmen kann. 

„Das wird immer ärger und entzieht sich immer mehr meinem 
Verständnis. Sie haben mich doch zu einer Unterredung über die 
Frage eingeladen, ob auch Laien = Nichtärzte analytische Behand- 

21* 



3 24 Schriften aus den Jahren 1926— 1 9 28 

lungen unternehmen sollen. Wozu dann diese Auseinandersetzungen 
über gewagte, dunkle Theorien, von deren Berechtigung Sie mich 
doch nicht überzeugen können?" 

Ich weiß, daß ich Sie nicht überzeugen kann. Es liegt außer- 
halb jeder Möglichkeit und darum auch außerhalb meiner Absicht. 
Wenn wir unseren Schülern theoretischen Unterricht in der Psycho- 
analyse geben, so können wir beobachten, wie wenig Eindruck 
wir ihnen zunächst machen. Sie nehmen die analytischen Lehren 
mit derselben Kühle hin wie andere Abstraktionen, mit denen sie 
genährt wurden. Einige wollen vielleicht überzeugt werden, aber 
keine Spur davon, daß sie es sind. Nun verlangen wir auch, daß 
jeder, der die Analyse an anderen ausüben will, sich vorher selbst 
einer Analyse unterwerfe. Erst im Verlauf dieser „Selbstanalyse" 
(wie sie mißverständlich genannt wird), wenn sie die von der 
Analyse behaupteten Vorgänge am eigenen Leib — richtiger: an 
der eigenen Seele — tatsächlich erleben, erwerben sie sich die 
Überzeugungen, von denen sie später als Analytiker geleitet werden. 
Wie darf ich also erwarten, Sie, den Unparteiischen, von der Richtig- 
keit unserer Theorien zu überzeugen, dem ich nur eine unvoll- 
ständige, verkürzte und darum undurchsichtige Darstellung der- 
selben ohne Bekräftigung durch Ihre eigenen Erfahrungen vorlegen 

kann? 

Ich handle in anderer Absicht. Es ist zwischen uns gar nicht 
die Frage, ob die Analyse klug oder unsinnig ist, ob sie in ihren 
Aufstellungen recht hat oder in grobe Irrtümer verfallt. Ich rolle 
unsere Theorien vor Ihnen auf, weil ich Ihnen so am besten klar- 
machen kann, welchen Gedankeninhalt die Analyse hat, von welchen 
Voraussetzungen sie beim einzelnen Kranken ausgeht, und was sie 
mit ihm vornimmt. Dadurch wird dann ein ganz bestimmtes Licht 
auf die Frage der Laienanalyse geworfen werden. Seien Sie übrigens 
ruhig, Sie haben, wenn Sie mir soweit gefolgt sind, das Ärgste 
überstanden, alles Folgende wird Ihnen leichter werden. Jetzt aber 
lassen Sie mich eine Atempause machen. 




Die Frage der Laienanalyse 525 



HI 

„Ich erwarte, daß Sie mir aus den Theorien der Psychoanalyse 
ableiten wollen, wie man sich die Entstehung eines nervösen Leidens 
vorstellen kann." 

Ich will es versuchen. Zu dem Zweck müssen wir aber unser 
Ich und unser Es von einem neuen Gesichtspunkt aus studieren, 
vom dynamischen, d. h. mit Rücksicht auf die Kräfte, die in 
und zwischen ihnen spielen. Vorhin hatten wir uns ja mit der 
Beschreibung des seelischen Apparats begnügt. 

„Wenn es nur nicht wieder so unfaßbar wird!" 

Ich hoffe, nicht. Sie werden sich bald zurechtfinden. Also wir 
nehmen an, daß die Kräfte, welche den seelischen Apparat zur 
Tätigkeit treiben, in den Organen des Körpers erzeugt werden als 
Ausdruck der großen Körperbedürfnisse. Sie erinnern sich an das 
Wort unseres Dichterphilosophen : Hunger und Liebe. Übrigens ein 
ganz respektables Kräftepaar! Wir heißen diese Körperbedürfnisse, 
insofern sie Anreize für seelische Tätigkeit darstellen, Triebe, ein 
Wort, um das uns viele moderne Sprachen beneiden. Diese Triebe 
erfüllen nun das Es; alle Energie im Es, können wir abkürzend 
sagen, stammt von ihnen. Die Kräfte im Ich haben auch keine 
andere Herkunft, sie sind von denen im Es abgeleitet. Was wollen 
nun die Triebe? Befriedigung, d. h. die Herstellung solcher Situ- 
ationen, in denen die Körperbedürfnisse erlöschen können. Das Herab- 
sinken der Bedürfnisspannung wird von unserem Bewußtseinsorgan 
als lustvoll empfunden, eine Steigerung derselben bald als Unlust. 
Aus diesen Schwankungen entsteht die Reihe von Lust-Unlust- 
empfindungen, nach der der ganze seelische Apparat seine Tätig- 
keit reguliert. Wir sprechen da von einer „Herrschaft des Lust- 
prinzips". 

Es kommt zu unerträglichen Zuständen, wenn die Triebansprüche 
des Es keine Befriedigung finden. Die Erfahrung zeigt bald, daß 






3 a6 Schrif ten aus den Jatiren 1926— 192H ___ 

solche Befriedigungssituationen nur mit Hilfe der Außenwelt her- 
gestellt werden können. Damit tritt der der Außenwelt zugewendete 
Anteil des Es, das Ich, in Funktion. Wenn alle treibende Kraft, 
die das Fahrzeug von der Stelle bringt, vom Es aufgebracht wird, 
so übernimmt das Ich gleichsam die Steuerung, bei deren Ausfall 
ja ein Ziel nicht zu erreichen ist. Die Triebe im Es drangen auf 
sofortige, rücksichtslose Befriedigung, erreichen auf diese Weise nichts 
oder erzielen selbst fühlbare Schädigung. Es wird nun die Aufgabe 
des Ichs, diesen Mißerfolg zu verhüten, zwischen den Ansprüchen 
des Es und dem Einspruch der realen Außenwelt zu vermitteln. 
Es entfaltet seine Tätigkeit nun nach zwei Richtungen. Einerseits 
beobachtet es mit Hilfe seines Sinnesorgans, des Bewußtseinssystems, 
die Außenwelt, um den günstigen Moment für schadlose Befriedi- 
gung zu erhaschen, anderseits beeinflußt es das Es, zügelt dessen 
„Leidenschaften", veranlaßt die Triebe, ihre Befriedigung aufzu- 
schieben, ja, wenn es als notwendig erkannt wird, ihre Ziele zu 
modifizieren, oder sie gegen Entschädigung aufzugeben. Indem es 
die Regungen des Es in solcher Weise bändigt, ersetzt es das früher 
allein maßgebende Lustprinzip durch das sogenannte Realitäts- 
prinzip, das zwar dieselben Endziele verfolgt, aber den von der 
realen Außenwelt gesetzten Bedingungen Rechnung trägt. Später 
lernt das Ich, daß es noch einen anderen Weg zur Versicherung 
der Befriedigung gibt als die beschriebene Anpassung an die Außen- 
welt. Man kann auch verändernd in die Außenwelt eingreifen 
und in ihr absichtlich jene Bedingungen herstellen, welche die 
Befriedigung ermöglichen. Diese Tätigkeit wird dann zur höchsten 
Leistung des Ichs ; die Entscheidungen, wann es zweckmäßiger ist, 
seine Leidenschaften zu beherrschen und sich vor der Realität zu 
beugen, oder deren Partei zu ergreifen und sich gegen die Außen- 
welt zur Wehr zu setzen, sind das Um und Auf der Lebensklugheit. 
„Und läßt sich das Es eine solche Beherrschung durch das Ich 
gefallen, wo es doch, wenn ich Sie recht verstehe, der stärkere 
Teil ist?" 



I . 



Die Frage der Laienanalyse 527 



Ja, es geht gut, wenn das Ich seine volle Organisation und 
Leistungsfähigkeit besitzt, zu allen Teilen des Es Zugang hat und 
seinen Einfluß auf sie üben kann. Es besteht ja keine natürliche 
Gegnerschaft zwischen Ich und Es, sie gehören zusammen und 
sind im Falle der Gesundheit praktisch nicht voneinander zu 
scheiden. 

„Das läßt sich alles hören, aber ich sehe nicht, wo sich in diesem 
idealen Verhältnis ein Plätzchen für die Krankheitsstörung findet." 

Sie haben recht; solange das Ich und seine Beziehungen zum 
Es diese idealen Anforderungen erfüllen, gibt es auch keine nervöse 
Störung. Die Einbruchsstelle der Krankheit liegt an einem uner- 
warteten Ort, obwohl ein Kenner der allgemeinen Pathologie nicht 
überrascht sein wird, bestätigt zu finden, daß gerade die bedeut- 
samsten Entwicklungen und Differenzierungen den Keim zur Er- 
krankung, zum Versagen der Funktion, in sich tragen. 

„Sie werden zu gelehrt, ich verstehe Sie nicht. 

Ich muß ein bißchen weiter ausholen. Nicht wahr, das kleine 
Lebewesen ist ein recht armseliges, ohnmächtiges Ding gegen die 
übergewaltige Außenwelt, die voll ist von zerstörenden Einwir- 
kungen. Ein primitives Lebewesen, das keine zureichende Ich- 
organisation entwickelt hat, ist all diesen „Traumen" ausgesetzt. 
Es lebt der „blinden" Befriedigung seiner Triebwünsche und geht 
so häufig an dieser zugrunde. Die Differenzierung eines Ichs ist 
vor allem ein Schritt zur Lebenserhaltung. Aus dem Untergang 
läßt sich zwar nichts lernen, aber wenn man ein Trauma glücklich 
bestanden hat, achtet man auf die Annäherung ähnlicher Situationen 
und signalisiert die Gefahr durch eine verkürzte Wiederholung der 
beim Trauma erlebten Eindrücke, durch einen Angstaffekt. Diese 
Reaktion auf die Wahrnehmung der Gefahr leitet nun den Flucht- 
versuch ein, der so lange lebensrettend wirkt, bis man genug er- 
starkt ist, um dem Gefährlichen in der Außenwelt in aktiverer 
Weise, vielleicht sogar durch Aggression zu begegnen. 

Das ist alles sehr weit weg von dem, was Sie versprochen haben." 



328 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Sie ahnen nicht, wie nah ich der Erfüllung meines Versprechens 
gekommen bin. Auch bei den Lebewesen, die später eine leistungs- 
fähige Ichorganisation haben, ist dieses Ich zuerst in den Jahren 
der Kindheit schwächlich und vom Es wenig differenziert. Nun 
stellen Sie sich vor, was geschehen wird, wenn dieses machtlose 
Ich einen Triebanspruch aus dem Es erlebt, dem es bereits wider- 
stehen möchte, weil es errät, daß dessen Befriedigung gefahrlich 
ist, eine traumatische Situation, einen Zusammenstoß mit der Außen- 
welt heraufbeschwören würde, den es aber nicht beherrschen kann, 
weil es die Kraft dazu noch nicht besitzt. Das Ich behandelt dann 
die Triebgefahr, als ob es eine äußere Gefahr wäre, es unternimmt 
einen Fluchtversuch, zieht sich von diesem Anteil des Es zurück 
und überläßt ihn seinem Schicksal, nachdem es ihm alle Beiträge, 
die es sonst zu den Triebregungen stellt, verweigert hat. Wir sagen, 
das Ich nimmt eine Verdrängung dieser Trieb regungen vor. Das 
hat für den Augenblick den Erfolg, die Gefahr abzuwehren, aber 
man verwechselt nicht ungestraft das Innen und das Außen. Man 
kann nicht vor sich selbst davonlaufen. Bei der Verdrängung folgt 
das Ich dem Lustprinzip, welches es sonst zu korrigieren pflegt, 
es hat dafür den Schaden zu tragen. Dieser besteht darin, daß das 
Ich nun seinen Machtbereich dauernd eingeschränkt hat. Die ver- 
drängte Triebregung ist jetzt isoliert, sich selbst überlassen, unzu- 
gänglich, aber auch unbeeinflußbar. Sie geht ihren eigenen Weg. 
Das Ich kann zumeist auch später, wenn es erstarkt ist, die Ver- 
drängung nicht mehr aufheben, seine Synthese ist gestört, ein Teil 
des Es bleibt für das Ich verbotener Grund. Die isolierte Trieb- 
regung bleibt aber auch nicht müßig, sie weiß sich dafür, daß 
ihr die normale Befriedigung versagt ist, zu entschädigen, erzeugt 
psychische Abkömmlinge, die sie vertreten, setzt sich mit anderen 
Vorgängen in Verknüpfung, die sie durch ihren Einfluß gleichfalls 
dem Ich entreißt, und bricht endlich in einer unkenntlich ent- 
stellten Ersatzbildung ins Ich und zum Bewußtsein durch, schafft 
das, was man ein Symptom nennt. Mit einem Male sehen wir 



Die Frage der Laienanalyse 



329 



den Sachverhalt einer nervösen Störung vor uns: ein Ich, das in 
seiner Synthese gehemmt ist, das auf Teile des Es keinen Einfluß 
hat, das auf manche seiner Tätigkeiten verzichten muß, um einen 
neuerlichen Zusammenstoß mit dem Verdrängten zu vermeiden, 
das sich in meist vergeblichen Abwehraktionen gegen die Symptome, 
die Abkömmlinge der verdrängten Regungen, erschöpft, und ein Es, 
in dem sich einzelne Triebe selbständig gemacht haben, ohne Rück- 
sicht auf die Interessen der Gesamtperson ihre Ziele verfolgen und 
nur mehr den Gesetzen der primitiven Psychologie gehorchen, die in 
den Tiefen des Es gebietet. Übersehen wir die ganze Situation, so 
erweist sich uns als einfache Formel für die Entstehung der Neu- 
rose, daß das Ich den Versuch gemacht hat, gewisse Anteile des 
Es in ungeeigneter Weise zu unterdrücken, daß dies mißlungen 
ist und das Es dafür seine Rache genommen hat. Die Neurose ist 
also die Folge eines Konflikts zwischen Ich und Es, in den das Ich 
eintritt, weil es, wie eingehende Untersuchung zeigt, durchaus an 
seiner Gefügigkeit gegen die reale Außenwelt festhalten will. Der 
Gegensatz läuft zwischen Außenwelt und Es, und weil das Ich, 
seinem innersten Wesen getreu, für die Außenwelt Partei nimmt, 
gerät es in Konflikt mit seinem Es. Beachten Sie aber wohl, nicht 
die Tatsache dieses Konflikts schafft die Bedingung des Krankseins, 
— denn solche Gegensätze zwischen Realität und Es sind unver- 
meidlich und das Ich führt unter seinen beständigen Aufgaben, 
in ihnen zu vermitteln, — sondern der Umstand, daß das Ich sich 
zur Erledigung des Konflikts des unzureichenden Mittels der Ver- 
drängung bedient hat. Dies hat aber selbst seinen Grund darin, 
daß das Ich zur Zeit, als sich ihm die Aufgabe stellte, unent- 
wickelt und ohnmächtig war. Die entscheidenden Verdrängungen 
fallen ja alle in früher Kindheit vor. 

„Welch ein merkwürdiger Weg! Ich folge Ihrem Rat, nicht 
zu kritisieren, das Sie mir ja nur zeigen wollen, was die Psycho- 
analyse von der Entstehung der Neurose glaubt, um daran zu 
knüpfen, was sie zu ihrer Bekämpfung unternimmt. Ich hätte 



330 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

verschiedenes zu fragen, werde einiges auch später vorbringen. 
Zunächst verspüre ich auch einmal die Versuchung, auf Grund 
Ihrer Gedankengänge weiter zu bauen und selbst eine Theorie zu 
wagen. Sie haben die Relation Außenwelt-Ich-Es entwickelt und 
als die Bedingung der Neurose hingestellt, daß das Ich in seiner 
Abhängigkeit von der Außenwelt das Es bekämpft. Ist. nicht auch 
der andere Fall denkbar, daß das Ich in einem solchen Konflikt 
sich vom Es fortreißen läßt und seine Rücksicht auf die Außen- 
welt verleugnet? Was geschieht in einem solchen Falle? Nach 
meinen laienhaften Vorstellungen von der Natur einer Geistes- 
krankheit könnte diese Entscheidung des Ichs die Bedingung der 
Geisteskrankheit sein. Solch eine Abwendung von der Wirklich- 
keit scheint doch das Wesentliche an der Geisteskrankheit." 

Ja, daran habe ich selbst gedacht, und halte es sogar für zu- 
treffend, wenngleich der Erweis dieser Vermutung eine Diskussion 
von recht komplizierten Verhältnissen erfordert. Neurose und Psy- 
chose sind offenbar innig verwandt und müssen sich doch in einem 
entscheidenden Punkt voneinander trennen. Dieser Punkt könnte 
wohl die Parteinahme des Ichs in einem solchen Konflikt sein. 
Das Es würde in beiden Fällen seinen Charakter von blinder 
Unnachgiebigkeit bewahren. 

„Nun setzen Sie fort. Welche Winke gibt Ihre Theorie für die 
Behandlung der neurotischen Erkrankungen?" 

Unser therapeutisches Ziel ist jetzt leicht zu umschreiben. Wir 
wollen das Ich herstellen, es von seinen Einschränkungen befreien, 
ihm die Herrschaft über das Es wiedergeben, die es infolge seiner 
frühen Verdrängungen eingebüßt hat. Nur zu diesem Zweck 
machen wir die Analyse, unsere ganze Technik ist auf dieses 
Ziel gerichtet. Wir haben die vorgefallenen Verdrängungen auf- 
zusuchen und das Ich zu bewegen, sie nun mit. unserer Hilfe zu 
korrigieren, die Konflikte besser als durch einen Fluchtversuch zu 
erledigen. Da diese Verdrängungen sehr frühen Kinderjahren an- 
gehören, führt uns auch die analytische Arbeit in diese Lebens- 



Die Frage der Laienanalyse 531 



zeit zurück. Den Weg zu den meist vergessenen Konfliktsituationen, 
die wir in der Erinnerung des Kranken wiederbeleben wollen, 
weisen uns die Symptome, Träume und freien Einfälle des Kranken, 
die wir allerdings erst deuten, übersetzen müssen, da sie unter 
dem Einfluß der Psychologie des Es für unser Verständnis fremd- 
artige Ausdrucksformen angenommen haben. Von den Einfällen, 
Gedanken und Erinnerungen, die uns der Patient nicht ohne 
inneres Sträuben mitteilen kann, dürfen wir annehmen, daß sie 
irgendwie mit dem Verdrängten zusammenhängen oder Abkömm- 
linge desselben sind. Indem wir den Kranken dazu antreiben, sich 
über seine Widerstände bei der Mitteilung hinauszusetzen, erziehen 
wir sein Ich dazu, seine Neigung zu Fluchtversuchen zu über- 
winden und die Annäherung des Verdrängten zu vertragen. Am 
Ende, wenn es gelungen ist, die Situation der Verdrängung in 
seiner Erinnerung zu reproduzieren, wird seine Gefügigkeit 
glänzend belohnt. Der ganze Unterschied der Zeiten läuft zu seinen 
Gunsten, und das, wovor sein kindliches Ich erschreckt die Flucht 
ergriffen hatte, das erscheint dem erwachsenen und erstarkten Ich 
oft nur als Kinderspiel. 

IV 

„Alles, was Sie mir bisher erzählt haben, war Psychologie. Es 
klang oft befremdlich, spröde, dunkel, aber es war doch immer, 
wenn ich so sagen soll: reinlich. Nun habe ich zwar bisher sehr 
wenig von Ihrer Psychoanalyse gewußt, aber das Gerücht ist doch 
zu mir gedrungen, daß sie sich vorwiegend mit Dingen beschäftigt, 
die auf dieses Prädikat keinen Anspruch haben. Es macht mir den 
Eindruck einer beabsichtigten Zurückhaltung, daß Sie bisher nichts 
Ähnliches berührt haben. Auch kann ich einen anderen Zweifel 
nicht unterdrücken. Die Neurosen sind doch, wie Sie selbst sagen, 
Störungen des Seelenlebens. Und so wichtige Dinge wie unsere 
Ethik unser Gewissen, unsere Ideale, sollten bei diesen tiefgreifenden 
Störungen gar keine Rolle spielen?" 



33 2 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Sie vermissen also in unseren bisherigen Besprechungen die 
Berücksichtigung des Niedrigsten wie des Höchsten. Das kommt 
aber daher, daß wir von den Inhalten des Seelenlebens überhaupt 
noch nicht gehandelt haben. Lassen Sie mich aber jetzt einmal 
selbst die Rolle des Unterbrechers spielen, der den Fortschritt der 
Unterredung aufhält. Ich habe Ihnen soviel Psychologie erzählt, 
weil ich wünschte, daß Sie den Eindruck empfangen, die analytische 
Arbeit sei ein Stück angewandter Psychologie, und zwar einer 
Psychologie, die außerhalb der Analyse nicht bekannt ist. Der 
Analytiker muß also vor allem diese Psychologie, die Tiefen- 
psychologie oder Psychologie des Unbewußten, gelernt haben, 
wenigstens soviel als heute davon bekannt ist. Wir werden das 
für unsere späteren Folgerungen brauchen. Aber jetzt, was meinten 
Sie mit der Anspielung auf die Reinlichkeit? 

„Nun, es wird allgemein erzählt, daß in den Analysen die 
intimsten — und garstigsten Angelegenheiten des Geschlechtslebens 
mit allen Details zur Sprache kommen. Wenn das so ist, — aus 
Ihren psychologischen Auseinandersetzungen habe ich nicht ent- 
nehmen können, daß es so sein muß, — so wäre es ein starkes 
Argument dafür, solche Behandlungen nur Ärzten zu gestatten. 
Wie kann man daran denken, anderen Personen, deren Diskretion 
man nicht sicher ist, für deren Charakter man keine Bürgschaft 
hat, so gefährliche Freiheiten einzuräumen?" 

Es ist wahr, die Ärzte genießen auf sexuellem Gebiet gewisse 
Vorrechte; sie dürfen ja auch die Genitalien inspizieren. Obwohl 
sie es im Orient nicht durften ; auch manche Idealreformer — Sie 
wissen, wen ich meine — haben diese Vorrechte bekämpft. Aber 
Sie wollen zunächst wissen, ob es in der Analyse so ist und warum 
es so sein muß? — Ja, es ist so. 

Es muß aber so sein, erstens weil die Analyse überhaupt auf 
volle Aufrichtigkeit gebaut ist. Man behandelt in ihr z. B. Ver- 
mögensverhältnisse mit eben solcher Ausführlichkeit und Offenheit, 
sagt Dinge, die man jedem Mitbürger vorenthält, auch wenn er 






Die Frage der Laienanalyse 533 



nicht Konkurrent oder Steuerbeamter ist. Daß diese Verpflichtung 
zur Aufrichtigkeit auch den Analytiker unter schwere moralische 
Verantwortlichkeit setzt, werde ich nicht bestreiten, sondern selbst 
energisch betonen. Zweitens muß es so sein, weil unter den Ur- 
sachen und Anlässen der nervösen Erkrankungen Momente des 
Geschlechtslebens eine überaus wichtige, eine überragende, vielleicht 
selbst eine spezifische Rolle spielen. Was kann die Analyse anderes 
tun, als sich ihrem Stoff, dem Material, das der Kranke bringt, 
anzuschmiegen? Der Analytiker lockt den Patienten niemals auf 
das sexuelle Gebiet, er sagt ihm nicht voraus: es wird sich um 
die Intimitäten Ihres Geschlechtslebens handeln! Er läßt ihn seine 
Mitteilungen beginnen, wo es ihm beliebt, und wartet ruhig ab, 
bis der Patient selbst die geschlechtlichen Dinge anrührt. Ich pflegte 
meine Schüler immer zu mahnen: Unsere Gegner haben uns an- 
gekündigt, daß wir auf Fälle stoßen werden, bei denen das sexuelle 
Moment keine Rolle spielt; hüten wir uns davor, es in die Analyse 
einzuführen, verderben wir uns die Chance nicht, einen solchen 
Fall zu finden. Nun, bis jetzt hat niemand von uns dieses Glück 
gehabt. 

Ich weiß natürlich, daß unsere Anerkennung der Sexualität - 
eingestandener oder uneingestandener Maßen — das stärkste Motiv 
für die Feindseligkeit der anderen gegen die Analyse geworden 
ist. Kann uns das irre machen? Es zeigt uns nur, wie neurotisch 
unser ganzes Kulturleben ist, da sich die angeblich Normalen nicht 
viel anders benehmen als die Nervösen. Zur Zeit als in gelehrten 
Gesellschaften Deutschlands feierlich Gericht über die Psychoanalyse 
gehalten wurde, — heute ist es wesentlich stiller geworden, — 
beanspruchte ein Redner besondere Autorität, weil er nach seiner 
Mitteilung auch die Kranken sich äußern lasse. Offenbar in dia- 
gnostischer Absicht und um die Behauptungen der Analytiker zu 
prüfen. Aber, setzte er hinzu, wenn sie anfangen von sexuellen 
Dingen zu reden, dann verschließe ich ihnen den Mund. Was 
denken Sie von einem solchen Beweisverfahren? Die gelehrte Ge- 



554 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Seilschaft jubelte dem Redner Beifall zu, anstatt sich gebührender- 
weise für ihn zu schämen. Nur die triumphierende Sicherheit, 
welche das Bewußtsein gemeinsamer Vorurteile verleiht, kann die 
logische Sorglosigkeit dieses Redners erklären. Jahre später haben 
einige meiner damaligen Schüler dem Bedürfnis nachgegeben, die 
menschliche Gesellschaft vom Joch der Sexualität, das ihr die 
Psychoanalyse auferlegen will, zu befreien. Der eine hat erklärt, 
das Sexuelle bedeute gar nicht die Sexualität, sondern etwas arideres, 
Abstraktes, Mystisches; ein zweiter gar, das Sexualleben sei nur 
eines der Gebiete, auf dem der Mensch das ihn treibende Bedürfnis 
nach Macht und Herrschaft betätigen wolle. Sie haben sehr viel 
Beifall gefunden, für die nächste Zeit wenigstens. 

„Da getraue ich mich aber doch einmal Partei zu nehmen. Eis 
scheint mir sehr gewagt, zu behaupten, daß die Sexualität kein 
natürliches, ursprüngliches Bedürfnis der lebenden Wesen ist, sondern 
der Ausdruck für etwas anderes. Man braucht sich da nur an das 
Beispiel der Tiere zu halten." 

Das macht nichts. Es gibt keine, noch so absurde Mixtur, die 
die Gesellschaft nicht bereitwillig schlucken würde, wenn sie nur 
als Gegenmittel gegen die gefürchtete Übermacht der Sexualität 
ausgerufen wird. 

Ich gestehe Ihnen übrigens, daß mir die Abneigung, die Sie 
selbst verraten haben, dem sexuellen Moment eine so große Rolle 
in der Verursachung der Neurosen einzuräumen, mit Ihrer Aufgabe 
als Unparteiischer nicht gut verträglich scheint. Fürchten Sie nicht, 
daß Sie durch solche Antipathie in der Fällung eines gerechten 
Urteils gestört sein werden? 

„Es tut mir leid, daß Sie das sagen. Ihr Vertrauen zu mir scheint 
erschüttert. Warum haben Sie dann nicht einen anderen zum Un- 
parteiischen gewählt?" 

Weil dieser andere auch nicht anders gedacht hätte als Sie. 
Wenn er aber von vornherein bereit gewesen wäre, die Bedeutung 
des Geschlechtslebens anzuerkennen, so hätte alle Welt gerufen: 



Die Frage der Laienanalyse 535 



Das ist ja kein Unparteiischer, das ist ja ein Anhänger von Ihnen. 
Nein, ich gebe die Erwartung keineswegs auf, Einfluß auf Ihre 
Meinungen zu gewinnen. Ich bekenne aber, dieser Fall liegt für 
mich anders als der vorhin behandelte. Bei den psychologischen 
Erörterungen mußte es mir gleich gelten, ob Sie mir Glauben 
schenken oder nicht, wenn Sie nur den Eindruck bekommen, es 
handle sich um rein psychologische Probleme. Diesmal, bei der 
Frage der Sexualität, möchte ich doch, daß Sie der Einsicht zu- 
gänglich werden, Ihr stärkstes Motiv zum Widerspruch sei eben 
die mitgebrachte Feindseligkeit, die Sie mit so vielen anderen teilen. 
„Es fehlt mir doch die Erfahrung, welche Ihnen eine so un- 
erschütterliche Sicherheit geschaffen hat. 

Gut, ich darf jetzt in meiner Darstellung fortfahren. Das Ge- 
schlechtsleben ist nicht nur eine Pikanterie, sondern auch ein 
ernsthaftes wissenschaftliches Problem. Es gab da viel Neues zu 
erfahren, viel Sonderbares zu erklären. Ich sagte Ihnen schon, daß 
die Analyse bis in die frühen Kindheitsjahre des Patienten zurück- 
gehen mußte, weil in diesen Zeiten und während der Schwäche 
des Ichs die entscheidenden Verdrängungen vorgefallen sind. In 
der Kindheit gibt es aber doch gewiß kein Geschlechtsleben, das 
hebt erst mit der Pubertätszeit an? Im Gegenteile, wir hatten die 
Entdeckung zu machen, daß die sexuellen Triebregungen das Leben 
von der Geburt an begleiten, und daß es gerade diese Triebe sind, 
zu deren Abwehr das infantile Ich die Verdrängungen vornimmt. 
Ein merkwürdiges Zusammentreffen, nicht wahr, daß schon das 
kleine Kind sich gegen die Macht der Sexualität sträubt, wie später 
der Redner in der gelehrten Gesellschaft und noch später meine 
Schüler die ihre eigenen Theorien aufstellen? Wie das zugeht? 
Die allgemeinste Auskunft wäre, daß unsere Kultur überhaupt 
auf Kosten der Sexualität aufgebaut wird, aber es ist viel anderes 

darüber zu sagen. 

Die Entdeckung der kindlichen Sexualität gehört zu jenen Funden, 
deren man sich zu schämen hat. Einige Kinderärzte haben immer 



336 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

darum gewußt, wie es scheint, auch einige Kinderpflegerinnen. 
Geistreiche Männer, die sich Kinderpsychologen heißen, haben 
dann in vorwurfsvollem Ton von einer „Entharmlosung der 
Kindheit" gesprochen. Immer wieder Sentimente an Stelle von 
Argumenten! In unseren politischen Körperschaften sind solche 
Vorkommnisse alltäglich. Irgendwer von der Opposition steht auf 
und denunziert eine Mißwirtschaft in der Verwaltung, Armee, 
Justiz u. dgl. Darauf erklärt ein anderer, am liebsten einer von 
der Regierung, solche Konstatierungen beleidigen das staatliche, 
militärische,, dynastische oder gar das nationale Ehrgefühl. Sie seien 
also so gut wie nicht wahr. Diese Gefühle vertragen keine Be- 
leidigung. 

Das Geschlechtsleben des Kindes ist natürlich ein anderes als das 
des Erwachsenen. Die Sexualfunktion macht von ihren Anfängen bis 
zu der uns so vertrauten Endgestaltung eine komplizierte Entwick- 
lung durch. Sie wächst aus zahlreichen Partialtrieben mit besonderen 
Zielen zusammen, durchläuft mehrere Phasen der Organisation, bis 
sie sich endlich in den Dienst der Fortpflanzung stellt. Von den einzelnen 
Partialtrieben sind nicht alle für den Endausgang gleich brauchbar, 
sie müssen abgelenkt, umgemodelt, zum Teil unterdrückt werden. 
Eine so weitläufige Entwicklung wird nicht immer tadellos durch- 
gemacht, es kommt zu Entwicklungshemmungen, partiellen Fixie- 
rungen auf frühen Entwicklungsstufen ; wo sich später der Ausübung 
der Sexualfunktion Hindernisse entgegenstellen, weicht das sexuelle 
Streben — die Libido, wie wir sagen — gern auf solche frühere 
Fixierungsstellen zurück. Das Studium der kindlichen Sexualität und 
ihrer Umwandlungen bis zur Reife hat uns auch den Schlüssel zum 
Verständnis der sogenannten sexuellen Perversionen gegeben, die man 
immer mit allen geforderten Anzeichen des Abscheus zu beschreiben 
pflegte, deren Entstehung man aber nicht aufklären konnte. Das 
ganze Gebiet ist ungemein interessant, es hat nur für die Zwecke 
unserer Unterredungen nicht viel Sinn, wenn ich Ihnen mehr davon 
erzähle. Man braucht, um sich hier zurechtzufinden, natürlich ana- 



Die Frage der Laienanalyse 537 



tomische und physiologische Kenntnisse, die leider nicht sämtlich in 
der medizinischen Schule zu erwerben sind, aber eine Vertrautheit 
mit Kulturgeschichte und Mythologie ist ebenso unerläßlich. 

„Nach alledem kann ich mir vom Geschlechtsleben des Kindes 
doch keine Vorstellung machen." 

So will ich noch länger bei dem Thema verweilen ; es fällt mir 
ohnedies nicht leicht, mich davon loszureißen. Hören Sie, das Merk- 
würdigste am Geschlechtsleben des Kindes scheint mir, daß es seine 
ganze, sehr weitgehende Entwicklung in den ersten fünf Lebens- 
jahren durchläuft; von da an bis zur Pubertät erstreckt sich die 
sogenannte Latenzzeit, in der — normalerweise — die Sexualität 
keine Fortschritte macht, die sexuellen Strebungen im Gegenteil 
an Stärke nachlassen und vieles aufgegeben und vergessen wird, 
was das Kind schon geübt oder gewußt hatte. In dieser Lebens- 
periode, nachdem die Frühblüte des Geschlechtslebens abgewelkt 
ist, bilden sich jene Einstellungen des Ichs heraus, die wie Scham, 
Ekel, Moralität dazu bestimmt sind, dem späteren Pubertätssturm 
standzuhalten und dem neu erwachenden sexuellen Begehren die 
Bahnen zu weisen. Dieser sogenannte zweizeitige Ansatz des 
Sexuallebens hat sehr viel mit der Entstehung der nervösen Er- 
krankungen zu tun. Er scheint sich nur beim Menschen zu finden, 
vielleicht ist er eine der Bedingungen des menschlichen Vorrechts, 
neurotisch zu werden. Die Vorzeit des Geschlechtslebens ist vor 
der Psychoanalyse ebenso übersehen worden, wie auf anderem Gebiete 
der Hintergrund des bewußten Seelenlebens. Sie werden mit Recht 
vermuten, daß beide auch innig zusammengehören. 

Von den Inhalten, Änderungen und Leistungen dieser Frühzeit 
der Sexualität wäre sehr viel zu berichten, worauf die Erwartung 
nicht vorbereitet ist. Zum Beispiel: Sie werden gewiß erstaunt sein, 
zu hören, daß sich das Knäblein so häufig davor ängstigt, vom 
Vater aufgefressen zu werden. (Wundern Sie sich nicht auch, daß 
ich diese Angst unter die Äußerungen des Sexuallebens versetze?) 
Aber ich darf Sie an die mythologische Erzählung erinnern, die 

Freud XI. " 



338 Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 



Sie vielleicht aus Ihren Schuljahren noch nicht vergessen haben, 
daß auch der Gott Kronos seine Kinder verschlingt. Wie sonderbar 
muß Ihnen dieser Mythus erschienen sein, als Sie zuerst von ihm 
hörten! Aber ich glaube, wir haben uns alle damals nichts dabei 
gedacht. Heute können wir auch mancher Märchen gedenken, in 
denen ein fressendes Tier, wie der Wolf, auftritt, und werden in 
diesem eine Verkleidung des Vaters erkennen. Ich ergreife diese 
Gelegenheit, um Ihnen zu versichern, daß Mythologie und Märchen- 
welt überhaupt erst durch die Kenntnis des kindlichen Sexual- 
lebens verständlich werden. Es ist das so ein Nebengewinn der 
analytischen Studien. 

Nicht minder groß wird Ihre Überraschung sein zu hören, daß 
das männliche Kind unter der Angst leidet, vom Vater seines 
Geschlechtsgliedes beraubt zu werden, so daß diese Kastrationsangst 
den stärksten Einfluß auf seine Charakterentwicklung und die Ent- 
scheidung seiner geschlechtlichen Richtung nimmt. Auch hier wird 
Ihnen die Mythologie Mut machen, der Psychoanalyse zu glauben. 
Derselbe Kronos, der seine Kinder verschlingt, hatte auch seinen 
Vater Uranos entmannt und ist dann zur Vergeltung von seinem 
durch die List der Mutter geretteten Sohn Zeus entmannt worden. 
Wenn Sie zur Annahme geneigt haben, daß alles, was die Psycho- 
analyse von der frühzeitigen Sexualität der Kinder erzählt, aus der 
wüsten Phantasie der Analytiker stammt, so geben Sie doch wenig- 
stens zu, daß diese Phantasie dieselben Produktionen geschaffen 
hat wie die Phantasietätigkeit der primitiven Menschheit, von der 
Mythen und Märchen der Niederschlag sind. Die andere, freund- 
lichere und wahrscheinlich auch zutreffendere Auffassung wäre, 
daß im Seelenleben des Kindes noch heute dieselben archaischen 
Momente nachweisbar sind, die einst in den Urzeiten der mensch- 
lichen Kultur allgemein geherrscht haben. Das Kind würde in 
seiner seelischen Entwicklung die Stammesgeschichte in abkür- 
zender Weise wiederholen, wie es die Embryologie längst für die 
körperliche Entwicklung erkannt hat. 






Die Frage der Laienanalyse 35g 

Ein weiterer Charakter der frühkindlichen Sexualität ist, daß 
das eigentlich weibliche Geschlechtsglied in ihr noch keine Rolle 
spielt — es ist für das Kind noch nicht entdeckt. Aller Akzent 
fällt auf das männliche Glied, alles Interesse richtet sich darauf, 
ob dies vorhanden ist oder nicht. Vom Geschlechtsleben des kleinen 
Mädchens wissen wir weniger als von dem des Knaben. Wir 
brauchen uns dieser Differenz nicht zu schämen ; ist doch auch 
das Geschlechtsleben des erwachsenen Weibes ein dark continent 
für die Psychologie. Aber wir haben erkannt, daß das Mädchen 
den Mangel eines dem männlichen gleichwertigen Geschlechts- 
gliedes schwer empfindet, sich darum für minderwertig hält, und 
daß dieser „Penisneid" einer ganzen Reihe charakteristisch weib- 
licher Reaktionen den Ursprung gibt. 

Dem Kind eigen ist es auch, daß die beiden exkrementellen 
Bedürfnisse mit sexuellem Interesse besetzt sind. Die Erziehung 
setzt später eine scharfe Scheidung durch, die Praxis der Witze 
hebt sie wieder auf. Das mag uns unappetitlich scheinen, aber es 
braucht bekanntlich beim Kind eine ganze Zeit, bis sich der Ekel 
einstellt. Das haben auch die nicht geleugnet, die sonst für die 
seraphische Reinheit der Kinderseele eintreten. 

Keine andere Tatsache hat aber mehr Anspruch auf unsere 
Beachtung, als daß das Kind seine sexuellen Wünsche regelmäßig 
auf die ihm verwandtschaftlich nächsten Personen richtet, also in 
erster Linie auf Vater und Mutter, in weiterer Folge auf seine 
Geschwister. Für den Knaben ist die Mutter das erste Liebesobjekt, 
für das Mädchen der Vater, soweit nicht eine bisexuelle Anlage 
auch gleichzeitig die gegenteilige Einstellung begünstigt. Der andere 
Elternteil wird als störender Rivale empfunden und nicht selten 
mit starker Feindseligkeit bedacht. Verstehen Sie mich recht, ich 
will nicht sagen, daß das Kind sich nur jene Art von Zärtlichkeit 
vom bevorzugten Elternteil wünscht, in der wir Erwachsene so 
gern das Wesen der Eltern-Kind-Beziehung sehen. Nein, die Analyse 
läßt keinen Zweifel darüber, daß die Wünsche des Kindes über 

22* 



34° Schriften aus den Jahren l<)26 — 1928 

diese Zärtlichkeit hinaus alles anstreben, was wir als sinnliche 
Befriedigung begreifen, soweit eben das Vorstellungsvermögen des 
Kindes reicht. Eis ist leicht zu verstehen, daß das Kind den wirk- 
lichen Sachverhalt der Vereinigung der Geschlechter niemals errät, 
es setzt dafür andere aus seinen Erfahrungen und Empfindungen 
abgeleitete Vorstellungen ein. Gewöhnlich gipfeln seine Wünsche 
in der Absicht, ein Kind zu gebären oder — in unbestimmbarer 
Weise — zu zeugen. Von dem Wunsche, ein Kind zu gebären, 
schließt sich in seiner Unwissenheit auch der Knabe nicht aus. 
Diesen ganzen seelischen Aufbau heißen wir nach der bekannten 
griechischen Sage den Ödipuskomplex. Er soll normalerweise 
mit dem Ende der sexuellen Frühzeit verlassen, gründlich abgebaut 
und umgewandelt werden und die Ergebnisse dieser Verwandlung 
sind zu großen Leistungen im späteren Seelenleben bestimmt. Aber 
es geschieht in der Regel nicht gründlich genug und die Pubertät 
ruft dann eine Wiederbelebung des Komplexes hervor, die schwere 
Folgen haben kann. 

Ich wundere mich, daß Sie noch schweigen. Das kann kaum 
Zustimmung bedeuten. — Wenn die Analyse behauptet, die erste 
Objektwahl des Kindes sei eine inzestuöse, um den technischen 
Namen zu gebrauchen, so hat sie gewiß wieder die heiligsten 
Gefühle der Menschheit gekränkt und darf auf das entsprechende 
Ausmaß von Unglauben, Widerspruch und Anklage gefaßt sein. 
Die sind ihr auch reichlich zuteil geworden. Nichts anderes hat ihr 
in der Gunst der Zeitgenossen mehr geschadet als die Aufstellung 
des Ödipuskomplexes als einer allgemein menschlichen, schicksal- 
gebundenen Formation. Der griechische Mythus muß allerdings 
dasselbe gemeint haben, aber die Überzahl der heutigen Menschen, 
gelehrter wie ungelehrter, zieht es vor zu glauben, daß die Natur 
einen angeborenen Abscheu als Schutz gegen die Inzestmöglichkeit 
eingesetzt hat. 

Zunächst soll uns die Geschichte zu Hilfe kommen. Als C. Julius 
Cäsar Ägypten betrat, fand er die jugendliche Königin Kleopatra, 



Die Frage der Laienanalyse 34.1 

die ihm bald so bedeutungsvoll werden sollte, vermählt mit ihrem 
noch jüngeren Bruder Ptolemäus. Das war in der ägyptischen 
Dynastie nichts Besonderes j die ursprünglich griechischen Ptolemäer 
hatten nur den Brauch fortgesetzt, den seit einigen Jahrtausenden 
ihre Vorgänger, die alten Pharaonen, geübt hatten. Aber das ist 
ja nur Geschwisterinzest, der noch in der Jetztzeit milder beurteilt 
wird. Wenden wir uns darum an unsere Kronzeugin für die Ver- 
hältnisse der Urzeit, die Mythologie. Sie hat uns zu berichten, daß 
die Mythen aller Völker, nicht nur der Griechen, überreich sind 
an Liebesbeziehungen zwischen Vater und Tochter und selbst 
Mutter und Sohn. Die Kosmologie wie die Genealogie der könig- 
lichen Geschlechter ist auf dem Inzest begründet. In welcher Ab- 
sicht, meinen Sie, sind diese Dichtungen geschaffen worden? Um 
Götter und Könige als Verbrecher zu brandmarken, den Abscheu 
des Menschengeschlechts auf sie zu lenken? Eher doch, weil die 
Inzestwünsche uraltes menschliches Erbgut sind und niemals völlig 
überwunden wurden, so daß man ihre Erfüllung den Göttern 
und ihren Abkömmlingen noch gönnte, als die Mehrheit der 
gewöhnlichen Menschenkinder bereits darauf verzichten mußte. 
Im vollsten Einklang mit diesen Lehren der Geschichte und der 
Mythologie finden wir den Inzestwunsch in der Kindheit des Ein- 
zelnen noch heute vorhanden und wirksam. 

„Ich könnte es Ihnen übelnehmen, daß Sie mir all das über 
die kindliche Sexualität vorenthalten wollten. Es scheint mir gerade 
wegen seiner Beziehungen zur menschlichen Urgeschichte sehr 
interessant." 

Ich fürchtete, es würde uns zu weit von unserer Absicht ab- 
führen. Aber vielleicht wird es doch seinen Vorteil haben. 

„Nun sagen Sie mir aber, welche Sicherheit haben Sie für Ihre 
analytischen Resultate über das Sexualleben der Kinder zu geben? 
Ruht Ihre Überzeugung allein auf den Übereinstimmungen mit 
Mythologie und Historie?" 

Oh, keineswegs. Sie ruht auf unmittelbarer Beobachtung. Es 



34 2 Schriften aus den Jahren 19 26 — 1928 

ging so zu: Wir hatten zunächst den Inhalt der sexuellen Kindheit 
aus den Analysen Erwachsener, also zwanzig bis vierzig Jahre 
später, erschlossen. Später haben wir die Analysen an den Kindern 
selbst unternommen, und es war kein geringer Triumph, als sich 
an ihnen alles so bestätigen ließ, wie wir es trotz der Über- 
lagerungen und Entstellungen der Zwischenzeit erraten hatten. 

„Wie, Sie haben kleine Kinder in Analyse genommen, Kinder 
im Alter vor sechs Jahren? Geht das überhaupt und ist es nicht 
für diese Kinder recht bedenklich?" 

Es geht sehr gut. Es ist kaum zu glauben, was in einem solchen 
Kind von vier bis fünf Jahren schon alles vorgeht. Die Kinder 
sind geistig sehr regsam in diesem Alter, die sexuelle Frühzeit ist 
für sie auch eine intellektuelle Blüteperiode. Ich habe den Ein- 
druck, daß sie mit dem Eintritt in die Latenzzeit auch geistig 
gehemmt, dümmer, werden. Viele Kinder verlieren auch von da 
an ihren körperlichen Reiz. Und was den Schaden der Frühanalyse 
betrifft, so kann ich Ihnen berichten, daß das erste Kind, an dem 
dies Experiment vor nahezu zwanzig Jahren gewagt wurde, seither 
ein gesunder und leistungsfähiger junger Mann geworden ist, der 
seine Pubertät trotz schwerer psychischer Traumen klaglos durch- 
gemacht hat. Den anderen „Opfern" der Frühanalyse wird es 
hoffentlich nicht schlechter ergehen. An diese Kinderanalysen 
knüpfen sich mancherlei Interessen; es ist möglich, daß sie in der 
Zukunft zu noch größerer Bedeutung kommen werden. Ihr Wert 
für die Theorie steht ja außer Frage. Sie geben unzweideutige 
Auskünfte über Fragen, die in den Analysen Erwachsener unent- 
schieden bleiben, und schützen den Analytiker so vor Irrtümern, 
die für ihn folgenschwer wären. Man überrascht eben die Momente, 
welche die Neurose gestalten, bei ihrer Arbeit und kann sie nicht 
verkennen. Im Interesse des Kindes muß allerdings die analytische 
Beeinflussung mit erzieherischen Maßnahmen verquickt werden. 
Diese Technik harrt noch ihrer Ausgestaltung. Ein praktisches 
Interesse wird aber durch die Beobachtung geweckt, daß eine sehr 



Die Frage der Laienaiialyse 545 



große Anzahl unserer Kinder in ihrer Entwicklung eine deutlich 
neurotische Phase durchmachen. Seitdem wir schärfer zu sehen 
verstehen, sind wir versucht zu sagen, die Kinderneurose sei nicht 
die Ausnahme, sondern die Regel, als ob sie sich auf dem Weg 
von der infantilen Anlage bis zur gesellschaftlichen Kultur kaum 
vermeiden ließe. In den meisten Fällen wird diese neurotische 
Anwandlung der Kinderjahre spontan überwunden; ob sie nicht 
doch regelmäßig ihre Spuren auch beim durchschnittlich Gesunden 
hinterläßt? Hingegen vermissen wir bei keinem der späteren Neu- 
rotiker die Anknüpfung an die kindliche Erkrankung, die ihrerzeit 
nicht sehr auffällig gewesen zu sein braucht. In ganz analoger 
Weise, glaube ich, behaupten heute die Internisten, daß jeder 
Mensch einmal in seiner Kindheit eine Erkrankung an Tuber- 
kulose durchgemacht hat. Für die Neurosen kommt allerdings der 
Gesichtspunkt der Impfung nicht in Betracht, nur der der Prä- 
disposition. 

Ich will zu Ihrer Frage nach den Sicherheiten zurückkehren. 
Wir haben uns also ganz allgemein durch die direkte analytische 
Beobachtung der Kinder überzeugt, daß wir die Mitteilungen der 
Erwachsenen über ihre Kinderzeit richtig gedeutet hatten. In einer 
Reihe von Fällen ist uns aber noch eine andere Art der Be- 
stätigung möglich geworden. Wir hatten aus dem Material der 
Analyse gewisse äußere Vorgänge, eindrucksvolle Ereignisse der 
Kinderjahre rekonstruiert, von denen die bewußte Erinnerung der 
Kranken nichts bewahrt hatte, und glückliche Zufälle, Erkun- 
digungen bei Eltern und Pflegepersonen haben uns dann den un- 
widerleglichen Beweis erbracht, daß diese erschlossenen Begeben- 
heiten sich wirklich so zugetragen hatten. Das gelang natürlich 
nicht sehr oft, aber wo es eintraf, machte es einen überwältigenden 
Eindruck. Sie müssen wissen, die richtige Rekonstruktion solcher 
vergessenen Kindererlebnisse hat immer einen großen therapeu- 
tischen Effekt, ob sie nun eine objektive Bestätigung zulassen oder 
nicht. Ihre Bedeutung verdanken diese Begebenheiten natürlich 



344 Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 

dem Umstand, daß sie so früh vorgefallen sind, zu einer Zeit, da 
sie auf das schwächliche Ich noch traumatisch wirken konnten. 
„Um was für Ereignisse kann es sich da handeln, die man 
durch die Analyse aufzufinden hat?" 

Um Verschiedenartiges. In erster Linie um Eindrücke, die im- 
stande waren, das keimende Sexualleben des Kindes dauernd zu 
beeinflussen, wie Beobachtungen geschlechtlicher Vorgänge zwischen 
Erwachsenen oder eigene sexuelle Erfahrungen mit einem Erwach- 
senen oder einem anderen Kind, — gar nicht so seltene Vorfalle, — 
des weiteren um Mitanhören von Gesprächen, die das Kind damals 
oder erst nachträglich verstand, aus denen es Aufschluß über ge- 
heimnisvolle oder unheimliche Dinge zu entnehmen glaubte, ferner 
Äußerungen und Handlungen des Kindes selbst, die eine bedeut- 
same zärtliche oder feindselige Einstellung desselben gegen andere 
Personen beweisen. Eine besondere Wichtigkeit hat es in der Ana- 
lyse, die vergessene eigene Sexualbetätigung des Kindes erinnern 
zu lassen und dazu die Einmengung der Erwachsenen, welche 
derselben ein Ende setzte. 

„Das ist jetzt für mich der Anlaß, eine Frage vorzubringen, 
die ich längst stellen wollte. Worin besteht also die ,Sexual- 
betätigung' des Kindes während dieser Frühzeit, die man, wie 
Sie sagen, vor der Zeit der Analyse übersehen hatte?" 

Das Regelmäßige und Wesentliche an dieser Sexualbetätigung 
hatte man merkwürdigerweise doch nicht übersehen j d. h. es ist 
gar nicht merkwürdig, es war eben nicht zu übersehen. Die sexu- 
e en Regungen des Kindes finden ihren hauptsächlichsten Aus- 
in der Selbstbefriedigung durch Reizung der eigenen Geni- 
aien, ln Wirklichkeit des männlichen Anteils derselben. Die 
außerordentliche Verbreitung dieser kindlichen „Unart" war den 
Erwachsenen immer bekannt, diese selbst wurde als schwere Sünde 
e rächtet und strenge verfolgt. Wie man diese Beobachtung von 
den unsittlichen Neigungen der Kinder denn die Kinder tun 
1 ! «e selbst sagen, weil es ihnen Vergnügen macht — mit 






Die Frage der Laienanalyse 345 

der Theorie von ihrer angeborenen Reinheit und Unsinnlichkeit 
vereinigen konnte, danach fragen Sie mich nicht. Dieses Rätsel 
lassen Sie sich von der Gegenseite aufklären. Für uns stellt sich 
ein wichtigeres Problem her. Wie soll man sich gegen die Sexual- 
betätigung der frühen Kindheit verhalten? Man kennt die Ver- 
antwortlichkeit, die man durch ihre Unterdrückung auf sich 
nimmt, und getraut sich doch nicht, sie uneingeschränkt gewähren 
zu lassen. Bei Völkern niedriger Kultur und in den unteren 
Schichten der Kulturvölker scheint die Sexualität der Kinder frei- 
gegeben zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein starker Schutz gegen 
die spätere Erkrankung an individuellen Neurosen erzielt worden, 
aber nicht auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an der 
Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches spricht dafür, daß 
wir hier vor einer neuen Scylla und Charybdis stehen. 

Ob aber die Interessen, die durch das Studium des Sexuallebens 
bei den Neuro tikern angeregt werden, eine für die Erweckung der 
Lüsternheit günstige Atmosphäre schaffen, getraue ich mich doch 
Ihrem eigenen Urteil zu überlassen. 

V 

„Ich glaube, Ihre Absicht zu verstehen. Sie wollen mir zeigen, 
was für Kenntnisse man für die Ausübung der Analyse braucht, 
damit ich urteilen kann, ob der Arzt allein zu ihr berechtigt sein 
soll. Nun, bisher ist wenig Ärztliches vorgekommen, viel Psy- 
chologie und ein Stück Biologie oder Sexualwissenschaft. Aber 
vielleicht haben wir noch nicht das Ende gesehen?" 

Gewiß nicht, es bleiben noch Lücken auszufüllen. Darf ich Sie 
um etwas bitten? Wollen Sie mir schildern, wie Sie sich jetzt 
eine analytische Behandlung vorstellen? So, als ob Sie sie selbst 
vorzunehmen hätten? 

„Nun, das kann gut werden. Ich habe wirklich nicht die 
Absicht, unsere Streitfrage durch ein solches Experiment zu ent- 



346 Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 

scheiden. Aber ich will Ihnen den Gefallen tun, die Verantwort- 
lichkeit fiele ja auf Sie. Also ich nehme an, der Kranke kommt 
zu mir und beklagt sich über seine Beschwerden. Ich verspreche 
ihm Heilung oder Besserung, wenn er meinen Anweisungen folgen 
will. Ich fordere ihn auf, mir in vollster Aufrichtigkeit alles zu 
sagen, was er weiß und was ihm einfällt, und sich von diesem 
Vorsatz nicht abhalten zu lassen, auch wenn manches ihm zu 
sagen unangenehm sein sollte. Habe ich mir diese Regel gut 
gemerkt?" 

Ja, Sie sollten noch hinzufügen, auch wenn er meint, daß das, 
was ihm einfällt, unwichtig oder unsinnig ist. 

„Auch das. Dann beginnt er zu erzählen und ich höre zu. Ja 
und dann? Aus seinen Mitteilungen errate ich, was er für Ein- 
drücke, Erlebnisse, Wunschregungen verdrängt hat, weil sie ihm 
zu einer Zeit entgegengetreten sind, da sein Ich noch schwach 
war und sich vor ihnen fürchtete, anstatt sich mit ihnen abzu- 
geben. Wenn er das von mir erfahren hat, versetzt er sich in 
die Situationen von damals und macht es jetzt mit meiner Hilfe 
besser. Dann verschwinden die Einschränkungen, zu denen sein 
Ich genötigt war, und er ist hergestellt. Ist es so recht?" 

Bravo, bravo! Ich sehe, man wird mir wieder den Vorwurf 
machen können, daß ich einen Nichtarzt zum Analytiker aus- 
gebildet habe. Sie haben sich das sehr gut zu eigen gemacht. 

„Ich habe nur wiederholt, was ich von Ihnen gehört habe, wie 
wenn man etwas Auswendiggelerntes hersagt. Ich kann mir ja 
doch nicht vorstellen, wie ich's machen würde, und verstehe gar 
nicht, warum eine solche Arbeit soviele Monate hindurch täglich 
eine Stunde brauchen sollte. Ein gewöhnlicher Mensch hat doch 
in der Regel nicht soviel erlebt, und was in der Kindheit 
verdrängt wird, das ist doch wahrscheinlich in allen Fällen das 
nämliche." 

Vlan lernt noch allerlei bei der wirklichen Ausübung der 
nayse. Zum Beispiel; Sie würden es gar nicht so einfach finden, 



Die Frage der Laienanalyse 347 

aus den Mitteilungen, die der Patient macht, auf die Erlebnisse 
zu schließen, die er vergessen, die Triebregungen, die er verdrängt 
hat. Er sagt Ihnen irgend etwas, was zunächst für Sie ebenso- 
wenig Sinn hat wie für ihn. Sie werden sich entschließen müssen, 
das Material, das Ihnen der Analysierte im Gehorsam gegen die 
Regel liefert, in einer ganz besonderen Weise aufzufassen. Etwa 
wie ein Erz, dem der Gehalt an wertvollem Metall durch bestimmte 
Prozesse abzugewinnen ist. Sie sind dann auch vorbereitet, viele 
Tonnen Erz zu verarbeiten, die vielleicht nur wenig von dem 
gesuchten kostbaren Stoff enthalten. Hier wäre die' erste Be- 
gründung für die Weitläufigkeit der Kur. 

„Wie verarbeitet man aber diesen Rohstoff, um in Ihrem 
Gleichnis zu bleiben?" 

Indem man annimmt, daß die Mitteilungen und Einfälle des 
Kranken nur Entstellungen des Gesuchten sind, gleichsam An- 
spielungen, aus denen Sie zu erraten haben, was sich dahinter 
verbirgt. Mit einem Wort, Sie müssen dieses Material, seien es 
Erinnerungen, Einfälle oder Träume, erst deuten. Das geschieht 
natürlich mit Hinblick auf die Erwartungen, die sich in Ihnen 
dank Ihrer Sachkenntnis, während Sie zuhörten, gebildet haben. 

„Deuten! Das ist ein garstiges Wort. Das höre ich nicht gerne, 
damit bringen Sie mich um alle Sicherheit. Wenn alles von 
meiner Deutung abhängt, wer steht mir dafür ein, daß ich richtig 
deute? Dann ist doch alles meiner Willkür überlassen." 

Gemach, es steht nicht so schlimm. Warum wollen Sie Ihre 
eigenen seelischen Vorgänge von der Gesetzmäßigkeit ausnehmen, 
die Sie für die des anderen anerkennen? Wenn Sie eine gewisse 
Selbstzucht gewonnen haben und über bestimmte Kenntnisse ver- 
fügen, werden Ihre Deutungen von Ihren persönlichen Eigenheiten 
unbeeinflußt sein und das Richtige treffen. Ich sage nicht, daß 
für diesen Teil der Aufgabe die Persönlichkeit des Analytikers 
gleichgiltig ist. Es kommt eine gewisse Feinhörigkeit für das un- 
bewußte Verdrängte in Betracht, von der nicht jeder das gleiche 



348 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Maß besitzt. Und vor allem knüpft hier die Verpflichtung für den 
Analytiker an, sich durch tiefreichende eigene Analyse für die vor- 
urteilslose Aufnahme des analytischen Materials tauglich zu machen. 
Eines bleibt freilich übrig, was der „persönlichen Gleichung" bei 
astronomischen Beobachtungen gleichzusetzen ist; dies individuelle 
Moment wird in der Psychoanalyse immer eine größere Rolle 
spielen als anderswo. Ein abnormer Mensch mag ein korrekter 
Physiker werden können, als Analytiker wird er durch seine 
eigene Abnormität behindert sein, die Bilder des seelischen Lebens 
ohne Verzerrung zu erfassen. Da man niemand seine Abnormität 
beweisen kann, wird eine allgemeine Übereinstimmung in den 
Dingen der Tiefenpsychologie besonders schwer zu erreichen sein. 
Manche Psychologen meinen sogar, dies sei ganz aussichtslos und 
jeder Narr habe das gleiche Recht, seine Narrheit für Weisheit 
auszugeben. Ich bekenne, ich bin hierin optimistischer. Unsere 
Erfahrungen zeigen doch, daß auch in der Psychologie ziemlich be- 
friedigende Übereinstimmungen zu erreichen sind. Jedes Forschungs- 
gebiet hat eben seine besondere Schwierigkeit, die zu eliminieren 
wir uns bemühen müssen. Übrigens ist auch in der Deutungs- 
kunst der Analyse manches wie ein anderer Wissensstoff zu erlernen, 
zum Beispiel, was mit der eigentümlichen indirekten Darstellung 
durch Symbole zusammenhängt. 

„Nun, ich habe keine Lust mehr, auch nur in Gedanken eine 
analytische Behandlung zu unternehmen. Wer weiß, was für Über- 
raschungen da noch auf mich warten würden.' 

Sie tun recht daran, eine solche Absicht aufzugeben. Sie merken, 
wieviel Schulung und Übung noch erforderlich wäre. Wenn Sie 
die richtigen Deutungen gefunden haben, stellt sich eine neue 
Aufgabe her. Sie müssen den richtigen Moment abwarten, um 
dem Patienten Ihre Deutung mit Aussicht auf Erfolg mitzuteilen. 

»Woran erkennt man jedesmal den richtigen Moment?" 

°as ist Sache eines Takts, der durch Erfahrung sehr verfeinert 
wer den kann. Sie begehen einen schweren Fehler, wenn Sie etwa 



Die Frage der Laienanalyse 549 

im Bestreben, die Analyse zu verkürzen, dem Patienten Ihre 
Deutungen an den Kopf werfen, sobald Sie sie gefunden haben. 
Sie erzielen damit bei ihm Äußerungen von Widerstand, Ablehnung, 
Entrüstung, erreichen es aber nicht, daß sein Ich sich des Ver- 
drängten bemächtigt. Die Vorschrift ist, zu warten, bis er sich 
diesem soweit angenähert hat, daß er unter der Anleitung Ihres 
Deutungsvorschlages nur noch wenige Schritte zu machen braucht. 

„Ich glaube, das würde ich nie erlernen. Und wenn ich diese 
Vorsichten bei der Deutung befolgt habe, was dann?" 

Dann ist es Ihnen bestimmt, eine Entdeckung zu machen, auf 
die Sie nicht vorbereitet sind. 

„Die wäre?" 

Daß Sie sich in Ihrem Patienten getäuscht haben, daß Sie gar 
nicht auf seine Mithilfe und Gefügigkeit rechnen dürfen, daß er 
bereit ist, der gemeinsamen Arbeit alle möglichen Schwierigkeiten 
in den Weg zu legen, mit einem Wort: daß er überhaupt nicht 
gesund werden will. 

„Nein, das ist das Tollste, das Sie mir bisher erzählt haben! 
Ich glaube es auch nicht. Der Kranke, der so schwer leidet, der 
so ergreifend über seine Beschwerden klagt, der so große Opfer 
für die Behandlung bringt, der soll nicht gesund werden wollen! 
Sie meinen es auch gewiß nicht so." 

Fassen Sie sich, ich meine es. Was ich sagte, ist die Wahrheit, 
nicht die ganze freilich, aber ein sehr beachtenswertes Stück der- 
selben. Der Kranke will allerdings gesund werden, aber er will 
es auch nicht. Sein Ich hat seine Einheit verloren, darum bringt 
er auch keinen einheitlichen Willen auf. Er wäre kein Neurotiker, 
wenn er anders wäre. 

„War' ich besonnen, hieß ich nicht der Teil." 

Die Abkömmlinge des Verdrängten sind in sein Ich durchge- 
brochen, behaupten sich darin, und über die Strebungen dieser 
Herkunft hat das Ich so wenig Herrschaft wie über das Verdrängte 
selbst, weiß auch für gewöhnlich nichts von ihnen. Diese Kran- 



350 Schriften a us den Jahren 1926 — 1928 

ken sind eben von einer besonderen Art und machen Schwierig- 
keiten, mit denen wir nicht zu rechnen gewohnt sind. Alle unsere 
sozialen Institutionen sind auf Personen mit einheitlichem, normalem 
Ich zugeschnitten, das man als gut oder böse klassifizieren kann, 
das entweder seine Funktion versieht oder durch einen übermäch- 
tigen Einfluß ausgeschaltet ist. Daher die gerichtliche Alternative: 
verantwortlich oder unverantwortlich. Auf die Neurotiker passen 
alle diese Entscheidungen nicht. Man muß gestehen, es ist schwer, 
die sozialen Anforderungen ihrem psychologischen Zustand anzu- 
passen. Im großen Maßstab hat man das im letzten Krieg erfahren. 
Waren die Neurotiker, die sich dem Dienst entzogen, Simulanten 
oder nicht? Sie waren beides. Wenn man sie wie Simulanten be- 
handelte und ihnen das Kranksein recht unbehaglich machte, wurden 
sie gesund ; wenn man die angeblich Hergestellten in den Dienst 
schickte, fllüchteten sie prompt wieder in die Krankheit. Es war 
mit ihnen nichts anzufangen. Und das nämliche ist mit den Neu- 
rotikern des zivilen Lebens. Sie klagen über ihre Krankheit, aber 
sie nützen sie nach Kräften aus, und wenn man sie ihnen nehmen 
will, verteidigen sie sie wie die sprichwörtliche Löwin ihr Junges, 
ohne daß es einen Sinn hätte, ihnen aus diesem Widerspruch 
einen Vorwurf zu machen. 

„Aber, wäre es dann nicht das Beste, wenn man diese schwierigen 
Leute gar nicht behandelte, sondern sich selbst überließe? Ich kann 
nicht glauben, daß es der Mühe lohnt, auf jeden einzelnen dieser 
Kranken so viel Anstrengung zu verwenden, wie ich nach Ihren 
Andeutungen annehmen muß." 

Ich kann Ihren Vorschlag nicht gutheißen. Es ist gewiß richtiger, 
die Komplikationen des Lebens zu akzeptieren, anstatt sich gegen 
sie zu sträuben. Nicht jeder der Neurotiker, den wir behandeln, 
mag des Aufwands der Analyse würdig sein, aber es sind doch 
auch sehr wertvolle Personen unter ihnen. Wir müssen uns das 
Ziel setzen, zu erreichen, daß möglichst wenig menschliche Indi- 
viduen mit so mangelhafter seelischer Ausrüstung dem Kulturleben 



; 



Die Frage der Laienanalyse 551 

entgegentreten, und darum müssen wir viel Erfahrungen sammeln, 
viel verstehen lernen. Jede Analyse kann instruktiv sein, uns Gewinn 
an neuen Aufklärungen bringen, ganz abgesehen vom persönlichen 
Wert der einzelnen Kranken. 

„Wenn sich aber im Ich des Kranken eine Willensregung ge- 
bildet hat, welche die Krankheit behalten will, so muß sich diese 
auch auf Gründe und Motive berufen, sich durch etwas recht- 
fertigen können. Es ist aber gar nicht einzusehen, wozu ein 
Mensch krank sein wollte, was er davon hat." 

O doch, das liegt nicht so ferne. Denken Sie an die Kriegs- 
neurotiker, die eben keinen Dienst zu leisten brauchen, weil sie 
krank sind. Im bürgerlichen Leben kann die Krankheit als Schutz 
gebraucht werden, um seine Unzulänglichkeit im Beruf und in 
der Konkurrenz mit anderen zu beschönigen, in der Familie als 
Mittel, um die anderen zu Opfern und Liebesbeweisen zu zwingen 
oder ihnen seinen Willen aufzunötigen. Das liegt alles ziemlich 
oberflächlich, wir fassen es als „Krankheitsgewinn" zusammen; merk- 
würdig ist nur, daß der Kranke, sein Ich, von der ganzen Ver- 
kettung solcher Motive mit seinen folgerichtigen Handlungen doch 
nichts weiß. Man bekämpft den Einfluß dieser Strebungen, indem 
man das Ich nötigt, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Es gibt aber 
noch andere, tieferliegende Motive, am Kranksein festzuhalten, mit 
denen man nicht so leicht fertig wird. Ohne einen neuen Aus- 
flug in die psychologische Theorie kann man diese letzteren aber 
nicht verstehen. 

„Erzählen Sie nur weiter, auf ein bißchen Theorie mehr kommt 
es jetzt schon nicht an." 

Als ich Ihnen das Verhältnis von Ich und Es auseinandersetzte, 
habe ich Ihnen ein wichtiges Stück der Lehre vom seelischen 
Apparat unterschlagen. Wir waren nämlich gezwungen anzunehmen, 
daß sich im Ich selbst eine besondere Instanz differenziert hat, 
die wir das Über-Ich heißen. Dieses Über-Ich hat eine besondere 
Stellung zwischen dem Ich und dem Es. Es gehört dem Ich an, 






352 Schriften aus den Jaliren 1926 — 1928 



teilt dessen hohe psychologische Organisation, steht aber in be- 
sonders inniger Beziehung zum Es. Es ist in Wirklichkeit der 
Niederschlag der ersten Objektbesetzungen des Es, der Erbe des 
Ödipuskomplexes nach dessen Auflassung. Dieses Über-Ich kann 
sich dem Ich gegenüberstellen, es wie ein Objekt behandeln und 
behandelt es oft sehr hart. Es ist für das Ich ebenso wichtig, mit 
dem Über-Ich im Einvernehmen zu bleiben, wie mit dem Es. 
Entzweiungen zwischen Ich und Über-Ich haben eine große Be- 
deutung für das Seelenleben. Sie erraten schon, daß das Über-Ich 
der Träger jenes Phänomens ist, das wir Gewissen heißen. Für 
die seelische Gesundheit kommt sehr viel darauf an, daß das Über- 
Ich normal ausgebildet, das heißt genügend unpersönlich geworden 
sei. Gerade das ist beim Neurotiker, dessen Ödipuskomplex nicht 
die richtige Umwandlung erfahren hat, nicht der Fall. Sein Über- 
Ich steht dem Ich noch immer gegenüber wie der strenge Vater 
dem Kind, und seine Moralität betätigt sich in primitiver Weise 
darin, daß sich das Ich vom Über-Ich bestrafen läßt. Die Krank- 
heit wird als Mittel dieser „Selbstbestrafung" verwendet, der Neu- 
rotiker muß sich so benehmen, als beherrschte ihn ein Schuld- 
gefühl, welches zu seiner Befriedigung der Krankheit als Strafe 
bedarf. 

„Das klingt wirklich sehr geheimnisvoll. Das Merkwürdigste 
daran ist, daß dem Kranken auch diese Macht seines Gewissens 
nicht zum Bewußtsein kommen soll." 

Ja, wir fangen erst an, die Bedeutung all dieser wichtigen Ver- 
hältnisse zu würdigen. Deshalb mußte meine Darstellung so dunkel 
geraten. Ich kann nun fortsetzen. Wir heißen alle die Kräfte, die 
sich der Genesungsarbeit widersetzen, die „Widerstände" des Kranken. 
Der Krankheitsgewinn ist die Quelle eines solchen Widerstandes, 
das „unbewußte Schuldgefühl" repräsentiert den Widerstand des 
Über-Ichs, es ist der mächtigste und von uns gefürchtetste Faktor. 
Wir treffen in der Kur noch mit anderen Widerständen zusammen. 
Wenn das Ich in der Frühzeit aus Angst eine Verdrängung vor- 






Die Frage der Laienanalyse 353 

genommen hat, so besteht diese Angst noch fort und äußert sich 
nun als ein Widerstand, wenn das Ich an das Verdrängte heran- 
gehen soll. Endlich kann man sich vorstellen, daß es nicht ohne 
Schwierigkeiten abgeht, wenn ein Triebvorgang, der durch Dezennien 
einen bestimmten Weg gegangen ist, plötzlich den neuen Weg gehen 
soll, den man ihm eröffnet hat. Das könnte man den Widerstand 
des Es heißen. Der Kampf gegen alle diese Widerstände ist unsere 
Hauptarbeit während der analytischen Kur, die Aufgabe der Deu- 
tungen verschwindet dagegen. Durch diesen Kampf und die Über- 
windung der Widerstände wird aber auch das Ich des Kranken so 
verändert und gestärkt, daß wir seinem zukünftigen Verhalten nach 
Beendigung der Kur mit Ruhe entgegensehen dürfen. Anderseits 
verstehen Sie jetzt, wozu wir die lange Behandlungsdauer brauchen. 
Die Länge des Entwicklungsweges und die Reichhaltigkeit des 
Materials sind nicht das Entscheidende. Es kommt mehr darauf an, 
ob der Weg frei ist. Auf einer Strecke, die man in Friedenszeiten 
in ein paar Eisenbahnstunden durchfliegt, kann eine Armee wochen- 
lang aufgehalten sein, wenn sie dort den Widerstand des Feindes 
zu überwinden hat. Solche Kämpfe verbrauchen Zeit auch im seeli- 
schen Leben. Ich muß leider konstatieren, alle Bemühungen, die 
analytische Kur ausgiebig zu beschleunigen, sind bisher gescheitert. 
Der beste Weg zu ihrer Abkürzung scheint ihre korrekte Durch- 
führung zu sein. 

Wenn ich je Lust verspürt hätte, Ihnen ins Handwerk zu 
pfuschen und selbst eine Analyse an einem anderen zu versuchen, 
Ihre Mitteilungen über die Widerstände würden mich davon geheilt 
haben. Aber wie steht es mit dem besonderen persönlichen Einfluß, 
den Sie doch zugestanden haben? Kommt der nicht gegen die 
Widerstände auf?" 

Es ist gut, daß Sie jetzt danach fragen. Dieser persönliche Ein- 
fluß ist unsere stärkste dynamische Waffe, er ist dasjenige, was wir 
neu in die Situation einführen und wodurch wir sie in Fluß bringen. 
Der intellektuelle Gehalt unserer Aufklärungen kann das nicht 

Freud XI. 33 






354 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 



leisten, denn der Kranke, der alle Vorurteile der Umwelt teilt, brauchte 
uns so wenig zu glauben wie unsere wissenschaftlichen Kritiker. 
Der Neurotiker macht sich an die Arbeit, weil er dem Analytiker 
Glauben schenkt, und er glaubt ihm, weil er eine besondere Ge- 
fühlseinstellung zu der Person des Analytikers gewinnt. Auch das 
Kind glaubt nur jenen Menschen, denen es anhängt. Ich sagte 
Ihnen schon, wozu wir diesen besonders großen „suggestiven" Ein- 
fluß verwenden. Nicht zur Unterdrückung der Symptome, — das 
unterscheidet die analytische Methode von anderen Verfahren der 
Psychotherapie, — sondern als Triebkraft, um das Ich des Kranken 
zur Überwindung seiner Widerstände zu veranlassen. 

„Nun, und wenn das gelingt, geht dann nicht alles glatt?" 
Ja, es sollte. Aber es stellt sich eine unerwartete Komplikation 
heraus. Es war vielleicht die größte Überraschung für den Analytiker, 
daß die Gefühlsbeziehung, die der Kranke zu ihm annimmt, von 
einer ganz eigentümlichen Natur ist. Schon der erste Arzt, der 
eine Analyse versuchte, — es war nicht ich, — ist auf dieses 
Phänomen gestoßen — und an ihm irre geworden. Diese Gefühls- 
beziehung ist nämlich — um es klar herauszusagen — von der 
Natur einer Verliebtheit. Merkwürdig, nicht wahr? Wenn Sie über- 
dies in Betracht ziehen, daß der Analytiker nichts dazu tut, sie zu 
provozieren, daß er im Gegenteil sich eher menschlich vom Patienten 
fernhält, seine eigene Person mit einer gewissen Reserve umgibt. 
Und wenn Sie ferner erfahren, daß diese sonderbare Liebesbeziehung 
von allen anderen realen Begünstigungen absieht, sich über alle 
Variationen der persönlichen Anziehung, des Alters, Geschlechts 
und Standes hinaussetzt. Diese Liebe ist direkt zwangsläufig. 
Nicht daß dieser Charakter der spontanen Verliebtheit sonst fremd 
bleiben müßte. Sie wissen, das Gegenteil kommt oft genug vor, 
aber in der analytischen Situation stellt er sich ganz regelmäßig 
her, ohne doch in ihr eine rationelle Erklärung zu finden. Man 
sollte meinen, aus dem Verhältnis des Patienten zum Analytiker 
brauchte sich für den ersteren nicht mehr zu ergeben als ein ge- 



Die Frage der Laienanalyse ,« 

wisses Maß von Respekt, Zutrauen, Dankbarkeit und menschlicher 
Sympathie. Anstatt dessen diese Verliebtheit, die selbst den Eindruck 
einer krankhaften Erscheinung macht. 

„Nun, ich sollte meinen, das ist doch für Ihre analytischen Ab- 
sichten günstig. Wenn man liebt, ist man gefügig und tut dem 
anderen Teil alles mögliche zu Liebe." 

Ja, zu Anfang ist es auch günstig, aber späterhin, wenn sich 
diese Verliebtheit vertieft hat, kommt ihre ganze Natur zum Vor- 
schein, an der vieles mit der Aufgabe der Analyse unverträglich 
ist. Die Liebe des Patienten begnügt sich nicht damit zu gehorchen, 
sie wird anspruchsvoll, verlangt zärtliche und sinnliche Befriedi- 
gungen, fordert Ausschließlichkeit, entwickelt Eifersucht, zeigt immer 
deutlicher ihre Kehrseite, die Bereitschaft zu Feindseligkeit und 
Rachsucht, wenn sie ihre Absichten nicht erreichen kann. Gleich- 
zeitig drängt sie, wie jede Verliebtheit, alle anderen seelischen In- 
halte zurück, sie löscht das Interesse an der Kur und an der Ge- 
nesung aus, kurz, wir können nicht daran zweifeln, sie hat sich 
an die Stelle der Neurose gesetzt und unsere Arbeit hat den Erfolg 
gehabt, eine Form des Krankseins durch eine andere zu vertreiben. 

„Das klingt nun trostlos. Was macht man da? Man sollte die 
Analyse aufgeben, aber da, wie Sie sagen, ein solcher Erfolg in 
jedem Fall eintritt, so könnte man ja überhaupt keine Analyse 
durchführen." 

Wir wollen zuerst die Situation ausnützen, um aus ihr zu lernen. 
Was wir so gewonnen haben, kann uns dann helfen, sie zu be- 
herrschen. Ist es nicht höchst beachtenswert, daß es uns gelingt, 
eine Neurose mit beliebigem Inhalt in einen Zustand von krank- 
hafter Verliebtheit zu verwandeln? 

Unsere Überzeugung, daß der Neurose ein Stück abnorm ver- 
wendeten Liebeslebens zugrunde liegt, muß doch durch diese Er- 
fahrung unerschütterlich befestigt werden. Mit dieser Einsicht fassen 
wir wieder festen Fuß, wir getrauen uns nun, diese Verliebtheit 
selbst zum Objekt der Analyse zu nehmen. Wir machen auch eine 

2 3 * 



356 Schriften aus den Jahren 1926—192S 



andere Beobachtung. Nicht in allen Fällen äußert sich die ana- 
lytische Verliebtheit so klar und so grell, wie ich's zu schildern 
versuchte. Warum aber geschieht das nicht? Man sieht es bald 
ein. In dem Maß, als die vollsinnlichen und die feindseligen Seiten 
seiner Verliebtheit sich zeigen wollen, erwacht auch das Wider- 
streben des Patienten gegen dieselben. Er kämpft mit ihnen, sucht 
sie zu verdrängen, unter unseren Augen. Und nun verstehen wir 
den Vorgang. Der Patient wiederholt in der Form der Verliebt- 
heit in den Analytiker seelische Erlebnisse, die er bereits früher 
einmal durchgemacht hat, - er hat seelische Einstellungen, die 
in ihm bereit lagen und mit der Entstehung seiner Neurose innig 
verknüpft waren, auf den Analytiker übertragen. Er wiederholt 
auch seine damaligen Abwehraktionen vor unseren Augen, möchte 
am liebsten alle Schicksale jener vergessenen Lebensperiode in seinem 
Verhältnis zum Analytiker wiederholen. Was er uns zeigt, ist also 
der Kern seiner intimen Lebensgeschichte, er reproduziert ihn 
greifbar, wie gegenwärtig, anstatt ihn zu erinnern. Damit 
ist das Rätsel der Übertragungsliebe gelöst und die Analyse kann 
gerade mit Hilfe der neuen Situation, die für sie so bedrohlich 
schien, fortgesetzt werden. 

Das ist raffiniert. Und glaubt Ihnen der Kranke so leicht, daß 
er nicht verliebt, sondern nur gezwungen ist, ein altes Stück wieder 

aufzuführen?" 

Alles kommt jetzt darauf an und die volle Geschicklichkeit in 
der Handhabung der „Übertragung" gehört dazu, es zu erreichen. 
Sie sehen, daß die Anforderungen an die analytische Technik an 
dieser Stelle die höchste Steigerung erfahren. Hier kann man die 
schwersten Fehler begehen oder sich der größten Erfolge versichern. 
Der Versuch, sich den Schwierigkeiten zu entziehen, indem man 
die Übertragung unterdrückt oder vernachlässigt, wäre unsinnig; 
was immer man sonst getan hat, es verdiente nicht den Namen 
einer Analyse. Den Kranken wegzuschicken, sobald sich die Unan- 
nehmlichkeiten seiner Übertragungsneurose herstellen, ist nicht sinn- 



_. 



Die Frage der Laienanalyse 357 



reicher und außerdem eine Feigheit; es wäre ungefähr so, als ob 
man Geister beschworen hätte und dann davongerannt wäre, so- 
bald sie erscheinen. Zwar manchmal kann man wirklich nicht anders; 
es gibt Fälle, in denen man der entfesselten Übertragung nicht 
Herr wird und die Analyse abbrechen muß, aber man soll wenig- 
stens mit den bösen Geistern nach Kräften gerungen haben. Den 
Anforderungen der Übertragung nachgeben, die Wünsche des Patienten 
nach zärtlicher und sinnlicher Befriedigung erfüllen, ist nicht nur 
berechtigterweise durch moralische Rücksichten versagt, sondern 
auch als technisches Mittel zur Erreichung der analytischen Absicht 
völlig unzureichend. Der Neurotiker kann dadurch, daß man ihm 
die unkorrigierte Wiederholung eines in ihm vorbereiteten unbe- 
wußten Klischees ermöglicht hat, nicht geheilt werden. Wenn man 
sich auf Kompromisse mit ihm einläßt, indem man ihm partielle 
Befriedigungen zum Austausch gegen seine weitere Mitarbeit an 
der Analyse bietet, muß man achthaben, daß man nicht in die 
lächerliche Situation des Geistlichen gerät, der den kranken Ver- 
sicherungsagenten bekehren soll. Der Kranke bleibt unbekehrt, aber 
der Geistliche zieht versichert ab. Der einzig mögliche Ausweg 
aus der Situation der Übertragung ist die Rückführung auf die 
Vergangenheit des Kranken, wie er sie wirklich erlebt oder durch 
die wunscherfüllende Tätigkeit seiner Phantasie gestaltet hat. Und 
dies erfordert beim Analytiker viel Geschick, Geduld, Ruhe und 
Selbstverleugnung. 

„Und wo, meinen Sie, hat der Neurotiker das Vorbild seiner 
Übertragungsliebe erlebt?" 

In seiner Kindheit, in der Regel in der Beziehung zu einem 
Elternteil. Sie erinnern sich, welche Wichtigkeit wir diesen frühesten 
Gefühlsbeziehungen zuschreiben mußten. Hier schließt sich also 
der Kreis. 

„Sind Sie endlich fertig? Mir ist ein bißchen wirre vor der Fülle 
dessen, was ich von Ihnen gehört habe. Sagen Sie mir nur noch, wie 
und wo lernt man das, was man zur Ausübung der Analyse braucht?" 



358 



Schriften aus den Jahren 1926—192S 



Es gibt derzeit zwei Institute, an denen Unterricht in der Psycho- 
analyse erteilt wird. Das erste in Berlin hat Dr. Max Eitingon 
der dortigen Vereinigung eingerichtet. Das zweite erhält die „Wiener 
Psychoanalytische Vereinigung" aus eigenen Mitteln unter 
beträchtlichen Opfern. Die Anteilnahme der Behörden erschöpft sich 
vorläufig in den mancherlei Schwierigkeiten, die sie dem jungen 
Unternehmen bereiten. Ein drittes Lehrinstitut soll eben jetzt in 
London von der dortigen Gesellschaft unter der Leitung von 
Dr. E. Jones eröffnet werden. An diesen Instituten werden die 
Kandidaten selbst in Analyse genommen, erhalten theoretischen 
Unterricht durch Vorlesungen in allen für sie wichtigen Gegen- 
ständen und genießen die Aufsicht älterer, erfahrener Analytiker, 
wenn sie zu ihren ersten Versuchen an leichteren Fällen zugelassen 
werden. Man rechnet für eine solche Ausbildung etwa zwei Jahre. 
Natürlich ist man auch nach dieser Zeit nur ein Anfänger, noch 
kein Meister. Was noch mangelt, muß durch Übung und durch 
den Gedankenaustausch in den psychoanalytischen Gesellschaften, 
in denen jüngere Mitglieder mit älteren zusammentreffen, erworben 
werden. Die Vorbereitung für die analytische Tätigkeit ist gar nicht 
so leicht und einfach, die Arbeit ist schwer, die Verantwortlichkeit 
groß. Aber wer eine solche Unterweisung durchgemacht hat, selbst 
analysiert worden ist, von der Psychologie des Unbewußten erfaßt 
hat, was sich heute eben lehren läßt, in der Wissenschaft des Sexual- 
lebens Bescheid weiß, und die heikle Technik der Psychoanalyse 
erlernt hat, die Deutungskunst, die Bekämpfung der Widerstände 
und die Handhabung der Übertragung, der ist kein Laie mehr 
auf dem Gebiet der Psychoanalyse. Er ist dazu befähigt, die 
Behandlung neurotischer Störungen zu unternehmen, und wird mit 
der Zeit darin alles leisten können, was man von dieser Therapie 
verlangen kann. 



Die Frage der Laienanalyse 35g 

VI 

„Sie haben einen großen Aufwand gemacht, um mir zu zeigen, 
was die Psychoanalyse ist und was für Kenntnisse man braucht, 
um sie mit Aussicht auf Erfolg zu betreiben. Gut, es kann mir 
nichts schaden, Sie angehört zu haben. Aber ich weiß nicht, welchen 
Einfluß auf mein Urteil Sie von Ihren Ausführungen erwarten. 
Ich sehe einen Fall vor mir, der nichts Außergewöhnliches an sich 
hat. Die Neurosen sind eine besondere Art von Erkrankung, die 
Analyse ist eine besondere Methode zu ihrer Behandlung, eine 
medizinische Spezialität. Es ist auch sonst die Regel, daß ein Arzt, 
der ein Spezialfach der Medizin gewählt hat, sich nicht mit der 
durch das Diplom bestätigten Ausbildung begnügt. Besonders, wenn 
er sich in einer größeren Stadt niederlassen will, die allein Spezia- 
listen ernähren kann. Wer Chirurg werden will, sucht einige Jahre 
an einer chirurgischen Klinik zu dienen, ebenso der Augenarzt, 
Laryngolog usw., gar der Psychiater, der vielleicht überhaupt niemals 
von einer staatlichen Anstalt oder einem Sanatorium frei kommen 
wird. So wird es auch mit dem Psychoanalytiker werden; wer sich 
für diese neue ärztliche Spezialität entscheidet, wird nach Vollendung 
seiner Studien die zwei Jahre Ausbildung im Lehrinstitut auf sich 
nehmen, von denen Sie sprachen, wenn es wirklich eine so lange 
Zeit in Anspruch nehmen sollte. Er wird dann auch merken, daß 
es sein Vorteil ist, in einer psychoanalytischen Gesellschaft den 
Kontakt mit den Kollegen zu pflegen, und alles wird in schönster 
Ordnung vor sich gehen. Ich verstehe nicht, wo da Platz für die 
Frage der Laienanalyse ist." 

Der Arzt, der das tut, was Sie in seinem Namen versprochen 
haben, wird uns allen willkommen sein. Vier Fünftel der Personen, 
die ich als meine Schüler anerkenne, sind ja ohnedies Ärzte. Ge- 
statten Sie mir aber, Ihnen vorzuhalten, wie sich die Beziehun- 
gen der Ärzte zur Analyse wirklich gestaltet haben und wie sie 
sich voraussichtlich weiter entwickeln werden. Ein historisches An- 






360 Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 

recht auf den Alleinbesitz der Analyse haben die Ärzte nicht, viel- 
mehr haben sie bis vor kurzem alles aufgeboten, von der seichte- 
sten Spötterei bis zur schwerwiegendsten Verleumdung, um ihr zu 
schaden. Sie werden mit Recht antworten, das gehört der Vergangen- 
heit an und braucht die Zukunft nicht zu beeinflussen. Ich bin ein- 
verstanden, aber ich fürchte, die Zukunft wird anders sein, als Sie 
sie vorhergesagt haben. 

Erlauben Sie, daß ich dem Wort „Kurpfuscher" den Sinn gebe, 
auf den es Anspruch hat an Stelle der legalen Bedeutung. Für das 
Gesetz ist der ein Kurpfuscher, der Kranke behandelt, ohne sich 
durch den Besitz eines staatlichen Diploms als Arzt ausweisen zu 
können. Ich würde eine andere Definition bevorzugen: Kurpfuscher 
ist, wer eine Behandlung unternimmt, ohne die dazu erforderlichen 
Kenntnisse und Fähigkeiten zu besitzen. Auf dieser Definition 
fußend, wage ich die Behauptung, daß — nicht nur in den euro- 
päischen Ländern — die Ärzte zu den Kurpfuschern in der Analyse 
ein überwiegendes Kontingent stellen. Sie üben sehr häufig die 
analytische Behandlung aus, ohne sie gelernt zu haben und ohne 
sie zu verstehen. 

Es ist vergeblich, daß Sie mir einwenden wollen, das sei gewissen- 
los, das möchten Sie den Ärzten nicht zutrauen. Ein Arzt wisse 
doch, daß ein ärztliches Diplom kein Kaperbrief ist und ein Kranker 
nicht vogelfrei. Dem Arzt dürfe man immer zubilligen, daß er im 
guten Glauben handle, auch wenn er sich dabei vielleicht im Irr- 
tum befinde. 

Die Tatsachen bestehen; wir wollen hoffen, daß sie sich so auf- 
klären lassen, wie Sie es meinen. Ich will versuchen, Ihnen aus- 
einanderzusetzen, wie es möglich wird, daß ein Arzt sich in den 
Dingen der Psychoanalyse so benimmt, wie er es auf jedem anderen 
Gebiet sorgfältig vermeiden würde. 

Hier kommt in erster Linie in Betracht, daß der Arzt in der 
medizinischen Schule eine Ausbildung erfahren hat, die ungefähr 
das Gegenteil von dem ist, was er als Vorbereitung zur Psycho- 



Die Frage der Laienanalyse 561 

analyse brauchen würde. Seine Aufmerksamkeit ist auf objektiv 
feststellbare anatomische, physikalische, chemische Tatbestände hin- 
gelenkt worden, von deren richtiger Erfassung und geeigneter Be- 
einflussung der Erfolg des ärztlichen Handelns abhängt. In seinen 
Gesichtskreis wird das Problem des Lebens gerückt, soweit es sich 
uns bisher aus dem Spiel der Kräfte erklärt hat, die auch in der 
anorganischen Natur nachweisbar sind. Für die seelischen Seiten 
der Lebensphänomene wird das Interesse nicht geweckt, das Studium 
der höheren geistigen Leistungen geht die Medizin nichts an, es 
ist das Bereich einer anderen Fakultät. Die Psychiatrie allein sollte t 
sich mit den Störungen der seelischen Funktionen beschäftigen, 
aber man weiß, in welcher Weise und mit welchen Absichten sie 
es tut. Sie sucht die körperlichen Bedingungen der Seelenstörungen 
auf und behandelt sie wie andere Krankheitsanlässe. 

Die Psychiatrie hat darin recht und die medizinische Ausbildung 
ist offenbar ausgezeichnet. Wenn man von ihr aussagt, sie sei ein- 
seitig, so muß man erst den Standpunkt ausfindig machen, von dem 
aus diese Charakteristik zum Vorwurf wird. An sich ist ja jede 
Wissenschaft einseitig, sie muß es sein, indem sie sich auf bestimmte 
Inhalte, Gesichtspunkte, Methoden einschränkt. Es ist ein Widersinn, 
an dem ich keinen Anteil haben möchte, daß man eine Wissen- 
schaft gegen eine andere ausspielt. Die Physik entwertet doch nicht 
die Chemie, sie kann sie nicht ersetzen, aber auch von ihr nicht 
vertreten werden. Die Psychoanalyse ist gewiß ganz besonders ein- 
seitig, als die Wissenschaft vom seelisch Unbewußten. Das Recht 
auf Einseitigkeit soll also den medizinischen Wissenschaften nicht 
bestritten werden. 

Der gesuchte Standpunkt findet sich erst, wenn man von der 
wissenschaftlichen Medizin zur praktischen Heilkunde ablenkt. Der 
kranke Mensch ist ein kompliziertes Wesen, er kann uns daran 
mahnen, daß auch die so schwer faßbaren seelischen Phänomene 
nicht aus dem Bild des Lebens gelöscht werden dürfen. Der Neuro- 
tiker gar ist eine unerwünschte Komplikation, eine Verlegenheit für 



562 Schriften aus den Jahren 1926 — 1<)2& 

die Heilkunde nicht minder als für die Rechtspflege und den Armee- 
dienst. Aber er existiert und geht die Medizin besonders nahe an. 
Und für seine Würdigung wie für seine Behandlung leistet die 
medizinische Schulung nichts, aber auch gar nichts. Bei dem innigen 
Zusammenhang zwischen den Dingen, die wir als körperlich und 
als seelisch scheiden, darf man vorhersehen, daß der Tag kommen 
wird, an dem sich Wege der Erkenntnis und hoffentlich auch der 
Beeinflussung von der Biologie der Organe und von der Chemie 
zu dem Erscheinungsgebiet der Neurosen eröffnen werden. Dieser 
Tag scheint noch ferne, gegenwärtig sind uns diese Krankheits- 
zustände von der medizinischen Seile her unzugänglich. 

Es wäre zu ertragen, wenn die medizinische Schulung den Ärzten 
bloß die Orientierung auf dem Gebiete der Neurosen versagte. Sie 
tut mehr; sie gibt ihnen eine falsche und schädliche Einstellung 
mit. Die Ärzte, deren Interesse für die psychischen Faktoren des 
Lebens nicht geweckt worden ist, sind nun allzu bereit, dieselben 
gering zu schätzen und als unwissenschaftlich zu bespötteln. Des- 
halb können sie nichts recht ernst nehmen, was mit ihnen zu tun 
hat, und fühlen die Verpflichtungen nicht, die sich von ihnen ab- 
leiten. Darum verfallen sie der laienhaften Respektlosigkeit vor der 
psychologischen Forschung und machen sich ihre Aufgabe leicht. 
Man muß ja die Neurotiker behandeln, weil sie Kranke sind und 
sich an den Arzt wenden, muß auch immer Neues versuchen. 
Aber wozu sich die Mühe einer langwierigen Vorbereitung auf- 
erlegen? Es wird auch so gehen; wer weiß, was das wert ist, was 
in den analytischen Instituten gelehrt wird. Je weniger sie vom 
Gegenstand verstehen, desto unternehmender werden sie. Nur der 
wirklich Wissende wird bescheiden, denn er weiß, wie unzuläng- 
lich dies Wissen ist. 

Der Vergleich der analytischen Spezialität mit anderen medizi- 
nischen Fächern, den Sie zu meiner Beschwichtigung herangezogen 
haben, ist also nicht anwendbar. Für Chirurgie, Augenheilkunde usw. 
bietet die Schule selbst die Möglichkeil zur weiteren Ausbildung. 



Die Frage der Laienanalyse 563 

Die analytischen Lehrinstitute sind gering an Zahl, jung an Jahren 
und ohne Autorität. Die medizinische Schule hat sie nicht anerkannt 
und kümmert sich nicht um sie. Der junge Arzt, der seinen Lehrern 
so vieles hat glauben müssen, daß ihm zur Erziehung seines Urteils 
wenig Anlaß geworden ist, wird gerne die Gelegenheit ergreifen, 
auf einem Gebiet, wo es noch keine anerkannte Autorität gibt, 
endlich auch einmal den Kritiker zu spielen. 

Es gibt noch andere Verhältnisse, die sein Auftreten als analytischer 
Kurpfuscher begünstigen. Wenn er ohne ausreichende Vorbereitung 
Augenoperationen unternehmen wollte, so würde der Mißerfolg 
seiner Staarextraktionen und Iridektomien und das Wegbleiben der 
Patienten seinem Wagestück bald ein Ende bereiten. Die Ausübung 
der Analyse ist für ihn vergleichsweise ungefährlich. Das Publikum 
ist durch die durchschnittlich günstigen Ausgänge der Augen- 
operationen verwöhnt und erwartet sich Heilung vom Operateur. 
Wenn aber der „Nervenarzt" seine Kranken nicht herstellt, so 
verwundert sich niemand darüber. Man ist durch die Erfolge der 
Therapie bei den Nervösen nicht verwöhnt worden, der Nerven- 
arzt hat sich wenigstens „viel mit ihnen abgegeben". Da läßt sich 
eben nicht viel machen, die Natur muß helfen oder die Zeit. Also 
beim Weib zuerst die Menstruation, dann die Heirat, später die 
Menopause. Am Ende hilft wirklich der Tod. Auch ist das, was 
der ärztliche Analytiker mit dem Nervösen vorgenommen hat, so 
unauffällig, daß sich daran kein Vorwurf klammern kann. Er hat 
ja keine Instrumente oder Medikamente verwendet, nur mit ihm 
geredet, versucht, ihm etwas ein- oder auszureden. Das kann doch 
nicht schaden, besonders wenn dabei vermieden wurde, peinliche 
oder aufregende Dinge zu berühren. Der ärztliche Analytiker, der 
sich von der strengen Unterweisung frei gemacht hat, wird gewiß 
den Versuch nicht unterlassen haben, die Analyse zu verbessern, 
ihr die Giftzähne auszubrechen und sie den Kranken angenehm 
zu machen. Und wie gut, wenn er bei diesem Versuch stehen 
geblieben, denn wenn er wirklich gewagt hat, Widerstände wach- 



564 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

zurufen, und dann nicht wußte, wie ihnen zu begegnen ist, ja, 
dann kann er sich wirklich unbeliebt gemacht haben. 

Die Gerechtigkeit erfordert das Zugeständnis, daß die Tätigkeit 
des ungeschulten Analytikers auch für den Kranken harmloser ist 
als die des ungeschickten Operateurs. Der mögliche Schaden be- 
schränkt sich darauf, daß der Kranke zu einem nutzlosen Aufwand 
veranlaßt wurde und seine Heilungschancen eingebüßt oder ver- 
schlechtert hat. Ferner daß der Ruf der analytischen Therapie 
herabgesetzt wird. Das ist ja alles recht unerwünscht, aber es hält 
doch keinen Vergleich mit den Gefahren aus, die vom Messer 
des chirurgischen Kurpfuschers drohen. Schwere, dauernde Ver- 
schlimmerungen des Krankheitszustandes sind nach meinem Urteil 
auch bei ungeschickter Anwendung der Analyse nicht zu befürchten. 
Die unerfreulichen Reaktionen klingen nach einer Weile wieder 
ab. Neben den Traumen des Lebens, welche die Krankheit hervor- 
gerufen haben, kommt das bißchen Mißhandlung durch den Arzt 
nicht in Betracht. Nur daß eben der ungeeignete therapeutische 
Versuch nichts Gutes für den Kranken geleistet hat. 

„Ich habe Ihre Schilderung des ärztlichen Kurpfuschers in der 
Analyse angehört, ohne Sie zu unterbrechen, nicht ohne den Ein- 
druck zu empfangen, daß Sie von einer Feindseligkeit gegen die 
Ärzteschaft beherrscht werden, zu deren historischer Erklärung 
Sie mir selbst den Weg gezeigt haben. Aber ich gebe Ihnen eines 
zu: wenn schon Analysen gemacht werden sollen, so sollen sie 
von Leuten gemacht werden, die sich dafür gründlich ausgebildet 
haben. Und Sie glauben nicht, daß die Ärzte, die sich der Analyse 
zuwenden, mit der Zeit alles tun werden, um sich diese Ausbildung 
zu eigen zu machen?" 

Ich fürchte, nicht. Solange das Verhältnis der Schule zum 
analytischen Lehrinstitut ungeändert bleibt, werden die Ärzte wohl 
die Versuchung, es sich zu erleichtern, zu groß finden. 

„Aber einer direkten Äußerung über die Frage der Laienanalyse 
scheinen Sie konsequent auszuweichen. Ich soll jetzt erraten, daß 







Die Frage der Laienanalyse 565 



Sie vorschlagen, weil man die Ärzte, die analysieren wollen, nicht 
kontrollieren kann, soll man, gewissermaßen aus Rache, zu ihrer 
Bestrafung, ihnen das Monopol der Analyse abnehmen und diese 
ärztliche Tätigkeit auch den Laien eröffnen." 

Ich weiß nicht, ob Sie meine Motive richtig erraten haben. 
Vielleicht kann ich Ihnen später ein Zeugnis einer weniger 
parteiischen Stellungnahme vorlegen. Aber ich lege den Akzent 
auf die Forderung, daß niemand die Analyse ausüben soll, 
der nicht die Berechtigung dazu durch eine bestimmte 
Ausbildung erworben hat. Ob diese Person nun Arzt ist oder 
nicht, erscheint mir als nebensächlich. 

„Was für bestimmte Vorschläge haben Sie also zu machen?" 
Ich bin noch nicht soweit, weiß auch nicht, ob ich überhaupt 
dahin kommen werde. Ich möchte eine andere Frage mit Ihnen 
erörtern, zur Einleitung aber auch einen bestimmten Punkt be- 
rühren. Man sagt, daß die zuständigen Behörden über Anregung 
der Ärzteschaft Laien ganz allgemein die Ausübung der Analyse 
untersagen wollen. Von diesem Verbot würden auch die nicht-! 
ärztlichen Mitglieder der Psychoanalytischen Vereinigung betroffen, 
die eine ausgezeichnete Ausbildung genossen und sich durch Übung 
sehr vervollkommnet haben. Wird das Verbot erlassen, so stellt 
sich der Zustand her, daß man eine Reihe von Personen an der 
Ausübung einer Tätigkeit behindert, von denen man überzeugt 
sein kann, daß sie sie sehr gut leisten können, während man die- 
selbe Tätigkeit anderen freigibt, bei denen von einer ähnlichen 
Garantie nicht die Rede ist. Das ist nicht gerade der Erfolg, den 
eine Gesetzgebung erreichen möchte. Indes ist dieses spezielle Problem 
weder sehr wichtig, noch schwierig zu lösen. Es handelt sich dabei 
um eine Handvoll Personen, die nicht schwer geschädigt werden 
können. Sie werden wahrscheinlich nach Deutschland auswandern, 
wo sie durch keine Gesetzesvorschrift behindert, bald die Aner- 
kennung ihrer Tüchtigkeit finden werden. Will man ihnen dies 
ersparen und die Härte des Gesetzes für sie mildern, so kann es 



366 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

mit Anlehnung an bekannte Präzedenzfälle leicht geschehen. Es 
ist im monarchischen Österreich wiederholt vorgekommen, daß 
man notorischen Kurpfuschern die Erlaubnis zur ärztlichen Tätigkeit 
auf bestimmten Gebieten ad personam verliehen hat, weil man 
von ihrem wirklichen Können überzeugt worden war. Diese Fälle 
betrafen zumeist bäuerliche Heilkünstler, und die Befürwortung 
soll regelmäßig durch eine der einst so zahlreichen Erzherzoginnen 
erfolgt sein, aber es müßte doch auch für Städter und auf Grund 
anderer, bloß sachverständiger Garantie geschehen können. Bedeut- 
samer wäre die Wirkung eines solchen Verbots auf das Wiener 
analytische Lehrinstitut, das von da an keine Kandidaten aus nicht- 
ärztlichen Kreisen zur Ausbildung annehmen dürfte. Dadurch wäre 
wieder einmal in unserem Vaterland eine Richtung geistiger Tätigkeit 
unterdrückt, die sich anderswo frei entfalten darf. Ich bin der 
letzte, der eine Kompetenz in der Beurteilung von Gesetzen und 
Verordnungen in Anspruch nehmen will. Aber ich sehe doch soviel, 
daß eine Betonung unseres Kurpfuschergesetzes nicht im Sinne 
der Angleichung an deutsche Verhältnisse ist, die heute offenbar 
angestrebt wird, und daß die Anwendung dieses Gesetzes auf den 
Fall der Psychoanalyse etwas Anachronistisches hat, denn zur Zeit 
seiner Erlassung gab es noch keine Analyse und war die besondere 
Natur der neurotischen Erkrankungen noch nicht erkannt. 

Ich komme zu der Frage, deren Diskussion mir wichtiger er- 
scheint. Ist die Ausübung der Psychoanalyse überhaupt ein Gegen- 
stand, der behördlichem Eingreifen unterworfen werden soll, oder 
ist es zweckmäßiger, ihn der natürlichen Entwicklung zu über- 
lassen? Ich werde gewiß hier keine Entscheidung treffen, aber ich 
nehme mir die Freiheit, Ihnen dieses Problem zur Überlegung 
vorzulegen. In unserem Vaterlande herrscht von allers her ein wahrer 
furor prokibendi, eine Neigung zum Bevormunden, Eingreifen und 
Verbieten, die, wie wir alle wissen, nicht gerade gute Früchte 
getragen hat. Es scheint, daß es im neuen, republikanischen Öster- 
reich noch nicht viel anders geworden ist. Ich vermute, daß Sie 



Die Frage der Laienanalyse 567 

bei der Entscheidung über den Fall der Psychoanalyse, der uns 
jetzt beschäftigt, ein gewichtiges Wort mitzureden haben ; ich weiß 
nicht, ob Sie die Lust oder den Einfluß haben werden, sich den 
bureauk ratischen Neigungen zu widersetzen. Meine unmaßgeblichen 
Gedanken zu unserer Frage will ich Ihnen jedenfalls nicht ersparen. 
Ich meine, daß ein Überfluß an Verordnungen und Verboten der 
Autorität des Gesetzes schadet. Man kann beobachten: wo nur 
wenige Verbote bestehen, da werden sie sorgfältig eingehalten $ wo 
man auf Schritt und Tritt von Verboten begleitet wird, da fühlt 
man förmlich die Versuchung, sich über sie hinwegzusetzen. Ferner, 
man ist noch kein Anarchist, wenn man bereit ist einzusehen, 
daß Gesetze und Verordnungen nach ihrer Herkunft nicht auf den 
Charakter der Heiligkeit und Unverletzlichkeit Anspruch haben 
können, daß sie oft inhaltlich unzulänglich und für unser Rechts- 
gefühl verletzend sind oder nach einiger Zeit so werden, und daß 
es bei der Schwerfälligkeit der die Gesellschaft leitenden Personen 
oft kein anderes Mittel zur Korrektur solch unzweckmäßiger Gesetze 
gibt, als sie herzhaft zu übertreten. Auch ist es ratsam, wenn man 
deia Respekt vor Gesetzen und Verordnungen erhalten will, keine 
zu erlassen, deren Einhaltung und Übertretung schwer zu über- 
wachen ist. Manches, was wir über die Ausübung der Analyse 
durch Ärzte gesagt haben, wäre hier für die eigentliche Laienanalyse, 
die das Gesetz unterdrücken will, zu wiederholen. Der Hergang 
der Analyse ist ein recht unscheinbarer, sie wendet weder Medi- 
kamente noch Instrumente an, besteht nur in Gesprächen und 
Austausch von Mitteilungen 5 es wird nicht leicht sein, einer Laien- 
person nachzuweisen, sie übe „Analyse" aus, wenn sie behauptet, 
sie gebe nur Zuspruch, teile Aufklärungen aus und suche einen 
heilsamen menschlichen Einfluß auf seelisch Hilfsbedürftige zu 
gewinnen; das könne man ihr doch nicht verbieten, bloß darum, 
weil auch der Arzt es manchmal tue. In den Englisch sprechenden 
Ländern haben die Praktiken der „Christian Science" eine große 
Verbreitung; eine Art von dialektischer Verleugnung der Übel 



368 Schriften aus den Jahren 1926—192$ 



im Leben durch Berufung auf die Lehren der christlichen Religion. 
Ich stehe nicht an zu behaupten, daß dies Verfahren eine bedauer- 
liche Verirrung des menschlichen Geistes darstellt, aber wer würde 
in Amerika oder England daran denken, es zu verbieten und unter 
Strafe zu setzen ? Fühlt sich denn die hohe Obrigkeit bei uns des 
rechten Weges zur Seligkeit so sicher, daß sie es wagen darf zu 
verhindern, daß jeder versuche „nach seiner Fasson selig zu werden"? 
Und zugegeben, daß viele sich selbst überlassen in Gefahren ge- 
raten und zu Schaden kommen, tut die Obrigkeit nicht besser 
daran, die Gebiete, die als unbetretbar gelten sollen, sorgfältig ab- 
zugrenzen und im übrigen, soweit es nur angeht, die Menschen- 
kinder ihrer Erziehung durch Erfahrung und gegenseitige Beein- 
flussung zu überlassen? Die Psychoanalyse ist etwas so N eues in 
der Welt, die große Menge ist so wenig über sie orientiert, die 
Stellung der offiziellen Wissenschaft zu ihr noch so schwankend^ 
daß es mir voreilig erscheint, jetzt schon mit gesetzlichen Vor- 
schriften in die Entwicklung einzugreifen. Lassen wir die Kranken 
selbst die Entdeckung machen, daß es schädlich für sie ist, seelische 
Hilfe bei Personen zu suchen, die nicht gelernt haben, wie man 
sie leistet. Klären wir sie darüber auf und warnen sie davor, 
dann werden wir uns erspart haben, es ihnen zu verbieten. Auf 
italienischen Landstraßen zeigen die Leitungsträger die knappe 
und eindrucksvolle Aufschrift: Chi tocca, muore. Das reicht voll- 
kommen hin, um das Benehmen der Passanten gegen herabhän- 
gende Drähte zu regeln. Die entsprechenden deutschen Warnungen 
sind von einer überflüssigen und beleidigenden Weitschweifigkeit: 
Das Berühren der Leitungsdrähte ist, weil lebensgefährlich, streng- 
stens verboten. Wozu das Verbot? Wem sein Leben lieb ist, der 
erteilt es sich selbst, und wer sich auf diesem Wege umbringen 
will, der fragt nicht nach Erlaubnis. 

„Es gibt aber Fälle, die man als Präjudiz für die Frage der 
Laienanalyse anführen kann. Ich meine das Verbot der Versetzung 
in Hypnose durch Laien und das kürzlich erlassene Verbot der 



Die Frage der Laienanalyse 569 

Abhaltung okkultistischer Sitzungen und Gründung solcher Gesell- 
schaften." 

Ich kann nicht sagen, daß ich ein Bewunderer dieser Maßnahmen 
bin. Die letztere ist ein ganz unzweifelhafter Übergriff der polizei- 
lichen Bevormundung zum Schaden der intellektuellen Freiheit. 
Ich bin außer dem Verdacht, den sogenannt okkulten Phänomenen 
viel Glauben entgegenzubringen oder gar Sehnsucht nach ihrer 
Anerkennung zu verspüren; aber durch solche Verbote wird man 
das Interesse der Menschen für diese angebliche Geheimwelt nicht 
ersticken. Vielleicht hat man im Gegenteil etwas sehr Schädliches 
getan, der unparteiischen Wißbegierde den Weg verschlossen, zu 
einem befreienden Urteil über diese bedrückenden Möglichkeiten 
zu kommen. Aber dies auch nur wieder für Österreich. In an- 
deren Ländern stößt auch die „parapsychische" Forschung auf 
keine gesetzlichen Hindernisse. Der Fall der Hypnose liegt etwas 
anders als der der Analyse. Die Hypnose ist die Hervorrufung 
eines abnormen Seelenzustandes und dient den Laien heute nur 
als Mittel zur Schaustellung. Hätte sich die anfänglich so hoffnungs- 
volle hypnotische Therapie gehalten, so wären ähnliche Verhältnisse 
wie die der Analyse entstanden. Übrigens erbringt die Geschichte 
der Hypnose ein Präzedenz zum Schicksal der Analyse nach an- 
derer Richtung. Als ich ein junger Dozent der Neuropathologie 
war, eiferten die Ärzte in der leidenschaftlichsten Weise gegen die 
Hypnose, erklärten sie für einen Schwindel, ein Blendwerk des 
Teufels und einen höchst gefährlichen Eingriff. Heute haben sie 
dieselbe Hypnose monopolisiert, bedienen sich ihrer ungescheut 
als Untersuchungsmethode und für manche Nervenärzte ist sie 
noch immer das Hauptmittel ihrer Therapie. 

Ich habe Ihnen aber bereits gesagt, ich denke nicht daran, Vor- 
schläge zu machen, die auf der Entscheidung beruhen, ob gesetzliche 
Regelung oder Gewährenlassen in Sachen der Analyse das Richtigere 
ist. Ich weiß, das ist eine prinzipielle Frage, auf deren Lösung 
die Neigungen der maßgebenden Personen wahrscheinlich mehr 

Freud XI. 2 + 



37« Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Einfluß nehmen werden als Argumente. Was mir für eine Politik 
des laissez faire zu sprechen scheint, habe ich bereits zusammen- 
gestellt. Wenn man sich anders entschließt, zu einer Politik des 
aktiven Eingreifens, dann allerdings scheint mir die eine lahme 
und ungerechte Maßregel des rücksichtslosen Verbots der Analyse 
durch Nichtärzte keine genügende Leistung zu sein. Man muß 
sich dann um mehr bekümmern, die Bedingungen, unter denen 
die Ausübung der analytischen Praxis gestattet ist, für alle, die 
sie ausüben wollen, feststellen, irgendeine Autorität aufrichten, 
bei der man sich Auskunft holen kann, was Analyse ist und was 
für Vorbereitung man für sie fordern darf, und die Möglichkeiten 
der Unterweisung in der Analyse fördern. Also entweder in Ruhe 
lassen oder Ordnung und Klarheit schaffen, nicht aber in eine 
verwickelte Situation mit einem vereinzelten Verbot dreinfahren, 
das mechanisch aus einer inadäquat gewordenen Vorschrift ab- 
geleitet wird. 

VII 

„Ja, aber die Ärzte, die Ärzte! Ich bringe Sie nicht dazu, auf 
das eigentliche Thema unserer Unterredungen einzugehen. Sie 
weichen mir noch immer aus. Es handelt sich doch darum, ob 
man nicht den Ärzten das ausschließliche Vorrecht auf die Aus- 
übung der Analyse zugestehen muß, meinetwegen nachdem sie 
gewisse Bedingungen erfüllt haben. Die Ärzte sind ja gewiß nicht 
in ihrer Mehrheit die Kurpfuscher in der Analyse, als die Sie sie 
geschildert haben. Sie sagen selbst, daß die überwiegende Mehrzahl 
Ihrer Schüler und Anhänger Ärzte sind. Man hat mir verraten, 
daß diese keineswegs Ihren Standpunkt, in der Frage der Laien- 
analyse teilen. Ich darf natürlich annehmen, daß Ihre Schüler sich 
Ihren Forderungen nach genügender Vorbereitung usw. anschließen, 
und doch finden diese Schüler es damit vereinbar, die Ausübung 
der Analyse den Laien zu versperren. Ist das so, und wenn, wie 
erklären Sie es?" 



Die Frage der Laienanalyse 371 

Ich sehe, Sie sind gut informiert, es ist so. Zwar nicht alle, 
aber ein guter Teil meiner ärztlichen Mitarbeiter hält in dieser 
Sache nicht zu mir, tritt für das ausschließliche Anrecht der Ärzte 
auf die analytische Behandlung der Neurotiker ein. Sie ersehen 
daraus, daß es auch in unserem Lager Meinungsverschiedenheiten 
geben darf. Meine Parteinahme ist bekannt und der Gegensatz 
im Punkte der Laienanalyse hebt unser Einvernehmen nicht auf. 
Wie ich Ihnen das Verhalten dieser meiner Schüler erklären kann? 
Sicher weiß ich es nicht, ich denke, es wird die Macht des Standes- 
bewußtseins sein. Sie haben eine andere Entwicklung gehabt als 
ich, fühlen sich noch unbehaglich in der Isolierung von den 
Kollegen, möchte gerne als vollberechtigt von der profession auf- 
genommen werden und sind bereit, für diese Toleranz ein Opfer 
zu bringen, an einer Stelle, deren Lebenswichtigkeit ihnen nicht 
einleuchtet. Vielleicht ist es anders; ihnen Motive der Konkurrenz 
unterzuschieben, hieße nicht nur sie einer niedrigen Gesinnung 
zu beschuldigen, sondern auch ihnen eine sonderbare Kurzsichtig- 
keit zuzutrauen. Sie sind ja immer bereit, andere Ärzte in die 
Analyse einzuführen, und ob sie die verfügbaren Patienten mit 
Kollegen oder mit Laien zu teilen haben, kann für ihre materielle 
Lage nur gleichgiltig sein. Wahrscheinlich kommt aber noch etwas 
anderes in Betracht. Diese meine Schüler mögen unter dem Ein- 
fluß gewisser Momente stehen, welche dem Arzt in der analytischen 
Praxis den unzweifelhaften Vorzug vor dem Laien sichern. 

„Den Vorzug sichern? Da haben wir's. Also gestehen Sie diesen 
Vorzug endlich zu? Damit wäre ja die Frage entschieden." 

Das Zugeständnis wird mir nicht schwer. Es mag Ihnen zeigen, 
daß ich nicht so leidenschaftlich verblendet bin, wie Sie annehmen . 
Ich habe die Erwähnung dieser Verhältnisse aufgeschoben, weil ihre 
Diskussion wiederum theoretische Erörterungen nötig machen wird. 

„Was meinen Sie jetzt?" 

Da ist zuerst die Frage der Diagnose. Wenn man einen Kranken, 
der an sogenannt nervösen Störungen leidet, in analytische Be- 

24' 



I 

L. 



372 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Handlung nimmt, will man vorher die Sicherheit haben, — soweit 
sie eben erreichbar ist, — daß er sich für diese Therapie eignet, 
daß man ihm also auf diesem Wege helfen kann. Das ist aber 
nur der Fall, wenn er wirklich eine Neurose hat. 

„Ich sollte meinen, das erkennt man eben an den Erscheinungen, 
an den Symptomen, über die er klagt." 

Hier ist eben die Stelle für eine neue Komplikation. Man erkennt 
es nicht immer mit voller Sicherheit. Der Kranke kann das äußere 
Bild einer Neurose zeigen, und doch kann es etwas anderes sein, 
der Beginn einer unheilbaren Geisteskrankheit, die Vorbereitung 
eines zerstörenden Gehirnprozesses. Die Unterscheidung — Diffe- 
rentialdiagnose — ist nicht immer leicht und nicht in jeder Phase 
sofort zu machen. Die Verantwortlichkeit für eine solche Entschei- 
dung kann natürlich nur der Arzt übernehmen. Sie wird ihm, wie 
gesagt, nicht immer leicht gemacht. Der Krankheitsfall kann längere 
Zeit ein harmloses Gepräge tragen, bis sich endlich doch seine böse 
Natur herausstellt. Es ist ja auch eine regelmäßige Befürchtung der 
Nervösen, ob sie nicht geisteskrank werden können. Wenn der Arzt 
aber einen solchen Fall eine Zeitlang verkannt hat oder im un- 
klaren über ihn geblieben ist, so macht es nicht viel aus, es ist 
kein Schaden angestellt worden und nichts Überflüssiges geschehen. 
Die analytische Behandlung dieses Kranken hätte ihm zwar auch 
keinen Schaden gebracht, aber sie wäre als überflüssiger Aufwand 
bloßgestellt. Überdies würden sich gewiß genug Leute finden, die 
den schlechten Ausgang der Analyse zur Last legen werden. Mit 
Unrecht freilich, aber solche Anlässe sollten vermieden werden. 

„Das klingt aber trostlos. Es entwurzelt ja alles, was Sie mir über 
die Natur und Entstehung einer Neurose vorgetragen haben." 

Durchaus nicht. Es bekräftigt nur von neuem, daß die Neurotiker 
ein Ärgernis und eine Verlegenheit sind, für alle Parteien, also auch 
für die Analytiker. Vielleicht löse ich aber Ihre Verwirrung wieder, 
wenn ich meine neuen Mitteilungen in korrekteren Ausdruck kleide. 
Es ist wahrscheinlich richtiger, von den Fällen, die uns jetzt be- 






Die Frage der Laienanalyse 373 

schäftigen, auszusagen, sie haben wirklich eine Neurose entwickelt, 
aber diese sei nicht psychogen, sondern somatogen, habe nicht 
seelische, sondern körperliche Ursachen. Können Sie mich ver- 
stehen ? 

„Verstehen, ja; aber ich kann es mit dem anderen, dem Psycho- 
logischen, nicht vereinigen.' 

Nun, das läßt sich doch machen, wenn man nur den Kompli- 
kationen der lebenden Substanz Rechnung tragen will. Worin fanden 
wir das Wesen einer Neurose? Darin, daß das Ich, die durch den 
Einfluß der Außenwelt emporgezüchtete höhere Organisation des 
seelischen Apparats, nicht imstande ist, seine Funktion der Vermitt- 
lung zwischen Es und Realität zu erfüllen, daß es sich in seiner 
Schwäche von Triebanteilen des Es zurückzieht und sich dafür die 
Folgen dieses Verzichts in Form von Einschränkungen, Symptomen 
und erfolglosen Reaktionsbildungen gefallen lassen muß. 

Eine solche Schwäche des Ichs hat bei uns allen regelmäßig in 
der Kindheit statt, darum bekommen die Erlebnisse der frühesten 
Kinderjahre eine so große Bedeutung für das spätere Leben. Unter 
der außerordentlichen Belastung dieser Kinderzeit — wir haben in 
wenigen Jahren die ungeheure Entwicklungsdistanz vom steinzeit- 
lichen Primitiven bis zum Teilhaber der heutigen Kultur durch- 
zumachen und dabei insbesondere die Triebregungen der sexuellen 
Frühperiode abzuwehren — nimmt unser Ich seine Zuflucht zu Ver- 
drängungen und setzt sich einer Kinderneurose aus, deren Nieder- 
schlag es als Disposition zur späteren nervösen Erkrankung in die 
Reife des Lebens mitbringt. Nun kommt alles darauf an, wie dies 
herangewachsene Wesen vom Schicksal behandelt werden wird. 
Wird das Leben zu hart, der Abstand zwischen den Triebforderun- 
gen und den Einsprüchen der Realität zu groß, so mag das Ich 
in seinen Bemühungen, beide zu versöhnen, scheitern, und dies 
um so eher, je mehr es durch die mitgebrachte infantile Disposition 
gehemmt ist. Es wiederholt sich dann der Vorgang der Verdrängung, 
die Triebe reißen sich von der Herrschaft des Ichs los, schaffen sich 



374 Schriften aus den Jahren 1926 — /?2<V 

auf den Wegen der Regression ihre Ersatzbefriedigungen und das 
arme Ich ist hilflos neurotisch geworden. 

Halten wir nur daran fest: der Knoten- und Drehpunkt der 
ganzen Situation ist die relative Stärke der Ichorganisation. Wir 
haben es dann leicht, unsere ätiologische Übersicht zu vervollstän- 
digen. Als die sozusagen normalen Ursachen der Nervosität kennen 
wir bereits die kindliche Ichschwäche, die Aufgabe der Bewältigung 
der Frühregungen der Sexualität und die Einwirkungen der eher 
zufälligen Kindheitserlebnisse. Ist es aber nicht möglich, daß auch 
andere Momente eine Rolle spielen, die aus der Zeit vor dem 
Kinderleben stammen? Zum Beispiel eine angeborene Stärke und 
Unbändigkeit des Trieblebens im Es, die dem Ich von vornherein 
zu große Aufgaben stellt? Oder eine besondere Entwicklungs- 
schwäche des Ichs aus unbekannten Gründen? Selbstverständlich 
müssen diese Momente zu einer ätiologischen Bedeutung kommen, 
in manchen Fällen zu einer überragenden. Mit der Triebstärke im 
Es haben wir jedesmal zu rechnen; wo sie exzessiv entwickelt ist, 
steht es schlecht um die Aussichten unserer Therapie. Von den 
Ursachen einer Entwicklungshemmung des Ichs wissen wir noch 
zu wenig. Dies wären also die Fälle von Neurose mit wesentlich 
konstitutioneller Grundlage. Ohne irgendeine solche konstitutionelle, 
kongenitale Begünstigung kommt wohl kaum eine Neurose zustande. 

Wenn aber die relative Schwäche des Ichs das für die Entstehung 
der Neurose entscheidende Moment ist, so muß es auch möglich 
sein, daß eine spätere körperliche Erkrankung eine Neurose erzeugt, 
wenn sie nur eine Schwächung des Ichs herbeiführen kann. Und 
das ist wiederum im reichen Ausmaß der Fall. Eine solche körper- 
liche Störung kann das Triebleben im Es betreffen und die Trieb- 
stärke über die Grenze hinaus steigern, welcher das Ich gewachsen 
ist. Das Normalvorbild solcher Vorgänge wäre etwa die Veränderung 
im Weib durch die Störungen der Menstruation und der Meno- 
pause. Oder eine körperliche Allgemeinerkrankung, ja eine organi- 
sche Erkrankung des nervösen Zentralorgans, greift die Ernährungs- 




---—-.. - ---• 



Die Frage der Laienanalyse 375 

bedingungen des seelischen Apparats an, zwingt ihn, seine Funktion 
herabzusetzen und seine feineren Leistungen, zu denen die Auf- 
rechthaltung der Ichorganisation gehört, einzustellen. In all diesen 
Fällen entsteht ungefähr dasselbe Bild der Neurose; die Neurose hat 
immer den gleichen psychologischen Mechanismus, aber, wie wir 
erkennen, die mannigfachste, oft sehr zusammengesetzte Ätiologie. 

„Jetzt gefallen Sie mir besser, Sie haben endlich gesprochen wie 
ein Arzt. Nun erwarte ich das Zugeständnis, daß eine so kompli- 
zierte ärztliche Sache wie eine Neurose nur von einem Arzt ge- 
handhabt werden kann.' 

Ich besorge, Sie schießen damit über das Ziel hinaus. Was wir 
besprochen haben, war ein Stück Pathologie, bei der Analyse handelt 
es sich um ein therapeutisches Verfahren. Ich räume ein, nein, ich 
fordere, daß der Arzt bei jedem Fall, der für die Analyse in Betracht 
kommt, vorerst die Diagnose stellen soll. Die übergroße Anzahl 
der Neurosen, die uns in Anspruch nehmen, sind zum Glück 
psychogener Natur und pathologisch unverdächtig. Hat der Arzt 
das konstatiert, so kann er die Behandlung ruhig dem Laien- 
analytiker überlassen. In unseren analytischen Gesellschaften ist es 
immer so gehalten worden. Dank dem innigen Kontakt zwischen 
ärztlichen und nichtärztlichen Mitgliedern sind die zu befürchten- 
den Irrungen so gut wie völlig vermieden worden. Es gibt dann 
noch einen zweiten Fall, in dem der Analytiker den Arzt zur Hilfe 
rufen muß. Im Verlaufe der analytischen Behandlung können — 
am ehesten körperliche — Symptome erscheinen, bei denen man 
zweifelhaft wird, ob man sie in den Zusammenhang der Neurose 
aufnehmen oder auf eine davon unabhängige, als Störung auf- 
tretende organische Erkrankung beziehen soll. Diese Entscheidung 
muß wiederum dem Arzt überlassen werden. 

Also kann der Laienanalytiker auch während der Analyse den 
Arzt nicht entbehren. Ein neues Argument gegen seine Brauch- 
barkeit." 

Nein, aus dieser Möglichkeit läßt sich kein Argument gegen 



/ 



376 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

den Laienanalytiker schmieden, denn der ärztliche Analytiker würde 
im gleichen Falle nicht anders handeln. 

„Das verstehe ich nicht." 

Es besteht nämlich die technische Vorschrift, daß der Analytiker, 
wenn solch zweideutige Symptome während der Behandlung auf- 
tauchen, sie nicht seinem eigenen Urteil unterwirft, sondern von 
einem der Analyse fernstehenden Arzt, etwa einem Internisten, 
begutachten läßt, auch wenn er selbst Arzt ist und seinen medi- 
zinischen Kenntnissen noch vertraut. 

„Und warum ist etwas, was mir so überflüssig erscheint, vor- 
geschrieben?" 

Es ist nicht überflüssig, hat sogar mehrere Begründungen. Erstens 
läßt sich die Vereinigung organischer und psychischer Behandlung 
in einer Hand nicht gut durchführen, zweitens kann das Verhältnis 
der Übertragung es dem Analytiker unratsam machen, den Kranken 
körperlich zu untersuchen, und drittens hat der Analytiker allen 
Grund, an seiner Unbefangenheit zu zweifeln, da sein Interesse so 
intensiv auf die psychischen Momente eingestellt ist. 

„Ihre Stellung zur Laienanalyse wird mir jetzt klar. Sie beharren 
dabei, daß es Laienanalytiker geben muß. Da Sie deren Unzuläng- 
lichkeit für ihre Aufgabe aber nicht bestreiten können, tragen Sie 
alles zusammen, was zur Entschuldigung und Erleichterung ihrer 
Existenz dienen kann. Ich sehe aber überhaupt nicht ein, wozu 
es Laienanalytiker geben soll, die doch nur Therapeuten zweiter 
Klasse sein können. Ich will meinetwegen von den paar Laien 
absehen, die bereits zu Analytikern ausgebildet sind, aber neue 
sollten nicht geschaffen werden und die Lehrinstitute müßten sich 
verpflichten, Laien nicht mehr zur Ausbildung anzunehmen.' 

Ich bin mit Ihnen einverstanden, wenn sich zeigen läßt, daß 
durch diese Einschränkung allen in Betracht kommenden Inter- 
essen gedient ist. Gestehen Sie mir zu, daß diese Interessen von 
dreierlei Art sind, das der Kranken, das der Ärzte und — last 
not least — das der Wissenschaft, das ja die Interessen aller zu- 



Die Frage der Laienanalyse 377 

künftigen Kranken miteinschließt. Wollen wir diese drei Punkte 
mit einander untersuchen? 

Nun, für den Kranken ist es gleichgiltig, ob der Analytiker 1/ 
Arzt ist oder nicht, wenn nur die Gefahr einer Verkennung seines 
Zustandes durch die angeforderte ärztliche Begutachtung vor Beginn 
der Behandlung und bei gewissen Zwischenfällen während der- 
selben ausgeschaltet wird. Für ihn ist es ungleich wichtiger, daß 
der Analytiker über die persönlichen Eigenschaften verfügt, die 
ihn vertrauenswürdig machen, und daß er jene Kenntnisse und 
Einsichten sowie jene Erfahrungen erworben hat, die ihn allein 
zur Erfüllung seiner Aufgabe befähigen. Man könnte meinen, daß 
es der Autorität des Analytikers schaden muß, wenn der Patient 
weiß, daß er kein Arzt ist und in manchen Situationen der 
Anlehnung an den Arzt nicht entbehren kann. Wir haben es 
selbstverständlich niemals unterlassen, die Patienten über die 
Qualifikation des Analytikers zu unterrichten, und konnten uns 
überzeugen, daß die Standesvorurteile bei ihnen keinen Anklang 
finden, daß sie bereit sind, die Heilung anzunehmen, von_welcher_ 
Seite immer sie ihnen geboten wird, was übrigens der Ärztestand 
zu seiner lebhaften Kränkung längst erfahren hat. Auch sind ja 
die Laienanalytiker, die heute Analyse ausüben, keine beliebigen, 
hergelaufenen Individuen, sondern Personen von akademischer 
Bildung, Doktoren der Philosophie, Pädagogen und einzelne Frauen 
von großer Lebenserfahrung und überragender Persönlichkeit. Die 
Analyse, der sich alle Kandidaten eines analytischen Lehrinstituts 
unterziehen müssen, ist gleichzeitig der beste Weg, um über ihre 
persönliche Eignung zur Ausübung der anspruchsvollen Tätigkeit 
Aufschluß zu gewinnen. 

Nun zum Interesse d er Ä rzte. Ich kann nicht glauben, daß es j? , 
durch die Einverleibung der Psychoanalyse in die Medizin zu / 
gewinnen hat. Das medizinische Studium dauert jetzt schon fünf 
Jahre, die Ablegung der letzten Prüfungen reicht weit in ein 
sechstes Jahr. Alle paar Jahre tauchen neue Ansprüche an den 



378 Schriften aus den Jahren 1926— 1 9 28 



Studenten auf, ohne deren Erfüllung seine Ausrüstung für seine 
Zukunft als unzureichend erklärt werden müßte. Der Zugang 
zum ärztlichen Beruf ist ein sehr schwerer, seine Ausübung weder 
sehr befriedigend noch sehr vorteilhaft. Macht man sich die 
gewiß vollberechtigte Forderung zu eigen, daß der Ar/t auch mit 
der seelischen Seite des Krankseins vertraut sein müsse, und dehnt 
darum die ärztliche Erziehung auf ein Stück Vorbereitung für die 
Analyse aus, so bedeutet das eine weitere Vergrößerung des Lehr- 
stoffes und die entsprechende Verlängerung der Studenten jähre. 
Ich weiß nicht, ob die Ärzte von einer solchen Folgerung aus 
ihrem Anspruch auf die Psychoanalyse befriedigt sein werden. Sie 
läßt sich aber kaum abweisen. Und dies in einer Zeitperiode, da 
die Bedingungen der materiellen Existenz sich für die Stände, 
aus denen sich die Ärzte rekrutieren, so sehr verschlechtert haben, 
daß die junge Generation sich dazu gedrängt sieht, sich möglichst 
bald selbst zu erhalten. 

Sie wollen aber vielleicht das ärztliche Studium nicht mit der 
Vorbereitung für die analytische Praxis belasten und halten es für 
zweckmäßiger, daß die zukünftigen Analytiker sich erst nach Voll- 
endung ihrer medizinischen Studien um die erforderliche Ausbildung 
bekümmern. Sie können sagen, daß der dadurch verursachte Zeit- 
verlust praktisch nicht in Betracht kommt, weil ein junger Mann 
vor dreißig Jahren doch niemals das Zutrauen beim Patienten 
genießen wird, welches die Bedingung einer seelischen Hilfe- 
leistung ist. Darauf wäre zwar zu antworten, daß auch der 
neugebackene Arzt für körperliche Leiden nicht auf allzu großen 
Respekt bei den Kranken zu rechnen hat, und daß der junge 
Analytiker seine Zeit sehr wohl damit ausfüllen könnte, an einer 
psychoanalytischen Poliklinik unter der Kontrolle erfahrener 
Praktiker zu arbeiten. 

Wichtiger erscheint mir aber, daß Sie mit diesem Vorschlag 
eine Kraftvergeudung befürworten, die in diesen schweren Zeiten 
wirklich keine ökonomische Rechtfertigung finden kann. Die 



Die Frage der Laienanalyse 57g 

analytische Ausbildung überschneidet zwar den Kreis der ärztlichen 
Vorbereitung, schließt diesen aber nicht ein und wird nicht von 
ihm eingeschlossen. Wenn man, was heute noch phantastisch 
klingen mag, eine psychoanalytische Hochschule zu gründen hätte, 
so müßte an dieser vieles gelehrt werden, was auch die medi- 
zinische Fakultät lehrt: neben der Tiefenpsychologie, die immer 
das Hauptstück bleiben würde, eine Einführung in die Biologie, 
in möglichst großem Umfang die Kunde vom Sexualleben, eine 
Bekanntheit mit den Krankheitsbildern der Psychiatrie. Anderseits 
würde der analytische Unterricht auch Fächer umfassen, die dem 
Arzt ferne liegen und mit denen er in seiner Tätigkeit nicht 
zusammenkommt: Kulturgeschichte, Mythologie, Religionspsycho- 
logie und Literaturwissenschaft. Ohne eine gute Orientierung auf 
diesen Gebieten steht der Analytiker einem großen Teil seines 
Materials verständnislos gegenüber. Dafür kann er die Hauptmasse 
dessen, was die medizinische Schule lehrt, für seine Zwecke nicht 
gebrauchen. Sowohl die Kenntnis der Fußwurzelknochen, als auch 
die der Konstitution der Kohlenwasserstoffe, des Verlaufs der Hirn- 
nervenfasern, alles, was die Medizin über bazilläre Krankheits- 
erreger und deren Bekämpfung, über Serumreaktioiien und Gewebs- 
neubildungen an den Tag gebracht hat: alles gewiß an sich höchst 
schätzenswert, ist für ihn doch völlig belanglos, geht ihn nichts 
an, hilft ihm weder direkt dazu, eine Neurose zu verstehen und 
zu heilen, noch trägt dieses Wissen zur Schärfung jener intellek- 
tuellen Fähigkeiten bei, an welche seine Tätigkeit die größten 
Anforderungen stellt. Man wende nicht ein, der Fall liege so 
ähnlich, wenn sich der Arzt einer anderen medizinischen Spezialität, 
z. B. der Zahnheilkunde, zuwendet. Auch dann kann er manches 
nicht brauchen, worüber er Prüfung ablegen mußte, und muß 
vieles dazulernen, worauf ihn die Schule nicht vorbereitet hatte. 
Die beiden Fälle sind doch nicht gleichzusetzen. Auch für die 
Zahnheilkunde behalten die großen Gesichtspunkte der Pathologie, 
die Lehren von der Entzündung, Eiterung, Nekrose, von der 



380 Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 

Wechselwirkung der Körperorgane ihre Bedeutung; den Analytiker 
führt seine Erfahrung aber in eine andere Welt mit anderen 
Phänomenen und anderen Gesetzen. Wie immer sich die Philosophie 
über die Kluft zwischen Leiblichem und Seelischem hinwegsetzen 
mag, für unsere Erfahrung besteht sie zunächst und gar für 
unsere praktischen Bemühungen. 

Es ist ungerecht und unzweckmäßig, einen Menschen, der den 
andern von der Pein einer Phobie oder einer Zwangsvorstellung 
befreien will, zum Umweg über das medizinische Studium zu 
zwingen. Es wird auch keinen Erlbig haben, wenn es nicht gelingt, 
die Analyse überhaupt zu unterdrücken. Stellen Sie sich eine 
Landschaft vor, in der zu einem gewissen Aussichtspunkt zwei 
Wege führen, der eine kurz und geradlinig, der andere lang, 
gewunden und umwegig. Den kurzen Weg versuchen Sie durch 
eine Verbottafel zu sperren, vielleicht, weil er an einigen Blumen- 
beeten vorbeiführt, die Sie geschont wissen wollen. Sie haben nur 
dann Aussicht, daß Ihr Verbot respektiert wird, wenn der kurze 
Weg steil und mühselig ist, während der längere sanft aufwärts 
führt. Verhält es sich aber anders und ist im Gegenteil der Umweg 
der beschwerlichere, so können Sie leicht den Nutzen Ihres Verbots 
und das Schicksal Ihrer Blumenbeete erraten. Ich besorge, Sie 
werden die Laien ebensowenig zwingen können, Medizin zu 
studieren, wie es mir gelingen wird, die Ärzte zu bewegen, daß 
sie Analyse lernen. Sie kennen ja auch die menschliche Natur. 

„Wenn Sie recht haben, daß die analytische Behandlung nicht 
ohne besondere Ausbildung auszuüben ist, daß aber das medi- 
zinische Studium die Mehrbelastung durch eine Vorbereitung dafür 
nicht verträgt, und daß die medizinischen Kenntnisse für den 
Analytiker großenteils überflüssig- sind, wohin kommen wir dann 
mit der Erzielung der idealen ärztlichen Persönlichkeit, die allen 
Aufgaben ihres Berufes gewachsen sein soll?" 

Ich kann nicht vorhersehen, welcher der Ausweg aus diesen 
Schwierigkeiten sein wird, bin auch nicht dazu berufen, ihn an- 






Die Frage der Laienanalyse 581 

zugeben. Ich sehe nur zweierlei, erstens, daß die Analyse für Sie 
eine Verlegenheit ist, sie sollte am besten nicht existieren, — 
gewiß, auch der Neurotiker ist eine Verlegenheit, — und zweitens, 
daß vorläufig allen Interessen Rechnung getragen wird, wenn sich 
die Ärzte entschließen, eine Klasse von Therapeuten zu tolerieren, 
die ihnen die mühselige Behandlung der so enorm häufigen 
psychogenen Neurosen abnimmt und zum Vorteil dieser Kranken 
in steter Fühlung mit ihnen bleibt. 

„Ist das Ihr letztes Wort in dieser Angelegenheit, oder haben 
Sie noch etwas zu sagen?" 

Gewiß, ich wollte ja noch ein drittes Interesse in Betracht ziehen, 
das der Wissenschaft. Was ich da zu sagen habe, wird Ihnen wenig 3/ 
nahe gehen, desto mehr bedeutet es mir. 

Wir halten es nämlich gar nicht für wünschenswert, daß die Psycho- 
analyse von der Medizin verschluckt werde und dann ihre end- 
giltige Ablagerung im Lehrbuch der Psychiatrie finde, im Kapitel 
Therapie, nebenVerfahren wie hypnotische Suggestion, Autosuggestion, 
Persuasion, die, aus unserer Unwissenheit geschöpft, ihre kurzlebigen 
Wirkungen der Trägheit und Feigheit der Menschenmassen danken. 
Sie verdient ein besseres Schicksal und wird es hoffentlich haben. 
Als „Tiefenpsychologie", Lehre vom seelisch Unbewußten, kann sie 
all den Wissenschaften unentbehrlich werden, die sich mit der 
Entstehungsgeschichte der menschlichen Kultur und ihrer großen 
Institutionen wie Kunst, Religion und Gesellschaftsordnung be- 
schäftigen. Ich meine, sie hat diesen Wissenschaften schon bis jetzt 
ansehnliche Hilfe zur Lösung ihrer Probleme geleistet, aber dies sind 
nur kleine Beiträge im Vergleich zu dem, was sich erreichen ließe, 
wenn Kulturhistoriker, Religionspsychologen, Sprachforscher usw. 
sich dazu verstehen werden, das ihnen zur Verfügung gestellte 
neue Forschungsmittel selbst zu handhaben. Der Gebrauch der 
Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine ihrer Anwendungen; 
vielleicht wird die Zukunft zeigen, daß sie nicht die wichtigste 
ist. Jedenfalls wäre es unbillig, der einen Anwendung alle anderen 






h . 



382 



Schriften aus den Jahren 1926 — 192$ 






zu opfern, bloß weil dies Anwendungsgebiet sich mit dem Kreis 
ärztlicher Interessen berührt. 

Denn hier entrollt sich ein weiter Zusammenhang, in den man 
nicht ohne Schaden eingreifen kann. Wenn die Vertreter der ver- 
schiedenen Geisteswissenschaften die Psychoanalyse erlernen sollen, 
um deren Methoden und Gesichtspunkte auf ihr Material anzu- 
wenden, so reicht es nicht aus, daß sie sich an die Ergebnisse 
halten, die in der analytischen Literatur niedergelegt sind. Sie 
werden die Analyse verstehen lernen müssen auf dem einzigen 
Weg, der dazu offen siebt, indem sie sich selbst einer Analyse 
unterziehen. Zu den Neurotikern, die der Analyse bedürfen, käme" 
so eine zweite Klasse von Personen hinzu, die die Analyse aus 
intellektuellen Motiven annehmen, die nebenbei erzielte Erhöhung 
ihrer Leistungsfähigkeit aber gewiß gerne begrüßen werden. Zur 
Durchführung dieser Analysen bedarf es einer Anzahl von Ana- 
lytikern, für die etwaige Kenntnisse in der Medizin besonders 
geringe Bedeutung haben werden. Aber diese — Lehranalytiker 
wollen wir sie heißen — müssen eine besonders sorgfältige Aus- 
bildung erfahren haben. Will man ihnen diese nicht verkümmern, 
so muß man ihnen Gelegenheit geben, Erfahrungen an lehrreichen 
und beweisenden Fällen zu sammeln, und da gesunde Menschen, 
denen auch das Motiv der Wißbegierde abgeht, sich nicht einer 
Analyse unterziehen, können es wiederum nur Neurotiker sein, 
an denen — unter sorgsamer Kontrolle die Lehranalytiker für 
ihre spätere, nichtärztliche Tätigkeit erzogen werden. Das Ganze 
erfordert aber ein gewisses Maß von Bewegungsfreiheit und ver- 
trägt keine kleinlichen Beschränkungen. 

Vielleicht glauben Sie nicht an diese rein theoretischen Inter- 
essen der Psychoanalyse oder wollen ihnen keinen Einfluß auf die 
praktische Frage der Laienanalyse einräumen. Dann lassen Sie sich 
mahnen, daß es noch ein anderes Anwendungsgebiet der Psycho- 
analyse gibt, das dem Bereich des Kurpfuschergesetzes entzogen 
ist und auf das die Ärzte kaum Anspruch erbeben werden. Ich 



Die Frage der Laienanalyse 585 

meine ihre Verwendung in der Pädagogik. Wenn ein Kind anfangt, 
die Zeichen einer unerwünschten Entwicklung zu äußern, ver- 
stimmt, störrisch und unaufmerksam wird, so wird der Kinderarzt 
und selbst der Schularzt nichts für dasselbe tun können, selbst 
dann nicht, wenn das Kind deutliche nervöse Erscheinungen wie 
Ängstlichkeiten, Eßunlust, Erbrechen, Schlafstörung produziert. Eine 
Behandlung, die analytische Beeinflussung mit erzieherischen Maß- 
nahmen vereinigt, von Personen ausgeführt, die es nicht verschmähen, 
sich um die Verhältnisse des kindlichen Milieus zu bekümmern, 
und die es verstehen, sich den Zugang zum Seelenleben des Kindes 
zu bahnen, bringt in einem beides zustande, die nervösen Sym- 
ptome aufzuheben und die beginnende Charakterveränderung rück- 
gängig zu machen. Unsere Einsicht in die Bedeutung der oft un- 
scheinbaren Kinderneurosen als Disposition für schwere Erkran- 
kungen des späteren Lebens weist uns auf diese Kinderanalysen 
als einen ausgezeichneten Weg der Prophylaxis hin. Es gibt un- 
leugbar noch Feinde der Analyse; ich weiß nicht, welche Mittel 
ihnen zu Gebote stehen, um auch der Tätigkeit dieser pädagogi- 
schen Analytiker oder analytischen Pädagogen in den Arm zu 
fallen, halte es auch für nicht leicht möglich. Aber freilich, man 
soll sich nie zu sicher fühlen. 

Übrigens, um zu unserer Frage der analytischen Behandlung 
erwachsener Nervöser zurückzukehren, auch hier haben wir noch 
nicht alle Gesichtspunkte erschöpft. Unsere Kultur übt einen fast 
unerträglichen Druck auf uns aus, sie verlangt nach einem Kor- 
rektiv. Ist es zu phantastisch zu erwarten, daß die Psychoanalyse 
trotz ihrer Schwierigkeiten zur Leistung berufen sein könnte, die 
Menschen für ein solches Korrektiv vorzubereiten ? Vielleicht kommt 
noch einmal ein Amerikaner auf den Einfall, es sich ein Stück 
Geld kosten zu lassen, um die social workers seines Landes ana- 
lytisch zu schulen und eine Hilfstruppe zur Bekämpfung der 
kulturellen Neurosen aus ihnen zu machen. 

„Aha, eine neue Art von Heilsarmee." 



384 Schriften aus den Jahren 1926— 192S ■ 

Warum nicht, unsere Phantasie arbeitet ja immer nach Mustern. 
Der Strom von Lernbegierigen, der dann nach Europa fluten wird, 
wird an Wien vorbeigehen müssen, denn hier mag die analytische 
Entwicklung einem frühzeitigen Verbottrauma erlegen sein. Sie 
lächeln? Ich sage das nicht, um Ihr Urteil zu bestechen, gewiß 
nicht. Ich weiß ja, Sie schenken mir keinen Glauben, kann Ihnen 
auch nicht dafür einstehen, daß es so kommen wird. Aber eines 
weiß ich. Es ist nicht gar so wichtig, welche Entscheidung Sie 
in der Frage der Laienanalyse fällen. Es kann eine lokale Wir- 
kung haben. Aber das, worauf es ankommt, die inneren Entwick- 
lungsmöglichkeiten der Psychoanalyse sind doch durch Verordnungen 
und Verbote nicht zu treffen. 



NACHWORT 
ZUR „FRAGE DER LAI ENANALYS E« 



w 



Der unmittelbare Anlaß zur Abfassung meiner kleinen Schrift, 
an welche die hier vorstehenden Diskussionen 1 anknüpfen, war 
die Anklage unseres nichtärztlichen Kollegen Dr. Th. Reik wegen 
Kurpfuscherei bei der Wiener Behörde. Es dürfte allgemein bekannt 
geworden sein, daß diese Klage fallen gelassen wurde, nachdem 
alle Vorerhebungen durchgeführt und verschiedene Gutachten ein- 
geholt worden waren. Ich glaube nicht, daß dies ein Erfolg meines 
Buches war; der Fall lag wohl zu ungünstig für die Klageführung 
und die Person, die sich als geschädigt beschwert hatte, erwies 
sich als wenig vertrauenswürdig. Die Einstellung des Verfahrens 
gegen Dr. Reik hat wahrscheinlich nicht die Bedeutung einer 
prinzipiellen Entscheidung des Wiener Gerichts in der Frage der 
Laienanalyse. Als ich die Figur des „unparteiischen" Partners in 
meiner Tendenzschrift schuf, schwebte mir die Person eines unserer 
hohen Funktionäre vor, eines Mannes von wohlwollender Gesinnung 
und nicht gewöhnlicher Integrität, mit dem ich selbst ein Gespräch 
über die Causa Reik geführt und dem ich dann, wie er gewünscht, 
ein privates Gutachten darüber überreicht hatte. Ich wußte, daß 

l) [Dieses Nachwort ist am Schluß einer Diskussion veröffentlicht worden, die von der 
„Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse 11 im Sommer 192J (in Heft 2 und j des 
XIII. Jahrganges) über die Frage der Laienanalyse veranstaltet wurde.] 

Freud XI. 23 



3 86 Schriften aus den Jahren 1 9 26— 1 928 

es mir nicht gelungen war, ihn zu meiner Ansicht zu bekehren, 
und darum ließ ich auch meinen Dialog mit dem Unparteiischen 
nicht in eine Einigung ausgehen. 

Ich habe auch nicht erwartet, daß es mir gelingen werde, eine 
einheitliche Stellungnahme zum Problem der Laienanalyse bei den 
Analytikern selbst herbeizuführen. Wer in dieser Sammlung die 
Äußerung der Ungarischen Gesellschaft mit der der New Yorker 
Gruppe zusammenhält, wird vielleicht annehmen, meine Schrift 
habe gar nichts ausgerichtet, jedermann halte den Standpunkt fest, 
den er auch vorher vertreten. Allein auch dies glaube ich nicht. 
Ich meine, viele Kollegen werden ihre extreme Parteinahme er- 
mäßigt haben, die meisten haben meine Auffassung angenommen, 
daß das Problem der Laienanalyse nicht nach hergebrachten Ge- 
pflogenheiten entschieden werden darf, sondern einer neuartigen 
Situation entspringt und darum eine neue Urteilsfällung fordert. 

Auch die Wendung, die ich der ganzen Frage gegeben, scheint 
Beifall gefunden zu haben. Ich hatte ja den Satz in den Vorder- 
grund gerückt, es käme nicht darauf an, ob der Analytiker ein 
ärztliches Diplom besitzt, sondern ob er die besondere Ausbildung 
erworben hat, deren es zur Ausübung der Analyse bedarf. Daran 
konnte die Frage anknüpfen, über die die Kollegen so eifrig 
diskutiert haben, welche die für den Analytiker geeignetste Aus- 
bildung sei. Ich meinte und vertrete es auch jetzt, es sei nicht 
die, welche die Universität dem künftigen Arzt vorschreibt. Die 
sogenannte ärztliche Ausbildung erscheint mir als ein beschwerlicher 
Umweg zum analytischen Beruf, sie gibt dem Analytiker zwar 
vieles, was ihm unentbehrlich ist, lädt ihm aber außerdem zuviel 
auf, was er nie verwerten kann, und bringt die Gefahr mit sich, 
daß sein Interesse wie seine Denkweise von der Erfassung der 
psychischen Phänomene abgelenkt wird. Der Unterrichtsplan für 
den Analytiker ist erst zu schaffen, er muß geisteswissenschaftlichen 
Stoff, psychologischen, kulturhistorischen, soziologischen ebenso um- 
fassen wie anatomischen, biologischen und entwicklungsgeschicht- 



Nachwort zur „Frage der Laienanalyse 11 387 

liehen. Es gibt dabei soviel zu lehren, daß man gerechtfertigt ist, 
aus dem Unterricht wegzulassen, was keine direkte Beziehung zur 
analytischen Tätigkeit hat und nur indirekt wie jedes andere Studium 
zur Schulung des Intellekts und der sinnlichen Beobachtung bei- 
tragen kann. Es ist bequem, gegen diesen Vorschlag einzuwenden, 
solche analytische Hochschulen gebe es nicht, das sei eine Ideal- 
forderung. Jawohl, ein Ideal, aber eines, das realisiert werden kann 
und realisiert werden muß. Unsere Lehrinstitute sind bei all ihrer 
jugendlichen Unzulänglichkeit doch bereits der Beginn einer solchen 
Realisierung. 

Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein, daß ich im vor- 
stehenden etwas wie selbstverständlich vorausgesetzt habe, was in 
den Diskussionen noch heftig umstritten wird. Nämlich, daß die 
Psychoanalyse kein Spezialfach der Medizin ist. Ich sehe nicht, 
wie man sich sträuben kann, das zu erkennen. Die Psychoanalyse 
ist ein Stück Psychologie, auch nicht medizinische Psychologie im 
alten Sinne oder Psychologie der krankhaften Vorgänge, sondern 
Psychologie schlechtweg, gewiß nicht das Ganze der Psychologie, 
sondern ihr Unterbau, vielleicht überhaupt ihr Fundament. Man 
lasse sich durch die Möglichkeit ihrer Anwendung zu medizinischen 
Zwecken nicht irreführen, auch die Elektrizität und die Röntgen- 
strahlen haben Verwendung in der Medizin gefunden, aber die 
Wissenschaft von beiden ist doch die Physik. Auch historische 
Argumente können an dieser Zugehörigkeit nichts ändern. Die 
ganze Lehre von der Elektrizität hat ihren Ausgang von einer 
Beobachtung am Nervmuskelpräparat genommen, darum fällt es 
heute doch niemand ein zu behaupten, sie sei ein Stück der 
Physiologie. Für die Psychoanalyse bringt man vor, sie sei doch 
von einem Arzt erfunden worden bei seinen Bemühungen Kranken 
zu helfen. Aber das ist für ihre Beurteilung offenbar gleichgiltig. 
Auch ist dies historische Argument recht gefährlich. In seiner 
Fortsetzung könnte man daran erinnern, wie unfreundlich, ja, wie 
gehässig abweisend sich die Ärzteschaft von Anfang an gegen die 

25" 



588 Schriften aus den Jahren 1926 — 1$28 






Analyse benommen hat 5 daraus würde folgern, daß sie auch heute 
kein Anrecht auf die Analyse hat. Und wirklich — obwohl ich 
eine solche Folgerung zurückweise — ich bin noch heute miß- 
trauisch, ob die Werbung der Ärzte um die Psychoanalyse vom 
Standpunkt der Libidotheorie auf die erste oder die zweite der 
Abrahamschen Unterstufen zurückzuführen ist, ob es sich dabei 
um eine Besitzergreifung mit der Absicht der Zerstörung oder der 
Erhaltung des Objekts handelt. 

Um beim historischen Argument noch einen Augenblick zu 
verweilen: da es sich um meine Person handelt, kann ich dem, der 
sich dafür interessiert, einigen Einblick in meine eigenen Motive 
geben. Nach 41 jähriger ärztlicher Tätigkeit sagt mir meine Selbst- 
erkenntnis, ich sei eigentlich kein richtiger Arzt gewesen. Ich bin 
Arzt geworden durch eine mir aufgedrängte Ablenkung meiner 
ursprünglichen Absicht und mein Lebenstriumph liegt darin, daß 
ich nach großem Umweg die anfängliche Richtung wieder gefunden 
habe. Aus frühen Jahren ist mir nichts von einem Bedürfnis, leidenden 
Menschen zu helfen, bekannt, meine sadistische Veranlagung war 
nicht sehr groß, so brauchte sich dieser ihrer Abkömmlinge nicht 
zu entwickeln. Ich habe auch niemals „Doktor" gespielt, meine 
infantile Neugierde ging offenbar andere Wege. In den Jugend- 
jahren wurde das Bedürfnis, etwas von den Rätseln dieser Welt 
zu verstehen und vielleicht selbst etwas zu ihrer Lösung beizutragen, 
übermächtig. Die Inskription an der medizinischen Fakultät schien 
der beste Weg dazu, aber dann versuchte ich's — erfolglos — mit 
der Zoologie und der Chemie, bis ich unter dem Einfluß v. Brückes, 
der größten Autorität, die je auf mich gewirkt hat, an der Physiologie 
haften blieb, die sich damals freilich zu sehr auf Histologie ein- 
schränkte. Ich hatte dann bereits alle medizinischen Prüfungen 
abgelegt, ohne mich für etwas Ärztliches zu interessieren, bis ein 
Mahnwort des verehrten Lehrers mir sagte, daß ich in meiner 
armseligen materiellen Situation eine theoretische Laufbahn ver- 
meiden müßte. So kam ich von der Histologie des Nervensystems 



Nachwort zur „Frage der Laienanalyse" 589 

zur Neuropathologie und auf Grund neuer Anregungen zur Be- 
mühung um die Neurosen. Ich meine aber, mein Mangel an der 
richtigen ärztlichen Disposition hat meinen Patienten nicht sehr 
geschadet. Denn der Kranke hat nicht viel davon, wenn das 
therapeutische Interesse beim Arzt affektiv überbetont ist. Für ihn 
ist es am besten, wenn der Arzt kühl und möglichst korrekt arbeitet. 
Der vorstehende Bericht hat gewiß wenig zur Klärung des 
Problems der Laienanalyse beigetragen. Er sollte bloß meine per- 
sönliche Legitimation bekräftigen, wenn gerade ich für den Eigen- 
wert der Psychoanalyse und ihre Unabhängigkeit von ihrer medi- 
zinischen Anwendung eintrete. Man wird mir aber hier entgegen- 
halten, ob die Psychoanalyse als Wissenschaft ein Teilgebiet der 
Medizin oder der Psychologie ist, sei eine Doktorfrage, praktisch 
ganz uninteressant. Was in Rede stehe, sei etwas anderes, eben 
die Verwendung der Analyse zur Behandlung von Kranken, und 
insofern sie dies beanspruche, müsse sie sich's gefallen lassen, als 
Spezialfach in die Medizin aufgenommen zu werden, wie z. B. die 
Röntgenologie, und sich den für alle therapeutischen Methoden 
geltenden Vorschriften unterwerfen. Ich anerkenne das, gestehe es 
zu, ich will nur verhütet wissen, daß die Therapie die Wissenschaft 
erschlägt. Leider reichen alle Vergleiche nur ein Stück weit, es 
kommt dann ein Punkt, von dem an die beiden Verglichenen 
auseinandergehen. Der Fall der Analyse liegt anders als der der 
Röntgenologie ; die Physiker brauchen den kranken Menschen nicht, 
um die Gesetze der Röntgenstrahlen zu studieren. Die Analyse 
aber hat kein anderes Material als die seelischen Vorgänge des 
Menschen, kann nur am Menschen studiert werden ; infolge be- 
sonderer leicht begreiflicher Verhältnisse ist der neurotische Mensch 
weit lehrreicheres und zugänglicheres Material als der Normale, 
und wenn man einem, der die Analyse erlernen und anwenden 
will, dies Material entzieht, hat man ihn um die gute Hälfte seiner 
Bildungsmöglichkeiten verkürzt. Es liegt mir natürlich ferne, zu 
fordern, daß das Interesse des neurotisch Kranken dem des Unter- 



39 o Schriften aus den Jahren 1926—192S 



richte und der wissenschaftlichen Forschung zum Opfer gebracht 
werde. Meine kleine Schrift zur Frage der Laienanalyse bemüht 
sich eben zu zeigen, daß unter Beobachtung gewisser Kautelen 
beiderlei Interessen sehr wohl in Einklang gebracht werden können, 
und daß eine solche Lösung nicht zuletzt auch dem richtig ver- 
standenen ärztlichen Interesse dient. 

Diese Kautelen habe ich alle selbst angeführt; ich darf sagen, 
die Diskussion hat hier nichts Neues hinzugefügt; ich möchte noch 
aufmerksam machen, sie hat oft die Akzente in einer Weise ver- 
teilt, die der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Es ist alles richtig, 
was über die Schwierigkeit der Differentialdiagnose, die Unsicher- 
heit in der Beurteilung körperlicher Symptome in vielen Fällen 
gesagt wurde, was also ärztliches Wissen oder ärztliche Einmengung 
notwendig macht, aber die Anzahl der Fälle, in denen solche 
Zweifel überhaupt nicht auftauchen, der Arzt nicht gebraucht wird, 
ist doch noch ungleich größer. Diese Fälle mögen wissenschaftlich 
recht uninteressant sein, im Leben spielen sie eine genug wichtige 
Rolle, um die Tätigkeit des Laienanalytikers, der ihnen vollauf 
gewachsen ist, zu rechtfertigen. Ich habe vor einiger Zeit einen 
Kollegen analysiert, der eine besonders scharfe Ablehnung dagegen 
entwickelte, daß jemand sich eine ärztliche Tätigkeit gestatte, der 
nicht selbst Arzt ist. Ich konnte ihm sagen: Wir arbeiten jetzt 
länger als drei Monate. An welcher Stelle unserer Analyse war 
ich veranlaßt, mein ärztliches Wissen in Anspruch zu nehmen? 
Er gestand zu, daß sich kein Anlaß dafür gefunden hatte. 

Auch das Argument, daß der Laienanalytiker, weil er bereit 
sein muß, den Arzt zu konsultieren, beim Kranken keine Autorität 
erwerben und kein höheres Ansehen als das eines Heilgehilfen, 
Masseurs u. dgl. erreichen kann, schätze ich nicht hoch ein. Die 
Analogie dürfte wiederum nicht zutreffen, abgesehen davon, daß 
der Kranke die Autorität nach seiner Gefühlsübertragung zu ver- 
leihen pflegt, und daß der Besitz eines ärztlichen Diploms ihm 
lange nicht so imponiert, wie der Arzt glaubt. Der berufsmäßige 



Nachwort zur „Frage der Laienanalyse" 591 

Laienanalytiker wird es nicht schwer haben, sich das Ansehen zu 
verschaffen, das ihm als einem weltlichen Seelsorger gebührt. Mit 
der Formel „Weltliche Seelsorge" könnte man überhaupt die Funk- 
tion beschreiben, die der Analytiker, sei er nun Arzt oder Laie, 
dem Publikum gegenüber zu erfüllen hat. Unsere Freunde unter 
den protestantischen und neuerlich auch katholischen Geistlichen 
befreien oft ihre Pfarrkinder von ihren Lebenshemmungen, indem 
sie ihre Gläubigkeit herstellen, nachdem sie ihnen ein Stück ana- 
lytischer Aufklärung über ihre Konflikte geboten haben. Unsere 
Gegner, die Ad ler sehen Individualpsychologen, erstreben dieselbe 
Änderung bei den haltlos und untüchtig Gewordenen, indem sie 
ihr Interesse für soziale Gemeinschaft wecken, nachdem sie ihnen 
einen einzigen Winkel ihres Seelenlebens beleuchtet und ihnen 
gezeigt haben, welchen Anteil ihre egoistischen und mißtrauischen 
Regungen an ihrem Kranksein haben. Beide Verfahren, die ihre 
Kraft der Anlehnung an die Analyse verdanken, haben ihren Platz 
in der Psychotherapie. Wir Analytiker setzen uns eine möglichst 
vollständige und tiefreichende Analyse des Patienten zum Ziel, wir 
wollen ihn nicht durch die Aufnahme in die katholische, protestan- 
tische oder sozialistische Gemeinschaft entlasten, sondern ihn aus 
seinem eigenen Inneren bereichern, indem wir seinem Ich die 
Energien zuführen, die durch Verdrängung unzugänglich in seinem 
Unbewußten gebunden sind, und jene anderen, die das Ich in 
unfruchtbarer Weise zur Aufrechterhaltung der Verdrängungen 
verschwenden muß. Was wir so treiben, ist Seelsorge im besten 
Sinne. Ob wir uns damit ein zu hohes Ziel gesteckt haben? Ob 
auch nur die Mehrzahl unserer Patienten der Mühe wert ist, die 
wir für diese Arbeit verbrauchen? Ob es nicht ökonomischer ist, 
das Defekte von außen zu stützen, als von innen zu reformieren? 
Ich kann es nicht sagen, aber etwas anderes weiß ich. In der 
Psychoanalyse bestand von Anfang ein Junktim zwischen Heilen 
und Forschen, die Erkenntnis brachte den Erfolg, man konnte nicht 
behandeln, ohne etwas Neues zu erfahren, man gewann keine 



392 Schriften aus den Jahre n 1926 — 1928 

Aufklärung, ohne ihre wohltätige Wirkung zu erleben. Unser 
analytisches Verfahren ist das einzige, bei dem dies kostbare Zu- 
sammentreffen gewahrt bleibt. Nur wenn wir analytische Seelsorge 
treiben, vertiefen wir unsere eben aufdämmernde Einsicht in das 
menschliche Seelenleben. Diese Aussicht auf wissenschaftlichen 
Gewinn war der vornehmste, erfreulichste Zug der analytischen 
Arbeit; dürfen wir sie irgendwelchen praktischen Erwägungen zum 

Opfer bringen? 

Einige Äußerungen in dieser Diskussion erwecken in mir den 
Verdacht, als wäre meine Schrift zur Laienfrage doch in einem 
Punkte mißverstanden worden. Die Ärzte werden gegen mich in 
Schutz genommen, wie wenn ich sie allgemein als untauglich für 
die Ausübung der Analyse erklärt und die Parole ausgegeben hätte, 
ärztlicher Zuzug sei fernzuhalten. Nun, das liegt nicht in meiner 
Absicht. Der Anschein entstand wahrscheinlich daraus, daß ich in 
meiner polemisch angelegten Darstellung die unausgebildeten ärzt- 
lichen Analytiker für noch gefährlicher erklären mußte als die 
Laien. Meine wirkliche Meinung in dieser Frage könnte ich klar 
machen, indem ich einen Zynismus kopiere, der einst im Simpli- 
cissimus über die Frauen vorgebracht wurde. Dort beklagte sich 
einer der Partner über die Schwächen und Schwierigkeiten des 
schöneren Geschlechts, worauf der andere bemerkte: Die Frau ist 
aber doch das Beste, was wir in der Art haben. Ich gestehe es 
zu, solange die Schulen nicht bestehen, die wir uns für die Heran- 
bildung von Analytikern wünschen, sind die ärztlich vorgebildeten 
Personen das beste Material für den künftigen Analytiker. Nur 
darf man fordern, daß sie ihre Vorbildung nicht an Stelle der 
Ausbildung setzen, daß sie die Einseitigkeit überwinden, die durch 
den Unterricht an der medizinischen Schule begünstigt wird, und 
daß sie der Versuchung widerstehen, mit der Endokrinologie und 
dem autonomen Nervensystem zu liebäugeln, wo es darauf ankommt, 
psychologische Tatsachen durch psychologische Hilfsvorstellungen 
zu erfassen. Ebenso teile ich die Erwartung, daß alle die Probleme, 



Nachwort zur „Frage der Laienanalyse" 395 



die sich auf die Zusammenhänge zwischen psychischen Phäno- 
menen und ihren organischen, anatomischen und chemischen Grund- 
lagen beziehen, nur von Personen, die beides studiert haben, also 
von ärztlichen Analytikern, in Angriff genommen werden können. 
Doch sollte man nicht vergessen, daß dies nicht alles an der Psycho- 
analyse ist, und daß wir für deren andere Seite die Mitarbeit von 
Personen, die in den Geisteswissenschaften vorgebildet sind, nie 
entbehren können. Aus praktischen Gründen haben wir, auch für 
unsere Publikationen, die Gewohnheit angenommen, eine ärztliche 
Analyse von den Anwendungen der Analyse zu scheiden. Das ist 
nicht korrekt. In Wirklichkeit verläuft die Scheidungsgrenze zwi- 
schen der wissenschaftlichen Psychoanalyse und ihren Anwendungen 
auf medizinischem und nichtmedizinischem Gebiet. 

Die schroffste Ablehnung der Laienanalyse wird in diesen Dis- 
kussionen von unseren amerikanischen Kollegen vertreten. Ich halte 
es nicht für überflüssig, ihnen durch einige Bemerkungen zu er- 
widern. Es ist kaum ein Mißbrauch der Analyse zu polemischen 
Zwecken, wenn ich die Meinung ausdrücke, daß ihr Widerstand 
sich ausschließlich auf praktische Momente zurückführt. Sie sehen 
in ihrem Lande, daß die Laienanalytiker viel Unfug und Mißbrauch 
mit der Analyse treiben und infolgedessen die Patienten, wie den 
Ruf der Analyse schädigen. Es ist dann begreiflich, daß sie in ihrer 
Empörung weit von diesen gewissenlosen Schädlingen abrücken 
und die Laien von jedem Anteil an der Analyse ausschließen wollen. 
Aber dieser Sachverhalt reicht bereits aus, um die Bedeutung ihrer 
Stellungnahme herabzudrücken. Denn die Frage der Laienanalyse 
darf nicht allein nach praktischen Erwägungen entschieden werden 
und die lokalen Verhältnisse Amerikas können für uns nicht allein 
maßgebend sein. 

Die wesentlich von praktischen Motiven geleitete Resolution 
unserer amerikanischen Kollegen gegen die Laienanalytiker er- 
scheint mir unpraktisch, denn sie kann nicht eines der Momente 
verändern, welche die Sachlage beherrschen. Sie hat etwa den Wert 









394 Schriften aus den Jahren 1 926 — 192S 

eines Versuches zur Verdrängung. Wenn man die Laienanalytiker 
in ihrer Tätigkeit nicht behindern kann, im Kampf gegen sie nicht 
vom Publikum unterstützt wird, wäre es dann nicht zweckmäßiger, 
der Tatsache ihrer Existenz Rechnung zu tragen, indem man ihnen 
Gelegenheiten zur Ausbildung bietet, Einfluß auf sie gewinnt und 
ihnen die Möglichkeit der Approbation durch den Ärztestand und 
der Heranziehung zur Mitarbeiterschaft als Ansporn vorhält, so daß 
sie ein Interesse daran finden, ihr sittliches und intellektuelles 
Niveau zu erhöhen? 












FETISCHISMUS / ^7 

In den letzten Jahren hatte ich Gelegenheit, eine Anzahl von 
Männern, deren Objektwahl von einem Fetisch beherrscht war, 
analytisch zu studieren. Man braucht nicht zu erwarten, daß diese 
Personen des Fetisch wegen die Analyse aufgesucht hatten, denn 
der Fetisch wird wohl von seinen Anhängern als eine Abnormität 
erkannt, aber nur selten als ein Leidenssymptom empfunden; meist 
sind sie mit ihm recht zufrieden oder loben sogar die Erleichte- 
rungen, die er ihrem Liebesleben bietet. Der Fetisch spielte also 
in der Regel die Rolle eines Nebenbefundes. 

Die Einzelheiten dieser Fälle entziehen sich aus naheliegenden 
Gründen der Veröffentlichung. Ich kann darum auch nicht zeigen, 
in welcher Weise zufällige Umstände zur Auswahl des Fetisch bei- 
getragen haben. Am merkwürdigsten erschien ein Fall, in dem ein 
junger Mann einen gewissen „Glanz auf der Nase" zur fetischisti- 
schen Bedingung erhoben hatte. Das fand seine überraschende Auf- 
klärung durch die Tatsache, daß der Patient eine englische Kinder- 
stube gehabt hatte, dann aber nach Deutschland gekommen war, 
wo er seine Muttersprache fast vollkommen vergaß. Der aus den 
ersten Kinderzeiten stammende Fetisch war nicht deutsch, sondern 
englisch zu lesen, der „Glanz auf der Nase" war eigentlich ein 
Blick auf die Nase" (glance = Blick), die Nase war also der Fetisch, 
dem er übrigens nach seinem Belieben jenes besondere Glanzlicht ^^^ 
verlieh, das andere nicht wahrnehmen konnten. 






396 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Die Auskunft, welche die Analyse über Sinn und Absicht des 
Fetisch gab, war in allen Fällen die nämliche. Sie ergab sich so 
ungezwungen und erschien mir so zwingend, daß ich bereit bin, 
dieselbe Lösung allgemein für alle Fälle von Fetischismus zu er- 
warten. Wenn ich nun mitteile, der Fetisch ist ein Penisersatz, so 
werde ich gewiß Enttäuschung hervorrufen. Ich beeile mich darum 
hinzuzufügen, nicht der Ersatz eines beliebigen, sondern eines be- 
stimmten, ganz besonderen Penis, der in frühen Kinderjahren eine 
große Bedeutung hat, aber später verloren geht. Das heißt: er sollte 
normalerweise aufgegeben werden, aber gerade der Fetisch ist dazu 
bestimmt, ihn vor dem Untergang zu behüten. Um es klarer zu 
sagen, der Fetisch ist der Ersatz für den Phallus des Weibes (der 
Mutter), an den das Knäblein geglaubt hat und auf den es — 
wir wissen warum — nicht verzichten will.' 

Der Hergang war also der, daß der Knabe sich geweigert hat, 
die Tatsache seiner Wahrnehmung, daß das Weib keinen Penis 
besitzt, zur Kenntnis zu nehmen. Nein, das kann nicht wahr sein, 
denn wenn das Weib kastriert ist, ist sein eigener Penisbesitz be- 
droht, und dagegen sträubt sich das Stück Narzißmus, mit dem 
die Natur vorsorglich gerade dieses Organ ausgestattet hat. Eine 
,*s€^L- ähnliche Panik wird vielleicht der Erwachsene später erleben, wenn 

yu^y.^ der Schrei ausgegeben wird, Thron und Altar sind in Gefahr, und 

/^*^ «- sie wird zu ähnlich unlogischen Konsequenzen führen. Wenn ich 
nicht irre, würde Laforgue in diesem Falle sagen, der Knabe 
„skotomisiert" die Wahrnehmung des Penismangels beim Weibe. 2 
Ein neuer Terminus ist dann berechtigt, wenn er einen neuen 

x) Diese Deutung ist bereits 1910 in meiner Schrift „Eine Kindheitserinnerung 
des Leonardo da Vinci" ohne Begründung mitgeteilt worden. 

2) Ich berichtige mich aber selbst, indem ich hinzufüge, daß ich die besten Gründe 
habe, anzunehmen, Laforgue würde dies überhaupt nicht sagen. Nach seinen 
k eigenen Ausführungen ist „Skotomisation" ein Terminus, der aus der Deskription 
der Dementia praecox stammt, nicht durch die Übertragung psychoanalytischer Auf- 
fassung auf die Psychosen entstanden ist und auf die Vorgänge der Entwicklung und 
Neurosenbildung keine Anwendung hat. Die Darstellung im Text bemüht sich, diese 
Unverträglichkeit deutlich zu machen. 



Fetischismus 397 



Tatbestand beschreibt oder heraushebt. Das liegt hier nicht vor; 
das älteste Stück unserer psychoanalytischen Terminologie, das Wort 
„Verdrängung", bezieht sich bereits auf diesen pathologischen Vor- 
gang. Will man in ihm das Schicksal der Vorstellung von dem des 
Affekts schärfer trennen, den Ausdruck „Verdrängung" für den 
Affekt reservieren, so wäre für das Schicksal der Vorstellung „Ver- 
leugnung" die richtige deutsche Bezeichnung. „Skotomisation" scheint 
mir besonders ungeeignet, denn es weckt die Idee, als wäre die 
Wahrnehmung glatt weggewischt worden, so daß das Ergebnis das- 
selbe wäre, wie wenn ein Gesichtseindruck auf den blinden Fleck 
der Netzhaut fiele. Aber unsere Situation zeigt im Gegenteil, daß 
die Wahrnehmung geblieben ist und daß eine sehr energische Aktion 
unternommen wurde, ihre Verleugnung aufrecht zu halten. Es ist 
nicht richtig, daß das Kind sich nach seiner Beobachtung am Weibe 
den Glauben an den Phallus des Weibes unverändert gerettet hat. 
Es hat ihn bewahrt, aber auch aufgegeben; im Konflikt zwischen 
dem Gewicht der unerwünschten Wahrnehmung und der Stärke 
des Gegenwunsches ist es zu einem Kompromiß gekommen, wie 
es nur unter der Herrschaft der unbewußten Denkgesetze — der 
Primärvorgänge — möglich ist. Ja, das Weib hat im Psychischen 
dennoch einen Penis, aber dieser Penis ist nicht mehr dasselbe, 
das er früher war. Etwas anderes ist an seine Stelle getreten, ist 
sozusagen zu seinem Ersatz ernannt worden und ist nun der Erbe 
des Interesses, das sich dem früheren zugewendet hatte. Dies Inter- 
esse erfährt aber noch eine außerordentliche Steigerung, weil der 
Abscheu vor der Kastration sich in der Schaffung dieses Ersatzes 
ein Denkmal gesetzt hat. Als Stigma indelebile der stattgehabten 
Verdrängung bleibt auch die Entfremdung gegen das wirkliche 
weibliche Genitale, die man bei keinem Fetischisten vermißt. Man 
überblickt jetzt, was der Fetisch leistet und wodurch er gehalten 
wird. Er bleibt das Zeichen des Triumphes über die Kastrations- 
drohung und der Schutz gegen sie, er erspart es dem Fetischisten 
auch, ein Homosexueller zu werden, indem er dem Weib jenen 



598 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 



\q/y\** -Aß< • 



Charakter verleiht, durch den es als Sexualobjekt erträglich wird. 
Im späteren Leben glaubt der Fetischist noch einen anderen Vor- 
teil seines Genitalersatzes zu genießen. Der Fetisch wird von 
anderen nicht in seiner Bedeutung erkannt, darum auch nicht 
.Ji/j <^~\< . verweigert, er ist leicht zugänglich, die an ihn gebundene sexuelle 
Befriedigung ist bequem zu haben. Um was andere Männer werben 
und sich mühen müssen, das macht dem Fetischisten keine 
Beschwerde. 

Der Kastrationsschreck beim Anblick des weiblichen Genitales 
bleibt wahrscheinlich keinem männlichen Wesen erspart. Warum 
die einen infolge dieses Eindruckes homosexuell werden, die anderen 
ihn durch die Schöpfung eines Fetisch abwehren und die über- 
große Mehrzahl ihn überwindet, das wissen wir freilich nicht zu 
erklären. Möglich, daß wir unter der Anzahl der zusammenwirken- 
den Bedingungen diejenigen noch nicht kennen, welche für die 
seltenen pathologischen Ausgänge maßgebend sind; im übrigen 
müssen wir zufrieden sein, wenn wir erklären können, was ge- 
schehen ist, und dürfen die Aufgabe, zu erklären, warum etwas 
nicht geschehen ist, vorläufig von uns weisen. 

Es liegt nahe, zu erwarten, daß zum Ersatz des vermißten weib- 
lichen Phallus solche Organe oder Objekte gewählt werden, die auch 
sonst als Symbole den Penis vertreten. Das mag oft genug statt- 
finden, ist aber gewiß nicht entscheidend. Bei der Einsetzung des 
Fetisch scheint vielmehr ein Vorgang eingehalten zu werden, der 
an das Haltmachen der Erinnerung bei traumatischer Amnesie ge- 
mahnt. Auch hier bleibt das Interesse wie unterwegs stehen, wird 
etwa der letzte Eindruck vor dem unheimlichen, traumatischen, 
als Fetisch festgehalten. So verdankt der Fuß oder Schuh seine 
Bevorzugung als Fetisch — oder ein Stück derselben — dem Um- 
stand, daß die Neugierde des Knaben von unten, von den Beinen 
her nach dem weiblichen Genitale gespäht hat; Pelz und Samt 
fixieren — wie längst vermutet wurde — den Anblick der Genital- 
behaarung, auf den der ersehnte des weiblichen Gliedes hätte folgen 






Fetischismus 399 



sollen; die so häufig zum Fetisch erkorenen Wäschestücke halten 
den Moment der Entkleidung fest, den letzten, in dem man das 
Weib noch für phallisch halten durfte. Ich will aber nicht be- 
haupten, daß man die Determinierung des Fetisch jedesmal mit 
Sicherheit durchschaut. Die Untersuchung des Fetischismus ist all 
denen dringend zu empfehlen, die noch an der Existenz des Kastrations- 
komplexes zweifeln oder die meinen können, der Schreck vor dem 
weiblichen Genitale habe einen anderen Grund, leite sich z. B. von 
der supponierten Erinnerung an das Trauma der Geburt ab. Für 
mich hatte die Aufklärung des Fetisch noch ein anderes theoreti- 
sches Interesse. 

Ich habe kürzlich auf rein spekulativem Wege den Satz gefunden, 
der wesentliche Unterschied zwischen Neurose und Psychose liege 
darin, daß bei ersterer das Ich im Dienste der Realität ein Stück 
des Es unterdrücke, während es sich bei der Psychose vom Es fort- 
reißen lasse, sich von einem Stück der Realität zu lösen; ich bin 
auch später noch einmal auf dasselbe Thema zurückgekommen.' 
Aber bald darauf bekam ich Anlaß, zu bedauern, daß ich mich so 
weit vorgewagt hatte. Aus der Analyse zweier junger Männer er- 
fuhr ich, daß sie beide den Tod des geliebten Vaters im zweiten 
und im zehnten Jahr nicht zur Kenntnis genommen, „skotomisiert 
hatten — und doch hatte keiner von beiden eine Psychose ent- 
wickelt. Da war also ein gewiß bedeutsames Stück der Realität 
vom Ich verleugnet worden, ähnlich wie beim Fetischisten die un- 
liebsame Tatsache der Kastration des Weibes. Ich begann auch zu 
ahnen, daß analoge Vorkommnisse im Kinderleben keineswegs selten 
sind, und konnte mich des Irrtums in der Charakteristik von Neu- 
rose und Psychose für überführt halten. Es blieb zwar eine Aus- 
kunft offen; meine Formel brauchte sich erst bei einem höheren 
Grad von Differenzierung im psychischen Apparat zu bewähren; 
dem Kind konnte gestattet sein, was sich beim Erwachsenen durch 

1) „Neurose und Psychose" (1924) und der „Realitätsverlust bei Neurose und Psy- 
chose" (1924). [In Ges. Schriften, Bd. V, bzw. VI.] 



4°o Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

schwere Schädigung strafen mußte. Aber weitere Untersuchungen 
führten zu einer anderen Lösung des Widerspruchs. 

Es stellte sich nämlich heraus, daß die beiden jungen Männer 
den Tod des Vaters ebensowenig „skotomisiert" hatten wie die Feti- 
schisten die Kastration des Weibes. Es war nur eine Strömung in 
ihrem Seelenleben, welche den Tod des Vaters nicht anerkannt hatte; 
es gab auch eine andere, die dieser Tatsache vollkommen Rechnung 
trug; die wunschgerechte wie die realitätsgerechte Einstellung be- 
standen nebeneinander. Bei dem einen meiner beiden Fälle war 
diese Spaltung die Grundlage einer mittelschweren Zwangsneurose 
geworden; in allen Lebenslagen schwankte er zwischen zwei Vor- 
aussetzungen, der einen, daß der Vater noch am Leben sei und 
seine Tätigkeit behindere, und der entgegengesetzten, daß er das 
Recht habe, sich als den Nachfolger des verstorbenen Vaters zu 
betrachten. Ich kann also die Erwartung festhalten, daß im Fall 
der Psychose die eine, die realitätsgerechte Strömung, wirklich ver- 
mißt werden würde. 

Wenn ich zur Beschreibung des Fetischismus zurückkehre, habe 
ich anzuführen, daß es noch zahlreiche und gewichtige Beweise 
für die zwiespältige Einstellung des Fetischisten zur Frage der 
Kastration des Weibes gibt. In ganz raffinierten Fällen ist es der 
Fetisch selbst, in dessen Aufbau sowohl die Verleugnung wie die 
Behauptung der Kastration Eingang gefunden haben. So war es bei 
einem Manne, dessen Fetisch in einem Schamgürtel bestand, wie 
er auch als Schwimmhose getragen werden kann. Dieses Gewand- 
stück verdeckte überhaupt die Genitalien und den Unterschied der 
Genitalien. Nach dem Ausweis der Analyse bedeutete es sowohl, 
daß das Weib kastriert sei, als auch, daß es nicht kastriert sei, und 
ließ überdies die Annahme der Kastration des Mannes zu, denn 
alle diese Möglichkeiten konnten sich hinter dem Gürtel, dessen 
erster Ansatz in der Kindheit das Feigenblatt einer Statue gewesen 
war, gleich gut verbergen. Ein solcher Fetisch, aus Gegensätzen 
doppelt geknüpft, hält natürlich besonders gut. In anderen zeigt 



Fetisch ism US 401 



sich die Zwiespältigkeit an dem, was der Fetischist — in der Wirk- 
lichkeit oder in der Phantasie — an seinem Fetisch vornimmt. 
Es ist nicht erschöpfend, wenn man hervorhebt, daß er den Fetisch 
verehrt; in vielen Fällen behandelt er ihn in einer Weise, die offen- 
bar einer Darstellung der Kastration gleichkommt. Dies geschieht 
besonders dann, wenn sich eine starke Vateridentifizierung entwickelt 
hat, in der Rolle des Vaters, denn diesem hatte das Kind die Kastration 
des Weibes zugeschrieben. Die Zärtlichkeit und die Feindseligkeit 
in der Behandlung des Fetisch, die der Verleugnung und der An- 
erkennung der Kastration gleichlaufen, vermengen sich bei ver- 
schiedenen Fällen in ungleichem Maße, so daß das eine oder das 
andere deutlicher kenntlich wird. Von hier aus glaubt man, wenn 
auch aus der Ferne, das Benehmen des Zopfabschneiders zu ver- 
stehen, bei dem sich das Bedürfnis, die geleugnete Kastration aus- 
zuführen, vorgedrängt hat. Seine Handlung vereinigt in sich die 
beiden miteinander unverträglichen Behauptungen: das Weib hat 
seinen Penis behalten und der Vater hat das Weib kastriert. Eine 
andere Variante, aber auch eine völkerpsychologische Parallele zum 
Fetischismus möchte man in der Sitte der Chinesen erblicken, den 
weiblichen Fuß zuerst zu verstümmeln und den verstümmelten 
dann wie einen Fetisch zu verehren. Man könnte meinen, der 
chinesische Mann will es dem Weibe danken, daß es sich der 
Kastration unterworfen hat. 

Schließlich darf man es aussprechen, das Normal vorbild des Fetisch 
ist der Penis des Mannes, wie das des minderwertigen Organs der 
reale kleine Penis des Weibes, die Klitoris. 



Freud XI. 



26 



DER HUMOR 

In meiner Schrift über den „Witz und seine Beziehung zum 
Unbewußten" (1905) habe ich den Humor eigentlich nur vom 
ökonomischen Gesichtspunkt behandelt. Es lag mir daran, die 
Quelle der Lust am Humor zu finden, und ich meine, ich habe 
gezeigt, daß der humoristische Lustgewinn aus erspartem Gefühls- 
aufwand hervorgeht. 

Der humoristische Vorgang kann sich in zweierlei Weisen voll- 
ziehen, entweder an einer einzigen Person, die selbst die humo- 
ristische Einstellung einnimmt, während der zweiten Person die 
Rolle des Zuschauers und Nutznießers zufällt, oder zwischen zwei 
Personen, von denen die eine am humoristischen Vorgang gar 
keinen Anteil hat, die zweite aber diese Person zum Objekt ihrer 
humoristischen Betrachtung macht. Wenn, um beim gröbsten 
Beispiel zu verweilen, der Delinquent, der am Montag zum Galgen 
geführt wird, die Äußerung tut: „Na, die Woche fängt gut an", 
so entwickelt er selbst den Humor, der humoristische Vorgang 
vollendet sich an seiner Person und trägt ihm offenbar eine 
gewisse Genugtuung ein. Mich, den unbeteiligten Zuhörer, trifft 
gewissermaßen eine Fernwirkung der humoristischen Leistung des 
Verbrechers; ich verspüre, vielleicht ähnlich wie er, den humo- 
ristischen Lustgewinn. 

Der zweite Fall liegt vor, wenn z. B. ein Dichter oder Schil- 
derer das Gehaben von realen oder erfundenen Personen in 



Der Humor 403 



humoristischer Weise beschreibt. Diese Personen brauchen selbst 
keinen Humor zu zeigen, die humoristische Einstellung ist allein 
Sache dessen, der sie zum Objekt nimmt und der Leser oder Zu- 
hörer wird wiederum wie im vorigen Falle des Genusses am 
Humor teilhaftig. Zusammenfassend kann man also sagen, man 
kann die humoristische Einstellung — worin immer diese bestehen 
mag — gegen die eigene oder gegen fremde Personen wenden; 
es ist anzunehmen, daß sie dem, der es tut, einen Lustgewinn 
bringt; ein ähnlicher Lustg;ewinn fällt dem — unbeteiligten — 
Zuhörer zu. 

Die Genese des humoristischen Lustgewinns erfassen wir am 
besten, wenn wir uns dem Vorgang beim Zuhörer zuwenden, vor 
dem ein anderer Humor entwickelt. Er sieht diesen anderen in 
einer Situation, die es erwarten läßt, daß er die Anzeichen eines 
Affekts produzieren wird; er wird sich ärgern, klagen, Schmerz 
äußern, sich schrecken, grausen, vielleicht selbst verzweifeln, und 
der Zuschauer- Zuhörer ist bereit, ihm darin zu folgen, die gleichen 
Gefühlsregungen bei sich entstehen zu lassen. Aber diese Gefühls- 
bereitschaft wird enttäuscht, der andere äußert keinen Affekt, 
sondern macht einen Scherz; aus dem ersparten Gefühlsaufwand 
wird nun beim Zuhörer die humoristische Lust. 

So weit kommt man leicht, aber man sagt sich auch bald, daß 
es der Vorgang beim anderen, beim „Humoristen" ist, der die 
größere Aufmerksamkeit verdient. Kein Zweifel, das Wesen des 
Humors besteht darin, daß man sich die Affekte erspart, zu denen 
die Situation Anlaß gäbe, und sich mit einem Scherz über die 
Möglichkeit solcher Gefühlsäußerungen hinaussetzt. Insofern muß 
der Vorgang beim Humoristen mit dem beim Zuhörer überein- 
stimmen, richtiger gesagt, der Vorgang beim Zuhörer muß den 
beim Humoristen kopiert haben. Aber wie bringt der Humorist 
jene psychische Einstellung zustande, die ihm die Affektentbindung 
überflüssig macht, was geht bei „der humoristischen Einstellung" 
dynamisch in ihm vor? Offenbar ist die Lösung des Problems 

a6' 






404 Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 



beim Humoristen zu suchen, beim Zuhörer ist nur ein Nachklang, 
eine Kopie dieses unbekannten Prozesses anzunehmen. 

Es ist Zeit, daß wir uns mit einigen Charakteren des Humors 
vertraut machen. Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes 
wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Großartiges 
und Erhebendes, welche Züge an den beiden anderen Arten des 
Lustgewinns aus intellektueller Tätigkeit nicht gefunden werden. 
Das Großartige liegt offenbar im Triumph des Narzißmus, in der 
siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs. Das Ich verweigert 
es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, zum 
Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß ihm die Traumen 
der Außenwelt nicht nahe gehen können, ja es zeigt, daß sie ihm 
nur Anlässe zu Lustgewinn sind. Dieser letzte Zug ist für den 
Humor durchaus wesentlich. Nehmen wir an, der am Montag 
zur Hinrichtung geführte Verbrecher hätte gesagt: Ich mach' mir 
nichts daraus, was liegt denn, daran, wenn ein Kerl wie ich auf- 
gehängt wird, die Welt wird darum nicht zugrunde gehen, — 
so müßten wir urteilen, diese Rede enthält zwar diese großartige 
Überlegenheit über die reale Situation, sie ist weise und berechtigt, 
aber sie verrät auch nicht die Spur von Humor, ja sie ruht auf 
einer Einschätzung der Realität, die der des Humors direkt zuwider- 
läuft. Der Humor ist nicht resigniert, er ist trotzig, er bedeutet 
nicht nur den Triumph des Ichs, sondern auch den des Lust- 
prinzips, das sich hier gegen die Ungunst der realen Verhältnisse 
zu behaupten vermag. 

Durch diese beiden letzten Züge, die Abweisung des Anspruchs 
der Realität und die Durchsetzung des Lustprinzips nähert sich 
der Humor den regressiven oder reaktionären Prozessen, die uns 
in der Psychopathologie so ausgiebig beschäftigen. Mit seiner 
Abwehr der Leidensmöglichkeit nimmt er einen Platz ein in der 
großen Reihe jener Methoden, die das menschliche Seelenleben 
ausgebildet hat, um sich dem Zwang des Leidens zu entziehen, 
einer Reihe, die mit der Neurose anhebt, im Wahnsinn gipfelt, 



Der Humor 405 



und in die der Rausch, die Selbstversenkung, die Ekstase ein- 
bezogen sind. Der Humor dankt diesem Zusammenhange eine 
Würde, die z. ß. dem Witze völlig abgeht, denn dieser dient 
entweder nur dem Lustgewinn oder er stellt den Lustgewinn in 
den Dienst der Aggression. Worin besteht nun die humoristische 
Einstellung, durch die man sich dem Leiden verweigert, die 
Unüberwindlichkeit des Ichs durch die reale Welt betont, das 
Lustprinzip siegreich behauptet, all dies aber, ohne wie andere 
Verfahren gleicher Absicht den Boden seelischer Gesundheit 
aufzugeben? Die beiden Leistungen scheinen doch unvereinbar 

miteinander. 

Wenn wir uns an die Situation wenden, daß sich jemand gegen 
andere humoristisch einstellt, so liegt die Auffassung nahe, die ich 
auch bereits im Buch über den Witz zaghaft angedeutet habe, er 
benehme sich gegen sie wie der Erwachsene gegen das Kind, 
indem er die Interessen und Leiden, die diesem groß erscheinen, 
in ihrer Nichtigkeit erkenne und belächle. Der Humorist gewinne 
also seine Überlegenheit daher, daß er sich in die Rolle des Er- 
wachsenen, gewissermaßen in die Vateridentifizierung begebe und 
die anderen zu Kindern herabdrücke. Diese Annahme deckt wohl 
den Sachverhalt, aber sie erscheint kaum zwingend. Man fragt 
sich, wie kommt der Humorist dazu, sich diese Rolle anzumaßen. 

Aber man erinnert sich an die andere, wahrscheinlich ursprüng- 
lichere und bedeutsamere Situation des Humors, daß jemand die 
humoristische Einstellung gegen seine eigene Person richtet, um 
sich solcherart seiner Leidensmöglichkeiten zu erwehren. Hat es 
einen Sinn zu sagen, jemand behandle sich selbst wie ein Kind 
und spiele gleichzeitig gegen dies Kind die Rolle des überlegenen 
Erwachsenen ? 

Ich meine, wir geben dieser wenig plausiblen Vorstellung einen 
starken Rückhalt, wenn wir in Betracht ziehen, was wir aus patho- 
logischen Erfahrungen über die Struktur unseres Ichs gelernt 
haben. Dieses Ich ist nichts Einfaches, sondern beherbergt als 






406 Schriften aus den Jahren 1<)26 — 1928 

seinen Kern eine besondere Instanz, das Über-Ich, mit dem es 
manchmal zusammenfließt, so daß wir die beiden nicht zu unter- 
scheiden vermögen, während es sich in anderen Verhältnissen scharf 
von ihm sondert. Das Über-Ich ist genetisch Erbe der Elterninstanz, 
es hält das Ich oft in strenger Abhängigkeit, behandelt es wirklich 
noch wie einst in frühen Jahren die Eltern — oder der Vater — 
das Kind behandelt haben. Wir erhalten also eine dynamische 
Aufklärung der humoristischen Einstellung, wenn wir annehmen, 
sie bestehe darin, daß die Person des Humoristen den psychischen 
Akzent von ihrem Ich abgezogen und auf ihr Über-Ich verlegt 
habe. Diesem so geschwellten Über-Ich kann nun das Ich winzig 
klein erscheinen, alle seine Interessen geringfügig, und es mag 
dem Über-Ich bei dieser neuen Energieverteilung leicht werden, 
die Reaktionsmöglichkeiten des Ichs zu unterdrücken. 

Unserer gewohnten Ausdrucks weise treu, werden wir anstatt 
Verlegung des psychischen Akzents zu sagen haben: Verschiebung 
großer Besetzungsmengen. Es fragt sich dann, ob wir uns solche 
ausgiebige Verschiebungen von einer Instanz des seelischen Apparats 
auf eine andere vorstellen dürfen. Es sieht wie eine neue ad hoc 
gemachte Annahme aus, doch dürfen wir uns erinnern, daß wir 
wiederholt, wenn auch nicht oft genug, bei unseren Versuchen 
einer metapsychologischen Vorstellung des seelischen Geschehens 
mit einem solchen Faktor gerechnet haben. So nahmen wir z. B. 
an, der Unterschied zwischen einer gewöhnlichen erotischen Objekt- 
besetzung und dem Zustand einer Verliebtheit bestehe darin, daß 
in letzterem Falle ungleich mehr Besetzung auf das Objekt übergeht, 
das Ich sich gleichsam nach dem Objekt entleert. Beim Studium 
einiger Fälle von Paranoia konnte ich feststellen, daß die Ver- 
folgungsideen frühzeitig gebildet werden und lange Zeit bestehen, 
ohne eine merkliche Wirkung zu äußern, bis sie dann auf einen 
bestimmten Anlaß hin die Besetzungsgrößen erhalten, die sie 
dominant werden lassen. Auch die Heilung solcher paranoischer 
Anfälle dürfte weniger in einer Auflösung und Korrektur der 



Der Humor 



407 



Wahnideen als in der Entziehung der ihnen verliehenen Besetzung 
bestehen. Die Abwechslung von Melancholie und Manie, von grau- 
samer Unterdrückung des Ichs durch das Über-Ich und von 
Befreiung des Ichs nach solchem Druck hat uns den Eindruck 
eines solchen Besetzungswandels gemacht, den man übrigens auch 
zur Erklärung einer ganzen Reihe von Erscheinungen des normalen 
Seelenlebens heranziehen müßte. Wenn dies bisher in so geringem 
Ausmaß geschehen ist, so liegt der Grund dafür in der von uns 
geübten, eher lobenswerten Zurückhaltung. Das Gebiet, auf dem 
wir uns sicher fühlen, ist das der Pathologie des Seelenlebens; 
hier machen wir unsere Beobachtungen, erwerben wir unsere 
Überzeugungen. Eines Urteils über das Normale getrauen wir uns 
vorläufig insoweit, als wir in den Isolierungen und Verzerrungen 
des Krankhaften das Normale erraten. Wenn diese Scheu einmal 
überwunden ist, werden wir erkennen, eine wie große Rolle für 
das Verständnis der seelischen Vorgänge den statischen Verhältnissen 
wie dem dynamischen Wechsel in der Quantität der Energie- 
besetzung zukommt. 

Ich meine also, die hier vorgeschlagene Möglichkeit, daß die 
Person in einer bestimmten Lage plötzlich ihr Über-Ich überbesetzt 
und nun von diesem aus die Reaktionen des Ichs abändert, verdient 
es festgehalten zu werden. Was ich für den Humor vermute, 
findet auch eine bemerkenswerte Analogie auf dem verwandten 
Gebiet des Witzes. Als die Entstehung des Witzes mußte ich an- 
nehmen, daß ein vorbewußter Gedanke für einen Moment der 
unbewußten Bearbeitung überlassen wird, der Witz sei also der 
Beitrag zur Komik, den das Unbewußte leiste. Ganz ähnlich wäre 
der Humor der Beitrag zur Komik durch die Vermittlung 
des Über-Ichs. 

Wir kennen das Über-Ich sonst als einen gestrengen Herrn. 
Man wird sagen, es stimmt schlecht zu diesem Charakter, daß es 
sich herbeiläßt, dem Ich einen kleinen Lustgewinn zu ermög- 
lichen. Es ist richtig, daß die humoristische Lust nie die Intensität 



S+^-e 



kk£*u)*. . 



408 Schriften aus den Jahren 1 926 — 1928 

der Lust am Komischen oder am Witz erreicht, sich niemals im 
herzhaften Lachen ausgibt 5 es ist auch wahr, daß das Über-Ich, 
wenn es die humoristische Einstellung herbeiführt, eigentlich die 
Realität abweist und einer Illusion dient. Aber dieser wenig 
intensiven Lust schreiben wir — ohne recht zu wissen warum — 
einen hochwertigen Charakter zu, wir empfinden sie als besonders 
befreiend und erhebend. Der Scherz, den der Humor macht, ist 
ja auch nicht das Wesentliche, er hat nur den Wert einer Probe; 
die Hauptsache ist die Absicht, welche der Humor ausführt, ob 
er sich nun an der eigenen oder an fremden Personen betätigt. 
Er will sagen: Sieh' her, das ist nun die Welt, die so gefährlich 
aussieht. Ein Kinderspiel, gerade gut, einen Scherz darüber zu 
machen ! 

Wenn es wirklich das Über-Ich ist, das im Humor so liebevoll 
tröstlich zum eingeschüchterten Ich spricht, so wollen wir daran 
gemahnt sein, daß wir über das Wesen des Über-Ichs noch allerlei 
zu lernen haben. Übrigens sind nicht alle Menschen der humo- 
ristischen Einstellung fähig, es ist eine köstliche und seltene Be- 
gabung und vielen fehlt selbst die Fähigkeit, die ihnen vermittelte 
humoristische Lust zu genießen. Und endlich, wenn das Über-Ich 
durch den Humor das Ich zu trösten und vor Leiden zu bewahren 
strebt, hat es damit seiner Abkunft von der Elterninstanz nicht 
widersprochen. 




Moses-Statuette des Nicholas von Verdiin 



NACHTRAG ZUR ARBEIT ÜBER DEN 
MOSES DES MICHELANGELO 

Mehrere Jahre nach dem Erscheinen meiner Arbeit über den 
Moses des Michelangelo, die 1914 in der Zeitschrift „Imago" — 
ohne Nennung meines Namens — abgedruckt wurde,' geriet durch 
die Güte von E. Jones eine Nummer des „Burlington Magazine 
for Connoisseurs" in meine Hand (Nr. CCXVII, Vol. XXXVIII., 
April 1921), durch welche mein Interesse von neuem auf die 
vorgeschlagene Deutung der Statue gelenkt werden mußte. In 
dieser Nummer findet sich ein kurzer Artikel von H. P. Mitchell 
über zwei Bronzen des zwölften Jahrhunderts, gegenwärtig im 
Ashmolean Museum, Oxford, die einem hervorragenden Künstler 
jener Zeit, Nicholas von Verdun, zugeschrieben werden. Von 
diesem Manne sind noch andere Werke in Tournay, Arras und 
Klosterneuburg bei Wien erhalten; als sein Meisterwerk gilt der 
Schrein der heiligen drei Könige in Köln. 

Eine der beiden von Mitchell gewürdigten Statuetten ist nun 
ein Moses (über 25 Zentimenter hoch), über jeden Zweifel ge- 
kennzeichnet durch die ihm beigegebenen Gesetzestafeln. Auch 
dieser Moses ist sitzend dargestellt, von einem faltigen Mantel 
umhüllt, sein Gesicht zeigt einen leidenschaftlich bewegten, vielleicht 



1) Abgedruckt in Band X dieser Gesamtausgabe. 
Freud XI. 









41 o Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 



bekümmerten Ausdruck und seine rechte Hand umgreift den langen 
Kinnbart und preßt dessen Strähne zwischen Hohlhand und Daumen 
wie in einer Zange zusammen, führt also dieselbe Bewegung aus, 
die in Figur 2 meiner Abhandlung als Vorstufe jener Stellung 
supponiert wird, in welcher wir jetzt den Moses des Michelangelo 

erstarrt sehen. 

Ein Blick auf die beistehende Abbildung läßt den Hauptunterschied 
der beiden, durch mehr als drei Jahrhunderte getrennten Dar- 
stellungen erkennen. Der Moses des lothringischen Künstlers hält 
die Tafeln mit seiner linken Hand bei ihrem oberen Rand und 
stützt sie auf sein Knie; überträgt man die Tafeln auf die andere 
Seite und vertraut sie dem rechten Arm an, so hat man die 
Ausgangssituation für den Moses des Michelangelo hergestellt. Wenn 
meine Auffassung der Geste des In-den-Bart-Greifens zulässig ist, 
so gibt uns der Moses aus dem Jahre 1180 einen Moment aus 
dem Sturm der Leidenschaften wieder, die Statue in S. Pietro in 
vincoli aber die Ruhe nach dem Sturme. 

Ich glaube, daß der hier mitgeteilte Fund die Wahrscheinlich- 
keit der Deutung erhöht, die ich in meiner Arbeit 1914 versucht 
habe. Vielleicht ist es einem Kunstkenner möglich, die zeitliche 
Kluft zwischen dem Moses des Nicholas von Verdun und dem des 
Meisters der italienischen Renaissance durch den Nachweis von 
Mosestypen aus der Zwischenzeit auszufüllen. 



. 



DIE ZUKUNFT 
EINER ILLUSION 



Wenn man eine ganze Weile innerhalb einer bestimmten Kultur 
gelebt und sich oft darum bemüht hat, zu erforschen, wie ihre 
Ursprünge und der Weg ihrer Entwicklung waren, verspürt man 
auch einmal die Versuchung, den Blick nach der anderen Richtung 
zu wenden und die Frage zu stellen, welches fernere Schicksal 
dieser Kultur bevorsteht und welche Wandlungen durchzumachen 
ihr bestimmt ist. Man wird aber bald merken, daß eine solche 
Untersuchung von vornherein durch mehrere Momente entwertet 
wird. Vor allem dadurch, daß es nur wenige Personen gibt, die 
das menschliche Getriebe in all seinen Ausbreitungen überschauen 
können. Für die meisten ist Beschränkung auf ein einzelnes oder 
wenige Gebiete notwendig geworden; je weniger aber einer vom 
Vergangenen und Gegenwärtigen weiß, desto unsicherer muß sein 
Urteil über das Zukünftige ausfallen. Ferner darum, weil gerade 
bei diesem Urteil die subjektiven Erwartungen des Einzelnen eine 
schwer abzuschätzende Rolle spielen; diese zeigen sich aber ab- 
hängig von rein persönlichen Momenten seiner eigenen Erfahrung, 

27* 



412 Schriften aus den Jahren 1926 — IJ2& 



<V 



seiner mehr oder minder hoffnungsvollen Einstellung zum Leben, 
wie sie ihm durch Temperament, Erfolg oder Mißerfolg vorge- 
schrieben worden ist. Endlich kommt die merkwürdige Tatsache 
zur Wirkung, daß die Menschen im allgemeinen ihre Gegenwart 
wie naiv erleben, ohne deren Inhalte würdigen zu können; sie 
müssen erst Distanz zu ihr gewinnen, d. h. die Gegenwart muß 
zur Vergangenheit geworden sein, wenn man aus ihr Anhaltspunkte 
zur Beurteilung des Zukünftigen gewinnen soll. 

Wer also der Versuchung nachgibt, eine Äußerung über die 
wahrscheinliche Zukunft unserer Kultur von sich zu geben, wird 
gut daran tun, sich der vorhin angedeuteten Bedenken zu erinnern, 
ebenso wie der Unsicherheit, die ganz allgemein an jeder Vorher- 
sage haftet. Daraus folgt für mich, daß ich in eiliger Flucht vor 
der zu großen Aufgabe alsbald das kleine Teilgebiet aufsuchen 
werde, dem auch bisher meine Aufmerksamkeit gegolten hat, nach- 
dem ich nur seine Stellung im großen Ganzen bestimmt habe. 
Die menschliche Kultur — ich meine all das, worin sich das 
menschliche Leben über seine animalischen Bedingungen erhoben 
hat und worin es sich vom Leben der Tiere unterscheidet — und 
ich verschmähe es, Kultur und Zivilisation zu trennen — zeigt 
dem Beobachter bekanntlich zwei Seiten. Sie umfaßt einerseits all 
') das Wissen und Können, das die Menschen erworben haben, um 
die Kräfte der Natur zu beherrschen und ihr Güter zur Befriedigung 
der menschlichen Bedürfnisse abzugewinnen, anderseits all e die Ein- 
richtungen, die notwendig sind, um die Beziehungen der Menschen 
zueinander, und besonders die Verteilung der erreichbaren Güter 
zu regeln. Die beiden Richtungen der Kultur sind nicht unabhängig 
voneinander, erstens, weil die gegenseitigen Beziehungen der Menschen 
durch das Maß der Triebbefriedigung, das die vorhandenen Güter 
ermöglichen, tiefgreifend beeinflußt werden, zweitens, weil der 
einzelne Mensch selbst zu einem anderen in die Beziehung eines 
Gutes treten kann, insofern dieser seine Arbeitskraft benützt oder 
ihn zum Sexualobjekt nimmt, drittens aber, weil jeder Einzelne 



Die Zukunft einer Illusion 415 

virtuell ein Feind der Kultur ist, die doch ein allgemeinmenschliches 
Interesse sein soll. Es ist merkwürdig, daß die Menschen, so wenig 
sie auch in der Vereinzelung existieren können, doch die Opfer, 
welche ihnen von der Kultur zugemutet werden, um ein Zu- 
sammenleben zu ermöglichen, als schwer drückend empfinden. 
Die Kultur muß also gegen den Einzelnen verteidigt werden und 
ihre Einrichtungen, Institutionen und Gebote stellen sich in den 
Dienst dieser Aufgabe $ sie bezwecken nicht nur, eine gewisse Güter- 
verteilung herzustellen, sondern auch diese aufrechtzuhalten, ja 
sie müssen gegen die feindseligen Regungen der Menschen all 
das beschützen, was der Bezwingung der Natur und der Erzeugung 
von Gütern dient. Menschliche Schöpfungen sind leicht zu zer- 
stören und Wissenschaft und Technik, die sie aufgebaut haben, 
können auch zu ihrer Vernichtung verwendet werden. 

So bekommt man den Eindruck, daß die Kultur etwas ist, was 
einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt 
wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und 
Zwangsmitteln zu setzen. Es liegt natürlich nahe anzunehmen, daß 
diese Schwierigkeiten nicht am Wesen der Kultur selbst haften, 
sondern von den Unvollkommenheiten der Kulturformen bedingt 
werden, die bis jetzt entwickelt worden sind. In der Tat ist es 
nicht schwer, diese Mängel aufzuzeigen. Während die Menschheit 
in der Beherrschung der Natur ständige Fortschritte gemacht hat 
und noch größere erwarten darf, ist ein ähnlicher Fortschritt in 
der Regelung der menschlichen Angelegenheiten nicht sicher fest- 
zustellen und wahrscheinlich zu jeder Zeit, wie auch jetzt wieder, 
haben sich viele Menschen gefragt, ob denn dieses Stück des Kultur- 

Ierwerbs überhaupt der Verteidigung wert ist. Man sollte meinen, 
es müßte eine Neuregelung der menschlichen Beziehungen möglich 
sein, welche die Quellen der Unzufriedenheit mit der Kultur ver- 
sagen macht, indem sie auf den Zwang und die Triebunterdrückung 
verzichtet, so daß die Menschen sich ungestört durch inneren Zwist 
der Erwerbung von Gütern und dem Genuß derselben hingeben 



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414 



Schriften aus den Jahren 1926 — IJ2S 



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könnten. Das wäre das goldene Zeitalter, allein es fragt sich, ob 
ein solcher Zustand zu verwirklichen ist. Es scheint vielmehr, daß 
sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht aufbauen mußj es 
scheint nicht einmal gesichert, daß beim Aufhören des Zwanges 
die Mehrzahl der menschlichen Individuen bereit sein wird, die 
Arbeitsleistung auf sich zu nehmen, deren es zur Gewinnung neuer 
Lebensgüter bedarf. Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu 
rechnen, daß bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und 
antikulturelle Tendenzen vorhanden sind und daß diese bei einer 
großen Anzahl von Personen stark genug sind, um ihr Verhalten 
in der menschlichen Gesellschaft zu bestimmen. 

Dieser psychologischen Tatsache kommt eine entscheidende Be- 
deutung für die Beurteilung der menschlichen Kultur zu. Konnte 
man zunächst meinen, das Wesentliche an dieser sei die Beherrschung 
der Natur zur Gewinnung von Lebensgütern und die ihr drohen- 
den Gefahren ließen sich durch eine zweckmäßige Verteilung der- 
selben unter den Menschen beseitigen, so scheint jetzt das Schwer- 
gewicht vom Materiellen weg aufs Seelische verlegt. Es wird ent- 
scheidend, ob und inwieweit es gelingt, die Last der den Menschen 
auferlegten Triebopfer zu verringern, sie mit den notwendig ver- 
bleibenden zu versöhnen und dafür zu entschädigen. Ebensowenig 
wie den Zwang zur Kulturarbeit, kann man die Beherrschung der 
Masse durch eine Minderzahl entbehren, denn die Massen sind 
träge und einsichtslos, sie lieben den Triebverzicht nicht, sind durch 
Argumente nicht von dessen Unvermeidlichkeit zu überzeugen und 
ihre Individuen bestärken einander im Gewährenlassen ihrer Zügel- 
losigkeit. Nur durch den Einfluß vorbildlicher Individuen, die sie 
als ihre Führer anerkennen, sind sie zu den Arbeitsleistungen und 
Entsagungen zu bewegen, auf welche der Bestand der Kultur an- 
gewiesen ist. Es ist alles gut, wenn diese Führer Personen von 
überlegener Einsicht in die Notwendigkeiten des Lebens sind, die 
sich zur Beherrschung ihrer eigenen Triebwünsche aufgeschwungen 
haben. Aber es besteht für sie die Gefahr, daß sie, um ihren Ein- 



Die Zukunft einer Illusion 415 



fluß nicht zu verlieren, der Masse mehr nachgeben als diese ihnen, 
und darum erscheint es notwendig, daß sie durch Verfügung über 
Machtmittel von der Masse unabhängig seien. Um es kurz zu fassen, 
es sind zwei weh verbreitete Eigenschaften der Menschen, die es 
verschulden, daß die kulturellen Einrichtungen nur durch ein ge- 
wisses Maß von Zwang gehalten werden können, nämlich, daß_sje 
spontan nicht arbeitslustig sind und daß Argumente nichts gegen 2j 
ihre Leidenschaften vermögen. 

Ich weiß, was man gegen diese Ausführungen einwenden wird. 
Man wird sagen, der hier geschilderte Charakter der Menschen- 
massen, der die Unerläßlichkeit des Zwanges zur Kulturarbeit be- 
weisen soll, ist selbst nur die Folge fehlerhafter kultureller Ein- 
richtungen, durch die die Menschen erbittert, rachsüchtig, unzu- 
gänglich geworden sind. Neue Generationen, liebevoll und zur Hoch- 
schätzung des Denkens erzogen, die frühzeitig die Wohltaten der 
Kultur erfahren haben, werden auch ein anderes Verhältnis zu ihr 
haben, sie als ihr eigenstes Besitztum empfinden, bereit sein, die 
Opfer an Arbeit und Triebbefriedigung für sie zu bringen, deren 
es zu ihrer Erhaltung bedarf. Sie werden den Zwang entbehren 
können und sich wenig von ihren Führern unterscheiden. Wenn 
es menschliche Massen von solcher Qualität bisher in keiner Kultur 
gegeben hat, so kommt es daher, daß keine Kultur noch die Ein- 
richtungen getroffen hatte, um die Menschen in solcher Weise, und 
zwar von Kindheit an, zu beeinflussen. 
1 Man kann daran zweifeln, ob es überhaupt oder jetzt schon, 

beim gegenwärtigen Stand unserer Naturbeherrschung möglich ist, 
solche kulturelle Einrichtungen herzustellen, man kann die Frage 
aufwerfen, woher die Anzahl überlegener, unbeirrbarer und un- 
eigennütziger Führer kommen soll, die als Erzieher der künftigen 
Generationen wirken müssen, man kann vor dem ungeheuerlichen 
Aufwand an Zwang erschrecken, der bis zur Durchführung dieser 
Absichten unvermeidlich sein wird. Die Großartigkeit dieses Planes, 
seine Bedeutsamkeit für die Zukunft der menschlichen Kultur wird 



41 6 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

man nicht bestreiten können. Er ruht sicher auf der psychologi- 
schen Einsicht, daß der Mensch mit den mannigfaltigsten Trieb- 
anlagen ausgestattet ist, denen die frühen Kindheitserlebnisse die 
endgültige Richtung anweisen. Die Schranken der Erziehbarkeit 
des Menschen setzen darum auch der Wirksamkeit einer solchen 
Kulturveränderung ihre Grenze. Man mag es bezweifeln, ob und 
in welchem Ausmaß ein anderes Kulturmilieu die beiden Eigen- 
schaften menschlicher Massen, die die Führung der menschlichen 
Angelegenheiten so sehr erschweren, auslöschen kann. Das Experi- 
ment ist noch nicht gemacht worden. Wahrscheinlich wird ein 
gewisser Prozentsatz der Menschheit — infolge krankhafter Anlage 
oder übergroßer Triebstärke — immer asozial bleiben, aber wenn 
man es nur zustande bringt, die kulturfeindliche Mehrheit von 
heute zu einer Minderheit herabzudrücken, hat man sehr viel er- 
reicht, vielleicht alles, was sich erreichen läßt. 

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, daß ich mich weit 
weg von dem vorgezeichneten Weg meiner Untersuchung verirrt 
habe. Ich will darum ausdrücklich versichern, daß es mir ferne 
liegt, das große Kulturexperiment zu beurteilen, das gegenwärtig 
in dem weiten Land zwischen Europa und Asien angestellt wird. 
Ich habe weder die Sachkenntnis noch die Fähigkeit, über dessen 
Ausführbarkeit zu entscheiden, die Zweckmäßigkeit der angewandten 
Methoden zu prüfen oder die Weite der unvermeidlichen Kluft 
zwischen Absicht und Durchführung zu messen. Was dort vor- 
bereitet wird, entzieht sich als unfertig einer Betrachtung, zu der 
unsere längst konsolidierte Kultur den Stolf bietet. 



II 

Wir sind unversehens aus dem Ökonomischen ins Psychologische 
hinübergeglitten. Anfangs waren wir versucht, den Kulturbesitz in 
den vorhandenen Gütern und den Einrichtungen zu ihrer Verteilung 



L*-J — -'-'. , 



Die Zukunft einer Illusion 41 7 

zu suchen. Mit der Erkenntnis, daß jede Kultur auf Arbeitszwang 
und Triebverzicht beruht und darum unvermeidlich eine Opposition 
bei den von diesen Anforderungen Betroffenen hervorruft, wurde 
es klar, daß die Güter selbst, die Mittel zu ihrer Gewinnung und 
Anordnungen zu ihrer Verteilung nicht das Wesentliche oder das 
Alleinige der Kultur sein können. Denn sie sind durch die Auf- 
lehnung und Zerstörungssucht der Kulturteilhaber bedroht. Neben 
die Güter treten jetzt die Mittel, die dazu dienen können, die 
Kultur zu verteidigen, die Zwangsmittel und andere, denen es 
gelingen soll, die Menschen mit ihr auszusöhnen und für ihre 
Opfer zu entschädigen. Letztere können aber als der seelische Besitz 
der Kultur beschrieben werden. 

Einer gleichförmigen Ausdrucksweise zuliebe wollen wir die Tat- 
sache, daß ein Trieb nicht befriedigt werden kann, Versagung, die 
Einrichtung, die diese Versagung festlegt, Verbot, und den Zustand, 
den das Verbot herbeiführt, Entbehrung nennen. Dann ist der 
nächste Schritt, zwischen Entbehrungen zu unterscheiden, die alle 
betreffen, und solchen, die nicht alle betreffen, bloß Gruppen, Klassen 
oder selbst einzelne. Die ersteren sind die ältesten: mit den Ver- 
boten, die sie einsetzen, hat die Kultur die Ablösung vom anima- 
lischen Urzustand begonnen, vor unbekannt wie vielen Tausenden 
von Jahren. Zu unserer Überraschung fanden wir, daß sie noch 
immer wirksam sind, noch immer den Kern der Kulturfeindseligkeit 
bilden. Die Triebwünsche, die unter ihnen leiden, werden mit 
jedem Kind von neuem geboren; es gibt eine Klasse von Menschen, 
die Neurotiker, die bereits auf diese Versagungen mit Asozialität 
reagieren. Solche Trieb wünsche sind die des Inzests, des Kanniba- 
lismus und der Mordlust. Es klingt sonderbar, wenn man sie, in 
deren Verwerfung alle Menschen einig scheinen, mit jenen an- 
deren zusammenstellt, um deren Gewährung oder Versagung in 
unserer Kultur so lebhaft gekämpft wird, aber psychologisch ist 
man dazu berechtigt. Auch ist das kulturelle Verhalten gegen diese 
ältesten Trieb wünsche keineswegs das gleiche, nur der Kannibalismus 



41 8 Schriften aus den Jahren 1926 — 192S 

erscheint allen verpönt und der nicht analytischen Betrachtung völlig 
überwunden, die Stärke der Inzestwünsche vermögen wir noch hinter 
dem Verbot zu verspüren und der Mord wird von unserer Kultur 
unter bestimmten Bedingungen noch geübt, ja geboten. Möglicher- 
weise stehen uns Entwicklungen der Kultur bevor, in denen noch 
andere, heute durchaus mögliche Wunschbefriedigungen ebenso 
unannehmbar erscheinen werden, wie jetzt die des Kannibalismus. 
Schon bei diesen ältesten Triebverzichten kommt ein psycho- 
logischer Faktor in Betracht, der auch für alle weiteren bedeutungs- 
voll bleibt. Es ist nicht richtig, daß die menschliche Seele seit den 
ältesten Zeiten keine Entwicklung durchgemacht hat und im Gegen- 
satz zu den Fortschritten der Wissenschaft und der Technik heute 
noch dieselbe ist, wie zu Anfang der Geschichte. Einen dieser 
seelischen Fortschritte können wir hier nachweisen. Es liegt in der 
Richtung unserer Entwicklung, daß äußerer Zwang allmählich ver- 
innerlicht wird, indem eine besondere seelische Instanz, das Über- 
ich des Menschen, ihn unter seine Gebote aufnimmt. Jedes Kind 
führt uns den Vorgang einer solchen Umwandlung vor, wird erst 
durch sie moralisch und sozial. Diese Erstark ung des Über-Ichs 
ist ein höchst wertvoller psychologischer Kulturbesitz. Die Personen, 
bei denen sie sich vollzogen hat, werden aus Kulturgegnern zu 
Kulturträgern. Je größer ihre Anzahl in einem Kulturkreis ist, 
desto gesicherter ist diese Kultur, desto eher kann sie der äußeren 
Zwangsmittel entbehren. Das Maß dieser Verinnerlichung ist nun 
für die einzelnen Triebverbote sehr verschieden. Für die erwähnten 
ältesten Kulturforderungen scheint die Verinnerlichung, wenn wir 
die unerwünschte Ausnahme der Neurotiker beiseite lassen, weit- 
gehend erreicht. Dies Verhältnis ändert sich, wenn man sich zu 
den anderen Triebanforderungen wendet. Man merkt dann mit 
Überraschung und Besorgnis, daß eine Überzahl von Menschen 
den diesbezüglichen Kulturverboten nur unter dem Druck des 
äußeren Zwanges gehorcht, also nur dort, wo er sich geltend 
machen kann und solange er zu befürchten ist. Dies trifft auch auf 



Die Zukunft einer Illusion 419 

jene sogenannt moralischen Kulturforderungen zu, die in gleicher 
Weise für alle bestimmt sind. Das meiste, was man von der mora- 
lischen Unzuverlässigkeit der Menschen erfährt, gehört hieher. 
Unendlich viele Kulturmenschen, die vor Mord oder Inzest zurück- 
schrecken würden, versagen sich nicht die Befriedigung ihrer Hab- 
gier, ihrer Aggressionslust, ihrer sexuellen Gelüste, unterlassen es 
nicht, den Anderen durch Lüge, Betrug, Verleumdung zu schädigen, 
wenn sie dabei straflos bleiben können, und das war wohl seit 
vielen kulturellen Zeitaltern immer ebenso. 

Bei den Einschränkungen, die sich nur auf bestimmte Klassen 
der Gesellschaft beziehen, trifft man auf grobe und auch niemals 
verkannte Verhältnisse. Es steht zu erwarten, daß diese zurück- 
gesetzten Klassen den Bevorzugten ihre Vorrechte beneiden und 
alles tun werden, um ihr eigenes Mehr von Entbehrung los zu 
werden. Wo dies nicht möglich ist, wird sich ein dauerndes Maß 
von Unzufriedenheit innerhalb dieser Kultur behaupten, das zu 
gefährlichen Auflehnungen führen mag. Wenn aber eine Kultur 
es nicht darüber hinaus gebracht hat, daß die Befriedigung einer 
Anzahl von Teilnehmern die Unterdrückung einer anderen, viel- 
leicht der Mehrzahl, zur Voraussetzung hat, und dies ist bei allen 
gegenwärtigen Kulturen der Fall, so ist es begreiflich, daß diese 
Unterdrückten eine intensive Feindseligkeit gegen die Kultur ent- 
wickeln, die sie durch ihre Arbeit ermöglichen, an deren Gütern 
sie aber einen zu geringen Anteil haben. Eine Verinnerlichung 
der Kulturverbote darf man dann bei den Unterdrückten nicht 
erwarten, dieselben sind vielmehr nicht bereit, diese Verbote an- 
zuerkennen, bestrebt, die Kultur selbst zu zerstören, eventuell selbst 
ihre Voraussetzungen aufzuheben. Die Kulturfeindschaft dieser Klassen 
ist so offenkundig, daß man über sie die eher latente Feindseligkeit 
der besser beteilten Gesellschaftsschichten übersehen hat. Es braucht 
nicht gesagt zu werden, daß eine Kultur, welche eine so große 
Zahl von Teilnehmern unbefriedigt läßt und zur Auflehnung treibt, 
weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient. 



420 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Das Maß von Verinnerlichung der Kulturvorschriften — populär 
und unpsychologisch ausgedrückt: das moralische Niveau der Teil- 
nehmer — ist nicht das einzige seelische Gut, das für die Würdi- 
gung einer Kultur in Betracht kommt. Daneben steht ihr Besitz 
an Idealen und an Kunstschöpfungen, d. h. die Befriedigungen, die 
aus beiden gewonnen werden. 

Man wird nur allzuleicht geneigt sein, die Ideale einer Kultur, 
d. h. die Wertungen, welches die höchststehenden und am meisten 
anzustrebenden Leistungen seien, unter deren psychische Besitz- 
tümer aufzunehmen. Zunächst scheint es, als ob diese Ideale die 
Leistungen des Kulturkreises bestimmen würden; der wirkliche 
Hergang dürfte aber der sein, daß sich die Ideale nach den ersten 
Leistungen bilden, welche das Zusammenwirken von innerer Be- 
gabung und äußeren Verhältnissen einer Kultur ermöglicht und 
daß diese ersten Leistungen nun vom Ideal zur Fortführung fest- 
gehalten werden. Die Befriedigung, die das Ideal den Kulturteil- 
nehmern schenkt, ist also narzißtischer Natur, sie ruht auf dem 
. Stolz auf die bereits geglückte Leistung. Zu ihrer Vervollständigung V ' j 
bedarf sie des Vergleichs mit anderen Kulturen, die sich auf andere 
Leistungen geworfen und andere Ideale entwickelt haben. Kraft 
dieser Differenzen spricht sich jede Kultur das Recht zu, die andere 
gering zu schätzen. Auf solche Weise werden die Kulturideale 
Anlaß zur Entzweiung und Verfeindung zwischen verschiedenen 
Kulturkreisen, wie es unter Nationen am deutlichsten wird. 

Die narzißtische Befriedigung aus dem Kulturideal gehört auch 
zu jenen Mächten, die der Kulturfeindschaft innerhalb des Kultur- 
kreises erfolgreich entgegenwirken. Nicht nur die bevorzugten Klassen, 
welche die Wohltaten dieser Kultur genießen, sondern auch die 
Unterdrückten können an ihr Anteil haben, indem die Berechtigung, 
die Außenstehenden zu verachten, sie für die Beeinträchtigung in 
ihrem eigenen Kreis entschädigt. Man ist zwar ein elender, von 
Schulden und Kriegsdiensten geplagter Plebejer, aber dafür ist man 
Römer, hat seinen Anteil an der Aufgabe, andere Nationen zu 



Die Zukunft einer Illusion 421 



beherrschen und ihnen Gesetze vorzuschreiben. Diese Identifizierung 
der Unterdrückten mit der sie beherrschenden und ausbeutenden 
Klasse ist aber nur ein Stück eines größeren Zusammenhanges. 
Anderseits können jene affektiv an diese gebunden sein, trotz der 
Feindseligkeit ihre Ideale in ihren Herren erblicken. Wenn nicht 
solche im Grunde befriedigende Beziehungen bestünden, bliebe es 
unverständlich, daß so manche Kulturen sich trotz berechtigter 
Feindseligkeit großer Menschenmassen so lange Zeit erhalten haben. 

Von anderer Art ist die Befriedigung, welche die Kunst den Teil- 
habern an einem Kulturkreis gewährt, obwohl diese in der Regel 
den Massen, die durch erschöpfende Arbeit in Anspruch genommen 
sind und keine persönliche Erziehung genossen haben, unzugäng- 
lich bleibt. Die Kunst bietet, wie wir längst gelernt haben, Ersatz- 
befriedigungen für die ältesten, immer noch am tiefsten empfun- 
denen Kulturverzichte und wirkt darum wie nichts anderes aus- 
söhnend mit den für sie gebrachten Opfern. Anderseits heben ihre 
Schöpfungen die Identifizierungsgefühle, deren jeder Kulturkreis 
so sehr bedarf, durch den Anlaß zu gemeinsam erlebten, hoch- 
eingeschätzten Empfindungen; sie dienen aber auch der narzißti- 
schen Befriedigung, wenn sie die Leistungen der besonderen Kultur 
darstellen, in eindrucksvoller Art an ihre Ideale mahnen. 

Das vielleicht bedeutsamste Stück des psychischen Inventars einer 
Kultu r hat noch keine Erwähnung gefunden. Es sind ihre im 
weitesten Sinn religiösen Vorstellungen, mit anderen später zu recht- 
fertigenden Worten, ihre Illusionen. 



III 

Worin liegt der besondere Wert der religiösen Vorstellungen? 

Wir haben von Kulturfeindseligkeit gesprochen, erzeugt durch 
den Druck, den die Kultur ausübt, die Trieb verzichte, die sie ver- 
langt. Denkt man sich ihre Verbote aufgehoben, man darf also 



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422 Schriften aus den Jahren 1926 — 7^2# 

jetzt zum Sexualobjekt jedes Weib wählen, das einem gefällt, darf 
seinen Rivalen beim Weib, oder wer einem sonst im Weg steht, 
ohne Bedenken erschlagen, kann dem anderen auch irgendeines 
seiner Güter wegnehmen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, wie 
schön, welch eine Kette von Befriedigungen wäre dann das Leben! 
Zwar findet man bald die nächste Schwierigkeit. Jeder andere hat 
genau dieselben Wünsche wie ich und wird mich nicht schonen- 
der behandeln als ich ihn. Im Grunde kann also nur ein Einziger 
durch solche Aufhebung der Kultureinschränkungen uneingeschränkt 
glücklich werden, ein Tyrann, ein Diktator, der alle Machtmittel 
an sich gerissen hat, und auch der hat allen Grund zu wünschen, 
daß die Anderen wenigstens dies eine Kulturgebot einhalten: du 
sollst nicht töten. 

Aber wie undankbar, wie kurzsichtig überhaupt, eine Aufhebung 
der Kultur anzustreben! Was dann übrig bleibt, ist der Natur- 
zustand und der ist weit schwerer zu ertragen. Es ist wahr, die 
N atur verlangte von uns keine Triebeinschränkungen, sie ließe uns ' 
gewähren, aber sie hat ihre besonders wirksame Art uns zu be- 
schränken, sie bringt uns um, kalt, grausam, rücksichtslos wie uns 
scheint, möglicherweise gerade bei den Anlässen unserer Befriedi- 
gung. Eben wegen dieser Gefahren, mit denen die Natur uns droht, 
haben wir uns ja zusammengetan und die Kultur geschaffen, die 
unter anderem auch unser Zusammenleben möglich machen soll. 
Es ist ja die Hauptaufgabe der Kultur, ihr eigentlicher Daseins- 
grund, uns gegen die Natur zu verteidigen. 

Es ist bekannt, daß sie es in manchen Stücken schon jetzt leid- 
lich gut trifft, sie wird es offenbar später einmal viel besser machen. 
Aber kein Mensch gibt sich der Täuschung hin zu glauben, daß 
die Natur jetzt schon bezwungen ist; wenige wagen zu hoffen, 
daß sie einmal dem Menschen ganz unterworfen sein wird. Da 
sind die Elemente, die jedem menschlichen Zwang zu spotten 
scheinen, die Erde, die bebt, zerreißt, alles Menschliche und Menschen- 
werk begräbt, das Wasser, das im Aufruhr alles überflutet und er- 



Die 'Zukunft einer Illusion 42 j 

säuft, der Sturm, der es wegbläst, da sind die Krankheiten, die wir 
erst seit kurzem als die Angriffe anderer Lebewesen erkennen, 
endlich das schmerzliche Rätsel des Todes, gegen den bisher kein 
Kräutlein gefunden wurde und wahrscheinlich keines gefunden 
werden wird. Mit diesen Gewalten steht die Natur wider uns auf, 
großartig, grausam, unerbittlich, rückt uns wieder unsere Schwäche 
und Hilflosigkeit vor Augen, der wir uns durch die Kulturarbeit 
zu entziehen gedachten. Es ist einer der wenigen erfreulichen und 
erhebenden Eindrücke, die man von der Menschheit haben kann, 
wenn sie angesichts einer Elementarkatastrophe ihrer Kulturzerfahren- 
heit, aller inneren Schwierigkeiten und Feindseligkeiten vergißt und 
sich der großen gemeinsamen Aufgabe, ihrer Erhaltung gegen die 
Übermacht der Natur, erinnert. 

Wie für die Menschheit im ganzen, so ist für den Einzelnen das 
Leben schwer zu ertragen. Ein Stück Entbehrung legt ihm die 
Kultur auf, an der er Teil hat, ein Maß Leiden bereiten ihm die 
anderen Menschen, entweder trotz der Kulturvorschriften oder in- 
folge der Unvollkommenheit dieser Kultur. Dazu kommt, was ihm 
die unbezwungene Natur — er nennt es Schicksal — an Schädigung 
zufügt. Ein ständiger ängstlicher Erwartungszustand und eine schwere 
Kränkung des natürlichen Narzißmus sollte die Folge dieses Zu- 
standes sein. Wie der Einzelne gegen die Schädigungen durch die 
Kultur und die Anderen reagiert, wissen wir bereits, er entwickelt 
ein entsprechendes Maß von Widerstand gegen die Einrichtungen 
dieser Kultur, von Kulturfeindschaft. Aber wie setzt er sich gegen 
die Übermächte der Natur, des Schicksals, zur Wehr, die ihm wie 
allen anderen drohen? 

Die Kultur nimmt ihm diese Leistung ab, sie besorgt sie für 
alle in gleicher Weise, es ist auch bemerkenswert, daß so ziemlich 
alle Kulturen hierin das gleiche tun. Sie macht nicht etwa halt 
in der Erledigung ihrer Aufgabe, den Menschen gegen die Natur 
zu verteidigen, sie setzt sie nur mit anderen Mitteln fort. Die Auf- 
gabe ist hier eine mehrfache, das schwer bedrohte Selbstgefühl des 



424 Schriften aus den Jahren 1^26 — /<?2iS' 

Menschen verlangt nach Trost, der Welt und dem Leben sollen 
ihre Schrecken genommen werden, nebenbei will auch die Wiß- 
begierde der Menschen, die freilich von dem stärksten praktischen 
Interesse angetrieben wird, eine Antwort haben. 

Mit dem ersten Schritt ist bereits sehr viel gewonnen. Und dieser 
ist, die Natur zu vermenschlichen. An die unpersönlichen Kräfte 
und Schicksale kann man nicht heran, sie bleiben ewig fremd. Aber 
wenn in den Elementen Leidenschaften toben wie in der eigenen 
Seele, wenn selbst der Tod nichts Spontanes ist, sondern die Ge- 
walttat eines bösen Willens, wenn man überall in der Natur Wesen 
um sich hat, wie man sie aus der eigenen Gesellschaft kennt, dann 
atmet man auf, fühlt sich heimisch im Unheimlichen, kann seine 
sinnlose Angst psychisch bearbeiten. Man ist vielleicht noch wehrlos, 
aber nicht mehr hilflos gelähmt, man kann zum mindesten reagieren, 
ja vielleicht ist man nicht einmal wehrlos, man kann gegen diese 
gewalttätigen Übermenschen draußen dieselben Mittel in Anwendung 
bringen, deren man sich in seiner Gesellschaft bedient, kann ver- 
suchen, sie zu beschwören, beschwichtigen, bestechen, raubt ihnen 
durch solche Beeinflussung einen Teil ihrer Macht. Solch ein Ersatz 
einer Naturwissenschaft durch Psychologie schafft nicht bloß sofortige 
Erleichterung, er zeigt auch den Weg zu einer weiteren Bewältigung 
der Situation. 

Denn diese Situation ist nichts Neues, sie hat ein infantiles Vor- 
bild, ist eigentlich nur die Fortsetzung des früheren, denn in solcher 
Hilflosigkeit hatte man sich schon einmal befunden, als kleines Kind 
einem Elternpaar gegenüber, das man Grund hatte zu fürchten, 
zumal den Vater, dessen Schutzes man aber auch sicher war gegen 
die Gefahren, die man damals kannte. So lag es nahe, die beiden 
Situationen einander anzugleichen. Auch kam wie im Traumleben 
der Wunsch dabei auf seine Rechnung. Eine Todesahnung befällt 
den Schlafenden, will ihn in das Grab versetzen, aber die Traum- 
arbeit weiß die Bedingung auszuwählen, unter der auch dies ge- 
fürchtete Ereignis zur Wunscherfüllung wird; der Träumer sieht 



Die Zukunft einer Illusion 



425 



sich in einem alten Etruskergrab, in das er selig über die Befriedigung 
seiner archäologischen Interessen hinabgestiegen war. Ähnlich macht 
der Mensch die Naturkräfte nicht einfach zu Menschen, mit denen 
er wie mit seinesgleichen verkehren kann, das würde auch dem 
überwältigenden Eindruck nicht gerecht werden, den er von ihnen 
hat, sondern er gibt ihnen Vatercharakter, macht sie zu Göttern, 
folgt dabei nicht nur einem infantilen, sondern auch, wie ich ver- 
sucht habe zu zeigen, einem phylogenetischen Vorbild. 

Mit der Zeit werden die ersten Beobachtungen von Regel- und 
Gesetzmäßigkeit an den Naturerscheinungen gemacht, die Natur- 
kräfte verlieren damit ihre menschlichen Züge. Aber die Hilflosigkeit 
der Menschen bleibt und damit ihre Vatersehnsucht und die Götter. 
Die Götter behalten ihre dreifache Aufgabe, die Schrecken der Natur 
zu bannen, mit der Grausamkeit des Schicksals, besonders wie es 
sich im Tode zeigt, zu versöhnen und für die Leiden und Ent- 
behrungen zu entschädigen, die dem Menschen durch das kulturelle 
Zusammenleben auferlegt werden. 

Aber allmählich verschiebt sich innerhalb dieser Leistungen der 
Akzent. Man merkt, daß die Naturerscheinungen sich nach inneren 
Notwendigkeiten von selbst abwickeln ; gewiß sind die Götter die 
Herren der Natur, sie haben sie so eingerichtet und können sie 
nun sich selbst überlassen. Nur gelegentlich greifen sie in den 
sogenannten Wundern in ihren Lauf ein, wie um zu versichern, 
daß sie von ihrer ursprünglichen Machtsphäre nichts aufgegeben 
haben. Was die Austeilung der Schicksale betrifft, so bleibt eine 
unbehagliche Ahnung bestehen, daß der Rat- und Hilflosigkeit 
des Menschengeschlechts nicht abgeholfen werden kann. Hier 
versagen die Götter am ehesten; wenn sie selbst das Schicksal 
machen, so muß man ihren Ratschluß unerforschlich heißen; dem 
begabtesten Volk des Altertums dämmert die Einsicht, daß die Moira 
über den Göttern steht und daß die Götter selbst ihre Schick- 
sale haben. Und je mehr die Natur selbständig wird, die Götter 
sich von ihr zurückziehen, desto ernsthafter drängen alle Erwar- 



Freud XI. 



28 



4 26 Schriften aus den Jahren 1926— 1 9 2S 



tungen auf die dritte Leistung, die ihnen zugewiesen ist, desto 
mehr wird das Moralische ihre eigentliche Domäne. Göttliche 
Aufgabe wird es nun, die Mängel und Schäden der Kultur aus- 
zugleichen, die Leiden in acht zu nehmen, die die Menschen im 
Zusammenleben einander zufügen, über die Ausführung der Kultur- 
vorschriften zu wachen, die die Menschen so schlecht befolgen. 
Den Kulturvorschriften selbst wird göttlicher Ursprung zugesprochen, 
sie werden über die menschliche Gesellschaft hinausgehoben, auf 
Natur und Weltgeschehen ausgedehnt. 

So wird ein Schatz von Vorstellungen geschaffen, geboren aus 
dem Bedürfnis, die menschliche Hilflosigkeit erträglich zu machen, 
erbaut aus dem Material der Erinnerungen an die Hilflosigkeit 
der eigenen und der Kindheit des Menschengeschlechts. Es ist 
deutlich erkennbar, daß dieser Besitz den Menschen nach zwei 
Richtungen beschützt, gegen die Gefahren der Natur und des 
Schicksals und gegen die Schädigungen aus der menschlichen 
Gesellschaft selbst. Im Zusammenhang lautet es: das Leben in 
dieser Welt dient einem höheren Zweck, der zwar nicht leicht 
zu erraten ist, aber gewiß eine Vervollkommnung des menschlichen 
Wesens bedeutet. Wahrscheinlich soll das Geistige des Menschen, 
die Seele, die sich im Lauf der Zeiten so langsam und wider- 
strebend vom Körper getrennt hat, das Objekt dieser Erhebung 
und Erhöhung sein. Alles, was in dieser Welt vor sich geht, ist 
Ausführung der Absichten einer uns überlegenen Intelligenz, die, 
wenn auch auf schwer zu verfolgenden Wegen und Umwegen, 
schließlich alles zum Guten, d. h. für uns Erfreulichen, lenkt. Über 
jedem von uns wacht eine gütige, nur scheinbar gestrenge Vor- 
sehung, die nicht zuläßt, daß wir zum Spielball der überstarken 
und schonungslosen Naturkräfte werden 5 der Tod selbst ist keine 
Vernichtung, keine Rückkehr zum anorganisch Leblosen, sondern 
der Anfang einer neuen Art von Existenz, die auf dem Wege der 
Höherentwicklung liegt. Und nach der anderen Seite gewendet, 
dieselben Sittengesetze, die unsere Kulturen aufgestellt haben, be- 



Die Zukunft einer Illusion 427 

herrschen auch alles Weltgeschehen, nur werden sie von einer 
höchsten richterlichen Instanz mit ungleich mehr Macht und Kon- 
sequenz Dehütet. Alles Gute findet endlich seinen Lohn, alles Böse 
seine Strafe, wenn nicht schon in dieser Form des Lebens, so in 
den späteren Existenzen, die nach dem Tod beginnen. Somit sind 
alle Schrecken, Leiden und Härten des Lebens zur Austilgung be- 
stimmt; das Leben nach dem Tode, das unser irdisches Leben 
fortsetzt, wie das unsichtbare Stück des Spektrums dem sichtbaren 
angefügt ist, bringt all die Vollendung, die wir hier vielleicht ver- 
mißt haben. Und die überlegene Weisheit, die diesen Ablauf lenkt, 
die Allgüte, die sich in ihm äußert, die Gerechtigkeit, die sich in 
ihm durchsetzt, das sind die Eigenschaften der göttlichen Wesen, 
die auch uns und die Welt im ganzen geschaffen haben. Oder 
vielmehr des einen göttlichen Wesens, zu dem sich in unserer 
Kultur alle Götter der Vorzeiten verdichtet haben. Das Volk, dem 
zuerst solche Konzentrierung der göttlichen Eigenschaften gelang, 
war nicht wenig stolz auf diesen Fortschritt. Es hatte den väter- 
lichen Kern, der von jeher hinter jeder Gottesgestalt verborgen 
war, freigelegt; im Grunde war es eine Rückkehr zu den histo- 
rischen Anfängen der Gottesidee. Nun, da Gott ein Einziger war, 
konnten die Beziehungen zu ihm die Innigkeit und Intensität des kind- 
lichen Verhältnisses zum Vater wiedergewinnen. Wenn man soviel 
für den Vater getan hatte, wollte man aber auch belohnt werden, 
zum mindesten das einziggeliebte Kind sein, das auserwählte Volk. 
Sehr viel später erhebt das fromme Amerika den Anspruch, „GocFs 
own country" zu sein, und für eine der Formen, unter denen 
die Menschen die Gottheit verehren, trifft es auch zu. 

Die religiösen Vorstellungen, die vorhin zusammengefaßt wurden, 
haben natürlich eine lange Entwicklung durchgemacht, sind von 
verschiedenen Kulturen in verschiedenen Phasen festgehalten worden. 
Ich habe eine einzelne solche Entwicklungsphase herausgegriffen, 
die etwa der Endgestaltung in unserer heutigen weißen, christ- 
lichen Kultur entspricht. Es ist leicht zu bemerken, daß nicht 

28* 



428 Schriften aus den Jahren 1926— 1928 



alle Stücke dieses Ganzen gleich gut zueinander stimmen, daß 
nicht alle dringenden Fragen beantwortet werden, daß der Wider- 
spruch der täglichen Erfahrung nur mit Mühe abgewiesen werden 
kann. Aber so wie sie sind, werden diese Vorstellungen — die im 
weitesten Sinn religiösen - - als der kostbarste Besitz der Kultur 
eingeschätzt, als das Wertvollste, was sie ihren Teilnehmern zu 
bieten hat, weit höher geschätzt als alle Künste, der Erde ihre 
Schätze zu entlocken, die Menschheit mit Nahrung zu versorgen 
oder ihren Krankheiten vorzubeugen usw. Die Menschen meinen, 
das Leben nicht ertragen zu können, wenn sie diesen Vorstellungen 
nicht den Wert beilegen, der für sie beansprucht wird. Und nun 
ist die Frage, was sind diese Vorstellungen im Lichte der Psycho- 
logie, woher beziehen sie ihre Hochschätzung und um schüchtern 
fortzusetzen: was ist ihr wirklicher Wert? 



IV 

Eine Untersuchung, die ungestört fortschreitet wie ein Monolog, 
ist nicht ganz ungefährlich. Man gibt zu leicht der Versuchung nach, 
Gedanken zur Seite zu schieben, die sie unterbrechen wollen, und 
tauscht dafür ein Gefühl von Unsicherheit ein, das man am Ende 
durch allzu große Entschiedenheit übertönen will. Ich stelle mir 
also einen Gegner vor, der meine Ausführungen mit Mißtrauen 
verfolgt, und lasse ihn von Stelle zu Stelle zu Worte kommen. 

Ich höre ihn sagen: „Sie haben wiederholt die Ausdrücke 
gebraucht: die Kultur schafft diese religiösen Vorstellungen, die 
Kultur stellt sie ihren Teilnehmern zur Verfügung, daran klingt 
etwas befremdend; ich könnte selbst nicht sagen warum, es hört 
sich nicht so selbstverständlich an, wie daß die Kultur Anord- 
nungen geschaffen hat über die Verteilung des Arbeitsertrags oder 
über die Rechte an Weib und Kind.' 

Ich meine aber doch, daß man berechtigt ist, sich so aus- 



Die Zukunft einer Illusion 429 

zudrücken. Ich habe versucht zu zeigen, daß die religiösen Vor- 
stellungen aus demselben Bedürfnis hervorgegangen sind wie alle 
anderen Errungenschaften der Kultur, aus der Notwendigkeit, sich 
gegen die erdrückende Übermacht der Natur zu verteidigen. Dazu 
kam ein zweites Motiv, der Drang, die peinlich verspürten Un- 
vollkommenheiten der Kultur zu korrigieren. Es ist auch besonders 
zutreffend zu sagen, daß die Kultur dem Einzelnen diese Vor- 
stellungen schenkt, denn er findet sie vor, sie werden ihm fertig 
entgegengebracht, er wäre nicht imstande, sie allein zu finden. 
Es ist die Erbschaft vieler Generationen, in die er eintritt, die er 
übernimmt wie das Einmaleins, die Geometrie u. a. Es gibt 
hierbei freilich einen Unterschied, aber der liegt anderswo, kann 
jetzt noch nicht beleuchtet werden. An dem Gefühl von Be- 
fremdung, das Sie erwähnen, mag es Anteil haben, daß man uns 
diesen Besitz von religiösen Vorstellungen als göttliche Offenbarung 
vorzuführen pflegt. Allein das ist selbst schon ein Stück des reli- 
giösen Systems, vernachlässigt ganz die uns bekannte historische 
Entwicklung dieser Ideen und ihre Verschiedenheiten in ver- 
schiedenen Zeiten und Kulturen. 

„Ein anderer Punkt, der mir wichtiger erscheint. Sie lassen die 
Vermenschlichung der Natur aus dem Bedürfnis hervorgehen, der 
menschlichen Rat- und Hilflosigkeit gegen deren gefürchtete 
Kräfte ein Ende zu machen, sich in Beziehung zu ihnen zu setzen 
und sie endlich zu beeinflussen. Aber ein solches Motiv scheint 
überflüssig zu sein. Der primitive Mensch hat ja keine Wahl, 
keinen anderen Weg des Denkens. Es ist ihm natürlich, wie ein- 
geboren, daß er sein Wesen in die Welt hinausprojiziert, alle 
Vorgänge, die er beobachtet, als Äußerungen von Wesen ansieht, 
die im Grunde ähnlich sind wie er selbst. Es ist das die einzige 
Methode seines Begreifens. Und es ist keineswegs selbstverständlich, 
viel mehr ein merkwürdiges Zusammentreffen, wenn es ihm 
gelingen sollte, durch solches Gewährenlassen seiner natürlichen 
Anlage eines seiner großen Bedürfnisse zu befriedigen." 



430 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 



Ich finde das nicht so auffällig. Meinen Sie denn, daß das 
Denken der Menschen keine praktischen Motive kennt, bloß der 
Ausdruck einer uneigennützigen Wißbegierde ist? Das ist doch 
sehr unwahrscheinlich. Eher glaube ich, daß der Mensch, auch 
wenn er die Naturkräfte personifiziert, einem infantilen Vorbild 
folgt. Er hat an den Personen seiner ersten Umgebung gelernt, 
daß, wenn er eine Relation zu ihnen herstellt, dies der Weg ist, 
um sie zu beeinflussen, und darum behandelt er später in der 
gleichen Absicht alles andere, was ihm begegnet, wie jene Personen. 
Ich widerspreche also Ihrer deskriptiven Bemerkung nicht, es ist 
wirklich dem Menschen natürlich, alles zu personifizieren, was er 
begreifen will, um es später zu beherrschen, — die psychische 
Bewältigung als Vorbereitung zur physischen, — aber ich gebe 
Motiv und Genese dieser Eigentümlichkeit des menschlichen 

Denkens dazu. 

„Und jetzt noch ein drittes: Sie haben ja den Ursprung der 
Religion früher einmal behandelt, in Ihrem Buch ,Totem und 
Tabu'. Aber dort sieht es anders aus. Alles ist das Sohn- Vater- 
Verhältnis, Gott ist der erhöhte Vater, die Vatersehnsucht ist die 
Wurzel des religiösen Bedürfnisses. Seither, scheint es, haben Sie 
das Moment der menschlichen Ohnmacht und Hilflosigkeit entdeckt, 
dem ja allgemein die größte Rolle bei der Religionsbildung 
zugeschrieben wird, und nun schreiben Sie alles auf Hilflosigkeit 
um, was früher Vaterkomplex war. Darf ich Sie um Auskunft 
über diese Wandlung bitten?' 

Gern, ich wartete nur auf diese Aufforderung. Wenn es wirklich 
eine Wandlung ist. In „Totem und Tabu" sollte nicht die Ent- 
stehung der Religionen erklärt werden, sondern nur die des 
Totemismus. Können Sie von irgendeinem der Ihnen bekannten 
Standpunkte verständlich machen, daß die erste Form, in der sich 
die schützende Gottheit dem Menschen offenbarte, die tierische 
war, daß ein Verbot bestand, dieses Tier zu töten und zu verzehren, 
und doch die feierliche Sitte, es einmal im Jahr gemeinsam zu 



Die Zukunft einer Illusion 



431 



töten und zu verzehren? Gerade das hat im Totemismus statt. 
Und es ist kaum zweckmäßig, darüber zu streiten, ob man den 
Totemismus eine Religion heißen soll. Er hat innige Beziehungen 
zu den späteren Gottesreligionen, die Totemtiere werden zu den 
heiligen Tieren der Götter. Und die ersten, aber tiefgehendsten, 
sittlichen Beschränkungen — das Mord- und das Inzestverbot — 
entstehen auf dem Boden des Totemismus. Ob Sie nun die 
Folgerungen von „Totem und Tabu" annehmen oder nicht, ich 
hoffe, Sie werden zugeben, daß in dem Buch eine Anzahl von 
sehr merkwürdigen versprengten Tatsachen zu einem konsistenten 
Ganzen zusammengefaßt ist. 

Warum der tierische Gott auf die Dauer nicht genügte und 
durch den menschlichen abgelöst wurde, das ist in „Totem und 
Tabu" kaum gestreift worden, andere Probleme der Religions- 
bildung finden dort überhaupt keine Erwähnung. Halten Sie solche 
Beschränkung für identisch mit einer Verleugnung? Meine Arbeit 
ist ein gutes Beispiel von strenger Isolierung des Anteils, den die 
psychoanalytische Betrachtung zur Lösung des religiösen Problems 
leisten kann. Wenn ich jetzt versuche, das andere, weniger tief 
Versteckte hinzuzufügen, so sollen Sie mich nicht des Widerspruchs 
beschuldigen wie früher der Einseitigkeit. Es ist natürlich meine 
Aufgabe, die Verbindungswege zwischen dem früher Gesagten und 
dem jetzt Vorgebrachten, der tieferen und der manifesten Moti- 
vierung, dem Vaterkomplex und der Hilflosigkeit und Schutz- 
bedürftigkeit des Menschen aufzuzeigen. 

Diese Verbindungen sind nicht schwer zu finden. Es sind die 
Beziehungen der Hilflosigkeit des Kindes zu der sie fortsetzenden 
des Erwachsenen, so daß, wie zu erwarten stand, die psycho- 
analytische Motivierung der Religionsbildung der infantile Beitrag 
zu ihrer manifesten Motivierung wird. Versetzen wir uns in das 
Seelenleben des kleinen Kindes. Sie erinnern sich an die Objektwahl 
nach dem Anlehnungstypus, von dem die Analyse spricht? Die 
Libido folgt den Wegen der narzißtischen Bedürfnisse und heftet 



V 



432 Schriften aus den Jahren 1 926 — 1928 

sich an die Objekte, welche deren Befriedigung versichern. So 
wird die Mutter, die den Hunger befriedigt, zum ersten Liebes- 
objekt und gewiß auch zum ersten Schutz gegen alle die un- 
bestimmten, in der Außenwelt drohenden Gefahren, zum ersten 
Angstschutz, dürfen wir sagen. 

In dieser Funktion wird die Mutter bald von dem stärkeren 
Vater abgelöst, dem sie nun über die ganze Kindheit verbleibt. 
Das Verhältnis zum Vater ist aber mit einer eigentümlichen Ambi- 
valenz behaftet. Er war selbst eine Gefahr, vielleicht von dem 
früheren Verhältnis zur Mutter her. So fürchtet man ihn nicht 
minder, als man sich nach ihm sehnt und ihn bewundert. Die 
Anzeichen dieser Ambivalenz des Vaterverhältnisses sind allen 
Religionen tief eingeprägt, wie auch in „Totem und Tabu" aus- 
geführt wird. Wenn nun der Heranwachsende merkt, daß es ihm 
bestimmt ist, immer ein Kind zu bleiben, daß er des Schutzes 
gegen fremde Übermächte nie entbehren kann, verleiht er diesen 
die Züge der Vatergestalt, er schafft sich die Götter, vor denen 
er sich fürchtet, die er zu gewinnen sucht und denen er doch 
seinen Schutz überträgt. So ist das Motiv der Vatersehnsucht 
identisch mit dem Bedürfnis nach Schutz gegen die Folgen der 
menschlichen Ohnmacht; die Abwehr der kindlichen Hilflosigkeit 
verleiht der Reaktion auf die Hilflosigkeit, die der Erwachsene 
anerkennen muß, eben der Religionsbildung, ihre charakteristischen 
Züge. Aber es ist nicht unsere Absicht, die Entwicklung der Gottes- 
idee weiter zu erforschen; wir haben es hier mit dem fertigen 
Schatz von religiösen Vorstellungen zu tun, wie ihn die Kultur 
dem Einzelnen übermittelt. 

V 

Um den Faden der Untersuchung wieder aufzunehmen: Welches 
ist also die psychologische Bedeutung der religiösen Vorstellungen, 
als was können wir sie klassifizieren? Die Frage ist zunächst gar 



Die Zukunft einer Illusion 453 



nicht leicht zu beantworten. Nach Abweisung verschiedener Formu- 
lierungen wird man bei der einen stehen bleiben: Es sind Lehr- 
sätze, Aussagen über Tatsachen und Verhältnisse der äußeren (oder 
inneren) Realität, die etwas mitteilen, was man selbst nicht gefunden 
hat und die beanspruchen, daß man ihnen Glauben schenkt. Da 
sie Auskunft geben über das für uns Wichtigste und Interessanteste 
im Leben, werden sie besonders hochgeschätzt. Wer nichts von ihnen j 
weiß, ist sehr unwissend; wer sie in sein Wissen aufgenommen hat, 
darf sich für sehr bereichert halten. 

Es gibt natürlich viele solche Lehrsätze über die verschieden- 
artigsten Dinge dieser Welt. Jede Schulstunde ist voll von ihnen. Wählen 
wir die geographische. Wir hören da: Konstanz liegt am Bodensee. 
Ein Studentenlied setzt hinzu: Wer's nicht glaubt, geh' hin und seh'. 
Ich war zufällig dort und kann bestätigen, die schöne Stadt hegt 
am Ufer eines weiten Gewässers, das alle Umwohnenden Bodensee 
heißen. Ich bin jetzt auch von der Richtigkeit dieser geographischen 
Behauptung vollkommen überzeugt. Dabei erinnere ich mich an ein 
anderes, sehr merkwürdiges Erlebnis. Ich war schon ein gereifter 
Mann, als ich zum erstenmal auf dem Hügel der athenischen 
Akropolis stand, zwischen den Tempelruinen, mit dem Blick aufs 
blaue Meer. In_meine Beglückung mengte sichern Gefühl von 
Krstaunen, das mir die Deutung eingab: Also ist das wirklich so, 
wie wir's in der Schule gelernt hatten! Was für seichten und kraft- 
losen Glauben an die reale Wahrheit des Gehörten muß ich damals 
erworben haben, wenn ich heute so erstaunt sein kann! Aber ich 
will die Bedeutung dieses Erlebnisses nicht zu sehr betonen; es ist 
noch eine andere Erklärung meines Erstaunens möglich, die mir 
damals nicht einfiel, die durchaus subjektiver Natur ist und mit der 
Besonderheit des Ortes zusammenhängt. 

Alle solche Lehrsätze verlangen also Glauben für ihre Inhalte, 
aber nicht ohne ihren Anspruch zu begründen. Sie geben sich als 
das abgekürzte Resultat eines längeren, auf Beobachtung, gewiß auch 
Schlußfolgerung gegründeten Denkprozesses; wer die Absicht hat, 



434 Schriften aus den Jaliren 1926 — 1928 



diesen Prozeß selbst durchzumachen, anstatt sein Ergebnis anzu- 
nehmen, dem zeigen sie den Weg dazu. Es wird immer auch hinzu- 
gesetzt, woher man die Kenntnis hat, die der Lehrsatz verkündet, 
wo er nicht, wie bei geographischen Behauptungen, selbstverständlich 
ist. Zum Beispiel die Erde hat die Gestalt einer Kugel; als Beweise dafür 
werden angeführt der Foucaultsche Pendelversuch, das Verhalten des 
Horizonts, die Möglichkeit, die Erde zu umschiffen. Da es, wie alle 
Beteiligten einsehen, untunlich ist, alle Schulkinder auf Erdum- 
seglungen zu schicken, bescheidet man sich damit, die Lehren der 
Schule auf ,Treu und Glauben" annehmen zu lassen, aber man 
weiß, der Weg zur persönlichen Überzeugung bleibt offen. 

Versuchen wir die religiösen Lehrsätze mit demselben Maß zu 
messen. Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf sich ihr Anspruch 
gründet, geglaubt zu werden, erhalten wir drei Antworten, die 
merkwürdig schlecht zusammenstimmen. Erstens, sie verdienen 
Glauben, weil schon unsere Urväter sie geglaubt haben, zweitens 
besitzen wir Beweise, die uns aus eben dieser Vorzeit überliefert 
sind, und drittens ist es überhaupt verboten, die Frage nach dieser 
Beglaubigung aufzuwerfen. Dies Unterfangen wurde früher mit den 
allerhärtesten Strafen belegt und noch heute sieht es die Gesell- 
schaft ungern, daß jemand es erneuert. 

Dieser dritte Punkt muß unsere stärksten Bedenken wecken. Ein 
solches Verbot kann doch nur die eine Motivierung haben, daß die 
Gesellschaft die Unsicherheit des Anspruchs sehr wohl kennt, den 
sie für ihre religiösen Lehren erhebt. Wäre es anders, so würde 
sie gewiß jedem, der sich selbst eine Überzeugung schaffen will, das 
Material dazu bereitwilligst zur Verfügung stellen. Wir gehen darum 
mit einem nicht leicht zu beschwichtigenden Mißtrauen an die 
Prüfung der beiden anderen Beweisgründe. Wir sollen glauben, 
weil unsere Urväter geglaubt liaben. Aber diese unsere Ahnen 
waren weit unwissender als wir, sie haben an Dinge geglaubt, 
die wir heute unmöglich annehmen können. Die Möglichkeit 
r egt sich, daß auch die religiösen Lehren von solcher Art sein 



Die Zukunft einer Illusion 435 






könnten. Die Beweise, die sie uns hinterlassen haben, sind in 
Schriften niedergelegt, die selbst alle Charaktere der Unzuver- 
lässigkeit an sich tragen. Sie sind widerspruchsvoll, überarbeitet, 
verfälscht; wo sie von tatsächlichen Beglaubigungen berichten, 
selbst unbeglaubigt. Es hilft nicht viel, wenn für ihren Wortlaut 
oder auch nur für ihren Inhalt die Herkunft von göttlicher Offen- 
barung behauptet wird, denn diese Behauptung ist berexts selbst 
ein Stück jener Lehren, die auf ihre Glaubwürdigkeit untersucht 
werden sollen, und kein Satz kann sich doch selbst beweisen 

So kommen wir zu dem sonderbaren Ergebnis, daß gerade die- 
jenigen Mitteilungen unseres Kulturbesitzes, die die größte Be- 
deutung für uns haben könnten, denen die Aufgabe zugeteilt ist, 
uns die Rätsel der Welt aufzuklären und uns mit den Leiden 
des Lebens zu versöhnen, daß gerade sie die allerschwächste 
Beglaubigung haben. Wir würden uns nicht entschließen können, 
eine für uns so gleichgiltige Tatsache anzunehmen, wie daß Wal- 
fische Junge gebären anstatt Eier abzulegen, wenn sie nicht besser 

erweisbar wäre. 

Dieser Sachverhalt ist an sich ein sehr merkwürdiges psycholo- 
gisches Problem. Auch möge niemand glauben, daß die vorstehenden 
Bemerkungen über die Unbeweisbarkeit der religiösen Lehren 
etwas Neues enthalten. Sie ist zu jeder Zeit verspürt worden, 
gewiß auch von den Urahnen, die solche Erbschaft hinterlassen 
haben Wahrscheinlich haben viele von ihnen dieselben Zweifel 
£ enährt wie wir, es lastete aber ein zu starker Druck auf ihnen, 
als daß sie gewagt hätten, dieselben zu äußern. Und seither haben 
sich unzählige Menschen mit den nämlichen Zweifeln gequält, 
die sie unterdrücken wollten, weil sie sich für verpflichtet hielten 
zu glauben, sind viele glänzende Intellekte an diesem Konflikt 
gescheitert, haben viele Charaktere an den Kompromissen Schaden 
gelitten, in denen sie einen Ausweg suchten. 

Wenn alle Beweise, die man für die Glaubwürdigkeit der 
religiösen Lehrsätze vorbringt, aus der Vergangenheit stammen, 






43^ Schriften ans den Jahren 1926 — 1928 

so liegt es nahe umzuschauen, ob nicht die besser zu beurteilende 
Gegenwart auch solche Beweise liefern kann. Wenn es gelänge, 
nur ein einzelnes Stück des religiösen Systems solcher Art dem 
Zweifel zu entziehen, so würde dadurch das Ganze außerordentlich 
an Glaubhaftigkeit gewinnen. Hier setzt die Tätigkeit der Spiritisten 
ein, die von der Fortdauer der individuellen Seele überzeugt sind 
und uns diesen einen Satz der religiösen Lehre zweifelsfrei demon- 
strieren wollen. Es gelingt ihnen leider nicht zu widerlegen, daß 
die Erscheinungen und Äußerungen ihrer Geister nur Produk- 
tionen ihrer eigenen Seelentätigkeit sind. Sie haben die Geister 
der größten Menschen, der hervorragendsten Denker zitiert, aber 
alle Äußerungen und Auskünfte, die sie von ihnen erhielten, 
waren so albern, so trostlos nichtssagend, daß man nichts anderes 
glaubwürdig finden kann als die Fähigkeit der Geister, sich dem 
Kreis von Menschen anzupassen, der sie heraufbeschwört. 

Man muß nun zweier Versuche gedenken, die den Eindruck 
krampfhafter Bemühung machen, dem Problem zu entgehen. Der 
eine, gewaltsamer Natur, ist alt, der andere subtil und modern. 
Der erstere ist das Credo quia absurdum des Kirchenvaters. Das 
will besagen, die religiösen Lehren sind den Ansprüchen der 
Vernunft entzogen, sie stehen über der Vernunft. Man muß ihre 
Wahrheit innerlich verspüren, braucht sie nicht zu begreifen. 
Allein dieses Credo ist nur als Selbstbekenntnis interessant, als 
Machtspruch ist es ohne Verbindlichkeit. Soll ich verpflichtet 
werden, jede Absurdität zu glauben? Und wenn nicht, warum 
gerade diese? Es gibt keine Instanz über der Vernunft. Wenn die 
Wahrheit der religiösen Lehren abhängig ist von einem inneren 
Erlebnis, das diese Wahrheit bezeugt, was macht man mit den 
vielen Menschen, die solch ein seltenes Erlebnis nicht haben? 
Man kann von allen" Menschen verlangen, daß sie die Gabe der 
Vernunft anwenden, die sie besitzen, aber man kann nicht eine 
für alle giltige Verpflichtung auf ein Motiv aufbauen, das nur 
bei ganz wenigen existiert. Wenn der Eine aus einem ihn 



Die Zukunft einer IUusion 



437 






. 



tief ergreifenden ekstatischen Zustand die unerschütterliche Ober- / 
zeugung von der realen Wahrheit der religiösen Lehren gewonnen 
hat, was bedeutet das dem Anderen? 

Der zweite Versuch ist der der Philosophie des „Als ob . Er 
führt aus, daß es in unserer Denktätigkeit reichlich Annahmen 
gibt, deren Grundlosigkeit, ja deren Absurdität wir voll einsehen. 
Sie werden Fiktionen geheißen, aber aus mannigfachen prakfschen 
Motiven müßten wir uns so benehmen, „als oh wir an diese 
Fiktionen glaubten. Dies «reffe für die religiösen Lehren wegen 
ihrer unvergleichlichen Wichtigkeit für die Aufrechterhaftung der 
menschlichen Gesellschaft zu.' Diese Argumentation tat von dem 
Credo auia absurdum nicht weit entfernt. Aber ich meine die Forde- 
rung des „Als ob" ist eine solche, wie sie nur ein Phtlosoph auf- 
stellen kann. Der durch die Künste der Philosoph« 
Denken nicht beeinflußte Mensch wird sie nie annehmen können, 
für ihn ist mit dem Zugeständnis der Absurdität, der Vernunft- 
widrigkeit, alles erledigt Er kann nicht dazu verhalten werden, 
gerade in der Behandlung seiner wichtigsten Interessen auf d le 
Sicherheiten zu verzichten, die er sonst für alle seine gewöhn- 
lichen Tätigkeiten verlangt. Ich erinnere mich an eines meiner 
Kinder, das sich frühzeitig durch eine hesondere Betonung der 
Sachlichkeit auszeichnete. Wenn den Kindern ein Märchen erzahlt 
wur de, dem sie andächtig lauschten, kam er hinzu und fragte: 
Ist das eine wahre Geschichte? Nachdem man es verneint hatte, 
zog er mit einer geringschätzigen Miene ab. fe^ht zu erwarten, 
daß sich die Menschen gegen die religiösen Märchen W ähnlich M YY V 
benehmen werden, trotz der Fürsprache des „Als ob". 



• vi.« v.i* 1'nrecht tu begehen, »Ml i<* den Philosophen des „Als ob" 
,) loh hoffe kern Lnre n, tl J , ^^ ^ „ Vai . 

eine Ansicht vertrete» £«. *« «£ »"* A „ f| s , 68: „wir 

SSta dl» k'Ä F ttion »ich, m, g leic„ e il.i f e. theoretisch. Operationen 
„eben in den Kreis »" , . die edelsle „ Menschen ersonnen haben, an 

ÄtÄÄÄ Wahrheit L- stirbt es dahin. 






45o Schriften au s den Jahren 1926 — l<)2S 

Aber sie benehmen sich derzeit noch ganz anders und in ver- 
gangenen Zeiten haben die religiösen Vorstellungen trotz ihres 
unbestreitbaren Mangels an Beglaubigung den alierstärksten Einfluß 
auf die Menschheit geübt. Das ist ein neues psychologisches Problem. 
Man muß fragen, worin besteht die innere Kraft dieser Lehren, 
welchem Umstand verdanken sie ihre von der vernünftigen An- 
erkennung unabhängige Wirksamkeit? 



VI 

Ich meine, wir haben die Antwort auf beide Fragen genügend 
vorbereitet. Sie ergibt sich, wenn wir die psychische Genese der 
religiösen Vorstellungen ins Auge fassen. Diese, die sich als Lehr- 
sätze ausgeben, sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder End- 
resultate des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten 
stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis 
ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche. Wir wissen schon, der 
schreckende Eindruck der kindlichen Hilflosigkeit hat das Bedürfnis 
nach Schutz — Schutz durch Liebe — erweckt, dem der Vater 
abgeholfen hat, die Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit 
durchs ganze Leben hat das Festhalten an der Existenz eines — 
aber nun mächtigeren Vaters — verursacht. Durch das gütige 
Walten der göttlichen Vorsehung wird die Angst vor den Gefahren 
des Lebens beschwichtigt, die Einsetzung einer sittlichen Weltord- 
nung versichert die Erfüllung der Gerechtigkeitsforderung, die inner- 
halb der menschlichen Kultur so oft unerfüllt geblieben ist, die 
Verlängerung der irdischen Existenz durch ein zukünftiges Leben 
stellt den örtlichen und zeitlichen Rahmen bei, in dem sich diese 
Wunscherfüllungen vollziehen sollen. Antworten auf Rätselfragen 
der menschlichen Wißbegierde, wie nach der Entstehung der Welt 
und der Beziehung zwischen Körperlichem und Seelischem werden 
unter den Voraussetzungen dieses Systems entwickelt; es bedeutet 



Die Zukunft einer Illusion 



439 



eine großartige Erleichterung für die Einzelpsyche, wenn die nie 
ganz überwundenen Konflikte der Kinderzeit aus dem Vaterkomplex 
ihr abgenommen und einer von allen angenommenen Lösung zu- 
geführt werden. 

Wenn ich sage, das alles sind Illusionen, muß ich die Bedeutung 
des Wortes abgrenzen. Eine Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum, 
sie ist auch nicht notwendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, | 
daß sich Ungeziefer aus Unrat entwickle, an der das unwissende 
Volk noch heute festhält, war ein Irrtum, ebenso die einer früheren 
ärztlichen Generation, daß die Tabes dorsalis die Folge von sexu- 
eller Ausschweifung sei. Es wäre mißbräuchlich, diese Irrtümer 
Illusionen zu heißen. Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, 
daß er einen neuen Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der Anteil 
seines Wunsches an diesem Irrtum ist sehr deutlich. Als Illusion 
kann man die Behauptung gewisser Nationalisten bezeichnen, die 
Indogermanen seien die einzige kulturfähige Menschenrasse, oder 
den Glauben, den erst die Psychoanalyse zerstört hat, das Kind sei 
ein Wesen ohne Sexualität. Für die Illusion bleibt charakteristisch 
die Ableitung aus menschlichen Wünschen, sie nähert sich in dieser 
Hinsicht der psychiatrischen Wahnidee, aber sie scheidet sich, ab- 
gesehen von dem komplizierteren Aufbau der Wahnidee, auch von 
dieser. An der Wahnidee heben wir als wesentlich den Widerspruch 
gegen die Wirklichkeit hervor, die Illusion muß nicht notwendig 
falsch, d. h. unrealisierbar oder im Widerspruch mit der Realität 
sein. Ein Bürgermädchen kann sich z. B. die Illusion machen, daß 
ein Prinz kommen wird, um sie heimzuholen. Es ist möglich, einige 
Fälle dieser Art haben sich ereignet. Daß der Messias kommen und 
ein goldenes Zeitalter begründen wird, ist weit weniger wahrschein- 
lich- je nach der persönlichen Einstellung des Urteilenden wird er 
diesen Glauben als Illusion oder als Analogie einer Wahnidee klassi- 
fizieren. Beispiele von Illusionen, die sich bewahrheitet haben, sind 
sonst nicht leicht aufzufinden. Aber die Illusion der Alchimisten, 
alle Metalle in Gold verwandeln zu können, könnte eine solche 






MM+J" 






_■ . 



440 



Schriften aus den Jakren 1<)26 — 1928 



(V 



sein. Der Wunsch, sehr viel Gold, soviel Gold als möglich zu haben, 
ist durch unsere heutige Einsicht in die Bedingungen des Reichtums 
sehr gedämpft, doch hält die Chemie eine Umwandlung der Metalle 
in Gold nicht mehr für unmöglich. Wir heißen also einen Glauben 
eine Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung 
vordrängt, und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit 
ab, ebenso wie die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen verzichtet. 

Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder zu den reli- 
giösen Lehren, so dürfen wir wiederholend sagen: Sie sind sämtlich 
Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für 
wahr zu halten, an sie zu glauben. Einige von ihnen sind so un- 
wahrscheinlich, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir müh- 
selig über die Realität der Welt erfahren haben, daß man sie — 
mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen Unter- 
schiede — den Wahnideen vergleichen kann. Über den Realitäts- 
wert der meisten von ihnen kann man nicht urteilen. So wie sie 
unbeweisbar sind, sind sie auch unwiderlegbar. Man weiß noch 
zu wenig, um ihnen kritisch näher zu rücken. Die Rätsel der 
Welt entschleiern sich unserer Forschung nur langsam, die Wissen- 
schaft kann auf viele Fragen heute noch keine Antwort geben. 
Die wissenschaftliche Arbeit ist aber für uns der einzige Weg, der 
zur Kenntnis der Realität außer uns führen kann. Es ist wiederum 
nur Illusion, wenn man von der Intuition und der Selbstversenkung 
etwas erwartet; sie kann uns nichts geben als — schwer deut- 
bare — Aufschlüsse über unser eigenes Seelenleben, niemals Aus- 
kunft über die Fragen, deren Beantwortung der religiösen Lehre 
so leicht wird. Die eigene Willkür in die Lücke eintreten zu lassen 
und nach persönlichem Ermessen dies oder jenes Stück des reli- 
giösen Systems für mehr oder weniger annehmbar zu erklären, 
wäre frevelhaft. Dafür sind diese Fragen zu bedeutungsvoD, man 
möchte sagen: zu heilig. 

An dieser Stelle kann man auf den Einwand gefaßt sein: Also, 
wenn selbst die verbissenen Skeptiker zugeben, daß die Behaup- 



Die Zukunft einer Illusion aa j 



tungen der Religion nicht mit dem Verstand zu widerlegen sind, 
warum soll ich ihnen dann nicht glauben, da sie soviel für sich 
haben, die Tradition, die Übereinstimmung der Menschen und all 
das Tröstliche ihres Inhalts? Ja, warum nicht? So wie niemand 
zum Glauben gezwungen werden kann, so auch niemand zum 
Unglauben. Aber man gefalle sich nicht in der Selbsttäuschung, daß 









man mit solchen Begründungen die Wege des korrekten Denkens 
geht. Wenn die Verurteilung „faule Ausrede" je am Platze war, ']. 
so hier. Die Unwissenheit ist die Unwissenheit; kein Recht etwas 
zu glauben, leitet sich aus ihr ab. Kein vernünftiger Mensch wird 
sich in anderen Dingen so leichtsinnig benehmen und sich mit so arm- 
seligen Begründungen seiner Urteile, seiner Parteinahme, zufrieden 
geben, nur in den höchsten und heiligsten Dingen gestattet er sich 
das. In Wirklichkeit sind es nur Bemühungen, um sich oder an- 
deren vorzuspiegeln, man halte noch an der Religion fest, während 
man sich längst von ihr abgelöst hat. Wenn es sich um Fragen 
der Religion handelt, machen sich die Menschen aller möglichen 
Unaufrichtigkeiten und intellektuellen Unarten schuldig. Philosophen 
überdehnen die Bedeutung von Worten, bis diese kaum etwas von 
ihrem ursprünglichen Sinn übrig behalten, sie heißen irgendeine 
verschwommene Abstraktion, die sie sich geschaffen haben „Gott , 
und sind nun auch Deisten, Gottesgläubige, vor aller Welt, können 
sich selbst rühmen, einen höheren, reineren Gottesbegriff erkannt 
zu haben, obwohl ihr Gott nur mehr ein wesenloser Schatten ist 
und nicht mehr die machtvolle Persönlichkeit der religiösen Lehre. 
Kritiker beharren darauf, einen Menschen, der sich zum Gefühl 
der menschlichen Kleinheit und Ohnmacht vor dem Ganzen der 
Welt bekannt, für „tief religiös" zu erklären, obwohl nicht dieses 
Gefühl das Wesen der Religiosität ausmacht, sondern erst der 
nächste Schritt, die Reaktion darauf, die gegen dies Gefühl eine 
Abhilfe sucht. Wer nicht weiter geht, wer sich demütig mit der 
geringfügigen Rolle des Menschen in der großen Welt bescheidet, 
der ist vielmehr irreligiös im wahrsten Sinne des Wortes. 

Freud XI. 



29 



/ 



44 2 Schriften aus den Jahren 1< )26 — 1928 

Es liegt nicht im Plane dieser Untersuchung, zum Wahrheits- 
wert der religiösen Lehren Stellung zu nehmen. Es genügt uns, 
sie in ihrer psychologischen Natur als Illusionen erkannt zu haben. 
Aber wir brauchen nicht zu verhehlen, daß diese Aufdeckung auch 
unsere Einstellung zu der Frage, die vielen als die wichtigste er- 
scheinen muß, mächtig beeinflußt. Wir wissen ungefähr, zu welchen 
Zeiten die religiösen Lehren geschaffen worden sind und von was 
für Menschen. Erfahren wir noch, aus welchen Motiven es geschah, 
so erfährt unser Standpunkt zum religiösen Problem eine merkliche 
Verschiebung. Wir sagen uns. es wäre ja sehr schön, wenn es 
einen Gott gäbe als Weltenschöpfer und gütige Vorsehung, eine 
sittliche Weltordnung und ein jenseitiges Leben, aber es ist doch 
sehr auffällig, daß dies alles so ist, wie wir es uns wünschen 
müssen. Und es wäre noch sonderbarer, daß unseren armen, un- 
wissenden, unfreien Vorvätern die Lösung all dieser schwierigen Welt- 
rätsel geglückt sein sollte. 

VII 

Wenn wir die religiösen Lehren als Illusionen erkannt haben, 
erhebt sich sofort die weitere Frage, ob nicht auch anderer Kultur- 
besitz, den wir hochhalten und von dem wir unser Leben be- 
herrschen lassen, ähnlicher Natur ist. Ob nicht die Voraussetzungen, 
die unsere staatlichen Einrichtungen regeln, gleichfalls Illusionen 
genannt werden müssen, ob nicht die Beziehungen der Geschlechter 
in unserer Kultur durch eine oder eine Reihe von erotischen 
Illusionen getrübt werden? Ist unser Mißtrauen einmal rege ge- 
worden, so werden wir auch vor der Frage nicht zurückschrecken, 
ob unsere Überzeugung, durch die Anwendung des Beobachtens 
und Denkens in wissenschaftlicher Arbeit etwas von der äußeren 
Realität erfahren zu können, eine bessere Begründung hat. Nichts 
darf uns abhalten, die Wendung der Beobachtung auf unser eigenes 
Wesen und die Verwendung des Denkens zu seiner eigenen Kritik 



Die Zukunft einer Illusion 445 

gutzuheißen. Eine Reihe von Untersuchungen eröffnet sich hier, 
deren Ausfall entscheidend für den Aufbau einer „Weltanschauung" 
werden müßte. Wir ahnen auch, daß eine solche Bemühung nicht 
verschwendet sein und daß sie unserem Argwohn wenigstens teil- 
weise Rechtfertigung bringen wird. Aber das Vermögen des Autors 
verweigert sich einer so umfassenden Aufgabe, notgedrungen engt 
er seine Arbeit auf die Verfolgung einer einzigen von diesen Illu- 
sionen, eben der religiösen, ein. 

Die laute Stimme unseres Gegners gebietet uns nun halt. Wir 
werden zur Rechenschaft gezogen ob unseres verbotenen Tuns. 
Er sagt uns: 

„Archäologische Interessen sind ja recht lobenswert, aber man 
stellt keine Ausgrabungen an, wenn man durch sie die Wohn- 
stätten der Lebenden untergräbt, so daß sie einstürzen und die 
Menschen unter ihren Trümmern verschütten. Die religiösen 
Lehren sind kein Gegenstand, über den man klügeln kann wie 
über einen beliebigen anderen. Unsere Kultur ist auf ihnen auf- 
gebaut, die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft hat zur Vor- 
aussetzung, daß die Menschen in ihrer Überzahl an die Wahrheit 
dieser Lehren glauben. Wenn man sie lehrt, daß es keinen all- 
mächtigen und allgerechten Gott gibt, keine göttliche Weltordnung 
und kein künftiges Leben, so werden sie sich aller Verpflichtung 
zur Befolgung der Kulturvorschriften ledig fühlen. Jeder wird 
ungehemmt, angstfrei, seinen asozialen, egoistischen Trieben folgen, 
seine Macht zu betätigen suchen, das Chaos wird wieder beginnen, 
das wir in vieltausendjähriger Kulturarbeit gebannt haben. Selbst 
wenn man es wüßte und beweisen könnte, daß die Religion nicht 
im Besitz der Wahrheit ist, müßte man es verschweigen und sich 
so benehmen, wie es die Philosophie des ,Als ob' verlangt. Im 
Interesse der Erhaltung Aller! Und von der Gefährlichkeit des 
Unternehmens abgesehen, es ist auch eine zwecklose Grausamkeit. 
Unzählige Menschen finden in den Lehren der Religion ihren 
einzigen Trost, können nur durch ihre Hilfe das Leben ertragen. 



444 



Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 



Man will ihnen diese ihre Stütze rauhen und hat ihnen nichts 
Besseres dafür zu gehen. Es ist zugestanden worden, daß die 
Wissenschaft derzeit nicht viel leistet, aber auch wenn sie viel 
weiter fortgeschritten wäre, würde sie den Menschen nicht ge- 
nügen. Der Mensch hat noch andere imperative Bedürfnisse, die 
nie durch die kühle Wissenschaft befriedigt werden können, und 
es ist sehr sonderbar, geradezu ein Gipfel der Inkonsequenz, wenn 
ein Psycholog, der immer betont hat, wie sehr im Leben der 
Menschen die Intelligenz gegen das Triebleben zurücktritt, sich 
nun bemüht, den Menschen eine kostbare Wunschbefriedigung zu 
rauben und sie dafür mit intellektueller Kost entschädigen will." 

Das sind viel Anklagen auf einmal! Aber ich bin vorbereitet, 
ihnen allen zu widersprechen und überdies werde ich die Be- 
hauptung vertreten, daß es eine größere Gefahr für die Kultur 
bedeutet, wenn man ihr gegenwärtiges Verhältnis zur Religion 
aufrecht hält, als wenn man es löst. Nur weiß ich kaum, womit 
ich in meiner Erwiderung beginnen soll. 

Vielleicht mit der Versicherung, daß ich selbst mein Unter- 
nehmen für völlig harmlos und ungefährlich halte. Die Über- 
schätzung des Intellekts ist diesmal nicht auf meiner Seite. Wenn 
die Menschen so sind, wie die Gegner sie beschreiben, — und 
ich mag dem nicht widersprechen, — so besteht keine Gefahr, 
daß ein Frommgläubiger sich, durch meine Ausführungen über- 
wältigt, seinen Glauben entreißen läßt. Außerdem habe ich nichts 
gesagt, was nicht andere, bessere Männer viel vollständiger, kraft- 
voller und eindrucksvoller vor mir gesagt haben. Die Namen dieser 
Männer sind bekannt; ich werde sie nicht anführen, es soll nicht 
der Anschein geweckt werden, daß ich mich in ihre Reihe stellen 
will. Ich habe bloß — dies ist das einzig Neue an meiner Dar- 
stellung — der Kritik meiner großen Vorgänger etwas psycho- 
UC- J»*ft1 Wogische Begründung hinzugefügt. Daß gerade dieser Zusatz die 
Wirkung erzwingen wird, die den früheren versagt geblieben ist, 
ist kaum zu erwarten. Freilich könnte man mich jetzt fragen, 



-f 



i 



Die Zukunft einer Illusion 
. 445 



wozu schreibt man solche Dinge, wenn man ihrer Wirkungs- 
losigkeit sicher ist. Aber darauf kommen wir später zurück. 

Der einzige, dem diese Veröffentlichung Schaden bringen kann 
bin ich selbst. Ich werde die unliebenswürdigsten Vorwürfe zu 
hören bekommen wegen Seichtigkeit, Borniertheit, Mangel an 
Idealismus und an Verständnis für die höchsten Interessen der 
Menschheit. Aber einerseits sind mir diese Vorhaltungen nicht neu, 
und anderseits, wenn jemand schon in jungen Jahren sich über 
das Mißfallen seiner Zeitgenossen hinausgesetzt hat, was soll es 
ihm im Greisenalter anhaben, wenn er sicher ist, bald jeder Gunst 
und Mißgunst entrückt zu werden? In früheren Zeiten war es 
anders, da erwarb man durch solche Äußerungen eine sichere Ver- 
kürzung seiner irdischen Existenz und eine gute Beschleunigung 
der Gelegenheit, eigene Erfahrungen über das jenseitige Leben 
zu machen. Aber ich widerhole, jene Zeiten sind vorüber und 
heute ist solche Schreiberei auch für den Autor ungefährlich. 
Höchstens daß sein Buch in dem einen oder dem anderen Land 
nicht übersetzt und nicht verbreitet werden darf. Natürlich gerade in 
einem Land, das sich des Hochstands seiner Kultur sicher fühlt. Aber 
wenn man überhaupt für * Wunsch verzieht und Ergebung in das 
Schicksal plädiert, muß man auch diesen Schaden ertragen können. 
Es tauchte dann bei mir die Frage auf, ob die Veröffentlichung 
dieser Schrift nicht doch jemand Unheil bringen könnte. Zwar 
keiner Person, aber einer Sache, der Sache der Psychoanalyse. Es 
ist ja nicht zu leugnen, daß sie meine Schöpfung ist, man hat 
ihr reichlich Mißtrauen und Übelwollen bezeigt; wenn ich jetzt 
mit so unliebsamen Äußerungen hervortrete, wird man für die 
Verschiebung von meiner Person auf die Psychoanalyse nur allzu 
bereit sein. Jetzt sieht man, wird es heißen, wohin die Psycho- 
analyse führt. Die Maske ist gefallen; zur Leugnung von Gott und 
sittlichem Ideal, wie wir es ja immer vermutet haben. Um uns 
von der Entdeckung abzuhalten, hat man uns vorgespiegelt, die 
Psychoanalyse habe keine Weltanschauung und könne keine bilden. 



. 



446 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 

Dieser Lärm wird mir wirklich unangenehm sein, meiner vielen 
Mitarbeiter wegen, von denen manche meine Einstellung zu den 
religiösen Problemen überhaupt nicht teilen. Aber die Psycho- 
analyse hat schon viele Stürme überstanden, man muß sie auch 
diesem neuen aussetzen. In Wirklichkeit ist die Psychoanalyse 
eine Forschungsmethode, ein parteiloses Instrument, wie etwa die % 
Infinitesimalrechnung. Wenn ein Physiker mit deren Hilfe heraus- 
bekommen sollte, daß die Erde nach einer bestimmten Zeit zu- 
grunde gehen wird, so wird man sich doch bedenken, dem Kalkül 
selbst destruktive Tendenzen zuzuschreiben und ihn darum zu 
ächten. Alles, was ich hier gegen den Wahrheitswert der Reli- 
M gionen gesagt habe, brauchte die Psychoanalyse nicht, ist lange 
vor ihrem Bestand von anderen gesagt worden. Kann man aus 
der Anwendung der psychoanalytischen Methode ein neues Argu- 
ment gegen den Wahrheitsgehalt der Religion gewinnen, tant pis 
für die Religion, aber Verteidiger der Religion werden sich mit 
demselben Recht der Psychoanalyse bedienen, um die affektive 
Bedeutung der religiösen Lehre voll zu würdigen. 

Nun, um in der Verteidigung fortzufahren: die Religion hat 
der menschlichen Kultur offenbar große Dienste geleistet, zur Bän- 
digung der asozialen Triebe viel beigetragen, aber nicht genug. 
Sie hat durch viele Jahrtausende die menschliche Gesellschaft 
beherrscht; hatte Zeit zu zeigen, was sie leisten kann. Wenn es 
ihr gelungen wäre, die Mehrzahl der Menschen zu beglücken, zu 
trösten, mit dem Leben auszusöhnen, sie zu Kulturträgern zu 
machen, so würde es niemand einfallen, nach einer Änderung der 
bestehenden Verhältnisse zu streben. Was sehen wir anstatt dessen? 
Daß eine erschreckend große Anzahl von Menschen mit der Kultur 
unzufrieden und in ihr unglücklich ist, sie als ein Joch empfindet, 
das man abschütteln muß, daß diese Menschen entweder alle 
Kräfte an eine Abänderung dieser Kultur setzen, oder in ihrer 
Kulturfeindschaft so weit gehen, daß sie von Kultur und Trieb- 
einschränkung überhaupt nichts wissen wollen. Man wird uns hier 









Die Zukunft eine?- Illusion 447 



einwerfen, dieser Zustand komme eben daher, daß die Religion 
einen Teil ihres Einflusses auf die Menschenmassen eingebüßt 
hat, gerade infolge der bedauerlichen Wirkung der Fortschritte 
in der Wissenschaft. Wir werden uns dieses Zugeständnis und seine 
Begründung merken und es später für unsere Absichten verwerten, 
aber der Einwand selbst ist kraftlos. 

Es ist zweifelhaft, ob die Menschen zur Zeit der uneingeschränkten 
Herrschaft der religiösen Lehren im ganzen glücklicher waren als 
heute, sittlicher waren sie gewiß nicht. Sie haben es immer ver- 
standen, die religiösen Vorschriften zu veräußerlichen und damit 
deren Absichten zu vereiteln. Die Priester, die den Gehorsam gegen 
die Religion zu bewachen hatten, kamen ihnen dabei entgegen. 
Gottes Güte mußte seiner Gerechtigkeit in den Arm fallen: Man 
sündigte und dann brachte man Opfer oder tat Buße und dann 
war man frei, um von neuem zu sündigen. Russische Innerlichkeit 
hat sich zur Folgerung aufgeschwungen, daß die Sünde unerläßlich 
sei, um alle Seligkeiten der göttlichen Gnade zu genießen, also im 
Grunde ein gottgefälliges Werk. Es ist offenkundig, daß die Priester 
die Unterwürfigkeit der Massen gegen die Religion nur erhalten 
konnten, indem sie der menschlichen Triebnatur so große Zugeständ- 
nisse einräumten. Es blieb dabei: Gott allein ist stark und gut, der 
Mensch aber schwach und sündhaft. Die Unsittlichkeit hat zu allen 
Zeiten an der Religion keine mindere Stütze gefunden als die Sitt- 
lichkeit. Wenn die Leistungen der Religion in bezug auf die Be- 
glückung der Menschen, ihre Kultureignung und ihre sittliche 
Beschränkung keine besseren sind, dann erhebt sich doch die Frage, 
ob wir ihre Notwendigkeit für die Menschheit nicht überschätzen 
und ob wir weise daran tun, unsere Kulturforderungen auf sie zu 

gründen. 

Man überlege die unverkennbare gegenwärtige Situation. Wir 
haben das Zugeständnis gehört, daß die Religion nicht mehr den- 
selben Einfluß auf die Menschen hat wie früher. (Es handelt sich 
hier um die europäisch-christliche Kultur.) Dies nicht darum, weil 



44& Schriften aus den Jahren 1926 — 1<)2& 



ihre Versprechungen geringer geworden sind, sondern weil sie den 
Menschen weniger glaubwürdig erscheinen. Geben wir zu, daß der 
Grund dieser Wandlung die Erstarkung des wissenschaftlichen Geistes 
in den Oberschichten der menschlichen Gesellschaft ist. (Es ist viel- 
leicht nicht der einzige.) Die Kritik hat die Beweiskraft der religiösen 
Dokumente angenagt, die Naturwissenschaft die in ihnen enthaltenen 
Irrtümer aufgezeigt, der vergleichenden Forschung ist die fatale Ähn- 
lichkeit der von uns verehrten religiösen Vorstellungen mit den 
geistigen Produktionen primitiver Völker und Zeiten aufgefallen. 

Der wissenschaftliche Geist erzeugt eine bestimmte Art, wie man 
sich zu den Dingen dieser Welt einstellt; vor den Dingen der Religion 
macht er eine Weile halt, zaudert, endlich tritt er auch hier über 
die Schwelle. In diesem Prozeß gibt es keine Aufhaltung, je mehr 
Menschen die Schätze unseres Wissens zugänglich werden, desto 
mehr verbreitet sich der Abfall vom religiösen Glauben, zuerst nur 
von den veralteten, anstößigen Einkleidungen desselben, dann aber 
auch von seinen fundamentalen Voraussetzungen. Die Amerikaner, 
die den Affenprozeß in Dayton aufgeführt, haben sich allein kon- 
sequent gezeigt. Der unvermeidliche Übergang vollzieht sich sonst 
über Halbheiten und Unaufrichtigkeiten. 

Von den Gebildeten und geistigen Arbeitern ist für die Kultur 
wenig zu befürchten. Die Ersetzung der religiösen Motive für 
kulturelles Benehmen durch andere weltliche würde bei ihnen ge- 
räuschlos vor sich gehen, überdies sind sie zum guten Teil selbst 
Kulturträger. Anders steht es um die große Masse der Ungebildeten, 
Unterdrückten, die allen Grund haben, Feinde der Kultur zu sein. 
Solange sie nicht erfahren, daß man nicht mehr an Gott glaubt, 
ist es gut. Aber sie erfahren es, unfehlbar, auch wenn diese meine 
Schrift nicht veröffentlicht wird. Und sie sind bereit, die Resultate 
des wissenschaftlichen Denkens anzunehmen, ohne daß sich in ihnen 
die Veränderung eingestellt hätte, welche das wissenschaftliche Denken 
beim Menschen herbeiführt. Besteht da nicht die Gefahr, daß die 
Kulturfeindschaft dieser Massen sich auf den schwachen Punkt stürzen 






Die Zukun ft einer Illusion 449 

wird, den sie an ihrer Zwangsherrin erkannt haben? Wenn man 
seinen Nebenmenschen nur darum nicht erschlagen darf, weil der 
liebe Gott es verboten hat und es in diesem oder jenem Leben 
schwer ahnden wird, man erfährt aber, es gibt keinen lieben Gott, 
man braucht sich vor seiner Strafe nicht zu fürchten, dann er- 
schlägt man ihn gewiß unbedenklich und kann nur durch irdische 
Gewalt davon abgehalten werden. Also entweder strengste Nieder- 
haltung dieser gefährlichen Massen, sorgsamste Absperrung von allen 
Gelegenheiten zur geistigen Erweckung oder gründliche Revision 
der Beziehung zwischen Kultur und Religion. 



VIII 

Man sollte meinen, daß der Ausführung dieses letzteren Vor- 
schlags keine besonderen Schwierigkeiten im Wege stehen. Es ist 
richtig, daß man dann auf etwas verzichtet, aber man gewinnt 
vielleicht mehr und vermeidet eine große Gefahr. Aber man schreckt 
sich davor, als ob man dadurch die Kultur einer noch größeren 
Gefahr aussetzen würde. Als Sankt Bonifazius den von den Sachsen 
als heilig verehrten Baum umhieb, erwarteten die Umstehenden ein 
fürchterliches Ereignis als Folge des Frevels. Es traf nicht ein und 
die Sachsen nahmen die Taufe an. 

Wenn die Kultur das Gebot aufgestellt hat, den Nachbar nicht 
zu töten, den man haßt, der einem im Wege ist oder dessen Habe 
man begehrt, so geschah es offenbar im Interesse des menschlichen 
Zusammenlebens, das sonst undurchführbar wäre. Denn der Mörder 
würde die Rache der Angehörigen des Ermordeten auf sich ziehen 
und den dumpfen Neid der anderen, die ebensoviel innere Neigung 
zu solcher Gewalttat verspüren. Er würde sich also seiner Rache 
oder seines Raubes nicht lange freuen, sondern hätte alle Aussicht, 
bald selbst erschlagen zu werden. Selbst wenn er sich durch außer- 
ordentliche Kraft und Vorsicht gegen den einzelnen Gegner schützen 



45° Schr iften aus den Jahren 1926 — 1928 

würde, müßte er einer Vereinigung von Schwächeren unterliegen. 
Käme eine solche Vereinigung nicht zustande, so würde sich das 
Morden endlos fortsetzen und das Ende wäre, daß die Menschen sich 
gegenseitig ausrotteten. Es wäre derselbe Zustand unter Einzelnen, 
der in Korsika noch unter Familien, sonst aber nur unter Nationen 
fortbesteht. Die für alle gleiche Gefahr der Lebensunsicherheit einigt 
nun die Menschen zu einer Gesellschaft, welche dem Einzelnen das 
Töten verbietet und sich das Recht der gemeinsamen Tötung dessen 
vorbehält, der das Verbot übertritt. Dies ist dann Justiz und Strafe. 
Diese rationelle Begründung des Verbots zu morden teilen wir 
aber nicht mit, sondern wir behaupten, Gott habe das Verbot er- 
lassen. Wir getrauen uns also seine Absichten zu erraten und finden, 
auch er will nicht, daß die Menschen einander ausrotten. Indem wir 
so verfahren, umkleiden wir das Kulturverbot mit einer ganz be- 
sonderen Feierlichkeit, riskieren aber dabei, daß wir dessen Befolgung 
von dem Glauben an Gott abhängig machen. Wenn wir diesen Schritt 
zurücknehmen, unseren Willen nicht mehr Gott zuschieben und uns 
mit der sozialen Begründung begnügen, haben wir zwar auf jene 
Verklärung des Kulturverbots verzichtet, aber auch seine Gefährdung 
vermieden. Wir gewinnen aber auch etwas anderes. Durch eine Art 
von Diffusion oder Infektion hat sich der Charakter der Heiligkeit, 
Unverletzlichkeit, der Jenseitigkeit möchte man sagen, von einigen 
wenigen großen Verboten auf alle weiteren kulturellen Einrichtungen, 
Gesetze und Verordnungen ausgebreitet. Diesen steht aber der Heiligen- 
schein oft schlecht zu Gesicht; nicht nur, daß sie einander selbst ent- 
werten, indem sie je nach Zeit und Örtlichkeit entgegengesetzte 
Entscheidungen treffen, sie tragen auch sonst alle Anzeichen mensch- 
licher Unzulänglichkeit zur Schau. Man erkennt unter ihnen leicht, 
was nur Produkt einer kurzsichtigen Ängstlichkeit, Äußerung eng- 
herziger Interessen oder Folgerung aus unzureichenden Voraus- 
setzungen sein kann. Die Kritik, die man an ihnen üben muß, setzt 
in unerwünschtem Maße auch den Respekt vor anderen, besser ge- 
rechtfertigten Kulturforderungen herab. Da es eine mißliche Aufgabe 



Die Zukunft einer Illusion 45£ 



ist zu scheiden, was Gott selbst gefordert hat und was sich eher von 
der Autorität eines allvermögenden Parlaments oder eines hohen 
Magistrats ableitet, wäre es ein unzweifelhafter Vorteil, Gott über- 
haupt aus dem Spiele zu lassen und ehrlich den rein menschlichen 
Ursprung aller kulturellen Einrichtungen und Vorschriften einzu- 
gestehen. Mit der beanspruchten Heiligkeit würde auch die Starrhext 
und Unwandelbarkeit dieser Gebote und Gesetze fallen. Die Menschen 
könnten verstehen, daß diese geschaffen sind, nicht so sehr um sxe 
zu beherrschen, sondern vielmehr um ihren Interessen zu dienen 
sie würden ein freundlicheres Verhältnis zu ihnen gewannen, sich 
anstatt ihrer Abschaffung nur ihre Verbesserung zum Ziel setzen. 
Dies wäre ein wichtiger Fortschritt auf dem Wege, der zur Ver- 
söhnung mit dem Druck der Kultur führt. 

Unser Plaidoyer für eine rein rationelle Begründung der Kultur- 
vorschriften, also für ihre Zurückführung auf soziale Notwendigkeit, 
wird aber hier plötzlich durch ein Bedenken unterbrochen. War 
haben die Entstehung des Mordverbots zum Beispiel gewählt. Ent- 
spricht denn unsere Darstellung davon der historischen Wahrheit? 
Wir fürchten nein, sie scheint nur eine rationalistische Konstruktion 
zu sein. Wir haben gerade dieses Stück menschlicher Kulturgeschichte 
mit Hilfe der Psychoanalyse studiert, und auf diese Bemühung ge- 
stützt, müssen wir sagen, in Wirklichkeit war es anders. Rem ver- 
nünftige Motive richten noch beim heutigen Menschen wenig gegen 
leidenschaftliche Antriebe aus; um wieviel ohnmächtiger müssen sie 
bei jenem Menschentier der Urzeit gewesen sein! Vielleicht wurden 
sich dessen Nachkommen noch heute hemmungslos, einer den andern, 
erschlagen, wenn unter jenen Mordtaten nicht eine gewesen wäre, 
der Totschlag des primitiven Vaters, die eine unwiderstehliche, folgen- 
schwere Gefühlsreaktion heraufbeschworen hätte. Von dieser stammt 
das Gebot: du sollst nicht töten, das im Totemismus auf den Vater- 
ersatz beschränkt war, später auf andere ausgedehnt wurde, noch 
heute nicht ausnahmslos durchgeführt ist. 

Aber jener Urvater ist nach Ausführungen, die ich hier nicht 



452 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 



zu wiederholen brauche, das Urbild Gottes gewesen, das Modell, 
nach dem spätere Generationen die Gottesgestalt gebildet haben. 
Somit hat die religiöse Darstellung recht, Gott war wirklich an der 
Entstehung jenes Verbots beteiligt, sein Einfluß, nicht die Einsicht 
in die soziale Notwendigkeit hat es geschaffen. Und die Verschie- 
bung des menschlichen Willens auf Gott ist vollberechtigt, die 
Menschen wußten ja, daß sie den Vater gewalttätig beseitigt hatten 
und in der Reaktion auf ihre Freveltat setzten sie sich vor seinen 
Willen fortan zu respektieren. Die religiöse Lehre teilt uns also 
die historische Wahrheit mit, freilich in einer gewissen Umformung 
und Verkleidung; unsere rationelle Darstellung verleugnet sie. 

Wir bemerken jetzt, daß der Schatz der religiösen Vorstellungen 
nicht allein Wunscherfüllungen enthält, sondern auch bedeutsame 
historische Reminiszenzen. Dies Zusammenwirken von Vergangenheit 
und Zukunft, welch unvergleichliche Machtfülle muß es der Religion 
verleihen! Aber vielleicht dämmert uns mit Hilfe einer Analogie 
auch schon eine andere Einsicht. Es ist nicht gut, Begriffe weit 
weg von dem Boden zu versetzen, auf dem sie erwachsen sind, 
aber wir müssen der Übereinstimmung Ausdruck geben. Über das' 
Menschenkind wissen wir, daß es seine Entwicklung zur Kultur 
nicht gut durchmachen kann, ohne durch eine bald mehr, bald 
minder deutliche Phase von Neurose zu passieren. Das kommt daher 
daß das Kind so viele der für später unbrauchbaren Triebansprüche 
nicht durch rationelle Geistesarbeit unterdrücken kann, sondern 
durch Verdrängungsakte bändigen muß, hinter denen in der Regel 
ein Angstmotiv steht. Die meisten dieser Kinderneurosen werden 
während des Wachstums spontan überwunden, besonders die Zwangs- 
neurosen der Kindheit haben dies Schicksal. Mit dem Rest soll 
auch noch später die psychoanalytische Behandlung aufräumen. In 
ganz ähnlicher Weise hätte man anzunehmen, daß die Menschheit 
als Ganzes in ihrer säkularen Entwicklung in Zustände gerät, welche 
den Neurosen analog sind, und zwar aus denselben Gründen, weil 
sie in den Zeiten ihrer Unwissenheit und intellektuellen Schwäche 



Die Zukun ft einer Illusion 453 

die für das menschliche Zusammenleben unerläßlichen Triebver- 
zichte nur durch rein affektive Kräfte zustande gebracht hat. Die 
Niederschläge der in der Vorzeit vorgefallenen verdrängungsähnlichen 
Vorgänge hafteten der Kultur dann noch lange an. DieJReligion 
wäre die allgemein menschliche Zwangsneurose, wie die des Kindes 
stammte sie aus dem Ödipuskomplex, der Vaterbeziehung. Nach 
dieser Auffassung wäre vorauszusehen, daß sich die Abwendung 
von der Religion mit der schicksalsmäßigen Unerbittlichkeit eines 
Wachstumsvorganges vollziehen muß, und daß wir uns gerade jetzt 
mitten in dieser Entwicklungsphase befinden. 

Unser Verhalten sollte sich dann nach dem Vorbild eines ver- 
ständigen Erziehers richten, der sich einer bevorstehenden Neu- 
gestaltung nicht widersetzt, sondern sie zu fördern und die Gewalt- 
samkeit ihres Durchbruchs einzudämmen sucht. Das Wesen der 
Religion ist mit dieser Analogie allerdings nicht erschöpft. Bringt 
sie einerseits Zwangseinschränkungen, wie nur eine individuelle 
Zwangsneurose, so enthält sie anderseits ein System von Wunsch- 
illusionen mit Verleugnung der Wirklichkeit, wie wir es isoliert 
nur bei einer Amentia, einer glückseligen halluzinatorischen Ver- 
worrenheit, finden. Es sind eben nur Vergleichungen, mit denen 
wir uns um das Verständnis des sozialen Phänomens bemühen, die 
Individualpathologie gibt uns kein vollwertiges Gegenstück dazu. 

Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden (von mir und besonders 
von Th. Reik), bis in welche Einzelheiten sich die Analogie der 
Religion mit einer Zwangsneurose verfolgen, wieviel von den Sonder- 
heiten und den Schicksalen der Religionsbildung sich auf diesem 
Wege verstehen läßt. Es st immt dazu auch gut, daß der Fromm- 
gläubige in hohem Grade gegen die Gefahr gewisser neurotischer Er- 
krankungen geschützt ist; die Annahme der allgemeinen Neurose 
überhebt ihn der Aufgabe, eine persönliche Neurose auszubilden. 

Die Erkenntnis des historischen Werts gewisser religiöser Lehren 
steigert unseren Respekt vor ihnen, macht aber unseren Vorschlag, 
sie aus der Motivierung der kulturellen Vorschriften zurückzuziehen, 



7 rs~ 






454 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 



nicht wertlos. Im Gegenteil! Mit Hilfe dieser historischen Reste 
hat sich uns die Auffassung der religiösen Lehrsätze als gleichsam 
neurotischer Relikte ergeben und nun dürfen wir sagen, es ist 
wahrscheinlich an der Zeit, wie in der analytischen Behandlung 
des Neurotikers die Erfolge der Verdrängung durch die Ergebnisse 
der rationellen Geistesarbeit zu ersetzen. Daß es bei dieser Um- 
arbeitung nicht beim Verzicht auf die feierliche Verklärung der 
kulturellen Vorschriften bleiben wird, daß eine allgemeine Revision 
derselben für viele die Aufhebung zur Folge haben muß, ist voraus- 
zusehen, aber kaum zu bedauern. Die uns gestellte Aufgabe der 
Versöhnung der Menschen mit der Kultur wird auf diesem Wege 
weitgehend gelöst werden. Um den Verzicht auf die historische 
Wahrheit bei rationeller Motivierung der Kulturvorschriften darf es 
uns nicht leid tun. Die Wahrheiten, welche die religiösen Lehren 
enthalten, sind doch so entstellt und systematisch verkleidet, daß 
die Masse der Menschen sie nicht als Wahrheit erkennen kann. 
Es ist ein ähnlicher Fall, wie wenn wir dem Kind erzählen, daß 
der Storch die Neugebornen bringt. Auch damit sagen wir die 
Wahrheit in symbolischer Verhüllung, denn wir wissen, was der 
große Vogel bedeutet. Aber das Kind weiß es nicht, es hört nur 
den Anteil der Entstellung heraus, hält sich für betrogen, und wir 
wissen, wie oft sein Mißtrauen gegen die Erwachsenen und seine 
Widersetzlichkeit gerade an diesen Eindruck anknüpft. Wir sind 
zur Überzeugung gekommen, daß es besser ist, die Mitteilung 
solcher symbolischer Verschleierungen der Wahrheit zu unterlassen 
und dem Kind die Kenntnis der realen Verhältnisse in Anpassung 
an seine intellektuelle Stufe nicht zu versagen. 



IX 

„Sie gestatten sich Widersprüche, die schwer miteinander zu 
vereinbaren sind. Zuerst behaupten Sie, eine Schrift wie die Ihrige 



Die Zukunft einer Illusion 455 



sei ganz ungefährlich. Niemand werde sich durch solche Erörte- 
rungen seinen religiösen Glauben rauben lassen. Da es aber doch 
Ihre Absicht ist, diesen Glauben zu stören, •wie sich später heraus- 
stellt, darf man fragen: warum veröffentlichen Sie sie eigentlich? 
An einer anderen Stelle geben Sie aber doch zu, daß es gefährlich, 
ja sogar sehr gefährlich werden kann, wenn jemand erfährt, daß 
man nicht mehr an Gott glaubt. Er war bis dahin gefügig und 
nun wirft er den Gehorsam gegen die Kulturvorschriften beiseite. 
Ihr ganzes Argument, daß die religiöse Motivierung der Kultur- 
gebote eine Gefahr für die Kultur bedeute, ruht ja auf der An- 
nahme, daß der Gläubige zum Ungläubigen gemacht werden kann, 
das ist doch ein voller Widerspruch." 

„Ein anderer Widerspruch ist, wenn Sie einerseits zugeben, der 
Mensch sei durch Intelligenz nicht zu lenken, er werde durch 
seine Leidenschaften und Triebansprüche beherrscht, anderseits aber 
den Vorschlag machen, die affektiven Grundlagen seines Kultur- 
gehorsams durch rationelle zu ersetzen. Das verstehe wer kann. 
Mir scheint es entweder das eine oder das andere." 

„Übrigens, haben Sie nichts aus der Geschichte gelernt? Ein 
solcher Versuch, die Religion durch die Vernunft ablösen zu lassen, 
ist ja schon einmal gemacht worden, offiziell und in großem Stil. 
Sie erinnern sich doch an die französische Revolution und Robes- 
pierre? Aber auch an die Kurzlebigkeit und klägliche Erfolglosigkeit 
des Experiments. Es wird jetzt in Rußland wiederholt, wir brauchen 
nicht neugierig zu sein, wie es ausgehen wird. Meinen Sie nicht, 
daß wir annehmen dürfen, der Mensch kann die Religion nicht 
entbehren?" 

Sie haben selbst gesagt, die Religion ist mehr als eine Zwangs- 
neurose. Aber von dieser ihrer anderen Seite haben Sie nicht ge- 
handelt. Es genügt Ihnen, die Analogie mit der Neurose durch- 
zuführen. Von einer Neurose muß man die Menschen befreien. 
Was dabei sonst verloren geht, kümmert Sie nicht' 

Der Anschein des Widerspruchs ist wahrscheinlich entstanden, 



1 



456 S chriften aus den Jahren 1926 — 19 2$ 

weil ich komplizierte Dinge zu eilig behandelt habe. Einiges können 
wir nachholen. Ich behaupte noch immer, daß meine Schrift in 
einer Hinsicht ganz ungefährlich ist. Kein Glaubender wird sich 
durch diese oder ähnliche Argumente in seinem Glauben beirren 
lassen. Ein Glaubender hat bestimmte zärtliche Bindungen an die 
Inhalte der Religion. Es gibt gewiß ungezählt viele Andere, die 
nicht in demselben Sinne gläubig sind. Sie sind den Kulturvor- 
schriften gehorsam, weil sie sich durch die Drohungen der Religion 
einschüchtern lassen, und sie fürchten die Religion, solange sie 
dieselbe für ein Stück der sie einschränkenden Realität halten 
müssen. Diese sind es, die losbrechen, sobald sie den Glauben an 
ihren Realitätswert aufgeben dürfen, aber auch darauf haben Argu- 
mente keinen Einfluß. Sie hören auf, die Religion zu fürchten, 
wenn sie merken, daß auch andere sie nicht fürchten, und von 
ihnen habe ich behauptet, daß sie vom Niedergang des religiösen 
Einflusses erfahren würden, auch wenn ich meine Schrift nicht 
publizierte. 

Ich glaube aber, Sie legen selbst mehr Wert auf den anderen 
Widerspruch, den Sie mir vorhalten. Die Menschen sind Vernunft- 
gründen so wenig zugänglich, werden ganz von ihren Triebwün- 
schen beherrscht. Warum soll man also ihnen eine Triebbefriedi- 
gung wegnehmen und durch Vernunftgründe ersetzen wollen? 
Freilich sind die Menschen so, aber haben Sie sich gefragt, ob 
sie so sein müssen, ob ihre innerste Natur sie dazu nötigt? Kann 
der Anthropologe den Schädelindex eines Volkes angeben, das die 
Sitte pflegt, die Köpfchen seiner Kinder von früh an durch Ban- 
dagen zu deformieren? Denken Sie an den betrübenden Kontrast 
zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und 
der Denkschwäc he des durchschnittlichen Erwachsenen. Wäre es 
so ganz unmöglich, daß gerade die religiöse Erziehung ein großes 
Teil Schuld an dieser relativen Verkümmerung trägt? Ich meine, 
es würde sehr lange dauern, bis ein nicht beeinflußtes Kind an- 
finge, sich Gedanken über Gott und Dinge jenseits dieser Welt 



Die Zukunft einer Illusion axo 

zu machen. Vielleicht würden diese Gedanken dann dieselben 
Wege einschlagen, die sie bei seinen Urahnen gegangen sind 
aber man wartet diese Entwicklung nicht ab, man führt ihm die 
religiösen Lehren zu einer Zeit zu, da es weder Interesse für sie 
noch die Fähigkeit hat, ihre Tragweite zu begreifen. Verzögerung 
der sexuellen Entwicklung und Verfrühung des religiösen Einflusses, 
das sind doch die beiden Hauptpunkte im Programme der heutigen 
Pädagogik, nicht wahr? Wenn dann «las Denken des Kindes erwacht, 
sind die religiösen Lehren bereits unangreifbar geworden. Meinen 
Sie aber, daß es für die Erstarkung der Denkfunktion sehr förder- 
lich ist, wenn ihr ein so bedeutsames Gebiet durch die Androhung 
der Höllenstrafen verschlossen wird? Wer sich einmal dazu gebracht 
hat, alle die Absurditäten, die die religiösen Lehren ihm zutragen, 
ohne Kritik hinzunehmen, und selbst die Widersprüche zwischen 
ihnen zu übersehen, dessen Denkschwäche braucht uns nicht arg 
zu verwundern. Nun haben wir aber kein anderes Mittel zur 
Beherrschung unserer Triebhaftigkeit als unsere Intelligenz. Wie 
kann man von Personen, die unter der Herrschaft von Denk- 
verboten stehen, erwarten, daß sie das psychologische Ideal, den 
Primat der Intelligenz, erreichen werden? Sie wissen auch, daß 
man den Frauen im allgemeinen den sogenannten „physiologischen 
Schwachsinn" nachsagt, d. h. eine geringere Intelligenz als die des 
Mannes. Die Tatsache selbst ist strittig, ihre Auslegung zweifel- 
haft, aber ein Argument für die sekundäre Natur dieser intellek- 
tuellen Verkümmerung lautet, die Frauen litten unter der Härte 
des frühen Verbots, ihr Denken an das zu wenden, was sie 
am meisten interessiert hätte, nämlich an die Probleme des 
Geschlechtslebens. Solange außer der sexuellen Denkhemmung die 
religiöse und die von ihr abgeleitete loyale auf die frühen Jahre 
des Menschen einwirken, können wir wirklich nicht sagen, wie 
er eigentlich ist. 

Aber ich will meinen Eifer ermäßigen und die Möglichkeit 
zugestehen, daß auch ich einer Illusion nachjage. Vielleicht ist 

Freud XI. y, 



458 Schriften aus den Jahren 1926 — 1928 



die Wirkung des religiösen Denkverbots nicht so arg wie ich's 
annehme, vielleicht stellt es sich heraus, daß die menschliche 
Natur dieselbe bleibt, auch wenn man die Erziehung nicht zur 
Unterwerfung unter die Religion mißbraucht. Ich weiß es nicht 
und Sie können es auch nicht wissen. Nicht nur die großen Pro- 
bleme dieses Lebens scheinen derzeit unlösbar, sondern auch viele 
geringere Fragen sind schwer zu entscheiden. Aber gestehen Sie 
mir zu, daß hier eine Berechtigung für eine Zukunftshoffnung 
vorhanden ist, daß vielleicht ein Schatz zu heben ist, der die 
Kultur bereichern kann, daß es sich der Mühe lohnt, den Versuch 
einer irreligiösen Erziehung zu unternehmen. Fällt er unbefriedi- 
gend aus, so bin ich bereit, die Reform aufzugeben und zum 
früheren, rein deskriptiven Urteil zurückzukehren: der Mensch 
ist ein Wesen von schwacher Intelligenz, das von seinen Trieb- 
wünschen beherrscht wird. 

In einem anderen Punkte stimme ich Ihnen ohne Rückhalt 
bei. Es ist gewiß ein unsinniges Beginnen, die Religion gewaltsam 
und mit einem Schlage aufheben zu wollen. Vor allem darum, 
weil es aussichtslos ist. Der Gläubige läßt sich seinen Glauben 
nicht entreißen, nicht durch Argumente und nicht durch Verbote. 
Gelänge es aber bei einigen, so wäre es eine Grausamkeit. Wer 
durch Dezennien Schlafmittel genommen hat, kann natürlich nicht 
schlafen, wenn man ihm das Mittel entzieht. Daß die Wirkung der 
religiösen Tröstungen der eines Narkotikums gleichgesetzt werden 
darf, wird durch einen Vorgang in Amerika hübsch erläutert. Dort 
will man jetzt den Menschen — offenbar unter dem Einfluß der 
Frauenherrschaft — alle Reiz-, Rausch- und Genußmittel entziehen 
und übersättigt sie zur Entschädigung mit Gottesfurcht. Auch auf 
den Ausgang dieses Experiments braucht man nicht neugierig zu 



sein. 



Ich widerspreche Ihnen also, wenn Sie weiter folgern, daß der 
Mensch überhaupt den Trost der religiösen Illusion nicht entbehren 
kann, daß er ohne sie die Schwere des Lebens, die grausame 



Die Zukunft einer Illusion 45g 

Wirklichkeit, nicht ertragen würde. Ja, der Mensch nicht, dem 
Sie das süße — oder bittersüße — Gift von Kindheit an ein- 
geflößt haben. Aber der andere, der nüchtern aufgezogen wurde? 
Vielleicht braucht der, der nicht an der Neurose leidet, auch keine 
Intoxikation, um sie zu betäuben. Gewiß wird der Mensch sich 
dann in einer schwierigen Situation befinden, er wird sich seine 
ganze Hilflosigkeit, seine Geringfügigkeit im Getriebe der Welt 
eingestehen müssen, nicht mehr der Mittelpunkt der Schöpfung 
nicht mehr das Objekt zärtlicher Fürsorge einer gütigen Vor- 
sehung. Er wird in derselben Lage sein wie das Kind, welches 
das Vaterhaus verlassen hat, in dem es ihm so warm und be- 
haglich war. Aber nicht wahr, der Infantilismus ist dazu bestimmt, 
überwunden zu werden? Der Mensch kann nicht ewig Kind 
bleiben, er muß endlich hinaus, ins „feindliche Leben". Man \ 
darf das „die Erzieh ung zur Real ität" heißen, brauche ich 
Ihnen noch zu verraten, daß es die einzige Absicht meiner Schrift 
ist, auf die Notwendigkeit dieses Fortschritts aufmerksam zu 
machen? 

Sie fürchten wahrscheinlich, es wird die schwere Probe nicht 
bestehen? Nun, lassen Sie uns immerhin hoffen. Es macht schon 
etwas aus, wenn man weiß, daß man auf seine eigene Kraft an- 
gewiesen ist. Man lernt dann, sie richtig zu gebrauchen. Ganz ohne 
Hilfsmittel ist der Mensch nicht, seine Wissenschaft hat ihn seit 
den Zeiten des Diluviums viel gelehrt und wird seine Macht noch 
weiter vergrößern. Und was die großen Schicksalsnotwendigkeiten 
betrifft, gegen die es eine Abhilfe nicht gibt, die wird er eben 
mit Ergebung ertragen lernen. Was soll ihm die Vorspiegelung 
eines Großgrundbesitzes auf dem Mond, von dessen Ertrag doch 
noch nie jemand etwas gesehen hat? Als ehrlicher Kleinbauer auf 
dieser Erde wird er seine Scholle zu bearbeiten wissen, so daß sie 
ihn nährt. Dadurch, daß er seine Erwartungen vom Jenseits abzieht 
und alle freigewordenen Kräfte auf das irdische Leben konzentriert, 
wird er wahrscheinlich erreichen können, daß das Leben für alle 

30« 



460 Schriften ans den Jahren 1926— 1 9 28 



erträglich wird und die Kultur keinen mehr erdrückt. Dann wird 
er ohne Bedauern mit einem unserer Unglaubensgenossen sagen 

dürfen: 

Den Himmel überlassen wir 
Den Engeln und den Spatzen. 



X 

,Das klingt ja großartig. Eine Menschheit, die auf alle Illusionen 
verzichtet hat und dadurch fähig geworden ist, sich auf der Erde 
erträglich einzurichten! Ich aber kann Ihre Erwartungen nicht 
teilen. Nicht darum, weil ich der hartnäckige Reaktionär wäre, 
für den Sie mich vielleicht halten. Nein, aus Besonnenheit. Ich 
glaube, wir haben nun die Rollen getauscht; Sie zeigen sich als 
der Schwärmer, der sich von Illusionen fortreißen läßt, und ich 
vertrete den Anspruch der Vernunft, das Recht der Skepsis. Was 
Sie da aufgeführt haben, scheint mir auf Irrtümern aufgebaut, die 
ich nach Ihrem Vorgang Illusionen heißen darf, weil sie deutlich 
genug den Einfluß Ihrer Wünsche verraten. Sie setzen Ihre Hoff- 
nung darauf, daß Generationen, die nicht in früher Kindheit den 
Einfluß der religiösen Lehren erfahren haben, leicht den ersehnten 
Primat der Intelligenz über das Triebleben erreichen werden. Das 
ist wohl eine Illusion; in diesem entscheidenden Punkt wird sich 
die menschliche Natur kaum ändern. Wenn ich nicht irre, — 
man weiß so wenig von anderen Kulturen, - - gibt es auch heute 
Völker, die nicht unter dem Druck eines religiösen Systems auf- 
wachsen, und sie kommen Ihrem Ideal nicht näher als andere. 
Wenn Sie aus unserer europäischen Kultur die Religion wegschaffen 
wollen, so kann es nur durch ein anderes System von Lehren 
geschehen, und dies würde von Anfang an alle psychologischen 
Charaktere der Religion übernehmen, dieselbe Heiligkeit, Starrheit, 
Unduldsamkeit, dasselbe Denkverbot zu seiner Verteidigung. Irgend 



Die Zukunft einer Illusion 461 

etwas dieser Art müssen Sie haben, um den Anforderungen der 
Erziehung gerecht zu werden. Auf die Erziehung können Sie aber 
nicht verzichten. Der Weg vom Säugling zum Kulturmenschen ist 
weit, zu viele Menschlein würden sich auf ihm verirren und nicht 
rechtzeitig zu ihren Lebensaufgaben kommen, wenn sie ohne Leitung 
der eigenen Entwicklung überlassen werden. Die Lehren, die in 
ihrer Erziehung angewendet wurden, werden dem Denken ihrer 
reiferen Jahre immer Schranken setzen, genau so wie Sie es heute 
der Religion zum Vorwurf machen. Merken Sie nicht, daß es der 
untilgbare Geburtsfehler unserer, jeder, Kultur ist, daß sie dem 
triebhaften und denkschwachen Kinde auferlegt, Entscheidungen 
zu treffen, die nur die gereifte Intelligenz des Erwachsenen recht- 
fertigen kann? Sie kann aber nicht anders, infolge der Zu- 
sammendrängung der säkularen Menschheitsentwicklung auf ein 
paar Kindheitsjahre, und das Kind kann nur durch affektive 
Mächte zur Bewältigung der ihm gestellten Aufgabe veranlaßt 
werden. Das sind also die Aussichten für Ihren ,Primat des 
Intellekts'." 

„Nun sollen Sie sich nicht verwundern, wenn ich für die Bei- 
behaltung des religiösen Lehrsystems als Grundlage der Erziehung 
und des menschlichen Zusammenlebens eintrete. Es ist ein prak- 
tisches Problem, nicht eine Frage des Realitätswerts. Da wir im 
Interesse der Erhaltung unserer Kultur mit der Beeinflussung des 
Einzelnen nicht warten können, bis er kulturreif geworden ist, — 
viele würden es überhaupt niemals werden, — da wir genötigt sind, 
dem Heranwachsenden irgendein System von Lehren aufzudrängen, 
das bei ihm als der Kritik entzogene Voraussetzung wirken soll, 
erscheint mir das religiöse System dazu als das weitaus geeignetste. 
Natürlich gerade wegen seiner wunscherfüllenden und tröstenden 
Kraft, an der Sie die ,Illusion' erkannt haben wollen. Angesichts 
der Schwierigkeiten etwas von der Realität zu erkennen, ja der 
Zweifel, ob dies uns überhaupt möglich ist, wollen wir doch nicht 
übersehen, daß auch die menschlichen Bedürfnisse ein Stück der 






462 Schriften aus den Jahren 1926—1928 



Realität sind, und zwar ein wichtiges, eines, das uns besonders 
nahe angeht. 

„Einen anderen Vorzug der religiösen Lehre finde ich in einer 
ihrer Eigentümlichkeiten, an der Sie besonderen Anstoß zu nehmen 
scheinen. Sie gestattet eine begriffliche Läuterung und Sublimierung, 
in welcher das meiste abgestreift werden kann, das die Spur primi- 
tiven und infantilen Denkens an sich trägt. Was dann erübrigt, 
ist ein Gehalt von Ideen, denen die Wissenschaft nicht mehr wider- 
spricht und die diese auch nicht widerlegen kann. Diese Umbil- 
dungen der religiösen Lehre, die Sie als Halbheiten und Kompro- 
misse verurteilt haben, machen es möglich, den Riß zwischen der 
ungebildeten Masse und dem philosophischen Denker zu vermeiden, 
erhalten die Gemeinsamkeit unter ihnen, die für die Sicherung 
der Kultur so wichtig ist. Es ist dann nicht zu befürchten, der 
Mann aus dem Volk werde erfahren, daß die Oberschichten der 
Gesellschaft ,nicht mehr an Gott glauben'. Nun glaube ich gezeigt 
zu haben, daß Ihre Bemühung sich auf den Versuch reduziert, eine 
erprobte und affektiv wertvolle Illusion durch eine andere, uner- 
probt und indifferent, zu ersetzen." 

Sie sollen mich nicht für Ihre Kritik unzugänglich finden. Ich 
1 weiß, wie schwer es ist, Illusionen zu vermeiden; vielleicht sind 
auch die Hoffnungen, zu denen ich mich bekannt, illusorischer 
Natur. Aber einen Unterschied halte ich fest. Meine Illusionen - 
abgesehen davon, daß keine Strafe daraufsteht, sie nicht zu teilen - 
sind nicht unkorrigierbar wie die religiösen, haben nicht den wahn- 
haften Charakter. Wenn die Erfahrung — nicht mir, sondern an- 
. deren nach mir, die ebenso denken — zeigen sollte, daß wir uns 
geirrt haben, so werden wir auf unsere Erwartungen verzichten. 
Nehmen Sie doch meinen Versuch für das, was er ist. Ein Psychologe, 
der sich nicht darüber täuscht, wie schwer es ist, sich in dieser 
Welt zurechtzufinden, bemüht sich, die Entwicklung der Menschheit 
nach dem bißchen Einsicht zu beurteilen, das er sich durch das 
Studium der seelischen Vorgänge beim Einzelmenschen während 



. 



Die Zukunft einer Illusion 465 

dessen Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen erworben hat. 
Dabei drängt sich ihm die Auffassung auf, daß die Religion einer 
Kindheitsneurose vergleichbar sei, und er ist optimistisch genug 
anzunehmen, daß die Menschheit diese neurotische Phase über- 
winden wird, wie so viele Kinder ihre ähnliche Neurose auswachsen. 
Diese Einsichten aus der Individualpsychologie mögen ungenügend 
sein, die Übertragung auf das Menschengeschlecht nicht gerecht- 
fertigt, der Optimismus unbegründet; ich gebe Ihnen alle diese 
Unsicherheiten zu. Aber man kann sich oft nicht abhalten zu sagen, 
was man meint, und entschuldigt sich damit, daß man es nicht 
für mehr ausgibt, als es wert ist. 

Und bei zwei Punkten muß ich noch verweilen. Erstens, die 
Schwäche meiner Position bedeutet keine Stärkung der Ihrigen. 
Ich meine, Sie verteidigen eine verlorene Sache. Wir mögen noch 
so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich 
zum menschlichen Triebleben, und Recht damit haben. Aber es 
ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des 
Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft 
hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet 
sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man 
für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf, aber er 
bedeutet an sich nicht wenig. An ihn kann man noch andere 
Hoffnungen anknüpfen. Der Primat des Intellekts liegt gewiß in 
weiter, weiter, aber wahrscheinlich doch nicht in unendlicher Ferne. 
Und da er sich voraussichtlich dieselben Ziele setzen wird, deren 
Verwirklichung Sie von Ihrem Gott erwarten — in menschlicher 
Ermäßigung natürlich, soweit die äußere Realität, die 'Avdpwjj es 
gestattet — : die Menschenliebe und die Einschränkung des Leidens, 
dürfen wir uns sagen, daß unsere Gegnerschaft nur eine einst- 
weilige ist, keine unversöhnliche. Wir erhoffen dasselbe, aber Sie 
sind ungeduldiger, anspruchsvoller und — warum soll ich es nicht 
sagen? — selbstsüchtiger als ich und die Meinigen. Sie wollen die 
Seligkeit gleich nach dem Tod beginnen lassen, verlangen von 



r 



464 



Schriften aus den Jahren 1926—1928 



ihr das Unmögliche und wollen den Anspruch der Einzelpersonen 
nicht aufgeben. Unser Gott Ao/os' wird von diesen Wünschen ver- 
wirklichen, was die Natur außer uns gestattet, aber sehr allmählich, 
erst in unabsehbarer Zukunft und für neue Menschenkinder. Eine 
Entschädigung für uns, die wir schwer am Leben leiden, verspricht 
er nicht. Auf dem Wege zu diesem fernen Ziel müssen Ihre reli- 
giösen Lehren fallen gelassen werden, gleichgiltig ob die ersten 
Versuche mißlingen, gleichgiltig ob sich die ersten Ersatzbildungen 
als haltlos erweisen. Sie wissen warum; auf die Dauer kann der 
Vernunft und der Erfahrung nichts widerstehen, und der Wider- 
spruch der Religion gegen beide ist allzu greifbar. Auch die ge- 
läuterten religiösen Ideen können sich diesem Schicksal nicht ent- 
ziehen, solange sie noch etwas vom Trostgehalt der Religion retten 
wollen. Freilich, wenn sie sich auf die Behauptung eines höheren 
geistigen Wesens einschränken, dessen Eigenschaften unbestimmbar, 
dessen Absichten unerkennbar sind, dann sind sie gegen den Ein- 
spruch der Wissenschaft gefeit, dann werden sie aber auch vom 
Interesse der Menschen verlassen. 

Und zweitens: Beachten Sie die Verschiedenheit Ihres und meines 
Verhaltens gegen die Illusion. Sie müssen die religiöse Illusion 
mit allen Ihren Kräften verteidigen 5 wenn sie entwertet wird, — 
und sie ist wahrlich bedroht genug, — dann stürzt Ihre Welt zu- 
sammen, es bleibt Ihnen nichts übrig, als an allem zu verzweifeln, 
an der Kultur und an der Zukunft der Menschheit. Von dieser 
Leibeigenschaft bin ich, sind wir frei. Da wir bereit sind, auf ein 
gutes Stück unserer infantilen Wünsche zu verzichten, können 
wir es vertragen, wenn sich einige unserer Erwartungen als Illu- 
sionen herausstellen. 

Die vom Druck der religiösen Lehren befreite Erziehung wird 
vielleicht nicht viel am psychologischen Wesen des Menschen 
ändern, unser Gott Aoyo? ist vielleicht nicht sehr allmächtig, kann 



1) Das Götterpaar AoyoC-'Avufcp«] des Holländers Multatuli. 



• 






Die Zukunft einer Illusion 465 



nur einen kleinen Teil von dem erfüllen, was seine Vorgänger 
versprochen haben. Wenn wir es einsehen müssen, werden wir es 
in Ergebung hinnehmen. Das Interesse an Welt und Leben werden 
wir darum nicht verlieren, denn wir haben an einer Stelle einen 
sicheren Anhalt, der Ihnen fehlt. Wir glauben daran, daß es der / 
wissenschaftlichen Arbeit möglich ist, etwas über die Realität der 
Welt zu erfahren, wodurch wir unsere Macht steigern und wo- 
nach wir unser Leben einrichten können. Wenn dieser Glaube 
eine Illusion ist, dann sind wir in derselben Lage wie Sie, aber 
die Wissenschaft hat uns durch zahlreiche und bedeutsame Erfolge 
den Beweis erbracht, daß sie keine Illusion ist. Sie hat viele offene 
und noch mehr verkappte Feinde unter denen, die ihr nicht ver- 
zeihen können, daß sie den religiösen Glauben entkräftet hat und 
ihn zu stürzen droht. Man wirft ihr vor, wie wenig sie uns gelehrt 
und wie unvergleichlich mehr sie im Dunkel gelassen hat. Aber 
dabei vergißt man, wie jung sie ist, wie beschwerlich ihre Anfänge 
waren und wie verschwindend klein der Zeitraum, seitdem der 
menschliche Intellekt für ihre Aufgaben erstarkt ist. Fehlen wir 
nicht alle darin, daß wir unseren Urteilen zu kurze Zeiträume 
zugrunde legen? Wir sollten uns an den Geologen ein Beispiel 
nehmen. Man beklagt sich über die Unsicherheit der Wissenschaft, 
daß sie heute als Gesetz verkündet, was die nächste Generation 
als Irrtum erkennt und durch ein neues Gesetz von ebenso kurzer 
Geltungsdauer ablöst. Aber das ist ungerecht und zum Teil unwahr. 
Die Wandlungen der wissenschaftlichen Meinungen sind Entwick- 
lung, Fortschritt und nicht Umsturz. Ein Gesetz, das man zunächst 
für unbedingt giltig gehalten hat, erweist sich als Spezialfall einer 
umfassenderen Gesetzmäßigkeit oder wird eingeschränkt durch ein 
anderes Gesetz, das man erst später kennen lernt; eine rohe An- 
näherung an die Wahrheit wird ersetzt durch eine sorgfältiger 
angepaßte, die ihrerseits wieder eine weitere Vervollkommnung 
erwartet. Auf verschiedenen Gebieten hat man eine Phase der 
Forschung noch nicht überwunden, in der man Annahmen ver- 



4 66 



Schriften aus den Jahren 1<)26 — IJ2& 



sucht, die man bald als unzulänglich verwerfen muß 5 auf anderen 
gibt es aber bereits einen gesicherten und fast unveränderlichen 
Kern von Erkenntnis. Man hat endlich versucht, die wissenschaft- 
liche Bemühung radikal zu entwerten durch die Erwägung, daß 
sie, an die Bedingungen unserer eigenen Organisation gebunden, 
nichts anderes als subjektive Ergebnisse liefern kann, während ihr 
die wirkliche Natur der Dinge außer uns unzugänglich bleibt. 
Dabei setzt man sich über einige Momente hinweg, die für die 
Auffassung der wissenschaftlichen Arbeit entscheidend sind, daß 
unsere Organisation, d. h. unser seelischer Apparat, eben im Be- 
mühen um die Erkundung der Außenwelt entwickelt worden ist, 
also ein Stück Zweckmäßigkeit in seiner Struktur realisiert haben 
muß, daß er selbst ein Bestandteil jener Welt ist, die wir erforschen 
sollen, und daß er solche Erforschung sehr wohl zuläßt, daß die 
Aufgabe der Wissenschaft voll umschrieben ist, wenn wir sie darauf 
einschränken zu zeigen, wie uns die Welt infolge der Eigenart 
unserer Organisation erscheinen muß, daß die endlichen Resultate 
der Wissenschaft gerade wegen der Art ihrer Erwerbung nicht nur 
durch unsere Organisation bedingt sind, sondern auch durch das 
was auf diese Organisation gewirkt hat, und endlich, daß das Problem 
einer Weltbeschaffenheit ohne Rücksicht auf unseren wahrnehmenden 
seelischen Apparat eine leere Abstraktion ist, ohne praktisches Interesse. 
Nein, unsere Wissenschaft ist keine Illusion. Eine Illusion aber 
wäre es zu glauben, daß wir anderswoher bekommen könnten, was 
sie uns nicht geben kann. 



EIN RELIGIÖSES ERLEBNIS 

Im Herbst tga/ veröffentlichte ein deutschamerikanischer Jour- 
nalist, den ich gern bei mir gesehen hatte (G. S Viereck, eme 
Unterhaltung mit mir, in der auch mein Mangel an rehgtoser 
Gläubigkeit und meine Gleichgiltigkeit gegen eme Fortdauer nach 
dem Tode berichtet wurde. Dies sogenannte Interview wurde vtel 
gelesen und brachte mir unter anderem nachstehende Zuschnft emes 
amerikanischen Arztes ein: 

Am meisten Eindruck machte mir Ihre Antwort auf die Frage ob 
Sie"an eine Fortdauer der Persönlichkeit nach dem Tode glauben. Sie sollen 
geantwortet haben: Daraus mach' ich mir gar nichts 

Ich schreibe Ihnen heute, um Ihnen ein Erlebms nntzuteilen, das i h m 
dem Jahr hatte, als ich meine medizinischen Studien an der LWersitat »X 
onendete. Eines Nachmittags hielt ich mich gerade im Seziersaal auf ai 
di Leihe einer alten Frau hereingetragen und auf einen Seziertisch geleg 
de Diese Frau hatte ein so liebes, entzückendes Gesucht (ths sweet 
S2Ä « es mir einen großen Eindruck machte. Der Gedanke 
{"tzte in mir auf: Nein, es gibt keinen Gott; wenn es einen Gott gäbe 
würde er nie gestattet haben, daß eine so liebe alte Frau (ih* dear old woman) 
in den Seziersaal kommt. . 

Als ich an diesem Nachmittage nach Hause kam, hatte ich unter dem 
Eindruck des Anblicks im Seziersaal bei mir beschlossen, nicht wieder in 
eine Kirche zu gehen. Die Lehren des Christentums waren mir auch vorher 
schon ein Gegenstand des Zweifels gewesen. 

Aber während ich noch darüber nachsann, sprach eine Stimme m meiner 
Seele, ich sollte mir doch meinen Entschluß noch reiflich überlegen. Mein 



_ 



4-68 Schrifte n aus den Jahren 1926 — 1928 

Geist antwortete dieser inneren Stimme.- Wenn ich die Gewißheit bekomme, 
daß die christliche Lehre wahr und die Bibel das Wort Gottes ist, dann werde 
ich es annehmen. 

Im Verlauf der nächsten Tage machte Gott es meiner Seele klar, daß die 
Bibel Gottes Wort ist, daß alles, was über Jesus Christus gelehrt wird, wahr 
ist, und daß Jesus unsere einzige Hoffnung ist. Nach dieser so klaren Offen- 
barung nahm ich die Bibel als das Wort Gottes und Jesus Christus als den 
Erlöser meiner selbst an. Seither hat Gott sich mir noch durch viele un- 
trügliche Zeichen geoffenbart. 

Als ein wohlwollender Kollege (brother physician) bitte ich Sie, Ihre Ge- 
danken auf diesen wichtigen Gegenstand zu richten und versichere Ihnen, 
wenn Sie sich offenen Sinnes damit beschäftigen, wird Gott auch Ihrer Seele 
die Wahrheit offenbaren, wie mir und so vielen anderen . . ." 

Ich antwortete höflich, daß ich mich freue zu hören, es sei ihm 
durch ein solches Erlebnis möglich geworden, seinen Glauben zu 
bewahren. Für mich habe Gott nicht so viel getan, er habe mich 
nie eine solche innere Stimme hören lassen und wenn er sich — 
mit Rücksicht auf mein Alter — nicht sehr beeile, werde es nicht 
meine Schuld sein, wenn ich bis zum Ende bleibe, was ich jetzt 
sei — an infidel jew. 

Die liebenswürdige Entgegnung des Kollegen enthielt die Ver- 
sicherung, daß das Judentum kein Hindernis auf dem Wege zur 
Rechtgläubigkeit sei und erwies dies an mehreren Beispielen. Sie 
gipfelte in der Mitteilung, daß eifrig für mich zu Gott gebetet 
werde, er möge mir faith to believe, den rechten Glauben, schenken. 
Der Erfolg dieser Fürbitte steht noch aus. Unterdes gibt das 
religiöse Erlebnis des Kollegen zu denken. Ich möchte sagen, es 
fordert den Versuch einer Deutung aus affektiven Motiven heraus, 
denn es ist an sich befremdend und besonders schlecht logisch be- 
gründet. Wie bekannt, läßt Gott noch ganz andere Greuel geschehen, 
als daß die Leiche einer alten Frau mit sympathischen Gesichtszügen 
auf den Seziertisch gelegt wird. Dies war zu allen Zeiten so und 
kann zur Zeit, als der amerikanische Kollege seine Studien absolvierte, 
nicht anders gewesen sein. Als angehender Arzt kann er auch nicht 



Ein religiöses Erlebnis 4^9 






so weltfremd gewesen sein, von all dem Unheil nichts zu wissen. 
Warum mußte also seine Empörung gegen Gott gerade bei ,enem 
Eindruck im Seziersaal losbrechen? 

Die Erklärung liegt für den, der gewohnt ist, d,e mneren Er- 
lebnisse und Handlungen der Menschen analytisch zu betrachten 
sehr nahe, so nahe, daß sie sich in meiner Erinnerung Ul. 
den Sachverhalt einschlich. Als ich einmal » emer Diskussion den 
BriefdesfrommenKoUegenerwahnte,erzählteich,erhabegeschnebe 

daß ihn das Gesicht der Frauenleiche an seine eigene Mutter ermn«, 
habe. Nun, das stand nicht in dem Brief, - d.e nächste Erwägung 
sagt auch, das kann unmöglich darin gestanden sein- aber das 
isfdie Erklärung, die sich unter dem Eindruck der zarthchen Worte 
«ft denen die »He Frau bedacht wird («oeetfaceä äear olä _J 
unabweisbar aufdrängt. Den durch die Erinnerung an d.e Mutter 
«weckten Affekt darf man dann für die Urteilsschwache des ,ungen 
Arztes verantwortlich machen. Kann man sich von der Unart der 
Psychoanalyse nicht frei machen, Kleinigkeiten als Bewetsmatenal 
heranzuziehen, die auch eine andere, weniger tiefgretlende Erklärung 
zulassen, so wird man auch daran denken, daß der Koßege m.ch 
später als brother physician anspricht, was ich in der Übersetzung 
nur unvollkommen wiedergeben konnte. 

Man darf sich also den Hergang in folgender Art vorstellen: Der 
Anblick des nackten (oder zur Entblößung best.mmten) Leibes ein r 
Frau, die den Jüngling an seine Mutter erinnert, weckt ,n ihm d,e 
aus dem Ödipuskomplex stammende Muttersehnsucht, die , sich auch 
sofort durch die Empörung gegen den Vater vervollständigt Vater 
und Gott sind bei ihm noch nicht weit auseinandergerückt, der 
Wille zur Vernichtung des Vaters kann als Zweifel an der -*mm* 
Gottes bewußt werden und sich als Entrüstung über d,e Miß- 
handlung des Mutterobjekts vor der Vernunft legitimieren wollen. 
Dem Kind gilt doch in typischer Weise als Mißhandlung, was der 
Vater im Sexualverkehr der Mutter antut. Die neue, auf das religiöse 
Gebiet verschobene Regung ist nur eine Wiederholung der Odipus- 



47° Schr iften aus den Jahren 1926 — 1928 

Situation und erfährt darum nach kurzer Zeit dasselbe Schicksal. 
Sie erliegt einer mächtigen Gegenströmung. Während des Konflikts 
wird das Verschiebungsniveau nicht eingehalten, von Argumenten 
zur Rechtfertigung Gottes ist nicht die Rede, es wird auch nicht 
gesagt, durch welche untrügliche Zeichen Gott dem Zweifler seine 
Existenz erwiesen hat. Der Konflikt scheint sich in der Form einer 
halluzinatorischen Psychose abgespielt zu haben, innere Stimmen 
werden laut, um vom Widerstand gegen Gott abzumahnen. Der 
Ausgang des Kampfes zeigt sich wiederum auf religiösem Gebiet; 
er ist der durch das Schicksal des Ödipuskomplexes vorherbestimmte : 
völlige Unterwerfung unter den Willen Gott- Vaters, der junge Mann 
ist gläubig geworden, er hat alles angenommen, was man ihn seit 
der Kindheit über Gott und Jesus Christus gelehrt hatte. Er hat ein 
religiöses Erlebnis gehabt, eine Bekehrung erfahren. 

Das ist alles so einfach und so durchsichtig, daß man die Frage 

nicht abweisen kann, ob durch das Verständnis dieses Falles etwas 

für die Psychologie der religiösen Bekehrung überhaupt gewonnen 

ist. Ich verweise auf ein treffliches Werk von Sante de Sanctis 

(La conversione religiosa, Bologna 1924), welches auch alle Funde 

der Psychoanalyse verwertet. Man findet durch diese Lektüre die 

Erwartung bestätigt, daß keineswegs alle Fälle von Bekehrung sich 

so leicht durchschauen lassen wie der hier erzählte, daß aber unser 

Fall in keinem Punkte den Meinungen widerspricht, die sich die 

moderne Forschung über diesen Gegenstand gebildet hat. Was unsere 

Beobachtung auszeichnet, ist die Anknüpfung an einen besonderen 

Anlaß, der die Ungläubigkeit noch einmal aufflackern läßt, ehe sie 

für dies Individuum endgiltig überwunden wird. 



INHALT DES ELFTEN BANDES 






Schriften aus den Jahren 1923—1926 S ei te 

3 2'-^- ' M^ 

Die Verneinung . 

Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunter- ^ ^ ^ ^ 

schieds » 

Hemmung, Symptom und Angst 

„Selbstdarstellung" . . . . " ' ' ' [ [ ^ ^^ 

Kurzer Abriß der Psychoanalyse 

„Psychoanalyse" und „Libidotheorie" »" ^ 

Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 

Geleitworte zu Büchern anderer Autoren 

Vorwort zu „Nervöse Angstzustände" von W. Stekel *39 

Vorwort zu „Lelekelemzes" von S. Ferenczi ... . . . . • • • »4* 

Brief an Dr Friedrich S. Krauß über die Anthxopophyteia - • • »4» 
SStJLt zu „Die psychanalytische Methode" von O. ^e; 244 * 
Vorwort zu „Die psychischen Störungen der männlichen Potenz 

247 

von M. Steiner • 

Geleitwort zu „Der Unrat" von Bourke-Krauß-Ihm . ; »49 

Einleitung zu „Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen •_• ■ *5* *> 
Vorrede zu „Probleme der Religionspsychologxe von Th. Reik 256 
Brief an Dr. Hermine von Hug-Hellmuth („Tagebuch eines halb- ^ 

wüchsieen Mädchens") 

Prlce J „Addresses on Psycho- Analysis" by J J.PutB-n . .. >62 
Geleitwort zu „Über das vorbewußte phantasierende Denken von 

J. Varendonck ' ' " ' ' ' " ' 

Vorwort zu „Bericht über die Berliner Psychoanalytische Poli- ^ 

klinik" von M. Eitingon ■ • • ■ ■ 2 5 

Brief vom 7. Mai 19 2 3 an Luis Lopez-Ballesteros y de Torres . 266 

Zuschrift vom 26. Februar 1924 an „Le Disque Vert *bb 

Geleitwort zu „Verwahrloste Jugend" von A. Aichhorn 267 

Gedenkartikel 

Dr Ferenczi Sändor (zum 50. Geburtstag) *73 

An Romain Rolland (zum 60. Geburtstag) «75 



Seite 

James J. Putnam f . 

Victor Tausk f .'.'.'.'.'.'.'.' • • • * 7 6 

Dr. Anton v. Freund f * 77 

Josef Breuer f . . . . 28 ° 

Karl Abraham f . * 8x 

283 

Vermischte Schriften 

2?- Zur Psychologie des Gymnasiasten . R 

Vergänglichkeit • • 207 

Josef Popper-Lynkeus und die Theorie' des Traumes ..." 21 

Bne an den Herausgeber der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" alt 
1o the opemng of the Hebrew University . „ R 

Kurze Mitteilungen 9 

I) Beispiele des Verrats pathogener Phantasien bei Neurotikern 300 

JZ Z 1 ! Bedeutun S der Vokalfolge 

301 



HD Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen' Praxis' 



Schriften vom Sommer lg2 6 bis zum Frühjahr ,928 

Die Frage der Laienanalyse 

Nachwort zur „Frage der Laienanalyse" ....'. 3 ° 7 

Fetischismus 3°5 

Der Humor 395 

Nachtrag zur Arbeit über den Moses des Michelangelo 4 °* 

l'yri**h i^Die Zukunft einer Illusion 4 ° 9 

Ein religiöses Erlebnis . • • 4 1 * 

467 

KÜNSTBEILAGEN 
Sigmund Freud (, 9 o6). Medaille von C. M. Schwerdtner iun „ nr u c u 

Slffmund Freud (1Q26 , Nach einer Zeichnung von Prof ^ rd v and ;— £ H4 

Moses-Statuette des Nicholas von Verdun . "** fj" ' 7 ? 

nach Seite 408 



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tä'.^fi€c. Hl- 






■^^■H 







I 

1 

1 


f : 19 



FREUD 

GESAMMELTE 

SCHRIFTEN 

XI 



SCHRIFTEN 
1923 - 1928 

VERMISCHTE 
SCHRIFTEN